Archiv der Kategorie: Erlesenes

Christopher Ecker: „Die leuchtende Reuse“

Ein pensionierter Lehrer gerät in ein Abenteuer, das sein Leben und die Wirkungskraft der Literatur in ein verrücktes Labyrinth wirft. Mit jedem Kapitel verändert sich die Umgebung, Wände verschieben sich und die Aussichten werden erneut sortiert. Die Welt der Literatur besteht aus Büchern und aus der Visualisierung durch Film und Theater. Besonders die Bühnenkunst ist eng an die Lebendigkeit des individuellen Lesens gebunden. Damit spielt Christopher Ecker und erzeugt Bilder, die an Murakami, Poe oder sogar an Kafka erinnern. Die Spannweite seiner verwendeten Verweise ist stets mannigfaltig. Das Erkennen seiner Anspielungen ist aber niemals nötig, um seine Literatur zu verstehen. Wenn wir diese erahnen, macht es einfach nur noch viel mehr Spaß. Seine Werke bespielen immer den Grad zwischen Unterhaltung und anspruchsvoller Literatur und mit „Die leuchtende Reuse“ findet alles seinen Anfang. Ecker schreibt Romane, Lyrik, Kurztexte und nutzt auch die Fabel, um seine Geschichten zu fabulieren. „Die leuchtende Reuse“ ist eine Neuveröffentlichung, es ist die vom Autor neuüberarbeitete Ausgabe von 1997, die mit einem Nachwort von Kai U. Jürgens ergänzt wurde.

„Die Leuchtende Reuse“ ist somit in der Ecker-Welt der Anfang und beinhaltet schon alles. Seine kommenden Werke finden hier einen Wiederhall und sein geübter Blick verbindet sich in einer Welt, die Realität und magischen Realismus vereint. Alles ist möglich, alles ist ein Gedanke, ein Witz oder ein philosophisches Bildnis. Alles ist aber mit sehr viel Hingabe geschrieben, so dass sich uns nichts verschließt, sondern alles gefügig und lesbar ist. Das Versteckte zeigt sich dem geübten Ecker-Leser oder gärt im Unterbewusstsein der hinzugewonnenen Buchmenschen, die seine Welt erneut oder wieder entdecken dürfen. In seiner Literatur zeigt sich die reale Welt, die eine Kehrtwende zum Unmöglichen macht und das Surreale und Phantastische einlädt, um unsere Gegenwart zu verzaubern oder zu entzaubern. Diese Ausgabe ist somit eine Wiedereinkehr in seine Sprachwelt oder die Möglichkeit, seine Literatur neu für sich zu entdecken.

Das ganze Buch ist ein Labyrinth aus kurzen Kapiteln, die wie ein Krimi beginnen. Doch das Kriminalistische löst sich zügig auf und verwandelt sich in ein kunstvolles Mosaik, das Hieronymus Bosch gemalt haben könnte. Dabei kommt aber der Spaß niemals zu kurz, denn unser Leben ist zuweilen wie ein Witz. Ein Witz, der aber unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu oft erklärt werden muss und somit seine Pointe verliert. So lernen wir auch Josef Gripke kennen. Ein ehemaliger Lehrer, der einem Nachbarsjungen versucht einen faden Witz schmackhaft zu machen. Der Junge ist selbst in seiner Welt gebannt und kommuniziert gerade mit dem Straßengully. Gripke erfährt von seinem Freund Richard van Aaken, einem Schauspieler, der in einer Klinik ist, dass dessen Zimmernachbar Rescher auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Rescher habe sich, trotz der Fixierung buchstäblich in Luft aufgelöst. Ebenso ist dessen Lektüre von einem  Arthur Machen, „The four Impostors“, vom Nachttisch verschwunden. Die Rätsel faszinieren Gripke und er beginnt, Detektiv zu spielen. Die fehlende Lektüre hat eine ähnliche Historie wie einst die Entstehungsgeschichte um „Tausendundeine Nacht“. Wer erzählt wem hier Geschichten und welche Geschichten sind hinzugefügt oder gänzlich ersponnen? Der eigentliche Erzähler meldet sich auch dezent zu Wort und erklärt, dass Gripke ein guter Freund ist. Ist der Erzähler jener Fischer, der wie der König der Fischer im Parzival-Universum auf Mitgefühl hofft? Gripke besucht die Frau des verschwundenen Rescher und erfährt, dass dieser unter Rommel innerhalb einer Luftlandeeinheit in Afrika stationiert war. Diese Einheit ist 1942 in der Wüste spurlos verschwunden und einige sind erst Jahre später wieder aufgetaucht. Wiederholen sich die Ereignisse? Von einem Experten erhält Gripke eine Namensliste der Wiederkehrer und beginnt anhand dieser die damalige Geschichte zu rekonstruieren, die in der gegenwärtigen Welt von Gripke von Bedeutung sein könnte. Die Handlungsverläufe werden immer vielfältiger und die Magie des Lebens gewinnt immer mehr an Gewichtung. Eine Magie, die aber zwischen Realität, Fiktion und Phantasie verweilt. Gripkes Frau, die auf Kur ist, aber ebenfalls einen Schatten verbirgt, ruft ab und zu an. Dabei ist Gripke selbst durch eine Frau in der Wand seines Haus abgelenkt. Die Sinne werden beim Lesen angespitzt und vollziehen einen Sinneswandel. Was ist Wirklichkeit? Ist der Fischer eine Figur, die alles erträumt, fixiert oder die Figuren wie Marionetten tanzen lässt? Die Reuse ist geflochten und sie fängt uns ein und beginnt immer mehr zu leuchten. Doch ist diese Reuse wohl auch nur ein Tunnel mit einem Ende aus Licht. Letztendlich ist es Christopher Ecker, der die Reuse ausgeworfen hat.

Eckers Romanwelt überfordert nicht. Sie unterhält und erzeugt Spannungen, die uns unsere Welt begreifbarer machen können. Ecker verneigt sich mit seinen Werken vor Poe, Kafka und vielen anderen Meistern, ohne uns damit zu überbeanspruchen. Er verwebt die Unterhaltung mit Spielereien und lässt uns dann mit unseren Gedanken in unserem noch luftleeren Raum stehen. Diesen Raum füllen wir mit jeder neuen Lektüre. Ecker erzeugt Welten, Typen und klangvolle Gedanken und ist wohl eine gebürtige Antwort auf die Buchwelt von Murakami. Er lebt und schreibt hier bei uns an der Kieler Küste – also sei mein Aufruf erlaubt, der jetzt den Bogen zu Helge Schneiders „Schwedenurlaub“ spinnt: „Rein in die Reuse“.

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Maren Ernst: „Vierzig Mädchen“

Es gibt sie, jene Verlage, die nicht nach den kommenden Bestsellern Ausschau halten, sondern nach Perlen der Weltliteratur, die uns die Welt verständlicher machen. Dabei werden Werke verlegt, die uns durch ihr Wissen und die erzeugte Empathie Themen nachempfinden lassen, die uns durch die Lektüre wachsen lassen und die Gegenwart durch die Geschichte, die Fiktion, greifbarer werden lässt. „Vierzig Mädchen“ von Maren Ernst erweitert bewusst oder unbewusst unseren Horizont, den bereits Oliver Hösli mit seinem Roman „Mit Aprikosen“ geöffnet hat. Beide Romane spielen in Kirgistan. Unser Leben verändert sich beständig. Der Fortschritt macht auch in Kirgistan nicht halt. Das Paradiesische weicht der Technologie und die Natur und die Gesellschaften passen sich immerwährend an.

Es ist ein Roman über persönlich wirkende Einblicke in die jüngere kirgisische Geschichte. Es ist ein Spiel mit unterschiedlichen Weltsichten und Kulturen. Es geht um Menschlichkeit und stellt dabei starke Frauen in den Mittelpunkt. Der Titel geht auf die Legende zurück, dass die kirgisischen Frauen besondere Fähigkeiten haben. Es sind mutige Kämpferinnen, die Rivalitäten zu schlichten verstehen. Dabei wird ein Daseinsplan beschrieben, der stets durch Scheitern und Wiederauferstehung geprägt wird. Kirgistan heißt aus dem Kirgisischen übersetzt: Vierzig-Mädchen-Land. Der Debütroman von Maren Ernst lässt diese starken Frauen lebendig werden und knüpft literarisch ein Kulturen und Zeiten überspannendes Band.

Marie lebt in Deutschland und fühlt sich von Land und Kultur Kirgistans angezogen. Trotz Arbeit und Studium in Norddeutschland, bleibt sie mit Kirgistan stets verbunden. Während eines Aufenthalts in Kirgistan besucht sie ein Event. Eine Show, fast schon ein gesellschaftlicher Zirkus, lässt sie auf Pia treffen. Eine fast schon drängende Einladung, eines der Heime zu besuchen, verändert alles. Marie, die durch Pia eine neue Erfahrung macht, findet innerhalb einer Gruppe von Frauen eine neue und wichtige Lebensaufgabe. In dem Heim beobachtet Marie Kinder, die wie vergessene Objekte ausharren. Heimkinder sind hier nicht zwingend Waisen. Es sind Sozial- beziehungsweise Systemwaisen. Die Arbeit mit den Kindern lässt etwas Inneres bei den Betreuern und Kindern aufbrechen. Zuwendung finden in diesem Roman alle, denn es werden unterschiedliche Schicksale fokussiert. Kirgisische Lebensgeschichten, die nun mehr oder weniger den Fortgang der Handlung prägen. Somit öffnet die Lektüre eine Vielschichtigkeit und bedient sich einer poetischen Sprache. Es entsteht ein Gedanken- und Gefühlsraum, der nicht alles aussprechen muss, um durch die Reduktion etwas Stilles und Menschliches zum Erklingen zu bringen.

Ein Buch, das uns über uns staunen lässt. Über unsere positive Kraft, Hinwendung, aber auch über unsere systematischen Schattenwürfe. Wir können dankbar sein, dass es solche Verlage gibt, die mit Herzblut und Hingabe solche wichtigen Werke verlegen, die aus ihrer Nische gerne weiter heraus strahlen dürften und sollten.

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Steven Uhly: „Death Valley“

Steven Uhly irritiert, provoziert und unterhält stets ungemein. Wenn er ein Buch veröffentlicht, ist es immer wie ein kleiner Paukenschlag, der eine Schwingung verbreitet, die uns bewegt, zum Nachdenken anregt, erheitert und uns mit unserer Weltsicht konfrontiert. Mit seinem neuen Roman vermischen sich gänzlich die Realitäten. Es ist Steven Uhly, der schreibt, erzählt und uns seine Geschichte erzählt, die uns aber hadern lässt und die Frage aufwirft, was Wirklichkeit ist und was Fiktion? Es sind Grenzen zu denen wir gezerrt werden. Grenzen zwischen den Wahrnehmungen, den Klischees und letztendlich sogar zu jener Linie zwischen Ernst, Unterhaltung und Humor. Der Witz fährt auf diesem Trip lautstark mit.  Der Titel verspricht moderne Western-Romantik. Death Valley ist für diesen Road-Trip wohl kein besserer Ort. Dabei benutzt Uhly die Polaritäten unserer Bilder aus Kultur und Gesellschaft. Star Wars trifft hierbei auf Weltliteratur, das Tal des Todes wird belebt durch Menschen, die unsere Vorstellungen, bestätigen oder gänzlich neu beflügeln.

Es ist Steven Uhly, der in Erscheinung tritt. Er bezeichnet sich erneut als ein Misanthrop und muss sich mit diversen Menschen abfinden und herumschlagen. Durch die Begegnungen und zwischenmenschlichen Berührungen versucht er, sein Menschenbild aufzubessern und das Verachtende und leicht Arrogante abzulegen. Doch fällt es ihm anhand der absurden Abenteuer schwer. Er reist nach Amerika und fährt mit einem Luxusauto durch das Naturschauspiel des Death Valley. Somit begibt er sich in den Nationalpark und in die endlosen Weiten der Western-Welt und zu jenem intimen Feind eines Todesssterns.

Der Erzähler macht sich auf den Weg von Deutschland nach Las Vegas und dann weiter quer durch das Tal des Todes. Hier ist seine Mutter verstorben. Sie war mit ihrem Partner dort und beide sind verunglückt. Das Ableben konnte nicht typischer und tragischer sein. Sie sind zu Pferde unterwegs gewesen, gestrauchelt und zu Tode gestürzt. Uhly möchte seine Mutter heimführen oder je nach Kostenumfang dort beerdigen. Zeitglich macht sich auch der Sohn des neuen und nun auch verstorbenen Lebenspartners auf die Reise. Hans Butt ist es, der bisher nur negativ aufgefallen war. Besonders durch seine Weltsicht und rassistischen Ansichten. Der Erzähler macht somit ein persönliches Wettrennen daraus, weil er als erstes bei den Verstorbenen und am Unglücksort eintreffen möchte. Denn es geht auch um das elterliche Haus, die angesammelten Antiquitäten und den sagenhaften Goldschatz seiner Mutter, die als Bankräuberin anscheinend Goldbarren versteckt hatte.

Der Flug beschert Uhly die ersten skurrilen Begegnungen. Eine reiche Familie, die ebenfalls wegen einer erbschaftlichen Klärung anreist, verschafft ihm die ersten Einblicke in die Scheinwelt Amerikas innerhalb der ländlichen Trostlosigkeit. Der glitzernde Luxus lässt den Erzähler untreu werden, die Versuchung des Glamourösen spüren und verhilft ihm als Leihgabe zu jenem Luxuswagen. Auf der Reise trifft er auf weitere Menschen, Aliengläubige und klischeehafte Amerikaner. Dabei stellt er sich die Frage, was die wirklichen amerikanischen Einwohner sind, sind es die Menschen der First Nation oder jene, die das Land seit der Eroberung und Vertreibung beleben? Durch einen Zufall trifft er bereits unterwegs auf Hans, der mit seinem Leihwagen eine Panne hat und nimmt diesen mit. Das ungleiche Paar macht sich nun gemeinsam auf die Reise. Eine Fahrt durch diverse Drehorte bekannter Filme in einem Auto, dessen Navigationssystem, zur gänzlichen Erheiterung des einfacheren und Film-Nerds Hans, Darth Vader imitiert. Dabei beobachten sie sich, ihr Menschenverständnis und die gesellschaftlichen Spiele, wenn es um Macht oder Geld geht. Am Ende verstärkt sich die Großartigkeit des ganzen Romans.

Dieser Roman wirft wie ganz nebenbei unsere aktuellen und globalen Fragen ein und belebt unsere eigene Welt voller Lügen, Wahrheiten und individuellem Urteilsempfinden. Steven Uhly versteht es stets, uns in seinen Bannkreis zu ziehen. Seine Texte sind reale Parallelwelten aus Traurigkeit, Politik, Menschlichkeit und trotz der beschriebenen Dramen auch immer urkomisch. Es gibt im Buch einen englischen Satz, der als Fazit funktionieren könnte: „This beautiful sadnes of being alive“.

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Fritz Schumann: „Japan, wer bist du?“

Japan übt eine Faszination aus. Es ist ein Land mit unterschiedlichen Seelen. Es ist geprägt durch einzigartige und wunderschöne Landschaften. Es ist eine Inselnation mit dicht besiedelten Städten, die immer weiter wachsen und die ärmeren Landregionen vereinsamen. Dennoch zählt Japan zu den dicht besiedeltsten Ländern Asiens. Es gibt hier eine gelebte Spiritualität, die durch unzählige Schreine und Tempel sichtbar ist. Das turbulente Stadtleben steht den Gebirgen, den unterschiedlichen Landschaftsprofilen und den mannigfaltigen Nationalparks gegenüber. Die Blicke nach Japan vermehren sich, wie die Sehnsucht, die jenes ferne Land in uns erweckt. Auch in der Welt der Bücher und besonders in der Literatur häufen sich die Übersetzungen. Fritz Schumann fragt nun, wer Japan ist? Nicht was, sondern wer. Denn sein Blick geht tiefer als jener touristische Aufenthalt es wohl vermag. Er erzählt Geschichten von Menschen. Er zeigt ein Japan fern vom Üblichen und erweitert unseren Horizont über japanische Gesellschaft und Kultur. Auch wenn Japan lediglich ein Wunschtraum bleibt, eine Reise angedacht wird oder eigene Erinnerungen vorhanden sind, kann das Buch ein ganz anderes Weltbild erzeugen. Der Autor bewegt sich auch nicht nur auf den schönen Pfaden, sondern blickt ganz genau hin, hört zu und fragt nach.

Fritz Schumann ist ein Journalist aus Berlin und seit 2009 recherchiert und reist er oft über und in Japan. Seine Reportagen und Filme haben einige Preise erhalten. Auch in Japan hat er für Veränderungen, Gesprächsstoff gesorgt und sogar in einer Region den Tourismus verstärkt. Er ist somit nicht nur in unseren Medien ein gefragter Kenner der Materie, sondern auch schon mehrfach im japanischen Fernsehen aufgetreten.

Anhand der vorangestellten Karte erfahren wir, welche Orte er bereist hat, zu denen er uns nun literarisch mitnimmt. Diese sind in ganz Japan verstreut. Es sind Erinnerungen oder Berichte von seinen ganzen Japanreisen. Es sind Reisen zu verborgenen Orten und den dort lebenden Menschen. Wie jene jeweiligen Regionen sind auch die Menschen, die mit ihren Berichten, Aussagen und Lebensweisen die japanische Kultur gestalten. Dadurch sind die Betrachtungen alle authentisch, persönlich und jeder Reiseabschnitt ist ein Gewinn. Jede Reise, die Fritz Schumann machte, ist eine Suche nach Antworten. Dabei entdeckt er verlassene Regionen, zum Beispiel eine Waldheimat, wo fast alle Menschen dort weggezogen sind. Er trifft auf ein Tal voller Puppen, Puppen, die jene Leerstände mit Leben erfüllen. Jede Begegnung führt zu anderen. Jedes Treffen zeigt Lebensphilosophien, Probleme oder den alltäglichen Lebensumstand. Auch die Suche nach Glück kommt nicht zu kurz. Aber auch ein alter Giftgasskandal hat den Journalisten mehrfach beschäftigt. Somit wandern wir anhand der Kapitel durch unterschiedliche Welten Japans. Von den modernen Hochhäusern bis zu den jahrhundertealten Traditionsgebäuden. Es sind aber stets die Menschen, die uns begegnen und dem Autor ihre Geschichten überlassen haben. Menschen, die oft aus den Situationen das Beste herausbringen möchten. Die Schönheit, das Mystische und das Kritische vereinen sich hier spielerisch. Dabei sind die Texte nie gänzlich neutral, denn es sind Berichte von Japanern, die Fritz Schumann empfangen hat und durch seine Texte zu etwas Persönlichem gemacht hat. Kein oberflächliches Werk über Japan, sondern es sind Reiseberichte jenseits der üblichen Bilder.

Ein ungewöhnlich, schönes, bewegendes Buch. Die Texte werden durch großartiges Bildmaterial ergänzt. Näher und tiefer wird man Japan wohl nicht kommen können. Bücher sind Portale in andere Welten und dieses öffnet ein sehr reales. Eine lohnenswerte Reise nicht nur für Menschen wie mich, die nicht reisen können.

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Anne Sauer: „Im Leben nebenan“

Anne Sauer, bekannte Buchhändlerin und Moderatorin, hat nun ihren Debütroman geschrieben. Der Roman spielt mit „was wäre, wenn“ und stellt zwei Lebensentwürfe nebeneinander. Der Anfang erinnert an die Mysteryserie „Fringe“. Dabei geht es letztendlich um die eigenen Wünsche und um die Anforderungen des Lebens. Die Handlung baut sich szenisch auf und jeder Lebensentwurf hat seinen eigenen Handlungsstrang. Dies ist durch die linke oder rechte Kapitelnummerierung sofort zu erkennen. Beide stellen eine Frau in den Mittelpunkt, Toni oder Antonia. Die Kurzform, also Toni, hat etwas weniger Raum im Buch, weil sie ja auch Antonia ist, nur in ihrem Leben nebenan.

Toni glaubt als junge Frau fest an die Liebe, daran, dass es einen bestimmten Menschen im Leben gibt. Sie ist länger mit einem Freund Adam zusammen, mit dem sie sich anfänglich auch alles vorstellen kann. Doch verliert sich ihre Liebe im Alltag und sie beendet die Beziehung. Später trifft sie auf einem Festival Jakob. Beide leben später in der Großstadt und versuchen, ein Kind zu bekommen. Doch gelingt dies nicht. Sie ist eine Frau mit genauen Vorstellungen und Plänen. Doch der unerfüllte Kinderwunsch kommt ihr dazwischen. Ihre Lebensvorstellungen zerbröseln und es sind oft Kompromisse, die sie akzeptiert. Dabei beginnt sie, sich Fragen zu stellen.

Toni wacht eines Tages als Antonia auf. Eine ganz andere Version ihres bisherigen Lebens, aber mit der Wahrnehmung von Toni. Sie wacht mit einem Baby im Arm auf und hat noch Geburtsschmerzen. Sie lebt nicht in ihrer Stadtwohnung in der Großstadt, sondern in ihrer alten Heimat und ist mit ihrer Jugendliebe Adam verheiratet. Da sie sich nicht an das jetzige Leben mit Kind erinnern kann, attestieren ihr die Ärzte und die Familie Stilldemenz.

Wie erlebt Toni oder Antonia den plötzlichen neuen Lebensverlauf? Wie kam es dazu und was ist, wenn sie tatsächlich diese oder die andere Abzweigung im Leben genommen hätte? Wie verändern unsere täglichen Entscheidungen ein ganzes Leben? Anne Sauer geht diesen Fragen klug nach und erzeugt einen Raum, der zum Nachfühlen, Nachspüren und Nachdenken anregt. Mit viel Empathie zu den Charakteren und Neugier zu den existentiellen Lebensfragen hat Anne Sauer einen feinfühligen Roman geschrieben. Durch die wechselnden Lebensperspektiven baut sich eine Spannung auf, die uns förmlich durch das Buch treibt. Das Buch deutet an und verklingt dann doch unbestimmt, wer in seinem „richtigen“ Leben ist, Toni oder Antonia? Welches Leben wünschen wir uns und welches wird uns ermöglicht? Kann es darauf überhaupt eine endgütige Antwort geben?  Wie verlaufen unsere eigenen Vorstellungen neben den Erwartungen der Gesellschaft, dem Umfeld oder die der Partner an uns?  

Anne Sauer ist auch bei uns zu Gast auf Leseschatz-TV. Siehe YouTube:

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Jina Khayyer: „Im Herzen der Katze“

Dieses Buch belegt, warum Literatur so wichtig und großartig ist. Literatur geht weiter als jedes Sachbuch. Es verbindet Geschichte mit Emotionen und durch die Empathie verbinden wir uns mit den Ereignissen sowie Charakteren und ein emotionales Wissen und Weltverständnis bleibt in uns haften.

„Im Herzen der Katze“, weil Iran als geographische Kontur dem Bild einer Katze ähnelt. Aber auch, weil die Katze der Legende nach mehrere Leben haben soll. Es gibt mehrere Leben, die wir durch diese Lektüre erfahren. Das ganz intime, persönliche und das öffentliche.  Jenes, das hinter den Augen der Öffentlichkeit und den gesellschaftlichen Mauern gelebt und erlebt wird und jenes, was vor jenen Grenzen gelebt wird und erlaubt ist. Die geringen Freiheiten, besonders jene der Frauen, sind es, die sich hierbei auf eine unterschwellige Resignation oder Wut hinbewegen. Eine Willkür und Unterdrückung, die das kulturelle und genussvolle Leben unmöglich macht. Besonders das Leben der Frau wird dabei erschwert.  Mit einer literarischen und poetischen Intensität beschreibt der autofiktional anrührende Roman eine Familien- und Liebesgeschichte. Es geht dabei um Identität und um die Vorstellung von Zugehörigkeit und das Frausein wird mit voller Empathie und Emotion auf kluge Weise beleuchtet. Dies wird im Hinblick auf unterschiedliche Kulturen und  Nationalitäten beschrieben und immer ist es der Blick auf die allgemeine und persönliche Freiheit.

Anhand mehrerer Generationen iranischer Frauen beschreibt die Autorin die Geschichte von Exil, Unterdrückung, Freiheit und Emanzipation. Ein sinnlicher und kräftiger Roman, der so viel Wahres beschreibt, dass er uns sehr berührt und nachwirken wird.

Jina lebt in Frankreich. Es ist abends, als der Roman beginnt. Sie schaut sich die stets aktualisierenden Bilder und Beiträge auf Instagram an.  Die kurdische Iranerin Jina Mahsa Amini wurde von der iranischen Sittenpolizei ermordet. Die Sittenpolizei hielt sie zuvor an, angeblich wegen „unislamischer Kleidung“ und die spätere Todesursache ist auf die Polizeigewalt zurückzuführen. Diese Nachrichten rufen im Iran große Empörung wegen der täglichen Gewalt gegen Frauen und Minderheiten aus. Der Protest wird lauter und geht auf die Straße. Mädchen und Frauen, die zum Beispiel ihre Haare unverdeckt lassen, demonstrieren. Darunter auch die Schwester der Erzählerin, die mit der Verstorbenen den Vornamen teilt. Sie versucht durch die auf sie einfließenden Bilder das Gegenwärtige zu fassen und beginnt sich zu erinnern. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt. Die jetzigen Ereignisse lassen sie an ihre damalige Reise in den Iran erinnern. Ihre Anreise und der Aufenthalt zeigen bereits die unterschiedlichen Lebensweisen. Jene, die verlangt und gezeigt wird und jene, die im Verborgenen einfach gelebt wird. Auch die Personen, die jene Gesetze aussprechen, nehmen sich persönlich viele Freiheiten heraus. Es sind die Begegnungen und das Zwischenmenschliche, die dieses Buch sehr lebendig werden lassen. Im Mittelpunkt steht der Besuch bei der Familie, die Gastfreundschaft der Menschen. Menschen, die heimlich feiern, die auf die Geschlechtertrennung zu achten haben, aber  dann alles Tanten und Cousinen werden, damit die Enge und Nähe selbstverständlich wird. Auch die Reise im Sammeltaxi unterliegt ganz eigenen Gesetzen. Dieser Roman ist eine tolle Reise in das Land, zu den Menschen und der laute Ruf nach Gleichheit und Freiheit. Als Auftakt sind es die Proteste, die zu Lebensveränderungen führten, die aus dem individuellen Ruf einen lauten Klang auf die Straßen trugen.

„Im Herzen der Katze“ erinnert an die Werke von Nassir Djafari oder Rasha Khayat. Ein intensives und spürbares Buch, das auch den Lebenswitz mit einbezieht. Ein sinnlicher Roman, der Mut zeigt und viele Gedankenprozesse anregt. Unbedingt lesenswert ist dieser Ruf und Kampf um die Freiheit. 

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Tatjana von der Beek: „Blaue Tage“

Ein Segelroman über die inneren Konflikte und den Mut, sich selbst zu finden und zu akzeptieren. Ein Roman, der die Segel bereits mit einer subtilen Unterschwelligkeit setzt und in eine Sinnkrise hineinmanövriert. Das Schiffsmotiv und die komprimierten Handlungsorte durch ein Segelboot sind nichts Neues, doch stets eine feine Möglichkeit für ein kulissenreiches Kammerspiel. Tatjana von der Beek baut die feinen Brüche langsam ein und baut diese kontinuierlich aus. Das erinnert an die Werke von Deborah Levy oder Yasmina Reza. Mit einer nicht aufbrausenden Emotionalität, sondern durch das Erkennen der eigenen Lebenslügen wird hierbei durch die Charakterisierungen und den Handlungsverlauf eine behutsame Spannung aufgebaut.

Gleich am Anfang zeigen sich eine Disharmonie und die Distanz. Ein gemeinsamer Urlaub in Griechenland ist geplant. Der Vater, der sich lange nicht um seine Töchter bemühte, lädt unerwartet ein. Ein Katamaran soll der Ort der Zusammenkunft sein. Eine Passage durch die Inselwelt soll die Familie wieder näherbringen. Doch was hat der Vater dazu bewegt, sich jetzt zu melden? Was möchte er seinen Töchtern mitteilen?  Es sind die Schwestern Leo und Emma, die zusammen mit ihren Lebenspartnern angereist kommen und auf das gecharterte Boot einschiffen. Leo erkennt gleich in ihrem Vater einen älteren Mann, den sie ohne familiäre Bindung wohl nicht mögen würde. Beide Schwestern eint auf den ersten Blick der bisher unerfüllte Kinderwunsch. Doch hat Leo gerade eine Karrieresprung vor sich und ein Kind würde zum jetzigen Zeitpunkt nicht passen. Ohne mit ihrem Partner zu sprechen, plant sie das gemeinsame Leben. Das Urlaubsmanöver scheint bereits bei der ersten Hafeneinfahrt zu kippen. Denn wie im Leben wirkt es, als hätten alle die Kontrolle über das Boot verloren. Eine Skipperin hilft und geht dann mit an Bord.

Auf der Reise kommt es zu Begegnungen mit den eigenen Wahrheiten, Sehnsüchten und verheimlichten Lebensinhalten. Durch das Verheimlichen, Belügen und die Konfrontation auf engstem Raum kommt es stets zu angespannten Stimmungen, die sich einen Weg suchen, um ans Licht zu kommen.

Ein passender Sommerroman voller mediterraner Hitze und flimmerndem Wasser. Dabei werden wir Zeugen von Lebens- und Sinnkrisen, die ganz subtil aus den Untiefen emporsteigen und einen festen Anker auswerfen.

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Nail Guillaume: „Man badet nicht in der Loire“

Es sind diese Momente, die wir verinnerlichen, die in sich die absolute Freiheit versprechen. Der erste Tag vor den Ferien oder jener Moment, vor dem wir stehen, wenn ein Wechsel bevorsteht oder eine Lebenssituation sich verändert, die mit voller Emotion und Lebensenergie beladen ist.

Guillaume Nail erzählt von diesen Momenten, die voller Kraft, Hoffnung und Unsicherheiten sind. Jene, die gefühlt alles beinhalten, aber uns auch alles nehmen können. In der Jugend steht uns gefühlt die Welt offen und alles ist möglich. Doch je weiter die Lebensenergie strömt, desto mehr wird uns diese Lebenskraft genommen. Es ist ein großartiger und feinfühliger Roman, der mit der puren Lebensfreude beginnt und dann einen Spannungsbogen aufbaut, der durch den Perspektivenwechsel ein Abenteuer über unsere persönlichen Grenzen aufzeigt. Grenzen, die durch uns, durch das Lebensumfeld und die äußeren Einflüsse gesetzt werden.

Es ist ein heißer Sommer in Frankreich. Es ist der letzte Augustnachmittag im Feriencamp. Es sind die letzten Momente in der Unbestimmtheit, in der wilden Selbstbestimmung der Jugend. Die Grenze zum Alltag rückt näher und ein letztes Aufbäumen vor dem Reglement ist das süße Versprechen der Freiheit. Ein Ausflug, ein Picknick an der Loire ist geplant. Mit der Gruppe und dem Bus geht es los. Doch vor dem eigentlichen Ziel kommt es zum Stopp. Die jugendliche Meute voller unbändiger Kraft, toleriert von den Erziehungsberechtigten, aber doch auch mit maßvollen Augen beobachtet, möchte etwas erleben. Jeder weiß, in der Loire geht man nicht baden. Wie ein mahnendes Sprichwort wird dies mahnend im Sprachgebrauch benutzt. Doch der Übermut und die äußere und innerliche Hitze verlangen das abkühlende Nass. In der Jugend verbirgt sich die Unsterblichkeit. Doch je mehr wir uns von der Jugendhaftigkeit entfernen, desto mehr gewinnen die äußeren Einflüsse. Freundschaft, unbändige Lebenskraft und die Einwirkung des Unbestimmten und des Umfeldes verändern unser Leben. Leben und Tod ist ein kindliches Spiel, ein Klang, der mit dem rotierenden Alltag immer an Bedeutung zunimmt.

Durch das Wechselspiel der Perspektiven ist diese Lektüre ein Lebensrausch, der fesselt. Ein Roman, der klug und wirklich gut geschrieben ist. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Paul Sourzac. Der Autor hat vor und hinter der Kamera gestanden. Er ist Drehbuchautor und hat Kinder- und Jugendbücher geschrieben. „Man badet nicht in der Loire“ ist sein Debüt in der belletristischen Literatur. Der Roman ist sehr sinnlich und cineastisch komponiert. In zügigen Szenenwechseln erfassen wir die unbändigen Kräfte des Lebens. 

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Mirko Bonné: „Wege durch die Spiegel“

Die Bücher von Mirko Bonné sind immer ein Refugium und er zählt zu den bedeutendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur, zumindest hier im Leseschatz. Mirko Bonné schreibt Lyrik und Romane und versteht es, seine Gedanken und Emotionen in Wortbildern einzufangen. Diese Gedanken und besonders die durch den Sprachklang eingefangenen Emotionen ergreifen uns beim Inhalieren der Zeilen. Es ist eine Lyrik, die uns fesselt, nachsinnen lässt und zu einer konstanten Wiederkehr einlädt. Die Gedichte sind zugänglich und verschließen sich nicht, sondern erzeugen eine Begeisterung, die dann vereinzelt wie unbemerkte Insektenstiche nachwirken. Aber dies im positiven Sinne, denn Lyrik erzeugt einen Nachklang, wie eine Erinnerung, um die es bei diesen Gedichten zuweilen auch geht.

Lyrik ist eine hohe Kunst der Literatur, denn sie verinnerlicht Gefühle und Gedanken. Dabei benutzt sie die Form, den Klang und die Reduktion, um das Wesentliche freizusetzen. Wie ein Bildhauer, der das eigentliche Werk aus dem Material befreien muss. Mirko Bonné überrascht stets und seine Sprache ist sinnlich. In seinen Romanen und seine Texten schwebt oft eine schöne Melancholie, die durch eine Heiterkeit getragen wird. Wir streifen mit ihm durch seine Gedanken, Geschichten und begleiten ihn auf seinen Spaziergängen, die durch Landschaften verlaufen oder in imaginäre Welten abzweigen. Er gibt der Stille einen Raum und seine Lieder, Balladen und Kurzgedichte berühren durch den erzeugten Resonanzraum. Dadurch wird das Persönliche, das er als Autor fixiert, bearbeitet und als Buch abgegeben hat, nun zu unseren persönlichen Texten. Der Weg durch den Spiegel muss auch stets am Ego vorbei, durch die Spiegelfläche und sich auslösend in der Umkehr wiederfinden.

Die Streifzüge durch die Landschaften und durch das Leben in dieser Lyrik haben etwas Bleibendes und entkräften die Vergänglichkeit. Mirko Bonné spürt nach, schaut genau hin und erzählt durch Verse und hält Momente fest, die Spuren hinterlassen. Aber welche Spuren bleiben von uns und welche Spuren hinterlässt die Geschichte in uns? Wir wandeln mit der Gedichtsammlung durch stets wiederkehrende Kurznachrichten aus der Unterwelt, zu Skorpionen, durch den Spiegel und drehen uns gegen den Uhrzeigersinn. Mirko Bonné ist Autor, Lyriker und Leser und somit verneigt er sich in seinen Zeilen vor vorgelebten Größen. Er betreibt Erinnerungsarbeit. Er benennt Kindheit und Geschichtsaufarbeitung oder die Verdrängung des vermeintlich abgelegten Schreckens. Das Positive im Leben ist dennoch stets ganz nahe. Manchmal ist es nur ein kurzer Moment, ein Blick, der wie ein Riss im Alltäglichen aufblitzt. So lebt auch diese Lyrik, die nicht schweigt, auch in der Stille und den Lücken. Alles ist bei Mirko Bonné bedeutungsvoll und doch nicht hochtrabend, sondern durch Schönheit zugänglich. Eine Dichtung, wie es im „Lied aus Allem“ heißt, die sich zurückzieht, tarnt, versteckt und sich aus dem Hinterhalt, aus Widerstand und Hoffnung zusammensetzt. Guter Lyrik entgeht nichts. Es liegt an uns, diese in uns zum Singen zu bringen. Dabei sind kleinste Betrachtungen, wie die von einem Insekt, hilfreich, das jene Poren erklimmt, die wir übersehen.

Es sind Wanderungen durch Landschaften und Gedankenspaziergänge. Lichtvolle Momente, die oft frankophil sind. Alle Texte verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk und wollen einzeln oder im Ganzen öfters aufgesucht werden. Ein wunderbares Spiegelportal aus Sprache und Kunst.

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S. Rayker: „Yay!There“

Ein Buch, das sich, wie der Hauptcharakter, nicht wirklich benennen lässt. Es ist ein Unterhaltungsroman, der aber diverse Gedankenanstöße bietet. Es liest sich zuweilen wie ein Jugendbuch, geht aber darüber weit hinaus und spricht eine weiträumige Zielgruppe an. S. Rayker ist das offene Pseudonym von Sonja Rüther und erneut verbindet sie in diesem Roman viele ihrer persönlichen Themen. Auf den ersten Blick ist es ein Musikroman. Musik spielt in ihren Werken immer eine besondere Rolle. Musik und Literatur sind Transporteure von emotionalem Wissen. Ein Wissen, das sich nicht sachlich, aber durch die Geschichte und die Empathie zu den Figuren in uns verankert. Gerade die Empathie ist der Motivator des Romans, denn es geht um das Anderssein dürfen, sich und andere so zu akzeptieren, wie sie sind. Egal, woher wir stammen, wie wir aussehen, wie wir uns kleiden oder wen oder was wir lieben. Toleranz und Empathie gehen gesellschaftlich verloren, dies kann durch beständiges Lesen verhindert werden. Dieses Buch ist dabei eine unterhaltsame Unterstützung. Sonja Rüther hat daher auch das Vorwort ihrer Tochter überlassen. Denn es geht viel um Ausgrenzung und Mobbing. Dies hat leider Norina Rüther, wie zu viele, in der Schulzeit erleben müssen. Mobbing trifft meist nicht Menschen, weil sie anders sind, sondern weil sie sich am wenigsten dagegen behaupten wollen oder mögen. Die Täter suchen sich stets jene, die am wenigsten Widerstand leisten.

Der 16-jährige Jay ist so jemand, der beständiger Schikane ausgesetzt ist. Sein Erscheinungsbild ist sehr androgyn und er weiß selbst nicht, wer er wirklich ist. Durch den Verlust seiner Mutter ist er noch introvertierter und trauert mit einer stillen Wut. Einen seiner Peiniger hat er gestoßen und dieser liegt nun im Krankenhaus. Es gab keine wirkliche Auseinandersetzung, warum Jay so reagierte, keine Diskussion wurde seitens des Internats in den USA, auf das er ging, geführt, denn er flog von der Schule. Sein Vater ist für die Sicherheit anderer, meist Promis, zuständig und stets global unterwegs. Jetzt muss er sich um Jay kümmern. Gerade jetzt, wo er für die Sicherheit der K-Pop-Gruppe Yay!There zuständig ist, die weltweit eine großes mediales Interesse erzeugt. Jay distanziert sich von den Massenereignissen und flüchtet sich in seine eigene Welt, die er anhand von Bildern, Skizzen und Mangazeichnungen fixiert. Sein Vater hat sich nie wirklich um ihn gekümmert und somit fällt es beiden schwer, den anderen jeweils zu verstehen. Besonders nicht, weil da noch Jane ist, mit der sein Vater bereits länger ein Verhältnis zu haben scheint. Führt sein Vater somit auch zwei Leben? Gleich wie Jay, der stets zwischen den Welten schwebt, ohne sich zu einer gänzlich hingezogen zu fühlen? Gibt es einen Zwischenraum, der ihm bisher verborgen blieb?

Jay wird auf der Tournee von Yay!There ein Teil des ganzen Teams. Er versucht sich bedeckt zu halten, verursacht aber gerade dadurch oft Probleme und versteht es auch in Folge, die Presse und die Fans auf sich aufmerksam zu machen. Schnell wird er als jener brutale Schläger erkannt, der von der Schule geflogen ist. Dies kann für das Image der Boyband schwierig werden und das Management setzt nun enormen Druck auf ihn und seinen Vater aus. Gerade Jane ist es, die sich oft für Jay verantwortlich fühlt und somit kommen beide sich zwangsweise näher. Auch mit der Band, die ihn in ihrer Mitte während der wenigen freien Stunden integrieren. Besonders Yi-jun, der von den Fans die meisten Bewunderer hat, sucht Jays Nähe. Dabei hat Jay bisher zu dieser Art von Musik keinen Zugang gefunden. Doch immer mehr findet er ein Gehör für die Musik und für die Stimmungen seines Umfeldes. Sein Plan ist es dennoch, sobald die Tournee in Paris angekommen ist, dort ein neues Leben anzufangen. Yi-jun, der charismatische und ebenfalls androgyne Sänger bleibt aber ein beständiger Begleiter von Jay und möchte mehr erfahren und ziemlich zügig erfährt Jay auch, warum.

S. Rayker, d.h. Sonja Rüther, versteht es, spielerisch die großen Themen zu verpacken. Sie benutzt eine Alltagssprache, um Authentizität zu erzeugen. Dies gelingt ihr sofort, denn die Charakterzeichnungen sind sehr plastisch und durch die Szenen erhält die Handlung immer mehr Komplexität. Dies ist mit den Romanen von Stephen King zu vergleichen, der mit seinem literarischen Handwerk sofort Bindungen zu  den Figuren und der Handlung erzeugt. Sonja Rüther schreibt begeistert über Musik, wie in ihren Werken oft. Es ist keine besondere Zuwendung zu einer Musikrichtung nötig, um die Hingabe nachzuvollziehen. Es sind dann ihre Themen, die sie beflügeln. Es geht um Mobbing, um das Ausbrechen aus gesellschaftlichen Klischees und um das Finden seiner Rolle im Leben, ohne eine vorbestimmte erfüllen zu müssen. Es geht besonders in diesem Roman um Anerkennung, Akzeptanz und Empathie. Die Illustrationen im Buch stammen ebenfalls von Sonja Rüther.

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