Torsten Woywod: „Mathilde & Marie“

Torsten Woywod schenkt uns mit seinem literarischen Debüt ein Refugium. Der Handlungsort ist Redu. Der Name leitet sich von Begriff réduire ab und bedeutet reduzieren. In der gegenwärtigen Zeit, wo sich Begebenheiten, Umstände, Meinungen und Werte fast stündlich verändern, ist es eine Wohltat, Orte zu finden, in denen die Zeit anders ist. Doch wird dabei deutlich, wie misstrauisch wir geworden sind. Wir trauen dem Schönen, den Stillen nur noch kaum. Das einfache und bewusste Erleben deklarieren wir oft als verklärt. Warum können wir nicht einfach mehr gedankenlos und sorgenfrei genießen? Torsten Woywod hat einen besonderen Ort gefunden und lädt uns ein, Teil dieser reduzierten Welt zu werden. Es ist der Wunsch ein größeres Miteinander zu finden. Unsere Mitmenschen wertzuschätzen, zuzuhören und die Lebensorte bewusst zu erleben. Der Autor ist ein Buchmensch und somit ist es nicht verwunderlich, dass die Wirkungskraft der Literatur einen besonderen Stellenwert erhält. Nicht nur die Schönheit des Ortes, sondern auch die Magie, die uns empfängt, wenn wir eine Buchhandlung betreten, erhält einen Stellenwert. Dies alles gilt es zu erhalten, so der Wunsch des Buches.

Redu ist ein Dorf in den belgischen Ardennen. Die Zeit wirkt hier stehengeblieben. Der Kirchturm steht windschief und die zwei Uhren zeigen unterschiedliche Zeiten an. Nicht wesentlich verändert, aber doch etwas versetzt. Dies spiegelt den Charakter von Redu, denn hier wird bewusster gelebt. Es ist ein Bücherdorf mit einigen Buchhandlungen und doch ohne Konkurrenz. Die Reise beginnt mit einer Fahrt mit dem Bäcker. Auch dieser übt sein Handwerk noch sehr herkömmlich aus und weiß, daß Warten meist wichtiger ist als Handeln. So zumindest beim Bearbeiten seiner Teigware. Der Bäcker fährt zurück ins Dorf und mit dabei sind die Isländerin Jónína, die schon seit Jahren in Redu lebt und eine der Buchhandlungen betreibt und Marie. Jónína war unterwegs und hat im Zug Marie getroffen. Die jüngere Marie hat gerade eine schwierige Zeit und ist einfach aus Paris aufgebrochen. Ohne wirkliches Ziel, nur weg wollte sie und hat zufällig Jónína getroffen, die sehr einfühlsam und verständnisvoll sie nun bei sich aufnimmt. Marie kommt in Redu an und erlebt eine Lebensgemeinschaft, die von der Umgebung und dem Miteinander geprägt ist. Der Internetzugang funktioniert nur eine Stunde am Tag und es gibt im Dorf nur einen Fernseher. Durch Spaziergänge mit einem Hund lernt Marie das Leben dort zu schätzen. Die Landschaft ist waldig und sehr bergig. Diese Idylle hat aber auch andere Seiten und es taucht die ältere Mathilde auf. Diese schreibt Tagebuch und beobachtet den Neuankömmling misstrauisch.

Marie beginnt, sich im Bücherdorf zu integrieren. Sie hilft in der Buchhandlung und lernt, wie Jónína als Buchhändlerin es schafft, in Menschen wie in Büchern zu lesen und stets passende Lektüre zu finden. Immer mehr tauchen wir in diese Welt ein. Durch das schöne Setting und die liebevoll gezeichneten Charaktere. Mathilde, die am Anfang nur eine kleinere Rolle einnahm, tritt immer deutlicher aus ihrem Schatten hervor. Es geht um die Sorge, womöglich einen anderen Blick auf das gewohnte Leben zu erhalten. Doch liegt es an uns, Schlüssel zu finden, die uns neue oder andere Orte zu zeigen vermögen. Es müssen nicht immer gänzlich andere und stark versetzte Orte unserer bekannten Welt sein. Diese Versetzung wird bereits anhand der zwei Uhrzeiten im Dorf angezeigt. Dieser Roman zeigt unaufgeregte Schlüsselmomente, die uns neue Wege, Welten oder Möglichkeiten zeigen. Diese Schlüssel finden wir immer in der Literatur, bei unseren Mitmenschen oder in den Orten selbst. 

Torsen Woywod hat einen Ort für uns erschaffen, der uns innehalten lässt. Der uns entschleunigt und uns zeigt, wie wichtig es ist, zuzuhören und Empathie zu entwickeln. Womit könnten wir besser Empathie erlernen, als durch das Wunder der Literatur?

Torsten Woywod ist in der Buchwelt kein Unbekannter. Frauke Meurer und Torsten Woywod gründeten zum Beispiel ihren eigenen Verlag „Woywod & Meurer“ und hatten den Buchhandelsliebling „Leonard und Paul“ von Rónán Hession verlegt. Nun hat Torsten seinen ersten Roman geschrieben, der alle seine Leidenschaften offenlegt.

Wir freuen uns sehr auf die Lesung  am 07.04.2026 mit Torsten Woywod bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt. Er wird bei uns aus seinem Roman „Mathilde & Marie“ lesen und darüber sprechen.

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