Osamu Dazai: „No Longer Human“

Ein Kultbuch kehrt zurück. Das Werk behandelt eine Distanzierung vom Selbst und vom Menschsein. Hier taucht der menschliche Zustand in einer Verneinung auf und der Roman hat seit Erscheinen 1948 viele japanische Leser fasziniert und zählt zu den meist gelesenen Werken. „No Longer Human. Bekenntnisse eines Gezeichneten“ wurde bereits mehrfach mit dem Titel „Gezeichnet“ verlegt. Durch die Verfilmung und als Manga hat das Buch erneut viel Aufmerksamkeit erhalten.

Osamu Dazai erzählt eindringlich das Schicksal des jungen Yōzo Ōba. Es ist eine Selbstreflektion von seiner Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter. Dies geschieht durch einen distanzierten Blick, der den Titel reflektiert. Wir gehen drei Schritte zurück, denn es ist Osamu Dazai, der Autor, der das Werk schreibt und eventuell autobiografisch eingefärbt hat. Der eigentliche Erzähler wiederum taucht lediglich am Ende und am Anfang auf. Diesem werden drei Fotos und Hefte zugespielt. Die Hefte sind gefüllt mit Yōzo Ōbas Gedanken, der sich als Mensch disqualifiziert empfindet und schreibt, er habe ein schändliches Leben geführt. Auf dieses Leben blickt er zurück. Der Erzähler, dem die Hefte vorliegen, fragt sich, ob der Verfasser noch am Leben ist und auch wenn das Geschriebene in der Vergangenheit liegt, dürfte die Geschichte den gegenwärtigen Leser interessieren.

Dem Erzähler, der vorerst die drei Fotos betrachtet, fällt sofort Eigenartiges auf. Drei Fotos, eins aus der Kindheit, das zweite während der Studienzeit und das Letzte, das den Abgelichteten mit ergrauten Haaren zeigt. Doch das Alter ist schwer einzuschätzen. Später erfahren wir, das Yōzo Ōba seine Geschichte mit siebenundzwanzig Jahren aufschreibt, aber ein Leben führte, das ihn ergraute. Die Fotos sind eine Steigerung ins Groteske. Das Kind lächelt, aber es ist ein maskenhaftes Gesicht und die Hände sind zu Fäusten geballt. Als Student zeigt er ein raffiniertes und inszeniertes Lächeln, das dennoch nicht von einem Menschen zu sein scheint. Die letzte Fotografie ist die absonderlichste. Der Mensch wirkt gesichtslos. Somit ist anhand der Bilder bereits der Handlungsbogen entwickelt.

Das Fehlen jeglicher Empathie zeichnet Yōzo Ōba. Was es heißt, menschlich zu leben, weiß er nicht. Durch diese Diskrepanz erzeugt er eine Distanz und er entbindet sich der Menschlichkeit. Den sozialen Bindungen entzieht er sich und überzeichnet sich und wählt die Clownerie. Die Albernheit, die sein Selbst schützt, maskiert und verändert ihn. Durch diese Clownerie gelingt ihm die Integration innerhalb der Gesellschaft, aber entfremdet ihn in Wahrheit dadurch immer mehr. Er ist mit conditio inhumana gezeichnet. Er schreibt, er sei bei der Lebensprüfung durchgefallen und er habe aufgehört, als Mensch zu existieren. Dies mündet in erfolglosen Suizidversuchen. Er steigert sich in Süchte hinein und kommt in klinische Behandlung, aus der er befreit wird, aber die Einsamkeit und das Gefühl der nicht Zugehörigkeit und die Entfremdung bleiben.

Eine Analyse des Menschseins. Ein tiefer Blick in die menschliche Entmenschlichung. Ein eindrucksvolles Werk. Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph und mit Nachbemerkungen von Irmela Hijiya-Kirschnereit. Alles mehr als lesenswert und ein wichtiger aktueller Spiegel.

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Julia Armfield: „Gestalten der Tiefe“

Ein Roman zum Abtauchen. „Gestalten der Tiefe“ (im Original „Our wives under the sea) lässt sich keinem Genre gänzlich zuordnen. Es ist eine großartige Verwässerung, die den Bereich zwischen Meer und Luft, der eventuell beides ist, erkundet. Durch das Symbol der Meerestiefe erhält das Leben hier in der Literatur mindestens eine Dimension mehr und die Dinge, die sich unten bewegen lösen eine Kettenreaktion weiter oben aus. Es ist eine vielschichtige Beziehungsgeschichte, die die Dichte und Wandelbarkeit der Liebe in den Mittelpunkt stellt. Alle Aspekte und Empfindungen werden seziert. Doch tauchen auch Unheimlichkeiten auf, die einen Spannungsbogen erzeugen und dabei das Fantastische sowie die Science-Fiction berühren.

Die Meeresbiologin Leah geht auf eine Forschungsreise, die für wenige Tage angesetzt wird. Doch wird daraus ein halbes Jahr. Mit drei weiteren Menschen begibt sie sich in ein modernes U-Boot und soll in den Tiefen nach unbekanntem Leben Ausschau halten. Doch breitet sich komischer, fleischlicher Geruch gleich beim Absetzen aus und die Elektronik geht aus. Nicht aber die lebenserhaltenden Systeme. Der Kontakt zur Außenwelt ist unterbrochen und das U-Boot sinkt auf den Ozeanboden.

Miri, Leahs Frau, erhält Anrufe vom Centrum des Meeresinstituts, die fast mechanisch um den Unfall herumargumentieren und erklären, alles wird gut. Doch bleibt das Team verschollen und Miri macht sich Sorgen und sucht nach Antworten. Auf dem Ozeanboden versucht das Team ebenfalls den Kontakt herzustellen, wobei es aussichtslos bleibt. Durch das fehlende Licht können sie nichts um das gesunkene Boot erkennen. Doch das Wissen um den enormen Druck, der auf ihnen lastet, breitet sich auf die Gemüter aus. Dann hört auch das sehr religiöse Teammitglied in den immer wiederkehrenden Außengeräuschen Stimmen und der Wahnsinn scheint sich in den Kabinen auszubreiten.

Nach sechs Monaten und einer kurzen Quarantäne kehrt Leah heim. Miri ist glücklich, doch schnell zeigt sich, das Leah sich verändert hat. Die Veränderung zeigt sich in der Wesensart und im Körperlichen. Leah sucht die Nähe zum Salzwasser. Beide liebten es damals Filme zu sehen, nun bleibt nur noch eine diffuse Realität. Ein Wechselspiel zwischen fester Materie und der flüssigen Welt beginnt. Die Enge im U-Boot spiegelt sich in den Räumlichkeiten der Wohnung. Die vermeintlichen Stimmen in den Untiefen erhalten eine Resonanz in den stimmlosen Telefongesprächen. So heben sich langsam im Roman die Grenzen zwischen den Materien auf und das Leben sucht sich stets seinen Weg.

Die Handlung taucht immer tiefer ein. Von der lichtdurchfluteten Zone bis in den Tiefseegraben. Dabei schillern die Farbprismen an der Oberfläche, um dann auch die Schatten zu bilden, die immer unheimlicher werden. Die Untiefe wird zu Abyssos und könnte die Unterwelt sein, wenn nicht das Leben und die dauerhafte Liebe wären, die Klarheit bringen. Die Metaphorik wird dabei niemals verklärend eingesetzt, sondern außergewöhnlich, verspielt und kunstvoll verwendet.

Ein Roman, der spannend, unheimlich und enorm vielschichtig ist. Ein Beziehungsroman der alle Grenzen auflöst und abgrundtief gut ist. Selten waren die vorangestellten Zitate aus „Moby Dick“ und „Der weiße Hai“ passender. Aus dem Englischen wurde der Roman von Hannah Pöhlmann übersetzt.

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Dirk Bernemann: „Kalk“

Ein zynischer Roman, der bereits durch den Namen auf die Einlagerung von Kalk anspielt, die eine persönliche oder eine gesellschaftliche Funktionsunfähigkeit zeigt. Kalk, so der brüchige Held der Geschichte, der in einer Auszeit zum Retter wird und dann wiederum alles verspielt.

Kalk ist Mitte fünfzig. Sein Alltagsleben ist bieder, gewissenhaft und einfach. Seine Frau hat ihn verlassen und er hat sich mit der Einsamkeit angefreundet. Er arbeitet in einem Elektrofachgeschäft und die Tätigkeit ist gut, aber nicht erfüllend. Sie ist ein Mittel zum Zweck. Sein Leben wirkt fast lethargisch. Seine Gedanken kreisen um sich selbst und um eine mögliche Wahrnehmung seiner Person und Handlung im Umfeld. Gerade beim Einkauf denkt er weniger an seine Wünsche als auf die Wirkung, die die Produkte im Einkaufswagen bei den anderen Kunden, den Produkten selbst und beim Kassiervorgang erzeugen. Mit einem Bekannten trifft er sich regelmäßig zum Sport. Doch plagen ihn dabei die Gefühlsausbrüche oder Informationsfluten, die ihm sein Gegenüber zumutet. Er will doch lediglich Sport machen. 

Sein Urlaub naht und er könnte sich eine Fernreise leisten, will das aber nicht. Einfach durchatmen und die Seele baumeln lassen. Das Reiseziel soll auch nicht zu weit vom Wohnort entfernt sein, aber doch eine Distanz erzeugen. Früher, als er noch mit seinen Eltern verreiste, war stets ein Küstenort in den Niederlanden das Ziel. Hier möchte er wieder hin. Wohl aus sentimentalen Gründen. Aber möchte er sich auch etwas beweisen, denn seine Eltern hatten wenig Geld und sie verbrachten den damaligen Urlaub auf dem dortigen Campingplatz in einem Zelt. Die Mutter schaute dabei stets wehmütig auf das anliegende Hotel, das Kalk sich nun einfach gönnt. Er hat es ja zu etwas gebracht. Doch was ist es, was er ist, so unscheinbar wie er und sein Leben wirkt. Er flirtet leicht alkoholgeschwängert mit der Kellnerin am ersten Abend und merkt bereits in sich etwas wachsen, das sich gänzlich erhebt, als er am kommenden Tag ein Kind rettet. Ein Vater versorgte gerade die Tochter, die eine Feuerquallen-Verletzung hatte und übersah seinen Sohn, der durch den Meeressog in einer Zone, in der das Schwimmen eigentlich verboten ist, droht, weggerissen zu werden. Kalk denkt nicht lange nach und wird zum Held.

Kalk erfindet sich im Urlaub neu und verliert sich dabei. Sein Ego steigert sich mit den Möglichkeiten nur kommt leider der wahre Kalk dabei nicht ganz mit. Seine Vergangenheit, sein Wesen und eine Schuld lassen ihn bei seiner erhofften Metamorphose nicht los und er erkennt, dass dabei kein Aperol Spritz helfen kann.

Mit Wortwitz und genauester Menschenbeobachtung, die nicht immer sehr vorteilhaft ist, wird dieser Roman zu einem Spaß. Eine Gesellschaftsstudie, die böse und witzig ist.

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Sheridan Le Fanu: „Carmilla“

Wahre und gute Gruselromane müssen etwas Altmodisches haben, um eine authentische Stimmung zu erzeugen. Die Wurzel aller dieser Schauerromane liegt in der „Gothic Novel“. Einer dieser Klassiker ist wieder aufgetaucht. Denken wir an einen Vampir, wird uns als erstes stets Nosferatu und wohl die bekannteste Figur der Literaturgeschichte, Dracula, einfallen. Der Vampir, der unsere Lebensenergie trinkt, verbindet das Unheimliche und gleichzeitig das Romantische. Vor Dracula gab es aber bereits Carmilla von dem irischen Autor Sheridan Le Fanu. Die Novelle ist bereits 1872 erschienen und Sheridan Le Fanu gehört zu den bekanntesten Autoren der klassischen Schauerliteratur.

Carmilla ist nicht nur ein älterer Vampir, sondern auch ein weiblicher. Diese Literatur ist, wie ihre Protagonisten, unsterblich. Der Roman ist wunderbar geschrieben und baut eine Stimmung auf, die uns in ihren Bann zieht und zusammen mit ihren literarischen Opfern verzaubert. Vampire, die elegant, charmant und verführerisch sind, springen katzengleich in diese Welt hinein. Bram Stoker, Vater des Draculas, hat sich durch dieses Werk inspirieren lassen.

Erzählt werden die Ereignisse von Laura. Sie ist die Tochter eines vermögenden englischen Witwers, der in österreichischen Diensten stand. Er erwarb ein feudales Schloss in der Steiermark. Es ist die Abgeschiedenheit, die Laura eine Einsamkeit spüren lässt. Als sie ein Kind war erlebte sie einen frühen Schreck, der schnell als Traum abgetan wird. Der Vater hält sie von allem Schrecklichen fern, daher kennt sie die Angst noch nicht. In einer Nacht erkennt sie eine ihr unbekannte Frauengestalt, die sie von der Bettkante aus anschaut. Diese beruhigt sie und schmiegt sich sogar im Bett an sie an. Beim Eindämmern empfindet sie einen kurzen Schmerz, als wäre sie in die Brust gebissen worden. Sie schreit und weckt das wenige Dienstpersonal und den Vater. Die Erscheinung ist weg, aber das Bett weist noch eine warme Kuhle aus.

Jahre später erhält der Vater ein Schreiben eines Generals, den sie als Gast empfangen wollten. Seine Nichte sei unter eigenartigen Umständen verstorben, daher sagt dieser die Einladung ab. Das Schreiben wirft Rätsel auf und Laura ist traurig, da sie selten Besuch empfangen. Dafür taucht ein unerwarteter Gast auf. Sie beobachten einen Kutschunfall und die Reisende muss unbedingt weiter. Doch ist ihre Tochter dabei, die zur Freude von Laura nun für Monate auf dem Schloss bleiben darf. Es ist Carmilla, die, so sagt noch die Mutter, geistig und körperlich gesund ist. Es entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden Frauen und sie erfahren, dass sie als Kind denselben Traum hatten. Die Zuneigung, fast schon eine romantische, erhält Brüche, denn Carmilla wird immer eigenartiger. Das friedliche Leben verändert sich und Laura plagen Träume. Bei einem Ausflug hören sie Geschichten, die wohl auf alte Zeiten zurückgreifen und wohl bereits schon lange die dortige Region und ihre Menschen heimsucht.

Ein großartiger Klassiker, der gelesen gehört. Aus dem Englischen übersetzt wurde der Roman von Elke Schönfeld.

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Katniss Hsiao: „Das Parfüm des Todes“

Ein packender und ungewöhnlicher Thriller aus Taiwan. Eine Frau, die für eine Reinigungsfirma arbeitet, die sich auf das Reinigen bei Fundleichen und als Tatortreinigung spezialisiert hat, gerät unfreiwillig in den Verdacht eines Mordfalls.

In frühen Jahren hat Yang Ning viel mit ihrem Bruder unternommen. Dieser war versessen auf das Leben an und im Meer. Doch dann stirbt ihr Bruder und mit ihm ihre spezielle Begabung. Durch einen Schock oder ein Trauma hat sie ihren sehr ausgeprägten Geruchssinn verloren. Der Geruch ist etwas ganz besonderes, denn mit diesen Sinnen verbinden wir unbewusst viele Eindrücke und Erinnerungen. Der Geruch geht tiefer als es jeder Blickfang vermag. Yang Ning arbeitet bei der Tatortreinigung, weil sie ihren verlorenen Geruchssinn zumindest zeitweise in der Nähe vom Geruch des Todes wiederherstellen kann. Daher arbeitet sie auch gerne allein. Dies ahnen ihre Kollegen, die wissen, dass mit ihr etwas nicht stimmt, denn sie erkennt nicht mehr die verdorbene Ware und trinkt auch mal vergorene Milch.

Sie wird zu einem Auftrag gerufen, der, laut Auftraggeber, zügig ausgeführt werden soll. Sie soll eine Wohnung säubern und merkt zu spät, dass sie in eine Falle gegangen ist. Ihre Firma wird eigentlich erst gerufen, wenn die Polizei die Spurensuche beendet hat und die Leiche entfernt wurde. Die Wohnung, die sie reinigt, ist ein Tatort und hier ist ein Mord geschehen. Sie hat also die Spuren beseitigt und gilt fortan als Hauptverdächtige.

Sie macht sich nun selbst auf die Suche nach dem Mörder. Sie hat eine Spur, eine Geruchsspur, denn der Mörder hat einen besonderen Parfumduft getragen. Um den Täter zu fassen, muss sie ihn immer besser verstehen und holt sich Hilfe bei einem Serienmörder. Sie möchte das Innenleben eines psychopathischen Geistes begreifen. Dies erklärt auch den eigentlichen Titel des Werkes: Bevor wir Monster wurden.

Dieser Roman ist eigensinnig und doch verneigt er sich bewusst oder unbewusst vor anderen Romanen. „Das Parfum“ von Süskind oder „Das Schweigen der Lämmer“ von Harris werden bereits auf dem Buch genannt. Die Anfangssequenz erinnert ferner an den großartigen Roman „Oben Erde, unten Himmel“ von Flašar. Ein Krimi, der mit Gerüchen und Ekel auf fast schon literarische Weise arbeitet und somit den Bezug zur Psyche und Empathie herstellt. Ein monströses Werk, das spannend und klug ist. Dieses Buch ist auch besonders, weil es die Weltsicht erweitert. Denn Taiwan und besonders die Millionenstadt Taipeh als Ballungszentrum der Ereignisse werden spürbar erfahrbar. Aus dem taiwanischen Chinesisch von Karin Betz übersetzt. Ferner dürfen wir erneut Thomas Wörtche als Herausgeber dankbar sein, der als Krimi-Pate stets solche ungewöhnlichen Titel entdeckt.

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Ulrich Rüdenauer: „Abseits“

Ulrich Rüdenauer geht in seinem großartigen Debütroman der Frage nach, wie es einem Kind in der Nachkriegszeit ergeht, das in einer ablehnenden Umgebung seinen Weg finden muss. Ein Werk wie ein Geschenk und Lichtblick. Denn es ist eine Kindheitsgeschichte, die traurig und doch wunderschön ist. Sie ist fast freudlos und doch voller Trost. Das Gute und das Schlechte sind im Leben nicht vorhersehbar. Doch das Gute geschieht wohl häufiger, man muss es lediglich erkennen und darauf reagieren können.

Durch das Fußballspiel 1954 wird der Zeitpunkt gesetzt. Der Titel spielt aber vorrangig nicht auf den Sport an, sondern auf die Lebensposition des fast neunjährigen Richard. Doch wird ein Treffen mit einem Fußballspieler der Höhepunkt und Schlussakt des Romans sein. Das Handlungsspiel beginnt bangend auf einer Bank mit dem Kreuzsymbol im Blick. Ein Marienmantel hat als Gemälde und am Ende als getragene Bekleidung eine ummantelnde Bedeutung für die Handlung. Denn den Buchumschlag ziert ein Ausschnitt des Gemäldes „Stuppacher Madonna“ von Grünewald, das auch in der Stube beim Onkel von Richard hängt. Das Bild bringt Farbe in seine Wahrnehmung, denn alles wirkt schwer und trist in seinen jungen Jahren. Vater und Mutter sind nicht da und dies ist der fragende Spannungsbogen, wo diese sind und was passiert ist. Richard wächst auf dem Hof seines Onkels auf. Es ist eine schweigsame Welt. Es wird eher gegrummelt als gesprochen. Die Kriegsereignisse sind noch nah und doch aus den Köpfen verbannt. Die Menschen zeigen sich christlich und sind es im Alltag kaum. Richard muss sehen, wie er zurechtkommt. Halt findet er bei einer älteren, wunderlichen Frau des Dorfes und bei seinem Großvater. Doch kann dieser nicht immer da sein, wenn Richard in Not gerät. Der es somit meist still erträgt. Die Schule ist ebenfalls kein behütender Ort, schon gar nicht, wenn der Pfarrer unterrichtet und die Kinder malträtiert.

Das Schöne und das Sichere findet Richard in der Natur, am liebsten an der Hand des Großvaters, der für ihn den Vogelgesang deutet und die Pflanzennamen benennt. Stets ist Richard in der Familie des Onkels nur geduldet und niemals geliebt. Er hört den Namen seiner Mutter und kann diesen nicht in eine Verbindung bringen. Gerne ist er beim Händler, der Werkzeug verkauft und spielt Kaufmann. Eines Tages passiert ein Unglück, an dem sich Richard die Schuld gibt und der Onkel kommt ins Krankenhaus. Das Fernbleiben des Oberhauptes bringt auf dem Hof eine unausgesprochene Erleichterung, aber auch Müßiggang, da Richard sich verantwortlich fühlt und auf Sanktionen wartet. Die Strafe bleibt aus und wendet sich in eine Befreiung, die den ersten großen Wendepunt in Richards Leben darstellt. Doch bleiben die Fragen und nach der Rückkehr des Onkels kehrt der Alltag zurück und letztendlich muss Richard seinen Weg alleine finden. Ein Weg, der in einem schweigenden Deutschland der Nachkriegszeit seinen Anfang nahm.

Ein einfühlsamer, ergreifender Roman, der trotz der Schwere eine faszinierende Schönheit hat. Die Lebensmomente, die Richard erlebt, fühlen wir enorm mit. Elegante und kluge Formulierungen runden diesen wunderbaren Roman ab und es ist zu hoffen, dass dieser in der Buchwelt nicht ins Abseits gerät, sondern viele berührt und beschäftigen wird.

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Tove Jansson: „Der Steinacker“

Ein Steinacker als Schauplatz der menschlichen Natur. Tove Jansson schreibt minimalistische und literarische Universen. Sie versteht es stets, ausufernd zu beobachten, um daraus die Essenz herauszufiltern und zu fixieren. Jonas, der Hauptcharakter des Romans „Der Steinacker“, versucht ebenfalls die perfekten Worte zu finden. Worte sind seine Welt, denn er ist Redakteur und wird immer stiller, weil seine Worte über die Jahre verbraucht sind. Durch die Reduktion entsteht eine Klarheit in Wort und Ton. Er hat stets das Familienleben auf Distanz gehalten und sein Scheitern wird ihm in der Gegenwart des Steinackers bewusst.

Stets ist der Journalist Jonas gewissenhaft und weiß die Sprache als Werkzeug, aber auch als Kunst zu deuten. Nach seiner Pensionierung soll er noch eine Biographie über einen Medienmogul verfassen. Da er diesem den Verrat an der schriftstellerischen Kunst vorwirft, kann er in sein Manuskript kein Leben einbringen. Dieser Auftrag fordert ihn, denn dieser Zeitungsmagnat, den er lediglich „Y“ nennt, ist ihm sehr unsympathisch. Er ringt um Worte und mit den Fakten. Er scheitert, denn die Grenzen zwischen ihm und dem zu Beschreibenden verschwimmen. Jonas lebt für seine Arbeit und vernachlässigt dabei die Familie und somit fehlt auch hier das Leben. Sein Scheitern setzt sich auch im Familiären fort. Er verbringt eine Sommerzeit bei seiner Tochter im Schärengarten. Der nahegelegene Steinacker verdeutlicht ihm sein eigenes Trümmerfeld und er versucht, eine neue Bindung zu seiner Tochter zu finden.

Aus Worten werden Bilder und aus Bildern wachsen Emotionen. Der kleine Roman, der im Leseprozess beständig wächst, ist ein Tanz um Worte, Familie und Gesellschaft. Die Naturerlebnisse und kleinen Katastrophen sind die Wegbereiter für die familiäre Annäherung und die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Tove Jansson spielt wunderbar mit Sprache und erzeugt mit wenigen Sätzen enorme Bilder und  Charakterisierungen. Ein minimalistisches Werk, das Größe zeigt und humorvolle, bissige, sowie zeitlose und großartige Literatur ist. Ein Steinacker, der vieles zu verbergen weiß. Es ist eine große Freude, in diesen literarischen Feinheiten zu schürfen. Aus dem Schwedischen wurde der Roman von Brigitta Kicherer übersetzt.

Vielen Dank, das ich Wegbereiter für diesen Schatz sein durfte und in der Verlagsvorschau und sogar auf dem Umschlag des Buches zitiert werde. 

Aus der Verlagsvorschau:

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Francesca Melandri: „Kalte Füße“

Nach ihrem hochgefeierten Roman „Alle, außer mir“ hat Francesca Melandri ein wichtiges neues Werk veröffentlicht. Es ist ein Buch, das sich romanhaft liest, aber ein erzählendes Sachbuch ist. Ihre Welt- und Weitsicht, die sie mit ihren vorherigen Werken fixierte, vertieft sie somit und verknüpft Geschichte mit der Jetztzeit. Der emotionale Roman „Alle, außer mir“ erzählt eine Familiengeschichte mit beeindruckenden Frauengestalten und bricht mit dem Schweigen über die düstere Kolonialgeschichte, die ihren Schatten auf die heutige Politik wirft. Mit „Kalte Füße“ geht sie weiter und schaut auf ihre Familie und auf die damaligen Ereignisse und verbindet diese mit den aktuellen Ereignissen. Wohl eines der wichtigsten Werke des Herbstes. Denn das Buch macht die Verknüpfungen deutlich, ist ein Appell an den Frieden und bindet uns, die das Buch lesen, persönlich mit ein.

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine stellt sich die Autorin die Frage, was Krieg bedeutet? Krieg war stets etwas Fernes, das man aus den Berichten und Nachrichten wahrnahm. Die Parole „Nie wieder Krieg“ beinhaltet die Sehnsucht lediglich den Krieg vom eigenen Lebenskreis fernzuhalten, denn Krieg gibt und gab es leider irgendwo immer. Stellen wir uns mal Kinder vor, die spielen wollen. Schlägt dann einer vor, Frieden zu spielen, wäre ratlose Stille die Antwort. Kriegsspiele sind stets ein Antrieb der Menschheit. Es geht immer um Macht und um Ressourcen. Als Francesca Melandri nun in den aktuellen Nachrichten Ortsnamen hört, die sie aus den Erzählungen und Büchern ihres Vaters hörte und las, wird sie hellhörig. Ihr Vater war im Krieg. Auf der falschen Seite und bekam Orden und war ein Kriegsheld. Doch im Krieg wird man nicht als Held gefeiert, weil man Leben gerettet hat. Durch die Ereignisse und die Texte und Erzählungen ihres Vaters beginnt Melandri die Geschichten zu verbinden. Geschichten werden zu Geschichte. Das Persönliche wird öffentlich und ist stets mit Politik und Weltgeschehen vereint.

Ihr Vater erzählte oft vom Rückzug aus Russland. Gerne hätte er sich im Nachhinein im Widerstand gesehen. Seine Geschichten sind durchdrungen von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. So wie es in vielen Familien wohl der Fall ist. Seine Erzählungen lassen oft die vorherigen Ereignisse aus. Diese Stille einer ganzen Generation durchbricht Melandri und es beginnt eine spannende Spurensuche. Alles mündet in der Jetztzeit. Denn der damalige Rückzug aus Russland beinhaltet zwei unausgesprochene Tatsachen. Wenn es einen Rückzug gab, muss es auch einen Einfall gegeben haben und der Weg führte durch die Ukraine. Somit macht das Buch unsere Gegenwart immer verständlicher. Melandri kennt ihren Vater als klugen, sanftmütigen Mann. Jetzt wird seine Geschichte Auftakt zu der Betrachtung der ganzen europäischen Geschichte. Einzelne menschliche Schicksale werden ein Faden im großen Teppich der Menschheitsgeschichte. Phrasen verklingen zu Wahrheiten und berühren unsere eigene Vergangenheit. Wie kann Frieden gelingen? Das Ende des Friedens in unserer nahen Umgebung ist der Beweggrund des Werkes, in dem der Pessimismus immer weniger Raum erhält und das den Wunsch nach Frieden deklariert. Ein eindringliches und lesenswertes Buch. Übersetzt von Esther Hansen.

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Jacqueline O’Mahony: “Sing, wilder Vogel, sing”

Ein Roman, der irische und amerikanische Geschichte verbindet. Oft sind es männliche Protagonisten, die in den Mittelpunkt gestellt werden, wenn es um die Hungersnot in Irland und die Auswanderung und Besiedelung Amerikas geht. Jacqueline O´Mahony schreibt über eine starke Frau, die sich anfänglich nur auf sich selbst verlassen mag und ihre Freiheit sucht. Die Tragödie von Doolough ist der Anlass und Auftakt des Romans. Das Ereignis spielt im Jahr 1849 während der Hungersnot und hat sich in das historische Gedächtnis Irlands eingeprägt. Eine Gruppe von Menschen macht sich auf einen beschwerlichen Weg, über die Berge auf der Suche nach Hilfe. Diese wird ihnen verweigert. Jacqueline O´Mahony schreibt über dieses Ereignis und nimmt das Schicksal der damaligen Überlebenden, von denen einige dann nach Amerika ausgewandert sind, als Vorlage für den Roman. Dabei wird sehr deutlich, dass es zwischen der irischen und amerikanischen Geschichte, besonders der der indigenen Bevölkerung, viele Gemeinsamkeiten gibt.

In Amerika beginnt auch der Roman. Honora arbeitet in einem Bordell und empfängt gerade einen Freier, der mehr für sie empfindet und vorschlägt, gemeinsam weiter zu ziehen. Sie stammt aus Irland und war lange auf sich gestellt und eine Außenseiterin. Auch in ihrer Heimat. Während ihrer Geburt ist ein Rotkehlchen in das Zimmer geflogen, was als schlimmes Omen gedeutet wird. Dies scheint sich auch für das Kind zu bewahrheiten, denn die Mutter stirbt und Honora wird stets misstrauisch in der Gemeinschaft behandelt. Sie heiratet über ihren Stand, aber die Armut macht die Menschen in der Ortschaft alle gleich. Die Not wird immer größer und es wird von den Grundherren Hilfe versprochen, wenn man persönlich vor den Inspektoren vorspricht. Ein beschwerlicher Marsch ist es, der letztendlich nicht die erwünschte Hilfe bringt. Honora ist gänzlich entkräftet und sie gelangen zu dem Schwarzen See. Dort verliert sie ihr Kind und in Folge alles weitere. Doch aus ihrer inneren Kraft schöpft sie den Willen zum Überleben. Sie bricht auf nach Amerika.

Ihr Weg führt sie nach New York und bis zu den Weiten der Prärie. Immer auf der Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit und Glück. Sie erhofft sich, endlich ein besseres Leben finden zu können. Doch ist es ein langer Weg und das erwünschte Ziel rückt immer weiter in die Ferne. Gewalt, Not und Unterdrückungen muß sie stets erdulden. Dadurch wird sie immer stärker und unbeirrbarer. Sie hört nur auf ihre innere Stimme und lernt nur sich selbst zu vertrauen, bis sie jemanden findet, der in ihr sieht, was sie ist.

Ein historischer Roman, der sich packend lesen lässt. Im Mittelpunkt stehen wahre Ereignisse und die romanhafte Umsetzung liest sich spannend. Ein irisches Drama als Auftakt für ein feminines Wild-West-Abenteuer. Aus dem irischen Englisch von pociao und Roberto de Hollanda übersetzt.

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Wolfgang Schiffer: „Ich höre dem Regen zu“

Ein Gedicht-Zyklus, der die Welt ganz persönlich aus den Augen des Autors betrachtet. Dabei wird die Zwiespältigkeit und sensible Zerrissenheit spürbar. Das gegenwärtige Weltgeschehen beängstigt, doch ist es eine schöne Welt. Wir reisen inhaltlich mit dem Zyklus von der Abendstunde durch die Nacht zur aufklarenden Morgenstimmung. Das Polarisierende der Zeit zeigt sich in den vielen Betrachtungen und Stimmungen. Von er künstlichen Intelligenz zur menschlichen Kreativität, von der Kriegstreiberei bis hin zum schönen Miteinander. Es sind seine sorgenvollen Gedanken bei Nacht und die lichtvollen Momente der Hoffnungen und seiner Reisen. Die Natur als Metapher gilt ebenso als Schauplatz, wie Prag, San Francisco und zum Beispiel das erklärte Traumziel von Wolfgang Schiffer: Island. Dabei wird ihm zwei Mal sein Dilemma als Dichter bewusst. Die Suche nach Worten, die die menschliche Scham erklären und Zeilen, die jene Frage stellen, ob Worte genügen, um den Menschen mit der Welt zu versöhnen?

Wolfgang Schiffer ist Übersetzer und Lyriker und seine Texte sind stets persönlich. Doch hat er in „Ich höre dem Regen zu“ einen anderen Ton angeschlagen. Das Leichte, das Verspielte und die kunstvolle Raffinesse machen zuweilen der Direktheit Platz. Er findet Bilder, wo es zuweilen schwer fällt, Worte zu finden. Er tastet sich durch Emotionalität und den Gedanken. Beides sind andere Weltenzugänge, die zueinander gehören und Raum benötigen. Der Mensch erscheint hier in der Welt, die er durch seine Handlungen verformt. Jedoch stehen wir alle gleich im Regen. Die Stunde des Wolfes mitten in der Nacht lässt uns erkennen, dass nicht das Tier uns gefährdet, sondern die Gefahr in uns lauert, die sehr gefräßig ist. Dann tauchen jene kleinen Dinge auf, die unser Leben verschönern. Die Welt gehört nicht zerdacht, sondern erfasst.

Der Ton, der sich geändert hat, erinnert an Brecht, der sogar in diesem Reigen auftaucht. Es ist das Weltgeschehen, das diese Lyrik antreibt. Durch die Polarität der Weltbetrachtung in hell und dunkel dämmert eine Tagundnachtgleiche und die Hoffnung ist der Kern der Gedichte. Der Mensch wird durch diese Lyrik kleiner und der Schmerz kann durch diese empfundene Verkleinerung verringert werden. Diese Gedichte sind wie ein Regen, der uns frösteln lässt, aber auch erfrischend ist. Es ist ein Regen, der uns die Welt poetischer erscheinen lassen kann.

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