
Der Debütroman von Rémi Baille lädt uns ein, eine wunderschöne Bucht zu betreten und sprachliche Bilder auf uns wirken zu lassen. Diese Bucht aufzusuchen bedeutet, den Zugang zu einer utopischen Gemeinschaft zu finden.
Longo Maï, der Name der Bucht geht auf einen provenzalischen Ausdruck zurück, der je nach Auslegung, „Noch lange Zeit“, „Möge es so bleiben“, „Auf immer“ oder „Auf Dein Wohl“ bedeuten kann. Die Bucht war um das Meer herum entstanden. Die Bucht ist nicht einfach ein Ort zum Fischen oder wo man seine Ferien verbringen kann. Hier ist ein zeitloses und wohl aus der Zeit gefallenes Refugium entstanden. Ein schlichtes Leben wird hier gelebt und die Menschen, die entschieden haben dort zu bleiben, haben sich für ein Miteinander entschlossen. Die Besucher oder Ankommende müssen sich den Ort verdienen. Dies bereits durch die Anreise und den Weg dorthin. Wenige Hütten stehen der Gemeinschaft zur Verfügung. Der Eingang in die Bucht wird durch die erste Hütte, der sogenannten Zollstation, angezeigt. Der Weg dorthin ist ein abschüssiger Pfad, der dann in jenes Paradies mündet. Für einige ist es ein Ort der Durchreise, aber für die meisten ein Ort des Lebens. Hier trifft eine junge auf die ältere Generation. Das Neue, die Neugier steht gleichberechtigt neben dem Wissen der Alten.
Diese Welt entstammt dem poetischen Werk von Rémi Baille. Eine Welt, wie sie seien könnte, eine paradiesische Utopie. Es ist ein Debütroman, der sensibel und mit sprachlicher Schönheit mit Erinnerungen, Träumen, Möglichkeiten und Lebenssituationen spielt. Es ist der jugendliche Drang innerhalb der Schönheit der Natur. Das Schöne und die Abgeschiedenheit können sich dann in der Wahrnehmung verwandeln. Das Paradies schrumpft oder verändert sich mit der Infragestellung. In dieser Bucht ist das Meer tägliches Programm. Ein Spiel aus Himmel und Konturen malt täglich neue Formen. Doch können das Farbenspiel, die Bedingungen der Natur und die städtische Abgeschiedenheit einengend sein. So empfindet es Nine. Die beständig wunderschöne Kulisse, das Lebenssetting raubt ihr den Lebensatem. Sie ist jung und fühlt sich immer mehr zu Coco, dem anderen Jugendlichen der Gemeinschaft, hingezogen. Sie will mehr, raus aus dem freien Himmel und sie möchte die Welt, die sich hinter der Bucht, hinter den Hügeln verbirgt, entdecken. Ihr Verschwinden bemerken die Bewohner während einer sommerlichen Hitze. Das Zusammenleben bekommt eine andere Facette und das gemeinsame Leben wird bedroht.
Ein Ort, in dem die Zeit anders zu verlaufen scheint. Alles ist klanglich, schön und doch kann jedes Paradies auch etwas Feindliches haben. Ist das Paradies nicht immer um uns und verklären wir es nur beständig? Sind Veränderungen umkehrbar? Können wir das Unschuldige, das Jugendliche und Schöne bewahren? Das Natürliche erstarkt letztendlich an Umständen, die sich unserer Beeinflussung entziehen. Um diese Themen kreist der Roman, der in Frankreich als bester Debütroman mit dem Prix Mare Nostrum ausgezeichnet wurde. Übersetzt aus dem Französischen von Felix Mayer.
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