Marion Messina: „Die Entblößten“  

Ein raffinierter Roman, der aufzeigt, wohin in wenigen Jahren in der Zukunft die Menschen treiben, die alles verlieren und uns somit fragt, in was für einer Zukunft wir leben möchten. Die Entblößten sind Menschen, die in einem Frankreich agieren, in dem das System kränkelt. Das Soziale macht dem Machterhalt und der Profitgier Platz. Politische Entscheidungen sowie das Reglement erschweren das Leben. Das Leben, das generell in allen Bereichen für den Menschen fast nicht mehr finanzierbar geworden ist.  

Sabrina, Paul und Aurélien versuchen, sich neu zu arrangieren. Sie möchten in der rasanten Zeit Halt finden. Auch die Präsidentin taucht auf. Sabrina ist Lehrerin und fragt sich, wo ihre Leidenschaft für das Lehren geblieben ist. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, die sich um das Sorgerecht sorgt und die Schulkinder beobachtet, deren Aufmerksamkeitsspanne in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken ist. Sie ist mit ihrer Lebens- und Berufssituation überfordert und reagiert über. Paul hat als Literaturwissenschaftler auch beruflich aufgegeben und entflieht der Großstadt Paris. In einem entlegenen Winkel des Landes arbeitet er an der Fleischtheke eines Supermarktes. Er freundet sich mit Aurélien und dessen Familie an. Aurélien betreibt einen Hof in siebter Generation und hat sich auf Kastanienanbau spezialisiert. Doch durch die steigenden Kosten, Auflagen und Krisen wird es immer schwerer, sich in der Landwirtschaft zu behaupten. Der kleine Unternehmer hat es gegenüber den Großkonzernen schwer mitzuhalten.

In dieses Panoptikum tauchen wir ein und die Situation spitzt sich immer weiter zu, besonders durch die öffentliche Selbstverbrennung eines Studenten vor dem Parlament. Hier beginnt der Roman und zieht dann weitere Kreise um die Protagonisten und zeigt eine unruhige Welt voller Umbrüche. Massenproteste sind die Folge, die dann wiederum mit Gewalt gestoppt werden sollen.

Der Roman ist beklemmend aktuell und entblößt dabei nicht nur seine literarischen Figuren, sondern uns selbst. Ein explosiver und wichtiger Roman. Wie bereits zum Beispiel Katrin Seddig in „Sicherheitszone“ zeigt auch Marion Messina das Politische im Privaten und beobachtet, wenn gesellschaftliche Unruhen zu eskalieren drohen. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer.

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William Boyle: „Shoot The Moonlight Out”

William Boyle hat erneut einen Brooklyn-Roman geschrieben. Einen sehr düsteren, aber einen, in dem jede Figurenzeichnung großartig angelegt ist. Um ein Drama aus dem Jahr 1996 entwickelt sich fünf Jahre später eine verstrickte Handlung voller Leidenschaft, Trauer, Gewalt, rücksichtslosen Menschen und den Versuch des Verarbeitens und Vergebens. Ein Spannungsroman, der Grenzen überwindet und mit einem enormen Sprachklang Leinwandszenerien in unsere Köpfe malt. Der Roman wurde aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf übersetzt.

Zwei Jungs, Bobby Santovasco und sein Freund Zeke, Teenager und nicht gerade die Klügsten, hängen gerne ab und träumen von unerfüllten Erlebnissen mit Mädchen. Aus Zeitvertreib werfen sie Sachen von einer Brücke, nahe einem Shopping-Center in Südbrooklyn. Erst Ketchup oder Ähnliches. Dann Steine. Daraus machen sie eine dumme Wette und eine junge Frau stirbt. Die Jungs können entkommen.

Jack Cornacchia hat ein trauriges Leben. Er ist Witwer und hat auch kurz nacheinander seine Eltern verloren. Nun ist er alleinerziehender Vater und möchte seiner Tochter, Amelia, den Weg als Schriftstellerin ermöglichen. Er ist per Zufall an den Job eines Rächers und Eintreibers gekommen und übt bezahlte Selbstjustiz aus. Als er gerade von einem Auftrag heimkommt, der ihn zu dem zwielichtigen und dauernd Milch trinkenden Anlagenberater Max Berry führte, fährt er an einem Unfall vorbei. Es ist jener, den Bobby und Zeke verursacht haben und die Tote ist Jacks Tochter, Amelia.

Fünf Jahre später verbindet sich alles zufällig. Jack macht einen Schreibkurs in kirchlichen Kellergewölben bei Lily Murphy, die ihn an seine Tochter erinnert. Er versucht, die Vergangenheit und den Schmerz durch Literatur zu ordnen. Lily ist die Stiefschwester von Bobby, der nun für Max arbeitet, der seine Machenschaften weiterhin ausführt und wohl Kontakte zu der Mafia pflegt. In dem heruntergekommen Büro lagert er eine entwendete Tasche voller Geld und Drogen als Freundschaftsdienst in seinem Tresor. Alle träumen von dem großen Coup und der Möglichkeit abzuhauen. Auch Bobby, der den Tresor ausraubt und sich dadurch mit den Falschen anlegt. Ausgerechnet Jack erhält den Auftrag, sich der Sache anzunehmen, nicht wissend, dass er dadurch den Verantwortlichen am Tod seiner Tochter begegnen wird.

Ein epischer Spannungsroman, der eher durch die Charakterentwicklung an Spannung zunimmt. Er benötigt keine großen Handlungsverläufe sondern schildert die innere Enge und die äußere Befangenheit innerhalb des Milieus. Die Handlung ist düster und die Figuren agieren schonungslos. Dennoch gibt es stets Hoffnung und Humor. Ein wuchtiges und ergreifendes Werk.

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Katrin Schumacher: „Liste der gebliebenen Dinge“

„Liste der gebliebenen Dinge“ ist ein sinnliches Spracherlebnis und spielt mit den Elementen und Genres. Ein Roman als Kunstwerk. Ein Stillleben zeigt reglose Gegenstände in der Fixierung, die einst lebten und weiterhin durch den Lebensprozess gehen werden. Kunst ist Leben und möchte durch die Darstellung der Endlichkeit einen für immer bleibenden Moment erzeugen. Im Wandel der Zeit finden die Figuren im Leben und in der Kunst keinen Halt. Was hat im Leben Beständigkeit? Was bleibt und was geht verloren?

Ein Roman der voller Stimmungen, Märchen und Naturbeobachtungen ist. Im Mittelpunkt steht ein Liebespaar, Kato und Mirren. Beide betreiben Kunst und erschaffen Welten. Die eine nebenbei, die andere im größeren Stil. Aus einer großen Stadt ziehen sie in eine kleine Ortschaft und dann für einige Wochen in ein natürliches Refugium. Immer in Wassernähe. Ein Fluss, ein Kanal oder ein Bach. Doch verschwindet auch einfach ein See. Somit durchstreift Katrin Schumacher die Welt der Literatur. Goethe und Ende könnten erwähnt werden. die Anspielungen sind nicht aufgesetzt sondern werden durch die Handlung und die vermischten Stilmittel erzeugt. Es ist der Debütroman von Katrin Schumacher, doch ist sie in der Literaturszene keine Unbekannte. Somit ist dieser poetische Raum, den sie mit „Liste der gebliebenen Dinge“ erzeugt, keine große Überraschung. Sie hat auch bereits in der Buchreihe „Naturkunden“ ein Portrait über Füchse geschrieben. Diese magischen Tiere tauchen somit natürlich auch im Debüt auf. Denn dort, wo ein Fuchs erscheint, verändern sich die Spielregeln.

Wenn wir uns erinnern möchten, uns einen Plan über das Vergangene machen oder versuchen, das Gegenwärtige oder Kommende zu organisieren, legen wir Listen an. Doch welche Listen werden später Bedeutung haben? Diese Frage stellt sich Mirren, die, während sie erzählt, sich erinnert, und das Damalige geistig aufleben lässt. Ständig fragt sie nach Kato. Beide haben sich kennen und lieben gelernt. Mirren malt aus Leidenschaft, aber nicht aus beruflicher Intention. Kato erzeugt genussvolle Kunst. Sie kocht und drapiert üppige Stillleben bedeutender Künstler nach, damit ihr Publikum, ihre Gäste, das Kunstwerk erfassen, schmecken und räumlich erleben können. Gemüse und Früchte werden dadurch zu sinnlicher Kunst. Doch ist diese vergänglich. Sie verändern ihren Lebensraum durch Umzug. In ihrer Bude, ein hüttenartiges Provisorium in der idyllischen Natur, finden sie Unterschlupf. Doch hat diese Bude ungeahnte Lücken im Boden und Befremdliches übernimmt den Lebensraum. Tierfabeln und Märchen werden durch die Erzählungen von Kato in dieser Kulisse und jeweiligen Kapitelszenerie lebendig. Auch andere Figuren und Widersacher treten auf. Alles ist in diesem Roman im Wandel. Das Wachsen, Beobachten und Wirken lassen sind hierbei der Antrieb.

Kunst als Leben und als Lebensunterhalt sind die Spielfelder für das Bild unserer unhaltbaren Welt. Mit einer wunderschönen Sprache, die sinnlich und poetisch ist, erzeugt Katrin Schumacher eine Faszination, die sie, wie die Spannung, bis zum Ende aufrechterhält. Ein Gemälde ganz aus Worten, das nicht den Moment erstarren lässt, sondern mit Leben füllt.

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Liselotte Welskopf-Henrich: „Nacht über der Prärie“

Der Western und Neowestern übt weiterhin eine enorme Faszination aus. Die Prärie und ihre Geschichten von der Besiedelung bis in die Gegenwart. Die unfassbar gute TV-Serie „Yellowstone“ und alle Serien um diesen Kosmos zeigen eine unverklärte Darstellung, die in der Literatur zuweilen gesucht werden muss. Unser Bild wurde durch Karl May geprägt, dessen Traumwelt immer noch Spaß macht, besonders durch die jährliche Interpretation bei den Festspielen in Bad Segeberg. Doch hat Karl May ein Bild erzeugt, das seiner Vorstellung entsprach. Es sind erdachte Welten, in denen die gebürtigen Amerikaner oft als edle, gerechte und weise Wilde oder auch als blutrünstige Bestien auftauchen. Das tatsächliche amerikanische Leben hat Karl May nie erfahren und alles ist bei ihm ein literarisches Märchen. Anders ist es dann mit den historischen Romanen von James Fenimore Cooper, die wiederum die Autorin und Wissenschaftlerin Liselotte Welskopf-Henrich zu ihren Werken inspirierten. Sie hat das Land oft bereist, Gespräche geführt und wurde sogar als Unterstützerin des Freiheitskampfes geehrt. Ihre Romanwelt beginnt mit Harka, dem Helden der Hexalogie „Die Söhne der Großen Bärin“. Dieser Romanzyklus zeigt die Welt bereits zwiespältig und stellt soziale Fragen. Während diese Bücher wohl noch eher die jugendlichen Leser begeistert, erweitert die Pentalogie „Das Blut des Adlers“ die historischen Betrachtungen und ist eher Literatur für Erwachsene. Die Handlung beginnt mit dem Band „Nacht über der Prärie“ und schildert die Lebensverhältnisse in einem Dakota-Reservat in den 1960er Jahren. Somit ist es eine Fortführung der Harka-Geschichte, die aber für sich stehen kann.

Im Mittelpunkt stehen das Leben und der Freiheitskampf der Dakota. Joe King kehrt aus dem Gefängnis zurück. Alle sind in Aufregung, weil er zurückkommt. Besonders die herrschende Obrigkeit. Der vermeintlich ehemalige Gangster kehrt in das Reservat zurück und möchte eine Ranch aufbauen. In dieser fiebrigen Stimmung wird sein Auftauchen von seiner ehemaligen Gang und den Behörden genauestens beobachtet. Queenie studiert Kunst und fühlt sich in den Welten aufgeteilt. In die Welt ihrer Familie und Vorfahren und die der Weißen. Sie trifft erneut auf Joe King und ihre Liebe aus Kindheitstagen entfacht. Doch immer wieder geraten die Beiden in den Konflikt mit der bestimmenden Politik und der kriminellen Vergangenheit von Joe King. Der Romanzyklus weitet sich bis zu den damaligen Aufständen aus und schildert die Erlebnisse sehr lebendig und authentisch.

Die Sprache von Lieselotte Welskopf-Henrich ist bildhaft und nahbar. Ihr Schreiben beruht auf Erlebtem, Gehörtem und Erfahrenem. Sie hat sich somit oft echte Vorbilder genommen, um daraus Romanfiguren zu gestalten.

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Layla Martínez: „Heiligenbilder und Heuschrecken“

Schaurig schöne Rache. Ein komprimierter Roman, der so lebendig ist, dass sogar die Toten leben und der in das Zentrum ein Haus stellt, das alles erlebt und somit selbst die Schatten zum Leben erweckt. Diese Rachegeschichte, die durch den Phantastischen Realismus Elemente des klassischen Schauerromans beinhaltet, ist etwas Besonderes und großartige Literatur.

In einer reduzierten, poetischen Sprache, die fast atemlos macht wird die Handlung erzählt, die aus zwei Perspektiven viele Geschichten einverleibt. Die fehlenden Kommata minimieren die Pausen im Redefluss und die Luft beim Erzählen wird immer dünner und wir müssen selbst am Ende tief Luft holen.

Ein Geisterhaus als Metapher oder als Handlungsort ist nichts Ungewöhnliches. Besonders wenn es um die Gräueltaten der Vergangenheit geht. Doch ist diese Grusel-Parabel etwas ganz anderes. Das Haus als Schutzraum, der das Behütende umkehrt und seine Bewohner nicht loslässt. Die Wahrnehmungen verschieben sich. Das Leid der Frauen und die ekelhafte Überheblichkeit der Männer als Ausgangsbasis. Somit erinnert das kurze Werk an Allendes Geisterhaus, an Endes Spielverderber und an die klassische Gruselliteratur.  

Es sind zwei Frauen, die abwechselnd erzählen. Die Enkelin und ihre Großmutter. Sie leben in einem alten Haus in Südspanien. Das Haus hat sein Eigenleben, es knarzt, rumpelt überall und es lässt die beiden nicht los. Sie leben in einfachen Verhältnissen und gekocht wird in einem Topf mit allen Zutaten, die gerade zur Hand liegen, die einfach zum beständig köchelnden Eintopf hinausgeworfen werden. Es sind die Schatten, die sich ihrer bemächtigt haben. Die Seelen der Verstorbenen sind in den Gemäuern aktiv. Mauern, die Kriege und das menschliche Leid in ihrem Fundament zementiert haben. Auch die Frauen haben ihre eigenen Geschichten, die nun das häusliche Leben ergänzen. Die Enkelin hat unter ihrer Aufsicht den Sohn einer mächtigen Familie des Ortes verloren, entkommen lassen, der seitdem verschwunden ist. War es ein Zufall, eine Unachtsamkeit? Oder verbirgt sich mehr dahinter, wie in der Vergangenheit der Großmutter, deren Mutter ihren Mann eingemauert hatte? Die Macht der vermögenden Familien und besonders das Machtspiel der Männer werden dabei immer deutlicher. Die Geschichte des Hauses beginnt mit einem Mann, der seine Macht erkannte und Frauen an sich band, die er dann prostituierte und an sich fesselte.

Somit ist es eine feministische Rachegeschichte, die die Realität verrücken lässt. Die beiden Perspektiven nehmen immer mehr Konturen an, um dann doch alles zu verzerren. Die Bilder drehen sich. Auch die Heiligenbilder, die Schutz geben sollten sind die Falschen. Denn auch die Engel sind hier Heuschrecken.

Ein Werk, das roh und doch feingeschliffen ist. Der Schutzraum der eigenen vier Wände verwandelt sich und der Roman erzeugt ein Gefühl der Isolation. Ein Schauerroman, der die Gesellschaft und die Geschichte in den Satzfugen einmauert. Der Text wirkt auf uns ein und legt immer mehr an zementiertem Unwohlsein frei. Ein literarischer Aufruf zur feministischen, menschlichen Freiheit und Unabhängigkeit. Übersetzt aus dem Spanischen von Christiane Quandt.

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Hank Zerbolesch: „Gorbach“  

Gorbach dient als fiktiver Ort und stimmt durch die Namensgebung klanglich auf das Inhaltliche ein. Wäre diese Literatur Musik, würde man von einem Konzeptalbum schreiben. Schonungslos, unverblümt und doch stets literarisch wirft uns Hank Zerbolesch in diverse Handlungen, die sich verbinden, begegnen oder versanden. Lebenswirklichkeiten am Rande des Ortes, des Lebens und der Gesellschaft prallen ineinander und wühlen uns, den Schmutz und alles andere auf. Der Klang ist dabei roh, fein und voller Mitgefühl. Das Drama hat Witz und der Humor ist tieftraurig. Das Randgebiet als Ballungszentrum mit seinen Bewohnern. Prägt der Ort die Menschen oder machen die Menschen den Ort? Die Handlung wird dabei zum Ort und somit die verbindende Hauptfigur.

Im Ort sind die kulturellen Höhepunkte zum geselligen Treffen, die Kneipe „Kippchen“ und der Kiosk „Büdchen“. Hier und dann doch ganz woanders füllt sich die Ortschaft mit Leben. Es sind Polizistinnen, Lehrer, Musikerinnen, Drogensüchtige, Buchhalter und ein Autor, der existentielle Fragen an das geduldige Papier stellt. Am Anfang ist der irre Ele, der in seiner Wohnung wartet. Er ist an seinen Rollstuhl gebunden, weil er damals ein Auto geklaut hatte und bei der polizeilichen Verfolgung von der Straße abgedrängt wurde. Die verfolgende Polizistin fühlt sich immer noch schuldig, besucht ihn regelmäßig und ertrinkt ihren Kummer mit Bier. In der Kneipe sind noch Udo und Micha, die zu alles eine Meinung pflegen. Die Bardame ist bei den Geschehnissen im Kippchen vom Handy abgelenkt, wird dann aber auch redselig und erzählt von ihrer Heimat, aus der sie wegen des Krieges geflohen war. Ihr Mann durfte das Land nicht verlassen und somit versucht sie allein für ihre Tochter zu sorgen. Ferner werden wir Zeuge einer Musikproduktion und der brutal endenden Plattenaufnahme. Die Situationen sind oft aus Einsamkeit, Verwahrlosung und Nichtverständnis entstanden und werden wortwörtlich immer brenzliger und zündeln letztendlich einiges nieder. Mitschüler werden krankenhausreif geschlagen, eine Radiomoderatorin nutzt die eingeforderte Sendezeit, um auf mediale Missstände hinzuweisen und mit ihrem Vorgesetzten abzurechnen.

Episoden tauchen auf, verschwinden ganz oder verbinden sich dann wieder durch die Örtlichkeit. Zornig, schmutzig und lautstark kann es in Gorbach zugehen. Die Perspektivlosigkeit verbindet sich aber auch mit Hoffnung. Doch der Weg zur Hoffnung kann voller Gewalt sein, kann leider auch zuweilen gar nicht gefunden werden. Die Töne, die dieser Roman macht, sind unsere Lebensgeräusche, die durch Berührung, Reibung und durch Zerwürfnisse entstehen. Gorbach wird zu einem Ort, einem Markplatz, der nun durch den Roman eine Marktforschung erhält.

Hank Zerbolesch hat einen Roman geschrieben, der den Ort in den Mittelpunkt stellt. Es gibt keine Hauptfigur, sondern ganz viele, die sich mit ihren eigenen Kapiteln aneinanderreihen wie Kurzgeschichten. Doch haben alle mehr oder weniger miteinander zu tun. Handlungen erzeugen Ursachen, dessen Wirkungen sich dann in den folgenden Geschichten zeigen. Mit dem agierenden Personal spielt der Autor inhaltlich und sprachlich. Alle bekommen ihr passendes Klangkostüm angezogen. Die Übergänge sind zwischen den Kapiteln fließend. Denn der Ausklang, der nicht vollendete Satz, wird zum Anfang des kommenden Textes, der den Raum in Gorbach erweitert. Kein Werk, das sich anbiedert oder gefällig sein möchte, sondern uns durch seine Kunst ins Kippchen kippen lässt. Ein wundersames Werk, das durch die Perspektivlosigkeit Perspektiven verdeutlicht.

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Vincent Maillard: „Lebowskis Knochen“

Vom Gärtner und seinem Hund, der einen Knochen ausgräbt und dabei nicht nur einen gruseligen Fund macht, sondern in den Gesellschaftsschichten wühlt und diese spitzfindig umgräbt. Somit ist dieser Roman kein gewöhnlicher Kriminalroman, sondern ein spannendes, zynisches und humorvolles Werk.

Jim Carlos, eigentlich Ingenieur, arbeitet als Gärtner. Er wird als Landschaftsgärtner gebucht und stets von seinem Hund, Lebowski, begleitet. Den Hund hat Jim aus dem Tierheim befreit und eigentlich Dumby genannt. Doch die Wesensart des Hundes lässt eine Assoziation zu dem Film „The Big Lebowski“ zu und der Name änderte sich sofort. Es sind anfänglich die Notizen von Jim, die wir lesen. Denn sein Notizbuch wird später gefunden und liegt einer Richterin vor.

Jims neuer Auftrag führt ihn zu einem luxuriösen Anwesen, das den Loubets gehört. Der Hausherr ist bekannt aus dem Fernsehen und sie, als Professorin, stammt vom Adel ab. Sie möchten dem Trend folgeleisten und einen ökologischen Selbstversorgergarten in ihrer Anlage integrieren. Doch muß Jim vorerst aufklären, dass die geplante Ecke zu schattig ist und sie erst, wenn sie doch die ganze Anlage nutzen würden, sich gänzlich davon versorgen könnten. So bleibt es bei wenig Salat und Gemüse. Die Loubets laden Jim zum Snack und Gespräch ein, verlangen aber, dass Lebowski stets angebunden wird. Gerade dieser macht eine Entdeckung. Er gräbt einen Knochen aus, der später als menschlich identifiziert wird. Die Loubets haben zwei Töchter, wobei die Ältere nie anwesend ist. Auch spricht die Familie über diese nicht. Ist hier etwas Grausames geschehen? Jim beginnt sich Fragen zu stellen, denn auch der frühere Gärtner ist doch verschwunden …

Dies alles liegt in einem blauen Notizheft als Beweis vor, denn auch Jim ist verschwunden. Bei den Durchsuchungen wird ein weiteres Heft mit Notizen gefunden, die ohne Punkt enden. Die Ermittlungen und der Prozess bekommen dann aber eine überraschende Wende.

Das Graben wird hier wörtlich genommen. Denn mit einem feinen, humorvollen Ton werden viele Schichten der Gesellschaft freigelegt. Dabei ist das Buch ein spannender Kriminalroman mit einer außergewöhnlichen Handlung. Der Roman wurde von Cornelia Wend aus dem Französischen übersetzt.

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Martina Berscheid: „Fremder Champagner“

Dies sind Erzählungen, die sich hauptsächlich mit dem menschlichen Gruppengefüge beschäftigen. Es sind Lebenssituationen, die alltäglich, unterschiedlich und überraschend sind. Der Titel deutet es an. Champagner ist eine Steigerung vom gewöhnlichen Sekt und wird meist zu besonderen Anlässen, Feierlichkeiten oder Momenten getrunken. Doch ist es ein fremder Champagner. Das Fremdeln wird somit thematisiert. Die Autorin blickt mit viel Einfühlungsvermögen auf ihre Figuren und beobachtet die kreierten Situationen ganz genau. Es sind Kurzgeschichten, die alle durch ihre Knappheit und Verdichtung der Handlung fesseln. Die Stimmungen werden dezent angehoben und die Wendungen überraschen und öffnen Risse in unseren zwischenmenschlichen Bindungen. Daher erinnern diese Texte an die Kurzprosa von Deborah Levy. 

Die Sammlung beginnt auch mit einer Geschichte, in der der Champagner auftaucht. Es ist eine Frau, die liegengebliebene Kassenbons beim Einkaufen aufhebt und sich anhand der gekauften Produkte Geschichten um die Käufer ausdenkt. Dies gilt ihr als Flucht vor der Tristesse des Ehealltags. Die Ehe wird in weiteren Geschichten auf die Prüfwaage gestellt. Besonders bei einer gemeinsamen Reise. Zwei Familien, die sich angefreundet haben und nun erstmalig zusammen ans Meer verreisen. Dabei entsteht aus anfänglicher Distanz eine Erkenntnis, die die Frauen zu Verschwörerinnen werden lässt. Alle Menschen in diesen Geschichten hadern, sind verzweifelt oder fühlen sich in der Gemeinschaft allein.  Eine Leere bricht auf, die sich Neues sucht. Auch wenn diese Suche mit Hilfe des Passworts für den Laptop des Partners geschieht. Die Einsamkeit sucht sich diverse Wege und kann auch Verstorbene, zumindest in der Vorstellungskraft oder dem Wunschdenken lebendig werden lassen. Bleibt am Ende lediglich ein gespürter Windhauch? Im Leben ist es somit wie in den Beziehungen. Klare Verhältnisse können hilfreich, aber auch verstörend sein. Der Wunsch nach menschlicher Nähe kann zuweilen ungewöhnliche Wege gehen. Dabei hilft eine Verkleidung, die lediglich für den Moment das Leben anders erscheinen lässt. Manche Menschen benehmen sich, als wären sie Könige und sind dabei meist das diabolische Gegenteil der Menschlichkeit.

Belanglosigkeiten entpuppen sich als wichtig und die kleinen Momente sind es, die uns, die Situation und das Umfeld verändern. Das Herumtänzeln um Probleme innerhalb der Gesellschaft, der Beziehungen und der Familie ist menschlich, aber niemals zielführend. Missverstandene Emotionen oder Missdeutungen, wenn nicht sogar Vorurteile, können dabei gefährlich werden. Gerade wenn sich Aggression andeutet. Ein Charakter geht in einer Geschichte sogar soweit und möchte einen Brandanschlag verüben, der dann zum Glück durch das Auftauchen der Familie abgewendet wird.

Die Erzählungen haben unterschiedliche Spannbreiten von großen und kleinen Handlungen. Doch die Auswirkungen sind meist enorm. Martina Berscheid hat ein Gespür für Geschichten, Charaktere und Wendungen. Sie fühlt sich ganz genau in Situationen hinein und kann diese literarisch zum Leben erwecken. Dabei tanzt sie mit Humor, Tragik und Spannung. Ein bunter Lebensreigen, der uns fesselt, nachdenklich stimmt und die Gefühlswelt durcheinanderwirbeln kann.

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Wolfgang Schiffer: „Gespräche mit dem Enkel“

Diese Lyrik-Gespräche sind an uns alle gerichtet. Der Inhalt folgt dem Blick des Großvaters auf den Enkel, der Fragen stellt. Diese werden nicht kindlich, sondern ehrlich und mit Bedacht beantwortet. Hier spricht ein lebenskluger, älterer Erdenmensch zu einem jungen Menschen, der sich vor dem Ganzen fürchtet. Trost wird gespendet, aber auch die unverblümte Wahrheit gesagt. Ein kleiner großer Freund bekommt Gedichte geschenkt, die uns als Kunstwerk gereicht werden. Das Gespräch berührt. Ob es jemals wirklich so verlief, ist nebensächlich. Diese Zeilen und die Bilder sind, um den Autoren zu zitieren: „Küsse vom Leben“.

Das Buch ist kunstvoll gefertigt und japanisch gebunden. Neben den Gedichten von Wolfgang Schiffer befinden sich Grafiken von Jón Thor Gíslason. In der einfachen Version ist ein Linolschnitt, in der Kunstausgabe sind weitere Radierungen und Linolschnitte vom Künstler signiert. Beide Ausgaben sind handschriftlich nummeriert und signiert.

Als Einstand steht die Frage, was denn Gedichte sind. Bei dieser Frage stockt es bereits, doch erfolgt der Rat, es selbst zu finden, zu hören und wirken zu lassen. Dabei aber niemals zu ernst zu nehmen. Die Jetztzeit wird bei den kommenden Texten in Frage gestellt. Eine Gesellschaft, die Technologien glorifiziert und nicht allein zum Zwecke nutzt, gerät durch die Schnelllebigkeit in Atemnot. Das menschliche Umfeld hat sich verändert, hat einen Fortschritt erlebt, aber der Mensch selbst stagniert oder wandelt rückwärts. Hier wird die Frage aus Kindesmund gestellt. Der Blick auf die Vögel, die Natur und ob es Liebe gibt. Die Liebe des Großvaters zur Oma wird hinterfragt und ob der Erzähler auch einen Großvater hatte, der dann früh, früher starben Großväter auch früher, verstarb. Ein Trost, dass man traurig sein darf und zuweilen nicht an Gott glauben muss.

Wolfgang Schiffer gibt uns mit diesem Buch dezente Antworten, die an einen intimen Zuhörer gerichtet sind, aber dann uns alle meinen. Die Liebe zur Literatur und der Lyrik wird deutlich, durch die Sprache, den Klang und die Antwort auf das Reisen. Denn das wichtigste und beständige Reisen beginnt mit jedem Buch und das eigentliche Fotoalbum mit Urlaubserinnerungen sind bei Literaten die Bücherregale. Die Angst vor dem Leben und die Angst vor dem Tod wird fast schon auf Shakespeareweise („Der Rest ist Schweigen“) beantwortet und die schweigende Stille sagt hierbei mehr als Worte. Das Überleben der Menschheit geht einher mit dem Verlust der Menschlichkeit und wird dadurch weniger trauererfüllt sein. Doch bereichern gerade diese Zeilen das individuelle Menschlein und die Hoffnung bleibt.

Ein Buch, um Antworten zu finden, die durch die Lyrik auf das eigene Empfinden hinweisen und jede gegebene Antwort deutet somit auf den fiktiven Zuhörer und nun auf uns.

Ein Kunstwerk zum Sinnieren, Verweilen und für eine erneute Rückkehr in die Zeilen und Bilder, die jeweils Gedanken und Emotionen malen. Diese Lyrik ist ein Geschenk, eine Hinterlassenschaft.

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Sachiko Kashiwaba: „Sommer in der Tempelgasse“

Ein übersinnlicher Roman für junge und alte  Buchliebhaber. Denn letztendlich geht es in der Geschichte auch um den Wunsch, unbedingt einen Roman zu Ende lesen zu dürfen. Die Magie der Geschichten steht dabei im Mittelpunkt und das Ende darf verraten sein: „Die Zukunft ist eine Geschichte …“

Es ist eine wunderschöne Gespenstergeschichte um Freundschaft und die uneigennützige Liebe. Es ist ein kleines japanisches Meisterwerk. Der Buchumschlag hat einen geprägten Druck, der bereits das Sinnliche erfassen lässt. Es sind viele Illustrationen eingearbeitet, die von der Manga- und Anime-Künstlerin Miho Satake stammen. Der mystische und fantastische Roman verbirgt eine Geschichte in der Geschichte, die durch die gänzlich andere Seitengestaltung auffällt. Die Übersetzung aus dem Japanischen stammt von Luise Steggewentz.

Kazu ist ein ängstlicher Schüler, der nie dachte, dass es im Familienhaus ein Geheimnis gibt. Er hat gerade Gruselfilme im Fernsehen gesehen und wacht mitten in einer schwülen Nacht auf. Er muss auf die Toilette, traut sich aber nicht die knarrende Treppe herabzusteigen. Also geht er auf das Dach, um sich im Regenguss zu erleichtern. Dabei sieht er ein Mädchen aus seinem Elternhaus gehen. Sie wirkt der Zeit entrückt und trägt einen altmodischen und gänzlich weißen Kimono. Träumt er? Als er am kommenden Tag in die Schule geht, wird alles noch unheimlicher, denn das Mädchen geht in seine Klasse und alle kennen sie als Akari und wundern sich, dass Kazu sie nicht als Schulfreundin erkennt. Es sind die letzten Schultage vor den Sommerferien und sie betrachten alte Stadtkarten. Dabei erkennen sie, dass es damals auch andere Orts- und Straßennamen gab. Kazus Straße trug einst den Namen „Kimyotempelgasse“. Hat es in seiner Straße einen Tempel gegeben? Einen magischen Ort, der es ermöglichte, dass die Toten wiederkehren konnten?  Er forscht weiter und tut so, als sei es sein Sommerprojekt für die Schule. Dabei stößt er auf die mysteriöse Minakami mit ihrem wundersamen Kater Kiriko. Minakami, ein Mönch und ein Stadtrat scheinen mehr zu wissen und werden ganz hellhörig, als Kazu nach dem Kimyotempel fragt. Kazu hört durch seinen Onkel von einer alten Legende, die seine Familie bewahrt. Es geht um eine kleine Buddhastatue, die magische Fähigkeiten zu haben scheint. Kazu und Akari verbünden sich, um den plötzlich geklauten Buddha zu finden und um letztendlich auch die Quelle der magischen Kraft, die Akari am Leben hält, zu beschützen.

Akari genießt alles, was Leben bedeutet. Auch wenn sie nicht bei ihren wirklichen Verwandten sein kann. Ihre jetzige Mutter ist lediglich eine körperlose Stimme und mit Kazu möchte sie endlich die Geschichte finden, die sich um die Legende um den links stehenden Mond dreht, um diese nach so vielen Jahren endlich zu Ende lesen zu können. Dies ist ihr sehnlichster Wunsch. Doch wer hat dieses Märchen damals geschrieben und warum gibt es bisher kein Ende?

Der „Sommer in der Tempelgasse“ ist ein magisches Buch. Ein Wunder, das Märchen und Legenden in uns lebendig werden lässt. Somit wendet sich auch in uns das Totgesagte zurück zu den Lebenden. Die Wahrheit dieser Wiederkehr berührt und verzaubert uns. Egal ob es mit acht Jahren oder mit achtzig Jahren gelesen wird, denn die Geschichte hat Zukunft …

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