
Die Kielerin Dara Brexendorf ist in der Literaturszene keine Unbekannte, daher hält man kurz inne, weil jetzt ihr Debütroman erschienen ist. Hat man doch das Gefühl, schon einiges von Ihr gehört und besonders gelesen zu haben. Ihre Sprache ist eine poetische und sie versteht es gut, Gedanken und Emotionen durch Sprachbilder auszudrücken. Ihre Stärke liegt im lyrischen Sprachklang und der besonderen Gabe, Nature Writing, also die Einbindung der Naturbeobachtung, lebendig und zugänglich zu erfassen. Dies zeigte sie bereits in ihrem Text „Restwärme“, der innerhalb der Literaturförderung und Veranstaltung „Neue Prosa“ gewürdigt wurde.
Ihr Debütroman „Paradise Beach“ zeigt ihr ganzes oder erwachendes Talent und beschreibt den Verlust des Körpergefühls und das Wiederfinden. Der angebotene Halt wird durch die Sprache gereicht. Denn wie die Protagonistin aus dem Lebenstakt geraten ist, spielt der Text mit dem Klang und Rhythmus und unbemerkt werden wir durch den Sprachklang und Wortraum in die Handlung, Gedanken und Gefühle der Hauptfigur einbezogen. Dieser Roman regt den Verstand, aber besonders unsere Empathie an durch die Gefühls-Intelligenz des gesamten Werkes. Es ist ein literarisches Werk, das durch die Sprache eine Sprachlosigkeit aufzeigt, die im weiblichen Schmerz ihren Ursprung hat.
Es ist Ada, die jahrelang unter Schmerzen leiden muss. Sie meinte bisher, diese gehören dazu und verpflichtet sich selbst, diese auszuhalten. Bis sie sich in ihrem Körper immer fremder fühlt und beginnt zu handeln. Mit einer Hormontherapie erhält sie nun endlich eine Behandlung für ihre Endometriose. Ihr Körper reagiert auch auf diese und erneut muss sie sich mit ihrem Körper abfinden und sich selbst darin finden. In Internet-Foren und bei Ärzten sucht sie Rat. Doch ist sie es, die ihren Lebensrhythmus selbst finden muss. Klang ist es, den sie beständig wahrnimmt. Besonders in der Nachbarschaft. Sie lebt in einem Mehrfamilienhaus und bekommt viel von den Mitbewohnern mit, besonders vom jungen Räusperer. Die Nebenwirkung der Medikamente verändert ihre Wahrnehmung und sie leidet an Schlafmangel. Die Tage und Nächte, Erinnerungen, Erlebtes im realen oder im dämmrigen Umfeld vermischen sich. Sie erinnert sich an ihre Zeit, die sie mit dem „Paradise Beach“ in Verbindung bringt. Es ist ein Imbiss am Ostseestrand. Es war der Sommer im Jahr 2003, den sie mit ihrer Cousine Lill an der Ostseeküste verbrachte. Ein warmer Sommer, den die damals Dreizehnjährige erlebte. Sie verbringen Stunden am Strand und es beginnt ihre Wahrnehmung des eigenen Körpers und die Reaktion, die dieser zu erzeugen vermag. Die Selbstreflexion und die Wirkung und Blicke der Anderen auf sich selbst beschäftigen sie. Dies bringt Positives, aber auch Negatives mit sich und die fremden Einflüsse übernehmen auch die Kontrolle. Ihre Welt, die sie damals langsam zu verstehen begann, verschiebt sich als Elja in ihr Leben tritt. Gemeinsam verbringen sie lichtvolle Stunden. Sie versuchen, sich abzugrenzen und sich zu finden. Das Erwachsenwerden und die Leichtigkeit, die sie als paradiesisch empfinden, werden erschwert durch das Körperliche. Ihre Menstruation legt über das junge Licht einen Schatten und sie verliert erneut ihren Bezug zum Körper und dadurch zu sich. In der Gegenwart durchlebt sie wieder in Gedanken und Gefühlen jene Zeit und muss jetzt durch die Therapie lernen, sich zu akzeptieren, zu fühlen und wahrzunehmen, um endlich alle Schmerzen abzulegen.
Ein sinnlicher, ergreifender und poetischer Roman. Ein Debüt, das viel vom Können der Autorin zeigt, uns mitnimmt, mitfühlen und erleben lässt. Dieser Roman eröffnet uns neue oder bekannte Räume und regt zum Einfühlen ein.
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