Ryū Murakami: „Coin Locker Babys”

Es gibt noch mehr Murakami, zumindest einen weiteren, der neben Haruki Murakami in der literarischen Welt für Aufsehen sorgt. Es ist Ryū Murakami. Seine Romane sind voller Kontraste, werden klassisch, fast gradlinig erzählt und überraschen stets. Die Handlung hat eine begeisternde Zielführung und vieles wird, wie bei beiden Murakamis üblich, in Bildern angedeutet. Anfänglich ist das ganze Grauen zwischen den Zeilen versteckt und das ist es, was wohl den hauptsächlichen Reiz der Werke ausmacht. Das bekannteste Werk von Ryū Murakami ist wohl „Das Casting“, ein ganz leiser Spannungsroman, der den Horror in den letzten Seiten, wie ein Crescendo, freilässt.

„Coin Locker Babys“ ist in der deutschen Übersetzung von Ursula Gräfe schon länger verfügbar, aber der Roman ist nun auch frisch als Taschenbuch erschienen. „Coin Locker Babys“ ist ein Begriff, der häufig in Japan oder China für ausgesetzte Neugeborene verwendet wird. Der Drang, sich der unerwünschten Babys zu entledigen, wird dabei einfach durch die Ablage in Schließfächern getätigt. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass die Neugeborenen dies überleben.

Ein Kind hat dies überlebt. Es schrie wegen der enormen Hitze und wurde gehört und aus dem Münzschließfach befreit. Somit erlebt das Kind eine erneute Geburt. Es ist der 18. Juli 1972. Er kommt in eine Säuglingsstation und erhält den Namen Kikuyuki Sekiguchi. Sekiguchi war der Name, den die Mutter auf den Karton geschrieben hatte, mit dem sie den Jungen in das Fach gesteckt hat. Kikuyuki ergab sich aus einer Namensliste für Findelkinder. Später bleibt es meist bei Kiku. In einem Waisenhaus trifft er auf den gleichalten Hashio Mizouchi, der ebenfalls ein Münzschließfach überlebt hat. Übler Geruch war seine damalige Rettung. Kiku und Hashi sind traumatisiert und auch als Kinder geht ihnen das Bild des Schließfaches nicht aus dem Kopf und begleitet sie in der spielerischen Phantasie. Sie wachsen im Waisenhaus und bei Pflegeeltern auf. Später macht einer seinen Weg als Sportler und der andere wird Rockstar. Sie leben in einer Zwischenwelt, in einem anarchischen Ortsteil von Tokio, der durch  Kriminalität und Prostitution geprägt ist. Hashi sucht seine Sexualität und beide die menschliche Nähe und Liebe. Kiku möchte auch Rache und bekommt dabei Unterstützung durch seine Freundin, die vor ihrer Familie geflohen ist, aber ein Krokodil mitbringt. Die Rachepläne gehen aber über die Suche nach der Mutter hinaus. Ein rätselhaftes Gift taucht auf und auch Hashis Karriere endet. Ein surrealer Trip beginnt in einem Japan der nahen Zukunft. Ein Coming-of-Age-Roman über Identität, Selbstwertgefühl, Rache und Macht. Die Resignation, Verzweiflung und Machtlosigkeit werden mit jeder weiteren gelesenen Zeile stärker erfahrbar. Innerhalb der modernen Machtzentren der Städte regen sich hier die niederen Instinkte. Die Entwicklung und die Vernichtung spitzen sich gehörig zu und die Protagonisten und die Handlung spielen mit unseren Emotionen und dem Verstand.

Wer Murakami mag, wird auch Murakami lieben. Die Wandelbarkeit und die Wahrnehmung unserer Welt verändern sich durch deren Bücher. 

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Martina Junk: „Wo der Wald beginnt“

Ein beindruckender Debütroman. Es geht um eine Freundschaft und um die Wiederfindung des Vertrauten. Es ist ein Spiel zwischen dem Land- und dem Stadtleben. Dabei wird überall die Furcht vor Veränderung und dem Fremden spürbar. Ein Roman über Lebensentscheidungen und über unsere ausgelagerten Ängste und unsere gedachten zwischenmenschlichen Hierarchien. Dieser tiefsinnige und doch kurzweilige Roman erinnert an „Martiniloben“ von Marlen Schachinger.

Kim reist aus der Stadt zu ihrer Freundin Anne und hofft auf schöne Tage auf dem Land. Anne war oft für sie ein Vorbild gewesen. Sie hatte etwas an sich, das sie begeisterte und faszinierte. Sie planten damals gemeinsam ein Blumengeschäft und ein Café zu betreiben. Dann lernte Anne ihren Mann kennen und verließ Berlin. Hat Anne sich verändert oder hat Kim sie anders wahrgenommen? Der Umzug von Anne hat die Freundschaft verändert. Nun wollen sie diese durch wenige Tage, die Kim sie besucht, auffrischen. Anne lebt in einem großen Haus mit riesigen Fenstern, die das Drumherum einfangen. Um das Dorf gibt es einen Wald und sonst nicht viel. Weite Wege muss man machen, um einzukaufen oder Erledigungen zu tätigen. Somit benötigt jeder ein Auto, das im Carport untergebracht ist. Das Landleben zeigt sich anders, als es sich Kim gedacht hatte.

Die Menschen sind wortkarg und misstrauisch. Auch wenn Anne mit ihrem Mann und den Kindern dort schon länger wohnt, sind sie immer noch die Zugereisten, die Fremden, die nach weiteren Karriereschritten wohl auch weiterziehen werden. Anne fällt es schwer, sich in im dortigen Leben zu integrieren. Ihr Mann ist oft lange bei der Arbeit. Als Kim anreist, ändert sich daran wenig. Anne will sich für Kim Zeit nehmen und auch die Nachbarn einbinden. Sie sagt, sie wäre dort glücklich. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Denn warum haben alle Gärten hohe Zaunanlagen und die Türen sollen stets geschlossen bleiben. Warum dürfen die Kinder nie alleine in den Garten und schon gar nicht in den Wald? Seltsame Geschichten werden sich um den Wald erzählt. Menschen, die dort vagabundieren und es wird erzählt, es gäbe dort auch etwas Bedrohliches.  

Die Dorfbewohner sind ein eingeschweißtes Netzwerk und alles Äußere wirkt in ihren Augen feindlich. Neben der Wohlfühlatmosphäre des Landes gibt es die Angst vor Einbrüchen, wilden Tieren und den Gerüchten um den Wald. Der Wald als mystischer Ort, der eine Region der Erholung und Naturverbundenheit ist, aber auch, aus alten Zeiten kommend, etwas Bedrohliches beherbergen kann. Wo der Wald beginnt ist somit eine Grenze, die wir uns lediglich denken. Es geht dabei um Abgrenzung und Ausgrenzung. Wir alle sehen uns und die Menschen in unserer Umgebung stets mit der eigenen Wahrnehmung. Das persönliche Umfeld ist, auch in Zeiten der Globalisierung, sehr klein. Auch wenn Berlin eine Großstadt ist, trifft man in seinem Wohn- und Lebensraum oft dieselben Menschen. Die Gesellschaft und wir alle gewöhnen uns an Ausgrenzung und sogar an Missachtung. Dies kann im Kleinen, aber auch im Großen geschehen. Wir stellen uns selbst oft in ein eigenes Licht und schauen auf andere herab oder herauf, ohne es zu merken, zu wollen oder es uns zu wünschen.

Ein spannender Roman, der subtil die Zwischenmenschlichkeit in allen Facetten beleuchtet.

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Juri Felsen: „Getäuscht“

In diesem Roman tritt uns ein introvertierter Held entgegen, der ganz genau Tagebuch führt. Er leidet, schmachtet und jammert. Dies aber auf glamouröse Weise, die zu begeistern versteht. Es sind elegante Satzkaskaden, die eine Gefühlswelt zu einer raumfüllenden Literatur machen. Der Erzähler lebt nach der Russischen Revolution in den zwanziger Jahren als Emigrant in Paris, der Welthauptstadt der Künste. Es ist eine bedeutende Stadt der russischen Emigration geworden. Die Oktoberrevolution 1917 hat viele in die Flucht getrieben und einige davon ließen sich in Paris nieder. Die meisten wurden mittellos und agieren zum Beispiel als Taxifahrer oder arbeiten schwer in den Werken von Renault. Viele hatten den Weg über Berlin genommen, doch wurde dann Paris die Metropole der russischen Kultur im Ausland.

Der Autor, Nikolai Bernhardowitsch Freudenstein kam 1894 in Sankt Petersburg zur Welt. Die jüdische Familie sah sich zur Flucht gezwungen, als die Beschränkungen zunahmen. Die Reise ging über Lettland und von dort immer weiter Richtung Westen. Es erschienen bereits Texte von ihm, aber er wurde gänzlich in Paris schriftstellerisch tätig und nannte sich Juri Felsen. Der Poet saugte die Stadt in sich auf und plante einen mehrbändigen Romanzyklus um einen Schriftsteller. Er wird mit Proust verglichen und beeinflusste seine Generation. 1943 wurde Juri Felsen nach Auschwitz deportiert und ermordet. Sein Werk geriet in Vergessenheit und wurde jetzt wiederentdeckt und von Rosemarie Tietze übersetzt und mit einem Vorwort versehen. Das Buch beinhaltet ferner ein Nachwort von Dana Vowinckel.

Der Erzähler führt Tagebuch und hält sein Innenleben fest. Er betrachtet sich genauestens und empfindet sich dem Umfeld enthoben. Doch als ein Teil der Gesellschaft ist er hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und Distanzierung. Er erkennt, zu seinem Bedauern, dass er doch viele Gemeinsamkeiten mit den anderen hat und wohl auch genauso sang- und klanglos verschwinden wird. Er hat Geldsorgen, er macht sich allgemein viele Sorgen und Gedanken. Äußerlichkeiten interessieren ihn weniger. Er ist sich selbst Betrachtung genug. Dabei stellt sich eine Wehmut ein, die aber mit bittersüßem Humor eingefangen wird. Er wird liebestoll, denn ein Brief einer Bekannten aus Berlin kündigt den Besuch ihrer Nichte Ljolja in Paris an. Das was er über Ljolja hörte und weiß, lässt seine Gefühlswelt aufbrodeln. Mit Hochspannung erwartet er ihre Ankunft. Sein Wunschdenken und seine Phantastereien übertreffen dabei die Realität. Ljolja ist charmant und klug, doch weniger an ihm interessiert, als er es wünscht. Dadurch stellt er seine Beschützernatur und sein liebreizendes Sein immer mehr in Frage und verrennt sich in seinen Gedanken, die ihn und sein Handeln auch ins Lächerliche führen.

Ein eleganter, kluger und scharfzüngiger Roman. Die Tiefen des Innenlebens werden ganz genau beleuchtet. Dabei pendeln die Betrachtungen zwischen Melancholie, Wehmut und Humor. Ein Roman, der in den Reigen der Weltliteratur gehört. Juri Felsen ist ein kluger Sprachkünstler und Gefühlsdompteur.

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Wolfgang Brammen: „Die Nacht des Halligfeuers“

In diesem Kriminalroman wird das Biikebrennen ein feuriger Auslöser für eine Handlung, die durch das Setting, der Halligwelt, viele Besonderheiten erfährt. Das Biikefeuer ist ein uralter, tief verwurzelter Brauch in Nordfriesland. Dabei wird ein großes Biikefeuer entfacht, um den Winter zu vertreiben. Aber es gibt auch ältere Deutungen und  Mythen. Wurde es zum Abschiedsgruß der Walfänger oder zur Verbannung böser Geister entfacht? Es sind Holzscheite, die oft eine Figur zuoberst tragen und immer am 21. Februar zum Lodern gebracht werden.

Die Besonderheiten der Landschaft treten in diesem Roman besonders hervor und zeigen die Kenntnis und Liebe des Autors über die und zur Region. Wie es bereits in der Krimi-Reihe um den „Holländer“ von Mathijs Deen der Fall war, erfährt man viel über Beschaffenheit, Gebräuche und über die Natur des Wattenmeeres. Durch den Tatort auf einer Hallig Anfang der achtziger Jahre werden die Ermittlungen besonders erschwert. Es ist die fiktive Hallig Uthoog. 

Der Bürgermeister sieht vor den Feierlichkeiten nach dem Rechten, er überprüft die Wetterlage und besichtigt den gewaltigen Holzstoß, den alle gemeinsam aufgestellt haben. Es ist dunkel und er sieht kurz zwei Menschen, die sich auch bei diesem ungemütlichen Wetter rauswagten. Am Tag des Biikebrennens sind alle Bewohner und Touristen am Strand. Am kommenden Tag wollen der Bürgermeister und seine Gehilfen auf dem Biikeplatz aufräumen und das noch schwelende Holz zum schnelleren Auskühlen ausbreiten. Dabei machen sie einen grausigen Fund. Ein Mensch wurde im Feuer verbrannt.

Wurde das Feuer zum Mord genutzt oder sollte ein Leichnam verschwinden? Warum hat beim Verbrennen keiner etwas gemerkt? Wer ist der Tote und wer denkt sich so einen Mord aus? Für die Halligmenschen würde der Bürgermeister seine Hand ins Feuer legen. War es ein Gast und ist dieser noch auf der Hallig oder konnte er mit der Fähre bereits entkommen? Haben sich Täter und Opfer in den jeweiligen Verzeichnissen der Unterkünfte eingetragen? Wer wird überhaupt vermisst? Wer ist der oder die Tote?

Der Bürgermeister ruft die Polizei vom Festland an. Er wünscht sich den Kriminalkommissar Holthaus, der bereits vor einiger Zeit auf der Hallig tätig war. Sein Wunsch wird erhört und der Kommissar reist an. Die Spurensicherung muss ebenfalls anreisen und da keine reguläre Fähre mehr am Wochenende fährt, beginnen die ersten Probleme.

Jasper Holthaus kennt die Hallig, denn einst kam es hier durch eine Sturmflut zu einer Heimsuchung auf dem Friedhof, der durch das aufbrausende Meer einen Sarg in die Fluten entließ. Dies ist die Vorgeschichte der Protagonisten, die in der Novelle „Das Grab auf der Hallig“ beschrieben wird. Muss aber nicht vorher gelesen werden, um dem Inhalt folgen zu können. Der Kommissar, der sich im Pastorat einquartieren konnte, beginnt nun um die Geschehnisse des unvorstellbaren Biikebrennens herum zu ermitteln. Doch muß er dabei das Wetter ebenfalls mit einbeziehen, denn ein Sturm, ein Hochwasser könnten die Spurensuche zunichtemachen.

Dieser Roman baut eine angenehme Spannung auf und fängt das Halligleben mit seinen Besonderheiten, dem Charme, der Natur und ihren Menschen glaubhaft ein. Wolfgang Brammen ist ein belesener und kulturinteressierter Autor, der sich aber dem großen Literaturbetrieb entzieht. Er ist ein Freund unserer Buchhandlung und er liebt gut geschriebene Geschichten, zu denen er selbst nun eine weitere hinzugefügt hat.

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Sabine Peters: „Die dritte Hälfte“

Ein feiner Roman über den Lebensabschnitt, in dem der Blick zurück mehr Raum einnimmt als die Zukunftsvisionen. Die Handlung wird eingefangen durch eine Arztpraxis und die dort agierenden Menschen.  Es ist viel mehr als ein Arztroman, denn es werden existentielle Fragen gestellt. Ein gesellschaftliches Mosaik wird durch die unterschiedlichen Perspektiven, Generationen und sehr kurzweiligen Szenen entworfen. Die dritte Hälfte des Lebens sinniert über die Überforderung des Alterns, das Leben, die Kultur und die eigene Geschichte und Persönlichkeit. Unser ganzes gegenwärtiges Leben wird hier schmunzelnd, fragend und leicht philosophierend in ein sehr unterhaltsames Flickwerk eingebunden.  

Hermann Dik, kurz Doc genannt, ist abgekämpft, ausgebrannt und innerlich müde. Doch er macht weiter, er praktiziert noch und ist für seine Patienten da. Work-Life-Balance ist für ihn ein Fremdbegriff. Jeder Patient, der sein Arztzimmer betritt, kann sich seines Gehörs sicher sein. Es sind die unterschiedlichen Geschichten und Anliegen, die die Menschen zu ihm treiben. Das Altern fällt Doc schwer, besonders das Alleinsein. Dabei ist der Witwer nicht einsam. Seine Schwester und die Nachbarin sind da. Beide meinen es gut. Mit der Nachbarin trifft er sich regelmäßig, um Filme zu sehen, um dann doch einzuschlafen. Die Sorgen um deren Sohn treiben sie um, denn dieser wird immer mehr ein Aktivist. Durch die Patienten und die Arzthelferin bekommt der Roman unterschiedliche Perspektiven. Gesellschafts- und Kulturkritik wird dabei spürbar. Das Wegbleiben der Lesekultur und der Kultur überhaupt wird durch die Schwester und besonders durch den alten und guten Freund von Doc, Brummer genannt, verdeutlicht.  

Die Welt als buntes Spiel. Haben wir alle bei der Geburt unsere Grundeinstellung erhalten? Können wir dem Ich nicht entkommen? Was passiert uns im letzten Lebensabschnitt und was machen wir daraus? Wie gehen wir damit um, wenn die kleinen körperlichen und seelischen Wehwehchen einsetzen?

Ein ruhiger, sehr unterhaltsamer und kluger, sowie eigensinniger Roman. Ein einfühlsames, melancholisches und menschenfreundliches Werk, das auch am Lebenswitz nicht spart.

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Rasha Khayat: „Ich komme nicht zurück“

Ein berührender Roman über Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach Nähe und Zuwendung. Die Einsamkeit steht dabei im Mittelpunkt der Betrachtung und der Wunsch nach gemeinsamen Erinnerungen. Ferner spürt Rasha Khayat, wie in ihrem Debütroman „Weil wir längst woanders sind“ den Begrifflichkeiten Familie und Freundschaft nach und füllt diese mit viel Leben und Liebe.

Die Protagonistin Hanna, die im Ruhrgebiet bei ihren Großeltern Theo und Felizia aufgewachsen ist und eine Zeit weg war, kehrt zurück. Diese Heimkehr lässt sie erinnern, sich finden und auf Zuwendung und Vergebung hoffen. Neben ihren Großeltern fand sie in der Freundschaft zu Cem und Zeyna eine Wahlfamilie. Es sind die Achtziger Jahre, in denen sich ihre Freundschaft festigt. Die Herkunft hatte in ihrer eingeschworenen Gemeinschaft keine Bedeutung. Hanna und Cem kennen sich schon etwas länger als Nabil mit Zeyna, seiner Tochter, plötzlich auftaucht. Sie sind dem Krieg aus dem Libanon entflohen, wo Zeyna ihre Mutter verlor. Diesen Verlust kann Hanna nachempfinden, denn ihre Mutter starb bei einem Unfall. Die drei werden unzertrennlich in den ersten Jahren, dann treten immer mehr die Unterschiede hervor. Die Angst von Cems Familie und von Zeyna und ihrem Vater wächst, als Flüchtlingsheime Opfer von Brandstiftungen werden und später, am 11. September 2001, verändert sich erneut das Umfeld und damit auch das innere, familiäre Empfinden. Doch hält ihre Freundschaft, gerade weil Cem stets als Ruhepol die Dramen zu besänftigen versucht. Doch ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt und ein Ereignis, über das Hanna mit Cem nicht sprechen mag, erzeugt einen Bruch zwischen Hanna und Zeyna.

Hanna, die ebenfalls den Geburtsort verlassen hatte, kehrt heim und zieht in das Haus ihrer Großeltern. Sie verfällt einer Traurigkeit und einer Einsamkeit, die sie langsam versucht aufzuarbeiten. Sie besucht Freunde, die sich aber verändert haben, und es fehlt ihr an Zuneigung und Innigkeit. Diese fehlt besonders, denn es ist die Zeit der Pandemie mit den Abstandsregelungen und Lockdowns, die die Vereinsamung beschleunigen. Cem lebt noch dort und hat seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Doch weicht sein Lebensinhalt von Hannas Vorstellung ab. Sie erkennt, dass wir Menschen oft zu etwas machen, was sie nicht sind. Man sieht, was man sehen möchte, was man benötigt und was einen verbindet. Dabei übersieht man oft das wahre Bild, das dem gemachten aber sehr ähnlich ist. Doch die Vertrautheit zwischen Cem und Hanna ist sofort da, war nie weg. Doch sind es die ungesagten Worte, die zwischen ihnen stehen. Worte, die, so empfindet Hanna, ganze Bibliotheken füllen könnten. Wann traut sie Cem zu sagen, was damals zwischen ihr und Zeyna passierte? Kann Hanna Zeyna finden und ihre Geschichte endlich abschließen und die Freundschaft erneut beleben?  

Rasha Khayat schreibt sehr lebendig und direkt. Wird in ihrer Prosa aber auch lyrisch und verwendet passende Wiederholungen wie einen Refrain, um den Gefühlsmoment zu vertiefen. Es geht um Ausgrenzung, Freundschaft und die Sehnsucht nach Entgegenkommen, Verbundenheit und Nähe. Es sind stets mehr Dinge, die uns alle vereinen als tatsächlich unterscheiden oder trennen. Ein einnehmendes, spannendes und schönes Buch.  

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Matthias Wittekindt: „Hinterm Deich“

Matthias Wittekindt schreibt Kriminalromane, die sehr still wirken, aber stets ganz genau hinsehen und gerade dadurch eine vielschichtige Handlung aufbauen. Die erwähnte Stille, bedeutet aber nicht, dass es sich bei den Werken um Cosy-Crime handelt. Weit gefehlt. Die Krimis behandeln stets Gesellschaftliches und sind mit einem großartigen Personal bestückt. Somit sind diese Krimis wunderbar geeignet, um in eine stimmungsvolle Handlung abzutauchen und richtig gut unterhalten zu werden.

Das aktuelle Buch „Hinterm Deich“ ist der fünfte Band um den pensionierten Kommissar Manz. Es sind die Erinnerungen des Kriminaldirektors a.D. Manz. Er erinnerte sich bereits an die Jahre 1990, 1978, 1961 und 1984. Jetzt wandern seine Gedanken an die Küste und in das Jahr 1964, als er noch Polizeianwärter war. Dies ist der Clou der Romane, das Erinnern. Denn können wir diesen Erinnerungen stets trauen? Vermischt sich Erlebtes mit Erdachtem? Der Lesespaß wird gerade dadurch gefördert, dass die Handlung springt zwischen den Zeitebenen. Denen des gealterten und denen des jungen Mannes, der sein Praktikum in dem Dörfchen Sandsiel absolviert. Das Erinnern an die Vergangenheit geht einher mit den jetzigen Gedanken aus der Gegenwart. 

In der Gegenwart hat Manz Freunde eingeladen und erhält dann einen Anruf, der ihm Sorgen bereitet. Seiner Mutter geht es nicht gut. Die ganze Familie plant eine Fahrt zu der Mutter und auf dem Parkplatz eines Baumarktes und bei Feierlichkeiten beginnen die Erinnerungen an sein neunzehnjähriges Selbst.

Während der Ausbildung soll er praktische Erfahrungen machen. Er lässt sich in die Dienststelle in dem abgelegenen Dorf an der Nordseeküste versetzen. Während die anderen Polizeianwärter die großen Städte bevorzugen, geht er ausgerechnet an die Küste. Er hatte in der Disko ein Mädchen kennengelernt und will zu dieser hin. Doch ist diese nicht sehr begeistert. Der junge Mann ist aber nicht lange betroffen und das Liebesleben entwickelt sich nicht nur im Kopf. Somit sind seine Schwärmereien ein beständiger Begleiter, als er mit dem Damenrad der Vermieterin die Ortschaft erkundet. Große Ereignisse passieren nicht im Dorf. Doch dann kommt es zu einem schweren und tödlichen Verkehrsunfall. Manz soll Erkundigungen einholen und stößt auf diverse Geschichten. Gerüchte und Wahrheiten buhlen umeinander. Die Aufklärungsarbeit öffnet das ganze Dorfleben. Berichte über Pestizide, Missbrauch und Rache kann Manz sammeln. Das Dorfleben und die richtige Polizeiarbeit werden nun aus der Perspektive des älteren Manz geschildert.

Ein wunderbarer, reduzierter Kriminalroman, der verlangt, sich auf die Stimmung einzulassen, um den ganzen Lesespaß zu erhalten. Der Roman ist ohne viel Blutvergießen spannend und trumpft mit seinen Beobachtungen und dem ganz feinen und stillen Humor.

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Felix K. Nesi: „Die Leute von Oetimu“

Dieser Roman lässt eine alte Tradition aufleben, die des Geschichtenerzählens. Somit ist er sehr lebendig, bestürzend und humorvoll. Das Phantastische reiht sich neben die Fakten ein und mythenhaft windet sich die Handlung um die Historie Indonesiens. Literatur vermag weiterzugehen, als es sachliche Berichte oder Bücher vermögen, denn sie bereichern durch ihre Emotion das vorgetragene Wissen, das durch die Empathie somit eher den Zugang zu uns findet.

Angesiedelt ist die Geschichte auf Timor, der Heimatinsel von Felix K. Nesi. Nur der Ort, Oetimu ist fiktiv, aber doch aus den persönlichen Erinnerungen zusammengesetzt. Ein Ort, der mittig und zwischen den Grenzen liegt. Nesi erzählt aus voller Leidenschaft und füllt den Roman mit ganz viel Leben. Der Untertitel garantiert die wahre Geschichte von Timor zu erzählen. Doch wie bei der althergebrachten Tradition des Erzählens wird einiges übertrieben, fantasiert oder weggelassen. Nesi macht Andeutungen, die im Index Erklärung finden und die Möglichkeit geben, sich mehr mit den Ereignissen zu befassen. Mit distanziertem Witz und Ironie beschreibt er die Historie und den Kampf um Unabhängigkeit. Dabei spart er die Grausamkeiten nicht aus. Der Roman lebt von der Lust des Formulierens und wurde von Sabine Müller aus dem Indonesischen übersetzt. Felix K. Nesi hat in seiner Heimat mit seinem Werk viel Anerkennung erhalten. Er beschäftigt sich mit der Ausnutzung und Versklavung von Menschen und setzt sich für Leseförderung ein.

Es beginnt mit dem Ende. Sergeant Ipi lädt ein. In der Polizeistation gibt es einen der drei Fernseher der Umgebung und alle möchten das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft sehen. Während der Übertragung verschaffen sich Killer Zutritt in ein Haus und die Geschichte beginnt. Der eigentliche Anfang liegt aber in der Vergangenheit. Timor eine gefragte Gewürzinsel weckte politische und wirtschaftliche Interessen. Timur wurde erst von den Portugiesen, dann von den Holländern besetzt. Die Insel wurde dann Anfang des 20. Jahrhunderts geteilt und nach dem Zweiten Weltkrieg von Japan besetzt. Jahre später wurde Timor nach blutigen und langen Kämpfen unabhängig. In diese Entwicklung wirft Nesi seine Helden hinein. Alles wirkt anfänglich maskulin und doch sind es die Frauen, die die Ereignisse vorantreiben. Wie am Anfang sind es die Männer, die zum Fußball strömen. Doch die wirklichen Geschehnisse beginnen bei den Frauen und Kindern.

Sergeant Ipi hat eine dramatische Familiengeschichte, die in Lissabon ihren Anfang nimmt. Die Nelkenrevolution hat alles verändert und Júlio Craveiro dos Santos sorgt sich um seine Zukunft. Doch er erhält eine Chance und wird nach Timor versendet. Mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter reisen sie an. Er ist bemüht, politisch nicht in Erscheinung zu treten, doch durch eine schicksalhafte Begegnung gerät er in die Unruhen und er und seine Frau werden im Angesicht ihrer Tochter ermordet. Diese kann, vergewaltigt und gefoltert, entkommen. Im Dorf Oetimu trifft sie auf Am Siki, um den sich Heldengeschichten ranken. Dieser nimmt sich ihrer an und sie bringt dort einen Sohn zu Welt, den späteren Sergeant Ipi. Viele weitere Ereignisse und Wendungen bereichern den Werdegang. Weitere Figuren beleben das Werk. Alles ist miteinander verwoben. Alles wird plastisch und mit Tiefgang oder durch distanzierten Humor betrachtet.  Es sind schöne, kluge Frauen und skrupellose, ehrgeizige Männer. Die Bilder, die Nesi erzeugt, sind voller Realität und Magie. Das Lesen erzeugt eine Spannung, denn Nesi versteht es, das Drama durch Sprachwitz zu kaschieren und durch die Cliffhanger die Aufmerksamkeit kontinuierlich zu steigern.  

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Victor Heringer: „Die Liebe vereinzelter Männer“

Ein besonderer Roman, der sich inhaltlich wie ein Kreisel um den Kern dreht, sich ellipsenhaft vom Wendepunkt entfernt und wieder annähert. Er beinhaltet ein Erwachen aus der Kindheit und das Erkennen. Somit kann der Kreisel erneut als Metapher für den Roman herhalten, denn ein Kreisel ist ein Kinderspielzeug, das eine Faszination ausübt, doch mit dem Erwachsenwerden immer weniger Zauber innehat und wenn sich die Rotation verlangsamt kippt das Spiel, taumelt und hält an. Die ganze Sprache und Aufmachung des Buches führt uns literarisch in eine düstere, aber nicht hoffnungslose Geschichte ein. Das Dramatische wird im Roman mit Humor begleitet. Der Klang ist stets rhythmisch und die kurzen Kapitel werden nicht selten durch Zeichnungen, Fotos, Handschriften oder Sonderzeichen ergänzt. Alles passt gekonnt zusammen und bringt den Roman zum Schwingen und wenn wir beim Bild bleiben wollen, zum Kreisen. Übersetzt wurde der Roman aus dem brasilianischen Portugiesisch von Maria Hummitzsch.

Der Anfang beginnt kindlich, märchenhaft in einem Randbezirk von Rio de Janeiro. Doch verströmt die beschriebene Kulisse gleich in den ersten Zeilen Gestank, der aus heißem Schlamm emporsteigt. Die Hitze ist fühlbar und ist für den Erzähler stets unangenehm. Camilo schaut als erwachsener Mann zurück und erinnert sich an jene Tage, als er dreizehn Jahre alt war. Es ist das Jahr 1976 und er lebt mit seiner Schwester behütet in einem geschützten Anwesen. Camilo sieht, aber schaut nicht wirklich hin. Er ist kindlich, weiß dass sie in einem ehemaligen Sklavenviertel wohnen, aber kann es nicht fassen. Auch die Eltern werden nicht gänzlich von ihm gesehen. Das Land wird durch die brasilianische Militärdiktatur beherrscht. Camilo leidet körperlich, ist mal im Rollstuhl, dann von Krücken abhängig und wenn es besser geht, reicht ihm ein Stab. Eines Tages kommt der Vater von der Arbeit heim und bringt den Waisenjungen Cosme mit. Dieser ist etwas älter und zieht mit ein. Camilo ist anfänglich nicht begeistert. Erkennt aber seine Liebe zu Jungs und verliebt sich in Cosme.

Als Erwachsener erkennt Camilo mehr als damals und hat auch mehr Wissen. Denn sein Vater war als Doktor Pablo bekannt. Für den Jungen klingt es positiv, wenn es heißt, sein Vater half den Gefangen, am Leben zu bleiben. Dass dies bedeutet, dass sein Vater ein Folterarzt war und Cosme womöglich Kind seiner Opfer ist, erschließt sich ihm langsam.

Die junge Liebe zwischen Cosme und Camilo währt nur wenige Tage. Es ist eine Zeit, in der Camilo mehr über seine Umgebung erkennt und erfährt. Die Innigkeit wird dann zerstört durch ein Drama, das Camilos Leben gänzlich verändert. Er kehrt als Erwachsener gedanklich zurück zu jenen Tagen und erfühlt die erste Liebe, die seine wahre war und alle anderen lediglich ein Abglanz. Menschen katalogisiert er. Eine Liste von Mitschülern ist sein Abbild der Gesellschaft. Eine weitere Liste von Menschen mit den Namen ihrer ersten Liebe taucht auf. Diese hat Victor Heringer durch einen Aufruf erstellt und somit wirkt vieles in diesem Roman erschreckend authentisch.

Ein weiteres Drama rankt sich um diesen Roman. Denn Victor Heringer wurde 1988 in Rio de Janeiro geboren und war ein Multimedia-Künstler. Seine Literatur machte ihn schlagartig bekannt. Doch lange litt er an einer Depression und verstarb 2018. Dieser Roman fasziniert, erschrickt und verändert. Ein wichtiges und lesenswertes Werk.

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Natsume Sōseki: „Ich der Kater“

„Ich der Kater“ ist Weltliteratur und der Verfasser, Natsume Sōseki (1867 – 1916), gilt als prägender Autor Japans. Der Roman ist ein Meisterwerk und das Buch und sein Schriftsteller sind Vorbilder der modernen japanischen Literatur. Dieser Klassiker lockerte das Sprachliche auf und belebte die Dialoge, die besonders das Umgangssprachliche und den Dialekt als Gesellschaftsbild verwenden. Wunderbar übersetzt von Otto Putz. Der Text lebt durch die entfremdete Distanz. Das Gesellschaftliche wird ganz genau betrachtet und interpretiert. Die Entfremdung, wenn nicht sogar Entmenschlichung und die dazugehörige Distanz erfolgt durch den Erzähler selbst. Der erste Satz prägt die Literaturwelt: „Gestatten, ich bin ein Kater! Unbenamst bislang.“ Er hat eine gewisse Bauernschläue, kann lesen und die menschliche Sprache verstehen und meist richtig deuten. Somit hat der Kater den Menschen in seinem Umfeld viel voraus, die die Mimik missdeuten und lediglich ein Mauzen verstehen. Dabei ist der Roman kein fantastisches Werk mit einem tierischen Helden. Der Kater erzeugt eine Abnabelung vom Menschen, vom Umfeld, der Kultur und vom Autor selbst. Dieser mogelt sich als Erzähler fast unbemerkt ein und legt die Vermutung nahe, der Mensch, wenn nicht sogar alle Menschen, im belebten Haushalt zu sein.

Dies ist einer der bekanntesten Romane in Japan. Er verbindet, wie in den Werken von Natsume Sōseki üblich, das Schicksal Einzelner mit den Umbrüchen der Kultur. Seine Themen kreisen stets um Egoismus, Liebe, Vertrauen und Verrat. Seine Texte verlangen Aufmerksamkeit und Zeit. Siehe auch im Leseschatz besprochen „Kokoro“.

Durch den Blickwinkel auf uns Menschen aus Kateraugen mit Verstand, erhalten die Menschen etwas Verschrobenes, Humorvolles und Rätselhaftes. Der unbenannte Kater ist gut gebildet und muss keine Maus fangen. Stets wird er versorgt und versteht es, die Menschen zu benutzen. Der Roman umspannt sein ganzes Leben. Von der Geburt und dem tragischen Versuch, ihn mit seiner Familie zu ertränken. Doch er überlebt und kann sich als Jungtier in einen gehobenen Haushalt retten. Der Hausherr ist der schrullige Professor Schneutz. Ein Müßiggänger, der sich in den Künsten versucht und oft scheitert. Er hat das Bestreben kulturell Anerkennung zu erlangen. Doch wenn seine Frau zum Beispiel ins Theater möchte, obsiegt das Phlegma. Beobachtet wird alles vom Kater, der meisterhaft alles hört, liest, sieht und erzählt. Sein Menschenbild ist sarkastisch. Dadurch verbindet sich der Katerblick mit der Sicht von Natsume Sōseki, der hiermit den ersten satirischen Roman der japanischen Literatur geschrieben hat. Der Hausherr, das zentrale Beobachtungsobjekt, hat um sich einen Zirkel gegründet. Es ist ein Bund von gebildeten Menschen, der sich selbst als Club der Müßiggänger tituliert. Die Sonderheiten und die verschrobenen Marotten dieser Menschen werden durch die Erzählperspektive entfremdet. Es ist zu vermuten, dass Natsume Sōseki sein Ego und Selbst in diesem Reigen vervielfältigt und aufgeschlüsselt hat.

Natsume Sōseki hat diesen Text für das Magazin geschrieben, für das er tätig war. Seine erste Geschichte um den Kater (das erste Kapitel) hatte großen Erfolg und vergrößerte die Auflage. Daher musste eine weitere Geschichte als Fortsetzung her und das zweite Kapitel war geschrieben. Beide sind in sich leicht geschlossen und haben einen dezent anderen Klang als der Rest. Denn durch den Erfolg wuchs die Geschichte des Katers nun zu einem umfangreichen Roman. Der Kater, der anfänglich noch den Kontakt zu anderen Katzen oder Katern pflegte, wird sich durch einen Verlust oder durch Missfallen immer mehr in der menschlichen Umgebung aufhalten.

Natsume Sōseki gehört in den Kanon der Weltliteratur und besonders „Ich der Kater“ und „Kokoro“ möchte ich hervorheben. Beide haben einen melancholischen Witz und sind tiefgründige und stille Werke, die sich langsam entfalten. Es sind Bücher, die eine kluge und unterhaltsame Sicht auf die Welt und besonders auf die klassische und die moderne japanische Kultur werfen.

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