Hendrik Otremba: „Der Gräber“

Dieser Roman birgt vieles in sich, wobei die Handlung überschaubar ist. Ein Unsterblicher, der Zeuge des zivilisatorischen Niedergangs wird und die Zerstörung der Welt, wenn nicht sogar von Welten miterlebt. Dabei schimmern letztendlich, neben der Düsternis, stets die Hoffnung und die Wiederbelebung auf. Otremba bedient sich cineastischer und literarischer Bilder. Ein „Highlander“, der in einer „Mad Max“-, „The 100“- oder „Battlestar Galactica“- Szenerie miterlebt, was er verliert. Die Szenerie ist aber lediglich das Konstrukt für Gedanken und Emotionen. Er ist der Gräber. Jemand, der viele zu Grabe getragen hat, in der Geschichte und Erinnerung gräbt und das Alte vergräbt und die Erde umgräbt. Dabei immer überlebt. Das Überleben ist einfach so und bleibt unerklärt. Denn nur so kann diese literarische Figur funktionieren. Wir werden Zeugen vom politischen, sozialen und ökologischen Untergang und von erschütternden Ereignissen, die sich in unserer Gegenwart bereits abzeichnen könnten. Die Erde als ehemaliges Paradies hat keinen Bestand mehr und die Menschheit hat sich erneut aus dem Garten Eden verbannt. Doch gibt es dabei auch die Erinnerungen an die Liebe, eine letzte körperliche Liebe und dann ebenfalls eine neue Liebe, die von den letzten oder den ersten Menschen empfunden wird.

Die Handlung spielt in einer Zukunft und umfasst aber durch das lange Leben und die Erinnerungen die Jahre 1942 bis 2196 und den Tag X. Der Gräber ist Oswalth Kerzenrauch und er stirbt nicht. Somit ist er verflucht, alles mitzuerleben und die, die er liebt, zu überleben. Sein Name stellt die Frage, ob das Leben nur der Rauch ist, der sich beim Ausblasen einer Kerze verflüchtigt? Die Einsamkeit ist seine Verdammnis. Aber er will bleiben, denn die Menschen, die die Kriege und Zerstörung überlebt haben, sind ausgewandert und leben auf einem fernen Planeten Nektar II. Eine letzte Fähre wird bald zum letzten Mal die Erde aufsuchen und jene mitnehmen, die noch umsiedeln möchten. Am Anfang der Handlung sitzt der Gräber am Rande eines Kraters in einer Kulisse, die einst Berlin war. Er erinnert sich an das Leben vor dem Kollaps. Seine Gedanken kreisen um seine jetzige Situation, aber auch um seine Vergangenheit, besonders denkt er an seine Tochter. Was bedeutet es, die Menschen zu überleben, die man liebt? Sein Blick zurück ist unsere Gegenwart. Ein Morgen scheint es für ihn, der ewig lebt, nicht mehr zu geben. Doch wächst etwas Neues. Die Erde beginnt, sich zu erholen und neues Wachstum taucht auf. Die Hauptfigur, mal beim Vornamen, Nachnamen oder einfach der Gräber genannt, möchte eigentlich nicht wie andere das letzte Raumschiff besteigen. Die Fähre, die einen alten Bekannten aus dem Otremba-Universum zurückbringt. In einem vorherigen Roman „Kachelbads Erbe“ werden Menschen, die in ihrer Gegenwart nicht mehr leben wollen oder können, kryonisch eingefroren. Einer dieser gefrosteten Menschen kehrt nun zurück und wird ebenfalls Zeuge. Dies ist der Anfang einer langen, aber wohl gar nicht so weiten Reise.

Der Roman lebt von den Eindrücken und den Stimmungen, die er erzeugt. Kluge Sätze leben hier in einem letzten menschlichen und möglichen Szenario. Es ist immer wieder der Mensch, der sich unverändert in neue Laufbahnen beamt und eventuell nicht lernfähig und dadurch womöglich nicht lebensfähig ist. Doch gibt es im Roman auch die Liebe, das Schöne innerhalb der Ruinen. Neben der Zerstörung und dem Untergang gibt es somit auch Hoffnung.  Otremba hat ersichtlich viel Spaß und Mühen auf sich genommen, diese Welt zu erschaffen, zu zerstören und aufzubauen. Er erfindet Bilder und Sprachen für eine Zukunft, in die er den Gräber setzt, der nun auf uns zurückblickt und womöglich weiterhin in und für uns überdauert.

Ein Roman über das Post-Anthropozän. Wäre es ein musikalisches Kunstwerk, könnte es wohl als Prog-Death-Metal-Platte mit viel Harmonie, Raffinesse und Emotion beschrieben werden. Nach dem im „Leseschatz“ gefeierten „Benito“ ein neues, tiefgründiges Werk, das erobert werden möchte. Erinnerungen an die Welten, die der französische Kultautor Alain Damasio erschuf, werden wach. Durch einen unsterblichen Hauptcharakter kann das Bild der Weltenerschaffung sehr weit ausgedehnt werden. Ein Roman über und aus der Zukunft über uns und unsere Gegenwart.

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