Michaela Maria Müller: „Zonen der Zeit“

Zwei Pole, die sich anziehen und abstoßen und nicht voneinander loskommen, sind in „Zonen der Zeit“ der Mittelpunkt. Zwei Menschen, die unterschiedlich sind, treffen zufällig aufeinander. Die Frau, Enni, agiert beruflich und privat stets gegenwärtig, ist aktiv und handelt umgehend. Jan ist eher das Gegenteil. Er ist in einer Starre verfangen und als Historiker richtet sich sein Blick zurück.

Mit einer Reduktion von Handlungszeiten erzeugt der Roman diverse Zeitzonen und erzählt von einer Begegnung, die mit viel Empathie eingefangen wird. Die Handlung berührt Geschichte, Privates und Gesellschaftliches. Der Roman ist schön geschrieben und funktioniert wie ein Blues-Song, der durch die Reduktion den Klangraum erweitert. Vieles wird im Roman angedeutet und es entsteht ein Raum zwischen dem Erzählten, den wir Lesenden finden dürfen. Die Geschichte wird persönlich und der Blick auf das Historische gelingt durch das individuell Erfahrbare und durch Empathie.

Jan ist Archivar und soll im Auswärtigen Amt die Akten des Jahres 1991 bearbeiten. 1991 war Jan zehn Jahre alt und das Jahr hatte sein Leben von Grund auf verändert. Anfang der Neunziger ist er mit seiner Mutter nach Berlin gezogen. Sein Vater ist nach Russland gegangen. Jan hat wenig Gefühl für sich. Er nimmt viel auf, bemerkt aber wenig. Er verinnerlicht Situationen, kann diese aber nicht vergegenwärtigen. Dennoch sind seine Beobachtungen und Formulierungen genau, aber mit sich selbst fremdelt er oft. Am Kiosk trifft er auf Enni, die sich ein Bier kauft. Er sein Haselnusseis. Beide beobachten sich. Enni ist als Notrufdisponentin der Feuerwehr-Leitstelle tätig. Sie muss also stets schnell reagieren, um zu helfen, zu schützen oder etwas zum Positiven zu verändern. Beide sind sich in ihrem Zögern beziehungsweise Handeln fremd und doch spüren beide eine Verbindung. Jan fällt es schwer, Zugang zu finden. Dies zeigt sich auch durch seinen Schlüsselverlust, der Enni nun als Helferin reagieren lässt. Sie hören sich beide gerne zu. Beide haben Veränderungen erlebt. Jan lebt im Alltag von seiner Frau und den Kindern getrennt und erfasst die Geschichte durch die Konservierung der Dokumente. Doch hat das Historische das Leben seiner Familie sehr geprägt. Er hat eine andere Auffassungsgabe als Enni, die sofort wusste, was ihr Weg sein wird, als sie damals die Einsatzkräfte beim Rettungseinsatz am 11. September in den Medien verfolgte. Für sie heißt es stets  weitermachen, egal wie aussichtslos eine Situation ist.

Mit viel Feingefühl entfaltet Michaela Maria Müller diesen Roman. Die Entwicklung der Charaktere erschließt sich in einem kleinen Handlungsrahmen, der dann einen weiten Bogen um europäische Geschichte spannt. Dabei das Politische aber ganz behutsam privat werden lässt. Diese Zonen bilden einen Zeitteppich, der in einem Wechselspiel zwischen Jan und Enni gewoben wird. Durch die Handlung und Sprache erinnert der Roman an die Werke von Iris Wolff. Die Kapitel sind kurzweilig und immer in Abwechslung der Perspektiven der Hauptfiguren geschrieben. Ein stiller Roman, der in der Feinheit ganz viel zu erzählen hat.

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