
Jami Attenberg ist ein Garant für gute Bücher. Erneut lädt uns die Autorin ein, auf ein familiäres Bild zu schauen, das immer mehr auf zwischenmenschliche Distanz geht. Ihre Werke fallen durch ihren Sprachsound, die Erzählstruktur und die Charaktere auf. Es sind große Erzählungen über das amerikanische, jüdische Familienleben. Ihre Romane sind stets eine humorvolle, traurige und mitreißende Lektüre. Der neue Roman ist wie bei ihr üblich, spritzig, mit viel Zuneigung für die Figuren geschrieben und entwickelt einen enormen Drive.
Es ist eine chronologische Abfolge und Entwicklung von Frauen einer Familie. Die Kapitel springen jeweils in der Zeit weiter. Die Handlung ist somit aufgefädelt auf einen Zeitstrahl, auf den szenisch Schwerpunkte gesetzt werden, die uns Einblicke in die Perspektiven, Ereignisse und Entwicklungen schenken. Es sind die Cohen-Frauen, die durch Umzüge, Urlaube, Affären, Notfälle und Bekenntnisse die Zeiten von 1971 bis 2007 beleben. 1971 in einem Vorort von Chicago beginnt es. Die Familie besteht aus Frieda, der Mutter, Rudy, dem Vater und ihren Töchtern, der fünfzehnjährigen Nancy und Shelly, die gerade zwölf geworden ist. Sie haben eine familiäre Tradition, die sie jeden Samstag zelebrieren. Es gibt salziges Popcorn und sie spielen gemeinsam Scrabble. Hierbei zeigen sich die unterschiedlichen Hinwendungen und Charakterisierungen. Die Töchter sind beide sehr klug, doch zeigt sich eine übermäßige Intelligenz bei Shelly. Der Vater ist ihr Mittelpunkt. Alle haben das Gefühl, für ihn da zu sein. Er ist ein Holocaust-Überlebender und Frieda wünscht ihren Töchtern ein Leben, dass sie durch ihre Zuwendung zu ihrem Mann nicht haben konnte. Fünf Jahre später ist Rudy verstorben und die Familie zerbricht. Ein langsames voneinander Wegdriften setzt ein. Die Mutter arbeitet als Pflegerin und Putzkraft und zieht sich zurück. Shelly bekommt die Möglichkeit, ihre mathematischen Fähigkeiten auf weiterführenden Schulen zu vertiefen. Nancy lernt ihren zukünftigen Mann kennen, arbeitet vorerst noch selbst, zieht dann mit ihrem Ehemann weiter. Auch Frieda verlässt letztendlich das Familienhaus und alle versuchen in Miami, Phoenix und Seattle die Chancen zu ergreifen, die ihnen geboten werden. Die Nähe, die sie damals beim familiären Beisammensein hatten, ist verschwunden. Sie telefonieren an Geburtstagen, aber eine Zuwendung ist nur noch selten spürbar. Auch als die beiden Schwestern sich zu Weihnachten treffen, stoßen zwei gänzlich neue Welten aufeinander. Jess, die Tochter von Nancy, erinnert sich später an jenes Weihnachten, als ihre Mutter einfach den Stecker aus der überladenen Beleuchtung zog. Mit Jess kommt eine neue Generation ins Familien-Spiel, die ebenfalls geprägt ist durch die Konflikte, Verletzungen und die verdrängten Traumata und Geheimnisse.
Der amerikanische Traum und der Gedanke, alles sein zu dürfen, scheitern oft am Umfeld und den familiären Bindungen. Attenberg schreibt voller Hingabe für ihre Figuren. Ihre Sprache ist prägnant und komprimiert. Durch die Zeitsprünge und das passende Sprachkostüm entsteht ein Panorama über Verlust, Liebe und Hinwendung. Durch die tiefgründigen Charakterisierungen wird das Leben der Cohens sehr anschaulich und nahbar. Attenberg erkundet das Zwischenmenschliche und zeigt die feinen und derben Brüche innerhalb der Familie. Dabei streifen die persönlichen Entwicklungen das Voranschreiten der Geschichte Amerikas und der Gesellschaft.
Jami Attenberg begeistert immer wieder mit ihren Werken und der neue Roman, ist ein tolles, kluges und empathisches Gedanken- und Bilderkarussell. Übersetzt wurde das Buch aus dem Amerikanischen von Barbara Christ.
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