Ute Cohen: „Der Geschmack der Freiheit“

Eine Geschichte der Kulinarik

„Wer die Freiheit kosten will, sollte sie sich nicht nur um die Nase wehen, sondern auch auf der Zunge zergehen lassen“ (Ute Cohen)

Die Behauptung, etwas schlägt uns auf den Magen oder sofern wir nicht verkopft reagieren wollen, dass wir aus dem Bauch entscheiden, sind Wegweiser unserer geschmackvollen Weltsicht. Sofern wir die Sinne aktivieren und anregen, können auch Ideen wachsen. Wir behaupten ferner, sofern wir jemanden mögen, wir können ihn gut riechen. Somit sind viele unserer Welteindrücke mit den Sinnen verbunden. Jeder hat kulinarische Erinnerungen, die oft in der Kindheit wurzeln, die ein Gespür für Freiheit in sich tragen. Um es persönlich einzufangen: ich habe einen besten Freund, der damals ins Internat ging und somit sahen wir uns lediglich in den Ferien. Eines unserer Highlights war an einer Busendstation am Kiosk ein Heavy Metal Magazin und jeweils eine Dose Bier zu kaufen. Da wir Schüler waren, hatte dies etwas leicht Verbotenes, Anrüchiges und wir erlebten es als absolute Freiheit. Seitdem ist Dosenbier und Heavy Metal mein Freiheitsbegriff. Das Dosenbier ist wahrlich nicht die höchste Kulinarik, aber dies beschreibt das Jugenderlebnis, das Ute Cohen wohl mit ihrem Titel andeuten möchte. Denn Ute Cohen geht viel weiter. Sie umspannt die Geschichte der Kulinarik. Dabei wird sie philosophisch, sinnlich und persönlich. Jedes Kapitel ist ein Gaumenschmaus und kann einzeln inhaliert werden oder als Gesamtkunstwerk, als mehrgängiges Menü. Durch die Historie und Ute Cohens persönlichen Werdegang steht vieles in dem Buch mit Frankreich in Bezug, doch geht sie auch hier viel weiter und beweist immer wieder, dass die Freiheit durch den Magen geht.

Die Gastronomie, wie wir sie heute begreifen,  entsprang der Französischen Revolution und gerade „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist in der Schankwirtschaft vereint. In der Auswahl und Freiheit frei ein Gericht zu wählen. Gleichgesinnt am Tisch zu sitzen und brüderlich vereint den Moment zu feiern.

Die Kapitel erzeugen Lust und sind eine Tafel voller Wissen. Ute Cohen erzeugt eine Neugier und holt uns alle ab und lädt uns ein, Platz zu nehmen und einfach zu genießen.

Das Buch schaut in historische Kochtöpfe und folgt den Weg der Speisekarten bis in die Gegenwart. Ein verführerisches und süffiges Buch. Dr. Ute Cohen lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. 

Nicht verpassen: Montag, 30. September 2024. 19:00 Uhr Lesung mit Ute Cohen in der Buchhandlung Almut Schmidt. Hauke Harder spricht mit Ute Cohen, die aus ihrem Buch »Der Geschmack der Freiheit« liest.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Pol Guasch: „Napalm im Herzen“

Wenn die Realität unerträglich wird, hilft nur die Flucht in die Phantasie. Literatur ist hierfür ein wunderbares Portal. Doch öffnet sie sich in beide Richtungen. Bücher lassen uns der Welt entkommen, erklären uns diese aber wiederum auch viel besser. Dieser Roman ist ein Brandkampfstoff, der ins Herz trifft. In einer wunderschönen Sprache, die aber keine heile Welt erschafft, wird das Leben in totalitärem Umfeld in Frage gestellt. Es sind Bilder der vielfältigen Unterdrückungen, die den Menschen fliehen lassen. Raumflucht oder die Flucht in den erdachten Schutzraum. Dabei wird immer deutlicher, wenn das Menschliche versagt und die Menschheit dabei Oberhand gewinnt, stirbt das natürliche Umfeld. In der Umkehr gilt es ebenso. Denn als sich das Regime zurückzieht, kehrt in diesem Roman auch die Natur zurück. Ein Roman, in dem gleich am Anfang die Frage nach der Kunst des Lebens oder des Überlebens steht.

Die Unterdrückung wird sprachlich spürbar eingefangen. Dennoch ist es eine schöne Sprache, die nichts verschönt und zuweilen auch drastisch und brutal sein kann. Die Sehnsucht nach Freiheit gelingt dem Erzähler vorerst nur durch seine Träume, Texte und Phantasie. Die Heimat des Erzählers ist militarisiert und den Menschen wurde geraten, die Region zu verlassen. Einige sind aber geblieben. Eines Nachts gab es in der Fabrik einen lauten Knall und die Nacht wurde zum Tag durch gleißendes Licht. Dieser Moment hat alles verändert. Das Wilde erobert sich ihre Heimat zurück und Grenzen lösen sich auf. Der Erzähler lebt mit seiner Mutter in einer gewalttätigen Welt. Hoffnung, meint er, führe nur zur Niederlage und er findet sich ein in der trostlosen Welt. Alles wird reglementiert und streng bewacht. Kahlköpfige Männer bewachen, ordnen an und übermitteln die Botschaften und Post. So auch die Briefe des Erzählers. Schulden werden anhand von Kerbhölzern aufgeführt und ebensolche leise Liste macht sich der Erzähler auch für die Tage. Es sind bereits über neunhundert Tage nach dem Vorfall. Trost findet er nur in der Natur und in seiner Liebe zu Boris. Doch auch diese Liebe ist wie die ursprüngliche Sprache verboten. Die Menschen werden ihrer Herkunft beraubt und die Liebe darf nicht frei sein. Dagegen wehrt sich der Erzähler und hält an seiner Sprache und Liebe fest. Durch ihre Briefe und heimlichen Treffen versuchen sie, sich gegenseitig zu retten. Boris macht unerlaubte Fotos, die Lebensmomente und Gefühle fixieren. Die Mutter des Erzählers lässt eine für den Erzähler unerträgliche Nähe zu einem der Kahlköpfigen zu. Der Erzähler lebt in einem Umfeld, das Gewalt kennt und er langsam auch davon nicht mehr abweicht. Durch die Taten und das Erkennen der Situationen bleibt für ihn und Boris nur die Flucht übrig.

Ein poetischer Roman, der einen nicht mehr loslässt. Die kurzen Kapitel und die erzeugten Bilder bewirken eine Faszination, die einen gänzlich gefangen nimmt. Eine zarte Sprache, die dann in ihrer Sanftheit etwas Grobes verbirgt und uns entgegenschleudert. Was bleibt uns als Menschheit übrig, wenn wir nicht lieben dürfen, wen wir wollen, was wenn wir nicht leben können wie gewünscht oder sprechen dürfen, wie wir empfinden? Welche Schlupflöcher in unserer erkrankten Welt bleiben uns? Zumindest das der Literatur bleibt. Dies beweist „Napalm im Herzen“ von Pol Guasch. Der Roman wurde aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt übersetzt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Marion Messina: „Die Entblößten“  

Ein raffinierter Roman, der aufzeigt, wohin in wenigen Jahren in der Zukunft die Menschen treiben, die alles verlieren und uns somit fragt, in was für einer Zukunft wir leben möchten. Die Entblößten sind Menschen, die in einem Frankreich agieren, in dem das System kränkelt. Das Soziale macht dem Machterhalt und der Profitgier Platz. Politische Entscheidungen sowie das Reglement erschweren das Leben. Das Leben, das generell in allen Bereichen für den Menschen fast nicht mehr finanzierbar geworden ist.  

Sabrina, Paul und Aurélien versuchen, sich neu zu arrangieren. Sie möchten in der rasanten Zeit Halt finden. Auch die Präsidentin taucht auf. Sabrina ist Lehrerin und fragt sich, wo ihre Leidenschaft für das Lehren geblieben ist. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, die sich um das Sorgerecht sorgt und die Schulkinder beobachtet, deren Aufmerksamkeitsspanne in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken ist. Sie ist mit ihrer Lebens- und Berufssituation überfordert und reagiert über. Paul hat als Literaturwissenschaftler auch beruflich aufgegeben und entflieht der Großstadt Paris. In einem entlegenen Winkel des Landes arbeitet er an der Fleischtheke eines Supermarktes. Er freundet sich mit Aurélien und dessen Familie an. Aurélien betreibt einen Hof in siebter Generation und hat sich auf Kastanienanbau spezialisiert. Doch durch die steigenden Kosten, Auflagen und Krisen wird es immer schwerer, sich in der Landwirtschaft zu behaupten. Der kleine Unternehmer hat es gegenüber den Großkonzernen schwer mitzuhalten.

In dieses Panoptikum tauchen wir ein und die Situation spitzt sich immer weiter zu, besonders durch die öffentliche Selbstverbrennung eines Studenten vor dem Parlament. Hier beginnt der Roman und zieht dann weitere Kreise um die Protagonisten und zeigt eine unruhige Welt voller Umbrüche. Massenproteste sind die Folge, die dann wiederum mit Gewalt gestoppt werden sollen.

Der Roman ist beklemmend aktuell und entblößt dabei nicht nur seine literarischen Figuren, sondern uns selbst. Ein explosiver und wichtiger Roman. Wie bereits zum Beispiel Katrin Seddig in „Sicherheitszone“ zeigt auch Marion Messina das Politische im Privaten und beobachtet, wenn gesellschaftliche Unruhen zu eskalieren drohen. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

William Boyle: „Shoot The Moonlight Out”

William Boyle hat erneut einen Brooklyn-Roman geschrieben. Einen sehr düsteren, aber einen, in dem jede Figurenzeichnung großartig angelegt ist. Um ein Drama aus dem Jahr 1996 entwickelt sich fünf Jahre später eine verstrickte Handlung voller Leidenschaft, Trauer, Gewalt, rücksichtslosen Menschen und den Versuch des Verarbeitens und Vergebens. Ein Spannungsroman, der Grenzen überwindet und mit einem enormen Sprachklang Leinwandszenerien in unsere Köpfe malt. Der Roman wurde aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf übersetzt.

Zwei Jungs, Bobby Santovasco und sein Freund Zeke, Teenager und nicht gerade die Klügsten, hängen gerne ab und träumen von unerfüllten Erlebnissen mit Mädchen. Aus Zeitvertreib werfen sie Sachen von einer Brücke, nahe einem Shopping-Center in Südbrooklyn. Erst Ketchup oder Ähnliches. Dann Steine. Daraus machen sie eine dumme Wette und eine junge Frau stirbt. Die Jungs können entkommen.

Jack Cornacchia hat ein trauriges Leben. Er ist Witwer und hat auch kurz nacheinander seine Eltern verloren. Nun ist er alleinerziehender Vater und möchte seiner Tochter, Amelia, den Weg als Schriftstellerin ermöglichen. Er ist per Zufall an den Job eines Rächers und Eintreibers gekommen und übt bezahlte Selbstjustiz aus. Als er gerade von einem Auftrag heimkommt, der ihn zu dem zwielichtigen und dauernd Milch trinkenden Anlagenberater Max Berry führte, fährt er an einem Unfall vorbei. Es ist jener, den Bobby und Zeke verursacht haben und die Tote ist Jacks Tochter, Amelia.

Fünf Jahre später verbindet sich alles zufällig. Jack macht einen Schreibkurs in kirchlichen Kellergewölben bei Lily Murphy, die ihn an seine Tochter erinnert. Er versucht, die Vergangenheit und den Schmerz durch Literatur zu ordnen. Lily ist die Stiefschwester von Bobby, der nun für Max arbeitet, der seine Machenschaften weiterhin ausführt und wohl Kontakte zu der Mafia pflegt. In dem heruntergekommen Büro lagert er eine entwendete Tasche voller Geld und Drogen als Freundschaftsdienst in seinem Tresor. Alle träumen von dem großen Coup und der Möglichkeit abzuhauen. Auch Bobby, der den Tresor ausraubt und sich dadurch mit den Falschen anlegt. Ausgerechnet Jack erhält den Auftrag, sich der Sache anzunehmen, nicht wissend, dass er dadurch den Verantwortlichen am Tod seiner Tochter begegnen wird.

Ein epischer Spannungsroman, der eher durch die Charakterentwicklung an Spannung zunimmt. Er benötigt keine großen Handlungsverläufe sondern schildert die innere Enge und die äußere Befangenheit innerhalb des Milieus. Die Handlung ist düster und die Figuren agieren schonungslos. Dennoch gibt es stets Hoffnung und Humor. Ein wuchtiges und ergreifendes Werk.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Katrin Schumacher: „Liste der gebliebenen Dinge“

„Liste der gebliebenen Dinge“ ist ein sinnliches Spracherlebnis und spielt mit den Elementen und Genres. Ein Roman als Kunstwerk. Ein Stillleben zeigt reglose Gegenstände in der Fixierung, die einst lebten und weiterhin durch den Lebensprozess gehen werden. Kunst ist Leben und möchte durch die Darstellung der Endlichkeit einen für immer bleibenden Moment erzeugen. Im Wandel der Zeit finden die Figuren im Leben und in der Kunst keinen Halt. Was hat im Leben Beständigkeit? Was bleibt und was geht verloren?

Ein Roman der voller Stimmungen, Märchen und Naturbeobachtungen ist. Im Mittelpunkt steht ein Liebespaar, Kato und Mirren. Beide betreiben Kunst und erschaffen Welten. Die eine nebenbei, die andere im größeren Stil. Aus einer großen Stadt ziehen sie in eine kleine Ortschaft und dann für einige Wochen in ein natürliches Refugium. Immer in Wassernähe. Ein Fluss, ein Kanal oder ein Bach. Doch verschwindet auch einfach ein See. Somit durchstreift Katrin Schumacher die Welt der Literatur. Goethe und Ende könnten erwähnt werden. die Anspielungen sind nicht aufgesetzt sondern werden durch die Handlung und die vermischten Stilmittel erzeugt. Es ist der Debütroman von Katrin Schumacher, doch ist sie in der Literaturszene keine Unbekannte. Somit ist dieser poetische Raum, den sie mit „Liste der gebliebenen Dinge“ erzeugt, keine große Überraschung. Sie hat auch bereits in der Buchreihe „Naturkunden“ ein Portrait über Füchse geschrieben. Diese magischen Tiere tauchen somit natürlich auch im Debüt auf. Denn dort, wo ein Fuchs erscheint, verändern sich die Spielregeln.

Wenn wir uns erinnern möchten, uns einen Plan über das Vergangene machen oder versuchen, das Gegenwärtige oder Kommende zu organisieren, legen wir Listen an. Doch welche Listen werden später Bedeutung haben? Diese Frage stellt sich Mirren, die, während sie erzählt, sich erinnert, und das Damalige geistig aufleben lässt. Ständig fragt sie nach Kato. Beide haben sich kennen und lieben gelernt. Mirren malt aus Leidenschaft, aber nicht aus beruflicher Intention. Kato erzeugt genussvolle Kunst. Sie kocht und drapiert üppige Stillleben bedeutender Künstler nach, damit ihr Publikum, ihre Gäste, das Kunstwerk erfassen, schmecken und räumlich erleben können. Gemüse und Früchte werden dadurch zu sinnlicher Kunst. Doch ist diese vergänglich. Sie verändern ihren Lebensraum durch Umzug. In ihrer Bude, ein hüttenartiges Provisorium in der idyllischen Natur, finden sie Unterschlupf. Doch hat diese Bude ungeahnte Lücken im Boden und Befremdliches übernimmt den Lebensraum. Tierfabeln und Märchen werden durch die Erzählungen von Kato in dieser Kulisse und jeweiligen Kapitelszenerie lebendig. Auch andere Figuren und Widersacher treten auf. Alles ist in diesem Roman im Wandel. Das Wachsen, Beobachten und Wirken lassen sind hierbei der Antrieb.

Kunst als Leben und als Lebensunterhalt sind die Spielfelder für das Bild unserer unhaltbaren Welt. Mit einer wunderschönen Sprache, die sinnlich und poetisch ist, erzeugt Katrin Schumacher eine Faszination, die sie, wie die Spannung, bis zum Ende aufrechterhält. Ein Gemälde ganz aus Worten, das nicht den Moment erstarren lässt, sondern mit Leben füllt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Liselotte Welskopf-Henrich: „Nacht über der Prärie“

Der Western und Neowestern übt weiterhin eine enorme Faszination aus. Die Prärie und ihre Geschichten von der Besiedelung bis in die Gegenwart. Die unfassbar gute TV-Serie „Yellowstone“ und alle Serien um diesen Kosmos zeigen eine unverklärte Darstellung, die in der Literatur zuweilen gesucht werden muss. Unser Bild wurde durch Karl May geprägt, dessen Traumwelt immer noch Spaß macht, besonders durch die jährliche Interpretation bei den Festspielen in Bad Segeberg. Doch hat Karl May ein Bild erzeugt, das seiner Vorstellung entsprach. Es sind erdachte Welten, in denen die gebürtigen Amerikaner oft als edle, gerechte und weise Wilde oder auch als blutrünstige Bestien auftauchen. Das tatsächliche amerikanische Leben hat Karl May nie erfahren und alles ist bei ihm ein literarisches Märchen. Anders ist es dann mit den historischen Romanen von James Fenimore Cooper, die wiederum die Autorin und Wissenschaftlerin Liselotte Welskopf-Henrich zu ihren Werken inspirierten. Sie hat das Land oft bereist, Gespräche geführt und wurde sogar als Unterstützerin des Freiheitskampfes geehrt. Ihre Romanwelt beginnt mit Harka, dem Helden der Hexalogie „Die Söhne der Großen Bärin“. Dieser Romanzyklus zeigt die Welt bereits zwiespältig und stellt soziale Fragen. Während diese Bücher wohl noch eher die jugendlichen Leser begeistert, erweitert die Pentalogie „Das Blut des Adlers“ die historischen Betrachtungen und ist eher Literatur für Erwachsene. Die Handlung beginnt mit dem Band „Nacht über der Prärie“ und schildert die Lebensverhältnisse in einem Dakota-Reservat in den 1960er Jahren. Somit ist es eine Fortführung der Harka-Geschichte, die aber für sich stehen kann.

Im Mittelpunkt stehen das Leben und der Freiheitskampf der Dakota. Joe King kehrt aus dem Gefängnis zurück. Alle sind in Aufregung, weil er zurückkommt. Besonders die herrschende Obrigkeit. Der vermeintlich ehemalige Gangster kehrt in das Reservat zurück und möchte eine Ranch aufbauen. In dieser fiebrigen Stimmung wird sein Auftauchen von seiner ehemaligen Gang und den Behörden genauestens beobachtet. Queenie studiert Kunst und fühlt sich in den Welten aufgeteilt. In die Welt ihrer Familie und Vorfahren und die der Weißen. Sie trifft erneut auf Joe King und ihre Liebe aus Kindheitstagen entfacht. Doch immer wieder geraten die Beiden in den Konflikt mit der bestimmenden Politik und der kriminellen Vergangenheit von Joe King. Der Romanzyklus weitet sich bis zu den damaligen Aufständen aus und schildert die Erlebnisse sehr lebendig und authentisch.

Die Sprache von Lieselotte Welskopf-Henrich ist bildhaft und nahbar. Ihr Schreiben beruht auf Erlebtem, Gehörtem und Erfahrenem. Sie hat sich somit oft echte Vorbilder genommen, um daraus Romanfiguren zu gestalten.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Layla Martínez: „Heiligenbilder und Heuschrecken“

Schaurig schöne Rache. Ein komprimierter Roman, der so lebendig ist, dass sogar die Toten leben und der in das Zentrum ein Haus stellt, das alles erlebt und somit selbst die Schatten zum Leben erweckt. Diese Rachegeschichte, die durch den Phantastischen Realismus Elemente des klassischen Schauerromans beinhaltet, ist etwas Besonderes und großartige Literatur.

In einer reduzierten, poetischen Sprache, die fast atemlos macht wird die Handlung erzählt, die aus zwei Perspektiven viele Geschichten einverleibt. Die fehlenden Kommata minimieren die Pausen im Redefluss und die Luft beim Erzählen wird immer dünner und wir müssen selbst am Ende tief Luft holen.

Ein Geisterhaus als Metapher oder als Handlungsort ist nichts Ungewöhnliches. Besonders wenn es um die Gräueltaten der Vergangenheit geht. Doch ist diese Grusel-Parabel etwas ganz anderes. Das Haus als Schutzraum, der das Behütende umkehrt und seine Bewohner nicht loslässt. Die Wahrnehmungen verschieben sich. Das Leid der Frauen und die ekelhafte Überheblichkeit der Männer als Ausgangsbasis. Somit erinnert das kurze Werk an Allendes Geisterhaus, an Endes Spielverderber und an die klassische Gruselliteratur.  

Es sind zwei Frauen, die abwechselnd erzählen. Die Enkelin und ihre Großmutter. Sie leben in einem alten Haus in Südspanien. Das Haus hat sein Eigenleben, es knarzt, rumpelt überall und es lässt die beiden nicht los. Sie leben in einfachen Verhältnissen und gekocht wird in einem Topf mit allen Zutaten, die gerade zur Hand liegen, die einfach zum beständig köchelnden Eintopf hinausgeworfen werden. Es sind die Schatten, die sich ihrer bemächtigt haben. Die Seelen der Verstorbenen sind in den Gemäuern aktiv. Mauern, die Kriege und das menschliche Leid in ihrem Fundament zementiert haben. Auch die Frauen haben ihre eigenen Geschichten, die nun das häusliche Leben ergänzen. Die Enkelin hat unter ihrer Aufsicht den Sohn einer mächtigen Familie des Ortes verloren, entkommen lassen, der seitdem verschwunden ist. War es ein Zufall, eine Unachtsamkeit? Oder verbirgt sich mehr dahinter, wie in der Vergangenheit der Großmutter, deren Mutter ihren Mann eingemauert hatte? Die Macht der vermögenden Familien und besonders das Machtspiel der Männer werden dabei immer deutlicher. Die Geschichte des Hauses beginnt mit einem Mann, der seine Macht erkannte und Frauen an sich band, die er dann prostituierte und an sich fesselte.

Somit ist es eine feministische Rachegeschichte, die die Realität verrücken lässt. Die beiden Perspektiven nehmen immer mehr Konturen an, um dann doch alles zu verzerren. Die Bilder drehen sich. Auch die Heiligenbilder, die Schutz geben sollten sind die Falschen. Denn auch die Engel sind hier Heuschrecken.

Ein Werk, das roh und doch feingeschliffen ist. Der Schutzraum der eigenen vier Wände verwandelt sich und der Roman erzeugt ein Gefühl der Isolation. Ein Schauerroman, der die Gesellschaft und die Geschichte in den Satzfugen einmauert. Der Text wirkt auf uns ein und legt immer mehr an zementiertem Unwohlsein frei. Ein literarischer Aufruf zur feministischen, menschlichen Freiheit und Unabhängigkeit. Übersetzt aus dem Spanischen von Christiane Quandt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Hank Zerbolesch: „Gorbach“  

Gorbach dient als fiktiver Ort und stimmt durch die Namensgebung klanglich auf das Inhaltliche ein. Wäre diese Literatur Musik, würde man von einem Konzeptalbum schreiben. Schonungslos, unverblümt und doch stets literarisch wirft uns Hank Zerbolesch in diverse Handlungen, die sich verbinden, begegnen oder versanden. Lebenswirklichkeiten am Rande des Ortes, des Lebens und der Gesellschaft prallen ineinander und wühlen uns, den Schmutz und alles andere auf. Der Klang ist dabei roh, fein und voller Mitgefühl. Das Drama hat Witz und der Humor ist tieftraurig. Das Randgebiet als Ballungszentrum mit seinen Bewohnern. Prägt der Ort die Menschen oder machen die Menschen den Ort? Die Handlung wird dabei zum Ort und somit die verbindende Hauptfigur.

Im Ort sind die kulturellen Höhepunkte zum geselligen Treffen, die Kneipe „Kippchen“ und der Kiosk „Büdchen“. Hier und dann doch ganz woanders füllt sich die Ortschaft mit Leben. Es sind Polizistinnen, Lehrer, Musikerinnen, Drogensüchtige, Buchhalter und ein Autor, der existentielle Fragen an das geduldige Papier stellt. Am Anfang ist der irre Ele, der in seiner Wohnung wartet. Er ist an seinen Rollstuhl gebunden, weil er damals ein Auto geklaut hatte und bei der polizeilichen Verfolgung von der Straße abgedrängt wurde. Die verfolgende Polizistin fühlt sich immer noch schuldig, besucht ihn regelmäßig und ertrinkt ihren Kummer mit Bier. In der Kneipe sind noch Udo und Micha, die zu alles eine Meinung pflegen. Die Bardame ist bei den Geschehnissen im Kippchen vom Handy abgelenkt, wird dann aber auch redselig und erzählt von ihrer Heimat, aus der sie wegen des Krieges geflohen war. Ihr Mann durfte das Land nicht verlassen und somit versucht sie allein für ihre Tochter zu sorgen. Ferner werden wir Zeuge einer Musikproduktion und der brutal endenden Plattenaufnahme. Die Situationen sind oft aus Einsamkeit, Verwahrlosung und Nichtverständnis entstanden und werden wortwörtlich immer brenzliger und zündeln letztendlich einiges nieder. Mitschüler werden krankenhausreif geschlagen, eine Radiomoderatorin nutzt die eingeforderte Sendezeit, um auf mediale Missstände hinzuweisen und mit ihrem Vorgesetzten abzurechnen.

Episoden tauchen auf, verschwinden ganz oder verbinden sich dann wieder durch die Örtlichkeit. Zornig, schmutzig und lautstark kann es in Gorbach zugehen. Die Perspektivlosigkeit verbindet sich aber auch mit Hoffnung. Doch der Weg zur Hoffnung kann voller Gewalt sein, kann leider auch zuweilen gar nicht gefunden werden. Die Töne, die dieser Roman macht, sind unsere Lebensgeräusche, die durch Berührung, Reibung und durch Zerwürfnisse entstehen. Gorbach wird zu einem Ort, einem Markplatz, der nun durch den Roman eine Marktforschung erhält.

Hank Zerbolesch hat einen Roman geschrieben, der den Ort in den Mittelpunkt stellt. Es gibt keine Hauptfigur, sondern ganz viele, die sich mit ihren eigenen Kapiteln aneinanderreihen wie Kurzgeschichten. Doch haben alle mehr oder weniger miteinander zu tun. Handlungen erzeugen Ursachen, dessen Wirkungen sich dann in den folgenden Geschichten zeigen. Mit dem agierenden Personal spielt der Autor inhaltlich und sprachlich. Alle bekommen ihr passendes Klangkostüm angezogen. Die Übergänge sind zwischen den Kapiteln fließend. Denn der Ausklang, der nicht vollendete Satz, wird zum Anfang des kommenden Textes, der den Raum in Gorbach erweitert. Kein Werk, das sich anbiedert oder gefällig sein möchte, sondern uns durch seine Kunst ins Kippchen kippen lässt. Ein wundersames Werk, das durch die Perspektivlosigkeit Perspektiven verdeutlicht.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Vincent Maillard: „Lebowskis Knochen“

Vom Gärtner und seinem Hund, der einen Knochen ausgräbt und dabei nicht nur einen gruseligen Fund macht, sondern in den Gesellschaftsschichten wühlt und diese spitzfindig umgräbt. Somit ist dieser Roman kein gewöhnlicher Kriminalroman, sondern ein spannendes, zynisches und humorvolles Werk.

Jim Carlos, eigentlich Ingenieur, arbeitet als Gärtner. Er wird als Landschaftsgärtner gebucht und stets von seinem Hund, Lebowski, begleitet. Den Hund hat Jim aus dem Tierheim befreit und eigentlich Dumby genannt. Doch die Wesensart des Hundes lässt eine Assoziation zu dem Film „The Big Lebowski“ zu und der Name änderte sich sofort. Es sind anfänglich die Notizen von Jim, die wir lesen. Denn sein Notizbuch wird später gefunden und liegt einer Richterin vor.

Jims neuer Auftrag führt ihn zu einem luxuriösen Anwesen, das den Loubets gehört. Der Hausherr ist bekannt aus dem Fernsehen und sie, als Professorin, stammt vom Adel ab. Sie möchten dem Trend folgeleisten und einen ökologischen Selbstversorgergarten in ihrer Anlage integrieren. Doch muß Jim vorerst aufklären, dass die geplante Ecke zu schattig ist und sie erst, wenn sie doch die ganze Anlage nutzen würden, sich gänzlich davon versorgen könnten. So bleibt es bei wenig Salat und Gemüse. Die Loubets laden Jim zum Snack und Gespräch ein, verlangen aber, dass Lebowski stets angebunden wird. Gerade dieser macht eine Entdeckung. Er gräbt einen Knochen aus, der später als menschlich identifiziert wird. Die Loubets haben zwei Töchter, wobei die Ältere nie anwesend ist. Auch spricht die Familie über diese nicht. Ist hier etwas Grausames geschehen? Jim beginnt sich Fragen zu stellen, denn auch der frühere Gärtner ist doch verschwunden …

Dies alles liegt in einem blauen Notizheft als Beweis vor, denn auch Jim ist verschwunden. Bei den Durchsuchungen wird ein weiteres Heft mit Notizen gefunden, die ohne Punkt enden. Die Ermittlungen und der Prozess bekommen dann aber eine überraschende Wende.

Das Graben wird hier wörtlich genommen. Denn mit einem feinen, humorvollen Ton werden viele Schichten der Gesellschaft freigelegt. Dabei ist das Buch ein spannender Kriminalroman mit einer außergewöhnlichen Handlung. Der Roman wurde von Cornelia Wend aus dem Französischen übersetzt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Martina Berscheid: „Fremder Champagner“

Dies sind Erzählungen, die sich hauptsächlich mit dem menschlichen Gruppengefüge beschäftigen. Es sind Lebenssituationen, die alltäglich, unterschiedlich und überraschend sind. Der Titel deutet es an. Champagner ist eine Steigerung vom gewöhnlichen Sekt und wird meist zu besonderen Anlässen, Feierlichkeiten oder Momenten getrunken. Doch ist es ein fremder Champagner. Das Fremdeln wird somit thematisiert. Die Autorin blickt mit viel Einfühlungsvermögen auf ihre Figuren und beobachtet die kreierten Situationen ganz genau. Es sind Kurzgeschichten, die alle durch ihre Knappheit und Verdichtung der Handlung fesseln. Die Stimmungen werden dezent angehoben und die Wendungen überraschen und öffnen Risse in unseren zwischenmenschlichen Bindungen. Daher erinnern diese Texte an die Kurzprosa von Deborah Levy. 

Die Sammlung beginnt auch mit einer Geschichte, in der der Champagner auftaucht. Es ist eine Frau, die liegengebliebene Kassenbons beim Einkaufen aufhebt und sich anhand der gekauften Produkte Geschichten um die Käufer ausdenkt. Dies gilt ihr als Flucht vor der Tristesse des Ehealltags. Die Ehe wird in weiteren Geschichten auf die Prüfwaage gestellt. Besonders bei einer gemeinsamen Reise. Zwei Familien, die sich angefreundet haben und nun erstmalig zusammen ans Meer verreisen. Dabei entsteht aus anfänglicher Distanz eine Erkenntnis, die die Frauen zu Verschwörerinnen werden lässt. Alle Menschen in diesen Geschichten hadern, sind verzweifelt oder fühlen sich in der Gemeinschaft allein.  Eine Leere bricht auf, die sich Neues sucht. Auch wenn diese Suche mit Hilfe des Passworts für den Laptop des Partners geschieht. Die Einsamkeit sucht sich diverse Wege und kann auch Verstorbene, zumindest in der Vorstellungskraft oder dem Wunschdenken lebendig werden lassen. Bleibt am Ende lediglich ein gespürter Windhauch? Im Leben ist es somit wie in den Beziehungen. Klare Verhältnisse können hilfreich, aber auch verstörend sein. Der Wunsch nach menschlicher Nähe kann zuweilen ungewöhnliche Wege gehen. Dabei hilft eine Verkleidung, die lediglich für den Moment das Leben anders erscheinen lässt. Manche Menschen benehmen sich, als wären sie Könige und sind dabei meist das diabolische Gegenteil der Menschlichkeit.

Belanglosigkeiten entpuppen sich als wichtig und die kleinen Momente sind es, die uns, die Situation und das Umfeld verändern. Das Herumtänzeln um Probleme innerhalb der Gesellschaft, der Beziehungen und der Familie ist menschlich, aber niemals zielführend. Missverstandene Emotionen oder Missdeutungen, wenn nicht sogar Vorurteile, können dabei gefährlich werden. Gerade wenn sich Aggression andeutet. Ein Charakter geht in einer Geschichte sogar soweit und möchte einen Brandanschlag verüben, der dann zum Glück durch das Auftauchen der Familie abgewendet wird.

Die Erzählungen haben unterschiedliche Spannbreiten von großen und kleinen Handlungen. Doch die Auswirkungen sind meist enorm. Martina Berscheid hat ein Gespür für Geschichten, Charaktere und Wendungen. Sie fühlt sich ganz genau in Situationen hinein und kann diese literarisch zum Leben erwecken. Dabei tanzt sie mit Humor, Tragik und Spannung. Ein bunter Lebensreigen, der uns fesselt, nachdenklich stimmt und die Gefühlswelt durcheinanderwirbeln kann.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes