Felix K. Nesi: „Die Leute von Oetimu“

Dieser Roman lässt eine alte Tradition aufleben, die des Geschichtenerzählens. Somit ist er sehr lebendig, bestürzend und humorvoll. Das Phantastische reiht sich neben die Fakten ein und mythenhaft windet sich die Handlung um die Historie Indonesiens. Literatur vermag weiterzugehen, als es sachliche Berichte oder Bücher vermögen, denn sie bereichern durch ihre Emotion das vorgetragene Wissen, das durch die Empathie somit eher den Zugang zu uns findet.

Angesiedelt ist die Geschichte auf Timor, der Heimatinsel von Felix K. Nesi. Nur der Ort, Oetimu ist fiktiv, aber doch aus den persönlichen Erinnerungen zusammengesetzt. Ein Ort, der mittig und zwischen den Grenzen liegt. Nesi erzählt aus voller Leidenschaft und füllt den Roman mit ganz viel Leben. Der Untertitel garantiert die wahre Geschichte von Timor zu erzählen. Doch wie bei der althergebrachten Tradition des Erzählens wird einiges übertrieben, fantasiert oder weggelassen. Nesi macht Andeutungen, die im Index Erklärung finden und die Möglichkeit geben, sich mehr mit den Ereignissen zu befassen. Mit distanziertem Witz und Ironie beschreibt er die Historie und den Kampf um Unabhängigkeit. Dabei spart er die Grausamkeiten nicht aus. Der Roman lebt von der Lust des Formulierens und wurde von Sabine Müller aus dem Indonesischen übersetzt. Felix K. Nesi hat in seiner Heimat mit seinem Werk viel Anerkennung erhalten. Er beschäftigt sich mit der Ausnutzung und Versklavung von Menschen und setzt sich für Leseförderung ein.

Es beginnt mit dem Ende. Sergeant Ipi lädt ein. In der Polizeistation gibt es einen der drei Fernseher der Umgebung und alle möchten das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft sehen. Während der Übertragung verschaffen sich Killer Zutritt in ein Haus und die Geschichte beginnt. Der eigentliche Anfang liegt aber in der Vergangenheit. Timor eine gefragte Gewürzinsel weckte politische und wirtschaftliche Interessen. Timur wurde erst von den Portugiesen, dann von den Holländern besetzt. Die Insel wurde dann Anfang des 20. Jahrhunderts geteilt und nach dem Zweiten Weltkrieg von Japan besetzt. Jahre später wurde Timor nach blutigen und langen Kämpfen unabhängig. In diese Entwicklung wirft Nesi seine Helden hinein. Alles wirkt anfänglich maskulin und doch sind es die Frauen, die die Ereignisse vorantreiben. Wie am Anfang sind es die Männer, die zum Fußball strömen. Doch die wirklichen Geschehnisse beginnen bei den Frauen und Kindern.

Sergeant Ipi hat eine dramatische Familiengeschichte, die in Lissabon ihren Anfang nimmt. Die Nelkenrevolution hat alles verändert und Júlio Craveiro dos Santos sorgt sich um seine Zukunft. Doch er erhält eine Chance und wird nach Timor versendet. Mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter reisen sie an. Er ist bemüht, politisch nicht in Erscheinung zu treten, doch durch eine schicksalhafte Begegnung gerät er in die Unruhen und er und seine Frau werden im Angesicht ihrer Tochter ermordet. Diese kann, vergewaltigt und gefoltert, entkommen. Im Dorf Oetimu trifft sie auf Am Siki, um den sich Heldengeschichten ranken. Dieser nimmt sich ihrer an und sie bringt dort einen Sohn zu Welt, den späteren Sergeant Ipi. Viele weitere Ereignisse und Wendungen bereichern den Werdegang. Weitere Figuren beleben das Werk. Alles ist miteinander verwoben. Alles wird plastisch und mit Tiefgang oder durch distanzierten Humor betrachtet.  Es sind schöne, kluge Frauen und skrupellose, ehrgeizige Männer. Die Bilder, die Nesi erzeugt, sind voller Realität und Magie. Das Lesen erzeugt eine Spannung, denn Nesi versteht es, das Drama durch Sprachwitz zu kaschieren und durch die Cliffhanger die Aufmerksamkeit kontinuierlich zu steigern.  

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Victor Heringer: „Die Liebe vereinzelter Männer“

Ein besonderer Roman, der sich inhaltlich wie ein Kreisel um den Kern dreht, sich ellipsenhaft vom Wendepunkt entfernt und wieder annähert. Er beinhaltet ein Erwachen aus der Kindheit und das Erkennen. Somit kann der Kreisel erneut als Metapher für den Roman herhalten, denn ein Kreisel ist ein Kinderspielzeug, das eine Faszination ausübt, doch mit dem Erwachsenwerden immer weniger Zauber innehat und wenn sich die Rotation verlangsamt kippt das Spiel, taumelt und hält an. Die ganze Sprache und Aufmachung des Buches führt uns literarisch in eine düstere, aber nicht hoffnungslose Geschichte ein. Das Dramatische wird im Roman mit Humor begleitet. Der Klang ist stets rhythmisch und die kurzen Kapitel werden nicht selten durch Zeichnungen, Fotos, Handschriften oder Sonderzeichen ergänzt. Alles passt gekonnt zusammen und bringt den Roman zum Schwingen und wenn wir beim Bild bleiben wollen, zum Kreisen. Übersetzt wurde der Roman aus dem brasilianischen Portugiesisch von Maria Hummitzsch.

Der Anfang beginnt kindlich, märchenhaft in einem Randbezirk von Rio de Janeiro. Doch verströmt die beschriebene Kulisse gleich in den ersten Zeilen Gestank, der aus heißem Schlamm emporsteigt. Die Hitze ist fühlbar und ist für den Erzähler stets unangenehm. Camilo schaut als erwachsener Mann zurück und erinnert sich an jene Tage, als er dreizehn Jahre alt war. Es ist das Jahr 1976 und er lebt mit seiner Schwester behütet in einem geschützten Anwesen. Camilo sieht, aber schaut nicht wirklich hin. Er ist kindlich, weiß dass sie in einem ehemaligen Sklavenviertel wohnen, aber kann es nicht fassen. Auch die Eltern werden nicht gänzlich von ihm gesehen. Das Land wird durch die brasilianische Militärdiktatur beherrscht. Camilo leidet körperlich, ist mal im Rollstuhl, dann von Krücken abhängig und wenn es besser geht, reicht ihm ein Stab. Eines Tages kommt der Vater von der Arbeit heim und bringt den Waisenjungen Cosme mit. Dieser ist etwas älter und zieht mit ein. Camilo ist anfänglich nicht begeistert. Erkennt aber seine Liebe zu Jungs und verliebt sich in Cosme.

Als Erwachsener erkennt Camilo mehr als damals und hat auch mehr Wissen. Denn sein Vater war als Doktor Pablo bekannt. Für den Jungen klingt es positiv, wenn es heißt, sein Vater half den Gefangen, am Leben zu bleiben. Dass dies bedeutet, dass sein Vater ein Folterarzt war und Cosme womöglich Kind seiner Opfer ist, erschließt sich ihm langsam.

Die junge Liebe zwischen Cosme und Camilo währt nur wenige Tage. Es ist eine Zeit, in der Camilo mehr über seine Umgebung erkennt und erfährt. Die Innigkeit wird dann zerstört durch ein Drama, das Camilos Leben gänzlich verändert. Er kehrt als Erwachsener gedanklich zurück zu jenen Tagen und erfühlt die erste Liebe, die seine wahre war und alle anderen lediglich ein Abglanz. Menschen katalogisiert er. Eine Liste von Mitschülern ist sein Abbild der Gesellschaft. Eine weitere Liste von Menschen mit den Namen ihrer ersten Liebe taucht auf. Diese hat Victor Heringer durch einen Aufruf erstellt und somit wirkt vieles in diesem Roman erschreckend authentisch.

Ein weiteres Drama rankt sich um diesen Roman. Denn Victor Heringer wurde 1988 in Rio de Janeiro geboren und war ein Multimedia-Künstler. Seine Literatur machte ihn schlagartig bekannt. Doch lange litt er an einer Depression und verstarb 2018. Dieser Roman fasziniert, erschrickt und verändert. Ein wichtiges und lesenswertes Werk.

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Natsume Sōseki: „Ich der Kater“

„Ich der Kater“ ist Weltliteratur und der Verfasser, Natsume Sōseki (1867 – 1916), gilt als prägender Autor Japans. Der Roman ist ein Meisterwerk und das Buch und sein Schriftsteller sind Vorbilder der modernen japanischen Literatur. Dieser Klassiker lockerte das Sprachliche auf und belebte die Dialoge, die besonders das Umgangssprachliche und den Dialekt als Gesellschaftsbild verwenden. Wunderbar übersetzt von Otto Putz. Der Text lebt durch die entfremdete Distanz. Das Gesellschaftliche wird ganz genau betrachtet und interpretiert. Die Entfremdung, wenn nicht sogar Entmenschlichung und die dazugehörige Distanz erfolgt durch den Erzähler selbst. Der erste Satz prägt die Literaturwelt: „Gestatten, ich bin ein Kater! Unbenamst bislang.“ Er hat eine gewisse Bauernschläue, kann lesen und die menschliche Sprache verstehen und meist richtig deuten. Somit hat der Kater den Menschen in seinem Umfeld viel voraus, die die Mimik missdeuten und lediglich ein Mauzen verstehen. Dabei ist der Roman kein fantastisches Werk mit einem tierischen Helden. Der Kater erzeugt eine Abnabelung vom Menschen, vom Umfeld, der Kultur und vom Autor selbst. Dieser mogelt sich als Erzähler fast unbemerkt ein und legt die Vermutung nahe, der Mensch, wenn nicht sogar alle Menschen, im belebten Haushalt zu sein.

Dies ist einer der bekanntesten Romane in Japan. Er verbindet, wie in den Werken von Natsume Sōseki üblich, das Schicksal Einzelner mit den Umbrüchen der Kultur. Seine Themen kreisen stets um Egoismus, Liebe, Vertrauen und Verrat. Seine Texte verlangen Aufmerksamkeit und Zeit. Siehe auch im Leseschatz besprochen „Kokoro“.

Durch den Blickwinkel auf uns Menschen aus Kateraugen mit Verstand, erhalten die Menschen etwas Verschrobenes, Humorvolles und Rätselhaftes. Der unbenannte Kater ist gut gebildet und muss keine Maus fangen. Stets wird er versorgt und versteht es, die Menschen zu benutzen. Der Roman umspannt sein ganzes Leben. Von der Geburt und dem tragischen Versuch, ihn mit seiner Familie zu ertränken. Doch er überlebt und kann sich als Jungtier in einen gehobenen Haushalt retten. Der Hausherr ist der schrullige Professor Schneutz. Ein Müßiggänger, der sich in den Künsten versucht und oft scheitert. Er hat das Bestreben kulturell Anerkennung zu erlangen. Doch wenn seine Frau zum Beispiel ins Theater möchte, obsiegt das Phlegma. Beobachtet wird alles vom Kater, der meisterhaft alles hört, liest, sieht und erzählt. Sein Menschenbild ist sarkastisch. Dadurch verbindet sich der Katerblick mit der Sicht von Natsume Sōseki, der hiermit den ersten satirischen Roman der japanischen Literatur geschrieben hat. Der Hausherr, das zentrale Beobachtungsobjekt, hat um sich einen Zirkel gegründet. Es ist ein Bund von gebildeten Menschen, der sich selbst als Club der Müßiggänger tituliert. Die Sonderheiten und die verschrobenen Marotten dieser Menschen werden durch die Erzählperspektive entfremdet. Es ist zu vermuten, dass Natsume Sōseki sein Ego und Selbst in diesem Reigen vervielfältigt und aufgeschlüsselt hat.

Natsume Sōseki hat diesen Text für das Magazin geschrieben, für das er tätig war. Seine erste Geschichte um den Kater (das erste Kapitel) hatte großen Erfolg und vergrößerte die Auflage. Daher musste eine weitere Geschichte als Fortsetzung her und das zweite Kapitel war geschrieben. Beide sind in sich leicht geschlossen und haben einen dezent anderen Klang als der Rest. Denn durch den Erfolg wuchs die Geschichte des Katers nun zu einem umfangreichen Roman. Der Kater, der anfänglich noch den Kontakt zu anderen Katzen oder Katern pflegte, wird sich durch einen Verlust oder durch Missfallen immer mehr in der menschlichen Umgebung aufhalten.

Natsume Sōseki gehört in den Kanon der Weltliteratur und besonders „Ich der Kater“ und „Kokoro“ möchte ich hervorheben. Beide haben einen melancholischen Witz und sind tiefgründige und stille Werke, die sich langsam entfalten. Es sind Bücher, die eine kluge und unterhaltsame Sicht auf die Welt und besonders auf die klassische und die moderne japanische Kultur werfen.

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Christopher Ecker: „Notizen aus einem Lager an der egozentrischen Grenze“

Ein kleines Buchkunstwerk, das durch seine feine Verarbeitung mit Leineneinband, Fadenheftung und einem schlichten, aber gelungenen Layout auffällt. Christopher Ecker gehört zu den wichtigen Stimmen der deutschsprachigen Literatur, entzieht sich aber bewusst der großen Arena des Literaturbetriebes. Die meisten seiner Werke sind groß und benötigen Raum. Doch beherrscht er auch die Reduktion und seine Texte sind ein nahbares Spiel aus Kunst und Unterhaltung. Doch keimen in allen stets der philosophisch geschulte Blick und ganz viel Humor. Nun sind es Notizen. Aphorismen, Reflexionen und Beobachtungen als Zwischenzeilen seiner Hauptwerke.

Sollte man Ecker nicht kennen, könnte der erste Blick in das Büchlein ein großes Fragezeichen setzen. Was soll das und was will Ecker? Doch beim gänzlichen und chronologischen Lesen ergibt sich ein Ganzes. Ecker tanzt mit dem oder sogar mit seinem Ego und lädt dabei das Banale, das Tiefgründige und das Alberne ein. Er wird auch persönlich, somit ist es wohl doch sein Ego, denn die Notizen kleiden sich autobiographisch und setzen Spitzen gegenüber der Abstumpfung der Gesellschaft und auch an jenen Kritiker, der einst eins seiner Bücher rezensierte, ohne es jemals gelesen zu haben.

Es sind Betrachtungen aus den egozentrischen Grenzen. Der Mensch stellt sich stets in den Mittelpunkt. Möchte er eine Distanz erschaffen und seinen Aufmerksamkeit auf Äußeres lenken, sind es doch seine Betrachtungen und Gedanken, die er dabei fokussiert. Wenn der Mensch zum Beispiel, so Ecker, beklagt, dass ständig Fliegen auf ihm landen, ist er doch nicht das einzige Landeobjekt, denn die Fliegen setzen sich auf alles. Das Leben als Schauspiel: Alle Menschen treten auf, erst jene die gelebt haben, dann wir lebenden und nach uns die kommende Generation. Alle Egos sind somit auf der Bühne und der Zuschauerraum bleibt leer. Ecker liebt es ferner zu lesen und somit sind seine Notizen auch literarisch verwurzelt. Dabei macht er keine Grenzen zwischen Unterhaltung und Anspruch. Horror darf auch Erwähnung finden, doch wird dieser absurd, denn wie kommt es zu einer platonischen Liebe zwischen Mumien? Aber immer wieder taucht das Ego auf und bekennt, dass das Ich ein gutes Team ist. Somit wird, die Weisheit des Großvaters, jeder sein eigener Blamator. Die Handlungsorte sind oft Schleswig-Holstein und Kiel. Eine Busfahrt nach Laboe kann als Beispiel für egozentrische Verwirrung sorgen. 

Ecker hat Witz und schreibt fordernd, klug und jedes Fragment lässt uns kurz innehalten, schmunzeln oder innerlich nicken. Das Buch sollte auch chronologisch erfasst werden, denn die Notizen sind doch irgendwie passend sortiert und bauen in uns etwas auf. Was wäre auch, wenn in einem Roman jemand vorblättern würde und der Hauptcharakter sich plötzlich um Jahre gealtert wiederfindet?

Die erste Auflage besteht aus 100 Exemplaren. Jedes Exemplar ist nummeriert und vom Autor signiert. Diese Grenzgänge machen dem Ego Freude und werden wohl öfters durchstreift werden, um dann doch die dezente Bitte zu erlauben, dass Ecker jetzt auch mal wieder einen Roman veröffentlichen dürfte.

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Esther Dischereit: „Ein Haufen Dollarscheine“

Ein Roman, der sich schwer fassen lässt. Nicht weil er sehr schwer zu lesen ist, sondern weil er unbegreiflich ist. Nicht dass wir den Inhalt und die Geschichte nicht verstehen würden, sondern weil die Handlung vielschichtig ist und die Agierenden anfänglich nicht greifbar wirken. Dies liegt aber nicht an der guten Charakterisierung, sondern am Lesefluß, in den wir geraten und durch den Sog, der sich entfaltet, sich die Handlung und Figuren festigen müssen. Es sind kurze episodenhafte Kapitel, die wie cineastische Szenen ein Gesamtkunstwerk erschaffen. Diese Literatur ist herausfordernd, leicht, sehr humorvoll und ein kluger, ernster Roman, der enorm klar und doch nebulös ist. Das Ernste wird gebrochen durch absurden Witz. Es ist ein Roman, der Fiktion neben Dokumentation stellt. Dischereit lässt vorrangig zwei Personen im Wechsel erzählen. Es sind die Tante und ihr Neffe, der Sohn ihrer älteren Schwester, die den Holocaust mit ihrer Mutter versteckt überlebt hatte. Die Erzählerin schreibt, sie findet es merkwürdig, dass sie zu berichten vermag, als wäre sie dabei gewesen. Sie wird zu einer Stellvertreterin mit unterschiedlichen Identitäten. Es sind Menschen, Familien, die zerrissen werden, die das Grauen erlebt und überlebt haben und sich weiterhin erklären und definieren müssen.

Es gibt eine Menge an handelnden Personen. Doch die wichtigsten Stimmen bleiben im Wechselspiel erhalten. Es ufert nicht aus, verwässert aber und erzeugt dadurch ein Paradox, denn durch diesen Erzählstil fokussiert sich der Blick auf den Kern. Die Menschen wurden zerstreut und die Welt wirkt klein. Es beginnt bei einer Militärparade in Amerika. Die weiteren Orte sind dann: Berlin, Rom, Neapel, Chicago, Oxnard, Heppenheim, New York, Los Angeles, Frankfurt, Shanghai, Birkenbach und Theresienstadt. Somit umschließt das Werk Welten, Menschen und ihre Schicksale. 

In diesem Roman werden Geschichte und Geschichten geschrieben. Ein Sprung in die dunkle Zeit des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Last und die Prägung des jüdischen Lebens, die bis heute andauern, ziehen sich durch den ganzen Roman. Es geht um Antisemitismus, die sogenannten Wiedergutmachungszahlungen, Politik und das Machtgefüge.

Das jüdische Leben wird oft auf seine Anfänge und auf die geschichtlichen Dramen reduziert. Was wurde aus den Menschen, die den Holocaust überlebten, was aus deren Familien? Das Erbe und Erbstreitigkeiten als Motiv findet Verwendung, wie die Metapher des Flugplatzes. Alles verwebt und verzahnt sich in uns beim Lesen. Ein sehr aktuelles Buch. Es verbirgt in seiner Leichtigkeit und dem Witz eine enorme Schwere. Ein kunstvoll erzähltes Werk, das uns fordert und bereichert. 

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Salome Benidze: „Die Stadt auf dem Wasser“

Leseschätze finden auch etwas verspätet ihren Weg. Um Wege geht es ebenfalls in dieser Lektüre. Dass Sinnbild ist Wasser, das durch das Gewässer irgendwann zusammenfließt. „Die Stadt auf dem Wasser“ von Salome Benidze ist eine Entdeckung aus dem Georgischen, die von Iunona Guruli übersetzt wurde. Es ist ein traumhaftes Kunstwerk, das Inhalt mit Gestaltung passend in Einklang bringt. Die Broschur ist durchgängig illustriert von Tatia Nadareischwili. Alle drei Frauen, Autorin, Illustratorin und Übersetzerin, stammen aus Georgien.

Die Geschichten beginnen mit einem Traum. Es ist ein Traum, der immer wiederkommt und Leben und Tod, Wasser und Land verbindet. Es vereinen sich die Dürre mit der Feuchtigkeit und der Mensch mit der Natur. Wie in einem Traum üblich, gibt es keine wahren Begrenzungen. Was dann folgt sind Erzählungen von Frauen. Sieben Kapitel, sieben Frauen, die wie Suchende durch das Leben, die Illusionen wandeln. In den Geschichten verwebt sich Realistisches mit Phantastischem und märchenhaft umspannt sich die Handlung um das Leben, die Liebe und die Auslöschung. Poetisch baut sich die Sinnsuche auf und am Ende fließt alles zusammen. Es taucht ein Gesang über silberglänzende Fische auf, in die sich Menschen verwandeln, wenn sie gen Himmel steigen. Immer wieder riechen wir Mandeln und Orangen. Wunderbare Backwaren und Getränke werden kreiert, die genossen werden oder unverstanden bleiben. Sinnlich und bildreich sind diese Erzählungen von Frauen, die die Liebe suchen. Eine auf dem Meer Ausgesetzte, die gerettet wird und in der Stadt auf dem Wasser fremdelt. Ängste und Wünsche erklingen. Hoffnungen, die Visionen werden. Alles verflüssigt sich, verschwimmt und verfestigt sich dabei doch. Aus den Untiefen und den höchsten Höhen stürzt hier alles ineinander und fließt am Ende auf magische Weise zusammen. Sinnbild bleibt das Meer, das uns Menschen verbindet, trennt und am Leben hält.

Sieben Frauen und sieben Episoden, die kräftige Bilder erzeugen. Es geht um den Wunsch nach Freiheit. Der Weg ist geprägt durch Leidenschaft und Gewalt. Die Bilder und die Handlung verzaubern. Traumhaft und fließend ist die Sprache, die voller Feingefühl und Poesie ist. Die erzeugten und gemalten Bilder bleiben lange in uns haften. Es ist wie ein Erwachen aus einem Traum, der sich nicht gänzlich in der Erinnerung auflöst, sondern Spuren in den Alltag streut.  

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Philippe Soupault: „Was blieb von unseren Leidenschaften?“

2024 ist nicht nur das Kafka-Jahr. Der Surrealismus feiert seinen 100. Geburtstag. Die Welt und besonders Paris feiert diese Kunstbewegung. Surrealismus hat das Ziel, sich gegen Traditionen und Normen zu äußern, dies durch Literatur, Malerei, Bildhauerei und Film. Ist der Surrealismus tatsächlich 100 Jahre alt? Die Berechnung legt das im Oktober 1924 veröffentlichte Manifest des französischen Schriftstellers André Breton „Manifest du Surréalisme“ zugrunde. Wie hier im Leseschatz üblich, dürfen die unbekannten, die besonderen Perlen nicht übersehen werden. Denn durch den Blick der Feierlichkeiten geraten Künstler aus dem Augenmerk, die weniger Beachtung fanden, aber bedeutende Wegbereiter waren. Philippe Soupault gehört zu diesen Übersehenen. Denn fünf Jahre vor Bretons Manifest wurde der Surrealismus angedacht. Guillaume Apollinaire, André Breton und Philippe Soupault suchten 1919 nach einer neuen Kunstsprache.

Philippe Soupault wurde am 2. August 1897 in Chaville bei Paris geboren. Über Guillaume Apollinaire lernte er 1917 André Breton kennen und sie wurden die Initiatoren der surrealistischen Bewegung. Philippe Soupault entzog sich später dem Gruppenzwang, um seine Kunst freier gestalten zu können. Vorher schrieb er mit André Breton das bedeutende Werk „Die magnetischen Felder“ (Les Champs magnétiques). Es war ein Experiment. Es sollten die Eindrücke des Krieges und der Gegenwart und die Psychologie eingebunden werden. Das Unbewusste sollte durch die automatische Schreibweise offengelegt werden. Der Text sollte durch das Ausblenden rationaler Überlegungen entstehen und die Geschwindigkeit des Schreibens sollte ganz der Hand überlassen werden. Es wurde ein Schlüsseltext der Moderne, der nun erneut veröffentlicht wurde (zweisprachige Ausgabe). Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ré Soupault.

Fünfzig Jahre nach dem ersten surrealistischen Experiment, fragte Philippe Soupault: „Was blieb von unseren Leidenschaften?“ Er erhielt Besuch von jungen Dichtern, die Fragen stellten. Dadurch geriet Soupault ins Nachdenken und begann zu reflektieren. Seine Sicht ist nun nachzulesen und ist ein historisches Kunstdokument. Es sind die Auswirkungen der Weltereignisse, die jene Kunstbewegungen erzeugte. Am Anfang war DADA. War Dada nur da, weil Dada da war? Eine Bewegung? Kunst, Skandal oder Rebellion? Die Freundschaft zu Tristan Tzara vertiefte seine Kunstauffassung. Soupault beschreibt die Umstände der Zeit. Er erinnert sich an die Weggefährten und an die kreativen Prozesse. Auch an jene, die die Kunst lähmten oder sogar ausnutzten. Daher sein späterer Rückzug aus dem Gruppenzwangsgefühl. Denn die Wegbereiter wurden überrannt, liegengelassen und zuweilen durch Clownerie übermalt. Ein Text über Kunst, Revolte und über die Sehnsucht nach Freiheit und Befreiung. Herausgegeben wurde „Was blieb von unseren Leidenschaften?“ von Manfred Metzner, der mit Christiane Schröter das Vorwort schrieb. Übersetzt wurde Philippe Soupault von Ré Soupault.

Für Literatur- und Kunstbegeisterte sind dies bedeutende Bücher, die nun inhaliert werden können. Das Wunderhorn hat mit beiden Werken erneut eine lesenswerte und bereichernde Fundgrube geöffnet.

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Daniel Gräfe: „Wir waren Kometen“

Die Hauptfiguren sind wie Kometen, die durch den Kosmos streifen. Kometen sind Überreste von etwas Verfallenem, etwas Altem, das in Sonnennähe leuchtende Schweife erhält. Die Vergangenheit und die Herkunft bedingen hierbei die Flugbahn. Es ist die Geschichte zweier Liebender, die sich zwar gegenseitig einnehmen, aber nicht ganz öffnen können. Sie trennen sich und ein Anruf erweckt den Wunsch eines Neuanfangs. Dadurch entsteht eine Reise von Berlin, Stuttgart bis ins äußere Ende von Rumänien.

Ein verbindender, grenzübergreifender Roman, der sich wie ein Fluss durch die Handlung windet und dabei viele unterschiedliche Geschichten und Möglichkeiten streift. Daniel Gräfe ist Kultur- und Wirtschaftsredakteur und ist als Journalist bei der Stuttgarter Zeitung tätig. Er arbeitete für soziale Projekte und seine Erzählungen, Reportagen und seine Lyrik wurden mehrfach ausgezeichnet. „Wir waren Kometen“ ist sein Debütroman, in dem er Antworten sucht auf die Fragen, wie sich Diktaturen und Gewalt auf das Private auswirken und wie lange sie nachwirken. Wie verändern Verrat, Politik und Macht das Innerste von menschlichen Beziehungen?

Lukas Brandt arbeitet und lebt in Stuttgart. Er ist Journalist, ist aber für eine Werbeagentur tätig. Der Beruf ist zweckdienlich und Lukas hat die Chance auf Beförderung. Doch erfüllt ihn diese Tätigkeit nicht ganz und es war auch diese Arbeit, die ein Streitthema in seiner Beziehung mit der rumänischen Migrantin Luba Matei war. Luba war in Berlin gestrandet und die beiden haben sich bei einem Einkauf getroffen. Ihr wurde Diebstahl unterstellt und er setzte sich für sie ein und verlangte eine Entschuldigung vom Kaufhausdetektiv. Sie waren beide jung, wurden ein Paar und verbrachten eine schöne Zeit. Sie träumten von einem erfüllten Leben. Beide wollten mit Vergangenem brechen, vertrauten sich aber gegenseitig nichts an. Es blieb vieles unausgesprochen, wie zum Beispiel seine körperliche Narbe und ihre seelischen Verletzungen. Lukas machte gerade ein Praktikum und sie wollte nach Italien. Sobald er beruflich ungebunden wäre, wollte Luba los. Ein anderes Leben voller Sonne. Doch der Wunsch nach Erfüllung und Veränderung steht dem Wunsch nach Sicherheit zuweilen im Weg. So kommt es in der Beziehung zum Bruch.

Zwei Jahre später erhält er einen Anruf von Ihr. Er lässt seine Arbeit liegen und fährt los. Zu einer Freundin, die die Tagebücher von Luba hat. Diese beschreiben ihren Weg, wie sie in Rom ein neues Leben suchte. Sie ist nun wieder unterwegs und zurück nach Rumänien gefahren. Lukas reist ihr nach und eine Irrfahrt durch Europa beginnt. Sein Weg durchstreift diverse Geschichten. Luba und Lukas fordern ihr Glück und hoffen beide, dies weiterhin gemeinsam zu finden. Luba möchte aber mit ihrer Vergangenheit abschließen. Ihr Geheimnis liegt in der Kindheit während des Ceaușescu-Regimes.

Ein ergreifender, spannender und poetischer Roman, der durch den Sog, den er erzeugt, die Tiefgründigkeit der Charaktere freilegt. Die Sprache, die Orte und die Handlung erinnern an die wunderbaren Werke von Iris Wolff und „Wir waren Kometen“ steht fortan gleichberechtigt neben diesen. Es geht um die Sehnsucht nach Freiheit, nach Liebe und die Suche nach einem erfüllten und besseren Leben. Ein großartiger Debütroman.

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Una Mannion: „Sag mir, was ich bin“

Ein großartig erzählter Roman, der eine enorme Spannung aufbaut, sehr psychologisch durchdacht ist und sich um Manipulation und Wahrnehmung dreht. Der Titel deutet den Inhalt an, denn es geht um die Suche nach der Herkunft und der Widerstandskraft und tiefe familiäre Verbundenheit. Denn nicht alles, was den Schein erweckt, es würde aus Liebe gemacht, ist wirklich der Hingabe entsprungen. Hierbei geht es um die Bereitschaft das eigene Wohl über alles andere zu stellen und sich der Gewalt und toxischer Kontrolle zu bedienen. Es ist eine junge Frau, die nach ihrer Identität sucht und Unterstützung von ihrer Tante erfährt, die nicht aufgibt, sie zu finden, zu retten und den Entsprechenden zur Verantwortung zu ziehen.

Die Handlung springt in den Perspektiven und im Zeitstrahl. Zwei Schwestern, Deena und Nessa Garvey, gehen auf ein Kostümfest in Philadelphia und lernen Lucas kennen. Lucas fällt Nessa negativ auf und doch scheint ihre Schwester in ihm etwas zu sehen und sie werden ein Paar, ziehen zusammen und bekommen eine Tochter, Ruby.

Jahre später hat Deena sich von Lucas getrennt und ist mit ihrer Schwester zusammengezogen. An einem Tag, an dem Ruby bei ihrem Vater ist, verschwindet Deena spurlos. Für Nessa bricht eine Welt zusammen und sie möchte anstelle ihrer Schwester Ruby abholen. Beim üblichen Treffpunkt übergibt Lucas Ruby aber nicht, weil er seine Tochter nur Deena anvertrauen würde. Er untersagt Nessa sogar den weiteren Kontakt und nimmt Ruby mit nach Vermont. Nessa hält Lucas für den Mörder von Deena und setzt alles daran, Gerechtigkeit zu erlangen und Ruby zu befreien.

In Vermont, in der ländlichen Abgeschiedenheit der Inseln im Lake Champlain wächst Ruby auf. Ihr Vater bringt ihr das Fischen und Jagen bei. Sie ist verantwortlich für die Hühner und lernt als Kleinkind ihren Vater zu lesen, seine Stimmungen einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten. Dann wird die Schule auf sie aufmerksam und sie muss diese fortan besuchen. Es zeigt sich, dass sie eine gute Schülerin ist und sich gut in der Natur auskennt. Besonders auffällig wird sie bei einem Schulprojekt, wo sie ihr Pilzwissen einbringen kann. Beängstigend wird es nur für die Lehrkörper, weil der Vater es zulässt, dass sie einen hochgiftigen Pilz mit zum Unterricht bringt. Lucas verhindert den Kontakt zu Nessa, die versucht Ruby anzuschreiben. Ruby hat keine Erinnerungen mehr an ihre Zeit in Philadelphia. Doch dann fällt ihr ein Foto ihrer Mutter in die Hände. Es ist eine Botschaft ihrer Tante. Die Nachricht und das Foto versucht Ruby zu bewahren und sie beginnt, die Geschichten ihres Vaters zu hinterfragen und möchte wissen, wer sie ist.

Lucas ist manipulierend und er möchte alles kontrollieren. Er nutzte stets Deenas psychische Krankheit aus und hält Ruby davon ab, ihre Herkunft zu ergründen. Er versucht, Ruby vom Internet und den tatsächlichen Ereignissen fernzuhalten.

Ein fesselnder Roman, der sehr vielschichtig ist und ein psychologisches Panorama entwirft. Der Wechsel der Perspektiven und die zeitlichen Sprünge erzeugen eine steigernde Spannung. Der Roman fängt leise und zart an. Immer deutlicher werden dann die kleinen Risse, die sich immer weiter öffnen und somit das ganze Bild der Geschichte aufbauen. Ein eindringlicher Roman, der aus dem Englischen von Tanja Handels übersetzt wurde.

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Christel Buschmann: „Ein glühend heißer Nachmittag“

Ein Debütroman, der uns vom Text besessen macht. Das Buch ist sehr kurzweilig und lässt unseren Verstand Purzelbäume schlagen. Beschrieben werden wenige Tage, die dann unsere ganze aktuelle Zeit einfangen. Die Protagonistin flüchtet sich in Musik und kapselt sich von der Realität ab. Was sie hört, beeinflusst ihre Wahrnehmung und ihre Sicht beeinflusst wiederum den Wunsch nach dem nächsten Song oder der entsprechenden Playlist. Der Text spielt mit Eventualitäten. Mit Dingen, die uns beständig passieren könnten. Dinge, die lebensbedrohlich sein könnten, wie einst Nick Cave  bereits in seinen „Murder Ballads“ besang. Hier tanzt Matilda einen Walzer mit Jim Morrison und wir steigen ein in das gläserne Schiff.

Ihr Mann macht eine Geschäftsreise nach Mexico City und sie fährt mit. Drei Tage wird er Geschäftliches zu tun haben. Zeit, die sie nutzen möchte, um die Kultur auf sich wirken zu lassen. Doch bereits bei der Ankunft wird ihr Blick durch einen roten Schriftzug abgelenkt und ihre Vorstellungkraft sprudelt über. Ihr Verstand vagabundiert durch ihre Ängste, Sehnsüchte und verfängt sich beständig im Sprachsinn der Wörter. Liebe, Hingabe und Tod werden zu ihren gedanklichen Begleitern. Sie träumt und denkt, was alles sein könnte. Ihr Begehren und ihre Befürchtungen lenken sie und lassen sie sich fühlen, wie es wäre, verrückt zu werden. Es ist der Bericht einer daueralarmierten jungen Frau, die mit uns zwischen Tragödie und Komödie wandelt.

Christel Buschmann studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie. Sie ist Literaturkritikerin und Kulturjournalistin. Seit 1975 hat sie als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin viele Filme gemacht. Jetzt hat sie ihren ersten Roman realisiert, der sehr cineastisch und musikalisch ist.

Es sind ganz kurze Kapitel, kurze Momentaufnahmen. Matilda taumelt durch die Flughafenhalle, Mexico City und durch ihre Gedanken. Ahnungen breiten sich aus, was wenn das Flugzeug abstürzt, was, wenn ein Amokläufer auftaucht? Sie greift nach der Hand ihres Mannes und fasst ins Leere und fällt. Schreckensbilder lassen sie nicht mehr los. Ein Bericht unserer fiebrigen, nervösen Gegenwart. Eine belesene Frau, die keine Grenzen zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit zieht. Sie liest „Tod in den Tropen“ und dies erklärt den Titel: „Es ist zwanzig nach vier und ein glühend heißer Nachmittag …“. In Gedanken ereilt sie eine Katastrophe nach der anderen. Sie trifft dann auf einen Fremden, den sie begehrt. Es sind drei Tage und Nächte, die sie zwischen Wahn, Verlangen und Wirklichkeit wandeln lassen.

Ein Liebesroman, ein Thriller und ein aufregendes Werk das uns staunen und innehalten lässt. Es besteht tatsächlich die Gefahr, alles anderes zu sehen, zu erleben und ständig neue Ohrwürmer zu erhalten. Denn das Buch ist voller musikalischer Anspielungen und sehr musikalisch und textsicher formuliert.

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