Han Kang: „Die Vegetarierin“

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Der Roman „Die Vegetarierin“ von der aus Südkorea stammenden Schriftstellerin Han Kang ist eine feine literarische Entdeckung. Der Text versteht es, den Leser in seinen Bann zu ziehen, ihn aufzuwühlen und zu beeindrucken. Es ist ein fleischiges Buch voller Hingabe und Verzicht. Es ist der Drang des Individuellen nach dem Recht auf Selbstbestimmung und Eigensinn. Was bleibt, wenn die Menschheit das Natürliche verlernt?  Mephistopheles sagt es bereits im Faust: „Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“ Der Mensch, auf den Körper reduziert, verliert, wenn er seine Natürlichkeit und seine Eigenart durch die gesellschaftlichen Zwänge abzulegen gelernt hat, seinen Wunsch nach Selbstentfaltung. Die Protagonistin hatte einen Traum und ihr ist alles Fleischige zuwider. Sie lehnt es fortan ab, Tierisches zu essen oder zu verwenden. Sie lebt Vegan und steigert sich immer weiter in ihre Vorstellung ihrer Naturverbundenheit hinein. Sie fühlt sich in ihrem Körper gefangen und möchte diesem entkommen und empfindet sich immer weniger als Mensch, d.h. Tier und sehnt sich nach Verwandlung. Im Gegensatz zu Kafkas „Verwandlung“ in ein Tier, möchte sie gleich der Flora allein durch Wasser und Photosynthese existieren.

Das Buch ist in drei Akte eingeteilt. Im ersten lesen wir aus der Perspektive des Ehemannes von Yong-Hye. Er sieht in seiner stillen Frau eine unscheinbare Hausfrau, die er lediglich aus Bequemlichkeit geheiratet hat. Er empfindet wenig für Sie und findet sie auch sehr unattraktiv. Er ist von ihr weder abgestoßen, noch fühlt er sich besonders zu ihr hingezogen. Ihre Intelligenz stellt er ebenfalls in Frage und behandelt sie eher schlecht als liebevoll. Yong-Hye entscheidet sich, nach einem Traum sofort vegan zu leben. Dies gilt in Südkorea als zerstörerisch und entspricht nicht der sozialen Ordnung. Da er nun Zuhause ebenfalls von seiner Frau Essen ohne tierische Zutaten vorgesetzt bekommt, will er den Druck auf sie ausweiten, in dem er die ganze Familie miteinbezieht. Yong-Hye leidet darunter und wird selbst immer weniger und nimmt wohl nicht nur wegen der neuen Lebensweise drastisch ab. Bei einem Familienessen wird sie brutal zum Fleischverzehr gezwungen und diese Art der Vergewaltigung löst in ihr den Wunsch der Selbstauflösung aus. Sie versucht sich das Leben zu nehmen.

Im zweiten Akt lesen wir aus der Sicht des Schwagers von Yong-Hye. Er ist ein Foto- und Videokünstler, der sich von ihr sehr angezogen fühlt. Yong-Hye hat den Suizid überlebt und war länger in ärztlicher Behandlung. Sie lebt nun von ihrem Mann getrennt. Durch eine Tanzaufführung, die eine seiner Ideen zu beinhalten scheint, möchte er ebenfalls ein Kunstwerk schaffen. Als Darstellerin möchte er Yong-Hye gewinnen. Sie lebt weiterhin vegan und trägt auf dem Rücken einen Mongolenfleck. Dieses harmlose Überbleibsel der Embryonalentwicklung verschwindet meist nach vier bis acht Jahren oder spätestens bis zur Pubertät. Doch bei ihr ist es geblieben. Ihre Lebensweise und dieser Fleck regen seine Sinne und Fantasie an. Er bemalt sie über und über mit Blumen und sie soll nackt vor der Kamera tanzen. Yong-Hye, die ungern einen BH trägt und sich auch öffentlich entblößte, willigt ein. Ihr erster Tanzfilm ist noch Kunst, doch wächst in ihm immer mehr ein Verlangen nach seiner Schwägerin und er verliert auch seine Scham.

Im dritten Akt spricht die Schwester von Yong-Hye zu uns, die sie im Klinikum besucht. Yong-Hye soll abermals zur Nahrungsaufnahme gezwungen werden.

Das Buch ist voller Kraft, Scham, Begierde und handelt vom Versuch, den Anderen zu verstehen, während man selbst ein Gefangener der Gesellschaft und des eigenen Körpers ist. Das Werk hat einen hypnotischen Sog und wird länger im Leser nachklingen. Die Sprache ist gleich der Geschichte stets schonungslos und sinnlich. Das Buch hat den „Man Booker International Prize 2016“ gewonnen.

Ein intensiver Lesegenuß.

P.S. Ich habe nur etwas die Befürchtung, wenn Leser, die uns Veganern gegenüber skeptisch sind, dieses Buch lesen, sich bestärkt sehen. Es ist nicht die Lebensgewohnheit und die Ernährungsumstellung, die die Protagonisten verändern, sondern ihr Umfeld.

Siehe auch die Besprechung auf: „Die Buchbloggerin

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9 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

9 Antworten zu “Han Kang: „Die Vegetarierin“

  1. Ich glaube, deine Bedenken bezüglich Veganern sind nicht notwendig. Das Buch hat ja viel tiefere weitreichendere Ebenen ..

  2. Wirklich ein tolles Buch. Auch für Fleischesser 😉

  3. Ich habe schon den dem Buch in Die Zeit gelesen, und war sehr skeptisch. Dies hast du mir durch deine tolle Rezension genommen – danke dafür.

  4. Pingback: Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ | leseschatz

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