Archiv der Kategorie: Erlesenes

Tarjei Vesaas: „Frühlingsnacht“

Die Romane von Tarjei Vesaas verwandeln die beschriebene Welt und somit auch stets die unsere. Es sind Werke, die uns berühren und jeweils verändert aus den gelesenen Zeilen herausschauen lassen. Die Eltern sind fort und die Kinder haben einen Abend und die Nacht das Haus für sich. Dann klopft es an der Tür und alles verändert sich und am Morgen ist nichts mehr, wie es einmal war. Tarjei Vesaas schreibt feinfühlig, subtil und lässt Dinge unausgesprochen, um dadurch einen Raum zu erzeugen, den wir gerne betreten und ungern verlassen würden. Durch diese Lektüre erkennen wir, wie das Umfeld wandelbar ist. Dies ist der Zauber der Literatur von Vesaas. Seine Sprache lebt von der erzeugten Emotion. Diese Stimmung bewirkt eine Hingabe zu den Protagonisten und zum Handlungsverlauf, dessen Ende wir vermeiden, aber auch sehnsuchtsvoll und voller Spannung erreichen möchten.

Tarjei Vesaas wurde 1897 in Norwegen geboren und wuchs auf einem Bauernhof auf. Er starb 1970 und ist ein bedeutender und bewunderter Autor Norwegens. Mehrfach war Vesaas sogar für den Literaturnobelpreis im Gespräch. Seine Werke erzeugen aus einer Stille eine sich steigernde Schwingung, die das Drama offenbart. Die lesenswerten Übersetzungen sind:  „Das Eis-Schloss“, „Die Vögel“ und „Der Keim“. Nun reiht sich in diese Werke „Frühlingsnacht“ ein, das 1954 im Original verlegt wurde und nun in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel erschienen ist. Alle seine Romane sind Wunderwerke.

Die Frühlingsnacht verspricht etwas Erwachendes, etwas erneuert sich. Die Natur belebt sich und eine innere Unruhe breitet sich aus. Dies spüren wir anhand einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich begegnen und die naive Sicht verändert sich innerhalb weniger Stunden. Denn der Hauptcharakter ist der vierzehnjährige Hallstein, der mit seiner älteren Schwester Sissel allein zuhause bleibt. Durch das Wegsein der Eltern über Nacht fühlt sich das Haus anders an. Der emotionale Druck wird genommen. Eine gefühlte Freiheit entspringt in den Gedanken von Hallstein. Sissel wird mit ihren achtzehn Jahren von einem Nachbarsjungen umgarnt, der auch gerade in ihrem Zimmer ist. Doch eine Unstimmigkeit lässt diesen gehen. Hallstein ist ein genauer Beobachter, der alles sieht, aber nicht immer versteht, was er erlebt. Beim draußen herumstreunen trifft er auch wieder diesen Nachbarn und gerät in dessen Gedankenkarussell und soll als Botschafter fungieren. In Folge ist es stets Hallstein, der durch seine Jungenhaftigkeit in Verpflichtungen genommen werden soll, die er nie ganz versteht und ihn auch überfordert. Denn am selben Abend klopft es an der Tür und eine fremde Familie steht vor der Tür. Sie hätten eine Autopanne gehabt und eine der Frauen ist hochschwanger. Sie benötigen Unterkunft und Hilfe. Sissel und Hallstein helfen und gewähren für die Nacht Unterkunft. Hallstein, der mit seiner Imagination und Phantasie spielt, muss oft staunen, was jetzt um ihn passiert. Seine imaginäre Freundin bekommt durch das Auftauchen eine reale Mitspielerin. Es ist ein Kammerspiel, das aus unausgesprochenen Konflikten ein Chaos erzeugt. Die Menschen, die in das Haus eingedrungen sind verursachen Unheimliches und das Vertrauen schwindet, als eine Frau, die angeblich nicht zu gehen oder sprechen vermag, im Auto geblieben war und nun dazukommt. Sie spricht aber, wie  Hallstein erfährt, und sie ist die erste, die ihm ein Versprechen abringt. Alle benehmen sich im Haus der Kinder raumeinnehmend und alle wirken aufgeregt und handeln nicht, wie man es von Erwachsenen erwarten würde.

Durch den Weggang der Eltern, die zu einer Beerdigung gefahren sind, haben die Erwachsenen die Szenerie verlassen. In der Frühlingsnacht erleben wir Freiheit, Trauer, Verlust, Freundschaft und Trost. Vieles wird aber lediglich angedeutet und lässt sich nur erahnen. Es entsteht eine poetische Welt, die langsam mit dem Dämmerungswechsel des Abends, der Nacht und des Morgens nuanciert und beleuchtet wird.

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Anne Freytag: „Blaues Wunder“

Ein Text, der uns sehr kurzweilig die Schatten der vermeintlichen Sonnenseite des Lebens zeigt. Ein Geschäftsausflug auf einer Superyacht in den Philippinen verspricht Sonne, Strand, gutes Essen und Getränke. Doch hier passiert hinter den Kabinentüren mehr und das gezeigte Antlitz in der Gesellschaft ist lediglich eine Maske, die viele Geheimnisse, Bosheiten, Begehrlichkeiten und Verletzungen verbirgt.

Der Chef hat eingeladen. Zwei seiner wohl besten Angestellten mit ihren Frauen. Sie werden eingeflogen, um dann im Paradies eine gemeinsame Zeit auf der Yacht, natürlich benannt nach einer cineastischen Monstrosität, zu verbringen. Es ist eine Superyacht, also ein besonders groß dimensioniertes, hochseetaugliches Schiff mit Personal und ganz viel Platz. Jeder Meter kostet mindestens eine Million und hat sogar zwei Hubschrauberlandeplätze. Alles ist Show, alles soll den Luxus zeigen, der zum Lebensalltag  gehört und fast schon ordinär gewöhnlich ist. Es sind somit sieben Hauptcharaktere neben den Bediensteten an Bord. Drei Männer, einer davon der Chef und die anderen, die eigentlich direkte Konkurrenten sind. Doch sind es die Frauen, die uns ihre Sicht erzählen. Der siebte ist der Sohn vom Chef, der mit und durch den Reichtum erwachsen geworden ist und unangepasst und trotzig ist. Doch hat er auch seine Reize und versucht seinen Platz zu behaupten und wirkt einnehmend.

Die Kulisse ist die unendliche Weite des paradiesischen Meeres in den Philippinen. Hier kreuzt die Yacht durch diese unwirkliche Welt und ankert vor privaten Inseln, wo man immer unter sich ist. Klingt nach Freiheit, die aber auch bedrohlich sein kann und die Weite erhält beständig eine zunehmende Enge. Alles ist Inszenierung, denn warum sind sie hier? Warum hat der Chef gerade diese beiden Männer eingeladen? Es sind die Frauen, die jedem Kapitel ihre Perspektive schenken. Frauen, die auf Begleitung reduziert werden. Sie sollen ihre Männer glänzen lassen. Die Vertrautheit, die Zuwendung sind als Schauspiel eingesetzt, Kaum in der Kabine wandelt sich das Bild. Frauen, die sich in ihre Rolle eingefunden haben. Aber haben sie dieses Lebensspiel aus Liebe oder wegen des Status akzeptiert? Die Begrifflichkeit des Spiels wird auch immer fraglicher, denn sie sind einsam, unglücklich und unterschwellig gärt etwas. Die Männer verlangen ihre perfekte Rolle, die sie charmant einnehmen. Doch wer führt tatsächlich Regie in diesem makabren Spiel? Beim ersten Abendmahl an Deck verletzt sich eine der Frauen selbst, um zum Beispiel eine Erklärung für das Fernbleiben zu haben, da sie sich zuvor mit ihrem Mann über die Garderobe gestritten hatte. Denn auch wenn es eine angenehme und lockere Atmosphäre sein soll, ist alles reglementiert und Pünktlichkeit am Tisch und beim Ausflug wird unausgesprochen verlangt. Die Männer achten auf ihre Erscheinung und beobachten ganz genau, was der Konkurrent macht. Die Frauen beobachten, agieren und spielen mehr oder weniger mit. Die gespielte, beste Seite birgt aber ihre jeweiligen Geheimnisse und die Fassaden brechen ein. Warum wurde zu dieser Kreuzfahrt geladen? Alle erwarten etwas, alle meinen, Macht zu besitzen, die aber immer nur in Abhängigkeit zu anderen ausgespielt oder ausgenutzt werden kann. 

Die Kapitel sind sehr kurz gehalten und die Perspektiven wechseln. Somit ist es ein sehr zügiger Lesespaß. Die Handlung und die unterschiedlichen Sichtweisen sind sehr packend und handwerklich toll inszeniert. Es werden Andeutungen gestreut, die Abgründe sind wandelbar und die Klischees bestätigen sich und heben sich wieder auf. Ein böser und sehr dynamischer Trip, der an die großartigen Werke von Yasmina Reza erinnert. Das Buch verspricht nicht nur mit dem Titel ein blaues Wunder, es ist eins.

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Eva Strasser: „Wildhof“

Ein Familienroman, der nach Frieden sucht und einen subtilen und magischen Grusel einbaut. Die Kulisse ist der Schwarzwald, der das Verzauberte, Unheimliche und gleichzeitig das Heimelige darzustellen vermag. Es ist eine Rückkehr in den Ort, wo die Zwillingsschwester verschwand. Der Heimatort birgt alte Geschichten, die überall noch lauern, vibrieren und somit ein immer lauteres Summen erzeugen. Der Wald selbst ist das Wuchernde, Wilde, in dem aber auch ein Leuchten zu erleben ist.

Lina hatte mit dem Ort und den Eltern gebrochen. Sie hat einen Schnitt gemacht und lebt in der Stadt. Doch hat sie die Vergangenheit nie ganz ablegen können, wie eine vergrabene Laune, platzt aus ihr ab und zu eine Wut. In der Großstadt baut sie ihre eigenen Welten. Meist sind es digitale, denn sie ist Webdesignerin und eine bedeutende App-Entwicklerin. Das Team ist ohne sie hilflos und dadurch ist sie sehr eingebunden, darf sich aber auch einige Freiheiten nehmen. Doch eines Tages ging sie zu weit und hat einen Praktikanten, der für seine Videos Frauen Angst machte, ihn seine eigene Angst spüren lassen. Ihre Strafe ist auf Bewährung ausgesetzt. Doch das Wilde ist in ihr weiterhin aktiv und manchmal ungebremst. Ihre Wut sucht sich im Stillen einen Kanal, wenn sie knurrt oder in der Eskalation, wenn sie Türen eintritt oder wie jenen Praktikanten aus dem Fenster hält.

Lina meidet das Elternhaus, den Wildhof, und war schon lange nicht mehr im Schwarzwald. Ihre Eltern hatten einen Verkehrsunfall und sind verstorben. Nun kehrt sie zurück und jeder Ort und jedes Zimmer birgt seine eigene Erinnerung. Es stinkt, es verwest oder es ist luftig und schön. Die Eltern waren angesehene Künstler. Die Bilder der Eltern sind weg und in Lina wachsen andere Bilder in der Erinnerung und Imagination. Besonders jenes, das sie mit ihrer Schwester zusammen gemalt hatte. Die Bilder, die Gerüche und die Stimmungen werden intensiver mit den jetzigen Begegnungen, die alle Verbindungen zu der damaligen Zeit haben. Die Freunde waren damals immer zugegen, immer um Lina und Luise und ihren Hund Sherry. An den Hund erinnert jetzt nur noch das verwitterte Kreuz im Garten. Luise ist damals, als sie dreizehn Jahre alt war, verschwunden und die Gemeinschaft hat sie lange gesucht. Die Eltern erkrankten und Lina verhärtete. Jetzt ist sie wieder da und alle Erinnerungen werden wach. Sie möchte nur aufräumen, verkaufen und wieder weg. Die Eltern werden klanglos im Friedwald beigesetzt und schnell ist das Haus annonciert und Interessierte schauen es sich an. Doch etwas wehrt sich. Lina handelt zuweilen kopflos und unbedacht, geht bei Unwetter in den Wald, um sich zu fühlen, um die alten Geschichten abzulegen, aber auch, um diesen nachzuspüren, denn plötzlich erklingt Luises Lachen, das Holzkreuz wird wieder lesbar, die Kuckucksuhr geht wieder und der alte Spielball ist aufgepumpt. Ist alles Einbildung, wie das Reh, das nur sie und ihre Schwester sehen konnten? Aber taucht die Rehkönigin nicht plötzlich wieder auf und verschwindet aus dem Blickfeld, wenn sie genauer hinsehen möchte?

Der Roman lebt von der Stimmung, die er erzeugt. Sofort möchte man mehr erfahren. Was ist damals passiert und was ist das Unheimliche, das sich heimlich und subtil in die Handlung einbaut. Doch kippt das Werk nie in verklärende Phantasiemetaphorik, sondern zaubert magischen Realismus in seine ganz eigene Struktur. Moderner Erzählstil trifft hier auf Althergebrachtes und vertieft damit das zu vermittelnde Wissen, die ganze Entwicklung und Handlung, die mit ihren Wendungen überrascht. Ein Roman zum Eintauchen und zum wohligen Gruseln, in dem die dunkle Waldkulisse sich immer mehr lichtet. 

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Asja Bakić: „Leckermäulchen“

Das Buch offenbart sich auf den zweiten Blick. Der Titel suggeriert ein wohliges Schlemmen und die Buchgestaltung erinnert an das Gemälde von Johannes Vermeer. Doch beim genauen Hinsehen und Lesen zeigt sich, dass sich hier alles verschiebt. Die Geschichten sind verrückt, denn sie spielen mit der verzerrten und verschobenen Realität. Es sind elf Erzählungen, die in unserer Welt und außerhalb der Welt spielen. Sie sind absurd, groß, einfallsreich, körperlich und oft dystopisch. Die kroatische Autorin Asja Bakić spielt mit ihren Themen, mit uns als Lesende und dem Genre. Nichts bleibt, wie es ist und sie zeigt uns absurde und verstörende Welten, die immer mehr zu unserer werden. Der Blick in das Bizarre wird ein Blick zurück auf unsere Realitäten. Die Autorin zeigt sich dabei sehr verführerisch und einfallsreich. Die Geschichten sind gruselig, bedenklich, grotesk, erotisch und befremdlich. Doch wird der Spaß dabei nie genommen. Das Verspielte der einzelnen Geschichten spannt einen verzaubernden Bogen um das ganze Werk.

Es sind die Frauen, die alle Szenerien beherrschen. Es gibt zum Beispiel eine Erzählung, in der die männliche Erdbevölkerung an Syphilis verstorben ist und die Befriedigung lediglich durch die künstliche Intelligenz erzeugt wird. Die Männer sind weg und doch fehlen sie irgendwie, aber zum Glück gibt es die digitalen Möglichkeiten. Eine Autorin bekommt ein Stipendium auf einer Raumstation und ist angehalten viele Werbeslogans zu erzeugen. Das Göttliche taucht ebenfalls auf, zumindest die alten Griechen und später auch die Mystischen, die einer Blinden verhelfen, das Sehen zurückzuerlangen. Die Sprache und die Inhalte sind sehr körperlich, denn es öffnet sich zum Beispiel ein Männergraben, der eine surreale Heimkehr und Entfremdung von der Familie erzeugt. Ein Ferienlager bekommt durch ein Gewässer getrennt eine gespiegelte Wahrheit und die Menstruation sowie die Machtgier der Männlichkeit verwandeln die Ferienzeit in ein Horrorszenario. Eine Zeitmaschine wurde gefertigt und eine Frau konnte die letzte und wichtige Berechnung fertigstellen. Doch nutzt sie ihr Wissen nicht, um wie geplant zu landen. Denn eigentlich sollte eine Zeit gewählt werden, um die Umweltzerstörung zu verhindern, doch gab es bestimmt sonnigere Reiseziele. Die Perspektiven sind wie die jeweiligen Geschichten sehr unterschiedlich und wandelbar. Die Literaturgeschichte könnte auch durch die letzte Stimme im Buch neu durchdacht werden. Denn hier schreibt Lotte über den dummen Werther und was dachte, erlebte und machte sie in Wirklichkeit?

Diese Geschichten sind feministische Anarchie als Literatur. Der Sog und die Ideenvielfalt des ganzen Werkes begeistern. Es zeigt, dass wir uns gegenwärtig auf nichts verlasen sollten, auch auf die Identitäten nicht. Alles kann mit einem kleinen Windhauch ins Absurde, Witzige und Verstörende rutschen. Fast alle Erzählungen tun es und machen dabei viel Spaß. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer übersetzt.

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Essie Chambers: „Swift River“

Eine zu Herzen gehende Coming-of-Age-Saga über Rassismus und Toleranz. Eine Heldin, die am Anfang ihr Fahrrad putzt, damit es geklaut wird, weil sie sich fürs Radfahren als zu dick empfindet, lässt uns mit ihrer Geschichte nicht mehr los. Sie ist in ihrem Umfeld die einzige Schwarze und wir erleben ihren Weg zu sich selbst. Dabei wächst sie in ihrer Persönlichkeit mit jeder Seite.

Diamonds Vater ist verschwunden als sie neun Jahre alt war. Nur seine Schuhe, Brieftasche und Haustürschlüssel am Ufer sind zurückgeblieben. Die Familie muss sich stets behaupten und ist, als einzige schwarze in ihrer Umgebung, vielen Anfeindungen ausgesetzt. Vorurteile und Rassismus prägen ihren Alltag. Beschuldigungen führten sie in jene Situation, die den Vater spurlos verschwinden und die junge Heldin und ihre Mutter alleine mit ihren Fragen und Emotionen ließ.

Diamond beginnt als Teenagerin sich mit der Lebenssituation und dem Verlust auseinanderzusetzen. Ausschlaggebend ist ein Brief und sie beginnt, sich Fragen zu stellen. Über ihre Herkunft und die Geschichte ihrer Familie. Durch unterschiedliche Zeitebenen setzt sich langsam die ganze Geschichte mit ihren Geheimnissen zusammen. Auf ihren Weg zur Emanzipation begleiten wir Diamond und tauchen ein in ihre Welt. Es beginnt mit dem Verlust des Vaters, den sie anfänglich stets idealisierte, dann die Abnabelung von der Mutter, die leicht den Bezug zur Realität verliert und stets überfordert ist.

Es geht um den alltäglichen Rassismus und um Selbstbehauptung. Der Verlust wird für Diamond somit ein eigener. Das Empfinden des verloren sein wird immer spürbarer. Dann kommt der Wendepunkt. Durch diesen Wechsel keimt Hoffnung auf und der Weg zum Erkennen, Annehmen und zur inneren Befreiung wird angelegt.

Ein Entwicklungsroman, der episch geschrieben ist, erzählt eine tragische Familiengeschichte. Ein wunderschönes, trauriges, aber auch humorvolles Werk, das durch seine Sprachbilder cineastische Momente entfacht und uns trotz der Schwermut ganz viel Hoffnung schenkt. Übersetzt wurde der Roman von Simone Jakob.

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Tammy Armstrong: „Pearly Everlasting”

Dieser Roman ist voller Wildnis, Abenteuer und macht eine vergangene Zeit erlebbar. Der Debütroman ist packend geschrieben und erinnert an „The Revenant – Der Rückkehrer“ von Michael Punke, „Aus hartem Holz“ von Annie Proulx und natürlich an John Irving „Letzte Nacht in Twisted River“. „Pearly Everlasting“ spielt in einem Holzfällercamp und im Zentrum ist die Familie des dortigen Kochs mit ihrem Bären. Tammy Armstrong hat somit eine noch feministischere Antwort in die Irving-Welt gesetzt. Sie verwebt Geschichte mit Abenteuer und lässt den Schwarzbären einen Bären sein, ohne diesen zu vermenschlichen. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die in dieser rohen Welt aufgewachsen ist und den Namen einer Pflanze trägt. Alles in dieser Welt und in den Beschreibungen ist von wuchernder Natur geprägt, in der der Mensch versucht seinen Platz zu finden. Die natürliche Umkehr kommt später, hier ist es noch der Mensch, der sich seine Ressourcen erhalten muss.

Die spannende Geschichte beginnt 1918 mitten in der Wildnis Kanadas. In einem Holzfällercamp lebt der Koch Edon mit seiner Frau Eula, die als Heilerin tätig ist. Die Umgebung ist rau und unwirtschaftlich. Die Menschen haben es gelernt, sich der Natur anzupassen. Die Arbeit und das Leben in der Wildnis verlangen ihnen alles ab und nicht selten hat Eula es mit schwer verletzten Arbeitern zu tun, wo auch die Naturmedizin nicht mehr helfen kann. Die Kinder der Familie finden sich ein in diese Welt und haben eine natürliche Schläue, sind rau und gutherzig. Durch die Naturverbundenheit erhält die Jüngste von Ihnen auch den Namen einer Blume „Pearly Everlasting“. Das gefährliche Waldleben und die Witterung beherrschen das Leben im Camp. Während eines sehr frostigen Frühlings, der auch falscher Frühling genannt wird, bringt der Vater einen Bärenjungen mit. Das Tier war hilflos und ist leicht zu domestizieren. Eine besondere Nähe zu Pearly Everlasting entsteht, da beide zusammen aufwachsen. Bruno, der Bär, wird somit zum wilden Bruder. Dieser sucht seine Freiheiten, doch ist er stets eng an das Familienleben gebunden. Von einem Norweger lernt das Mädchen das Kulning, den skandinavischen Lockruf, der auch bei dem Bären funktioniert.

Die Menschen im Camp haben sich an den Bären gewöhnt. Doch irritiert das Tier mit seinen Streichen und einige, besonders der Campleiter, können das Tier nicht ausstehen und möchten es verkaufen. Doch kann die Gemeinschaft dies abwenden. In den folgenden Jahren kommt es aber zu einer Katastrophe. Als Pearly fünfzehn Jahre alt ist, wird eine Leiche gefunden und der Bär war zugegen. Doch hat der zahme Schwarzbär tatsächlich einen Menschen gerissen? Am kommenden Morgen ist Bruno weg. Jemand hat ihn weggebracht und keiner weiß genau wohin. Doch hat Pearly eine Vermutung und ist fest entschlossen ihren Bruder zurückzuholen und macht sich auf in die Wildnis und in die Welt.

Ein Foto, das 1903 in einem Holzfällercamp gemacht wurde, war die Inspiration für den Roman. Das Bild zeigt eine Frau, die ihr Neugeborenes zusammen mit einem Bärenjungen stillt. Daraus hat die Lyrikerin und Autorin nun eine abenteuerliche Geschichte konstruiert, die die Wildheit in das Zentrum stellt. Der Versuch, die natürlichen Lebensbedingungen den menschlichen Wünschen zu unterwerfen. Durch die Spannung und die wunderbaren Landschaftsbeschreibungen fesselt der Roman sofort. Meistens ist die Erzählerin Pearly Everlasting selbst. In wenigen Kapiteln kommen andere und ergänzende Perspektiven hinzu. Aus dem kanadischen Englisch wurde der Roman von Peter Torberg übersetzt.

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Ein Fall für die Patchwork Kids

Wer „Die drei Fragezeichen“ mag, wird die „Patchwork Kids“ lieben. Die Jugendbuchreihe wurde von Björn Sülter ins Leben gerufen und es sind Detektivgeschichten um drei Kinder. Ihre Eltern haben sich im Leben neu gefunden und aus zwei Familien wurde eine. Die Kinder finden sich ein in das neue Familienleben, in das neue Patchwork-Leben und aus heiterem Himmel geraten sie stets in neue spannende Abenteuer.

Die Verweise dieser Jugendbuchreihe sind groß. Viele Detektivgeschichten stehen hierbei Pate und doch ist diese neue Buchreihe etwas ganz anderes und bringt frischen Wind in das Jugendbuch. Es gibt viele Andeutungen und Anspielungen, sodass wir als Erwachsene stets ins Schmunzeln geraten und jedes Lesealter auf wunderbare Weise unterhalten wird. Die „Patchwork Kids“ erinnern an „Die Baker Street Boys“ von Anthony Read, der von  Arthur Conan Doyle inspiriert wurde. Die „Patchwork Kids“ sind eine moderne Antwort auf die „Baker Street Boys“, denn hier vermischen sich Abenteuer und Historie mit ganz viel Humor. Durch das Setting, die Handlung und die ansprechende Aufmachung sind diese Bücher eine Verneigung vor den großartigen Werke um die „Drei ???“. Aber diese Kinder benötigen keine Visitenkarte, um sich in unsere Köpfe einzubrennen. Diese Bücher machen Spaß, sind klug und jedes der Kapitel, die sehr kurz gehalten sind, endet pointiert. Für junge und erfahrene Leser ein Genuss, denn hier es gibt viel zu erleben und zu erfahren. Es gibt Verweise auf die Weltliteratur, auf historische Begebenheiten und bietet kurzweilige sowie spannende Unterhaltung. In Bezug auf viele herkömmliche und den Markt überflutende Krimis kann sich diese Jugendbuch-Reihe inhaltlich und stilistisch gut behaupten.

Jeder Band ist für sich im Fall abgeschlossen und kann apart gelesen werden. Denn die Familie und die drei Kinder werden stets gut eingeführt. Es gibt bisher zwei Bücher, weitere sind schon in der Fertigstellung. Die Ideen liefern der Handlungsort und dessen Geschichte. Es wird Bände geben, in denen Alcatraz oder auch Jack London zu spannenden Fällen inspirieren. Um Los Angeles gibt es viel zu erzählen. Hier strandeten die Exilliteraten, Nazis, Filmgrößen und Millionäre. Geschrieben werden die Bücher von Björn Sülter und Volkhard Hanns.

Im ersten Abenteuer, „Der verschwundene Millionär“, geschrieben von Björn Sülter geht es um die Entstehung der Patchwork-Familie. Jack muss sich mit der neuen Lebenssituation arrangieren. Mit dem neuen Freund seiner Mutter sind auch dessen Kinder Ian und Ellie in das kleine Haus an der kalifornischen Küste eingezogen. Eine gemeinsame Kreuzfahrt lässt sie in ein großes Abenteuer stürzen. Es geht um einen Juwelendiebstahl und um das Verschwinden eines berühmten Fahrgastes (Mehr zum ersten Fall siehe Leseschatz-TV)

Im neuen und zweiten Fall der „Patchwork Kids“ greift Volkhard Hanns die Stimmung und viele Situationen wieder auf. Erneut ist es Jack, der sich, wie im ersten Fall, gleich mit der Polizei anlegt. Nach dem damaligen Ungeschick auf dem Riesenrad ist es nun eine Situation mit dem Nachbarn, die ihn negativ auffallen lässt. Doch hat er es genauso beobachtet und leider glauben ihm nur seine neuen Geschwister. Der Nachbar Mr. Silver bekommt nachts Besuch und wird anscheinend bedroht, wenn nicht sogar gewürgt. Doch als die Polizei ankommt, die Jack gerufen hatte, ist alles normal, der Täter verschwunden. Als der geheimnisvolle Nachbar dann aber einen Infarkt erleidet und ins Krankenhaus kommt, wollen Jack, Ian und Ellie mehr über die Ereignisse wissen, um auch Jacks Geschichte zu bestätigen. Jack hat im Gespräch mitbekommen, dass es wohl um einen Schatz geht. Der Name Silver erinnert auch an die Schatzinsel und somit erfahren sie, dass der eigentliche Name Silberstein ist und auf eine jüdische Kaufmannsfamilie zurückgeht. Dann taucht ein Professor Murphy auf, dessen Großvater ein Nazi war und eine unheimliche Ranch gründete. Alles scheint mit den damals entwendeten Kunstwerken zu tun zu haben. Doch was haben der Bürgermeister und die plötzlich auch auftauchende Mafia aus Italien damit zu tun? Mit tollen Wendungen beginnt eine spannende Schatzsuche und erneut sind das Wissen und der Einfallsreichtum der Kinder gefragt.

Diese Jugendbücher machen ungemeinen Spaß und sind ein Auftakt einer Reihe, die hoffentlich genau, wie ihre genannten Vorgänger, Kultkreise ziehen wird.

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Hugo, Ciponte & Palmerino: „Der Glöckner von Notre-Dame“

Diese Graphic Novel ist ausdrucksstark und visualisiert in der Kürze das ganze Drama. Die Illustrationen sind von Andrea Grosso Ciponte und der Text wurde von Dacia Palmerino überarbeitet. Das Werk basiert auf dem berühmten Original von Victor Hugo, das bereits mehrfach adaptiert wurde. Es ist ein Wunderwerk voller Drama und Romantik und stellt, so auch der eigentliche Titel „Notre-Dame de Paris. 1482“, die Kathedrale in den Mittelpunkt. Die Comic-Adaption ist eine schöne, gruselige und lohnenswerte Erweiterung um den Kosmos des unglückseligen Glöckners. Das Kunstwerk erinnert an das Hauptwerk und erzeugt eine Stimmung, die bleibend ist und den Wunsch erzeugt, sofort zu den Werken von Hugo zu greifen.

Das düster Romantische des Werkes steht dabei im Mittelpunkt und wird in jedem Bild großartig eingefangen. Die Interpretation des Klassikers kann nicht alles erfassen, ist aber dennoch eine grafische Inszenierung der Haupthandlungsstränge. Die Werke von Victor Hugo sind sehr vielschichtig und werden oft in den Nacherzählungen oder Verfilmungen auf einen Handlungsstrang reduziert. Dieser Band versucht mehr anzudeuten und zeigt die Tiefe, die der Roman beinhaltet. Es entsteht ein Bild des französischen Spätmittelalters mit all seinen Bevölkerungsschichten. Wer in den Text und die dazugehörigen Bilder eintaucht, wird willkommen geheißen im Hof der Wunder. Es geht um die unerfüllte Liebe, die Anders- und Einzigartigkeit mit schicksalhaften Begegnungen und um die dunkle Seite der Seele. Der Glöckner ist Quasimodo und im Herzen von Paris, in der Kathedrale, lebt er. Es ist das Jahr 1482 und der missgestaltete Glöckner wurde einst als Findelkind von Dom Claude Frollo, einem Diakon und eines im Ruf stehenden Hexers aufgezogen und als Glöckner ausgebildet. Der laute Glockenklang hat Quasimodo taub werden lassen. Er wird von der Gesellschaft zum Narrenkönig gekrönt und später verurteilt. Er ist Herr der Kathedrale mit seinen Türmen und Winkeln. Seine Liebe gilt der Tänzerin Esmeralda. Doch auch andere buhlen um ihre Liebe und Leidenschaft, Verrat, Vorurteil und Obsession schmieden das Schicksal aller und die Handlung läuft auf die Katastrophe zu. 

Die Bilder zeigen das Unheimliche und erzeugen einen Grusel und vertiefen kunstvoll jene Geheimnisse der Kathedrale und jener, die in uns Menschen liegen. Das Ende verdeutlicht zwar den Tod, aber auch die Hoffnung auf ewige Liebe. Eine Kathedrale als Zentrum der Macht und der Geschichte zeigt hoch in den Himmel empor und wirft ihre düsteren Schatten auf die kleinen Menschen.

Ein wunderbare Umsetzung und Interpretation des Weltklassikers. Die Graphic Novel wurde aus dem Italienischen von Nicole Thamm übersetzt.

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Willi Achten: „Die Einmaligkeit des Lebens“

Der Roman dreht sich um Raumforderungen. Im Landschaftsbau, in der zwischenmenschlichen Beziehung, als medizinische Diagnose und in der eigenen Psyche. Willi Achten stellt erneut sein feines Gespür für seine Figurenentwicklung unter Beweis. Die Nahbarkeit der Charaktere fesselt sofort und wir werden von Anfang an von den Protagonisten und der Handlung in Bann gezogen. Der deutschsprachige Lyriker und Autor verwebt in „Die Einmaligkeit des Lebens“ die Themen, die ihn mit allen seinen Werken umtreiben. Es geht um zwei Brüder, deren Geschichte auf zwei Zeitebenen beschrieben wird. Es sind Simon und Vinzenz. Ihr Heranwachsen und die Brüderlichkeit werden im Jahr 1988 um das Osterfest erlebbar gemacht. Immer ist es Vinzenz, der dem Erzähler, Simon, stets aus der Bredouille helfen kann. 2017 sind sie erneut vereint, um doch den Abschied einzuleiten. Die Faszination des Textes sind der Sog und der Wirbel, der um die Protagonisten erzeugt wird. Der Roman hat eine Leichtigkeit und ist doch schwere Kost. So verhält es sich auch mit der Handlung und den Szenen, die voller Licht, Schönheit sind und dann von Trauer und dunklen Schatten bedroht werden. Der Roman lebt von der Zuversicht und der beständigen Hoffnung auf mögliche Lösungen und Besserungen. Leben und Tod bedingen einander und beim Erkennen entsteht ein ganz neuer Raum.

Im Teenageralter sind sie stets vereint. Vinzenz ist immer gegenwärtig, wenn Simon ihn benötigt. Es beginnt mit der Judasfigur eines Altars in einer Kapelle. Es ist die Osterwoche 1988 und durch eine Ungeschicklichkeit bricht Simon jene Figur aus dem Schnitzaltar. Simon verheddert sich gerne in Missgeschicke. Gegenüber der Bank hat er die Unterschrift gefälscht, auf einer Party verstreuen sie im wilden Tanz Asche von Hinterbliebenen. Somit ist es eine Zeit voller Schuld, Ängste und Ärger. Stets ist es Vinzenz, der mit einer Lebensleichtigkeit und Raffinesse jedes Hindernis zu beseitigen versucht. Durch die Reparatur des Altars wird er auch in Folge Restaurator werden, während Simon den Hof der Eltern übernehmen wird. Die Dorfgemeinschaft steht zu oder hält gegen die Jungs. Alles ist sehr fromm und reglementiert. Doch gibt es Ausflüchte und Freiräume, die es zu erkennen und zu erobern gilt. Besonders die Liebe zu Martha darf für Simon nicht scheitern. Diese Erlebnisse lassen die Brüder noch mehr zusammenwachsen. Aus der Ferne haben diese damaligen Probleme eine Leichtigkeit, die im Gegensatz zu den gegenwärtigen Problemen eher zum Schmunzeln anregen. Der Roman springt in den Zeitebenen und 2017 kehrt Vinzenz auf den Obsthof nach Kirschrath zurück, den jetzt Simon bewirtschaftet. Doch Vinzenz ist anders. Er ist unkonzentriert, ungeschickt und sehr oft gereizt. Simon beginnt, sich Sorgen zu machen. Auch um den Hof, denn der Kohleabbau fordert immer mehr Raum und die meisten aus der Gegend haben die Angebote angenommen und sind bereits weggezogen. Simon verharrt und ignoriert die Schreiben und verdrängt das Unabwendbare. Vinzenz Zustand wird schlimmer und die Diagnose der Raumforderung im Kopf schmettert beide zu Boden. Nun ist es Vinzenz, der von seinem Bruder Hilfe benötigt.  

Das Wechselspiel zwischen der Teenagerzeit mit seiner Leichtigkeit und dem kleinen Schattenspiel und dem späteren, sorgenvolleren Alltag, erzeugt einen spannenden und empathischen Leserausch. Die Probleme und die Sorgen wachsen im Laufe des Lebens. Der kindliche Beistand kehrt sich hier im Roman um und erhält eine enorme Intensität. Neben der Trauer hat das Buch etwas ungemein Tröstliches und Positives. Es wirkt erlebt und ist wohl, in Bezug auf die Erlebnisse des Autors, sein persönlichstes Werk. Neben der Entwicklungsgeschichte baut Achten sein beständiges Umweltthema gekonnt ein. Ein leicht zugänglicher Roman, der eine große Tiefe aufbaut und unsere Lebensphilosophie beleuchtet.  

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Durian Sukegawa: „Kirschblüten und rote Bohnen“

In diesem Werk geht es um die schönen und kleinen Dinge im Leben. Dieser Roman ist fast schon ein Klassiker der japanischen Gegenwartsliteratur und zeigt, warum diese stets begeistert. In stillen Tönen und mit einfachen aber kräftigen Bildern wird hier eine Tiefe erzeugt. Japanische Literatur wirkt oft wie ein Schattenspiel, das verspielt, schön und nuanciert ist. Der Text erstellt eine Idylle ohne kitschig zu werden. Er lässt Trauer und Melancholie zu, ohne sentimental oder verklärt zu sein. Es ist ein Buch über eine besondere Freundschaft und die Hinwendung zum Leben.

„Kirschblüten und rote Bohnen“ schenkt uns durch die Liebe für das Detail sehr viel Gutes, Schönes und Tröstliches. Im Original heißt das Werk „An“ (jap. あん) und bezeichnet eine Bohnenpaste, eine japanische Süßspeise. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe übersetzt. Das Werk war auch die Vorlage für den wunderschönen, gleichnamigen Film von Naomi Kawase aus dem Jahr 2015. Er war der Eröffnungsfilm bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes.

Es ist die Geschichte von Sentaro. Er träumt davon, Schriftsteller zu werden und hadert mit dem Leben. Er ist gestrandet und trinkt, um einschlafen zu können. Durch seine Vorbestrafung und Haft ist er gescheitert. Nun arbeitet er im Doraharu, das keinen Ruhetag kennt. Es ist ein kleiner Imbiss, der Dorayaki anbietet. Dies ist ein pfannkuchenähnliches Gebäck, das mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllt wird. Er selbst ist angestellt, der vorherige Besitzer ist verstorben und die Witwe lässt ihn fast alles alleine entscheiden und machen. Sie selbst möchte Personelles mitentscheiden, schaut sonst aber selten vorbei. Somit ist Sentaro jeden Tag in seinem kleinen Laden, der vor einem schönen Kirschbaum steht. Er hat kein großes Geschick für die Fertigstellung des Gebäcks, dennoch funktioniert das Geschäft, wohl aber eher durch die Lage. Er verwendet eine gekaufte Bohnenpaste, da ihm die Bohnen immer anbrennen. Eines Tages steht Tokue, eine ältere Frau, vor seinem Geschäft und bewundert die Kirschblüte und spricht ihn an. Seine traurigen Augen haben sie auf seine Geschichte neugierig gemacht. Sie möchte im Laden aushelfen und hat schon seit über fünfzig Jahren die Bohnenpaste gekocht. Tokue ist vom Leben gezeichnet und hat deformierte Hände und doch kocht sie die beste Bohnenpaste, die Sentaro je gegessen hat. Somit werden sie ein Team und die neue und sehr gute Qualität der Dorayaki spricht sich herum. Auch zu den Schülerinnen aus der Region. Dabei ist Wakana, ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen. Tokue, die einst Lehrerin werden wollte, spricht diese oft an, wobei sie eigentlich nur in der Küche bleiben sollte. Dadurch entsteht eine Freundschaft zwischen den dreien. Doch das Leben ist unnachgiebig. Die Witwe und Inhaberin des Ladens sorgt sich um den Ruf des Doraharu, da Tokue kränklich wirkt, auch wenn sie ein wunderbares An kocht.

Durch die Nähe der Charaktere und die Enge des Doraharu wird die Größe der jeweiligen Schicksale deutlich. Was für eine Geschichte hat Tokue erlebt, was ließ sie leiden und welche Vergangenheit haben Sentaro und Wakana. Welche Geschichten warten auf sie?

Ein leichter, wunderschöner Roman über die Möglichkeiten und besonders über die kleinen Dinge im Leben. Die Lebensweisheit und Tiefe werden spielerisch und ganz zart eingefangen und hinterlassen eine wohlige, aber auch eine schöne, melancholische Stimmung.

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