Archiv der Kategorie: Erlesenes

Kathryn Scanlan: „Boxenstart“

Ein außergewöhnlicher Roman, der uns den Pferderennsport mit ungeahntem Tiefgang präsentiert. Dabei ist es ein Werk, das ungeschönt, schnörkellos und fast schon sachlich eine Welt öffnet, die den meisten von uns wohl sehr fern ist. Durch die sprachliche Distanz erhält der Roman eine Emotionalität, die sehr aufwühlt. Auch wenn der Hauptkern, der Pferdesport, die meisten auf den ersten Blick nicht interessieren sollte, ist es ein Buch, das viel mehr zu bieten hat. Es ist eine Gesellschaftsstudie, ein persönlicher Blick und ein Leben, das von einer starken Frau erzählt, die oft gestürzt ist und lernte, immer wieder aufzustehen. Das Aufrappeln in einer relativ brutalen und männerdominierten Umgebung. Menschen und Tiere werden, auch wenn sie geliebt werden, auf ihren Nutzen reduziert.

Kathryn Scanlan hat einen Roman geschrieben, der auf persönlichen Gesprächen basiert. In den Jahren 2018 bis 2021 hat sie mit Sonja immer wieder gesprochen und ihre Geschichte, Anekdoten und besonders ihre eigensinniger Sprachklang sind das Fundament des Romans. Aus Sonjas Geschichte wurde Fiktion. „Boxenstart“ macht das, was nur Literatur vermag, sie zeigt uns eine andere Welt und macht diese spür- und erlebbar.

Es sind ganz kurze Kapitel, die sich chronologisch aufbauen und die dennoch hier und dort etwas vorwegnehmen und dadurch eine Spannung erzeugen. Zum Beispiel die schwere Verletzung, die Sonja erlebte und vieles danach wieder erlernen musste. Sie lebt in einer Welt, in der Armut und Reichtum nebenhergehen, Gier und Hingabe sich ergänzen. Auch wenn die Menschen zuweilen missgünstig, abweisend oder sogar verfeindet denken, agieren sie im Notfall oft gemeinschaftlich. Bereits als Schülerin kommt Sonja mit den Pferden in Berührung und verliebt sich. Dies sind keine Schwärmereien eines kleinen Mädchens oder verklärte Träumereien, denn sie wird in Folge viel für das tierische Wohl aufopfern. Als Schülerin erhält sie auch ein Pferd, nach langer Überredungskunst, denn das Tier ist sehr eigenwillig. Mit diesem Tier lernt sie den Umgang mit Pferden und erlangt großes Verständnis. Auch ist es das Tier, das sie selbst beruhigt und sogar am Ende der Familie die Welt etwas besser erscheinen lässt.

Die Welt, in die Sonja nach der Schule eintaucht ist brutal und verlangt sehr viel. Von den Menschen und den Tieren. Pferde, die keinen Schmerzlaut haben, werden bis zum Letzten ausgenutzt, um Siege oder Gelder zu erzielen. Daneben die Jockeys, die sich abmagern für den Sieg und die Halter, die vorrangig an die Gewinne beim Rennen oder den Verkauf denken. Mittendrin immer die Tierpfleger und Pferdetrainer. Sonja wird eine von diesen, die in den Boxen oder in alten Wohnwagen lebt. Ihr ganzes Leben ist den Pferden untergeordnet. Sie wird sich jeden Tag gegenüber den Männern behaupten müssen und ihre Spiele ertragen. Auch Missbrauch erduldet Sonja still, um letztendlich ihren Platz an den Rennbahnen Amerikas mitzuerobern. Sie erduldet die harte Arbeit und die Gewalt durch ihre Leidenschaft, ihr Können und die Liebe zu den Pferden. Am Ende ergreift sie dann doch noch eine ganz andere Berufung, weil sie die Hoffnung hat, einem ihrer Peiniger gegenübertreten zu können.

Ein schonungsloser Roman über ein radikales Leben. Gerade das Einfache, das hier gewöhnlich klingt, wird für uns das Außergewöhnliche. Ein kurzweiliger Ritt, der uns verändert aus dem Buch heraustreten lässt. Ein bereichernder Parcours.

Übersetzt wurde der Roman von Jan Karsten. Jan ist Übersetzer, Verleger und hat länger, wie wir nun erfahren, auch als Buchmacher im Pferdesport gearbeitet. Somit schließt sich mit dieser Veröffentlichung wohl ein kleiner Kreis.

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Frank Schäfer: „Zu früh“ & „Nötes of a Dirty Old Fan“

Das Goethe-Zitat: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“ trifft wohl auch auf Frank Schäfer zu. Frank Schäfer ist Autor, Journalist und Musik-Kritiker. Er schreibt u.a. für unterschiedliche Musikmagazine mit dem Schwerpunkt Hardrock und Metal. Gerade diese Musikstile haben einen langen Weg der Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft hinter sich, dabei wollen diese Kunstrichtungen gerade dem Konventionellen entkommen. Diese hörbare Kunst spielt mit emotionaler Tragweite und viele der Interpreten bedienen sich der Literatur. Dies wird und wurde oft übersehen. Wohl nicht von Frank Schäfer, der das Progressive in der Musik und in der Literatur sucht. Denn zwei seiner Neuerscheinungen können nicht anders sein und doch ergeben sie ein ganzes Bild. Seine Werke sind bodenständig und wenn wir neuerdings stets von Gebrauchslyrik lesen, kann dieser Begriff gut auf die vorliegenden Bücher umgesetzt werden. Sie sind Gebrauchsliteratur, die uns Mut macht, unterhält und mit ehrlicher ironischer und tiefgründiger Sprache verfasst ist. 

Der Roman „Zu früh“ basiert auf den Tagebüchern und Gedanken von Frank Schäfer. Im Sommer 2003 verbrachten er und seine Frau acht Wochen in einer Klinik in der Frühchenstation. Nüchterne Zahlen sind anfänglich sehr wichtig, denn Kinder, die in der dreißigsten Woche geboren werden, kommen mittlerweile sicher durch. Doch sind es Tage der Angst und der Hoffnung. Die Familie erlebt Momente voller Schmerz, Mut und Trost. Sie verfallen der Klinikroutine und erschaffen sich innerhalb der Station ein Refugium, das sie der äußeren Welt gänzlich entbindet. Über die Eltern legt sich ein Schutzzauber, denn wenn das Paar solchen Ängsten ausgesetzt ist, keimt ein Hoffnungsglaube auf, der Stärke schenkt. Dieser wird belohnt, als das Kind selbstständig atmet und immer kräftiger wird. Irgendwann sogar vor dem damals errechneten Geburtstermin anfängt zu lachen. Ein mutmachender, schöner Roman, voller Leben und Liebe. Die Emotion, die Frank Schäfer erlebte wird spürbar und doch war die zeitliche und sprachliche Distanz wohl nötig. Denn trotz der Gefühlsausbrüche ist das Werk stets durch seinen Humor geprägt. Seine Gefühlsseligkeit dieser Tage hat, wie er selbst beweist, seine damaligen Plattenkritiken leicht eingefärbt.  Hiermit kommen wir zum zweiten Buch.

Frank Schäfer hat gefühlt die ganze Geschichte des Heavy Metal miterlebt. Er ist ein beruflicher Hörer, Kritiker, der, wie oben gezeigt, voller Emotionalität ist. Auch sein Musikverständnis weiß er stets in Worte zu kleiden und mit seinem ironischen Witz zu würzen. Er hat ein Fundus an Erlebnissen und Anekdoten, die sich um Platten, Konzerte und Interviews drehen. Somit tauchen wir mit „Nötes of a Dirty Old Fan“ in die Geschichte des brachialen Klangs ein. Der dann doch, wie der Autor selbst auch, mehr Tiefgang mitschwingen lässt, als der erste Blick oder der erste Klang der nicht Metalheads oder Headbanger vermuten lässt. Er schaut auf die ganze Geschichte, streift Ozzy, Deep Purple und immer wieder Lemmy. Dabei schaut er auf die großen Namen, die das Genre prägten, aber auch auf die feinen kleinen Perlen, die nur die kleinen Clubs bespielen. Somit geht die Reise auch vom über alle Grenzen hinaus gefeierten Wacken-Festival bis hin zu einem schlecht besuchten Konzert in einem Hinterhof in Berlin. Diese Metal Stories machen Spaß und unterhalten. Sie bringen zwar nicht viel Neues für den eingefleischten Fan, aber durch den Schäfer-Sound öffnen sich dennoch andere Pforten (nicht nur in die Unterwelt).

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Hans Platzgumer: „Die ungeheure Welt in meinem Kopf“

Jeder liest ein Buch anders, denn das Gelesene wird Gast in unserem Kopf. Dieser Gast kann ein Kurzaufenthalt sein oder länger in uns verweilen. Denn wir leben alle in der ungeheuren Welt in uns. Sei diese im Kopf oder im Herzen. Wir alle leben zwar in der gemeinsamen Welt und doch nehmen wir diese durch unsere Wahrnehmung auf und sie sickert durch unsere Lebensmembran und erschafft ein individuelles Bewusstsein. Wir lassen das Äußere in uns wirken und schaffen durch selektive Wahrnehmung unseren Resonanzraum. Wir bewegen uns somit mit unserem eigenen kleinen Gedankenglobus durch die Umgebung, wie ein Taxifahrer, der zuweilen Gäste aufnimmt und sich und diese durch die Lebensräume chauffiert. Was passiert, wenn sich die realen Fahrgäste mit fiktiven Charakteren aus der Literatur vermengen. Wenn der Taxifahrende in seinen Pausen Kafka liest und sich kurz darauf eine Figur aus der erträumten Kafka-Welt in das Leben, in das Auto eines Wiener Taxifahrers begibt? Dies ist der Anfang einer Abenteuerfahrt, ein kafkaeskes „Night on Earth“. 

Das Buch ist unterhaltsam, klug und sehr kurzweilig. Während wir lesen, werden wir selbst ein Teil des Werkes, denn die Stimmen werden immer lebendiger und das Spiel, das sehr bühnenreif ist, beginnt. Ein Taxi als Bühne für das Drama. Alles was passiert, geschieht in dieser Welt, dem realen Umfeld und dem erträumten oder erdachten Dasein. Wir fahren durch Wien, durch die Hirnwindungen eines Mannes, der Kafka liest und Fahrgäste kutschiert. Er hält Zwiegespräch, er redet und diese Dialogform setzt sich fort und bildet den Text des Romans. Dieser Kunstgriff, die Dialoge geben dem Wort sehr viel Resonanzraum für Gedanken, Interpretationen, Witz und Emotion. Immer wieder taucht dann auch noch Kafka auf. Als Zitat oder als Motiv. Dadurch wird dieser Ritt aber nicht schwerfällig, sondern erhält sogar etwas sehr Leichtes, Humorvolles und Erstaunliches.

Sascha sitzt in seinem Taxi, wartet auf Fahrgäste, hört Jazz und führt ein inniges Gespräch mit Milo. Dieses eigensinnige Gespräch gibt den Rahmen, die Regieanweisung und baut die Szenerien auf. Sascha liest gerne, aber nur echtes, also keine Fiktionalisierung. Romane vermeidet er. Er liest gerne Kafka, seine Tagebücher, die immer mehr in seinem gestalterischen Kopf einwirken. Bis plötzlich die Tänzerin Eduardowa mit ihrem Liebhaber ins Taxi einsteigt. Ab diesem Moment verweben sich alle Wahrnehmungen. Die Handlung wird immer spannender. Die Literatur wird lebendig und eine Fahrt durch Wien beginnt, die den Zielort kunstvoll ausdehnt.

Es geht um Liebe, Schmerz und Einsamkeit. In der Reduktion des Textes eröffnet sich die Emotionalität des ganzen Lebens. Traum trifft auf Wirklichkeit und wird Literatur. Das Leben außerhalb und innerhalb eines Taxis zeigt uns die ungeheure Welt in unseren Köpfen, die nur Literatur zu erschaffen vermag.

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Matsumoto Seichō: „Tokio Express“

Ein wunderbarer, klassischer Krimi. Ein Roman aus Japan, der an die Großmeister Hitchcock und Christie erinnert. Eine Handlung wie ein Fahrplan, genaustens durchdacht und geplant. Die Zeit und die Abfolge sind für den Hergang sehr wichtig und sobald wir in den Zug einsteigen, nimmt dieser auch seine Fahrt auf, führt uns durch fast ganz Japan und wird durch sein Rätselspiel immer spannender.

Der Tatort ist eine Bucht, die eine schöne Aussicht zu bieten hat, aber sonst sehr steinig und karg ist. Eigentlich kein besonderer Ort, um einen Suizid zu begehen. Doch findet ein Arbeiter dort zwei Leichen. Ein junges Paar aus Tokio hat wohl gemeinsam dort den letzten Trunk vermischt mit Zyankali eingenommen. Die Polizei geht von einem Doppelselbstmord aus und sieht keinen Anlass für weitere Ermittlungen. Doch den Kommissar Torigai beschäftigt der Fall in Gedanken weiter. Denn Ungereimtheiten lassen ihm keine Ruhe. Warum ist das Paar aus Tokio mit dem Zug hierher gefahren, um sich gerade an diesem Strand das Leben zu nehmen? Wenn es ein Liebespaar war, warum hat der Mann laut einer Quittung alleine im Zug gegessen. Auch wenn sie keinen Hunger gehabt hätte, hätte sie ihn wohl begleitet. Ist sie womöglich vorher ausgestiegen, denn der Mann hat auch nur für sich ein Hotelzimmer gebucht.

Es gab in Tokio Augenzeugen, die das Paar bei der Abreise gesehen haben. Ein angesehener Geschäftsmann, der oft Beamte oder Geschäftspartner zum Essen einlädt. Er ist ein gern gesehener Gast und er zeigt sich erkenntlich und lädt zwei der Kellnerinnen ein. Als die Frauen ihn zu seinem Zug begleiten, sehen sie eine weitere Serviererin, Toki, die mit einem feinen Herrn einen Fernzug besteigt. Toki und der Herr, ein Beamter ist es, die in der Bucht am Strand tot aufgefunden werden.

In der Ortschaft, in der der Tatort liegt, gibt es zwei Bahnhöfe und mehrere Zeugen, die das Paar an verschiedenen Orten gesehen haben. Die Polizei in Tokio ermittelt in einem ausufernden Fall um Korruption innerhalb der Behörden. Da der Tote ein Mitarbeiter eines Ministeriums war und sein Ableben Fragen aufwirft, beschäftigt sich auch der Polizist Kiichi Mihara mit dem Doppelselbstmord. Immer mehr Ungereimtheiten beschäftigen die beiden Polizisten. Warum hatte der Mann für seine Geliebte kein Zimmer gebucht und wartete tagelang auf ihren Anruf? Der, als dieser erfolgte, beide sofort den Weg zum Strand nehmen ließ? Wie kam es, dass die Kolleginnen von Toki sie auf dem Bahnhof in Tokio sehen konnten? Das Gleis war von ihrem Standort weiter weg und es gab lediglich ein Zeitfenster von vier Minuten, in dem auf den dazwischen liegenden Gleisen kein Zug die Sicht versperrte.

Bei den Ermittlungen sind es immer wieder die Züge, die Fahrpläne und die Wegstrecken, die durch ganz Japan führen. Minutiös muss der Fall aufgeklärt werden. Denn wenn es kein Selbstmord war, haben die Polizisten es mit einem raffinierten Täter zu tun. Eine feine Lektüre, die wie eine Zugreise viele Landschaften und Aspekte durchstreift und dabei für kluge Unterhaltung sorgt. Die Handlung ist so komponiert, das wir ohne viele Zwischenstopps das Ziel erreichen möchten. Übersetzt wurde der Kriminalroman aus dem Japanischen von Edith Shimomura, Buccie Kim und Mirjam Madlung und stammt im Original aus dem Jahr 1958.

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Osamu Dazai: „No Longer Human“

Ein Kultbuch kehrt zurück. Das Werk behandelt eine Distanzierung vom Selbst und vom Menschsein. Hier taucht der menschliche Zustand in einer Verneinung auf und der Roman hat seit Erscheinen 1948 viele japanische Leser fasziniert und zählt zu den meist gelesenen Werken. „No Longer Human. Bekenntnisse eines Gezeichneten“ wurde bereits mehrfach mit dem Titel „Gezeichnet“ verlegt. Durch die Verfilmung und als Manga hat das Buch erneut viel Aufmerksamkeit erhalten.

Osamu Dazai erzählt eindringlich das Schicksal des jungen Yōzo Ōba. Es ist eine Selbstreflektion von seiner Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter. Dies geschieht durch einen distanzierten Blick, der den Titel reflektiert. Wir gehen drei Schritte zurück, denn es ist Osamu Dazai, der Autor, der das Werk schreibt und eventuell autobiografisch eingefärbt hat. Der eigentliche Erzähler wiederum taucht lediglich am Ende und am Anfang auf. Diesem werden drei Fotos und Hefte zugespielt. Die Hefte sind gefüllt mit Yōzo Ōbas Gedanken, der sich als Mensch disqualifiziert empfindet und schreibt, er habe ein schändliches Leben geführt. Auf dieses Leben blickt er zurück. Der Erzähler, dem die Hefte vorliegen, fragt sich, ob der Verfasser noch am Leben ist und auch wenn das Geschriebene in der Vergangenheit liegt, dürfte die Geschichte den gegenwärtigen Leser interessieren.

Dem Erzähler, der vorerst die drei Fotos betrachtet, fällt sofort Eigenartiges auf. Drei Fotos, eins aus der Kindheit, das zweite während der Studienzeit und das Letzte, das den Abgelichteten mit ergrauten Haaren zeigt. Doch das Alter ist schwer einzuschätzen. Später erfahren wir, das Yōzo Ōba seine Geschichte mit siebenundzwanzig Jahren aufschreibt, aber ein Leben führte, das ihn ergraute. Die Fotos sind eine Steigerung ins Groteske. Das Kind lächelt, aber es ist ein maskenhaftes Gesicht und die Hände sind zu Fäusten geballt. Als Student zeigt er ein raffiniertes und inszeniertes Lächeln, das dennoch nicht von einem Menschen zu sein scheint. Die letzte Fotografie ist die absonderlichste. Der Mensch wirkt gesichtslos. Somit ist anhand der Bilder bereits der Handlungsbogen entwickelt.

Das Fehlen jeglicher Empathie zeichnet Yōzo Ōba. Was es heißt, menschlich zu leben, weiß er nicht. Durch diese Diskrepanz erzeugt er eine Distanz und er entbindet sich der Menschlichkeit. Den sozialen Bindungen entzieht er sich und überzeichnet sich und wählt die Clownerie. Die Albernheit, die sein Selbst schützt, maskiert und verändert ihn. Durch diese Clownerie gelingt ihm die Integration innerhalb der Gesellschaft, aber entfremdet ihn in Wahrheit dadurch immer mehr. Er ist mit conditio inhumana gezeichnet. Er schreibt, er sei bei der Lebensprüfung durchgefallen und er habe aufgehört, als Mensch zu existieren. Dies mündet in erfolglosen Suizidversuchen. Er steigert sich in Süchte hinein und kommt in klinische Behandlung, aus der er befreit wird, aber die Einsamkeit und das Gefühl der nicht Zugehörigkeit und die Entfremdung bleiben.

Eine Analyse des Menschseins. Ein tiefer Blick in die menschliche Entmenschlichung. Ein eindrucksvolles Werk. Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph und mit Nachbemerkungen von Irmela Hijiya-Kirschnereit. Alles mehr als lesenswert und ein wichtiger aktueller Spiegel.

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Julia Armfield: „Gestalten der Tiefe“

Ein Roman zum Abtauchen. „Gestalten der Tiefe“ (im Original „Our wives under the sea) lässt sich keinem Genre gänzlich zuordnen. Es ist eine großartige Verwässerung, die den Bereich zwischen Meer und Luft, der eventuell beides ist, erkundet. Durch das Symbol der Meerestiefe erhält das Leben hier in der Literatur mindestens eine Dimension mehr und die Dinge, die sich unten bewegen lösen eine Kettenreaktion weiter oben aus. Es ist eine vielschichtige Beziehungsgeschichte, die die Dichte und Wandelbarkeit der Liebe in den Mittelpunkt stellt. Alle Aspekte und Empfindungen werden seziert. Doch tauchen auch Unheimlichkeiten auf, die einen Spannungsbogen erzeugen und dabei das Fantastische sowie die Science-Fiction berühren.

Die Meeresbiologin Leah geht auf eine Forschungsreise, die für wenige Tage angesetzt wird. Doch wird daraus ein halbes Jahr. Mit drei weiteren Menschen begibt sie sich in ein modernes U-Boot und soll in den Tiefen nach unbekanntem Leben Ausschau halten. Doch breitet sich komischer, fleischlicher Geruch gleich beim Absetzen aus und die Elektronik geht aus. Nicht aber die lebenserhaltenden Systeme. Der Kontakt zur Außenwelt ist unterbrochen und das U-Boot sinkt auf den Ozeanboden.

Miri, Leahs Frau, erhält Anrufe vom Centrum des Meeresinstituts, die fast mechanisch um den Unfall herumargumentieren und erklären, alles wird gut. Doch bleibt das Team verschollen und Miri macht sich Sorgen und sucht nach Antworten. Auf dem Ozeanboden versucht das Team ebenfalls den Kontakt herzustellen, wobei es aussichtslos bleibt. Durch das fehlende Licht können sie nichts um das gesunkene Boot erkennen. Doch das Wissen um den enormen Druck, der auf ihnen lastet, breitet sich auf die Gemüter aus. Dann hört auch das sehr religiöse Teammitglied in den immer wiederkehrenden Außengeräuschen Stimmen und der Wahnsinn scheint sich in den Kabinen auszubreiten.

Nach sechs Monaten und einer kurzen Quarantäne kehrt Leah heim. Miri ist glücklich, doch schnell zeigt sich, das Leah sich verändert hat. Die Veränderung zeigt sich in der Wesensart und im Körperlichen. Leah sucht die Nähe zum Salzwasser. Beide liebten es damals Filme zu sehen, nun bleibt nur noch eine diffuse Realität. Ein Wechselspiel zwischen fester Materie und der flüssigen Welt beginnt. Die Enge im U-Boot spiegelt sich in den Räumlichkeiten der Wohnung. Die vermeintlichen Stimmen in den Untiefen erhalten eine Resonanz in den stimmlosen Telefongesprächen. So heben sich langsam im Roman die Grenzen zwischen den Materien auf und das Leben sucht sich stets seinen Weg.

Die Handlung taucht immer tiefer ein. Von der lichtdurchfluteten Zone bis in den Tiefseegraben. Dabei schillern die Farbprismen an der Oberfläche, um dann auch die Schatten zu bilden, die immer unheimlicher werden. Die Untiefe wird zu Abyssos und könnte die Unterwelt sein, wenn nicht das Leben und die dauerhafte Liebe wären, die Klarheit bringen. Die Metaphorik wird dabei niemals verklärend eingesetzt, sondern außergewöhnlich, verspielt und kunstvoll verwendet.

Ein Roman, der spannend, unheimlich und enorm vielschichtig ist. Ein Beziehungsroman der alle Grenzen auflöst und abgrundtief gut ist. Selten waren die vorangestellten Zitate aus „Moby Dick“ und „Der weiße Hai“ passender. Aus dem Englischen wurde der Roman von Hannah Pöhlmann übersetzt.

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Dirk Bernemann: „Kalk“

Ein zynischer Roman, der bereits durch den Namen auf die Einlagerung von Kalk anspielt, die eine persönliche oder eine gesellschaftliche Funktionsunfähigkeit zeigt. Kalk, so der brüchige Held der Geschichte, der in einer Auszeit zum Retter wird und dann wiederum alles verspielt.

Kalk ist Mitte fünfzig. Sein Alltagsleben ist bieder, gewissenhaft und einfach. Seine Frau hat ihn verlassen und er hat sich mit der Einsamkeit angefreundet. Er arbeitet in einem Elektrofachgeschäft und die Tätigkeit ist gut, aber nicht erfüllend. Sie ist ein Mittel zum Zweck. Sein Leben wirkt fast lethargisch. Seine Gedanken kreisen um sich selbst und um eine mögliche Wahrnehmung seiner Person und Handlung im Umfeld. Gerade beim Einkauf denkt er weniger an seine Wünsche als auf die Wirkung, die die Produkte im Einkaufswagen bei den anderen Kunden, den Produkten selbst und beim Kassiervorgang erzeugen. Mit einem Bekannten trifft er sich regelmäßig zum Sport. Doch plagen ihn dabei die Gefühlsausbrüche oder Informationsfluten, die ihm sein Gegenüber zumutet. Er will doch lediglich Sport machen. 

Sein Urlaub naht und er könnte sich eine Fernreise leisten, will das aber nicht. Einfach durchatmen und die Seele baumeln lassen. Das Reiseziel soll auch nicht zu weit vom Wohnort entfernt sein, aber doch eine Distanz erzeugen. Früher, als er noch mit seinen Eltern verreiste, war stets ein Küstenort in den Niederlanden das Ziel. Hier möchte er wieder hin. Wohl aus sentimentalen Gründen. Aber möchte er sich auch etwas beweisen, denn seine Eltern hatten wenig Geld und sie verbrachten den damaligen Urlaub auf dem dortigen Campingplatz in einem Zelt. Die Mutter schaute dabei stets wehmütig auf das anliegende Hotel, das Kalk sich nun einfach gönnt. Er hat es ja zu etwas gebracht. Doch was ist es, was er ist, so unscheinbar wie er und sein Leben wirkt. Er flirtet leicht alkoholgeschwängert mit der Kellnerin am ersten Abend und merkt bereits in sich etwas wachsen, das sich gänzlich erhebt, als er am kommenden Tag ein Kind rettet. Ein Vater versorgte gerade die Tochter, die eine Feuerquallen-Verletzung hatte und übersah seinen Sohn, der durch den Meeressog in einer Zone, in der das Schwimmen eigentlich verboten ist, droht, weggerissen zu werden. Kalk denkt nicht lange nach und wird zum Held.

Kalk erfindet sich im Urlaub neu und verliert sich dabei. Sein Ego steigert sich mit den Möglichkeiten nur kommt leider der wahre Kalk dabei nicht ganz mit. Seine Vergangenheit, sein Wesen und eine Schuld lassen ihn bei seiner erhofften Metamorphose nicht los und er erkennt, dass dabei kein Aperol Spritz helfen kann.

Mit Wortwitz und genauester Menschenbeobachtung, die nicht immer sehr vorteilhaft ist, wird dieser Roman zu einem Spaß. Eine Gesellschaftsstudie, die böse und witzig ist.

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Sheridan Le Fanu: „Carmilla“

Wahre und gute Gruselromane müssen etwas Altmodisches haben, um eine authentische Stimmung zu erzeugen. Die Wurzel aller dieser Schauerromane liegt in der „Gothic Novel“. Einer dieser Klassiker ist wieder aufgetaucht. Denken wir an einen Vampir, wird uns als erstes stets Nosferatu und wohl die bekannteste Figur der Literaturgeschichte, Dracula, einfallen. Der Vampir, der unsere Lebensenergie trinkt, verbindet das Unheimliche und gleichzeitig das Romantische. Vor Dracula gab es aber bereits Carmilla von dem irischen Autor Sheridan Le Fanu. Die Novelle ist bereits 1872 erschienen und Sheridan Le Fanu gehört zu den bekanntesten Autoren der klassischen Schauerliteratur.

Carmilla ist nicht nur ein älterer Vampir, sondern auch ein weiblicher. Diese Literatur ist, wie ihre Protagonisten, unsterblich. Der Roman ist wunderbar geschrieben und baut eine Stimmung auf, die uns in ihren Bann zieht und zusammen mit ihren literarischen Opfern verzaubert. Vampire, die elegant, charmant und verführerisch sind, springen katzengleich in diese Welt hinein. Bram Stoker, Vater des Draculas, hat sich durch dieses Werk inspirieren lassen.

Erzählt werden die Ereignisse von Laura. Sie ist die Tochter eines vermögenden englischen Witwers, der in österreichischen Diensten stand. Er erwarb ein feudales Schloss in der Steiermark. Es ist die Abgeschiedenheit, die Laura eine Einsamkeit spüren lässt. Als sie ein Kind war erlebte sie einen frühen Schreck, der schnell als Traum abgetan wird. Der Vater hält sie von allem Schrecklichen fern, daher kennt sie die Angst noch nicht. In einer Nacht erkennt sie eine ihr unbekannte Frauengestalt, die sie von der Bettkante aus anschaut. Diese beruhigt sie und schmiegt sich sogar im Bett an sie an. Beim Eindämmern empfindet sie einen kurzen Schmerz, als wäre sie in die Brust gebissen worden. Sie schreit und weckt das wenige Dienstpersonal und den Vater. Die Erscheinung ist weg, aber das Bett weist noch eine warme Kuhle aus.

Jahre später erhält der Vater ein Schreiben eines Generals, den sie als Gast empfangen wollten. Seine Nichte sei unter eigenartigen Umständen verstorben, daher sagt dieser die Einladung ab. Das Schreiben wirft Rätsel auf und Laura ist traurig, da sie selten Besuch empfangen. Dafür taucht ein unerwarteter Gast auf. Sie beobachten einen Kutschunfall und die Reisende muss unbedingt weiter. Doch ist ihre Tochter dabei, die zur Freude von Laura nun für Monate auf dem Schloss bleiben darf. Es ist Carmilla, die, so sagt noch die Mutter, geistig und körperlich gesund ist. Es entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden Frauen und sie erfahren, dass sie als Kind denselben Traum hatten. Die Zuneigung, fast schon eine romantische, erhält Brüche, denn Carmilla wird immer eigenartiger. Das friedliche Leben verändert sich und Laura plagen Träume. Bei einem Ausflug hören sie Geschichten, die wohl auf alte Zeiten zurückgreifen und wohl bereits schon lange die dortige Region und ihre Menschen heimsucht.

Ein großartiger Klassiker, der gelesen gehört. Aus dem Englischen übersetzt wurde der Roman von Elke Schönfeld.

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Katniss Hsiao: „Das Parfüm des Todes“

Ein packender und ungewöhnlicher Thriller aus Taiwan. Eine Frau, die für eine Reinigungsfirma arbeitet, die sich auf das Reinigen bei Fundleichen und als Tatortreinigung spezialisiert hat, gerät unfreiwillig in den Verdacht eines Mordfalls.

In frühen Jahren hat Yang Ning viel mit ihrem Bruder unternommen. Dieser war versessen auf das Leben an und im Meer. Doch dann stirbt ihr Bruder und mit ihm ihre spezielle Begabung. Durch einen Schock oder ein Trauma hat sie ihren sehr ausgeprägten Geruchssinn verloren. Der Geruch ist etwas ganz besonderes, denn mit diesen Sinnen verbinden wir unbewusst viele Eindrücke und Erinnerungen. Der Geruch geht tiefer als es jeder Blickfang vermag. Yang Ning arbeitet bei der Tatortreinigung, weil sie ihren verlorenen Geruchssinn zumindest zeitweise in der Nähe vom Geruch des Todes wiederherstellen kann. Daher arbeitet sie auch gerne allein. Dies ahnen ihre Kollegen, die wissen, dass mit ihr etwas nicht stimmt, denn sie erkennt nicht mehr die verdorbene Ware und trinkt auch mal vergorene Milch.

Sie wird zu einem Auftrag gerufen, der, laut Auftraggeber, zügig ausgeführt werden soll. Sie soll eine Wohnung säubern und merkt zu spät, dass sie in eine Falle gegangen ist. Ihre Firma wird eigentlich erst gerufen, wenn die Polizei die Spurensuche beendet hat und die Leiche entfernt wurde. Die Wohnung, die sie reinigt, ist ein Tatort und hier ist ein Mord geschehen. Sie hat also die Spuren beseitigt und gilt fortan als Hauptverdächtige.

Sie macht sich nun selbst auf die Suche nach dem Mörder. Sie hat eine Spur, eine Geruchsspur, denn der Mörder hat einen besonderen Parfumduft getragen. Um den Täter zu fassen, muss sie ihn immer besser verstehen und holt sich Hilfe bei einem Serienmörder. Sie möchte das Innenleben eines psychopathischen Geistes begreifen. Dies erklärt auch den eigentlichen Titel des Werkes: Bevor wir Monster wurden.

Dieser Roman ist eigensinnig und doch verneigt er sich bewusst oder unbewusst vor anderen Romanen. „Das Parfum“ von Süskind oder „Das Schweigen der Lämmer“ von Harris werden bereits auf dem Buch genannt. Die Anfangssequenz erinnert ferner an den großartigen Roman „Oben Erde, unten Himmel“ von Flašar. Ein Krimi, der mit Gerüchen und Ekel auf fast schon literarische Weise arbeitet und somit den Bezug zur Psyche und Empathie herstellt. Ein monströses Werk, das spannend und klug ist. Dieses Buch ist auch besonders, weil es die Weltsicht erweitert. Denn Taiwan und besonders die Millionenstadt Taipeh als Ballungszentrum der Ereignisse werden spürbar erfahrbar. Aus dem taiwanischen Chinesisch von Karin Betz übersetzt. Ferner dürfen wir erneut Thomas Wörtche als Herausgeber dankbar sein, der als Krimi-Pate stets solche ungewöhnlichen Titel entdeckt.

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Ulrich Rüdenauer: „Abseits“

Ulrich Rüdenauer geht in seinem großartigen Debütroman der Frage nach, wie es einem Kind in der Nachkriegszeit ergeht, das in einer ablehnenden Umgebung seinen Weg finden muss. Ein Werk wie ein Geschenk und Lichtblick. Denn es ist eine Kindheitsgeschichte, die traurig und doch wunderschön ist. Sie ist fast freudlos und doch voller Trost. Das Gute und das Schlechte sind im Leben nicht vorhersehbar. Doch das Gute geschieht wohl häufiger, man muss es lediglich erkennen und darauf reagieren können.

Durch das Fußballspiel 1954 wird der Zeitpunkt gesetzt. Der Titel spielt aber vorrangig nicht auf den Sport an, sondern auf die Lebensposition des fast neunjährigen Richard. Doch wird ein Treffen mit einem Fußballspieler der Höhepunkt und Schlussakt des Romans sein. Das Handlungsspiel beginnt bangend auf einer Bank mit dem Kreuzsymbol im Blick. Ein Marienmantel hat als Gemälde und am Ende als getragene Bekleidung eine ummantelnde Bedeutung für die Handlung. Denn den Buchumschlag ziert ein Ausschnitt des Gemäldes „Stuppacher Madonna“ von Grünewald, das auch in der Stube beim Onkel von Richard hängt. Das Bild bringt Farbe in seine Wahrnehmung, denn alles wirkt schwer und trist in seinen jungen Jahren. Vater und Mutter sind nicht da und dies ist der fragende Spannungsbogen, wo diese sind und was passiert ist. Richard wächst auf dem Hof seines Onkels auf. Es ist eine schweigsame Welt. Es wird eher gegrummelt als gesprochen. Die Kriegsereignisse sind noch nah und doch aus den Köpfen verbannt. Die Menschen zeigen sich christlich und sind es im Alltag kaum. Richard muss sehen, wie er zurechtkommt. Halt findet er bei einer älteren, wunderlichen Frau des Dorfes und bei seinem Großvater. Doch kann dieser nicht immer da sein, wenn Richard in Not gerät. Der es somit meist still erträgt. Die Schule ist ebenfalls kein behütender Ort, schon gar nicht, wenn der Pfarrer unterrichtet und die Kinder malträtiert.

Das Schöne und das Sichere findet Richard in der Natur, am liebsten an der Hand des Großvaters, der für ihn den Vogelgesang deutet und die Pflanzennamen benennt. Stets ist Richard in der Familie des Onkels nur geduldet und niemals geliebt. Er hört den Namen seiner Mutter und kann diesen nicht in eine Verbindung bringen. Gerne ist er beim Händler, der Werkzeug verkauft und spielt Kaufmann. Eines Tages passiert ein Unglück, an dem sich Richard die Schuld gibt und der Onkel kommt ins Krankenhaus. Das Fernbleiben des Oberhauptes bringt auf dem Hof eine unausgesprochene Erleichterung, aber auch Müßiggang, da Richard sich verantwortlich fühlt und auf Sanktionen wartet. Die Strafe bleibt aus und wendet sich in eine Befreiung, die den ersten großen Wendepunt in Richards Leben darstellt. Doch bleiben die Fragen und nach der Rückkehr des Onkels kehrt der Alltag zurück und letztendlich muss Richard seinen Weg alleine finden. Ein Weg, der in einem schweigenden Deutschland der Nachkriegszeit seinen Anfang nahm.

Ein einfühlsamer, ergreifender Roman, der trotz der Schwere eine faszinierende Schönheit hat. Die Lebensmomente, die Richard erlebt, fühlen wir enorm mit. Elegante und kluge Formulierungen runden diesen wunderbaren Roman ab und es ist zu hoffen, dass dieser in der Buchwelt nicht ins Abseits gerät, sondern viele berührt und beschäftigen wird.

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