M. E. Fiend: „Milo – Geliebter Todesengel“

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Ein Thriller, der kein Blatt vor den Mund nimmt und sehr schnörkellos und gradlinig in die Action-Kiste greift, dass es wirkt, als würde man bereits ein fertiges Drehbuch für einen kommenden Blockbuster lesen. Ein Buch, das an cineastische Bilder erinnert und wohl nicht nur Quentin Tarantino gefallen würde. Die ganze Geschichte ist außergewöhnlich und soll auf einer wahren Begebenheit basieren. Es ist ein Action-Thriller, der den Leser durch die Welt und atemlos durch die Seiten jagt. Man wird regelrecht in die Handlung gepresst und kaum hat man Bekanntschaft mit der namensgebenden Figur, Milo, gemacht, lässt einen der Text irgendwie nicht mehr los.

Der Held ist ein Unternehmensberater von SAP Deutschland und befindet sich mit einem Kollegen in San Francisco, um dort die Produkte seines Unternehmens vorzustellen. Er ist ein sarkastischer Profi, der sehr abgebrüht seine Vorträge vor den Firmen und potentiellen Kunden hält. Die Unterkunft, in der er sich einquartiert hat, ist sehr fragwürdig und in einem verrufenen Stadtteil. Er hat sich dort ein Zimmer besorgt, denn er möchte etwas erleben, weil sein Alltag immer grauer und eintöniger erscheint. Seine Vergangenheit lässt ihn schlecht schlafen. Es gab ein dramatisches Ereignis in seiner Familie, das ihm immer noch Alpträume bereitet und sein brutaler Vater erscheint ihm beständig als Geist, d.h. als eine mahnende Traumerscheinung. Die Firma, die ihn nach San Francisco eingeladen hat, hat einen bunkerartigen Raum für die Präsentation freigeräumt und die Tage verschwimmen immer mehr in alltäglichem und grauem Einerlei. Beständige Flucht bietet der konstante Alkohol, den er abends in zwielichtigen Bars zu sich nimmt oder regelmäßig der Minibar des Hotelzimmers entnimmt. Er ist mit sich nicht im Reinen und lässt dies alle in seinem Umfeld deutlich spüren. Die Frauen, die sich mit ihm einlassen, bestärken sein bisheriges Weltbild.

Dann trifft er auf Milo. Erst ist es eine Frau, die ihn einfach aus einem parkenden Auto beschimpft. Als sich dies wiederholt, spricht er sie an und stolpert kopfüber in ein blutiges Abenteuer. Milo ist ein Todesengel in der Gestalt und im Stil von „Kill Bill“. Es kommt zu einem Handgemenge und er rettet ihr, der Kriegerin, mehr oder weniger das Leben und wird in einen Strudel von Gewalt und Kriminalität hineingerissen. Die Frau, die sich ihren Gegnern mit einem Schwert entgegenstellt, wird sein Lebensmittelpunkt. Sie bringt neue Energie in sein Leben und rettet ihn somit aus dem grauen Alltag. Er ist von ihr besessen und folgt ihr blind auf ihrer mörderischen Tour. Als sie ihr Schwert verliert, organisiert er es zurück und heftet sich stets an ihre Fersen. Somit gerät er ebenfalls ins Visier des organisierten Verbrechens und muss seine Verbindung zu seinem bisherigen Leben lösen. Innerhalb weniger Tage hat sich sein bisheriges Leben in Luft aufgelöst und er reist von Amerika, nach England und Japan, immer an der Seite seines geliebten Todesengels…

Milo ist so ganz anders als die Bücher, die ich sonst lese. Es ist ein rasanter Thriller, der den Leser salopp und ungeschminkt durch die Handlung und Dialoge fesselt. Ein Buch, das sich wie ein Film von Tarantino liest und an seine großen Werke erinnert.

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Pippa Goldschmidt: „Weiter als der Himmel“

Pippa Goldschmidt Weiter als der Himmel Weidle

Pippa Goldschmidt ist einfach eine großartige Schriftstellerin. Ihre Texte berauschen, sind feinfühlig, humorvoll und klug. „Weiter als der Himmel“ ist ihr Debüt, ein Wissenschaftsroman, Kindheitsgeschichte und beinhaltet tragische sowie satirische Momente. Man liest den Roman, der zwischen „Damals“ und „Jetzt“ wechselt, wie elektrisiert. Mit viel Gefühl und Verstand wird die Geschichte der frisch promovierten Astronomin Jeanette erzählt, die eine Entdeckung macht, die unsere Weltsicht verändern könnte. Der Blick ins Universum ist immer ein Blick in die Vergangenheit. Das Licht, das wir sehen, hat bereits eine lange Reise hinter sich. Jeanette blickt also stets zurück. Sie muss sich mit ihrem Privat- und Familienleben auseinandersetzen, um sich selbst nicht gänzlich zu verlieren. Pippa Goldschmidt weiß, worüber sie schreibt. Sie ist promovierte Astrophysikerin und arbeitete mehrere Jahre als Astronomin am Imperial College, anschließend im öffentlichen Dienst, u.a. in der Weltraumbehörde.

Jeanette macht an einem Teleskop in Chile eine sensationelle Entdeckung, die die Urknalltheorie in Frage stellen würde. Das Universum dehnt sich immer weiter aus und die Galaxien driften immer weiter voneinander ab. Doch hat Jeanette ein Bild von zwei Galaxien, die verbunden zu sein scheinen. Voller Zweifel versucht sie, die Daten zu analysieren und sachlich zu interpretieren. Sie hadert mit einer Veröffentlichung. Wobei ein wissenschaftliches „Paper“ ihrer Karriere förderlich sein könnte. Einer der führenden Astronomen, unter den Kollegen „Todesstern“ genannt, fördert sie und schließlich veröffentlicht sie ihre Ergebnisse. Damit bringt sie fast die ganze wissenschaftliche Welt gegen sich auf. Auch privat hat Jeanette ihre Probleme: ihre Gegenwart wird durch ihre Vergangenheit bestimmt. Ihre Schwester starb damals beim Schwimmen unter mysteriösen Umständen und ihre Eltern haben sich seitdem in Stille gehüllt. Stets sind in Jeanette das Gefühl und die Frage, warum ihre Schwester und nicht sie selbst verstarb? Sie sucht im Himmel also nicht nur nach Antworten bezüglich der wissenschaftlichen Gesetze, sondern nach den Umständen, die ihrem Leben eine Schwere geben. Auch ihr Liebesleben zermartert sie, denn ihre Freundin kann sich zwischen einer Freundschaft als Mitbewohnerin oder Lebenspartnerin nicht entscheiden. Jeanette muss für alle Fragen die Wirklichkeit finden, die für sie stimmig ist, um nicht in den Weiten des Lebens zu versinken, d.h. verloren zu gehen.

Ein lehrreicher, witziger und kluger Roman. Das Bild des sich ausdehnenden oder eines beständigen Weltalls mit den einzelnen Galaxien und Sternen, die wir nur in deren Vergangenheit erblicken können, steht für das menschliche Miteinander. Alles scheint verbunden zu sein. Jede Bewegung, Veränderung oder Handlung erzeugt eine Reaktion, auch wenn der Raum zwischen den agierenden Objekten riesig erscheint. Gibt es überhaupt ein gänzliches Nichts?

Pippa Goldschmidt hat mich bereits mit ihren Storys „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ sehr begeistert (bei der deutschen Ausgabe werde ich auch auf dem Klappentext zitiert). Ihr Debütroman fesselt ungemein und spiegelt unser Leben im Abglanz des Weltraums. Der deutsche Titel (Original: „The Falling Sky“ übersetzt von Zoë Beck) stammt von der Autorin und bezieht sich auf ein Gedicht von Emily Dickinson.

Ein Aufruf: Pippa Goldschmidt gehört gelesen!

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Marie Nimier: „Der Strand“

Nimier Der Strand Doerlemann

Eine Frau, die einen abgelegenen Strand aufsucht. Der Ort des Rückzugs bleibt ihr aber verwehrt. Sie findet einen Ort der Begegnungen und als sie den Strand wieder verlässt, ist sie nicht mehr dieselbe.

Die Figuren in diesem französischen Roman bleiben namenlos. Die junge Frau, die sich auf den Weg zum Strand macht, ist und bleibt die Unbekannte. Sie fährt mit einem Bus zu einem verlassenen Strand. Auf dem Weg hat sie sich immer mehr der persönlichen Dinge entledigt. Ihre Ankunft wird immer minimalistischer. Nicht einmal das Nötigste hat sie dabei. Der Strand als Rückzugsort, eventuell sogar als letzter Ort gedacht? Ihre Erinnerung an diesen Strand ist liebevoll. Dort hatte sie eine glückliche Zeit mit ihrem damaligen Freund. Doch hat sich nicht nur die Örtlichkeit verändert. Der Kiosk ist leerstehend und verfallen und trotzdem ist es dort, wie sich später herausstellt, nicht menschenleer. Als sie an ihrem Strand ankommt und badet, beginnt sie ihren Körper wieder bewusster wahrzunehmen. Am Strand ist es für die Unbekannte ein Ankommen mit einem Wunsch nach Abschied.

Die Höhle am Strand, die sie noch von damals kennt und nun aufsuchen wollte, ist bewohnt. Dort sind ein Mann und ein junges Mädchen. Beide ebenfalls Gestrandete. Der Mann wirkt wie ein Koloss, der sich väterlich um das Kind kümmert. Die Unbekannte ist empört, dass ihr stiller Ort von Fremden behaust wird. Sie lebt vorerst versteckt, bis sie beim Obstklau von dem kolossalen und doch gefühlvollen Mann erwischt wird. Langsam versuchen sie sich kennenzlernen. Das Mädchen kindlich spielend, naiv und fast schon leicht der Welt entrückt. Diese drei Menschen am Strand nehmen durch ihre Begegnungen die Welt und sich anders war. Sie schaffen im Anderen eine Veränderung und als die Unbekannte den Strand wieder verlässt ist sie nicht mehr dieselbe.

Ein Roman ohne große Zwischenfälle. Die wärmende Sonne am Strand kehrt zurück in die Herzen der drei Menschen. Mit dem abkühlenden Wetter beginnt die Abreise, die aber in sich eine Hoffnung birgt.

Eine kunstvolle feine Erzählung, die durch ihre Sprache und Bilder nicht nur die Charaktere verzaubert.

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Die Buchmacher 2018 St. Petri, Lübeck

Buchliebhaber konnten bereits dieses Wochenende den Welttag des Buches feiern.  Am 21. und 22. April waren wieder die „BUCHMACHER“ in St. Petri in Lübeck zu Gast.

In den hellen und freundlichen Räumlichkeiten des gotischen Kirchenraums stellten unabhängige Verlage ihre Vielfallt an Veröffentlichungen aus. Zum vierten Mal fand diese Messe in Lübeck statt und es waren somit große und kleine Leser eingeladen Bücher anzuschauen und darüber zu sprechen. Bei uns ist es immer die Frage, ob privat oder beruflich… 😉

Wir hatten den Sonntag genutzt, um länger in den lichten Räumen zu verweilen. Wir trafen Freunde, Verleger und Autoren. Überall war Lesefreude spür- und erfahrbar. Leider hatte die Deutsche Bahn erneut Probleme, uns rechtzeitig zu einer Buchmesse zu fahren, daher kamen wir später als gedacht an und trafen ein als Julia Jessen bereits las. Es war uns eine große Freude Julia wiederzutreffen und ihr zuzuhören. Sie las aus ihrem neuen Roman „Die Architektur des Knotens“. Im Werk geht es um eine ungewöhnliche Trennung und den Versuch einer erneuten Verbindung. Ein fesselnder Roman über eine Selbstfindung und Rettung. Julia, die auch schon mal bei uns in der Buchhandlung gelesen hatte, versteht es sehr, den Zuhörern das Wesentliche aus dem Buch näherzubringen. Da sie es als Schauspielerin toll versteht mit Sprache umzugehen, war die Lesung sehr humorvoll und unterhaltsam.

An den jeweiligen Messeständen stellten die jeweiligen Verlage ihre Werke aus und man konnte stets das Gespräch über lesenswerte Bücher führen. Überall bestand die Möglichkeit sich von der Liebe zum Buch anstecken zu lassen.

Es wurden neben den Lesungen an den Ständen auch kurze Verlagsvorstellungen angeboten.

Franziska Otto von Edition Nautilus 004

Jan Karsten und Zoë Beck stellten ihren Verlag CulturBooks vor.  Jan und Zoë erzählten sehr begeisternd über ihr Verlagsprogramm. Der Schwerpunkt des Verlags liegt auf zeitgenössischer Literatur und ist stets international. Zoë Beck las aus Pippa Goldschmidt: „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ und dem Anfang ihrer Erzählung „Dora“ aus  „Berlin Noir“  (Thomas Wörtche  (Hg.)).

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Das Poster zu dem wunderbaren Buch von Pippa Goldschmidt hat mich erneut sehr stolz gemacht: Siehe mein Zitat am unteren Rand . Danke liebe Zoë Beck und Jan Karsten!

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Es war schön, viele liebe Buchmenschen endlich wieder oder erstmalig persönlich zu treffen.

Es kam bisher leider nie zu einem Treffen mit Sophie Weigand (Literaturen) und daher war es sehr schön, dass wir uns endlich getroffen hatten. Durch die Vernetzung kennen wir uns schon lange und es war auch ein Gefühl, als würde man sich doch schon ewig kennen und wir waren uns gleich sehr vertraut.

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Danke an die tollen Autoren, Verleger, Verlagsmenschen und Buchliebhaber für diesen schönen Sonntag in Lübeck!

Diese Verlage waren dabei: Wallstein Verlag (Göttingen) • AvivA Verlag (Berlin) • Verlagshaus Jacoby & Stuart (Berlin) • Edition Nautilus (Hamburg) • :Transit Verlag (Berlin) • Weidle Verlag (Bonn)• weissbooks.w (Frankfurt am Main)• Satyr Verlag (Berlin) • Schaltzeit Verlag (Berlin) • Matthes & Seitz Verlag (Berlin) • CulturBooks Verlag (Hamburg) • Kunstanstifter Verlag (Mannheim)• Guggolz Verlag (Berlin)• Pendragon Verlag (Bielefeld) • Klöpfer&Meyer Verlag (Tübingen) • Edition Brachvogel (Hamburg)• Moritz Verlag (Frankfurt am Main) • Edition fünf (Gräfeling)• Verlag Das Wunderhorn (Heidelberg)• Peter Hammer Verlag (Wuppertal)• Antje Kunstmann Verlag (München) • Acabus Verlag (Hamburg) • Mehring Verlag (Essen)• Secession Verlag (Berlin/Zürich) • Lilienfeld Verlag (Düsseldorf) • Edition Büchergilde (Frankfurt am Main) ) • Verbrecher Verlag (Berlin)  Weitere Informationen finden Sie hier

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Lisa Kreißler: „Das vergessene Fest“

Lisa Kreißler Das vergessene Fest Hanser Berlin

Die großen Geheimnisse oder das Geheimnisvolle erlebt man wohl meist dann im Leben, wenn man es nicht erwartet. Im Gegenzug verlernt man mit dem Erwachsenwerden immer mehr das Träumen. Als junger Mensch ist man unbekümmert und voller Ideen und Träume. In der Phantasie wirkt vieles einfach, machbar und Grenzen zwischen der Realität und Traumwelt sind fließend. Im Alltäglichen werden wir berieselt von Medien, Filmen und Fernsehserien. Serien erschaffen für uns uns eine wohlige Welt und lassen uns im Vierzig-Minuten-Takt ein bisschen träumen. Manchmal erscheint die Welt um uns herum bedeutungsschwer, dann wieder banal und gefühllos. Irgendwann kommt das Gefühl von einer Ernüchterung oder sogar einer Enttäuschung, wenn man in seinem Leben etwas erreicht oder aufgebaut, aber die damaligen Träume aus den Augen verloren hat.

Drei Freunde, Ronda, Arif und Nina, die sich länger nicht gesehen haben, treffen sich nach vielen Jahren wieder. Der Anlass ist die Hochzeit von Nina. Alle drei sind vom Leben enttäuscht. Arif lebt von seinem Mann geschieden und Ronda ist eine alleinerziehende Mutter. Die drei Freunde kennen sich seit dem ersten Tag an der Uni. Jetzt leben sie alle woanders und hadern mit ihrem jetzigen Leben. Nina will Philipp heiraten und möchte bei diesem Fest ihre alten und besten Freunde um sich wissen. Doch ist es Liebe, die sie für Philipp empfindet oder hat sich alles einfach so in ihr Leben gefügt? Die Hochzeitsfeier findet in einer Lichtung im Wald statt. Ihre Entscheidung wird ihr beim Trauspruch bewusst. Sie blickt auf eine sehr bewegte und nicht immer liebevolle Beziehung zurück und bittet Philipp nun endlich loszulassen. Sie beendet am Altar die Beziehung.

Als die Hochzeit geplatzt ist, die großen Gefühle erloschen wirken, geht Nina in den Wald, gefolgt von Arif, Ronda und Rondas kleinem Sohn Charlie. Im Wald beginnen die Grenzen der Realität, der Wahrnehmungen zu verschwinden. Sie treffen auf Menschen wie aus einer anderen Wirklichkeit. Bei einem Fest und einer geheimnisvollen Zeremonie mitten im Wald beginnt für die Freunde eine Veränderung. Neben den ganzen Tieren im Wald tauchen dann auch Leonardo di Caprio und Bill Murray auf. Zeitgleich findet das vergessene Fest auf der Lichtung statt. Die Familien und einige Angehörige sind geblieben und feiern oder betrauern die nicht stattgefundene Hochzeit. Als es immer dämmriger wird, wollen Arif und Ronda mit Charlie aus dem Wald zurück zu den Hochzeitsgästen auf der Lichtung. Nur Nina ist verschwunden…

Der Wald als Symbol des Schutzes, als Sehnsuchtsort des Ursprünglichen und unendlicher Natur. Die Natur als Seelenlandschaft und als Träger des Geheimnisvollen. In der Stadt leben wir in Räumen und häufen uns mit Dingen zu. Gleiches machen wir mit uns selbst, unserem Innenleben, dem täglichen Gedanken- und Seelenmüll, den wir allzu oft einfach überlagern und vergraben. Gleich der im Roman beschriebenen Messie-Nachbarin.

Für Ronda, Arif und besonders für Nina bilden sich im Wald die eigenen Träume und Sehnsüchte neu oder zurück. Mit der aufkommenden Helligkeit entstehen dann aber auch tiefe und erschreckende Schatten.

Ein Roman, der mit vielen Bildern spielt. Das Seltsame und Magische trifft auf die Realität. Die Autorin verwendet unterschiedliche Stile und schreibt wunderbar über die Freundschaft, von dem Verlust des Zaubers im Leben und dem Verrückten in der gelebten Wirklichkeit.

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Reso Tscheischwili: „Die Himmelblauen Berge“

Reso Tscheischwili Die Himmelblauen Berge Edition Monhardt

Ein Schriftsteller möchte sein Manuskript abliefern. In dem absurden Apparat des Verlages haben alle wenig mit Büchern zu tun und so wird das Buch verlegt, zerrissen, zerfleddert und erneut aus den verschiedenen Fassungen zusammengesetzt. Da auch das Gebäude, in dem die Handlung spielt, erbebt und Risse bekommt, erinnert diese Satire, die aus dem Georgischen übersetzt wurde, an das Werk „Die Spielverderber – Commedia Infernale“ von Michael Ende. Bei Michael Ende ist es das Misstrauen einer Erbengemeinschaft, das den Untergang herbeiführt. Bei Ende taucht ein farbenblinder Butler auf, der sich als Prisma empfindet und die Erben in die Irre führt. Die Farben kehren bei Reso Tscheischwili anhand eines trostlosen Gemäldes, das aber abgehängt werden soll, und durch den Titel eines Manuskriptes in das Verlagshaus ein. Die Handlung spielt in einem großen Verlagsgebäude, in dem alle Beteiligten bemüht sind beschäftigt zu wirken. Draußen findet eine Ahnung von Leben statt: vor dem Gebäude knattern die Motoren, denn auf einem Feld wird eintöniges Motorball gespielt.

Der Schriftsteller Sosso betritt nach längerer Zeit den Verlagskomplex und möchte die dritte Fassung seines Manuskriptes abliefern. Er hat es überarbeitet, denn Inhalt und Titel gaben dem Verlag zu denken. Besonders ist dem Verlag immer der Titel wichtig: Aus Brücken wurden letztendlich Berge. So ist der jetzige Arbeitstitel „Die Himmelblauen Berge oder Tian Shan“. Sosso wird als ein Bekannter des Hauses begrüßt. Doch ausgiebig Zeit hat oder nimmt sich keiner für den Autoren. Doch wirkt man miteinander vertraut und man wechselt Nichtigkeiten aus. Sosso wirkt auf einige abgemagert, während jemand anderes an Umfang zugelegt haben soll. Sossos Manuskript wird genommen mit dem Versprechen es auch zu lesen. Niemand im Verlag zeigt verlegerische Begeisterung und ist literarisch oder künstlerisch interessiert. Nur einer, der mit dem Verlag nichts zu tun hat, wird letztendlich das Manuskript zufällig bekommen und es sogar lesen. Im Verlag wird das Manuskript verteilt. Es wird auch darüber geredet, aber niemals gelesen. Meist geht es um den Titel, von dem man sogar dachte, es wären zwei Titel, eventuell sogar zwei Werke. In den zahllosen Abteilungen, deren Aufgaben auch nicht immer ersichtlich sind, wandeln die Verlagsangestellten, der Direktor, der sich auch gerne verleugnen lässt, und ein Bürger, der beständig um einen Termin bittet. Was dieser Mann, der Bürger mit seinem Aktenkoffer, tatsächlich möchte, stößt anfänglich auf wenig Interesse der Menschen im Komplex. Überall ist geschäftiges Gerede und Gemache, aber es sind leere Worthülsen ohne Inhalte und sinnfreie Handlungen. Auch das Gebäude schüttelt sich. Der Fahrstuhl bleibt oft stecken, die Wände bekommen besorgniserregende Risse und ein unterirdisches Beben ist zu spüren.

Die Tätigkeit wird zur Untätigkeit und die ganze Handlung spielt in einem kleinen Umfeld der Verlagswelt. Das ganze System wirkt absurd und grotesk. Es gibt Wiederholungen und Stumpfsinnigkeiten, die sich sehr humorvoll lesen. Der Verlag als Bild für den Mechanismus eine Kollektivs. Der Text ist eine Karikatur auf das sowjetische System in seiner Endphase und deutet den Zusammenbruch an. Das Buch ist 1980, d.h. vor Glasnost und Perestroika, erschienen und liegt nun in einer tollen deutschen Übersetzung vor. Das Manuskript in der Handlung bleibt weiterhin ein Rätsel. Lediglich der Titel verspricht Veränderung. Denn die Berge gelten als Sehnsuchtsort. Der Sehnsucht nach einer Erhöhung, von der aus man den Überblick hat. Das Blau gilt als Sinnbild der Freiheit, Klarheit, Ferne und Gelassenheit.

Tscheischwilis Werk ist in seiner Heimat ein Klassiker und diente als Grundlage für den Film: „Die Himmelblauen Berge oder Eine unglaubwürdige Geschichte“. Das Buch ist eine kurzweilige und lesenswerte Entdeckung und lebt von den Dialogen, dem Witz und der absurden Geschichte. Die Buchgestaltung ist passend zum Inhalt, d.h. es stellt eine Manuskriptkladde dar. Leider wird aber wohl gerade dadurch das Buch als unscheinbar im Handel wahrgenommen und der feine Inhalt bleibt auf den ersten Blick verborgen. Dabei ist es wünschenswert, dass das Buch einen weiteren Bekanntheitsgrad bekommt, denn es ist eine lohnenswerte und spaßige Lektüre.

Das Buch kann in jeder Buchhandlung bestellt werden und somit auch in der Buchhandlung Almut Schmidt

 

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Jaume Cabré: „Eine bessere Zeit“

Jaume Cabré Eine bessere Zeit

Jaume Cabré ist einer der Autoren, auf dessen Werke ich mich stets sehr freue. Es sind Werke, die tiefgründig, lebendig, humorvoll und voller Detailliertheit geschrieben sind. Es sind Romane, die tief in der spanischen, d.h. europäischen Geschichte verwurzelt sind. Es sind Familienchroniken, die über viele Generationen hinweg deren Schicksale beleuchten.  Cabré ist ein spanischer Schriftsteller, der in katalanischer Sprache schreibt. Er ist kein Vielschreiber, aber seine Werke gehören in den Kanon der Weltliteratur und wurden oft ausgezeichnet. 2009 erschien auf Deutsch sein Roman „Senyoria“, der in Barcelona bereits 1991 verlegt wurde. Sein Hauptwerk und bekanntester Roman ist von 2007 „Die Stimmen des Flusses“ („Les veus del Pamano“ erschien 2004 in Spanien). 2011 folgte „Das Schweigen des Sammlers“ („Jo confesso“). Das jetzige Buch „Eine bessere Zeit“ ist ein älterer Roman, der in Spanien bereits 1996 („L’ombra de l’eunuc“)  in Barcelona verlegt wurde. Cabré ist auch als Drehbuchautor tätig und versteht es daher Szenen kunstvoll zu beschreiben und erzeugt mit seinen Geschichten und seiner ihm eigenen Sprache große Lesebegeisterung.

„Eine bessere Zeit“ reicht nicht an seine neueren Werke heran. Aber wie üblich bei Cabré treffen wir auf einen großen Reigen an toll gezeichneten Figuren. Sprachgewaltig taucht man ein in eine Geschichte voller Traditionen, Rebellion und dem Glauben an das Schöne.

Die Handlung, die sich über sieben Generationen erstreckt, wird umrahmt von einem Essen. Miquel schaut auf sein Leben zurück und in die schönen Augen von Júlia, mit der er sich zum Essen verabredet hat. Er fragt sich, wann in seinem Leben sich die ersten Risse zeigten. Vorher haben sie ihren gemeinsamen Freund beerdigt. Bolós Tod zwingt Miquel zu einer Reise in die Vergangenheit. Der Tod kam unerwartet und bewegt Miquel sehr. Nicht nur, weil ihn eine rätselhafte Nachricht erreichte. Sie waren damals politisch aktiv und Miquel, der im Untergrund Simó genannt wurde, erhält eine Warnung, jemand wäre nach all den Jahren hinter ihnen her. Júlia bittet Miquel um ein Essen, damit er ihr von Boló erzählen kann. Das Restaurant, das Júlia ausgesucht hat, liegt in seinem alten Heimatdorf. Als sie dort eintreffen, wird es eine wahrhafte Begegnung mit seiner Vergangenheit, denn das Lokal ist sein ehemaliges Elternhaus. Das Anwesen hat seit Generationen den Reichtum seiner Familie verkörpert. Júlia, die nicht weiß, in was für ein Haus sie Miquel geladen hat, soll einen Artikel über Bólo schreiben und weiß, dass Miquel und Boló einst gute Freunde waren. Doch ist Bolós Geschichte eng mit Miquels eigener Vergangenheit verknüpft und so beginnt er im Restaurant ausführlich zu erzählen. Er wollte sich von seiner reichen Familie lösen. Er wollte ein Leben voller Leidenschaft und Abenteuer erleben. Sein Vater hatte sich sang- und klanglos aus seinem Leben gestohlen. Er hatte eine engere Bindung zu seinem Onkel Maurici, der ein Familienchronist war und viel über die Geschichte der Familie Gensana zu berichten wusste. Nur er kannte den Unterschied zwischen dem offiziellen und dem wahren Stammbaum der Familie. So lernt Miquel durch seinen Onkel Stück für Stück die über sieben Generationen greifende Geschichte seiner Vorfahren kennen.

Miquel möchte nicht das Leben führen, das seine Familie und deren Fabrik von ihm abverlangen würde. Ihn zieht es in die große Stadt und er beginnt mit seinem Jugendfreund Bólo in Barcelona zu studieren. Durch das erste Verliebtsein beginnen beide sich den Aufständen anzuschließen. Doch die erste Aktion fällt Miquels verliebter Naivität zum Opfer. Als Simó zieht Miquel in den antifranquistischen Untergrund und er bricht mit seiner Familie. Es kommt zu Verstrickungen und Schuldigkeit, die ihn jetzt in der Gegenwart einholen. Auch in der Zeit nach Francos Tod und als Spanien sich verwandelt muss Miquel sich erneut finden.

Cabré schreibt mal wieder kurzweilig, klug und sprachgewaltig. Wenn man sein Werk kennt, weiß man, was man erwarten darf. Ausufernde, aber niemals überflüssige Erzählungen, die sich sprunghaft über Generationen erstrecken. Cabré beschreibt die Geschichten sehr lebendig und es gibt wenige Romane, die so gut die spanische Geschichte wiedergeben und verkörpern. Die Charaktere und die Romanhandlung schaffen erneut eine Stimmung, die ich an den Romanen von Cabré so liebe. Einiges in „Eine bessere Zeit“ hat seine Längen, anderes wiederum wirkt wie eine reine Aufzählung. Es ist eines seiner früheren Werke und es erreicht nicht seine jetzige Weltklasse, aber dies ist wahrlich meckern auf hohem Niveau.

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