Archiv der Kategorie: Erlesenes

Hank Zerbolesch: „Gorbach“  

Gorbach dient als fiktiver Ort und stimmt durch die Namensgebung klanglich auf das Inhaltliche ein. Wäre diese Literatur Musik, würde man von einem Konzeptalbum schreiben. Schonungslos, unverblümt und doch stets literarisch wirft uns Hank Zerbolesch in diverse Handlungen, die sich verbinden, begegnen oder versanden. Lebenswirklichkeiten am Rande des Ortes, des Lebens und der Gesellschaft prallen ineinander und wühlen uns, den Schmutz und alles andere auf. Der Klang ist dabei roh, fein und voller Mitgefühl. Das Drama hat Witz und der Humor ist tieftraurig. Das Randgebiet als Ballungszentrum mit seinen Bewohnern. Prägt der Ort die Menschen oder machen die Menschen den Ort? Die Handlung wird dabei zum Ort und somit die verbindende Hauptfigur.

Im Ort sind die kulturellen Höhepunkte zum geselligen Treffen, die Kneipe „Kippchen“ und der Kiosk „Büdchen“. Hier und dann doch ganz woanders füllt sich die Ortschaft mit Leben. Es sind Polizistinnen, Lehrer, Musikerinnen, Drogensüchtige, Buchhalter und ein Autor, der existentielle Fragen an das geduldige Papier stellt. Am Anfang ist der irre Ele, der in seiner Wohnung wartet. Er ist an seinen Rollstuhl gebunden, weil er damals ein Auto geklaut hatte und bei der polizeilichen Verfolgung von der Straße abgedrängt wurde. Die verfolgende Polizistin fühlt sich immer noch schuldig, besucht ihn regelmäßig und ertrinkt ihren Kummer mit Bier. In der Kneipe sind noch Udo und Micha, die zu alles eine Meinung pflegen. Die Bardame ist bei den Geschehnissen im Kippchen vom Handy abgelenkt, wird dann aber auch redselig und erzählt von ihrer Heimat, aus der sie wegen des Krieges geflohen war. Ihr Mann durfte das Land nicht verlassen und somit versucht sie allein für ihre Tochter zu sorgen. Ferner werden wir Zeuge einer Musikproduktion und der brutal endenden Plattenaufnahme. Die Situationen sind oft aus Einsamkeit, Verwahrlosung und Nichtverständnis entstanden und werden wortwörtlich immer brenzliger und zündeln letztendlich einiges nieder. Mitschüler werden krankenhausreif geschlagen, eine Radiomoderatorin nutzt die eingeforderte Sendezeit, um auf mediale Missstände hinzuweisen und mit ihrem Vorgesetzten abzurechnen.

Episoden tauchen auf, verschwinden ganz oder verbinden sich dann wieder durch die Örtlichkeit. Zornig, schmutzig und lautstark kann es in Gorbach zugehen. Die Perspektivlosigkeit verbindet sich aber auch mit Hoffnung. Doch der Weg zur Hoffnung kann voller Gewalt sein, kann leider auch zuweilen gar nicht gefunden werden. Die Töne, die dieser Roman macht, sind unsere Lebensgeräusche, die durch Berührung, Reibung und durch Zerwürfnisse entstehen. Gorbach wird zu einem Ort, einem Markplatz, der nun durch den Roman eine Marktforschung erhält.

Hank Zerbolesch hat einen Roman geschrieben, der den Ort in den Mittelpunkt stellt. Es gibt keine Hauptfigur, sondern ganz viele, die sich mit ihren eigenen Kapiteln aneinanderreihen wie Kurzgeschichten. Doch haben alle mehr oder weniger miteinander zu tun. Handlungen erzeugen Ursachen, dessen Wirkungen sich dann in den folgenden Geschichten zeigen. Mit dem agierenden Personal spielt der Autor inhaltlich und sprachlich. Alle bekommen ihr passendes Klangkostüm angezogen. Die Übergänge sind zwischen den Kapiteln fließend. Denn der Ausklang, der nicht vollendete Satz, wird zum Anfang des kommenden Textes, der den Raum in Gorbach erweitert. Kein Werk, das sich anbiedert oder gefällig sein möchte, sondern uns durch seine Kunst ins Kippchen kippen lässt. Ein wundersames Werk, das durch die Perspektivlosigkeit Perspektiven verdeutlicht.

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Vincent Maillard: „Lebowskis Knochen“

Vom Gärtner und seinem Hund, der einen Knochen ausgräbt und dabei nicht nur einen gruseligen Fund macht, sondern in den Gesellschaftsschichten wühlt und diese spitzfindig umgräbt. Somit ist dieser Roman kein gewöhnlicher Kriminalroman, sondern ein spannendes, zynisches und humorvolles Werk.

Jim Carlos, eigentlich Ingenieur, arbeitet als Gärtner. Er wird als Landschaftsgärtner gebucht und stets von seinem Hund, Lebowski, begleitet. Den Hund hat Jim aus dem Tierheim befreit und eigentlich Dumby genannt. Doch die Wesensart des Hundes lässt eine Assoziation zu dem Film „The Big Lebowski“ zu und der Name änderte sich sofort. Es sind anfänglich die Notizen von Jim, die wir lesen. Denn sein Notizbuch wird später gefunden und liegt einer Richterin vor.

Jims neuer Auftrag führt ihn zu einem luxuriösen Anwesen, das den Loubets gehört. Der Hausherr ist bekannt aus dem Fernsehen und sie, als Professorin, stammt vom Adel ab. Sie möchten dem Trend folgeleisten und einen ökologischen Selbstversorgergarten in ihrer Anlage integrieren. Doch muß Jim vorerst aufklären, dass die geplante Ecke zu schattig ist und sie erst, wenn sie doch die ganze Anlage nutzen würden, sich gänzlich davon versorgen könnten. So bleibt es bei wenig Salat und Gemüse. Die Loubets laden Jim zum Snack und Gespräch ein, verlangen aber, dass Lebowski stets angebunden wird. Gerade dieser macht eine Entdeckung. Er gräbt einen Knochen aus, der später als menschlich identifiziert wird. Die Loubets haben zwei Töchter, wobei die Ältere nie anwesend ist. Auch spricht die Familie über diese nicht. Ist hier etwas Grausames geschehen? Jim beginnt sich Fragen zu stellen, denn auch der frühere Gärtner ist doch verschwunden …

Dies alles liegt in einem blauen Notizheft als Beweis vor, denn auch Jim ist verschwunden. Bei den Durchsuchungen wird ein weiteres Heft mit Notizen gefunden, die ohne Punkt enden. Die Ermittlungen und der Prozess bekommen dann aber eine überraschende Wende.

Das Graben wird hier wörtlich genommen. Denn mit einem feinen, humorvollen Ton werden viele Schichten der Gesellschaft freigelegt. Dabei ist das Buch ein spannender Kriminalroman mit einer außergewöhnlichen Handlung. Der Roman wurde von Cornelia Wend aus dem Französischen übersetzt.

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Martina Berscheid: „Fremder Champagner“

Dies sind Erzählungen, die sich hauptsächlich mit dem menschlichen Gruppengefüge beschäftigen. Es sind Lebenssituationen, die alltäglich, unterschiedlich und überraschend sind. Der Titel deutet es an. Champagner ist eine Steigerung vom gewöhnlichen Sekt und wird meist zu besonderen Anlässen, Feierlichkeiten oder Momenten getrunken. Doch ist es ein fremder Champagner. Das Fremdeln wird somit thematisiert. Die Autorin blickt mit viel Einfühlungsvermögen auf ihre Figuren und beobachtet die kreierten Situationen ganz genau. Es sind Kurzgeschichten, die alle durch ihre Knappheit und Verdichtung der Handlung fesseln. Die Stimmungen werden dezent angehoben und die Wendungen überraschen und öffnen Risse in unseren zwischenmenschlichen Bindungen. Daher erinnern diese Texte an die Kurzprosa von Deborah Levy. 

Die Sammlung beginnt auch mit einer Geschichte, in der der Champagner auftaucht. Es ist eine Frau, die liegengebliebene Kassenbons beim Einkaufen aufhebt und sich anhand der gekauften Produkte Geschichten um die Käufer ausdenkt. Dies gilt ihr als Flucht vor der Tristesse des Ehealltags. Die Ehe wird in weiteren Geschichten auf die Prüfwaage gestellt. Besonders bei einer gemeinsamen Reise. Zwei Familien, die sich angefreundet haben und nun erstmalig zusammen ans Meer verreisen. Dabei entsteht aus anfänglicher Distanz eine Erkenntnis, die die Frauen zu Verschwörerinnen werden lässt. Alle Menschen in diesen Geschichten hadern, sind verzweifelt oder fühlen sich in der Gemeinschaft allein.  Eine Leere bricht auf, die sich Neues sucht. Auch wenn diese Suche mit Hilfe des Passworts für den Laptop des Partners geschieht. Die Einsamkeit sucht sich diverse Wege und kann auch Verstorbene, zumindest in der Vorstellungskraft oder dem Wunschdenken lebendig werden lassen. Bleibt am Ende lediglich ein gespürter Windhauch? Im Leben ist es somit wie in den Beziehungen. Klare Verhältnisse können hilfreich, aber auch verstörend sein. Der Wunsch nach menschlicher Nähe kann zuweilen ungewöhnliche Wege gehen. Dabei hilft eine Verkleidung, die lediglich für den Moment das Leben anders erscheinen lässt. Manche Menschen benehmen sich, als wären sie Könige und sind dabei meist das diabolische Gegenteil der Menschlichkeit.

Belanglosigkeiten entpuppen sich als wichtig und die kleinen Momente sind es, die uns, die Situation und das Umfeld verändern. Das Herumtänzeln um Probleme innerhalb der Gesellschaft, der Beziehungen und der Familie ist menschlich, aber niemals zielführend. Missverstandene Emotionen oder Missdeutungen, wenn nicht sogar Vorurteile, können dabei gefährlich werden. Gerade wenn sich Aggression andeutet. Ein Charakter geht in einer Geschichte sogar soweit und möchte einen Brandanschlag verüben, der dann zum Glück durch das Auftauchen der Familie abgewendet wird.

Die Erzählungen haben unterschiedliche Spannbreiten von großen und kleinen Handlungen. Doch die Auswirkungen sind meist enorm. Martina Berscheid hat ein Gespür für Geschichten, Charaktere und Wendungen. Sie fühlt sich ganz genau in Situationen hinein und kann diese literarisch zum Leben erwecken. Dabei tanzt sie mit Humor, Tragik und Spannung. Ein bunter Lebensreigen, der uns fesselt, nachdenklich stimmt und die Gefühlswelt durcheinanderwirbeln kann.

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Wolfgang Schiffer: „Gespräche mit dem Enkel“

Diese Lyrik-Gespräche sind an uns alle gerichtet. Der Inhalt folgt dem Blick des Großvaters auf den Enkel, der Fragen stellt. Diese werden nicht kindlich, sondern ehrlich und mit Bedacht beantwortet. Hier spricht ein lebenskluger, älterer Erdenmensch zu einem jungen Menschen, der sich vor dem Ganzen fürchtet. Trost wird gespendet, aber auch die unverblümte Wahrheit gesagt. Ein kleiner großer Freund bekommt Gedichte geschenkt, die uns als Kunstwerk gereicht werden. Das Gespräch berührt. Ob es jemals wirklich so verlief, ist nebensächlich. Diese Zeilen und die Bilder sind, um den Autoren zu zitieren: „Küsse vom Leben“.

Das Buch ist kunstvoll gefertigt und japanisch gebunden. Neben den Gedichten von Wolfgang Schiffer befinden sich Grafiken von Jón Thor Gíslason. In der einfachen Version ist ein Linolschnitt, in der Kunstausgabe sind weitere Radierungen und Linolschnitte vom Künstler signiert. Beide Ausgaben sind handschriftlich nummeriert und signiert.

Als Einstand steht die Frage, was denn Gedichte sind. Bei dieser Frage stockt es bereits, doch erfolgt der Rat, es selbst zu finden, zu hören und wirken zu lassen. Dabei aber niemals zu ernst zu nehmen. Die Jetztzeit wird bei den kommenden Texten in Frage gestellt. Eine Gesellschaft, die Technologien glorifiziert und nicht allein zum Zwecke nutzt, gerät durch die Schnelllebigkeit in Atemnot. Das menschliche Umfeld hat sich verändert, hat einen Fortschritt erlebt, aber der Mensch selbst stagniert oder wandelt rückwärts. Hier wird die Frage aus Kindesmund gestellt. Der Blick auf die Vögel, die Natur und ob es Liebe gibt. Die Liebe des Großvaters zur Oma wird hinterfragt und ob der Erzähler auch einen Großvater hatte, der dann früh, früher starben Großväter auch früher, verstarb. Ein Trost, dass man traurig sein darf und zuweilen nicht an Gott glauben muss.

Wolfgang Schiffer gibt uns mit diesem Buch dezente Antworten, die an einen intimen Zuhörer gerichtet sind, aber dann uns alle meinen. Die Liebe zur Literatur und der Lyrik wird deutlich, durch die Sprache, den Klang und die Antwort auf das Reisen. Denn das wichtigste und beständige Reisen beginnt mit jedem Buch und das eigentliche Fotoalbum mit Urlaubserinnerungen sind bei Literaten die Bücherregale. Die Angst vor dem Leben und die Angst vor dem Tod wird fast schon auf Shakespeareweise („Der Rest ist Schweigen“) beantwortet und die schweigende Stille sagt hierbei mehr als Worte. Das Überleben der Menschheit geht einher mit dem Verlust der Menschlichkeit und wird dadurch weniger trauererfüllt sein. Doch bereichern gerade diese Zeilen das individuelle Menschlein und die Hoffnung bleibt.

Ein Buch, um Antworten zu finden, die durch die Lyrik auf das eigene Empfinden hinweisen und jede gegebene Antwort deutet somit auf den fiktiven Zuhörer und nun auf uns.

Ein Kunstwerk zum Sinnieren, Verweilen und für eine erneute Rückkehr in die Zeilen und Bilder, die jeweils Gedanken und Emotionen malen. Diese Lyrik ist ein Geschenk, eine Hinterlassenschaft.

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Sachiko Kashiwaba: „Sommer in der Tempelgasse“

Ein übersinnlicher Roman für junge und alte  Buchliebhaber. Denn letztendlich geht es in der Geschichte auch um den Wunsch, unbedingt einen Roman zu Ende lesen zu dürfen. Die Magie der Geschichten steht dabei im Mittelpunkt und das Ende darf verraten sein: „Die Zukunft ist eine Geschichte …“

Es ist eine wunderschöne Gespenstergeschichte um Freundschaft und die uneigennützige Liebe. Es ist ein kleines japanisches Meisterwerk. Der Buchumschlag hat einen geprägten Druck, der bereits das Sinnliche erfassen lässt. Es sind viele Illustrationen eingearbeitet, die von der Manga- und Anime-Künstlerin Miho Satake stammen. Der mystische und fantastische Roman verbirgt eine Geschichte in der Geschichte, die durch die gänzlich andere Seitengestaltung auffällt. Die Übersetzung aus dem Japanischen stammt von Luise Steggewentz.

Kazu ist ein ängstlicher Schüler, der nie dachte, dass es im Familienhaus ein Geheimnis gibt. Er hat gerade Gruselfilme im Fernsehen gesehen und wacht mitten in einer schwülen Nacht auf. Er muss auf die Toilette, traut sich aber nicht die knarrende Treppe herabzusteigen. Also geht er auf das Dach, um sich im Regenguss zu erleichtern. Dabei sieht er ein Mädchen aus seinem Elternhaus gehen. Sie wirkt der Zeit entrückt und trägt einen altmodischen und gänzlich weißen Kimono. Träumt er? Als er am kommenden Tag in die Schule geht, wird alles noch unheimlicher, denn das Mädchen geht in seine Klasse und alle kennen sie als Akari und wundern sich, dass Kazu sie nicht als Schulfreundin erkennt. Es sind die letzten Schultage vor den Sommerferien und sie betrachten alte Stadtkarten. Dabei erkennen sie, dass es damals auch andere Orts- und Straßennamen gab. Kazus Straße trug einst den Namen „Kimyotempelgasse“. Hat es in seiner Straße einen Tempel gegeben? Einen magischen Ort, der es ermöglichte, dass die Toten wiederkehren konnten?  Er forscht weiter und tut so, als sei es sein Sommerprojekt für die Schule. Dabei stößt er auf die mysteriöse Minakami mit ihrem wundersamen Kater Kiriko. Minakami, ein Mönch und ein Stadtrat scheinen mehr zu wissen und werden ganz hellhörig, als Kazu nach dem Kimyotempel fragt. Kazu hört durch seinen Onkel von einer alten Legende, die seine Familie bewahrt. Es geht um eine kleine Buddhastatue, die magische Fähigkeiten zu haben scheint. Kazu und Akari verbünden sich, um den plötzlich geklauten Buddha zu finden und um letztendlich auch die Quelle der magischen Kraft, die Akari am Leben hält, zu beschützen.

Akari genießt alles, was Leben bedeutet. Auch wenn sie nicht bei ihren wirklichen Verwandten sein kann. Ihre jetzige Mutter ist lediglich eine körperlose Stimme und mit Kazu möchte sie endlich die Geschichte finden, die sich um die Legende um den links stehenden Mond dreht, um diese nach so vielen Jahren endlich zu Ende lesen zu können. Dies ist ihr sehnlichster Wunsch. Doch wer hat dieses Märchen damals geschrieben und warum gibt es bisher kein Ende?

Der „Sommer in der Tempelgasse“ ist ein magisches Buch. Ein Wunder, das Märchen und Legenden in uns lebendig werden lässt. Somit wendet sich auch in uns das Totgesagte zurück zu den Lebenden. Die Wahrheit dieser Wiederkehr berührt und verzaubert uns. Egal ob es mit acht Jahren oder mit achtzig Jahren gelesen wird, denn die Geschichte hat Zukunft …

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Liza Cody: “Die Schnellimbissdetektivin”

Die Romane von Liza Cody sind hintersinnige Krimis, die spannend, anders und voller scharfem Humor sind. Ihre Figuren sind authentisch, schnoddrig in ihrem Auftritt und sagen stets, was sie denken. Dabei sind sie immer ehrlich, geradeheraus und wirken dabei doch sehr herzlich. Liza Cody verfügt über eine gute Menschenkenntnis und ist eine gute Beobachterin. Ihre Literatur benötigt wenig Raum, um sofort große Szenerien zu entwerfen. Ihre Sprache und die feine Ironie machen die Bücher zu Erlebnissen.

Die Schnellimbissdetektivin, Hannah Abram, ist bisher im Leben gescheitert und daher leicht zynisch. Sie war Polizistin bei der Metropolitan Police, bis sie ihren Sergeant in den Kanal warf. Seit ihrer Kündigung arbeitet sie in einer Imbissbude. Sie wohnt in einer kleinen Kammer und kann sich gerade so das eigene Leben leisten. In ihr ist eine Wut, die sie gerne an ihren Kunden und besonders an Digby, dem Imbissbetreiber, rauslässt. Doch kennen die Menschen sie und akzeptieren ihre schroffe, aber ehrliche und auch irgendwie herzliche Art. Zwischen ihr und Digby ist es stets ein hin und her zwischen Kündigung und Beförderung. Beide brauchen einander, Hannah den Job und Digby sie als zuverlässige Kraft, da sonst keiner sich von ihm in dem leicht ranzigen Imbiss länger ausnutzen lässt. Ihr Arbeitsverhältnis ist an eine Bedingung gekoppelt, dass Hannah ihrer Selbständigkeit nachgehen kann und zuweilen auch das Büro mitbenutzen darf. Sie ist Detektivin und übernimmt Fälle, die bei der Polizei oft als belanglos abgelehnt werden. Sie hilft zum Beispiel ein geklautes Fahrrad zu finden, sie observiert Fremdgeher, um den Lebenspartnern Beweise zu übermitteln. Sie klärt auf, wer Gemüse klaut und auch entlaufene oder entführte Hunde bringt sie zurück. Dabei erhält sie jugendliche Hilfe, wobei sich hierbei die Grenzen zwischen Unterstützung und Täter dezent vermischen. 

Verschwundene Menschen soll sie suchen. Zwei Frauen sucht sie gerade. Eine davon scheint in die Machenschaften von vermeintlicher Call-Center-Kriminalität verwickelt zu sein. Als sie einen weiteren  Fall übernimmt, der sonderbar klingt, kommt einiges ins Rollen. Sie soll klären, wer bei ihrem Auftraggeber den Müll vor dem Eingang auskippt. Als sie nachts das Haus beobachtet wird sie wiederrum beobachtet und gerät in das Visier einer wohl eifersüchtigen Frau, die Hannahs nächtliche Aktivitäten missversteht. Plötzlich hat Hannah eine Stalkerin. Diese nervt, aber scheint harmlos zu sein. Oder doch nicht? Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse und Hannah wird in einen Mordfall verwickelt.

Cody unterhält auf großartige Weise. In der Beiläufigkeit innerhalb der klein dargestellten Welt, entpuppt sich ganz viel Gesellschaftliches. Diese Krimis sind viel mehr: sie sind sehr spannend, klug und weiten den Begriff der Kriminalliteratur unermesslich aus.

Also am besten mit einem Imbissgericht diesen mitfühlenden, herrlichen und düsteren Roman verzehren. Der Roman wurde von Iris Konopik ins Deutsche übersetzt.

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Nona Fernández: „Twilight Zone“

Ein erschütternder Roman über die politische und menschliche Brutalität während der Pinochet-Diktatur in Chile. Das Leben und die Realität erscheinen mit den Folterverbrechen und Hinrichtungen als Hintergrund surreal. Als würde man tatsächlich eine „Twilight Zone“ betreten. Das Buch öffnet diese Tür: „Sie betreten nun eine unbekannte Welt aus Träumen und Gedanken. Sie betreten die unbekannte Dimension.“ Der Hinweis auf die Fernsehserie erfolgt nicht nur im Titel, sondern der filmische Bezug zu den unbekannten Dimensionen wird hier stets zur politischen Entwicklung gesetzt. Nona Fernández begeisterte bereits mit „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ und „Die Straße zum 10. Juli“. In den Büchern geht es um viel: die chilenische Geschichte, die Verbrechen der Vergangenheit und wirtschaftliche Korruptheit. Die Werke von Nona Fernández mahnen gegen das Vergessen. Die Romane sind stets sehr lebendig und packend geschrieben, so dass man sich dem Grauen selten entziehen kann. Durch „Twilight Zone“ wird leider bewusst, wie schnell Menschen zu Monstern werden können und dass es leider selten Graubereiche gibt, denn hier ist die Distanz zwischen Gut und Böse enorm und der Bereich dazwischen kann nur als Wurmloch zu den jeweils unbekannten Dimensionen gesehen werden.

Die Erzählerin ist noch jung, als sie das Titelblatt der „Cauce“ sieht. Abgebildet ist Andrés Antonio Valenzuela Morales, der gegenüber der Zeitungsjournalistin seine Taten gestanden hat: „Ich habe gefoltert“. Das Geständnis des Geheimagenten und seine Mitschuld an den Verbrechen des Regimes, beschäftigen die Erzählerin, die Jahre später anfängt zu recherchieren. Sie grenzt ab zwischen ihrer Vorstellungskraft und den tatsächlichen Ereignissen. Einiges stellt sie sich bildhaft vor, anderes muss sie sich im Laufe nicht mehr vorstellen und die schlimmen Verbrechen werden immer deutlicher. Die Einzelschicksale berühren, verstören und erzeugen eine wütende Verzweiflung. Das Regime hat unzählige Menschen inhaftiert, gefoltert und ermordet. Die Leichen haben sie meist unkenntlich verschwinden lassen. Das Geständnis setzte eine Bewegung frei, die Chile für immer veränderte. Doch was waren es für Menschen, die verschwanden? Wie konnten Menschen so weit gehen und so brutal werden? Wie viele Gesichter kann ein Mensch nur haben?

Die historische Realität erschüttert und wirkt tatsächlich nun gelesen wie ein Gruselroman aus der Twilight Zone. Die Aufarbeitung erfolgte grotesk, denn hierbei waren, wie beim Wiederaufbau, die Täter mitbeteiligt. Nona Fernández verdichtet ihre Literatur mit Wahrheit und Fiktion und schreibt eine Mahnung im Hinblick jeglicher Diktatur und autoritärer Systeme. Die Polarität des Alltags, des Lebens und der menschenverachtenden Verbrechen paralysieren uns beim Lesen. Ein bestürzendes Werk, das wichtig ist und stets dann die Realität verlässt, wenn das individuelle Empfinden an der letzten Grenze angelangt ist. Nona Fernández vermischt Literatur mit essayistischer und autofiktionaler Aufarbeitung und hinterlässt ein wichtiges und lesenswertes Buch. Aus dem chilenischen Spanisch wurde der Roman von Friederike von Criegern übersetzt.

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Nassir Djafari: „Der Großcousin“

Ein fesselndes und weltbereicherndes Werk. Es ist, wie der Verlag tituliert, Luftwurzelliteratur. Luftwurzeln halten sich nicht an Begrenzungen, sondern wachsen über Grenzen hinaus und verwurzeln sich an mehreren Orten. Ein bewegliches Weltverständnis. Menschen haben ebenfalls solche Wurzeln. Sie reisen, wandern aus oder werden zur Flucht gezwungen. Alte Wurzeln keimen somit an neuen Orten. Menschen mit Luftwurzeln fühlen sich nicht nur einem Ort zugehörig. So ist auch diese Literatur komplex und verzweigt in diversen Kulturen.

Es ist der dritte Roman von Nassir Djafari und führt fort, was mit „Eine Woche, ein Leben“ begann. Jedes Werk steht für sich und ist einzigartig, doch kehren wir zurück in den selbigen Kosmos und Familie. Es geht um Herkunft und Identität. Der Autor wurde im Iran geboren und lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland. Seine Literatur dreht sich um die Geschichte beider Länder, beider Kulturen und der Flucht vor der alltäglichen Gewalt und des Ankommens in einer neuen Umgebung. Doch sind es nicht nur zwei Kulturen, die hier berührt werden, denn die Hauptfigur empfindet sich als Kosmopolit und ist beruflich mit der ganzen Welt verbunden. Seine iranischen Wurzeln sind in seiner Identifikation verschüttet. Doch pflegt er eine enge Vater-Sohn Beziehung.

Es ist Abbe, ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann in Frankfurt, der Kunden und Projekte in der ganzen Welt betreut. Iran, das Land seiner Eltern ist nicht mehr das seinige. Er betrachtet vieles rein geschäftlich, auch wenn es zuweilen politisch oder ethisch fraglich werden könnte. Seine Arbeit steht oft im Mittelpunkt seines Alltags. Dies zum Leidwesen seiner Frau, Maria. Maria leitet ein Reisebüro und ist somit auch gedanklich und emotional den Grenzen entbunden. Abbe bekommt plötzlich Post. Ein Brief, den er, da sein Persisch sehr lückenhaft ist, nicht lesen kann. Sein Vater, der in einem Heim lebt, übersetzt ihm diesen. Es ist ein Brief eines fernen Verwandten, der auch kurz darauf vor der Tür steht. Abbe ist misstrauisch und bleibt anfänglich auf Distanz, denn der Besucher ist höflich, aber undurchschaubar. Als er auch um Geld bittet, bestätigen sich für Abbe die Befürchtungen. Doch verändert sich das gesamte Bild. Denn der Großcousin ist dann länger verschwunden, sagt er lebe in einer Wohngemeinschaft, bis er plötzlich erneut auftaucht und wieder Hilfe benötigt. Er ist nicht allein nach Deutschland gekommen, seine Frau und ihr gemeinsames Kind sind dabei. Durch das Auftauchen der neuen Familie aus dem Iran und deren Probleme, Geschichte und Schicksal verändert sich Abbes Leben. Er wird sich seiner eigenen Geschichte und der Herkunft immer mehr bewusst.

Ein Blick auf unterschiedliche Lebensbedingungen, verschiedene Kulturkreise. Die Umstände im Iran mit den dortigen Perspektiven für junge Menschen werden verständlich. Ebenso die Flucht und die Schwierigkeiten beim Wurzeln schlagen. Es geht ferner um Liebe, Verständnis, Familie und die Kultur. Besonders die persische Literatur und Lyrik schimmern durch diese Zeilen. Ein unvergesslicher und weltumspannender Roman, der viele Grenzen auflöst.

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Justin Steinfeld: „Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin“

Fast schon eine Sensation. Ein aufgetauchtes Manuskript aus dem Jahr 1955 ist ein mahnendes Werk, das gerade heute eine traurige Gültigkeit hat. Ein Roman, der alle Grenzbereiche umspielt. Es ist Satire, Utopie und Science-Fiction. Justin Steinfeld (1886–1970) hat zwei Werke hinterlassen. Beide wurden von Steinfeld mit „Ursachen und Wirkung“ tituliert. Beide Teile beschäftigen sich auch mit dem Kausalprinzip. Teil eins ist der autobiografisch geprägte Roman „Ein Mann liest Zeitung“. Dieser erzählt die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Leonhard Glanz aus Hamburg. Der Protagonist verfolgt das Weltgeschehen aus der medialen Distanz und hat die Ereignisse selbst erfahren. Sein Schicksal und die Emigration sind für ihn nicht fassbar. Nun ist das Manuskript Teil zwei gefunden worden und unter den Titel „Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin“ erschienen. Das Grauen der erlebten Zeit aus „Ein Mann liest Zeitung“ wird in das Kommende verlagert. Die Bedrohung und die Kriegstreiberei bleiben erhalten. Die Politik und das Handeln sind bürokratisch, wirr und treiben die Menschen in den Wahnsinn. Ein Roman des Atomzeitalters, der 1955 entstanden ist und durch das aktuelle Geschehen und Waffenrasseln eine unheimliche Aktualität erhält.

Justin Steinfeld wurde 1886 in Kiel geboren, gestorben 1970 in Baldock, England. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung war er journalistisch und für das Theater tätig. 1933 war Steinfeld kurzzeitig im Konzentrationslager Fuhlsbüttel interniert. Ihm gelang die Flucht nach Prag. Er schrieb für die Exilpresse und nach dem Münchner Abkommen floh er nach Großbritannien, wo er bis zu seinem Tod lebte. Sein Roman „Ein Mann liest Zeitung“ schildert seine Erfahrungen der Zeit und ist ein bedeutendes Werk der deutschsprachigen Exilliteratur. Mit „Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin“ dreht er die ermahnende Stimme lauter und macht sich lustig über unser Weltgebaren.

Die Welt ist eine andere und doch die unsere. Grenzen und Fronten gibt es natürlich weiterhin. Am Anfang des Textes schlägt die Uhr natürlich auch zehn vor Zwölf. Die Politik, die Machtapparate und die Kriegstreiber sind misstrauisch, denn es gibt eine neue Bombenart: Clf. Doch was ist das genau? Califa als ganzer Name. Eine Machtposition verfügt über circa 700 Einheiten. Dies ist anscheinend genug, um den Mond gegen den Mars zu sprengen. Der Mensch erfindet Dinge, die ihn und seine Welt stets mehrfach zerstören kann und reicht sich selbst dies als Spielzeug. Genannt wird es dann als Abschreckung. Doch im Roman bleibt es keine Abschreckung. Der Krieg wird ernst. Doch bevor die Vernichtungswaffen losgelassen werden, wird auch die Wirtschaft gelähmt. Die Börse wird geschlossen und eine neue Währung eingeführt. Der Gegenwert des Goldes ist antiquiert, die aktuelle Deckung lautet Califa. Schutz soll ebenfalls organisiert sein. Städte werden unterirdisch erbaut und eine kann sogar schnell bezogen werden. Atombombenschutz gibt es dadurch aber noch nicht, also muss eine weitere Idee her. Eine brennende Gaswand, die bis in die obere Atmosphäre reicht, soll den Luftangriff unmöglich machen. Diese sind der Nährboden des Romans, die Angriffswellen, die Machtreiber und die aufgeheizte Stimmung. Weltmächte, irre Ideen und die Menschen, die sich diese ausdenken und umsetzen. Doch keimt nicht auch eine Hoffnung, eine zarte Liebe auf? Gibt es die Möglichkeit des Friedens, der Waffenstille und der Rettung der Welt?

Ein Roman voller irrem Witz. Makaber und unglaublich packend erzählt. Ein Buch aus der Vergangenheit ist genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Erinnert an den italienischen Kultroman „Terra!“ von Stefano Benni. Doch hat Steinfeld in der Übertreibung stets die Wahrheit der Menschlichkeit erkannt und ermahnt uns lautstark. Ein toll geschriebener und wichtiger Roman. Ergänzt wird der Roman durch ein Vorwort von Jo Hauberg und einem Nachwort von Willi Winkler.

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Elsa Morante: „La Storia“

„La Storia“ ist eine Wiederbelebung großer italienischer Literatur. Elsa Morante wollte als Poetin einen Aufruf gegen jegliche Form des Faschismus in der Welt schreiben. Eine Aufforderung, die Mechanismen zu verstehen und diesen und der daraus resultierenden Gewalt, wo immer diese auftreten möge, entgegenzutreten. Ein Roman, der das Private politisch werden lässt, denn es ist die Geschichte einer Frau, die mit ihren beiden Söhnen im Rom während der deutschen Besetzung versucht zu überleben.

Mit dieser neuen Übersetzung wirft der bereits 1957 erschienene Roman ein Licht auf die Geschichte, besonders auf die Jahre 1941 bis 1947 und zeigt damit eine Vergangenheit, die immer mehr einen Schrecken der Gegenwärtigkeit erzeugt. „La Storia“ war das meistgelesene Buch in der Nachkriegszeit in Italien. Das Buch feierte internationale Erfolge und wurde 1986 mit Claudia Cardinale verfilmt. 2023 folgte eine Serienadaption.

Der Roman ist ein Meisterwerk, das durch seine zugängliche Sprache einen ganzen Kosmos eröffnet. Das Wahrhafte zeigt sich in der persönlichen Welt der Lehrerin Ida. Die Kapitel werden eingeleitet mit den historischen Ereignissen, die die Welt umspannten und das Leben gefährdend beeinflussten. Ida ist verwitwet und alleinerziehend. Da sie jüdische Vorfahren hat, bangt sie mit den aufkommenden Gesetzen um ihr eigenes und das Leben ihres Sohnes. Sie ist erschöpft und lebt in einem Armenviertel in Rom. Die Handlung entfaltet sich mit der Begegnung eines Wehrmachtsoldaten, der Ida vergewaltigt. Ihre Schwangerschaft versucht sie geheim zu halten und auch die Geburt macht sie still bei einer ferneren Hebamme. Jetzt ist sie Mutter zweier Söhne, die unterschiedlicher nicht seien können und versucht, sich und ihre Kinder durchzubringen. Nino, der ältere, wird ein Schwarzhemdträger und möchte kämpfen. Später wird er bei den Partisanen sein. Somit wird in der Handlung immer wieder das Geschichtliche erfahrbar anhand der Charaktere und ihren individuellen Wegen. Der jüngere Sohn, Giuseppe, Useppe genannt, verbringt seine Tage meist daheim.

Die Verknüpfung des einfachen, armen Lebens im Rahmen der zeitgeschichtlichen Ereignisse macht das Buch zu einem Ereignis. Die Menschheitsverbrechen und die Formen der Diktatur stehen auf der Anklagebank und die Zeugen sind einfache und authentisch erfasste Menschen. Die Literatur von Elsa Morante ist Weltliteratur, die sich jedem erschließt. Sie verbindet das Weltgeschehen mit den Auswirkungen im alltäglichen Leben. Durch die Charaktere entsteht eine literarische Wahrnehmung der damaligen Zeit. Die Entmenschlichung und gegenseitige Entfremdung innerhalb der Familie und des Weltgeschehens sind in „La Storia“ die ganze Geschichte. 

Der Titel „La Storia“ ist somit nicht anmaßend, sondern ein sehr passender. Denn diese Geschichte ist eine Bereicherung der Literatur. Der Roman lässt sich langsam bezwingen und kann herausfordernd sein durch die Genauigkeit und den Umfang. Die neue Übersetzung stammt von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski. Ein nachwirkendes Leseereignis.  

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