Archiv der Kategorie: Erlesenes

Ulrich Rüdenauer: „Abseits“

Ulrich Rüdenauer geht in seinem großartigen Debütroman der Frage nach, wie es einem Kind in der Nachkriegszeit ergeht, das in einer ablehnenden Umgebung seinen Weg finden muss. Ein Werk wie ein Geschenk und Lichtblick. Denn es ist eine Kindheitsgeschichte, die traurig und doch wunderschön ist. Sie ist fast freudlos und doch voller Trost. Das Gute und das Schlechte sind im Leben nicht vorhersehbar. Doch das Gute geschieht wohl häufiger, man muss es lediglich erkennen und darauf reagieren können.

Durch das Fußballspiel 1954 wird der Zeitpunkt gesetzt. Der Titel spielt aber vorrangig nicht auf den Sport an, sondern auf die Lebensposition des fast neunjährigen Richard. Doch wird ein Treffen mit einem Fußballspieler der Höhepunkt und Schlussakt des Romans sein. Das Handlungsspiel beginnt bangend auf einer Bank mit dem Kreuzsymbol im Blick. Ein Marienmantel hat als Gemälde und am Ende als getragene Bekleidung eine ummantelnde Bedeutung für die Handlung. Denn den Buchumschlag ziert ein Ausschnitt des Gemäldes „Stuppacher Madonna“ von Grünewald, das auch in der Stube beim Onkel von Richard hängt. Das Bild bringt Farbe in seine Wahrnehmung, denn alles wirkt schwer und trist in seinen jungen Jahren. Vater und Mutter sind nicht da und dies ist der fragende Spannungsbogen, wo diese sind und was passiert ist. Richard wächst auf dem Hof seines Onkels auf. Es ist eine schweigsame Welt. Es wird eher gegrummelt als gesprochen. Die Kriegsereignisse sind noch nah und doch aus den Köpfen verbannt. Die Menschen zeigen sich christlich und sind es im Alltag kaum. Richard muss sehen, wie er zurechtkommt. Halt findet er bei einer älteren, wunderlichen Frau des Dorfes und bei seinem Großvater. Doch kann dieser nicht immer da sein, wenn Richard in Not gerät. Der es somit meist still erträgt. Die Schule ist ebenfalls kein behütender Ort, schon gar nicht, wenn der Pfarrer unterrichtet und die Kinder malträtiert.

Das Schöne und das Sichere findet Richard in der Natur, am liebsten an der Hand des Großvaters, der für ihn den Vogelgesang deutet und die Pflanzennamen benennt. Stets ist Richard in der Familie des Onkels nur geduldet und niemals geliebt. Er hört den Namen seiner Mutter und kann diesen nicht in eine Verbindung bringen. Gerne ist er beim Händler, der Werkzeug verkauft und spielt Kaufmann. Eines Tages passiert ein Unglück, an dem sich Richard die Schuld gibt und der Onkel kommt ins Krankenhaus. Das Fernbleiben des Oberhauptes bringt auf dem Hof eine unausgesprochene Erleichterung, aber auch Müßiggang, da Richard sich verantwortlich fühlt und auf Sanktionen wartet. Die Strafe bleibt aus und wendet sich in eine Befreiung, die den ersten großen Wendepunt in Richards Leben darstellt. Doch bleiben die Fragen und nach der Rückkehr des Onkels kehrt der Alltag zurück und letztendlich muss Richard seinen Weg alleine finden. Ein Weg, der in einem schweigenden Deutschland der Nachkriegszeit seinen Anfang nahm.

Ein einfühlsamer, ergreifender Roman, der trotz der Schwere eine faszinierende Schönheit hat. Die Lebensmomente, die Richard erlebt, fühlen wir enorm mit. Elegante und kluge Formulierungen runden diesen wunderbaren Roman ab und es ist zu hoffen, dass dieser in der Buchwelt nicht ins Abseits gerät, sondern viele berührt und beschäftigen wird.

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Tove Jansson: „Der Steinacker“

Ein Steinacker als Schauplatz der menschlichen Natur. Tove Jansson schreibt minimalistische und literarische Universen. Sie versteht es stets, ausufernd zu beobachten, um daraus die Essenz herauszufiltern und zu fixieren. Jonas, der Hauptcharakter des Romans „Der Steinacker“, versucht ebenfalls die perfekten Worte zu finden. Worte sind seine Welt, denn er ist Redakteur und wird immer stiller, weil seine Worte über die Jahre verbraucht sind. Durch die Reduktion entsteht eine Klarheit in Wort und Ton. Er hat stets das Familienleben auf Distanz gehalten und sein Scheitern wird ihm in der Gegenwart des Steinackers bewusst.

Stets ist der Journalist Jonas gewissenhaft und weiß die Sprache als Werkzeug, aber auch als Kunst zu deuten. Nach seiner Pensionierung soll er noch eine Biographie über einen Medienmogul verfassen. Da er diesem den Verrat an der schriftstellerischen Kunst vorwirft, kann er in sein Manuskript kein Leben einbringen. Dieser Auftrag fordert ihn, denn dieser Zeitungsmagnat, den er lediglich „Y“ nennt, ist ihm sehr unsympathisch. Er ringt um Worte und mit den Fakten. Er scheitert, denn die Grenzen zwischen ihm und dem zu Beschreibenden verschwimmen. Jonas lebt für seine Arbeit und vernachlässigt dabei die Familie und somit fehlt auch hier das Leben. Sein Scheitern setzt sich auch im Familiären fort. Er verbringt eine Sommerzeit bei seiner Tochter im Schärengarten. Der nahegelegene Steinacker verdeutlicht ihm sein eigenes Trümmerfeld und er versucht, eine neue Bindung zu seiner Tochter zu finden.

Aus Worten werden Bilder und aus Bildern wachsen Emotionen. Der kleine Roman, der im Leseprozess beständig wächst, ist ein Tanz um Worte, Familie und Gesellschaft. Die Naturerlebnisse und kleinen Katastrophen sind die Wegbereiter für die familiäre Annäherung und die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Tove Jansson spielt wunderbar mit Sprache und erzeugt mit wenigen Sätzen enorme Bilder und  Charakterisierungen. Ein minimalistisches Werk, das Größe zeigt und humorvolle, bissige, sowie zeitlose und großartige Literatur ist. Ein Steinacker, der vieles zu verbergen weiß. Es ist eine große Freude, in diesen literarischen Feinheiten zu schürfen. Aus dem Schwedischen wurde der Roman von Brigitta Kicherer übersetzt.

Vielen Dank, das ich Wegbereiter für diesen Schatz sein durfte und in der Verlagsvorschau und sogar auf dem Umschlag des Buches zitiert werde. 

Aus der Verlagsvorschau:

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Francesca Melandri: „Kalte Füße“

Nach ihrem hochgefeierten Roman „Alle, außer mir“ hat Francesca Melandri ein wichtiges neues Werk veröffentlicht. Es ist ein Buch, das sich romanhaft liest, aber ein erzählendes Sachbuch ist. Ihre Welt- und Weitsicht, die sie mit ihren vorherigen Werken fixierte, vertieft sie somit und verknüpft Geschichte mit der Jetztzeit. Der emotionale Roman „Alle, außer mir“ erzählt eine Familiengeschichte mit beeindruckenden Frauengestalten und bricht mit dem Schweigen über die düstere Kolonialgeschichte, die ihren Schatten auf die heutige Politik wirft. Mit „Kalte Füße“ geht sie weiter und schaut auf ihre Familie und auf die damaligen Ereignisse und verbindet diese mit den aktuellen Ereignissen. Wohl eines der wichtigsten Werke des Herbstes. Denn das Buch macht die Verknüpfungen deutlich, ist ein Appell an den Frieden und bindet uns, die das Buch lesen, persönlich mit ein.

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine stellt sich die Autorin die Frage, was Krieg bedeutet? Krieg war stets etwas Fernes, das man aus den Berichten und Nachrichten wahrnahm. Die Parole „Nie wieder Krieg“ beinhaltet die Sehnsucht lediglich den Krieg vom eigenen Lebenskreis fernzuhalten, denn Krieg gibt und gab es leider irgendwo immer. Stellen wir uns mal Kinder vor, die spielen wollen. Schlägt dann einer vor, Frieden zu spielen, wäre ratlose Stille die Antwort. Kriegsspiele sind stets ein Antrieb der Menschheit. Es geht immer um Macht und um Ressourcen. Als Francesca Melandri nun in den aktuellen Nachrichten Ortsnamen hört, die sie aus den Erzählungen und Büchern ihres Vaters hörte und las, wird sie hellhörig. Ihr Vater war im Krieg. Auf der falschen Seite und bekam Orden und war ein Kriegsheld. Doch im Krieg wird man nicht als Held gefeiert, weil man Leben gerettet hat. Durch die Ereignisse und die Texte und Erzählungen ihres Vaters beginnt Melandri die Geschichten zu verbinden. Geschichten werden zu Geschichte. Das Persönliche wird öffentlich und ist stets mit Politik und Weltgeschehen vereint.

Ihr Vater erzählte oft vom Rückzug aus Russland. Gerne hätte er sich im Nachhinein im Widerstand gesehen. Seine Geschichten sind durchdrungen von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. So wie es in vielen Familien wohl der Fall ist. Seine Erzählungen lassen oft die vorherigen Ereignisse aus. Diese Stille einer ganzen Generation durchbricht Melandri und es beginnt eine spannende Spurensuche. Alles mündet in der Jetztzeit. Denn der damalige Rückzug aus Russland beinhaltet zwei unausgesprochene Tatsachen. Wenn es einen Rückzug gab, muss es auch einen Einfall gegeben haben und der Weg führte durch die Ukraine. Somit macht das Buch unsere Gegenwart immer verständlicher. Melandri kennt ihren Vater als klugen, sanftmütigen Mann. Jetzt wird seine Geschichte Auftakt zu der Betrachtung der ganzen europäischen Geschichte. Einzelne menschliche Schicksale werden ein Faden im großen Teppich der Menschheitsgeschichte. Phrasen verklingen zu Wahrheiten und berühren unsere eigene Vergangenheit. Wie kann Frieden gelingen? Das Ende des Friedens in unserer nahen Umgebung ist der Beweggrund des Werkes, in dem der Pessimismus immer weniger Raum erhält und das den Wunsch nach Frieden deklariert. Ein eindringliches und lesenswertes Buch. Übersetzt von Esther Hansen.

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Jacqueline O’Mahony: “Sing, wilder Vogel, sing”

Ein Roman, der irische und amerikanische Geschichte verbindet. Oft sind es männliche Protagonisten, die in den Mittelpunkt gestellt werden, wenn es um die Hungersnot in Irland und die Auswanderung und Besiedelung Amerikas geht. Jacqueline O´Mahony schreibt über eine starke Frau, die sich anfänglich nur auf sich selbst verlassen mag und ihre Freiheit sucht. Die Tragödie von Doolough ist der Anlass und Auftakt des Romans. Das Ereignis spielt im Jahr 1849 während der Hungersnot und hat sich in das historische Gedächtnis Irlands eingeprägt. Eine Gruppe von Menschen macht sich auf einen beschwerlichen Weg, über die Berge auf der Suche nach Hilfe. Diese wird ihnen verweigert. Jacqueline O´Mahony schreibt über dieses Ereignis und nimmt das Schicksal der damaligen Überlebenden, von denen einige dann nach Amerika ausgewandert sind, als Vorlage für den Roman. Dabei wird sehr deutlich, dass es zwischen der irischen und amerikanischen Geschichte, besonders der der indigenen Bevölkerung, viele Gemeinsamkeiten gibt.

In Amerika beginnt auch der Roman. Honora arbeitet in einem Bordell und empfängt gerade einen Freier, der mehr für sie empfindet und vorschlägt, gemeinsam weiter zu ziehen. Sie stammt aus Irland und war lange auf sich gestellt und eine Außenseiterin. Auch in ihrer Heimat. Während ihrer Geburt ist ein Rotkehlchen in das Zimmer geflogen, was als schlimmes Omen gedeutet wird. Dies scheint sich auch für das Kind zu bewahrheiten, denn die Mutter stirbt und Honora wird stets misstrauisch in der Gemeinschaft behandelt. Sie heiratet über ihren Stand, aber die Armut macht die Menschen in der Ortschaft alle gleich. Die Not wird immer größer und es wird von den Grundherren Hilfe versprochen, wenn man persönlich vor den Inspektoren vorspricht. Ein beschwerlicher Marsch ist es, der letztendlich nicht die erwünschte Hilfe bringt. Honora ist gänzlich entkräftet und sie gelangen zu dem Schwarzen See. Dort verliert sie ihr Kind und in Folge alles weitere. Doch aus ihrer inneren Kraft schöpft sie den Willen zum Überleben. Sie bricht auf nach Amerika.

Ihr Weg führt sie nach New York und bis zu den Weiten der Prärie. Immer auf der Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit und Glück. Sie erhofft sich, endlich ein besseres Leben finden zu können. Doch ist es ein langer Weg und das erwünschte Ziel rückt immer weiter in die Ferne. Gewalt, Not und Unterdrückungen muß sie stets erdulden. Dadurch wird sie immer stärker und unbeirrbarer. Sie hört nur auf ihre innere Stimme und lernt nur sich selbst zu vertrauen, bis sie jemanden findet, der in ihr sieht, was sie ist.

Ein historischer Roman, der sich packend lesen lässt. Im Mittelpunkt stehen wahre Ereignisse und die romanhafte Umsetzung liest sich spannend. Ein irisches Drama als Auftakt für ein feminines Wild-West-Abenteuer. Aus dem irischen Englisch von pociao und Roberto de Hollanda übersetzt.

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Wolfgang Schiffer: „Ich höre dem Regen zu“

Ein Gedicht-Zyklus, der die Welt ganz persönlich aus den Augen des Autors betrachtet. Dabei wird die Zwiespältigkeit und sensible Zerrissenheit spürbar. Das gegenwärtige Weltgeschehen beängstigt, doch ist es eine schöne Welt. Wir reisen inhaltlich mit dem Zyklus von der Abendstunde durch die Nacht zur aufklarenden Morgenstimmung. Das Polarisierende der Zeit zeigt sich in den vielen Betrachtungen und Stimmungen. Von er künstlichen Intelligenz zur menschlichen Kreativität, von der Kriegstreiberei bis hin zum schönen Miteinander. Es sind seine sorgenvollen Gedanken bei Nacht und die lichtvollen Momente der Hoffnungen und seiner Reisen. Die Natur als Metapher gilt ebenso als Schauplatz, wie Prag, San Francisco und zum Beispiel das erklärte Traumziel von Wolfgang Schiffer: Island. Dabei wird ihm zwei Mal sein Dilemma als Dichter bewusst. Die Suche nach Worten, die die menschliche Scham erklären und Zeilen, die jene Frage stellen, ob Worte genügen, um den Menschen mit der Welt zu versöhnen?

Wolfgang Schiffer ist Übersetzer und Lyriker und seine Texte sind stets persönlich. Doch hat er in „Ich höre dem Regen zu“ einen anderen Ton angeschlagen. Das Leichte, das Verspielte und die kunstvolle Raffinesse machen zuweilen der Direktheit Platz. Er findet Bilder, wo es zuweilen schwer fällt, Worte zu finden. Er tastet sich durch Emotionalität und den Gedanken. Beides sind andere Weltenzugänge, die zueinander gehören und Raum benötigen. Der Mensch erscheint hier in der Welt, die er durch seine Handlungen verformt. Jedoch stehen wir alle gleich im Regen. Die Stunde des Wolfes mitten in der Nacht lässt uns erkennen, dass nicht das Tier uns gefährdet, sondern die Gefahr in uns lauert, die sehr gefräßig ist. Dann tauchen jene kleinen Dinge auf, die unser Leben verschönern. Die Welt gehört nicht zerdacht, sondern erfasst.

Der Ton, der sich geändert hat, erinnert an Brecht, der sogar in diesem Reigen auftaucht. Es ist das Weltgeschehen, das diese Lyrik antreibt. Durch die Polarität der Weltbetrachtung in hell und dunkel dämmert eine Tagundnachtgleiche und die Hoffnung ist der Kern der Gedichte. Der Mensch wird durch diese Lyrik kleiner und der Schmerz kann durch diese empfundene Verkleinerung verringert werden. Diese Gedichte sind wie ein Regen, der uns frösteln lässt, aber auch erfrischend ist. Es ist ein Regen, der uns die Welt poetischer erscheinen lassen kann.

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Neil Smith: „Jones“

Neil Smith versucht mit „Jones“ seine eigene schmerzhafte Familiengeschichte zu erfassen und verwandelt die negativen Gefühle durch kreatives Schaffen in Literatur. Den Schmerz überspielt er dabei mit Humor und leichtem Zynismus.

Jones ist der fiktive Familienname, der bereits durch die Bedeutung richtungsweisend ist. Der Name steht für ein brennendes Verlangen, Heißhunger nach einem Drink zum Beispiel. Es sind die Kinder, Eli und Abi, die im Zentrum des Romans stehen. Das F-Wort haben sie bereits umgewandelt, denn es steht für die beiden für Familie. Die beiden haben ein enges und vertrautes Verhältnis. Ihre Kindheit in den 70er Jahren ist geprägt durch ihre verkorksten Eltern. Bereits als Kinder wollen sie weg, am liebsten nach New York. Somit tauchen die gemalten Stadtumrisse in erdachten oder gebauten Schutzräumen auf.  Dabei ist Montreal ihre eigentliche Heimat, doch bleibt die Familie nie lange an einem Ort. Immer zieht es sie dorthin, wo Pal, ihr Vater Arbeit findet.

Abi hat aus der Sicht von Eli eine engere Bindung an den Vater. Doch diese Wahrnehmung wird immer poröser. Der Vater ist alkoholkrank und hält nie lange durch. Er betrinkt sich nach den trockeneren Tagen maßlos und verschwindet tage- oder wochenlang. Wenn er heimkehrt ist er voller Scham und versucht neuen Fuß zu fassen. Joy, die Mutter, ist resigniert, gefühlskalt und barsch. Sie arbeitet auch stets und ist gegenüber den Kindern oft aufbrausend oder gemein. Die Geschwister wachsen dadurch sehr eng zusammen. Abi erzählt ihrem Bruder, sie habe magische Kräfte und könne in die Seelen von Tieren oder sogar in Elis Seele wandern. Durch dieses Bild stärkt sich ihr Band. Abi sucht die Flucht in ihren Büchern. Eli hilft der Mutter ab und zu bei der Arbeit und klaut auch ohne schlechtes Gewissen Dinge in den Läden, wenn es Abi benötigt. Sie erklären sich die Welt aus Kindesaugen und nehmen gefühlskalt die der Erwachsenen wahr. Die Kluft bricht innerhalb der Familie gänzlich auf, als Eli Pal dabei beobachtet, wie dieser tagsüber Abi ins Bett bringen möchte und er erst langsam versteht, was tatsächlich passiert.

Eli erkennt, er muss sich lösen, sich von der Familie befreien, um sein eigenes Leben außerhalb der kindlichen Wahrnehmung und Sprache zu erfassen. Abi und Eli versuchen das Erwachsenenleben zu finden und suchen ihre Identität, ihre Sexualität und ihre Freiheit. Der lange Weg führt über diverse Abwege.

Ein Roman über eine dysfunktionale Familie. Trotz des Dramas hat das Werk auch viel Witz. Denn das Geschwisterpaar und wohl auch der Autor versuchen, dem Horror mit Humor zu begegnen. Dabei wird der Schmerz für die Protagonisten erträglich. Der Sprachstil ist locker und zugänglich. Ein Roman, der mit einem Foto eines Mädchens in einem Ballettkleid endet. Somit wird das Autofiktionale belegt. Die Handlung kreist um ein Geschwisterpaar, das uns ein familiäres Grauen erleben lässt, aber dabei auch die Kraft der Imagination, der Phantasie und der Kunst zeigt. Ein trauriger und schöner Roman, der bewegt und uns gleichzeitig zum Schmunzeln bringen kann. 

Neil Smith ist als Übersetzer und als Autor tätig, sein bekanntestes Werk ist „Das Leben nach Boo“. Mit „Jones“ hat er wohl sein persönlichstes Buch veröffentlicht, das aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Walitzek übersetzt wurde.

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Sophia Lunra Schnack: „Worte wie Mandelblüte“

Die Mandelblüte ist ein Farbspektakel und die Worte in dem neuen Buch von Sophia Lunra Schnack kleiden sich gleichfalls. Nach ihrem Debüt „feuchtes holz“ bindet uns die Autorin erneut an ihre Zeilen mit ihrer Wortakrobatik, die ein literarisches Fraktal ergibt. Kunstvolle Zeilen, die den Sprachklang und Raum verändern. Ein Kreislauf aus Prosa und Lyrik, die sich bedingen, ergänzen und ineinander auflösen, um daraus erneut geschöpft zu werden. Es sind Erzählungen, deren Inhalte in Worte gegossen werden. Eine sinnliche Welt offenbart sich hierbei. Somit muss das Werk erfasst werden, wirken dürfen und dann sich entfalten. Wie jene Mandelblüte, die ein Spektakel an filigranen Farben verspricht, aber auch eine süße und bittere Frucht in sich trägt. Die Autorin erzeugt Membrane und Schwingungen, die somit zu einer Spachosmose werden. Alles vermengt sich und erschafft Neues. Auch Wörter entstehen neu oder verbinden sich zu etwas ganz eigenem.

Die Autorin tastet sich an den Abschied, an das Loslassen heran. Ein Erinnern und Erforschen der Familie, des Erlebten und Erfahrenen. Was ist das Bleibende, das Konstante in einer wandelbaren Welt? Die Blicke, die sie fixiert, verwandeln sich, wie die Räumlichkeiten und die Lebensformen. Körper, Sprache, Natur und Klangraum sind Verweilorte, die sich verändern, nichts bleibt, aber nichts verklingt wohl gänzlich.

Diese Erzählungen passen sich dem Debütroman an und es kommen auch Bilder aus diesem zurück, zum Beispiel der Steg am Anfang beider Werke. Ganz einfach wird hier die Prosa in Lyrik weitergeführt, ohne zu verwirren, sondern nur die Lesegewohnheit wird passend unterbrochen und die Aufmerksamkeit verändert sich. Der Sprachklang dient hierbei nicht der einfachen Übermittlung des zu Sagenden, sondern variiert durch das Spiel mit allem, was Sprache vermag. Wie ein Spiel aus den Gewässern der Weltmeere, die alle verbunden sind, doch süß und salzig sein können. Wild, aufbrausend und ganz still ist das Sprachmeer wie die natürliche Vorlage. Dadurch verändern sich der Mensch, die Landschaft und die Melodien und verändern auch wir uns beim Inhalieren der Geschichten, denn wir empfangen eine eigene Stille und hören staunend beim Lesen zu. Die Episoden offenbaren sich mehr durch Bilder und die Sprache, somit muss man es aufmerksam wirken lassen.

Die Autorin lässt uns somit teilhaben an Gefühlen, Gedanken und dem Schaffensprozess. Die Lebenswahrnehmungen sind reale Begegnungen, die verändernd sind, sich lösen und somit den Abschied und den Fortgang erklären. Das Buch hat etwas Zartes und Schweres und so ist es auch zu lesen. Schwer lässt sich alles sofort erkennen, aber die Leichtigkeit der Sprache trägt uns hinfort, um dann innezuhalten und eventuell zurückzukehren.

Die Werke der Autorin sind etwas ganz besonderes, wunderschön, aber auch fordernd. Ihre Werke loten Grenzen aus, spielen mit diesen und benutzen Literatur in ihrer ganzen Vielfalt und Möglichkeit.

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Carlo Cassola: „Ins Holz gehen“

Ein minimaler Roman, der aber den inhaltlichen Umfang eines großen Werkes hat und nichts weniger beinhaltet als das Leben. Mit wenigen, fast schon nüchternen Sätzen umspannt Carlo Cassola das Dasein, das sich hierbei auf das Grundlegendste reduziert. „Ins Holz gehen“ handelt von einem Trupp Männer, die als Holzfäller in einem abgelegenen Schlag arbeiten. Der den Holzschlag organisiert hat ist der frisch verwitwete Holzfäller Guglielmo, der vorher im Laden seiner Tante vorbeischaut und dann seine Schwester aufsucht, bei der er für die kommenden Monate seine Töchter untergebracht hat. Er nutzt den Bus und den letzten Weg geht er zu Fuß, wie auch am kommenden Tag mit den anderen Männern, denn das Gebiet, das sie für den Holzschlag gepachtet haben, ist einen langen Fußmarsch von der nächsten Ortschaft entfernt.

Guglielmo wird von dem schwierigen, aber erfahren Fiore, dem in die Jahre gekommen Francesco, dem unauffälligeren Amedeo und dem relativ jungen Germano begleitet. Alle haben ihre Geschichten und Zukunftspläne sowie Sorgen. Das Holzfällen ist das, was sie können. Somit führen sie ein karges Leben. Überall ist Arbeit, Leid, Tod und Schmerz. Die Älteren unter ihnen haben sich mit dem abgefunden und gerade die, die keine eigene Familie mehr haben, suchen die Geselligkeit in der Arbeitsgruppe. Im Waldstück errichten sie eine Holzhütte, die für sie über den Herbst und den Winter als ein Zuhause reichen muss. Das Wetter spielt lange mit und somit können die fünf Männer fast jeden Tag Holz schlagen und kommen gut voran. Das Holz wird durch Esel abtransportiert oder später sogar durch den Köhler weiterverarbeitet. Es sind Monate zäher und anstrengender Arbeit. Ihrer Einsamkeit entkommen sie durch das gemeinsame Rauchen und die Abende vor dem Feuer.

Es sind Stunden des Kartenspielens und der Geschichten, die sie sich erzählen. Dabei spielt Francesco eine besondere Rolle. Er ist nicht der beste Arbeiter, aber einer der Anekdoten erzählen kann. Daher hat ihn Guglielmo auch vorrangig engagiert. Gewöhnlich sind es Geschichten aus seinem Leben. Aber auch über die alten Zeiten kann er berichten. Nicht alles ist glaubhaft, doch glaubwürdig oder nicht, es sind genau die Erzählungen, die die Männer brauchen, um über die harten Monate zu kommen. Die nächsten Menschen sind noch weiter in den Bergen und selten gibt es Berührungspunkte.

Doch gibt es auch Momente der Stille. Die meisten kehren zu Weihnachten für wenige Tage heim, um bei ihren Familien zu sein. Andere bleiben im Wald, in der Hütte, denn das Wetter schlägt um. Guglielmo konnte den Verlust seiner Frau durch die Arbeit überspielen, doch mit der Stille kommen die Grübeleien und Gefühle. Er denkt an seine Frau, wie sie war und nicht, wie sie starb. Doch wollte sie auf dem Sterbebett etwas zu ihm sagen, konnte es dann aber nicht mehr. In der Abgeschiedenheit der toskanischen Wälder beginnen seine Gedanken, die ihn nicht mehr loslassen. Er muss sich, auch in Gedanken an seine Töchter, dem Verlust und der Trauer stellen und Hilfe zulassen, wo auch immer er diese finden mag.

Kaum eine Novelle und doch ein enormes Werk. Dies schafft nur Literatur. In kleine Räume schauen, um dadurch Bilder zu erzeugen, die unsere Gedanken und Emotionen umzaubern.

Die Originalausgabe erschien 1959, ist kein bisschen gealtert und wurde nun aus dem Italienischen von Marina Galli übersetzt.

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Melanie Raabe: „Der längste Schlaf“

Es gibt etwas, dass einen Großteil unseres Lebens beeinflusst, aber bisher noch viele Rätsel aufwirft und nicht endgültig geklärt ist: der Schlaf. In diese spannende Welt lädt uns Melanie Raabe mit ihrem neuen Roman ein. Sie hat das Thema ausgiebig durchdrungen, um es romanhaft lebendig werden zu lassen. Eine traumhafte Handlung, denn Melanie Raabe spielt mit den Genres und webt in den Roman magischen Realismus ein, der aber, wie wohl auch einige Träume, etwas sichtbar machen möchte, was im Selbst verborgen ist.

In den verschiedenen Schlafphasen sinken wir in unser Unterbewusstsein, zu unseren Träumen und minimieren immer mehr das Bewusstsein. Schlaf, das Gegenteil vom Wachzustand, ist überlebenswichtig für den Körper und den Geist. Er sei der kleine Bruder vom Tod, wird gesagt. Der Tiefschlaf lässt uns gänzlich wegtreten und die REM-Phase lässt uns wiederum aktiv werden, durch Beweglichkeit und die meisten Träume.  

Die Neurowissenschaftlerin Mara Lux erforscht den Schlaf. Denn ihre Gegenwart ist geprägt durch das Thema. Sie ist aufgewachsen in Deutschland und lebt in London. Als Kind hat sie Träume, die ihren Eltern Sorgen bereiten. Denn manche wirken prophetisch. Daher soll Mara als Kind über ihre Träume nicht mehr reden. Doch damit hören diese nicht auf. Zu ihrem zehnten Geburtstag träumt sie vom Tod der Eltern. Sie bricht das Versprechen und spricht den Traum an. Hat sie es vorhersehen können oder hat sie, durch den Versuch, die Eltern aufzuhalten, die Ereignisse provoziert? Denn die Eltern geraten an Maras Geburtstag in einen tödlichen Verkehrsunfall. Mara wird daraufhin adoptiert und erhält eine Schwester, die zu einer guten Freundin wird.

Mara lebt nun in London und ist eine führende Forscherin auf ihrem Gebiet. Doch leidet sie selbst unter Insomnie und fürchtet ihre Träume. Denn die unheimlichen Träume sind wiedergekehrt. Kurz vor einem Vortrag, den sie halten soll, erreicht sie eine E-Mail eines Notars aus Deutschland. Jemand möchte Mara ein Herrenhaus in der Nähe von Frankfurt schenken. Die erste Skepsis weicht einer Neugier, als sie weitere Schreiben bekommt. Die Schenkung ist auch so geregelt, dass für Mara keine Kosten anfallen und selbst für die weitere Instandhaltung des Gebäudes ist finanziell gesorgt. Also macht sich Mara auf den Weg in die ferne Kleinstadt. Dort ist alles noch wie verträumt. Das dörfliche Leben wirkt ganz anders auf sie als das wuselige Leben in London. Das Herrenhaus selbst ist prächtig und der kleine äußerliche Verfall zeigt sich nicht im möblierten Innenleben. Erstaunt stellt sie fest, dass sie diesen Ort kennt, aus ihren Träumen …

Melanie Raabe erzeugt sofort eine Verbindung zu der Protagonistin, die mit wenigen Sätzen bereits sehr lebendig ist. Die Handlung nimmt einen sofort gefangen und die Motive erzeugen ein enormes Interesse und eine Spannung. Melanie Raabe schreibt unterhaltsam und doch tiefgründig. Denn die Metaphorik, die Emotionalität und die Gedankenbilder reisen durch unsere Bewusstseinsebenen. Vom Brunnen, zum turbulenten Menschengewimmel einer Großstadt zum unheimlichen Herrenhaus in der Provinz. Der Bogen schließt sich am Ende gänzlich und hinterlässt eine Erinnerung an eine traumwandlerische Lesereise.

Selfie mit Melanie bei der Feierlichkeit zum Deutschen Buchhandlungspreis 2023

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Judith Kuckart: „Die Welt zwischen den Nachrichten“

Ein autofiktionaler Roman von Judith Kuckart? Judith Kuckart ist Tänzerin, Regisseurin und Autorin. Mit ihren Werken ist sie zu einer bedeutenden Stimme der gegenwärtigen und deutschsprachigen Literatur geworden. „Die Welt zwischen den Nachrichten“ besteht aus Rückblicken, auf die damaligen Ereignisse und auf das persönliche Leben. Es steht dort zu lesen: „Alles ist gewesen, nichts war genau so“. Denn wenn wir erinnern, vermischt sich Vergangenheit mit Erträumtem, Erdachtem und dem gewollt oder ungewollt Erfundenen. Was ist davon Wirklichkeit? Die Geschichte und die Ereignisse werden Schlagzeilen, Bildmomente, die unser Leben begleiten. Die individuelle Biographie erschafft eine eigene Welt neben, zwischen und an den Nachrichten vorbei.

Somit ist das Werk ein Einblick in Zeit und Leben. Ein Roman aus Wahrheit, Phantasie und Empfundenem. Der Text hangelt sich am Leben der Autorin entlang und es ist auch Judith, die im Mittelpunkt steht. Sie wurde 1959 in Schwelm geboren. Früh begann sie zu tanzen und ist für das Theater aktiv und schreibt Stücke. Sie lebt jetzt als Regisseurin und Schriftstellerin in Berlin und hat einige Romane geschrieben, die mit zahlreichen Literaturpreisen bedacht wurden. Das neue Werk spielt mit den Perspektiven und Wahrnehmungen. Wo liegen die Grenzen zwischen Geschichte, literarischer Freiheit und der Biographie? Gewollt oder ungewollt meldet sich ferner durch den Lesegenuss eine ganz andere Stimme. Die eigene, die des Lesenden. Denn die beschriebenen Zeiten wecken Erinnerungen und öffnen Portale zu den eigenen Welten, die durch die Lektüre neu durchdrungen werden.

Durch kurze Episoden erfahren wir die Zeitqualität neu. Diese Art der autofiktionalen Erzählung erinnert an die großartigen Werke von Annie Ernaux. Beide bedienen die Kurzform, um Großes zu erschaffen. Kuckart dehnt nur das Spielfeld durch Phantasie weiter aus und bindet uns willentlich mit ein. Es sind Kantinentreffen und Gespräche, die einen Rahmen setzen. Nebenbei historische Ereignisse und Persönliches. Die RAF-Zeiten, der Mauerfall und der Einstieg in die Welt der Bühnenkunst. Das Melancholische und die Wehmut vermischen sich mit Leichtigkeit und schöner Poesie. Die Großmutter, die eine feste Konstante im Leben ist, und das Elternhaus prägen die junge Judith, die dann dem Ruf der eigenen Bestimmung folgt.  

Ein wunderbares Sprachspiel, das Geschichte neu belebt. Das Wahre, das Erlebte und das Empfundene beginnen hier zu tanzen. Es macht Spaß, durch die Lektüre die Lücken mit den eigenen Gedanken zu füllen. Somit wird wohl der Roman für jeden ein ganz persönliches und bereicherndes Leseabenteuer werden. Ein großes, persönliches und lesenswertes Werk, das durch Bilder ergänzt wird und ein literarisches Zeitdokument ist und wird.  

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