Elizabeth Strout: „Die Unvollkommenheit der Liebe“

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Der Verlag hat den Erscheinungstermin vorgezogen und das Buch ist bereits im Buchhandel. Ferner bespricht auch das „Literarische Quartett“ den Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“  in der heutigen Sendung. Daher hat mir der Verlag erlaubt, meinen Leseeindruck ebenfalls heute schon zu veröffentlichen.

Der deutsche Titel des neuen Romans der amerikanischen Autorin Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“ klingt etwas abgedroschen und bedeutungsschwanger. Durch den geringen Umfang des Buches könnte man enttäuscht sein, erwartet man von dieser großen Autorin doch mehr. Doch versteht es Elizabeth Strout innerhalb weniger Seiten die Selbstreflexion der Protagonistin, einer Schriftstellerin, sehr glaubhaft und mit immer weiterführenden Anekdoten anzureichern, die bis zum Ende die ganze Geschichte über ihr Leben, Herkunft, ihre Sorgen und das menschliche Miteinander erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die mit wenig auskommt und dennoch großes zu erzählen vermag.

Elizabeth Strouts bekanntestes Buch „Mit Blick aufs Meer“, für das sie auch den Pulitzer-Preis erhielt, wurde sehr genial in einer Mini-Serie unter dem originalen Titel „Olive Kitteridge“ verfilmt. Es sind die leisen, die stillen Töne, die ihr Werk ausmachen. Stets steht das Alltägliche im Vordergrund und durch die menschlichen Handlungen wird ganz nebenbei das ganze Leben erzählt. Die stummen Kleinigkeiten zeigen in ihrer Vielseitigkeit das ganze Ausmaß des zu erzählenden. Mit viel Tiefe und Komik entfaltet sich eine epische Erzählung über das einfache oder gerade dadurch das schwierige Leben.  In „Die Unvollkommenheit der Liebe“ hat Elizabeth Strout noch mehr reduziert und schafft es dennoch in dem Büchlein einen umfangreichen, tiefen Roman zu verfassen, der ihren bekannten Erzählstil übernimmt.

Die Erzählerin, Lucy Barton, ist eine Schriftstellerin, die Jahre nach den Begebenheiten dieser Geschichte, zurückblickend über einen Krankenhausaufenthalt erzählt. Durch eine Infektion nach einem alltäglichen Eingriff war sie gezwungen, länger in der Klinik zu bleiben. Dadurch wurde sie aus ihrem Leben und ihrer Familie herausgehoben und beginnt über sich selbst zu reflektieren. Sie lebte in New York mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern. Angeregt wird ihre Reise in die Vergangenheit durch den Besuch ihrer Mutter. Die Mutter kommt mit wenig Schlaf aus und ist somit fast immer anwesend, wenn Lucy aus ihren Träumen oder Gedanken aufwacht. Dieser Besuch ist ungewöhnlich, denn beide haben sich jahrelang nicht mehr gesehen. Erst ist Lucy über den Besuch glücklich, aber langsam nähern sich beide durch Anekdoten aus der Vergangenheit aneinander an und durch die Gespräche werden Erinnerungen an ihre Kindheit wach. Eine Vergangenheit, mit der Lucy abgeschlossen haben wollte. Durch die Krankheit ans Bett gefesselt, lauscht sie den Berichten ihrer Mutter und erst in der Stille, während sie beide schweigend aus dem Fenster auf das Chrysler Building schauen, wird ihre eigene Erinnerung wach. Sie hatte eine arme Kindheit und das eigentliche Familienleben war geprägt von abgestumpfter Brutalität. Das Miteinander war beherrscht von wenig Zuneigung und Liebe. Lucy hat sich aus dem bettelarmen Leben in Illinois befreien können. Sie studierte und kam durch ihre Hochzeit zu Wohlstand.

Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt befindet sich Lucy in einem ganz anderen Lebensabschnitt. Sie schildert anekdotenhaft ihre Erlebnisse und Stück für Stück entsteht das Bild ihres Lebens. Durch ein zufälliges Treffen mit der Autorin, Sarah Payne, vertieft sich in ihr der Wunsch zu schreiben. Sie erfährt, wie wichtig das Schreiben für sie ist und lernt durch die Treffen mit der ebenfalls gebeutelten Autorin, dass es stets wichtig ist, nie über die Protagonisten zu urteilen und, dass beim Erschaffen von Kunst das Herz immer offen sein muss. Es scheint, als würden sich hier drei Schriftstellerinnen vereinen: Lucy Barton, Sarah Payne und Elizabeth Strout.

Im Vergleich zu den umfangreichen Werken der Autorin ist dies ein schmales Buch, dies mindert aber nicht die Tiefe und den Anspruch. Das ganze Leben in kurzer, episodenhafter und  knapper Form lädt ein zum Staunen. Gleich dem Empfinden der Protagonisten, die rückblickend über das Erlebte ins Staunen gerät.

Die Sprache und die Stimmung des Romans sind undramatisch und spielen mit dem Nichtgesagten und der Stille.  Ein Roman voller Verständnis für menschliche Schicksale und Schwächen. Als Fazit bleibt die Erkenntnis, dass wir alle nur unvollkommen lieben können…

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