Maike Wetzel: „Elly“

Elly Maike Wetzel Schöffling

Ein atemraubender Roman, der einem fiebrigen Rausch gleicht, denn die Handlung mit den verschiedenen Sichtweisen flimmert beständig und vibriert förmlich. Das verschwundene Mädchen im Text ähnelt fast schon einer Luftspiegelung und ist dann doch viel mehr als eine Fata Morgana. Die Realität, die eine Familie durch den Verlust, durch das Verschwinden eines Kindes empfindet, kann nur durch die Hoffnung auf Minderung des Schmerzes oder durch das Füllen dieser großen Lücke ertragen werden. In diesem Roman vermischt sich die Realität mit der Kraft der kindlichen Phantasie, dem elterlichen Wunschdenken und den befreienden Träumen. Am Ende ist es dann noch ein Trauma, das stumm geschaltet wurde, und mindestens ein Charakter, der sich stets neu erfindet. Das verschwundene Kind, Elly, nistet sich in alle ein, auch in den Leser.

Elly, das elfjährige Mädchen verschwindet einfach. Die Polizei sagt später, es gibt nur zwei Gründe, warum sie bisher nicht gefunden wurde. Eine abscheuliche Tat, deren Täter nicht will, dass sie gefunden wird, oder das Kind ist es, die nicht gefunden werden möchte. Dieses spurlose Verschwinden macht das Familienleben der übrigen Mitglieder fast unerträglich. Die Eltern versuchen, der älteren Schwester von Elly wieder ein alltägliches Leben zu gestalten. Alle versuchen, trotz des Verlustes irgendwie weiterzumachen. Doch Elly ist in ihren Gedanken, Träumen und Handlungen allgegenwärtig. Die Eltern plagen Schuldgefühle und der Schmerz, den alle Beteiligten fühlen, vergeht einfach nicht. Auch nach vier Jahren bleibt diese Lücke in der Familie. Alles erscheint wie in Auflösung zu sein. Drogen oder Medikamente berauschen nur kurzweilig, können aber keine dauerhafte Linderung versprechen. Elly ist besonders in der Phantasie der älteren Tochter, die auch während eines Klinikaufenthaltes ihre Schwester wieder aufleben lässt, gegenwärtig. Doch auch sie lernt, dass sie nicht alles regeln, bestimmen und sich zurechtbiegen kann. Elly, die mit ihrem Verschwinden alles beherrscht und sich in die Gedanken aller Protagonisten einnistet, wird zu einer großen Lektion für die Beteiligten.

War ihr Verschwinden ein Unfall? Wurde sie missbraucht? Ist sie abgehauen? Die Wunde, die dieser Verlust gerissen hat, kann beim Wunsch, diese Kluft zu füllen, zu überbrücken, fast blind machen. Denn dann kommt ein Anruf, der Seelenheil versprechen könnte, und man hofft mit der Familie, dass es keine schlafwandlerische Luftspiegelung ist.

Ein Roman voller dunkler Trauer, Sehnsucht und einer fiebrigen Atmosphäre. Spannende und tiefgründige Literatur, die durch sprachliche und inhaltliche Virtuosität glänzt. Das Buch ist ein purer Rausch.

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Lesespaß mit Stars

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Ich möchte die Freude am Lesen verbreiten.

Da ich mein Anliegen weiter verbreiten wollte, hatte ich die Idee, berühmte Menschen, die auf den ersten Blick nicht aus der Welt der Bücher stammen, zu fragen: warum Sie gerne lesen, was sie gerne lesen und warum? Ich habe diese Fragen kurz und knapp gehalten, denn ich wollte den Antwortenden die Chance geben, selbst zu entscheiden, wie viel und was sie sagen möchten. Ich wollte nicht zu viel von deren Zeit rauben, hatte aber die Hoffnung, dass diese sich die Zeit nehmen und eventuell ausführlich erzählen würden, sofern sie es wollten…

Ich habe dann viele angeschrieben. Bekannte Menschen aus den Medien, d.h. Künstler, Schauspieler, Politiker und mein Schwerpunkt Musiker. Musiker, da ich selber ein Fan bin und gerade die Musiker, die mich seit Kindertagen begleiten, also jene Bands und Musiker, die sich in der Rockwelt tummeln. Leider habe ich nur wenige Antworten bekommen. Aber ich hoffe, nun werden doch eventuell noch weitere folgen, die ich erneut sammeln und dann veröffentlichen würde.

Überraschend waren viele ehrliche Antworten. Zum Beispiel von den Scorpions, die gerade auf Tour sind und sich gerne, wenn sie etwas mehr Zeit haben, sich mein Anliegen ansehen und ev. unterstützen möchten.

Mein Held während meines Aufrufes ist Udo Dirkschneider geworden, d.h. geblieben. Er hat auf meine Nachfrage sofort geantwortet. Udo ist ein Heavy-Metal-Sänger, der früher als Sänger der Metal-Band Accept tätig war und wird als die deutsche Antwort auf Rob Halford gefeiert. Ein bodenständiger Sänger mit einer feinen Metal-Seele. 1987 stieg Udo bei Accept aus und gründete die Band U.D.O. und DIRKSCHNEIDER. Sein Name steht Pate für international erfolgreichen Metal aus Deutschland. Die Accept- und U.D.O-Songs halten sich hartnäckig und sind zeitlose Metal-Hits wie „Metal Heart“, „Princess Of The Dawn“, „Fast as a Shark“, „Starlight“ oder „Balls To The Wall“. Ich bin schon seit Kind Fan von Metal und daher habe ich mich sehr gefreut, dass diese Legende, auf meine Fragen geantwortet hat. Mehr: http://www.udo-online.com/

 Udo:

1)      Warum lesen Sie gerne?

Udo: „Ich kann dabei wunderbar entspannen“

2)      Was lesen Sie gerade?

Udo: „ORIGIN von Dan Brown“

3)      Was gefällt Ihnen an diesem Buch?

Udo: „es ist wahnsinnig packend geschrieben und baut sehr viel Spannung auf. Sehr fesselnd, es zu lesen“

Ferner hat auch Florian Sitzmann geantwortet.

Er stellt seine Musik in den Dienst bekannter wie unbekannter Künstler, an deren Tracks, Alben, Singles, Videos und Live-Konzerten er kreativ arbeitet. In vielen Fällen als verantwortlicher Produzent, in anderen als Arrangeur, Sound­Designer und Keyboarder. Ebenso oft auch als Komponist, gelegentlich als Orchestrator und Dirigent. Seine Arbeit an mittlerweile vielen hundert Tonträgern führte ihn mit vielen Künstlern aus unterschiedlichsten musikalischen Umfeldern zusammen. Bekannt ist er u.a. als Keyboarder von „Die Söhne Mannheims“  Mehr: https://www.floriansitzmann.de/

Florian Sitzmann

1)     Warum lesen Sie gerne?

Florian Sitzmann: „In einer Welt, die uns alles in Perfektion vorsetzt und dabei geradezu einen Generalangriff auf Augen und Ohren führt, finde ich es anregend, meinen eigenen Geist einzusetzen um aus Zeilen und Buchstaben Lebendiges zu erschließen.“

2)     Was lesen Sie gerade?

Florian Sitzmann: „Martin Schleske: Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens. Hier erzählt ein Geigenbaumeister was ihm die erstaunlichen Prinzipien seines Handwerks über Leben und Glauben lehren.“

3)     Was gefällt Ihnen an diesem Buch?

Florian Sitzmann: „Es ist hoch intelligent geschrieben. Es verbindet die Welt der Arbeit mit dem Rest des Lebens. Und ich interessiere mich für beides: Das Leben zu verstehen – und den Instrumentenbau!“

Dies soll einfach Lesespaß verbreiten und ich würde mich freuen, wenn noch weitere Antworten von bekannten Menschen bei mir eintrudeln würden.

Danke an alle, die bisher mitgemacht haben!

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Husch Josten: „Land sehen“

Husch Josten Land sehen Berlin Verlag

„Land sehen“ bedeutet als Redewendung, sich dem Ziel nähern, etwas Hoffnungsloses und das Schlimmste überstanden zu haben. Dies kommt wohl aus der Seemannssprache. Wenn man lange nur Wasser um sich sieht und keinen sichtbaren Anhaltspunkt in der Landschaft, kann das die Seele überlasten und mit dem Ausruf Land in Sicht erwacht das innere Leben.

Nach „Hier sind Drachen“, einem lesenswerten Roman über die Bedeutung der Geschichte, die Philosophie und die Suche nach dem Sinn, geht Husch Josten in ihrem neuen Buch der Frage nach dem Glauben, der Freiheit und erneut der Geschichte nach. Kann man in der heutigen Zeit, in der sich so aufgeklärt fühlenden Gesellschaft, die Gretchenfrage stellen? Kann man die Frage nach der Religiosität, besonders nach dem Glauben ohne Phrasen und Klischees stellen, d.h. beantworten? Ja, man kann, d.h. Husch Josten kann es vortrefflich. Der Roman hat eine sprachliche und philosophische Dichte, die den Leser niemals über- oder unterfordert, sondern, wie von ihrem Werken bekannt, unterhaltsam herausfordert.

Inhaltlich ist es ein Familienroman, der aber spannende Fragen um unseren Glauben stellt. Es ist eine Geschichte, die auch durch den historischen Bezug erschüttert. Erwähnt sei dabei die sogenannte Aktion T4. Die Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Es geht um den Literaturprofessor Horand Roth, der ganz unerwartet Besuch bekommt. Mit seinem Onkel hat er wahrlich nicht gerechnet. Schon gar nicht, dass dieser plötzlich als Mönch vor ihm steht. Georg, der Onkel, eigentlich ein Lebemann, bringt durch sein Auftauchen, seine Überzeugungen und Gespräche das Leben des literaturliebenden Horand Roth, den der Onkel lediglich Hora nennt, ins Wanken. Gerade weil der Orden, für den sich Georg aus freien Stücken entschieden hat, ein konservativer, umstrittener Orden ist, dessen Ideologien an mittelalterliche Kirchenmacht erinnert. Hora hat Georg als unorthodoxen Menschen kennen und schätzen gelernt. Daher will er der Sache auf den Grund gehen. Wie passt das Weltbild des Ordens mit dem bisherigen Leben des Onkels zusammen? Warum ist er überhaupt Mönch geworden? Was ist der Grund? Ein Mysterium, tiefgründige Erfahrungen, Schuld, Sühne, die erlebte Hölle des Bruders von Georg?

Georg, der als diese Art Mönch keinen Besitz haben darf, erwirbt etwas auf dem Land in Namen von Hora, der nun hier seine Antworten findet. Antworten auf Glauben, Liebe, Hoffnung und Freiheit. Auch kommt er dabei der Geschichte des Bruders von Georg auf die Spur. Eine berührende Heldengeschichte in einer ganz düsteren Zeit.

Der ganze Roman erzählt eine tolle, tiefgründige Geschichte. Voller Geschichten und Geschichte. Es steht der Glaube im Mittelpunkt. Niemand kommt an der Frage des Glaubens vorbei. Auch die wichtigsten Religionskritiker sind gläubige Menschen. Skepsis als gute Voraussetzung. Wer sich mit Glauben beschäftigt, kann ins Zwielicht geraten. Dabei ist es unwichtig, ob man dafür oder dagegen ist. Dieser Roman öffnet nun viele Türen im Kopf des Lesers und schafft eine willkommene, chaotische Ordnung in den Gedanken. Ein Roman, der einen mindestens ans Staunen glauben lässt.

Fantasie bedeutet nicht, sich lediglich etwas auszudenken, sondern aus den Dingen etwas zu machen. Husch Josten hat nicht nur viel Fantasie und Einfühlungsvermögen, sondern auch viel Humor. Sie erzählt klug und einnehmend über Glauben, Liebe, Freundschaft und philosophiert über die bewegenden Fragen des Lebens.

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Walter Hönigsberger: „Clos Gethseman“

Walter Hönigsberger Clos Gethseman Osburg

Die kleine Geschichte und das große Abenteuer des Weines. Wein ist das Getränk, so sagt man, der Götter. Ein guter Wein ist kein einfaches Getränk, es kann, richtig genossen, den Eindruck des Anbaugebiets vermitteln. Der Wein trägt in sich die Reife der umliegenden Natur und transportiert nicht nur einen erinnerungswürdigen Geschmack, sondern jeder Wein erzählt beim Trinken seine eigene Geschichte. Es ist belegt, das der Weinanbau bereits tausend Jahre vor Christi betrieben wurde und somit viel zu erzählen hat. Ebenso verhält es sich mit diesem Roman. Ein Abenteuer- Schelmenroman, der sehr anspruchsvoll unterhält.

Karl Breitenstein gerät in ein Weltkuddelmuddel. Er reist durch die Welt und wird in jahrhundertalte Verschwörungen hineingerissen. Karl, ein Weinliebhaber und –kenner, hört von einem Jakob Jünger, der einen ganz besonderen Tropfen keltert. Er sucht dieses Phantom und trifft auf einen sehr alten Mann, der hoch in den Bergen seinen geheimnisvollen Wein anbaut. Seine Kunden sind Freunde und Menschen, die in der Welt etwas erreicht haben. Liegt es an den jeweiligen Menschen oder an dem guten Wein, der diesen Weintrinkern den gewissen Geist einflößt? Seine Weine tragen lediglich Nummern und die höchste ist nur einem ganz kleinen Kreis und einer passenden Situation vorbehalten.

Marion Drygalski ist als Journalistin einem dreisten Reben-Raub hinterher. Bei ihrer Recherche lernt sie einen mysteriösen Weinhändler Gaston Mugeaux kennen. Er lagert sehr alte und wertvolle Weine, die er seinen betuchten Kunden verkauft. Sein Spezialgebiet ist die Suche nach versunkenem Wein. Das im wahrsten Sinne des Wortes. Er sucht in den Weltmeeren, besonders im Atlantik nach versunkenen Schiffen, die Weine transportiert hatten. Sogar mit Cousteau ist er bereits getaucht.

In Georgien lebt eine kaukasische Weinbauernfamilie mit einem Urgroßvater und dessen Sohn, die beide über hundert Jahre alt sind. In dieser Region laufen viele Mythen zusammen: Das goldene Vlies, die Arche und Dionysos. Der Urgroßvater, der Tolstoi noch persönlich kannte, ist der Hüter der Geburtsgrotte des Dionysos. Ihr Wein, den sie dort anbauen, soll eine lebensverlängernde Wirkung haben. Die nachfolgende Generation will die Landschaft touristisch vermarkten und den Wein in größerem Umfang vertreiben und lockt somit weitere Interessenten an, die nicht nur gutes im Schilde führen. Alle Weinfunde drehen sich irgendwie um die legendenumwobene Weinlage mit dem Namen „Clos Gethseman“, die am Ende des 19. Jahrhunderts von der Phylloxera vastatrix, der Reblaus, nahezu vollständig vernichtet wurde.

Die Handlungsstränge sind verschlungen und treffen sich doch stets wieder. So ist es nicht verwunderlich, dass jener tiefseetauchende Weinhändler Mugeaux auch eine Vergangenheit im Kaukasus hat. Die Frau wiederum, die mit Karl aus dem kleinen Bergdorf flieht, ist ebenfalls mit dieser Geschichte verbunden. Alle sind hinter den Restbeständen und Pflanzen der Clos Gethseman her: unsere Helden, die Mafia, der Vatikan, die Habsburger und die Familien Rothschild und Rockefeller.

Diese realhistorische Grundlage macht diesen fiktiven Weinroman sehr lesenswert. Der Text baut einen Spannungsbogen auf, der pointenreich endet. Walter Hönigsberger ist ein feiner Roman gelungen, der sehr gut ausgewogen ist. Der Inhalt ist unterhaltsam und hat eine gehörige Tiefe. Unsere kulturelle Entwicklung, die eventuell ohne den Wein eine ganz andere gewesen wäre, ist das Credo dieses Buches, dem auch das Zitat von Ernst Jünger vorweg gestellt ist: „Der Wein hat Europa stärker verändert als das Schwert.“ Ferner versteht es Hönigsberger gekonnt diverse Quellen einzubinden. Man findet Bob Dylan neben Wolf von Niebelschütz, Briefe von Marx, Nietzsche und eine fast biblische Offenbarung.

Der ganze Roman ist packend und sprachlich toll erzählt. Das Buch handelt vom Wein und ist gleich einem guten zu genießen.

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Gianna Molinari: „Hier ist noch alles möglich“

Gianna Molinari Hier ist noch alles möglich Aufbau

Ist noch alles möglich? Kann man der Wahrnehmung trauen? Was hat man gesehen und was meint man beobachtet zu haben? Was gaukelt einem die eigene Erinnerung und das von anderen Erzählte vor? Das Leben in einem abgeschirmten Kasten und die Welt mit dem Versprechen auf Ferne da draußen. Doch dann scheint etwas Natürliches, Märchenhaftes und Wildes in diesen Kasten, d.h. dieses Fabrikgelände, Einzug zu halten und plötzlich verändert sich einiges.

Der Debütroman von Gianna Molinari reiht sich ein in die Werke jener jungen und kreativen Schöpferinnen der gegenwärtigen, neuen Literatur, die in unserer Realität die Pforten für das Surreale, Skurrile und Phantastische öffnen. Zu nennen sind da als Beispiel und als Verweis: Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“, Maren Wurster: „Das Fell“, Lisa Kreißler: „Das vergessene Fest“ und Julia Rothenburg: „Koslik ist krank“. Gianna Molinari hat ebenfalls einen eigenwilligen Roman geschrieben, der wie ein Bühnenstück wenig Raum einnimmt und vieles eindeutig mehrdeutig beschreibt. Ein Text, in dem vieles möglich ist. Menschen fallen vom Himmel. Wölfe werden gejagt. Gruben stürzen ein und die Figuren leben alle, als wären sie Bewohner eigener kleiner Inseln, die sich nur zufällig ab und zu berühren.

Die Erzählerin, die ihr Wissen textlich und zeichnerisch  in einem „Universal-General-Lexikon“ fixiert, wird in einer Fabrik als Nachtwächterin eingestellt. Sie ist eine bibliophile Träumerin, die die Welt staunend und dadurch keck philosophisch betrachtet. Es ist eine Fabrik für Kartonage, vorrangig werden, d.h. wurden Verpackungen hergestellt. Während des Bewerbungsgesprächs hat sie sich einen Raum zum Wohnen innerhalb der Firma erbeten. Doch der Arbeitsvertrag ist eine Interimslösung und befristet. Der Chef will eigentlich nichts mehr investieren und der Termin, wann letztendlich die Firma schließen wird, steht vorerst in den Sternen. Doch damit alles mit rechten Dingen abläuft, bekommt die junge Frau die Stelle als Nachtwächterin. Gerade auch, weil der Koch der firmeneigenen Kantine einen Wolf gesehen haben will. Ein Wolf, der in das Gelände eingedrungen sein soll. Mit der kleinen Gruppe an Menschen, die in der Firma noch arbeiten, begibt sich die Frau auf die Suche nach dem Wolf. Obwohl bisher lediglich der Koch das Raubtier gesehen hat, werden Fallen aufgestellt und sogar eine tiefe Grube ausgehoben. Die Erkenntnisse und Erlebnisse hält die Erzählerin in ihrem „Universal-General-Lexikon“ fest und es wird letztendlich eine Suche nach sich selbst.

In der Nähe des Geländes befindet sich ein Flugplatz, wo später auch ein Kollege eine neue Einstellung findet. Dieser Flughafen wird der zentrale Handlungsort des zweiten Abschnitts im Roman. Ein Ort der Ferne, Weite und des Neubeginns. So wandert der Roman von den Bildern des Äußeren zum Inneren. Die Weite und die Enge stehen sich stets gegenüber.

Der biologische Fremdling, der Wolf, der innerhalb der Firma sein soll, bestimmt den Großteil des Tagesablaufs. Doch beschäftigt sie auch der Mann, der vom Himmel fiel. In einem nahegelegenen Waldstück wurde eine Leiche gefunden, wohl ein afrikanischer Flüchtling, der aus dem Schacht eines Flugzeugfahrwerks gestürzt sein soll. Auch im letzten Abschnitt gibt es eine weitere Sichtung, die alle beschäftigen wird. Ein Phantombild einer Frau, die eine Bank überfallen hat. Das Bild der Räuberin hat Ähnlichkeiten mit der namenlosen Nachtwächterin.

Ein Text, der befremdlich ist, durch diverse Skizzen, Fotos aufgelockert wird und einen kuriosen Lesesog entfesselt. Ein Roman, der zeigt, dass bei der Autorin in Zukunft noch vieles zu erwarten ist, denn der Roman beweist, es ist noch alles möglich. Ein kurzweiliger, aber intensiver Lesespaß. Es geht um die Leere, die sich in uns auszubreiten droht und darin ist ein Wolf ein willkommenes Sinnbild des Natürlichen, das unsere ungenutzten, inneren Hallen wieder beleben könnte.

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Eduardo Galeano: „Geschichtenjäger“

Eduardo Galeano Geschichtenjäger Peter Hammer Verlag

Eduardo Galeano wurde 1940 in Uruguay geboren und starb 2015 in seinem Geburtsort Montevideo. Er war Journalist, Essayist und Autor. Er war eine Galionsfigur der linken Intellektuellen Lateinamerikas und seine Bücher sind alle recht unkonventionell. Für sein literarisches Werk erhielt er viele Preise.

Als Eduardo Galeano am 13. April 2015 starb, war das vorliegende Buch „Geschichtenjäger“ fertiggestellt, aber noch nicht veröffentlicht. Auch in seinen letzten Monaten ging er seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schreiben, nach. Diese neuen Geschichten, die er lediglich Kritzeleien nannte, hatten viel mit den Texten aus „Geschichtenjäger“ gemein und sind daher ein Teil dieses Buches geworden. Somit ist dieses Buch ein beeindruckendes letztes Werk des politischen Literaten.

Ein humanistisches Manifest, das aus Miniaturen besteht. Die Texte sind meist nicht länger als eine halbe Seite. Es sind Parabeln, Anekdoten, Geschichten, Erinnerungen, Erdachtes oder Übertragenes. Eins eint fast alle: sie wirken unscheinbar und entfalten dann doch eine nachhaltige Wirkung. Oft ist es eine feine humorvolle Pointierung, die der Lektüre viel Spaß gibt. Durch die Metaphorik werden mehr oder weniger gesellschaftliche und politische Missstände aufzeigt.

„… Die Vögel, die einzigen Freien dieser Welt voller Gefangener, fliegen ohne Treibstoff, von Pol zu Pol, die Route entlang, die sie wählen, und zur Uhrzeit, die ihnen gefällt, ohne die Regierungen um Erlaubnis zu bitten, die meinen, dass ihnen der Himmel gehört.“

Das Buch ist heiter, einfach, tiefgründig, schön und meist lebensklug. Der Lebenswunsch nach Freiheit, Gleichheit und Einfachheit ist stets spürbar.

„Im Regenwald am Amazonas gibt die Natur Unterricht in Vielfalt. Seine Bewohner kennen verschiedene Bodenarten, achtzig unterschiedliche Pflanzenarten, dreihundertvierzig Arten von Ameisen und dreihundertzehn Vogelarten auf nur einem Quadratkilometer.“

Dieser Quadratkilometer ist gleichzusetzen mit diesem Buch: der ganze Kosmos, der sich durch die kurzen Minigeschichten eröffnet, ist sehr vielfältig und bunt. Der Bogen wird vom Leben bis zu den Gedanken über den Tod gesponnen. Mittendrin gibt es den Blick auf die Obigen und die darunter. Ein Autor, der stets den Blick auf die einfachen Menschen richtet und sich und seine Texte niemals zu ernst genommen hat. Ein wunderbares, kurzweiliges Werk, das es zu entdecken gilt und das nach dem Lesen seine Spuren hinterlässt.

„Der Wind verwischt  die Spuren der Möwen. Der Regen löscht die Spuren menschlicher Schritte. Die Sonne tilgt die Spuren der Zeit…“

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Dietmar Krug: „Die Verwechslung“

Dietmar Krug Die Verwechslung Otto Müller Verlag

Ein Roman, der es sehr gekonnt versteht, heikle Themen anzupacken und dabei stets eine Balance hält, die es dem Leser nicht einfach macht, sich zu entscheiden, ob man den Held des Romans mögen darf oder nicht. Ein gebildeter Talkmaster, der souverän diskutieren kann, jedoch stets das letzte Wort haben möchte, verzettelt sich in seiner Sendung über Genderfragen und zur Homosexualität immer mehr. Er gerät in diese Krise durch Eitelkeit und Quotenerfolg.  Ferner hat er in seinem gerade frisch erschienen Roman über seine Schulzeit einen Fehler gemacht. Beides, seine Buchpublikation und die Sendungen über Homosexualität, gefährden seine Existenz, lassen sein soziales Umfeld und seinen gesellschaftlichen Status immer brüchiger werden.

Frank Theves ist ein erfolgreicher TV-Talkmaster mit einer eigenen Sendung bei einem kleineren Sender. Er hat einen autobiografischen Roman geschrieben, der gerade in den Handel kommt. Voller Stolz schreibt er eine Rundmail an seine damaligen Freunde und Schulkameraden. Denn in Kürze wird er dort lesen, wo er aufgewachsen ist und wo er somit auch die Handlung seines Romans angesiedelt hat. Er hat in seinem Buch alle Figuren namentlich verändert. Aber aus Rachegelüsten hat er einen Namen unverändert in eine Szene eingebaut. Er beschreibt eine Misshandlung, d.h. einen prügelnden Pater, der einen Jungen brutal schlägt, weil dieser die Schulordnung dezent mit Füßen tritt. Als er gerade die Mail an seine damaligen Weggefährten schreibt, fällt Frank sein Fehler auf. Es kam zu einer Namensverwechslung, denn seine Erinnerung scheint ihm einen Streich gespielt zu haben. Doch verschweigt er vorerst die irritierende Namensverwechslung.

Zeitglich mit dem Erscheinen seines Romans, bekommt er von einer Homosexuellen-Vereinigung den „Giftigen Kaktus“ für eine Äußerung verliehen, die ihn der Homophobie verdächtigt macht. Sein Fernsehproduzent wittert hohe Einschaltquoten und freut sich regelrecht über den aufkeimenden Skandal und verlangt von Frank weitere Talk-Sendungen über Homosexualität. Frank ist stets der smarte, souveräne Talkmaster, der seinem Gast in der Sendung Raum gibt, aber dann immer in den letzten Sendungsminuten dem Gespräch mit einer provozierenden Aussage eine andere Sicht, d.h. Richtung gibt. Er will als sehr schneller Denker den Gast immer aus der Reserve locken und mit einer gespielten Leichtigkeit in die Ecke drängen. Dabei ist es fraglich, ob Frank aus eigener Ansicht und Meinung heraus so agiert oder lediglich der Sendung und sich durch seine Aussagen mehr Erfolg verspricht. In den Sendungen über Homosexualität verheddert sich Frank immer mehr und macht sich dadurch immer unbeliebter und viele Feinde. Im Internet und in den sozialen Netzwerken wird er diversen Bösartigkeiten ausgesetzt. Die um ihn verbreiteten Halbwahrheiten und Verunglimpfungen lassen ihn sogar als pädophil veranlagten Menschen dastehen.

Die Verwechslung in seinem Roman lässt ihm ebenfalls keine Ruhe. Er reist in den Ort seiner Kindheit, wo er das von Priestern geführte Gymnasium besuchte. Der in seinem Roman prügelnde Pater wurde, wie sich nun herausstellt, ein Mordopfer. Die Tat konnte bis zur Gegenwart nicht ganz aufgeklärt werden, lässt aber den Verdacht zu, dass der Pater seinen Mörder zu sexuellen Handlungen genötigt haben könnte.

Franks Rolle in den Medien als Homophob bekommt eine Eigendynamik. Alles scheint ihm aus den Händen zu gleiten. Er verstört immer mehr sein Umfeld. Besonders seine Ehe mit Andrea, einer Psychoanalytikerin, gerät in eine Krise. Seine seelenverwandte und lesbische Freundin, Katrin, droht ihm die Freundschaft zu kündigen.

Ein Roman, der deutlich macht, wie weit die Homophobie immer noch in unserer modernen und aufgeklärten Gesellschaft verbreitet ist. Wie die Liebe zum gleichen Geschlecht in der Philosophie, Psychoanalyse und in den Medien wahrgenommen wird. Der Roman ist toll geschrieben, klug und sehr spannend komponiert. Der Realismus hinter der Geschichte macht das Buch sehr aufwühlend. Der Autor erzählt klug, distanziert und dennoch mit Empathie für seine Protagonisten.

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