Wolfgang Schiffer: „Gespräche mit dem Enkel“

Diese Lyrik-Gespräche sind an uns alle gerichtet. Der Inhalt folgt dem Blick des Großvaters auf den Enkel, der Fragen stellt. Diese werden nicht kindlich, sondern ehrlich und mit Bedacht beantwortet. Hier spricht ein lebenskluger, älterer Erdenmensch zu einem jungen Menschen, der sich vor dem Ganzen fürchtet. Trost wird gespendet, aber auch die unverblümte Wahrheit gesagt. Ein kleiner großer Freund bekommt Gedichte geschenkt, die uns als Kunstwerk gereicht werden. Das Gespräch berührt. Ob es jemals wirklich so verlief, ist nebensächlich. Diese Zeilen und die Bilder sind, um den Autoren zu zitieren: „Küsse vom Leben“.

Das Buch ist kunstvoll gefertigt und japanisch gebunden. Neben den Gedichten von Wolfgang Schiffer befinden sich Grafiken von Jón Thor Gíslason. In der einfachen Version ist ein Linolschnitt, in der Kunstausgabe sind weitere Radierungen und Linolschnitte vom Künstler signiert. Beide Ausgaben sind handschriftlich nummeriert und signiert.

Als Einstand steht die Frage, was denn Gedichte sind. Bei dieser Frage stockt es bereits, doch erfolgt der Rat, es selbst zu finden, zu hören und wirken zu lassen. Dabei aber niemals zu ernst zu nehmen. Die Jetztzeit wird bei den kommenden Texten in Frage gestellt. Eine Gesellschaft, die Technologien glorifiziert und nicht allein zum Zwecke nutzt, gerät durch die Schnelllebigkeit in Atemnot. Das menschliche Umfeld hat sich verändert, hat einen Fortschritt erlebt, aber der Mensch selbst stagniert oder wandelt rückwärts. Hier wird die Frage aus Kindesmund gestellt. Der Blick auf die Vögel, die Natur und ob es Liebe gibt. Die Liebe des Großvaters zur Oma wird hinterfragt und ob der Erzähler auch einen Großvater hatte, der dann früh, früher starben Großväter auch früher, verstarb. Ein Trost, dass man traurig sein darf und zuweilen nicht an Gott glauben muss.

Wolfgang Schiffer gibt uns mit diesem Buch dezente Antworten, die an einen intimen Zuhörer gerichtet sind, aber dann uns alle meinen. Die Liebe zur Literatur und der Lyrik wird deutlich, durch die Sprache, den Klang und die Antwort auf das Reisen. Denn das wichtigste und beständige Reisen beginnt mit jedem Buch und das eigentliche Fotoalbum mit Urlaubserinnerungen sind bei Literaten die Bücherregale. Die Angst vor dem Leben und die Angst vor dem Tod wird fast schon auf Shakespeareweise („Der Rest ist Schweigen“) beantwortet und die schweigende Stille sagt hierbei mehr als Worte. Das Überleben der Menschheit geht einher mit dem Verlust der Menschlichkeit und wird dadurch weniger trauererfüllt sein. Doch bereichern gerade diese Zeilen das individuelle Menschlein und die Hoffnung bleibt.

Ein Buch, um Antworten zu finden, die durch die Lyrik auf das eigene Empfinden hinweisen und jede gegebene Antwort deutet somit auf den fiktiven Zuhörer und nun auf uns.

Ein Kunstwerk zum Sinnieren, Verweilen und für eine erneute Rückkehr in die Zeilen und Bilder, die jeweils Gedanken und Emotionen malen. Diese Lyrik ist ein Geschenk, eine Hinterlassenschaft.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Wolfgang Schiffer: „Gespräche mit dem Enkel“

  1. Avatar von Wolfgang Schiffer Wolfgang Schiffer

    Lieber Hauke, alle Beteiligten danken dir von Herzen!

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