Samuel W. Gailey: „Tiefer Winter“

Solche Werke geben dem Kriminalroman das Literarische zurück. Denn hier geht es nicht um die übliche Tätersuche, sondern um das ganze Umfeld. Niemand ist gänzlich Gut oder Böse – wobei es hier doch schon jemanden gibt. Die Handlung ist angesiedelt in einer kleineren Ortschaft, man möchte fast schon von Kaff sprechen und erinnert durch die Erzählstruktur, die umfangreichen Charakterisierungen an die Werke von Richard Russo, wobei dieser den melancholischen Witz und die Entwicklungen fokussiert, während Gailey düsterer schreibt. In Bezug auf das Nachwort von Marcus Müntefering erahnt man auch die persönliche Bindung des Autors an seinen Roman. Sprachlich ist der Roman toll geschrieben, denn er baut sofort eine Bindung zu den agierenden Figuren und der Ortschaft auf. Das Vokabular passt sich dem Sprachklang des jeweiligen Charakters und der Situation an.

Tiefer Winter ist hierbei nicht nur eine Witterungsangabe, denn das Frostige breitet sich in den Menschen aus. Wyalusing in Pennsylvania war einst das Gebiet der amerikanischen Ureinwohner und hat sich nun in einen trostlosen Ort verwandelt. Die Perspektivlosigkeit ist spürbar und somit sind Alkohol, Drogen und Schusswaffen für viele ein ständiger Begleiter. Danny ist ein vierzigjähriger Mann, der durch seine geistige Beeinträchtigung oft auf den Dorfdepp reduziert wird. Ein damaliger Unfall hat eine tragische Hirnverletzung verursacht, die ihn auf dem Stand eines Kindes belässt. Er benötigt oft Hilfe, die er von Mindy bekommt. Seit Kindesalter kennen sich die beiden und Mindy, die am selben Tag wie er Geburtstag hat, steht ihm stets zur Seite, zum Beispiel beim Geldabzählen oder falls jemand wieder gemein zu ihm ist. Bereits als Kind wurde Danny oft verprügelt. Seine Hauptpeiniger sind Mike und Carl. Danny ist im Herzen gut und möchte helfen, auch als zwei Jungs in einen See einbrechen und er sich überwindet, denn für ihn ist der See böse, besonders das gefrorene Gewässer, das einst für seine jetzige Situation verantwortlich war. Danny wuchs bei seinem lieblosen Onkel Brett auf, der inzwischen verstorben ist. Mindy ist wie eine Schwester für Danny, der in einem Waschsalon arbeitet.

Gleich der Prolog erzählt das Drama. Mindy wurde ermordet. Sie liegt wie eine weggeworfene Puppe in ihrem Trailer. Neben der Leiche ist Danny. Für Mike, der jetzt Deputy geworden ist, ist es ein Gewinn, dass Danny bei der Verstorbenen ist. Mike, der menschen- und besonders frauenverachtend ist, hat in der alten Scheune eine eigene kleine Hanfplantage aufgebaut und hatte einst ein Verhältnis mit Mindy. Für die Menschen und besonders für den örtlichen Sheriff und den State Trooper scheint der Fall ganz offensichtlich und innerhalb weniger Stunden versuchen sie die alte Ordnung wieder herzustellen und aufrechtzuerhalten. Dabei wird ein komplexes Lügennetzwerk immer offensichtlicher. Danny kann nur noch seiner inneren Stimme vertrauen, die sich glücklicherweise in einigen Situationen meldet.

Dieser Roman wirft den amerikanischen Traum in den blutigen Sumpf einer Kleinstadt. Durch unterschiedliche Perspektiven wird das menschliche Geflecht offengelegt. Viele Beweggründe oder Motive sind triebhaft und impulsiv. Eine kindliche Sicht fällt auf ein brutales, manipulatives Umfeld. Ein sehr spannender Roman, der Anspielungen auf Literatur verwendet und doch am Ende der Ausweglosigkeit die Hoffnung entgegenzustellen vermag. Ein schöner, kluger und entzaubernder Landscape-Noir-Roman, der seine Leser nicht loslässt.  Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf übersetzt.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Samuel W. Gailey: „Tiefer Winter“

  1. Avatar von samuel w gailey samuel w gailey

    Vielen Dank für die überzeugende Bewertung und das Lob.

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