
Claire Keegan benötigt nicht viel, um Großes zu erzählen. Ihr Roman „Das dritte Licht“ gehört für die englische Times zu den 50 wichtigsten Romanen des 21. Jahrhunderts und die Verfilmung war für den besten internationalen Film bei der Oscarverleihung nominiert.
Ihre Bücher sind stets klein. Es sind aber Geschichten, die ganz genau hinsehen und dadurch begeistern. Das Stille offenbart in ihren Texten oft mehr als jeder Klanglaut. „Reichlich spät“ (So Late in the Day) wurde auch unter dem Titel „Misogynie“ veröffentlicht. Nun liegt die Übersetzung aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser vor.
Ein sonniger Tag in Dublin, doch die Sonne wird als dreist tituliert, denn Cathal sieht die schöne Landschaft, durch die er oft mit dem Bus fährt, nur von weitem. Sein Chef muss ihn förmlich zum Feierabend überreden und somit begibt sich Cathal zur Bushaltestelle, um den Heimweg anzutreten. Der Bus ist überfüllt und nur noch ein Platz ist neben einer Frau frei, den er hadernd aufsucht. Er hat Bedenken, dass die Sitznachbarin allzu geschwätzig ist. Die Busfahrt geht durch die irische Hügellandschaft, in der er noch nie war. Während der Fahrt und besonders bei der Heimkehr, denkt er an Sabine.
Sie hatten sich vor mehr als zwei Jahren auf einer Konferenz in Toulouse kennengelernt. Seitdem kam es zu regelmäßigen Treffen. Sie kocht gerne und gut und kauft dabei gute Lebensmittel ein, das ihn wundert und, als sie mal ihr Portemonnaie nicht dabei hat und er für die Kirschen zahlen soll, grämte ihn der Preis sehr. Sie ist mit einer Leichtigkeit in sein Leben getreten. Sie geht gerne Barfuß, schielt ganz leicht und nimmt das Leben als Geschenk. Er ist dagegen kein sehr liebender Mann. Er ist auch mal verbal verletzend und erinnert sich auch an eine Kindheitserinnerung mit seiner Mutter, die nur die Jungs und der Vater witzig fanden. Sabine glaubt an die Gemeinsamkeit und geht auf die unromantische Verlobung ein. Doch als sie bei ihm einzieht, hat Cathal nicht bedacht, dass sein Lebensraum verringert wird und Sabine Raum benötigt und einnimmt. Sabine ist nur noch eine Erinnerung, gleich den Glückwunschkarten und Präsenten in der Wohnung. Denn Sabine ist die Frau, die mit ihm gelebt hätte, wäre er ein anderer Mann gewesen.
Diese kleine Geschichte über ein gescheitertes Paar spielt mit der Misogynie, die sich in vielen Menschen bewusst oder unbewusst eingepflanzt hat. In dieser Geschichte wird wenig gesagt, aber ganz viel erzählt. Dabei zeigt sich die große Kunst der Autorin, die mit einer literarischen Klarheit ihre Themen fixiert und meisterhaft Stimmungen einfängt, verwandelt und spürbar macht.
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