Der Leseschatz-Preis

Zum ersten Mal verleihe ich den Leseschatz-Preis und bedanke mich bei meinen Unterstützern, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Literaturhaus Schleswig-Holstein. Dieser Preis geht somit zum ersten Mal an Arezu Weitholz. Die Preisverleihung findet am 11.3.2025 um 20:00 Uhr im Literaturhaus in Kiel statt.

Arezu Weitholz ist Autorin, Journalistin und schreibt Songtexte unter anderem für Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg. Sie erhält den Preis, weil ihr Roman in der Kürze einen Großraum zur Reflexion öffnet. Erneut ist es ein Text der Autorin, der feine Bilder durch ihre Sprache erzeugt und kluge Sätze, leichthändig einstreut, die niemals konstruiert wirken, sondern sich in der Handlung und im Sprachklang eingliedern. Ferner ist der Roman mit Meerwasser getränkt und durch den Lebensraum der Autorin ist ein nordischer Bezug vorhanden. Arezu Weitholz lebt in Berlin und in Schleswig-Holstein.

Die Figur deutet es im Roman selbst an, dass autofiktionale Literatur großartig ist, wenn sie verschachtelt ist. Ein Roman, der mit wenig Handlung viel zu sagen hat. Ein stilles Werk, das den Fragen nach Heimat, Zuhause und Fernweh nachspürt. Die Protagonistin hat viel mit der Autorin gemein und dadurch wird der Text sehr lebendig und authentisch. Wir erleben in einer traumhaften Umgebung die Orientierung einer Frau, die Fernweh als Heimweh nach Irgendwo empfindet. Das Meer ist dabei niemals nur eine Kulisse. Heimat und das empfundene Zuhause sind in uns und setzen sich aus allem, das uns ausmacht, zusammen. Den Beweis erbringt Arezu Weitholz am Ende. Nicht nur die Landschaft sondern auch Gerüche, Farben, Töne und ganz besonders Essen können uns ein Gefühl von Zuhause vermitteln. In der Kunst – ob Literatur oder Musik  – gibt es einiges, das sich zwischen den Tönen und Zeilen verbirgt. Dies ist es, das uns erinnern und reflektieren lässt. Wenn wir durch die Musik, die Worte oder die erzeugten Bilder mitgerissen werden, zeigt sich genau dieser Moment in der Kunst, der an uns reißt. Dieses Empfinden ist stets ganz individuell, lässt dann aber bei allen das Herz schneller schlagen und erweitert den Gedankenhorizont. Dafür sind nicht viele Handlungen nötig. Dafür benötigt es wenige Worte. Es sollte berühren: im Herzen oder im Kopf.

Der Handlungseinstieg lässt Erinnerungen an Stephen King „Shining“, Helen Wolff „Hintergrund für Liebe“ oder Mirko Bonné „Nie mehr Nacht“ zu. Somit ist sogar der Einstieg ein bisschen wie ein Heimkommen. Doch benötigt Arezu Weitholz viel weniger Spielraum, um uns das zu Erzählende zu vermitteln. Auch hat es nicht den Spannungsbogen, wie ihn Stephen King erzeugt. Die Spannung liegt im Entdecken und im mitgerissen werden anhand der Erlebnisse, Gedanken und Emotionen der Protagonistin.

Frieda bleibt im Tonstudio beim Synchronsprechen die Sprache weg. Die Worte haben keine Bindung mehr. Jonas, ihr Lebensgefährte, liest eine Anzeige über ein Hotel an der portugiesischen Algarve, das während der geschlossenen Monate gehütet werden soll. Frieda verlässt ihr Zuhause bis über den Jahreswechsel, um für sich allein zu sein und um sich selbst und die Sprache erneut zu finden. Sprache, die auch in Kurztexten im SMS-Stil mit Jonas ein Zuviel sein kann. Nicht alles muss geschrieben oder ausgesprochen werden, um gesagt zu sein. Das Hotel ist nicht ganz leer. Der Hausmeister, Handwerker und die Nachtwache tauchen auf. Auch die hoteleigenen Papageien und der Hotelhund Otto umspielen Frieda. Bei den Strandspaziergängen und Einkäufen taucht sie auch tangential in das Dorfleben ein. Dabei wird sie nach der Herkunft gefragt. Somit erweckt das Hotel Paraíso und die Umgebung Erinnerungen an Orte wach, die sie Heimat oder Zuhause nannte oder nennt. Dort, wo sie aufwuchs, war in ihr eine Spaltung durch das Elternhaus und die Tankstelle, die die Familie betreibt. Dabei war die Tankstelle mehr der Ort, an dem sich Frieda wohlfühlte. Das Fremdeln erlernt sie schnell, denn sie wurde adoptiert. Dennoch ist sie ein geliebtes Wunschkind. Durch die Beziehung zu Jonas, die neuen Kontakte im Paradies, die traumhafte Kulisse fragt sie sich, kann sie immer dazwischen leben?

Der Roman lebt vom Gedankenraum, der durch den Sprachklang und die Authentizität geöffnet wird. Es gibt Sätze, Momente und eingefangene Gefühle, die uns innehalten lassen. Die feine Sinnkrise ist zarter beschrieben als in „Beinahe Alaska„, dafür aber umfangreicher und stellt eine Suche in die Mitte, die uns alle betrifft.

Arezu Weitholz erhält hiermit den Leseschatz-Preis für „Hotel Paraíso“. Den Preis überreiche ich feierlich im Literaturhaus in Kiel. Dabei werden wir über das Werk sprechen und Arezu Weitholz wird daraus lesen. Es wird auch musikalische Begleitung geben. Danke an den Börsenverein und an das Literaturhaus.

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