
Dieser Roman zeigt, wie wenig Handlung nötig ist, um viel zu erzählen. Lukáš Cabala folgt mit seinem Werk jener Art des Erzählens, die auch bereits Cees Nooteboom perfekt angewendet hat. Landschafts- oder Stadtbetrachtungen, die durch die Sprache zu eigenständigen Protagonisten werden und anhand des Blickwinkels der Protagonisten langsam mit diesen cineastisch in der Wahrnehmung wachsen. Lukáš Cabala schreibt stets mit dem Blick auf Wahrhaftigem und erzeugt dennoch mit seiner Literatur magischen Realismus und, wie Nooteboom, mäandernde Realitäten. „Denkst du noch an Trenčín?“ ist eine Hommage an Trenčín und spielt mit Erinnerungen, Identitäten und Imagination. Die Handlung besteht mehr aus Momenten, aus Bildern und Episoden, die getragen werden durch die Perspektiven der Hauptcharaktere. Es entsteht eine bildreiche Atmosphäre, die auch durch die stimmungsvollen Bilder von Juraj Toman bestärkt und ergänzt werden. Die slowakische Stadt Trenčín ist 2026 Kulturhauptstadt Europas und ist der Geburtsort von Cabala. Hier gründete er mit seinen Eltern ein Antiquariat und somit vermengen sich durch seine Literatur Fiktion und Realität.
Die Handlung wird getragen von Vincent, Laura und ihrem Sohn Oliver. Ferner reist die israelische Journalistin Tamara in die slowakische Stadt. Vincent betreibt ein Antiquariat und Laura ist eine Mitarbeiterin und Freundin. Vincent liebt Literatur, Bücher und gute Geschichten. Doch sind seine Erzählungen stets ein Spiel aus Wahrheiten und Phantasie. Die Journalistin Tamara reist aus Israel an, um den Spuren ihres Großvaters zu folgen. Die jüdische und die sozialistische Geschichte der Stadt vermischen sich und überschreiben sich. Die Wahrnehmungen verändern sich und Lukáš Cabala macht aus seiner Literatur ein Portal, das Möglichkeiten, Wahrheiten und Imagination zulässt. Denn während eine Episode bei Vincent verweilt, springt die Betrachtung mit zum Beispiel folgendem Satz weiter: „In genau demselben Moment, jedoch in einem anderen Teil der Stadt und zu einer anderen Jahreszeit, so seltsam es auch scheint, …“ in eine anderes Bild. Dadurch öffnet sich eine literarische Dimension, die Zeiten, Orte und Realitäten auflöst. Die Figuren bewegen sich durch dieselbe Stadt, aber doch durch Orte, die den anderen völlig fremd erscheinen mögen. Verlorene Plätze und Wunschorte vermengen sich mit der Zeitgeschichte und erschaffen eine Literatur, die uns zu fesseln versteht. Wir wandern mit dem Roman durch Raum, Zeit, Orte und Geschichten. Es ist ein Werk voller Liebe zum Erzählen, zum Fantasieren und zum Nachempfinden. Es ist nicht nur eine anregende Hommage an die Stadt Trenčín, sondern auch an die Literatur. Übersetzt wurde der Roman von Stefane Bose und war 2025 für den EU-Literaturpreis und 2024 für den Anasoft-Litera-Preis nominiert.
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