Ryu Murakami: „Das Casting“

Ryu Murakami Das Casting Septime

„Das Casting“ ist von 1997 und wurde erstmals 2013 ins Deutsche übersetzt. Nun liegt das Werk auch als Taschenbuch vor und kann so die Grundlage für einen guten Einstieg in das Schaffen des japanischen Schriftstellers, Drehbuchautors und Regisseurs Ryu Murakami sein. Der Roman ist auch die Grundlage für den Film „Audition“ von 1999, der als Horrorfilm des japanischen Regisseurs Takashi Miike sogar Kultstatus erlangte. Wobei der Begriff Horror und Thriller leicht irreführend sein kann. Wenn jemand solchen erwartet, sollte ihm bewusst sein, dass er etwas anderes vorfinden wird. Wobei gerade das Ende des Buches, das fast wie ein Gesellschafts- und Liebesroman beginnt, durch seine gewaltigen Bilder, erschrecken kann. Aber es soll nicht zu viel verraten werden, denn die Spannung spitzt sich ganz langsam zu und ist anfänglich nur zwischen den Zeilen zu lesen. Murakamis Ton ist stets zurückhaltend und voller Andeutungen. In seinen Werken klingt auch stets eine dezente Gesellschaftskritik. Die Handlung und der Stil wirken für den Roman sehr einnehmend und man folgt gebannt dem immer makabrer werdenden Verlauf.

Der Dokumentarfilmer Aoyama hat vor sieben Jahren seine Frau verloren. Seitdem lebt er als alleinerziehender Vater ein einfaches Leben. Er hat bisher keine Verabredung wahrgenommen und sich auch nicht nach einer neuen Lebenspartnerin umgesehen. Lediglich die Hausangestellte steht ihm im Haushalt und bei der Erziehung des Sohnes zur Seite. Als Shigehiko, Aoyamas Sohn, fünfzehn Jahre alt ist, beginnt auch dieser, gleich dem Bekanntenkreis Aoyamas, ihn zu einer neuen Heirat zu drängen. Als Dokumentarfilmer hat er Kontakte aus der Filmszene und sein Freund, Yoshikawa, bekommt eine Idee für eine, wie sie finden, perfekte Partnerwahl. Sie planen die Produktion eines Films und laden mit Hilfe der Medien zu einem Casting ein. Für den noch unausgereiften Film suchen sie junge Schauspielerinnen und Darstellerinnen. Sollte der Film tatsächlich das Interesse von zahlungswilligen Produzenten wecken, hätte die Suche innerhalb des Castings nach einer Frau für Aoyama einen netten Nebeneffekt. Wie Yoshikawa seinem Freund prophezeit hat, treffen auch tausende Bewerbungen ein. Alle Frauen senden nebst dem Lebenslauf und Lichtbild auch ein kleines Anschreiben. Aus diesen Bewerbungen suchen sie also passende Frauen zum Vorsprechen ein, immer mit dem Hintergedanken eine Heiratskandidatin zu finden. Doch bereits bei den vorgelegten Anschreiben ist Aoyama auf die junge und hübsche Tänzerin Asami Yamasaki fixiert. Bei den ersten Casting-Runden wartet er gebannt auf ihr Erscheinen und kann sich vor- sowie hinterher nicht auf die anderen Frauen einlassen.

Aoyama schafft es, Asami außerhalb des Castings zu treffen und sie anfänglich etwas unbeholfen für sich zu gewinnen. Es beginnt wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen. In einem Restaurant treffen sie auf einen weiteren Gast im Rollstuhl, der sie ganz verschreckt beobachtet. Sie beginnt auch, bereits während des Castings kleine Lügengeschichten einzustreuen. Yoshikawa hat ebenfalls ein ungutes Gefühl, doch will Aoyama nichts davon hören. Er ist gänzlich in Asami verliebt und sie beginnt auch, ihm ihre traurige Geschichte zu erzählen und die Liebesgeschichte wandelt sich wie oben angedeutet. Das Krankhafte rückt immer mehr in den Vordergrund und der Roman nimmt fast Züge eines Psychothrillers an.

Der Roman liest sich stimmungsvoll und beginnt sanft melancholisch, wird dann ein Liebesroman, der gegen Ende den Thriller offenbart. Das Literarische steht dem Brutalen, etwas Perversen gegenüber. Ein Roman, der voller Kontraste ist und doch fast klassisch und gradlinig erzählt wird. Anfänglich ist das Grauen zwischen den Zeilen versteckt und das ist es, was wohl den hauptsächlichen Reiz des Werkes ausmacht.

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Siehe auch Leseschatz-TV: Literatur aus und um Japan:

Ich bespreche:  1) Ryu Murakami: „Das Casting“, 2) Yoko Ogawa: „Hotel Iris“, 3) Ruth Ozeki: „Geschichte für einen Augenblick“, 4) Fuminori Nakamura: „Der Dieb“, 5) Shusaku Endo: „Samurai, 6) David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet, 7) Milena Michiko Flašar: „Herr Kato spielt Familie“, 8) Haruki Murakami: „Birthday Girl

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