Elen Fern: „Wenn die Welse kommen“

Eine Stadt, es mag Genf sein, steht unter Wasser. Sintflutartiger Regen, Dammbrüche und über die Ufer tretende Gewässer haben das Land überflutet. In der Stadt leben noch Menschen. Sie bewohnen die oberen Teile der Gebäude, die über dem Wasserspiegel herausragen. Die Gebliebenen haben Hoffnung, dass sich das Wasser zurückzieht und das Leben in der Stadt bald wieder normal sein wird. Das Miteinander hat sich verändert. Nichts ist, wie es war.

Die Handlung spielt in einer dystopischen Welt und wurde von einem Literaturkollektiv Elen Fern verfasst. Sie fragten sich, ob Geschichten bei der Stadtplanung behilflich sein könnten. Diese Erzählung birgt einen Zauber und ihre Visionen werden zu magischem Realismus.

Zwei Taucher, Boris und Salǒmon, bergen Überbleibsel. Sie sind Schatzsucher, Bergungsarbeiter und kleine Ganoven. Dann ist da noch Colombe. Sie versucht, die Szenerie zu beherrschen und möchte den Menschen Hoffnung schenken. Sie plant den Wiederaufbau und die Belebung der Stadt. Dafür benötigt sie Karten, die sie in den versunkenen Ruinen vermutet und beauftragt die beiden Taucher. Die ständige Bedrohung und die permanente Rast- und Ratlosigkeit zeigen sich im Kleinen und Großen. Im Tinnitus für einen der Taucher und durch die Wachtürme mit ihren Warnsignalen, die die Menschen in eine Quarantäne zwingen. Doch ist es keine Krankheit, die hier bedroht, sondern riesige Welse, die in Schwärmen das Gewässer durchstreifen. Wenn Welse kommen, schlagen die Glocken Alarm, denn es sind bereits Kinder verschwunden.

Boris und Salǒmon fischen im Trüben, um die Pläne zu finden. Dabei verlieren sie einen Tauschschuh, der von anarchistischen Kindern gefunden wird, die sich auf ihre Insel zurückgezogen haben. Sie tauschen und handeln, wollen aber für sich bleiben und meiden die Erwachsenen. Auch wissen sie mehr über die Welse. Denn sind die Welse unheimlich, sind die Fische die Gefahr?  

Als Boris und Salǒmon tauchen, läuten die Glocken. Die Welse kommen und die Menschen verschanzen sich in den oberen Teilen der Gebäude. Jetzt wissen die Kinder, es ist ihre Zeit, es ist die Zeit der Welse.

Die ständige Vibration unserer Gegenwart steigert in uns eine Überreizung, die zum seelischen Tinnitus führt. Die äußere Bedrohung ist meist eine erzwungene, die uns vieles glauben lassen möchte. Doch die Bedrohung ist da. Aber sind es die Welse oder sind wir es, die es ermöglichen, dass uns das Wasser hier und dort bis zum Halse steht?

Die Notwendigkeit einer Stadtplanung von morgen war der Anstoß für den Roman. Doch ist dies nur einer der Gedanken im Buch. Der eigentliche Kern ist das Märchenhafte innerhalb der möglichen Realität. Wir müssen uns das Fantastische und den Zauber bewahren, denn nur so erhalten wir die Hoffnung.

Anne-Sophie Subilia, Matthieu Ruf, Daniel Vuataz und Aude Seigne sind Mitglieder des Schweizer Literaturkollektivs Elen Fern die das Buch “Wenn die Welse kommen“ verfasst haben. Begonnen hatte die Zusammenarbeit mit insgesamt vierzehn Kreativschaffenden. Aus dem Französischen wurde es von Claudia Steinitz und Andreas Jandl übersetzt.

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Arne Suttkus: „Die Romantik soll mir mal im Mondschein begegnen“

Ein wunderbarer, positiver Roman, der uns zum Verweilen einlädt. Wie bei einem wohligen Besuch in einem Café, in dem die meisten Szenen des Romans auch spielen. Ein Café ist ein Ort, in dem wir Gesellschaft suchen, aber uns auch zurückziehen können. Einsamkeit oder gesellige Runde sind hier kein Widerspruch. Anfänglich waren es Kurzgeschichten, aus denen nun ein Roman gewachsen ist. Der Titel „Die Romantik soll mir mal im Mondschein begegnen“ klingt wie ein Wunsch, könnte aber auch als Drohung verstanden werden.

Im Mittelpunkt ein Café. Ein Ort in dem Menschen verweilen, Luft holen und dem Chaos um sich herum trotzen oder entkommen möchten. Doch können wir unserem eigenen Chaos, das in uns ist, niemals gänzlich durch Unterstützung von Süßspeisen, Koffein oder Geselligkeit entkommen. Wir nehmen unseren Trubel mit. Arne Suttkus wählt ein Café für seine literarische Begehung und für seine Betrachtung der menschlichen Zerstreutheit. Ein Café am Rande des Campus. Ein Ort, der für einige zur kurzen Stärkung genügt, andere erleben diesen Raum als zweites, wenn nicht sogar als einziges Wohnzimmer. Hier wird studentisch gelebt. Zeit und Geld für gepflegten Kaffee oder Waffelgebäck ist immer vorhanden. Mit Arne Suttkus nehmen wir gerne Platz. Werden gleich am Anfang in das Café hineingezogen und fühlen uns sofort wohl. Das Setting, das Ambiente und die Gäste erzeugen eine Wohlfühlatmosphäre, so dass wir sofort alle und alles gern haben. Die Stärke von Arne Suttkus ist seine Sprache, der Wortwitz und die Empathie für die Figuren. Alle sind lebensnah, leicht verschroben, dies aber liebenswürdig und lassen uns mit ihrem Alltag dem unseren entkommen. Selten gibt es Bücher in denen man sich sofort heimisch fühlt.

Der Kieler Universitätscampus wird bevölkert von seltsamen Leuten. Ganz in der Nähe ist ein Café. Hier treffen wir auf Gelehrte und Möchtegernrevoluzzer. Auf Professoren und auf Angestellte. Einige kommen, um sich zu treffen, andere um nur einen Kaffee zu trinken, sofern die Kartenzahlung wieder geht, oder um zu schreiben. Der Erzähler schreibt und seine beste Freundin, Claudia, schreibt ebenfalls. Er versucht es mit der Poesie, die der Alltagspoesie entsprungen ist. Claudia mag man, sie hat ihre eigene Sicht auf die Dinge und sie versprüht eine ganz eigene Philosophie. Sie ist aber auch bereit mal eine ihrer Romanfiguren, die anfängt zu nerven, zu beseitigen. Dann ist da natürlich noch Katharina, die im Café arbeitet. Sie mag ihre Gäste. Einige mehr, andere weniger. Denen, die sie mag, bringt sie auch mal die frische Waffel an den Tisch, wobei Selbstbedienung vorgesehen ist. Auch der Erzähler hat dies Glück, denn auch er fühlt sich zu ihr hingezogen und es kommt zum ersten Treffen auf dem Kieler Weihnachtsmarkt. Somit ist der Ort gleich am Anfang gesetzt. Das Setting ist umrissen und die Charaktere platziert. Langsam bauen sich Kapitel für Kapitel die Geschichten auf. Wer mit diesem Buch das Café betritt, hat eine Tür zu vielen Geschichten geöffnet, die sich dahinter verbergen.

Ein Buch, das uns entschleunigt, uns zum Schmunzeln und zum Wohlfühlen bringt. Alles ist kunstvoll eingerichtet und zubereitet. Die Geschichten sind charmant und benötigen nicht viel Handlung, um uns sofort an die Figuren zu binden und ihnen weiterhin folgen zu wollen. Sie machen süchtig und es ist wie bei einer sehr gut gemachten Serie, der man durch das Personal gänzlich verfällt. Hier wird gelebt, geliebt, das Schreiben und Lesen gefeiert. Hier ist ein Ort entstanden, in dem die Worte wahrhaftig werden.

Arne Suttkus kann wunderbar schreiben und unterhalten. Die Handlung spielt in Kiel und es ist wohl einer der besonderen Kielromane, der aber doch überall diese Tür zum Leben öffnen könnte, wo es gemütliche Cafés gibt.

An meine mitlesenden Verlage, verlegt bitte Arne Suttkus! Es gibt keine Ausflüchte mehr.

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Jérôme Leroy: „Die letzte Französin“

Jérôme Leroy ist ein Meister der düsteren Kurzkrimis. Ein schmaler Krimi, der es aber faustdick hinter den Zeilen hat. Stets geht es bei ihm direkt los, nichts wird verschönt, Handlung und Sprache nicht und es fliegen uns wahrlich die Kugeln um die Ohren. Die Erzählweise ist verknappt und originell. Der auktoriale Erzähler wendet sich auch zwischendurch an uns und berichtet in einem zynischen Ton wie es mit bestimmten Personen oder Handlungssträngen, die lediglich Wegbereiter waren, weitergeht, um dann zum Hauptkern der Geschichte zurückzukehren.

Es beginnt mit einer Schießerei in einer Hafenstadt im Nordwesten Frankreichs. Capitaine Mokrane Méguelati von der Terrorabwehr hat sich mit seinem Spitzel getroffen. Diesen hat er durch eine damalige delikate Situation an sich binden können. Als dieser von einem geplanten Attentat erzählt, stürmen Männer mit Maschinengewehren den Treffpunkt und ermorden den Spitzel. Der Capitaine kann entkommen und rennt zu den ankommenden Kollegen, die ihn für einen bewaffneten und islamistischen Tatverdächtigen halten und ebenfalls töten. Nun weiß niemand mehr, wo der eigentliche Anschlag durchgeführt werden soll.

Der Kämpfer hat ein Mädchen, Gauloise, rekrutiert. Fraglich ist, wer wem hörig ist. Was hat sie mit dem Vorgang zu tun? Sie ist zu allem bereit, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Die Polizei durchkämmt fieberhaft die Stadt, in der der rechtsradikale, patriotische Block die Macht übernommen hat. Es wird alles mobilisiert, militarisiert und die Situationen spitzen sich zu.

Ein feiner, schwarzer, derber und zynischer Kurzkrimi mit viel Action. Aus dem Französischen wurde der neue Leroy-Roman erneut von Cornelia Wend übersetzt.

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Juan Pablo Villalobos: „Das Alibi“  

Am Ende bleibt nichts, wie es war oder ist doch alles so, wie es war. Haben wir es nur phantasiert? Das ist die Frage, die sich hier literarisch stellt. Nichts in diesem Buch ist wahr, heißt es vorweg, nur das, was wahr ist. Somit gaukeln uns der Erzähler und der Autor einiges vor und wir haben unseren Spaß daran. Wenn in uns etwas wächst, sich etwas festgesetzt hat und sich unsere eigene Welt darüber stülpt, kann daraus eine Perle oder ein Polyp wachsen. So ergeht es auch Juan Pablo – Autor und alter Ego in „Das Alibi“. Die Begriffe „Friseur und Briefe“ zieren den Originaltitel, der nun aus dem mexikanischen Spanisch von Carsten Regling übersetzt erschienen ist. Das Alibi verweist auf die Bescheinigung für eine bestimmte Zeit gegenüber dem Partner, dem Arbeitgeber oder gegenüber der Justiz, wenn es sich um eine Tatzeit handelt. Also was ist passiert? Sofern überhaupt etwas geschehen ist, ist es unglaublich viel, was Juan Pablo zu berichten hat. Denn er hat als Autor ein Problem. Er ist glücklich. Somit befürchtet er, diese Aussage am Anfang könnte das Ende des Romans sein und was soll er schreiben? Denn gute Literatur entsteht aus Ereignissen, Dramen und wurzelt meist im Unglück. Das Autofiktionale berührt, wenn es authentisch ist. Aber was, wenn das Glücklichsein vorherrscht?

Seinen Namen kennen wir. Alle anderen wollen nicht in Erscheinung treten. Auch seine Kinder möchten nicht, dass er sie für seine Literatur verwendet. Also bleiben sie das Mädchen und der Halbwüchsige. Auch seine Frau ist lediglich die Brasilianerin.  Er stammt aus Mexiko und sie sind beide nach Barcelona gezogen und leben dort mit ihren Kindern. Sie sind glücklich und er zelebriert das dort erhältliche mexikanische Essen und die spanische Lebensgewohnheit, die seiner ähnelt. Das erste Alibi benötigt seine Frau, als er sich in einer gastroenterologischen Klinik untersuchen lässt und sie ihn begleitet. Gegenüber ihrem Arbeitgeber benötigt sie einen Nachweis, den er ihr am kommenden Tag beschaffen möchte. Doch die Empfangsdamen wittern den Versuch eines möglichen Betruges und wollen nur ihr persönlich das Dokument ausstellen. Als seine Frau, als er noch da ist, ihn anruft und fragt, ob alles geklärt sei, ist er gänzlich überfordert. Er sagt ja und verzettelt sich. Er wird auch auf einem Schreibkurs, den er in einer Buchhandlung gibt, in etwas verwickelt. Ein Mann sucht seine Nähe, weil er behauptet, auch schreiben zu wollen. Er habe viel erlebt und wolle es verewigen. Doch wie sich in Folge herausstellt, möchte dieser nur Fotos mit dem bekannten Autor machen, um seine Abwesenheit andernorts zu erklären. Auch ein Friseurbesuch, den Juan Pablo macht, verwickelt ihn. Er geht in einen Salon, wo die Friseurin Zeit hat. Warum diese nichts zu tun hat, macht ihn nur kurz stutzig und sieht dann, dass ihre eine Hand geschient ist. Beim Haarescheiden passiert es, sie schneidet sich, weil sie ihr Handwerk nicht richtig ausüben kann, eine Fingerkuppe ab. Mit halbfertigem Haarschnitt und einer fremden Fingerkuppe bleibt er nun allein mit seinen Gedanken und sollte wohl handeln. Gegenüber der Versicherung wird er wohl aussagen müssen, aber warum wird die Fingerkuppe nicht benötigt? Was passiert mit den Fotos, die der Besucher des Schreibkurses von ihm gemacht hat und wer benötigt eigentlich wen für welche Alibis? Jetzt hat Juan Pablo genug erlebt, um darüber schreiben zu können, oder ist er es selber, der sich ein Alibi beschaffen wollte? Oder schreibt er nur, um schreiben zu können?

Ein kurzer, sehr unterhaltsamer Lesespaß, der uns in eine Handlung hineinwirft, die nichts belässt, wie es ist und dabei die Wirkungskraft der Literatur beweist und uns dadurch selbst glücklich macht.

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Archie Oclos: „Die Straßenkatzen von Manila“

Ein Bild und nur drei Worte die jeweils alles erfassen. Die Geschichten der sechs Straßenkatzen und ihr Leben auf den Philippinen sind ein berührendes, zu Herzen gehendes Kunstwerk. Es sind gezeichnete Geschichten, die sich im letzten Kapitel vereinen. Übersetzt hat es Jan Karsten.

Die Schönheit verbirgt sich in der Trostlosigkeit der menschlichen Metropole. Streuner, die es gelernt haben alles genauestens zu beobachten, um schnell Schutz zu finden, Essen zu ergattern und um zu überleben. Dabei wird der Blick der Katzen ein Blick auf uns und die Tiere verkörpern Gesellschaftsbilder, in denen sie leben. Ein Bild und drei Wörter erzählen ganze Geschichten. Dabei ist genaues Hinsehen und Empfinden nötig, um das ganze Werk zu erfassen. Wir begleiten die Samtpfoten, die auch nicht alle unversehrt auftreten, durch verwinkelte Gassen, zu Jeepney-Terminals, Werkstätten, Hinterhöfen und in Garküchen. Ihr Blick wird unser Blick auf das dortige Leben und auf das Miteinander. Was bedeutet es als Lebewesen sich in den Städten und auf der Straße behaupten zu müssen?

Archie Oclos ist ein philippinischer Künstler. Seine Werke beschäftigen sich mit politischen und sozialkritischen Themen. Im Mittelpunkt stehen Ungerechtigkeit und Korruption. In „Die Straßenkatzen von Manila“ erzählt er in sechs Kapiteln eine Geschichte. Sechs Katzenperspektiven, die am Ende zusammengeführt werden. Nach den jeweiligen großen Abenteuern werden sie eine Gruppe und im chaotischen Gewirr der Straßenkabel, dem Durcheinander der Straßen finden sie ein Zuhause, einen Karton, in dem Katzen sich stets geborgen fühlen. Dies Bild bleibt am Ende ein Motiv des Zusammenhalts.

Wir lernen die weiße Katze vom Jeepney-Terminal kennen. Das Terminal ist ein Ort der Ankunft und der Abfahrt. Jeepneys sind landestypische Verkehrsmittel, die ersetzt werden sollen und die Armut der Fahrer wird hier sichtbar. Die Katze sucht Schatten und wird mit dem Blick nach oben Zeuge der Notlagen und der Sorgen. Dann ist da das Duo aus der Garküche. Es sind zwei Katzen, die sich in den Gerüchen weiden und letztendlich doch nur die Abfälle abbekommen. Der Hunger ist spürbar und der Kampf ums Überleben wird sichtbar. Der Pirat von der Reifenwerkstatt hat einen scharfen Verstand und ein enormes Wahrnehmungsvermögen. Ein Politiker fällt negativ auf, der mit seinen Bodyguards die Räumlichkeiten der Werkstatt in Anspruch nimmt. Dabei ist es letztendlich der Katzenpirat, der sich an dem menschlichen Gebahren zu rächen versteht. Eine Prinzessin aus der Wohnanlage hat ein gutes Heim, aber empfindet Einsamkeit und Abenteuerlust und verbündet sich am Ende mit der ganzen Meute. Batman heißt eine Katze, die in einer Mall einen Sicherheitsbeamten trifft, der seine Arbeit verloren hat.

Alle Katzen blicken auf ihre Welt, die die unsere ist. Sie streunen durch das Leben und zeigen uns, wie es auf den Straßen zugeht.

Ein Bild pro Doppelseite und drei Wörter. Mehr benötigt dieses Katzenkunstwerk nicht, um unser Herz zu erobern.

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Ulrike Damm: „Die Poesie des Buchhalters“

Ulrike Damm öffnet Sprachräume. Erneut stellt sie mit ihrem Roman essentielle Lebensfragen. Die Suche nach dem Lebensinhalt und Glück. Sie verbindet stets visuellen Ausdruck mit Wort und Inhalt. So auch in dem vorliegenden Buch, in dem sich visuell eine zweite Stimme und Perspektive im unteren, abgetrennten Abschnitt ein – und ausblendet. Ihre Werke sind sinnlich, klug und kunstvoll.

Ulrike Damm schreibt und macht als Künstlerin ihre Texte begehbar. Sie verbindet Literatur mit interaktiven und visuellen Elementen und stellt als Künstlerin ihre Bücher auch in Kunsträumen aus. Sie schreibt ihre Texte zweifach, am Computer und mit der Hand. Somit entsteht Literatur als Buch und als ausstellbares Kunstwerk. Eine Literatur voller Weisheit und einfühlsamer Beobachtungen. Ulrike Damm ist Künstlerin, Autorin und Verlegerin.

Der Roman spielt mit Lebensperspektiven. Ein Buchhalter, der beruflich und privat analysiert, abwägt und die Balance halten möchte. Es ist Justus Kratz der verheiratet war, jetzt zu seiner ehemaligen Frau ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Er wohnt zur Miete. Seine Vermieterin Rose schreibt oft und bittet ihn, ihre Post mitzunehmen. Einen Brief hat er nicht aufgeben. Aus einer Laune heraus. Er hat sich hinreißen lassen und diese kleine Tat, diese minimale Verfehlung, bringt sein Leben durcheinander. Er hat sich über sich selbst erschrocken und den Brief versteckt. Doch es wird Rose auffallen und sein Gewissen meldet sich. Auch etwas, was er nicht kannte, die Neugier, die sich krankhaft bei ihm bemerkbar macht. Dann kommt es auch zu Treffen mit Rose, deren Perspektive sich im unteren Seitenabschnitt des Buches einblendet. Wem schreibt Rose, wer hat das Glück, ihre fixierten Gedanken zu erhalten? Er hat den Brief behalten und geöffnet, seitdem ist er ratlos. Rat, den er sich bei Kollegen, Freunden und sogar bei Rose erhofft. Er stellt sich seit seinem kleinen Fehlverhalten wesentliche Fragen. Ein kleines Handeln wirkt sich in seinem Leben groß aus. Kann er seinen Zwängen entkommen, wie lebt man richtig und was ist es wert?

Wir erleben den Alltag des Buchhalters, der sein Leben plant und ein Bewusstsein für Verantwortung und Gewissenhaftigkeit hat. Wie sich seine Lebenssicht durch einen emotionalen Anreiz verwandelt. In zugänglicher Poesie werden einfache Bilder komplexer und das Spiel der Lebensperspektiven wird bizarr, wie es das Leben ist. Ein Roman, der Gedankenräume erzeugt und ein Erlebnis ist.

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Mary Shelly: „Mathilda“

Ein kleines Meisterwerk, das posthum veröffentlicht wurde und sich mit den großen Themen der Autorin, Feinfühligkeit und Einsamkeit, befasst. Erneut ist es auch die Macht des Natürlichen, die beständig durch ihre Literatur glänzt. Ihr bekanntestes Werk ist „Frankenstein“ und beinhaltet auch wie „Mathilda“ die Suche und Sehnsucht nach Lebensenergie, Zuwendung und Liebe. Mary Shelly (1797 – 1851) schrieb Romane, Kurzgeschichten, Essays, Theaterstücke, Biographien und Lyrik. Sie gab ferner die Werke ihres verstorbenen Mannes, Percy Bysshe Shelley, heraus und war befreundet mit Lord Byron, aufgrund dessen Einladung am Genfer See sie die Idee zu Frankenstein entwarf. Wie im vorliegenden Werk geht sie der Frage der Monstrosität nach. Im Kleinen und Großen. Denn denken wir an Frankenstein, ist es meist nicht der Arzt und Wissenschaftler, sondern der moderne Prometheus, der uns in den Sinn kommt. Doch wer ist das gesellschaftliche Monster? „Mathilda“ wurde übersetzt von Stefan Weidle, der auch ein kurzes und wissenswertes Nachwort verfasste. Hier geht es um die Entstehung des Textes, warum dieser nicht zu Lebzeiten der Autorin erschien und wie weit dieser autobiografisch zu verstehen ist.

Mathilda schreibt 1819 in Florenz an ihren nahen Freund Woodville. Am Ende ihres Lebens sinniert sie über ihren Lebensweg, über ihr kurzes Glück und den Weg in den seelischen Schmerz. In ihrem Einstieg fällt der Name Ödipus und lässt bereits Vermutungen zu. Das Lebensglück war in jungen Jahren spürbar, doch zog es sich dann immer mehr von ihr zurück. Doch will sie nicht vorweggreifen, sie möchte dem treuen Freund alles genaustens erzählen und beginnt.

Ihr Vater verliebt sich und seine ausufernde Liebe wird erwidert. Das vermählte Paar bekommt kurz nach der Trauung ein Kind, Mathilda. Doch die Mutter stirbt kurz nach der Geburt und der Vater zieht sich in ein auferlegtes Exil, sozusagen auf weltweite Distanz, zurück. Mathilda wächst bei der herzlosen Tante in Schottland auf. Als sie sechzehn Jahre ist, meldet sich der Vater in London zurück. Mathilda ist voller Glück und wagt zu hoffen. Sie verbringen eine schöne Zeit. Voller Liebe und Zuwendung. Das Glück, dass aber greifbar wirkt, verrinnt. Die Liebe übersteigt das Normale und als sich ein junger Mann um Mathilda bemüht, kippt die Stimmung und Düsternis wirft sich über die Beziehungen. Erneut fliegt Mathilda in einen tiefen, seelischen Abgrund. Auf dem Weg dorthin und auf die darauffolgenden Verzweigungen schaut Mathilda, nun in Italien lebend, zurück.

Ein Werk voller Romantik und Schmerz. Sehr subtil wird hier das Innenleben seziert und das Bild von Familie, Beziehung und Bindung erhält Polaritäten aus kurzen Lichteinfällen, die aber erst durch die Dunkelheit auffällig werden. Diese Novelle hat einen Sprachklang und eine Intensität, die durch Handlung, Themen und Charakterisierungen eine eigenwillige Spannung aufbauen. In ihren Roman gibt es viele Anspielungen auf bedeutende Werke der Weltliteratur. „Mathilda“ zählt mit dieser Wiederbelebung auch dazu. Ein neu gehobener Klassiker.

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Toine Heijmans: „Irrfahrt“

Die Irrfahrten auf See hat es bereits bei Homer gegeben, Ein Held, der durch das Schicksal in eine Verkettung von Abläufen gerät. Bei einer solchen Odyssee sind unbekannte Zuwächse und Überraschungen beständige Wegbegleiter. Die Irrfahrt als Metapher und als Abenteuer. Ein raffinierter und unglaublich betörender Roman, der für unsere Empfindungen eine Übermacht einnimmt und die Grenzen der Wahrnehmung regelrecht übersegelt. Ein Törn, in dem Gezeiten, die See und das Umfeld die Kontrolle übernehmen. Denn wie es im Text steht, übernimmt das Meer irgendwann das Denken, wenn wir damit aufgehört haben sollten. Für den Erzähler ist gerade das Leben auf dem Meer besser als irgendwo anders. Doch je näher er der Küste kommt, desto stärker wird seine Bindung zum Land spürbar. Die Welt saugt ihn wieder ein und seine Gedanken, Sorgen und Ängste verfestigen sich. Auf seiner letzten Etappe begleitet ihn seine siebenjährige Tochter auf seinem Segeltörn und ein Sturm zieht auf. Er bleibt ruhig, denn er kennt das Meer und weiß, Überleben beruht auf Routine. Er ankert und will das Unwetter nahe der Küste aussitzen.

Diese Etappe, von Dänemark bis in die Niederlande ist der Abschluss seines Segeltörns. Er hat sich eine Auszeit genommen und ist für Wochen im Atlantik und in der Nordsee unterwegs. Auf dem Festland sind seine Frau Hagar und die Tochter Maria. Er suchte die Einsamkeit und hat sich auf das Meer zurückgezogen. Nun auf der letzten, unbedenklichen Überfahrt, die zwei Tage dauern soll, möchte er seine Tochter dabei haben. Hagar, die ihre Ängste nicht benennt, nicht begeistert ist, gibt nach und somit geht Maria mit an Bord. Vater und Tochter sind nun in der Abgeschiedenheit und der Rest der Welt nur noch ein Gedankenkonstrukt am Horizont. Sie haben eine losgelöste Zeit auf dem Boot. Doch nun, auf den letzten Seemeilen, schlägt das Wetter um. Maria schläft, während er das Boot nahe dem Festland verankert. Dann ist Maria plötzlich verschwunden. Auch ihr Kuscheltier ist weg, dabei schlief sie doch soeben noch.

Die Perspektiven und der geradlinige Horizont verschieben sich mit jeder weiteren Seite. Dieser Roman, eher eine Novelle, hat eine enorme Sogkraft. Mit einfacher und zugänglicher Sprache baut sich hier ein Spannungswerk auf, das mit der Nähe zum Festland, immer mehr Tiefe erhält. Der Titel und die Handlung erinnern an Homer und Melville.  Die Irrfahrt ist nicht auf das Nautische bezogen, sondern es geht auch um das Ankern im Leben als Ehepartner und als Vater. Der Text spielt mit uns sehr geschickt und die Windrichtung ändert sich und mit ihr auch die Handlungströmung. Der Clou erinnert ferner an den Roman „Einhandsegeln“ von Kortmann. Die Beziehung von Mensch und Meer ist dabei der Einstieg für Gedankenbilder, die sich dann um das Miteinander verfestigen.

Dieser Literaturtörn wurde bereits mehrfach übersetzt und sogar verfilmt und ausgezeichnet. Aus dem Niederländischen ist der Roman von Ilja Braun übertragen worden.

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Frank Göhre: „Sizilianische Nacht“

Wieder ein echter Göhre. Mit schnittigen Szenen verführt uns die Handlung nach Sizilien und das Abenteuer erhält seinen Höhepunkt in einer mediterranen, unheilvollen und fiebrigen Nacht. Die Grundlage für diesen Roman ist das Ende der Lebensgeschichte eines exzentrischen Dandys, Autors und Erfinders. Göhre nennt ihn Jean Paul Durand und er macht seine Geschichte zu seiner. Gemeint ist aber Raymond Roussel (1877 bis 1933) und mit diesem Kriminalroman findet das Geheimnis jener bis heute ominösen Nacht eine mögliche Erklärung.

Durand ist ein Schriftsteller, Weltreisender, Erfinder und Schachtheoretiker. Seine aufsehenerregendste Erfindung ist das Wohnmobil. Sein Dasein verdankt er einem riesigen Vermögen, das ihm seinen Lebensstil und seine Süchte finanziert. 1933 reist er von Paris nach Palermo. Begleitet wird er von seinem neuen Chauffeur und Aleksandra Wojcik, die lediglich Madame genannt wird. Er möchte nach Sizilien, weil er bei den Feierlichkeiten um die heilige Rosalia, der Schutzpatronin Palermos, dabei sein möchte. Es ist das Fest des Lebens und der Lebensfreude. Im Grand Hotel et Des Palmes quartiert er sich mit seinen Begleitern für eine längere Zeit ein. Seine Anwesenheit erzeugt eine ehrfurchtsvolle Stimmung bei dem Hotelbetreiber und dem Personal. Auch werden sogenannte ehrenvolle Freunde aus der Mafia auf ihn aufmerksam.

Das Hotel hat eine lange Geschichte und hat mit dem neuen Gast eine weitere zu erwarten. Durand ist launisch, krankhaft und tablettensüchtig. Diese führt er in rauen Mengen stets bei sich. Madame sorgt für sein Wohl und fährt zwischendurch zurück nach Paris, um beim Vermögensverwalter, Durands Neffen, Geld zu organisieren. Da die Summe sehr hoch ist, wird der Neffe misstrauisch und vertraut Madame nicht. Befolgt aber dennoch die Anweisungen, bittet aber den ehemaligen Chauffeur, Madam nachzureisen und diese im Auge zu behalten. Die Treffen mit den ehrenwerten Freunden lassen vermuten, dass höhere Kreise Interesse an der Erfindung des Hotelgastes haben. In Palermo wird das ausschweifende Fest der Heiligen gefeiert und die Faschisten demonstrieren ihre Macht. Es ist eine denkwürdige Nacht auf Sizilien. Es ist die letzte Nacht von Durand. Der Hotelpage findet ihn tot in seinem Zimmer. War es eine Überdosis? Was plante die Mafia, was die Madame und was ist mit dem verschwundenen Chauffeur? War es ein Versehen, ein Suizid oder steckt etwas ganz anderes hinter den Ereignissen? War es ein ausgeklügeltes Spiel, Willkür oder ein Unfall?

Ein Roman vor einer wahren Kulisse. Göhre schreibt erneut klug, kurzweilig und bildreich. Die Handlung befördert uns hinein in das gärende Palermo während vieler Machdemonstrationen, die die Welt erschütterten. Das Ableben eines Mannes, der vieles in der Kultur beeinflusste, wird hier spannend aufgegriffen und zu einem typischen Göhre umgewandelt. Er schreibt Bücher, die wahres Kopfkino beinhalten.   

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Melara Mvogdobo: „Großmütter“

Ein komprimierter und fragmentarischer Roman, der zwei Leben beschreibt, die in unterschiedlichen Ländern die schlechte Behandlung und das erniedrigende Dasein der Frau darstellen. Das Fragmentarische ist so kunstvoll eingesetzt, dass sich in der Kürze der Abschnitte und durch die poetische und ehrliche Sprache jeweils ein ganzes Leben offenbart. Eines in Afrika und eines in der Schweiz. Das Kunstvolle in der Sprache zeigt sich auch in der Aufwendigkeit des Buches, das die parallel verlaufenden Leben in zwei Schriftfarben darstellt. Die beiden Frauen sind nicht gleich jene Großmütter. Sie sind es aber gegenwärtig, haben eine Distanz zum Vorherigen geschaffen und reflektieren. Es gab einen Moment, eine späten, der zeigte, dass es reicht, dass sie genug erduldet haben und sie jeweils einen Schlussstrich ziehen, der der Wut Freiraum gibt und sogar Rache zulässt. Es sind zwei Frauen, die trotz der Enttäuschungen und Erniedrigungen beide einen Kern aus Liebe und Kraft in sich bewahren konnten. Dieser Kern bricht nun durch die kurzen Texte auf. Der Roman ist ein schwermütiges, aber auch ein enorm beglückendes Werk.

Sie stellen sich die Frage, warum sie dasselbe weitergeben, warum sie die Liebe nicht gezeigt haben.  Die Liebe zu ihren Kindern und zum eigenen Leben. Die Erkenntnis kommt und lässt die Großmütter erzählen. Ein hartes Leben auf einem Schweizer Bauernhof. Zuneigung, Liebe und allgemein Gefühle wurden nicht gezeigt. Diese waren weiblich. Wut ja. Die Wut durfte gelebt werden. In Kamerun ist es kein armes Leben, aber ebenfalls ein dominiertes. Der Traum von Bildung wird zerschlagen. Dann kommen die Männer, die bestimmten, die Verursacher und die Peiniger. In der Schweiz musste sie schon als Kind hart mitarbeiten, bei den Eltern und später auf einem anderen Hof, während der Hauswirtschaftsjahre. Dort kommt es zu einer Begegnung mit dem Knecht und ein uneheliches Kind ist da. Dieses Kind wird ihr genommen und ein Ehemann bestimmt. Auch in Kamerun ist der Weg kein leichter. Sie wird ermahnt, nicht der Vielehigkeit zuzustimmen. Auch wenn dann die ganze Familie aufschreien wird, auch die mahnende Stimme. Bei der Eheschließung beschließt sie ein Leben sans Polygamie und bringt ihren Mann gegen sich auf. Es bleibt nicht nur bei bösen Blicken und Verwünschungen, sondern sie erhält einen beständig aggressiven Mann. Da sie nur Mädchen zur Welt bringt, hält sich der wütende Ehemann nicht an die Vereinbarung. Aus Schutz und Liebe entzieht sie ihren Töchtern die Zuwendung und erkennt daran ihren wahren Kern und beginnt diesen zu befreien, um spätestens bei den Enkeln offen zu sein, die jene Freiheit wiederum ihr wünschen. Auch in der Schweiz ist der Lebensweg an den Mann gebunden. Bis ins Alter und mit dessen Krankheiten. Das Altenheim als gemeinsamer Ort, der ihren inneren Kern sie erkennen und auch ihre Freiheit finden lässt. 

Beide Leben unterschiedlich und doch so ähnlich. Die Unterdrückung und Demütigung sind gleich, trotz der unterschiedlichen Kulturen. In der Verknappung der Texte wird sehr viel Emotion und Herz spürbar. Eine Zuwendung zum Leben, die sich trotz der Pein ihren Weg freibricht. Auch wenn das Erkennen später kommt, gibt es Chancen und Wege. Dieser Roman ist ein wunderbarer, trauriger und literarischer Ausbruch, der uns ganz viel schenkt. 

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