Ben Shattuck: „Eine Geschichte der Sehnsucht“

Ben Shattuck schreibt ganz kurze Texte und erzählt doch stets sehr viel. Er nimmt sich Zeit, um uns das Erzählte erleben zu lassen. Die Natur, die Stimmungen und die Emotionen werden ganz gekonnt eingefangen und auf das Nötigste reduziert. Nach „Die Geschichte des Klangs“ erneut ein Buch, das zwei Kurzgeschichten, zwei Kapitel beinhaltet, die zeitlich versetzt und eng miteinander verbunden sind. Somit sind beide Texte einer, denn die Geschichte wird aufgegriffen und erhält einen Abschluss. Shattuck bleibt sich somit treu und begeistert durch den Minimalismus, der doch einen großen Raum für Gedanken, Emotionen und Geschichten öffnet. 

Es ist eine Geschichte voller Sehnsucht, voller verpasster Lebenschancen und über jene Momente, die im Leben eine Klärung erschaffen können. An der amerikanischen Ostküste auf der Insel Nantucket lebt der erste Erzähler, ein junger Mann,  im Jahr 1796 mit seiner Mutter in einem abgelegenen und einfachen Haus am Meer. Der Vater kam verwundet aus dem Krieg zurück, litt unter Angstzuständen und floh bei Lärm und zu großer Wärme. Eines Tages sucht er die Abkühlung in der Einsamkeit des zugefrorenen Gewässers. Sein Sohn ist es, der ihn tot aus dem Eis befreit. Der Sohn hat rechtzeitig gelernt, sich um alles zu sorgen. Er versteht es zu jagen, anzubauen und zu kochen. Seine Mutter hat sich innerlich zurückgezogen. Die wahre Sehnsucht der Mutter wird erst durch plötzlich auftauchenden Besuch offenbart. Zwei Reisende, von denen die Mutter den Mann sofort erkennt und sich ihr Verhalten verändert. Beide, eine Ehepaar, wollen am kommenden Tag ein Schiff in die Karibik nehmen. Vorher wollte der Mann diesen Besuch machen und der Erzähler spürt zwischen diesem und seiner Mutter eine alte enge und liebevolle Vertrautheit. Es ist ein Künstler, der ein Bild gefertigt hat, das einen gefangenen Vogel darstellt. Dies Gemälde lässt er am kommenden Morgen als Geschenk zurück.

Im Jahr 2008 zieht ein junger Maler nach seinem Studium in das Haus seiner Großmutter in Nantucket. Bevor das Haus verkauft wird, möchte er dort die Zeit zum Malen nutzen, soll aber auch kleine Reparaturen durchführen. Dabei findet er antike Gegenstände, die er im nahegelegen Museum prüfen lässt. Dabei trifft er auf die Kuratorin und auf das rätselhafte Gemälde mit dem gefangenen Vogel. Die Vergangenheit verbindet sich nun mit der Gegenwart und die Spuren verbinden sich.

Ein Werk über Lebensmomente, über Sehnsüchte und es ist ganz zart und sinnlich erzählt. Nicht alles wird vertieft, einiges nur angedeutet und erneut spielt Shattuck mit Klängen, Freiheit und Verbundenheit, Liebe und Verpflichtung. Sprachlich schön und in der Geschichte komprimiert wird hier Großes erzählt. Ein großer Roman auf wenigen Seiten.  Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren.

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