Minu Ghedina: „Am Rande das Licht“

„Am Rand das Licht“ beschreibt den biographischen Zustand wie bei einer Dämmerung, aus der sich aus der Dunkelheit langsam die Farben, das Licht und die Konturen herauslösen. Ein kunstvoller Coming-of-Age-Roman, der einen Protagonisten präsentiert, der nach dem bekanntesten Werk von Michelangelo benannt wurde. Ein David, der aber noch nicht sein Selbst gefunden hat. Schaut man sich die Monumentalstatue genau an, ist neben der Stärke auch eine Zartheit und Unsicherheit zu erkennen. Das Standbein benötigt statischen Halt und Michelangelo hat den David so perfekt aus dem Marmor befreit, dass sogar die Haut die darunterliegenden Adern erkennen lässt. So wächst auch der David von Minu Ghedina aus den Zeilen lebendig hervor und erinnert an Hesses Demian, der fragt: „Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so schwer?“. Somit ist auch erneut der Bezug zu Michelangelo zu erkennen, denn der bedeutendste Künstler sah im rohen Marmor bereits das Werk, das lediglich nur befreit werden müsste.

Der Roman ist in drei Abschnitte eingeteilt, die vom Suchen, Finden, Bleiben, Gehen und mittig vom halben Weg erzählen. Es ist der Weg, um etwas zu werden, etwas zu sein. Voller Schönheit, Wehmut und Antworten wird der Werdegang beschrieben, der von Bindungen, Lösungen und Haltfinden handelt. Davids Vater arbeitet in einem Museum und begeistert seinen Sohn früh für die Kunst. Doch empfindet David schon als Kind seinen Namen als Belastung, denn er ist nicht stark. Später reflektiert er sein Leben und erkennt, dass wir letztendlich bleiben, was wir sind. Dies wie ein Refrain bei jedem Kapitelanfang. Er sucht Stärke und schlägt sich dann auch mit einem Mitschüler, der eine Katze getreten hat. Doch ist dies nicht wirklich er. Doch wer ist er? Wo fing alles an? Sein Großvater bringt ihn in die Natur und auch dort sucht David seine Zuflucht und Kraft. Eine weitere David-Skulptur taucht auf, ein erschöpfter Held als Statue, die David den Weg aufzeigt, selbst Künstler zu werden. Doch sein Studium endet fast am Anfang, da er krampfhaft die Geschichte des Steines gedanklich erfassen möchte und sich nicht treiben lassen kann. Er kann sich selbst nicht lösen und traut seiner Intuition nicht. Er wird seinen eigenen Anforderungen nicht gerecht. Um sich zu finden, geht er in den Norden. Dort trifft er neue Freunde, die die Welt verändern möchten. Es sind Klimaaktivisten, die aber dann in Kunstmuseen Aufmerksamkeit schaffen wollen. Diesen Weg geht David nicht mehr mit. Doch sucht er im Leben etwas, was bleibt und dennoch verändernd ist. Dann findet er Briefe, die ein anderes Bild auf die eigene Familie werfen und erneut alles in Frage stellen. Die Geschichte wird neudurchdacht und David erhält Antworten auf seine Fragen.

Sich finden, einordnen und dennoch abgrenzen ist ein Weg, der schmerzhaft sein kann. Es ist der zweite Roman von Minu Ghedina. Nach „Die Korrektur des Horizonts“ hat sie erneut einen sehr feinfühligen Roman geschrieben. Nach Ada kommt nun David, der die Brüchigkeit und Festigkeit des Lebens erspüren soll. Minu Ghedina schreibt tiefgründig und facettenreich. Die Charakterisierungen sind glaubhaft und empathisch. Davids suchender Weg geht über Liebe, Kunst und Selbstfindung. Minu Ghedina hat einen ganz lieben Gruß zu uns nach Kiel eingebaut. Kiel taucht namentlich kurz auf und ein Buchhändler, bei dem David arbeitet, ist durch mich inspiriert worden und wer mich kennt und die Zeilen liest, wird mich erkennen können. Vielen Dank, liebe Minu Ghedina!

Ein fein herausgearbeiteter Roman, der sich vor dem Lebensweg, der Kunst, der Familie und der Liebe verneigt.

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