
Als wir noch staunen konnten, waren wir klein und die Welt ganz groß. Jetzt erscheinen wir größer und die Welt haben wir schrumpfen lassen. Wäre es möglich, die Welt unzerdacht wahrzunehmen? Wahrnehmen beinhaltet die Wahrheit und doch hadern wir beständig. Der kindliche Blick muss nicht naiv sein, darf aber das Überstülpen des Eigenen gerne minimieren, damit nicht meine Wahrheit, sondern das Ersichtliche erfasst wird. Diese eigene Reduktion mit dem melancholischen Schalk hat Klaus Johannes Thies perfektioniert. Neu ist jetzt sein Lesebuch erschienen, das zusammengestellt wurde von Hannes-Martin Rüter. Für Leser, die diese Thies-Welt neu betreten, eine gelungene Einladung und für Kenner ist es eine Rückkehr in Bekanntes und Unbekanntes.
Es sind Minis, Kurztexte, die uns überraschen und staunen lassen. Thies hält alles fest: Gesehenes, Erlebtes, Erdachtes und Erfühltes. In der Kürze schweift er ab, um doch um den Kern zu tanzen. Lebenslust und Gedankenfrust erschaffen einen Klang, der uns berührt, schmunzeln lässt und vereinnahmt. Dabei schweift sein Blick durch seine Fenster zu der äußeren Welt und dabei spiegelt sich in dem Wahrgenommenen stets das Selbst. Die Thiesschen Stücke sind kunstvoll arrangierte Kurzprosa, die seine Beobachtungen, Gedanken, Imaginationen und Erinnerungen fixieren. Lakonisch, witzig und bekümmert klingen diese Versatzstücke. Alles unterliegt einem melancholischen Grundton, der dennoch zu erheitern versteht.
Die Reihenfolge der Texte im Lesebuch unterliegt den vorherigen Erscheinungswerken. Es sind Texte aus den vorherigen Büchern zu finden (Textauswahl aus den Jahren 1986 bis 2020), aber im zweiten Teil des Buches „Aus dem Archiv“ befinden sich ausschließlich bisher unveröffentlichte Texte. Diese Prosaminiaturen beschreiben Verkopftes und Gefühltes. Gefühle, die durch Sehnsucht, Schmerz, Einsamkeit und von Wehmut gezeichnet sind. Es sind Orte, die durch ein Fenster betrachtet werden. Eine reale Glasscheibe, die abgrenzt, beschützt und doch wie eine Membran das Äußere vom Inneren nur vermeintlich trennt. Das Fenster kann ebenfalls imaginär sein und lediglich die innere Welt des Beobachters nach außen stülpen. Wir sitzen mit Klaus Johannes Thies in irgendeinem Zimmer, irgendwo auf der Welt und schauen. Dabei werden unsere Köpfe größer. Unglaublich große Köpfe, in denen durch die Lektüre innerhalb von Sekunden eine ganz eigene oder neue Welt entsteht.
Saloppe Satire trifft auf ernsthafte Weltbeobachtung und erschafft ein poetisches Niemandsland. Verspielte Fragen und verklingende Antworten zeigen auf, was passiert und wiederum gar nicht passiert. Denn wenn nichts passiert, stellen wir uns zumindest viel vor und dieses „Aus dem Nichts“ wächst in uns kontinuierlich und wird zu einer, zu unserer Welt.
Siehe auch Leseschatz-TV: Klaus Johannes Thies: „Tango ohne Argentinien“
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV
