
Slowenien ist 2023 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und einige passende Titel sind bereits in den Leseschatz gewandert. Nataša Kramberger hat einen autofiktionalen Roman geschrieben, der nun auch ein Leseschatz ist. Die Schriftstellerin übernimmt den Bauernhof ihrer Mutter und entflieht dem Großstadtleben. Ihr Werk beinhaltet Nature Writing, Selbstreflexionen und den beschriebenen Versuch, von der Landwirtschaft zu leben. Somit ist ihr Weg ein antizyklischer, denn während die meisten Menschen in die Städte ziehen, besonders nach Berlin, kehrt die Erzählerin aus Berlin in ihr slowenisches Heimatdorf zurück.
Ihren anfänglichen Refrain: „Man müsste anständig erzählen können“ wiederlegt sie selbst, denn der Roman ist kunstvoll komponiert. Inhaltlich mäandert sie zwischen Erinnerungen, Gegenwärtigem und entwickelt einen songartigen Wortklang, der wie in einem Lied, wiederkehrendes zulässt und dies dabei anders betont oder beleuchtet. Das Klangbild und der sich steigernde Rhythmus geben dem Text eine ganz eigene Struktur. Dadurch entsteht ein Spannungsbogen, der eigentlich keiner ist und dadurch fasziniert. In Berlin wird um jeden Baum gekämpft und in der slowenischen Heimat ufert dieser persönliche Kampf großflächig aus.
Die Schriftstellerin will den Hof übernehmen und will diesen durch ökologischen Landbau retten. Ihre Großmutter ist die erste, die Zweifel hegt und sieht in der Wortakrobatin nicht die Fleißperson, die die Landwirtschaft benötigt. Denn „Bauern müssen doch arbeiten“. Doch die Erzählerin stellt sich den Herausforderungen. Diese liegen nicht immer in der Natur, sondern oft auch in der Bürokratie und dem menschlichen Umfeld. Alle sehen sie nicht als eine Bäuerin an, die die Landwirtschaft versteht. Sei es beim Saatgutkauf, beim Retten der Streuobstwiese oder bei diversen Anträgen. Der Titel des Romans liegt im Befall jener Obstwiese verborgen. Denn die Obstbäume sind vom Mistelbefall betroffen und ein rabiater Eingriff schadet eher der Pflanzenwelt.
Mit viel Humor betrachtet die Autorin dabei das Wechselspiel zwischen Stadtmenschen, Landleben und althergebrachtem Wissen und den Modernisierungen. Es herrscht ein Maschinisierungszwang, dem sie sich entzieht und sich dabei durch die sprachlichen sowie durch die Verwaltungsuntiefen mit Witz und leichter Resignation manövriert. Sie wird Landwirtin, bleibt aber in aller Augen stets „nur“ die Schriftstellerin. Die Erzählerin und die Autorin verwachsen. Denn Nataša Kramberger lebt im Sommer in Slowenien und betreibt mit dem Ökokunstkollektiv Zelena Centrala einen kleinen biodynamischen Bauernhof. Im Winter lebt sie in Berlin. Sie ist Schriftstellerin, Kolumnistin und leitet den slowenisch-deutschen Kulturverein. Der Roman wurde aus dem Slowenischen von Liza Linde übersetzt.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV
Pingback: Clara Heinrich: „Pusztagold“ | leseschatz