Rasha Khayat: „Weil wir längst woanders sind“

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Wo ist das eigentlich, das Zuhause? Warum wird gerne angenommen, dass stets die eigene Seite die bessere ist?

Das Buch macht neugierig auf fremde Welten und erscheint zu einer Zeit, in der alle über Islam und Araber reden und alle eine Meinung mit meist wenig Wissen haben. Die Autorin wurde in Dortmund geboren, wuchs in Jeddah, Saudi-Arabien, auf und lebt jetzt in Hamburg. Vieles in ihrem Debut scheint biographische Anspielungen zu beinhalten. Das Buch ist klischeefrei, spielt aber mit den jeweiligen Vorurteilen und konfrontiert den Leser mit diesen. Die Autorin hat ihre Heimat in Hamburg gefunden, gibt aber durch ihre Arbeit und diesen Roman den Menschen mit bikultureller Identität eine Stimme, die für sich in der anderen Kultur, in der sie gerade leben, etwas vermissen.

Das erste Bild ist das Wunder des ersten Schneefalls für die Kinder, die gerade in Deutschland angekommen sind. Layla und Basil sind aufgewachsen in zwei Kulturen. Der Vater kommt aus Saudi-Arabien und die Mutter ist Deutsche. Die Eltern haben sich kennengelernt als er in Deutschland Medizin studierte und sie als Krankenschwester tätig war. Lange haben sie dann in Jeddah gelebt, wo auch ihre Kinder, Basil und Layla ihre Kindheit verbrachten. Die Familie zieht zurück nach Deutschland, wo der Vater überraschend früh stirbt und die Mutter, Barbara, plötzlich mit ihren Kindern auf sich alleine gestellt ist.

Basil, der Hauptprotagonist, hat studiert und arbeitet zurzeit als Barkeeper in einer Kneipe. Layla, die nie richtig mit Deutschland warm werden konnte, hat eine Entscheidung getroffen, die Basil und Barbara nicht nachvollziehen können. Sie lebt wieder in Jeddah und wird dort einen wohlhabenden Ingenieur heiraten, den sie erst vor kurzem kennengelernt hat. Barbara ist betroffen und versteht nicht, wie ihre Tochter, die ihre Freiheit liebte, jetzt als Frau in das Land zurückkehrt, in dem sie eigentlich nichts darf. Sie weigert sich, der Einladung zu folgen und wird nicht der Hochzeitsfeier beiwohnen. Basil, der seiner Schwester stets sehr nahe stand, macht sich auf die Reise in seine alte Heimat. Er zweifelt aber auch sehr an Laylas Beweggründen.

Layla wohnte mit ihrem Freund und Basil in einer WG in St. Pauli und machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Eines Tages bricht sie alles ab und möchte die Welt kennenlernen. Ihre Sehnsucht und Neugier auf die Welt endet in Saudi-Arabien. Hier hat sie ihre Antworten gefunden und findet ihr Zuhause. Basil und Layla gehen mit ihrer Vergangenheit, ihren Sehnsüchten und kulturellen Ansprüchen jeder für sich auf ihre passende Weise um. Layla wollte den beziehungsunfähigen Menschen entkommen, die ihr zu wenig Herzlichkeit zeigten. Auch in der Buchhandlung hatte sie anscheinend den Abstand nicht gewahrt. Sie suchte die Nähe und engte damit wohl die Menschen in ihrem Umfeld zu sehr ein.

Der Roman handelt hauptsächlich von Basils Reise nach Jeddah. Seine Ankunft wird sehr herzlich gefeiert, denn alle haben ihn ebenfalls sehr vermisst. Er ist nun hin und hergerissen. Er kann es nicht verstehen, warum seine Schwester hier wieder leben möchte. Ein Land, in dem die politischen, religiösen und kulturellen Gegebenheiten die individuelle Freiheit einschnüren. Aber er findet auch eine Heimat vor, in dem er herzlich und menschlich empfangen und akzeptiert wird, so wie er ist. Es ist eine emotionelle Gratwanderung, die ihn in den kommenden Tagen beschäftigen wird. Neben der Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit, erlebt er auch unangenehmes und er entfremdet sich immer mehr. Der Umgang mit der Dienerschaft und die stete Trennung der Geschlechter und Waffenliebe hinterlassen bei ihm ein sehr unangenehmes Gefühl.

Ein Roman, der mit beiden Welten spielt. Beide nicht wertet, d.h. besser oder schlechter aussehen lässt. Es erweitert den Blick auf vieles und regt an, sich seine eigenen Gedanken zu machen ohne das Andere ständig mit sich selbst vergleichen zu wollen.

Ein einnehmendes Buch mit Klugheit, viel Witz und Charme.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Rasha Khayat: „Weil wir längst woanders sind“

  1. Lieber Hauke,
    ich kann mich Deiner Bewertung nur voll und ganz anschließen und wünsche dem Buch, das, so die Autorin den Leser auf jeden fall irritieren soll, noch ganz viele Leser.
    Viele Grüße, Claudia

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