
Wir inszenieren uns und unsere Welt. Dies zu jeder passenden Gelegenheit und wenn möglich beständig. Ein erzeugtes Rauschen um uns macht uns glücklich. Doch hat diese moderne Pop-Welt, die durch die heutigen Technologien jeder ohne viel Aufwand erzeugen kann, neben den Erscheinungen im Scheinwerferlicht auch Schattenseiten. Was wenn in dieser Plastikwelt, die doch das Ökologisch-Gesundheitliche zelebriert, als spürbares Gefühl nur noch Gewalt erzeugt wird? Josefine Rieks taucht mit ihrem Roman ein in diese Influencerblase und mit einer fast schon sachlichen Erzählstimme wird ein groteskes Bild der Gesellschaft gezeigt. Dabei werden Erinnerungen an Bret Easton Ellis, Ryu Murakami, Ute Cohen oder Anne Hashagen wach. Der Titel unterstellt eine Bereitschaft, die eben abgewandelt sogar Shakespeare gefallen hätte. Wobei bei Rieks die Liebe und die Komödie fehlen. Nach „Serverland“ und „Der Naturbursche“ zeigt Josefine Rieks auf uns als Gesellschaft und möchte herausfordern und provozieren.
Treffen, Ausflüge oder kulturelle Ereignisse werden nicht aufgesucht, um sich zu unterhalten, zu bilden oder Spaß zu haben. Die Menschen um die Erzählerin gehen hin, um es festzuhalten und, das ist sogar wichtiger, sich dabei zu inszenieren. Dabei kennen sie sich ganz genau aus mit ihrer Körperwirkung und der fixierten Ausstrahlung. Monique, kurz Mon genannt, verdient ihren Lebensunterhalt, wie ihre Freundinnen, durch Kooperationen. Wobei der Begriff Freundinnen schon etwas zu weit und positiv gegriffen ist. Denn Innigkeit kommt nicht wirklich auf. Die Gespräche sind, wie die Wohneinrichtungen, oberflächlich, steril und kühl distanziert, beziehungsweise designt. Mon weiß genau um ihr Erscheinungsbild. Sie ist trainiert und wohlgeformt. Sie kennt ihre DNA-Analyse, weiß um ihre Verdauung und um Produktinhalte der Pflegemittel und Ernährungsprodukte. Bei gemeinsamen Treffen geht es auch mehr um das Arrangement der gereichten Häppchen, um die Lebensmittelunverträglichkeiten und um die Netzwerke. Natürlich wird dabei lediglich alkoholfreier Wein konsumiert. Die gemeinsame Zeit wird oft auch kurzgehalten und Zwischenmenschliches meist gemieden. Mon zieht auch Sport dem Sex vor. Es ist ebenfalls wichtig, ein Alleinstellungsmerkmal zu haben, meist ein optisches, ein natürliches, ein feiner Makel zum Beispiel, wie bei einer ihrer Freundinnen. Fakten sind wichtiger als Emotionen und eine Übernatürlichkeit strahlt stets über das Eigene, Wahre und Natürliche. Das diese Fassade nicht standhalten kann, ist verständlich. Und die Wohlfühlzeit mit Kuscheldecke auf dem französischen Balkon mit Real-Life-Anspruch untermalt mit Naturgeräuschen verändert sich. Der Wettkampf der Frauen, wer den passenderen Werbepartner hat oder die Vorträge über Produktinhalte oder Nahrungswirkung suchen sich ein anderes Ventil. Zumindest bei Mon. Mon lernt jemanden kennen und es ist ein Anfang, es beginnt mit körperlichen Grenzüberschreitungen. Zuweilen sogar mit gegenseitigem Genuss. Ein Malstrom eskaliert und reißt die Kulisse der inszenierten Welt in Stücke. Das eingehaltene Maß, die Machtkontrolle werden zu maßlosen Erfahrungen, eventuell die einzige Chance, überhaupt noch etwas zu empfinden.
Erneut feiert Josefine Rieks die Demontage. Das Spiel ist kein wirklich neues, aber ein moderneres und bleibt sprachlich kühl und distanziert, um beim Lesen den Gefühls- und Gedankenraum zu erzeugen, den diese Geschichte benötigt.
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