Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen“

Der Titel ist eine Anspielung auf Frauen, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen. Frauen, die eigenständig sein wollen und durch die jeweils politischen Umstände daran gehindert werden. Es ist auch die damals gängige Bezeichnung für Frauen, die nicht dem sozialistischen Weltbild der DDR entsprachen. Der Roman erzählt von drei Frauenschicksalen in drei verschiedenen Zeitebenen: 1940er Jahre im Nationalsozialismus, 1980er Jahre in der DDR und in der Gegenwart. Die Verbindung ist ein Gebäude in der Lerchenstraße in Leipzig, das in der Zeit unterschiedliche Funktionen innehatte. Der Roman spielt mit der jeweiligen politischen Situation. Welchen Einfluss hat die jeweilige Epoche auf die individuelle Entwicklung der Frauen, die durch ein spezielles Gebäude miteinander verbunden sind?

Der Roman lebt von der Freude am Erzählen und der enormem Empathie der Autorin ihren fiktiven Figuren gegenüber, die erlebte Geschichte erfahrbar machen. Manja lebt in den 1980er Jahren in Leipzig und hat bereits in der Schule für Aufsehen gesorgt, als sie einen Aufsatz fertigte, der ihren Freiheitswunsch spürbar machte. Sie ist siebzehn Jahre jung und erlebt sich und ihr Umfeld noch als Teenager aber auch als eine junge heranwachsende emanzipierte Frau. Neben der Schule jobbt sie und verbringt ihre Freizeit gerne mit ihrer Freundin Maxie. Maxie hat etwas Wilderes, Aufmüpfigeres an sich, das Manja begeistert. Ein feministischer Freiheitsdrang zur Selbstbestimmung keimt in ihren Begegnungen, die nicht immer legale Wege gehen. Sie stromern gerne in der Stadt oder in der nahen Umgebung. Auf einem Jahrmarkt treffen sie auf Manuel, für den Manja viel empfindet. Manuel ist als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR gekommen und ist in einer Baumwollspinnerei tätig. Als sie sich eines Tages in seinem Zimmer, auf dem Frauenbesuch nicht gestattet ist, treffen, werden sie bei einer Razzia der Volkspolizei erwischt. Manja wird auf der venerologischen Station, Tripperburg genannt, eingesperrt. Sie weiß nicht, warum sie hier ist, und so brutal behandelt wird.

Die Ich-Erzählerin wird durch Lilo und Robin unterbrochen. Lilo wächst im Nationalsozialismus auf und ihre Familie wird geprägt von den Aktionen des Vaters, von denen sie anfänglich wenig mitbekommt. Später hilft sie ihm und wird genau in dem Gebäude, in dem Jahre später Manja wegesperrt wird, inhaftiert, weil sie den kommunistischen Widerstand unterstützt hat. In der Gegenwart ist das Gebäude ein Flüchtlingsheim. Robin ist Sozialarbeiterin und ihr neues Tätigkeitsgebiet führt sie in dieses Gebäude. Somit werden die drei Schicksale durch den Raum in der Zeit verbunden.

Die drei Frauengeschichten sind fiktiv, aber sehr authentisch und an der Wahrheit orientiert erzählt. In der DDR wurden unfassbar viele Frauen in venerologische Abteilungen als Herumtreiberinnen eingewiesen. Somit macht das Buch ein selten erzähltes Kapitel deutscher Geschichte auf. Der Roman ist ein literarisches Ereignis und weckt viel Sympathie für seine Heldinnen. Ein zeitloser Roman, der die Zeiten belebt.

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