Archiv der Kategorie: Erlesenes

Julia Armfield: „Salzsirenen“

Julia Armfield begeistert mit ihrer Literatur. Durch die Lektüre verwässert sich alles und unsere Welt bekommt durch die beschriebene Auflösung eine neue Festigkeit. Die Verwandlung geschieht durch das empathische Empfinden und durch das Inhalieren der Texte, die unsere Emotionen beeinflussen. Wir leben stets in unserer eigenen Welt, so wie wir sie sehen, wahrnehmen und empfinden. Literatur ist das Salz unseres Daseins, das ermöglicht unsere erbaute Membran zu durchwandern und einen inneren Konzentrationsausgleich herzustellen. Unsere physische und psychische Haut wird durch Literatur durchlässig. Es sind neun Erzählungen, die das Sein neu kartographieren.

Julia Armfield kann keinem Genre gänzlich zugeordnet werden, sie steht darüber und ihre Werke sind voller literarischer Intensivität. Es sind großartige Textbilder, die unsere Elemente auflösen und neu vermischen. Die Erzählungen sind spannend, unheimlich und vielschichtig. Die Kurzgeschichten haben etwas poetisch Kafkaeskes und vermögen uns wie fremdartige Gruselgeschichten zu erschrecken. Poe hätte seine Freude daran und das Schöne zeigt sich auf wunderbare Weise in seiner Umkehrung und Wandelbarkeit. Unsere Körper, unsere Organe durchwandern eine literarische Metamorphose. Erneut wurde Julia Armfield aus dem Englischen von Hannah Pöhlmann übersetzt.

Wer die Autorin bisher nicht für sich entdecken konnte, sollte es mit diesen Stories wagen. Ihr Roman „Gestalten der Tiefe“ ist ein Fazit ihres Könnens. Diese Geschichten sind ein Weg, eine Bereicherung oder gelungene Vertiefung ihrer literarischen Welt. Es wird mit Farbprismen gespielt, die an der Oberfläche unseres Bewusstseins sind und unseren eigenen Schattenwurf verändern. Das Unheimliche tanzt mit der empfundenen Realität. Unser Unterbewusstsein wird eine unerforschte Untiefe, die wir durch solche Werke immer wieder versuchen zu ergründen und zu erforschen.

Die Geschichten handeln von emotionalen Zuständen. Es sind Erfahrungen, die wir alle durchwandern: Einsamkeit, Liebe, Trauer und ungerechtes Empfinden, das wiederum die Rachsucht entfacht. Die Metaphorik wird, wie in ihrem Roman, niemals verklärend eingesetzt, sondern außergewöhnlich, spielerisch und kunstvoll verwendet. Alles ist skurril und wandelbar. Das Alltäglich bricht auf und unsere seelische und körperliche Daseinsform wird transformiert.

Die Sprache begeistert und ist voller Poesie. Die Geschichte und die Worte erzeugen Bilder, die unter unsere Haut gehen und dadurch diese Membran, unseren Schutzfilm, auflösen. In allen Texten bricht etwas aus dem Ursprünglichen hervor, das Verpuppte zeigt seine Wirklichkeit. Der Titel sagt es bereits, es geht um fabelhafte Wesen oder Ereignisse, die etwas Irdisches bekommen und dadurch unser Leben würzen.

Die Werke von Armfield sind wunderbare Gedankenkonstrukte, die unsere Wirklichkeit poetischer erscheinen lassen. Im Mittelpunkt steht immer das Weibliche, das Körperliche, das sich durch das Geistige umwandelt. Die Haut, die Membran, die durchlässig werden kann, ist immer eine Metapher für Selbstschutz. Dabei steht die Verwundbarkeit stets in Relation zu unseren Beziehungen. Die Geschichten lassen uns Wut, Trauer, Frieden und Freude empfinden. Die eingefangenen Momente sind durch Liebe und Leben geprägt. Diese Geschichten sind wunderbare Erfahrungen, die unsere Welt verzaubern.

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Yulia Marfutova: „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“

Yulia Marfutova stellt anhand ihres Romans die Frage nach Herkunft. Die Erzählenden leben in einem anderen Land als ihre Mutter geboren wurde. Die Mutter, Marina, schweigt über ihre Jugend in der Sowjetunion der 1980er Jahre.

Wenn das menschliche Drama uns überragt, kann lediglich das Märchenhafte einspringen. Das Fabelhafte, das Phantastische entspringt einer Realität und tritt ein, wenn es schwer fällt über das Grauenhafte zu sprechen. Wir verdrängen, flüchten oder schweigen. Doch können die Zeitzeugen bald nicht mehr berichten und somit wächst in den folgenden Generationen eine verständliche Neugier und ein Wissensdrang. Doch was ist, wenn es ein Schweigen bleibt und wir uns nur noch das vorherige Leben vorstellen können?

Die Töchter von Marina stellen sich Fragen und denken sich mögliche Szenarien aus. Da das wirkliche Schicksal und Drama noch im Verborgenen liegt, kommen weitere Stimmen hinzu. Die Stimmen kommen von leicht überheblichen Mäusen, die über ein enormes Wissen zu verfügen scheinen. Doch der magische Realismus und dieser Kunstgriff, der sprechenden Tiere, die über den zeitgenössischen Roman eine zarte Fabel legen, werden gegenüber der immer stärker heraustretenden Geschichte stiller. Es ist ein ganz zarter, poetischer Text, der in sich menschliche Dramen verbirgt und offen legt. Es ist eine Familien- und eine jüdisch geprägte Herkunftsgeschichte. Marina träumt davon, die Sowjetunion zu verlassen. Ihre Töchter erkunden später, warum sie ging. Wie war ihr Leben als junge Frau? Die Töchter kennen ihrer Großmutter Nina nicht und diese wird dennoch phantastisch realistisch. Eine Ingenieurin, die sachlich mit Zahlen spielen konnte, aber auch das Wahrsagen beherrschte. Ingenieurskunst stellt sich bei den Betrachtungen gegenüber den Traumphantasien. Die umstürzenden Entwicklungen bringen gesellschaftliche Veränderungen und die Vergangenheit wird von Mäusen berichtet, die ebenfalls in dem Comicroman „Maus“ von Art Spiegelman das Drama erzählen.  

Erzählt wird nicht nur durch die ungewöhnlichen Erzählstimmen mit feiner Ironie. Die Lebensrätsel werden durchschaubar, aber nicht alles wird gänzlich ausgesprochen. Die Luftschlösser wachsen und verändern sich durch Überschreibungen, wie ein immer neu geschriebener Brief. Neben dem Heiteren, den zarten Betrachtungen und fabelhaften Spielereien, keimt das Verheimlichte, das erst gegen Ende immer deutlicher wird.

Ein geistreicher Roman, der kurz ist und doch viel erzählt. Das Spiel zwischen den Relationen und Realitäten gelingt großartig und am Ende erfasst es uns gänzlich. Wir Menschen möchten eigentlich den verrückten und bedrückenden Weltenrealismus nur durch das Märchenhafte begreifen.

Am 29.10.2025 war die wunderbare Yulia Marfutova bei uns zu Besuch. Sie lebt in Boston und kam aus Bremen nach Kiel für eine Lesung im Literaturhaus. Wir haben für Leseschatz-TV über ihren fantastischen Roman „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“ kurz gesprochen.

Wir haben uns unglaublich über den Besuch gefreut!

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Andreas Pflüger: „Kälter“

Alles beginnt wie ein Küstenkrimi. Doch weiß der Drehbuchautor, Cineast und Literat Andreas Pflüger, was wirkliche Spannung bedeutet und der Anfang ist nur ein humorvoller Hinweis auf ein betuliches Genre, das der Großmeister dann gehörig umpflügt. Denn er pflügt erneut durch die Geschichte und selten wurden Romane spannender geschrieben. Sofort sind wir der Handlung und den Protagonisten verfallen und können uns nur noch wundern, warum die friesische Witterung plötzlich in einen Kugelhagel umschlägt und Amrum Ausganspunkt für globale Ereignisse ist. Pflüger verwebt Historisches mit Fiktion. Auch gibt es Hinweise zu seinen vorherigen Werken, doch ist keinerlei Vorkenntnis nötig, um diesen Roman gänzlich zu genießen.

Es ist der Geburtstag von Luzy Morgenroth. Sie lebt seit Jahren auf Amrum. Sie ist Provinzpolizistin, die sich mit ihrem Kollegen um meist kleinere Delikte kümmert. Während der Inselsaison bekommen sie Verstärkung, aber nicht in den ruhigeren Monaten, denn dann sind es lediglich die Einheimischen, die mal zu schnell fahren, etwas zu viel getrunken haben oder Jugendliche, die ihre Grenzen auslotsen. Sie sind als Polizisten stets mit dem Festland im Kontakt und teilen sich sogar mit Föhr das technische Equipment, um zum Beispiel überhöhte Geschwindigkeiten messen zu können. Das Leben auf der Insel ist geprägt von einem Miteinander, auch im Revier. Luzy weiß, dass ihre Freunde eine Überraschungsparty geplant haben, doch spielt sie überrascht, als sie zu einem Einsatz in einer der Dorfkneipen gerufen wird. Es ist Herbst im Jahr 1989 und an diesem Tag hatte sich ein Gast mit falschen Papieren im Hotel „Deichgraf“ einquartiert und die Insel bereits wieder verlassen. Luzy ist plötzlich alarmiert und als dann auch noch ein Anruf während der Feierlichkeiten eintrifft, dass der Bruder der Gastronomin von der Fähre verschwunden ist, erwacht in Luzy ein alter Raubvogel. Der Verschwundene arbeitet auf der Fähre und war im Hafen von Dagebüll, sowie beim Zwischenstopp auf Föhr noch an Bord. Danach ist er verschwunden. Hat er einen Suizid begangen, weil er einen unverwundbaren Verlust seit Jahren betrauert oder war er bestimmten Menschen im Weg? Denn die Recherche zeigt, dass ein gemietetes Fahrzeug aus Kiel mit dubiosen Menschen die Insel erreicht hat. Luzy, die auf Amrum lediglich untergetaucht war, ist wieder hellwach. Der Gast mit den falschen Papieren, jenes Fahrzeug und der spätere Leichenfund, lassen sie auf ein Killerkommando schließen. Doch wer ist das eigentliche Ziel? Ein Sturm macht die Abreise aller Betroffenen vorerst unmöglich und der verliebte Kollege von Luzy geht etwas zu naiv einer Spur nach und plötzlich kommt es zu einer gefährlichen Eskalation. Luzy ist wieder die Alte und denkt in ihren alten Mustern. Sie verlässt nach einigen Jahren Verschnaufzeit das Eiland und begibt sich in ihr wahres Leben. Luzy, die einfache Inselbeamtin entpuppt sich als Agentin, als Frau, die immer an der Front tätig war und kein einfaches, bürgerliches Leben führen konnte. Die Zeit auf Amrum war ein kurzes Geschenk, denn sie findet bei den Tätern auf der Insel einen Hinweis, dass ein alter Feind und Gegner anscheinend wieder da ist.

Pflüger pflügt und springt durch Ereignisse, Zeitgeschichte und Handlungsorte. Anfänglich von Amrum zur BKA-Zentrale und einem israelischen Ausbildungscamp. Doch dann öffnen sich viele weitere Wege, Möglichkeiten und Zielorte. „Kälter“ ist ein unglaublich fesselnder Thriller, der nicht mit Spannung und Humor geizt. Ein Kollege fragt in der Handlung, wo Luzy es gelernt habe, so zu denken. Diese Frage stellt sich nun dem Leser und wir möchten den Autor fragen, woher er seine ganzen Kenntnisse hat. Denn neben musikalischen und cineastischen Anspielungen, ist das Buch voller damaliger Ereignisse, die sich lediglich nur der Handlung angepasst haben, und akribisch erarbeitetem Wissen früherer Spionagetätigkeiten. Ein wunderbarer und toll recherchierter Spannungsroman, der uns förmlich ein- und aufsaugt.

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Karsten Krampitz: „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“

Ein Roman, der uns eine Welt erschließt, die nicht wirklich fern ist und doch meist unbeachtet neben dem gewöhnlichen Alltag verläuft. Es ist ein Ruf nach einem freien und unabhängigen Leben. Ein Roman, der vieles verbindet. Es ist ein Roman, der von einem Zusammenleben erzählt. Es ist ein außergewöhnlicher DDR-Roman und wurde inspiriert durch wahre Begebenheiten. Eine Kommune, die wie aus einer Utopie zu stammen scheint und aus einer Gemeinschaft von Menschen besteht, die Freiheit suchten und den damaligen Normen und üblichen Vorgaben entkommen wollten. Gegründet wurde die Wohngruppe von Behinderten. Die Nichtbehinderten, die „Latscher“, sind Systemaussteiger die innerhalb der Kommune leben und somit die Behinderten, sofern nötig, im Alltag unterstützen. Alles wird geteilt, die Bücher, das Essen, die Musik und die Rente oder die finanzielle Unterstützung.

Es beginnt mit einer Feier, einer Hochzeit und einem Konzert. Eine Band spielt lauten Bluesrock und die ganze Kirche feiert taktvoll und lauthals mit. Es ist keine wirkliche kirchliche Trauung, aber eine die Wirkung zeigt. Mittendrin Rollstuhlfahrer und ein Mann, der den Raum erfüllt und den alle zu kennen scheinen. Alles fühlt sich gut und leicht an. Es ist, wie der gerade gespielte Song der Band, ein kleines Paradies im Hier und Jetzt.  Doch gleich nach der Feier erklingt das Telefon, alles unterliegt den Kontrollen, den Spitzeln. Die Stasi war ein Gespenst, ein gesellschaftlicher Geist, der immer da war, aber meist unsichtbar und unheimlich. Doch keimt auch innerhalb der wirklichen Kommune etwas Stolz mit, dass gerade sie es sind, die auffallen und das Staatliche provozieren. Sie, die nur frei sein wollen und ihr Recht auf unabhängiges Leben fordern und innerhalb der Gemeinschaft das auch zu leben versuchen.

Ende der 70er Jahre in Thüringen leben behinderte Jugendliche in einem Heim. Nachdem sie volljährig geworden sind, haben sie die Wahl, in ein Altersheim zu gehen oder zurück zu den Eltern. Die Freunde beschließen auszubrechen. Sie wollen frei sein und ein selbstbestimmtes Leben führen. Der Staat bewilligt ihnen eine Rente und Pflegegeld. Das wollen sie in einen Topf werfen und Pfleger finanzieren. Dies sind Leute, die auch nicht in das gängige System passen. Ein Haus erhalten sie von der Kirche. Es entsteht eine gelebte Utopie aus Hippies, Punks und freiheitsliebenden Menschen. Da das Geld knapp bemessen ist, entsteht auch auf dem Grundstück die Form der Selbstversorgung.

Karsten Krampitz vermischt Fiktion mit Wirklichkeit. Die Grenzen lösen sich auf großartige Weise auf und wir werden Zeitzeugen, die jene Ereignisse geistig, emotional und sogar sinnlich mitverfolgen können. Der Autor schrieb für Straßenzeitungen, ist Schriftsteller, Historiker und Journalist. Er ist Mitbegründer von „Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen“ und ist dort mit den tatsächlichen Mitbewohnern der Kommune in enge Berührung gekommen. Doch ist „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ ein Roman und die Geschichte dient der erzählten Handlung, die erfunden und frei von den wirklichen Begebenheiten in Hartroda ist.

Die Kommune in Hartroda ist Mittelpunkt der Ereignisse und das Leben der damals „Aussortierten“ strahlt bis in unsere Gegenwart. Im Roman sind es Gruns und Mozek die im Mittelpunkt stehen. Gruns, der unter Muskelschwund leidet und körperlich abhängig ist von Hilfe. Er hat kein Abitur, aber dennoch einen Abschluss in Theologie und darf somit als ausgebildeter Prediger agieren. Dies kommt der feierfreudigen Gemeinschaft gerade recht, denn Gottesdienste müssen nicht polizeilich angemeldet werden. Mozek pflegt Gruns und ist innerhalb der Gemeinschaft eine Konstante. Er ist ein stiller Mensch, der nebenbei Fernschachturniere betreibt. Diese werden postalisch ausgeführt und somit zeigt sich am Ende des Romans, das die DDR nach ihrem Zerfall sogar noch etwas gewinnen konnte. Mozek ist ein Introvertierter, da er ein ehemaliger Grenzer war und mit seinen Schuldgefühlen hadert.

Der Roman zeigt unglaublich viele Facetten, die belebt werden durch Schicksale der damaligen Zeit. Alles wir mit viel Empathie, Humor und Verständnis erzählt. Manches ist episodenhaft und ergänzt lediglich die Handlung im Großen und Ganzen. Es ist ein Roman, der zeigt, wie ein menschliches Zusammenleben möglich ist. Wie Integration und ein Miteinander sich aus der Utopie verabschieden können und diese Wirklichkeit wird. Ein Roman, der Spaß macht und sehr viele Gedankenportale öffnet. Ein wichtiges und unbedingt lesenswertes Werk.

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Sandra Weihs: „Bemühungspflicht“

Wohl das Buch der Stunde, denn es zeigt mit viel Witz und Empathie den Versuch der individuellen Selbstachtung gegenüber dem System. Gerade jetzt, wo die Diskussion beginnt, dass Kultur und der Sozialstaat nicht mehr haltbar sind. Ein Roman, den wir allen zum Lesen geben sollten, die mit einem Wohlstandsgrinsen behaupten, uns geht es doch zu gut. Es ist ein Text, der gegenwärtig ist und mit einer besonderen Erzählweise geschrieben wurde. Denn wie sollte das aktuelle Gerechtigkeitsempfinden mit einer einzigen Erzählstimme einfangen werden können? Der Roman wird belebt durch unterschiedliche Perspektiven, die um das Umfeld des Protagonisten agieren. Die eigentliche Ich-Erzählerin ist eine Person innerhalb des Behördenkomplexes, die versucht das individuelle Schicksal zu verstehen und eine tatsächliche Hilfestellung anzubieten. Sie erzählt die Handlung und somit wird der Hauptcharakter aus ihrer Sichtweise zu einem Du, das uns somit alle ansprechen könnte. Denn das geschilderte Schicksal ist realistisch und könnte uns alle betreffen oder berühren.

Es ist ein Text, der auf uns einwirkt und besondere Mechanismen loslöst, die uns emotional mitreißen. Eine Welt, die uns lehrt, dass Geld das einzige ist, das Gewicht hat, aber uns leichter werden lässt. Es ist das System das erkrankt und die Menschen auf beiden Seiten, die beurteilen und abwägen, sind ebenfalls dem Reglement unterworfen, wie jene, die Forderungen stellen und sich den immer abgeänderten Maßnahmen unterwerfen. Die Sozialhilfe ist nur mit auferlegten Bedingungen zu beziehen. Doch wer überprüft jene, die genau diese Regeln überprüfen und die Spielräume deklarieren? Wir haben innerhalb des Systems zu funktionieren. Sollten wir durch das gesellschaftliche Raster fallen und Hilfe benötigen, wird uns eine Bemühungspflicht auferlegt. Um diese geht es im Roman und um dessen Auswirkung, um die Bürokratie und Ungerechtigkeit.

Manfred Gruber hat eine Lehre als Metzger gemacht, weil er als junger Mensch dahingehend von der Familie gedrängt wurde. Ein Beruf, den er nicht mochte und durch weitere private Abzweigungen innerhalb des Lebenslaufes ist er nun Sozialhilfeempfänger. Er lebt in Trennung und hat einen erwachsenen Sohn. Er wohnt allein im geerbten Elternhaus. Die Nachbarn und die Behörden haben jeweils eigene Sichtweisen auf ihn und erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven. Als Manfred, kurz Fred, einkaufen geht, merkt er an der Kasse, dass er sich den Orangensaft nicht mehr leisten kann. Er hat seinen Antrag rechtzeitig und mit allen erforderlichen Dokumenten eingereicht. Dennoch blieb die Zahlung aus und er versucht dies mit den Behörden zu klären, warum er benachteiligt wurde. Sein Antrag wurde noch nicht bearbeitet und neue Bestimmungen sollen demnächst auch für ihn umgesetzt werden, denn er hat ja das Haus und Grundstück. Es gab Vorfälle, die die Behördenmitarbeiter ängstlich werden ließen, weil Antragsteller aggressiv reagierten. Somit verkeilt sich die Sicht zwischen Antragstellern und den Sachbearbeitern. Manfred Gruber versucht stets, den Anforderungen Folge zu leisten und doch ist er auffällig, weil er auch gerne Beschwerdebriefe schreibt und an Misanthropie und unter mangelndem Selbstvertrauen leidet. Geht es noch um Würde, um Erhalt der Lebensbedingungen oder einfach um das einfache Recht auf Leben? Somit schaukeln sich die Stimmungen hoch und die Nachbarn werden Zeuge von Ereignissen, die in Folge sogar die Medien interessieren.

Mit einer enormen Sachkenntnis und Humor tauchen wir in die wechselnden Perspektiven ein, die innerhalb weniger Tage unser gesellschaftliches System beleuchten. Der Misstrauensvorwurf gegenüber den kleinsten Einheiten innerhalb des Wertesystems macht betroffen und lässt es nicht mehr zu, dass weggeschaut wird. Ein eindringlicher Text, der detailverliebt einen großen Kosmos öffnet, der sprachlos macht, uns lachen lässt, wenn es nur nicht so realistisch wäre.

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Shūsaku Endō

Ein bedeutender Roman ist in einer Neuausgabe erschienen. Es ist ein Roman, der uns eine alte und ferne Welt sehr nahe bringt. Es ist wohl einer der bedeutendsten historischen Romane innerhalb der Weltliteratur. Martin Scorsese hat ihn mehrfach gelesen und sich immer gewünscht, diesen zu verfilmen. Dieser Traum ging 2016 in Erfüllung und es ist ein sehr sehenswerter Film entstanden. Für Scorsese ist das Buch ein Lebensbegleiter und die Werke von Shūsaku Endō gehören in den Kanon der Weltliteratur, der gelesen gehört. Der Roman „Schweigen“ stellt jene Frage aus dem historischen Kontext, warum das Göttliche bei unserer menschlichen Grausamkeit schweigt.

Der Roman „Schweigen“ spielt im Jahr 1638 und aus Portugal machen sich Patres auf den Weg nach Japan, denn die katholische Kirche in Rom erhielt die Nachricht, dass einer ihrer berühmten Lehrer und Missionare in Japan seinem Glauben abgeschworen habe. Man wusste von der dortigen Christenverfolgung und Folterungen. Bei der Ankunft erleben die Jesuiten eine entsagungsreiche Welt, die brutal und unmenschlich den anderen Glauben verfolgt. Angesichts dieser Ereignisse, stellen sich die Christen die Glaubensfrage.

Shūsaku Endō ist ein christlich geschulter Autor in Japan. Er lebte von 1923 bis 1996 und studierte französische Literatur in Japan und katholische Literatur in Frankreich. Seine Hauptwerke sind die Romane „Schweigen“, „Samurai“ und „Skandal“. Letzterer hebt sich aus den beiden vorherigen inhaltlich etwas ab. „Samurai“ ist ebenfalls eine literarische Reise in alte Zeiten und „Skandal“ spielt in näherer Gegenwart und behandelt psychologische, ethische und gesellschaftliche Grundfragen.

Jener „Samurai“ ist ein Landadliger, der ein für ihn zufriedenstellendes Leben führt. Doch ist er stets abhängig von der Obrigkeit und er hat zu gehorchen, bei der ländlichen Zuweisung oder neuen Einberufungen. So gehorcht er auch, als er als Abgesandter im Jahr 1613 nach Mexiko, Spanien und Italien geschickt wird, um Handelsbeziehungen zu erkunden. Innerhalb dieser Gruppe befindet sich ein spanischer Franziskaner, der sehr egoistische Ziele verfolgt. Entgegen seiner eigentlichen Weltsicht und Religion, lässt sich der Samurai taufen und wird Christ, um die Mission nicht zu gefährden. Bei der Rückkehr nach Japan haben sich die Verhältnisse gänzlich geändert und Christen werden verfolgt.

„Samurai“ und „Schweigen“ sind Einblicke in fremde und alte Welten und so wunderbar geschrieben, das wir durch diese Literatur sehr viel erfahren dürfen.

„Skandal“ erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Schriftstellers, der auf einer Preisverleihung von einer angeheiterten Frau angesprochen wird. Diese behauptet, sie kennen sich aus dem Rotlichtbezirk in Tokyo. Dadurch wird seine Ehe und Ehre bedroht und er versucht jenen lüsternen „Doppelgänger“ zu finden. Doch muss er sich dann die Frage stellen, ob das Abgründige in ihm selbst sein könnte.

Die Werke von Endō sind Bücher, die gelesen werden sollten. Es sind tiefgründige und historische Begegnungen des Abendlandes mit Japan, die durch großartige menschliche Einblicke belebt werden.  

„Schweigen“ wurde aus dem Japanischen von Ruth Linhart und die beiden anderen Werke von Jürgen Berndt übersetzt.

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Hermann Hesse: „Kurgast“

Mit Hermann Hesse beginnt für viele das Entdecken der Weltliteratur. Er hat nicht wegzudenkende Klassiker hinterlassen und ist wohl einer der bekanntesten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Werke prägten eine ganze Jugend und fesseln oder ordnen weiterhin das individuelle Chaos im persönlichen Erwachen. Sein Weltruhm ist unbestritten und doch konnte er sich auch ganz anders zeigen. Sechs Jahre nach dem Erscheinen von „Demian“ und drei nach seiner buddhistischen Bibel „Siddharta“ verfasste er „Kurgast“. In diesem Werk fixierte er seine Erlebnisse im schweizerischen Kurort Baden an der Limmat. Kein anderes Werk von Hesse ist humorvoller. Seine persönliche Überempfindlichkeit sieht er vorerst bei den andern Mitpatienten. Er taucht als zynischer Beobachter auf, der sich als erhaben über die anderen Kurgäste empfindet und  dann doch erkennt, dass er selbst einer dieser Menschen ist und er beginnt über sich selbst zu lachen. Die häufigsten Leiden in diesem Kurort sind Gicht, Rheumatismus und Ischias. Auch Hesse leidet mit und er ahnt nach diesem Aufenthalt wohl noch nicht, dass er ein beständiger Kurgast im Leben werden wird.

Hesse hat den jetzigen „Kurgast“ als „Psychologia Balnearia“ selbst veröffentlicht. Seine Niederschrift wurde später offiziell verlegt und fand seine Bewunderer. Auch Thomas Mann, der etwas später mit seinem Zauberberg etwas Ähnliches und doch etwas ganz anderes erschuf, lobte es. Wir lernen Hesse auf eine unbekanntere, humoristische und selbstironische Weise kennen.

Heute, hundert Jahre nach dem Buchjubiläum, gibt es eine ganz besondere und wunderbare Neuausgabe des Werkes. Der Text basiert auf der damaligen Drucklegung, aber die besondere Aufmachung und Gestaltung ist ein Kunstwerk wie bei der Edition Officina Ludi üblich. Die Schweizer Künstlerin, Karin Widmer hat das Buch illustriert. Sie ist die Urenkelin des Dichters und ihre Feder- und Aquarellzeichnungen sind durch den Stil der 1920er Jahre geprägt. Sie hat sich als Grafikerin einen Namen machen können und wirkt auch als Gerichtszeichnerin. Dieser Stil ist in den Bildern unverkennbar. Die Bilder im Buch wirken wie kunstvolle Schnappschüsse und sie fängt die von Hesse geschilderten Situationen gelungen auf und vertieft das Scherzhafte und Leichte.  Somit kann Hesse ganz persönlich und neu erfahren werden. Das Szenario und Hesse werden toll porträtiert. Hesses Erscheinung reicht vom gebückten und schmerzgepeinigten Mann, saloppen Autor bis zum Bademantel tragenden Kurgast. Es sind aber über 50 Farbzeichnungen und der ganze Umfang wird sehr gesellig dargestellt. Die Direktorin des Hesse-Museums in Montagnola, Regina Bucher, rundet mit ihrem Nachwort die gesamte unterhaltsame Lektüre ab.

Das Buch ist eine wunderbare Einladung, Hesse erneut in sein Leben einzuladen und eine ganz neuen Blick auf ihn und eventuell auch auf sein Schaffen zu bekommen.

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Vea Kaiser: „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“

Nicht nur dem Titel nach, meistert Vea Kaiser ihre Geschichten. Seit ihrem Debütroman „Blasmusikpop“ ist sie im Leseschatz und in der Buchwelt eine konstante Größe. Vea Kaiser schreibt mit sehr viel Liebe, Witz, Sprachverständnis und mit sehr viel Hingabe zu ihren Figuren. Es sind immer die eigenwilligen Protagonisten, die den Romanen viel Leben schenken. Ich habe sie seit ihrem Debüt gerne mit der weiblichen und europäischen Antwort auf John Irving tituliert und erneut konnte sie diese fesche Behauptung kräftig belegen. Das Wortspiel im Titel lässt es erahnen, denn Vea Kaiser hinterlässt keine unbeschriebenen Blätter, sondern prägt die Charaktere und Geschichten mit Inhalten, die Spaß machen, Stimmungen erzeugen, zum Schmunzeln und zum Denken anregen. Wer von der literarischen Welt der Kaiserin bisher nicht süchtig wurde, wird es wohl spätestens jetzt werden.

„Fabula Rasa“ handelt von einer Frau, die aus einfachen Verhältnissen kommt und für sich und ihren Sohn die Geschicke selbst in die Hand nehmen muss. Vea Kaiser schreibt einen Roman, der aber auf einem wahren Fundament gebaut wurde. Die Heldin, Angelika Moser, macht Schlagzeilen als Hotelbuchhalterin, die ihrem Arbeitgeber über Jahre hinweg Millionen von Euro gestohlen hat. Der Prolog erzählt von den persönlichen Besuchen im Gefängnis. Es folgen zehn weitere, die als „Unterhaltung in der Josefstadt“  die Handlung und den jeweiligen Akt, die Hauptabschnitte des Romans, bereichern.

Die Mutter von Angelika Moser ist Hausbesorgerin, also Hausmeisterin eines Wohnkomplexes und lehrt ihre Tochter früh, dass das schöne Leben, der Lebenstanz, für sie lediglich durch den Fernseher ersichtlich wird. Angelika liebt das Wiener Nachtleben und zieht mit ihrer besten Freundin, Ingi, gerne durch die Clubs und Bars. Dabei überspannt Ingi meist den Bogen und flüchtet sich in zu viele Rauschzustände. Angelika arbeitet in der Verwaltung eines Traditionshotels in der Buchhaltung. Das Hotel, das Grand Hotel Frohner, ist Anlaufstelle für betuchtes Publikum und nicht nur während des Opernballs ein Heim für Prominente. Durch ihren Fleiß fällt Angelika dem Inhaber positiv auf. Nicht nur dass Angelika ihm bei einem persönlichen Missgeschick hilft, soll sie für ihn auch die Bilanzen verändern, damit eventuelle Parteien, die Anspruch am Hotel erheben könnten, das Interesse verlieren. Auch der Praktikant wird ihr von der Geschäftsleitung zur Seite gestellt. Dieser übt auf Angelika eine Faszination aus und er möchte sie sogar später mit nach New York nehmen. Doch seine Flatterhaftigkeit und seine familiären Bindungen bringen sie ab von diesen Träumen. Sie überwindet alle Hürden und kann Karriere im Hotel machen. Ihr Privatleben ist durch die Mutter, den bisher unbekannten Vater und ihre Freunde sehr wechselhaft. Ebenso gestaltet sich ihr Liebesleben turbulent und da sie stets weiterhin gerne ausgeht, kommt sie dem Sänger Freddy immer näher. Sie bekommen ein gemeinsames Kind und der Musiker ist mit seinen neuen Lebenssituationen gänzlich überfordert. Somit ist Angelika, um ihr und ihrem Sohn ein gutes Leben zu sichern, bereit, weiterhin die Genauigkeiten in der Buchhaltung und im Leben auszudehnen. Lange macht sie diese Zahlenspielereien, bis sie erneut an ihre Grenzen gerät.  

Ein farbenfroher und sehr unterhaltsamer neuer Roman von der Kaiserin. Der Titel „Fabula Rasa“ verspricht alles, was der Text auch zu halten vermag. Großartige Charaktere treffen auf Fabulierspaß und auf eine toll erzählte Geschichte. Der Roman macht im positiven Sinne süchtig und berauscht durch seine Lebendigkeit.

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Alessandro Baricco: „Abel“

Alessandro Baricco gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Italiens. Lange war es um ihn herum still geworden, doch nun hat er ein Wunderwerk verfasst und verpasst einem althergebrachten Genre einen frischen Anstrich, erfindet dieses fast neu und gibt ihm das Literarische zurück. Es ist ein Western, aber was für einer. Einer, der mit einer Kunstfertigkeit geschrieben wurde, die eine enorme Vielschichtigkeit beinhaltet und philosophisch die Grundfragen des Lebens beleuchtet. Helden, die belesen sind und gleichzeitig es verstehen, mit den Waffen zu sprechen und dabei Philosophen zu zitieren. Das gab es bisher kaum oder selten. Dieser kurze Roman ist episch und dennoch episodenhaft. Er verzaubert und ist bildgewaltig und man möchte diesen eigentlich mit dem Soundtrack von Ennio Morricone lesen. Denn es ist ein italienischer Western der Extraklasse. Der Stoff ist aber wohl schwerlich zu verfilmen. Dennoch hat man beim Inhalieren sofort alte Filmhelden im Kopf, die nun plötzlich alle Facetten des Lebens durchlaufen.

Abel Crow ist eine Legende. Er ist der Sheriff einer Kleinstadt und ist siebenundzwanzig Jahre alt. Seine Mutter wurde wegen einer Angelegenheit mit Pferden erhängt. Seine Erinnerungen an die Kindheit sind auch mit einer enormen Kälte verbunden, und das körperliche Erwachen war fast zu eng an die Mutter gebunden. Er leidet unter schlaflosen Nächten und hat seine Geheimnisse, von denen wohl nur seine große Liebe, die geheimnisvolle Hallelujah Wood, weiß. Schüsse werden in seinem Leben nicht nur für die Jagd oder zum Töten angewendet, sondern auch um Aufmerksamkeit zu erlangen. Er wurde zu einer Legende, als es zu einem Banküberfall in seinem kleinen Städtchen kam. Die Täter traten aus der Bank im diffusen Licht und schleiften Geiseln mit sich. Abel und seine Stellvertreter stellten sich diesen in den Weg. Abel erkennt sofort, dass eine der Geiseln, der Bankdirektor, wohl beteiligt am Überfall ist und seine Geiselnahme nur mimt. Die Räuber treten arrogant auf und haben nicht alle eine benötigte Schläue und Abel kann mit zwei Pistolen gleichzeitig zwei verschiedene Ziele treffen und das Schauspiel beenden.

So beginnt die Geschichte des Helden Abel, der zur Legende wurde und seine Liebe sucht. Hallelujah Wood liebt ihn auch, bleibt aber unerklärlich und geht immer wieder fort. Seine Geheimnisse und Vergangenheit fordern ihn heraus und er muss sich diesen und weiteren Abenteuern stellen.

Alessandro Baricco gibt dem Western ein ganz neues Gewand und stellt innerhalb der sprunghaften und szenischen Handlung existentielle Fragen. Alles ist spannend, schön und klug aufeinander abgestimmt. Alessandro Baricco wurde 1958 in Turin geboren. Er studierte Philosophie und Musikwissenschaften. Er hat Romane und zahlreiche Essays, Erzählungen sowie Dramen verfasst. Sein bekanntestes Werk ist „Seide“. Mit „Abel“ meldet er sich nun ungewöhnlich und doch mit einem passenden Knall zurück. Das Werk übt eine Faszination aus und durch die kurzen Kapitel werden wir in einen Strudel gerissen, der den üblichen Western belebt, verändert und vertieft. Der italienische Western war somit nie weg oder vergessen und ist, zum Glück, immer noch gegenwärtig. Übersetzt von Annette Kopetzki.

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Anna Sanner: „Wie man in Japan Go-go-Girl wird“

Anna Sanner sammelt Erfahrungen. Diese erhält sie durch Begegnungen mit Menschen. Je fremder die Menschen sind, desto ungewöhnlicher sind dadurch auch ihre Erlebnisse und Anna Sanner reizt das Verlangen, diese kennenzulernen stets aufs Neue. Sie studierte Japanologie in Schottland sowie Japanisch-Dolmetschen in England. Ihre Tätigkeiten umfassen den Lehrberuf, den der Übersetzerin, Dolmetscherin und sie war Show-Ninja und Go-go-Girl. Ihr erstes Buch, ihr Memoir ist „Wie man in Japan Ninja wird“. Nun blickt sie erneut zurück, auf die Zeit nach der Ninja-Ausbildung. Sie beschreibt Ihre Zeit in Japan, als sie als Tänzerin im Rotlichtmilieu eintauchte. Es ist ein dezentes Rotlicht mit viel Respekt und weniger Nacktheit. Sie lebte länger in Japan und stolpert, wie auch im ersten Buch, erneut über eine Anzeige. In dieser wird eine Go-go-Tänzerin gesucht. Vor Jahren war sie mal in einer Erotik-Bar, als sie auf den Zug wartete und neben dem finanziellen Aspekt reizt sie wieder eine gänzlich fremde Welt und ihre Menschen. Ihre Motivation sind die Hintergründe, die Geschichten und das Erkennen der eigenen Grenzen.

Ihr neues Buch ist wieder ein Erfahrungsbericht eines ungewöhnlichen Weges. Durch den flüssigen Sprachstil, die einfühlsame Beschreibung der Begegnungen und Erlebnisse erfahren wir sehr viel aus einer uns unbekannten Welt. Das Buch öffnet neue Horizonte und erzeugt eine beständige Neugier. Mit einer sehr offenherzigen Weise schreibt Anna Sanner über Grenzerfahrungen, über Milieus und Kulturen. Durch ihr Wissen und ihre Neugier erfahren wir sehr viel über japanische Kultur. Anna Sanner ist sprachbegeistert und neugierig auf die Welt und gibt dieses nun an uns weiter.

Es ist eine erotische Unterhaltungsbranche, die ihr begegnet. Durch ihre Kampfkunstausbildung und die Liebe zur Bühnenkunst hat Anna mit ihrem Partner schon immer ein Faible für Kleinkunst und Selbstdarstellung. Sie testet sich aus und nimmt die Einstellung als Go-go-Girl an. Dabei bedient sie die Gäste und tanzt in bestimmten Showabfolgen. Der Tanz bleibt immer ein bekleideter, auch wenn Hüllen fallen, bekommen die Gäste niemals alles zu sehen oder geboten. Der Gast darf Geld schenken und sich dem Bühnenrand nähern. Dies ist in den Showteil stets auf besondere Weise eingebunden. Durch diese Entblößung, die aber niemals eine unangenehme Nacktheit darstellt, legt Anna ihre Geschichte bloß. Sie schreibt über ihre Monate als Go-go-Girl, die sie neben ihrer Lehrtätigkeit ausübt. Alles beschreibt sie voller Details, die auch in uns einen Wissensdurst verstärken. Sie tanzt und arbeitet einige Tage in der Woche in der Bar, überbrückt ihre Wartezeiten auf den ersten Zug in einer Jazzbar, in japanischen Bädern oder mit den anderen Tänzerinnen. Durch das Erlernen der Tanzkunst an der Stange und ihrer Sprachfähigkeit, taucht sie immer tiefer in die Geschichten, Lebenswandlungen und Hoffnungen der anderen Frauen und Menschen ein. Auch Anna tritt mit diesem Erfahrungsbericht immer klarerer hervor. Sie wird von Buch zu Buch und von Kapitel zu Kapitel sympathischer und zeigt uns ihre Welt, die fern des typischen Tourismus ist.

Anna hat ihre Komfortzone verlassen und führte ein Doppelleben. Eines am Tage und das andere in der Nacht. Sie traut sich den Sprung in das geheimnisvolle Nachtleben und nimmt uns mit und erzählt ein Abenteuer voller Selbstbestimmung. Anna Sanner versteht es, mit viel Hingabe, Humor und Talent zu schreiben. Ein ungewöhnliches Buch, das uns viel zu zeigen hat.

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