Salih Jamal: „Vor der Nacht“

Ein Roman über Freundschaft, Halt, Verlust und Hoffnung. Erneut stürzt sich Salih Jamal in seine Figuren und Sprache. Dabei entsteht eine Bindung an die Charaktere, die uns nicht mehr loslassen werden. Ein Schriftsteller, der als Hauptcharakter aus der zeitlichen Distanz heraus auf die Jugend schaut, in der er im Heim mit anderen Jugendlichen einen Zusammenhalt fand, der letztendlich  zerbrach und er sich nun auf die Suche macht.

Eigentlich schreibt Salih Jamal seine Romanthemen immer weiter. Nur die Umfelder und die Namen verändern sich. Doch ist jedes Werk bisher eine lohnenswerte Reise. Auch „Das perfekte Grau“, das vorherige Werk des Autors, taucht auf. Cézanne sagte einst, dass man erst ein Maler ist, wenn man Grau gemalt hat. Dies verinnerlicht Salih Jamal stets in seinen Werken und die Charaktere sind somit niemals Weiß oder Schwarz sondern nähern sich dem perfekten Grau. Salih Jamal hat seine Wurzeln in Palästina und ist ein sehr belesener Autor. Seine Liebe zur Literatur wird in jedem seiner Bücher spürbar zelebriert. „Vor der Nacht“ ist wohl sein zartestes Werk und erinnert durch Sprachklang und Handlung an die Werke von Rolf Lappert: „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“, Benedict Wells: „Vom Ende der Einsamkeit“ und an Zsuzsa Bank „Die hellen Tage“.

Jimmy, eigentlich Jonas, reflektiert über seine Geschichte. Viele Geschichten dieser Art beginnen und enden am Meer. Die meisten handeln aber davon, ein Land, eine Heimat zu finden. Er ist Schriftsteller und fixiert seine Erinnerungen und die damaligen Ereignisse. Die Geschichte seiner Eltern ist eine traurige, denn die Mutter stirbt und der Vater steht dann vor finanziellen Herausforderungen, die ihn zu einer Verzweiflungstat führen. Er kommt ins Gefängnis und Jonas ins Heim. Ein Kinderheim, in dessen Umgebung lediglich ein Wald, ein Fluß und die Autobahn sind. Die Heimmutter ist wie eine Wölfin, die ihre Zöglinge, die sich trotz des geräumigen Gebäudes die Zimmer teilen sollen, überwacht. Zum engen Kreis um Jonas, der bei seiner Ankunft von den anderen Heimkindern Jimmy genannt wird, gehören Frei, Lilly, Ilan Nussbaum, den sie Pappel nennen und Beria mit ihrem Bruder Sinan. Ferner die Heimleitung mit ihrer Tochter, die mit allen ihre Spielchen treibt und der Hausmeister, Gärtner und Fahrer Esteban.

Frei ist es, der Jimmy in die Heimwelt einführt und auch den Halt innerhalb der Gruppe anfänglich ausmacht. Frei, der später eine Steinmetzlehre beginnt, ist auch bereit, seine Kraft zu demonstrieren, besonders in der Schule, als zum Beispiel Jimmy angegangen wird. Sie zelebrieren ein abendliches Ritual, in dem sie sich alle einen Apfel teilen und sich dabei ihre Geschichten erzählen. Dadurch entsteht ein enormer Zusammenhalt. Doch gibt es eine äußere Welt, die immer mehr in das vermeintliche und innere Refugium eingreift. Plötzlich zerbricht alles. Zwei der Jugendlichen verschwinden und mit ihnen auch Esteban und ein Stallgehilfe vom anliegenden Pferdehof.

Jahre später, als Jimmy erwachsen ist und seine eigenen Weg finden muss, lassen ihn diese Geschichte und Ereignisse nicht mehr los und er begibt sich auf die Suche. Eine Reflektion über Zusammenhalt, Familie, Freundschaft, Schuld und Vergebung beginnt.

Eigentlich müsste „Vor der Nacht“ einen warnenden Sticker erhalten: Achtung, wenn Sie das Buch anfangen zu lesen, werden Sie bis zum Beenden nichts anderes mehr machen können,  geschweige denn wollen. Sosehr nehmen Sie Jimmy, Pappel, Lilly, Beria, Sinan und Frei in Beschlag. Denn während Sie lesen und jemand zum Beispiel Hunger hat und möchte, dass Sie kochen, werden Sie wohl nur in der Lage sein, einen Apfel zu reichen. Aber ein Apfel verbindet wiederum alles. Ein unglaublich gutes Werk.

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Hua Hsu: „Stay True“

Ein reiches Buch über Freundschaft, Integration und Erwachsenwerden. Der Autor hat ein Memoir geschrieben, als sein Verlust groß war und er sich an die enge Freundschaft erinnert. Er spürt den Fragen nach, was die Unterschiede waren, die trennenden Elemente und jene, die sie gemeinsam hatten. Innerhalb einer guten Freundschaft entsteht eine Membran, die das Ich durchlässig werden lässt und die Abgrenzung wird nebulös. Ferner ist es ein Blick auf ein ganz anderes Kalifornien. Der Blick der Einwanderer aus Taiwan.

Hua Hsu wurde 1977 geboren und ist Professor für Anglistik in New York. Er schreibt als fester Autor für den „New Yorker“. Seine Schwerpunkte sind Immigration, Diversität und öffentliche Wahrnehmungen. „Stay True“ gewann den Pulitzer-Preis und ist bereits sein zweites Buch. Nun liegt die deutsche Übersetzung von Anette Grube vor. Das Werk ist bereits als Druckmedium eine Bereicherung und wird authentisch ergänzt durch die Fotos, Notizen und anderen Ablichtungen.

Hua Hsu schreibt all das, weil es seine Weise ist, mit dem Verlust zurechtzukommen. Geschichten, hofft er, bauen Brücken über Abgründe. Der Text ist einnehmend und baut sich kontinuierlich zu etwas viel Größerem auf.  Der Titel ist einem schriftlichen Zuruf des Freundes entnommen, sich selbst treu zu bleiben. Doch was ist dieses Selbst? Dies ist der anfängliche gedankliche Prozess. Die Eltern stammen aus Taiwan und Hua Hsu versucht beide Kulturen, die in und an ihm wirken, zu ergründen. Er wägt ab und grenzt ab. Besonders am College, wo er unauffällig auffällig sein möchte. Literatur und besonders Musik prägen ihn. Musik, die handgemacht und emotional ist, spricht ihn sehr an. Er liebt die Songs von Nirvana, hadert aber dann mit seiner Individualität, als alle diese Band vergöttern. Er schreibt in einer eigenen Publikation über Musik, Film und Kunst und faxt seinem Vater, der zurück nach Taiwan ging, Gedanken die ihn umtreiben. Er findet meist etwas gut, wenn andere es nicht mögen. Das ist ein anstrengendes Unterfangen der Jugend. Dies ändert sich, als er auf dem Campus Ken kennenlernt. Sie mögen sich erst nicht. Ken achtet auf ein gutes Erscheinungsbild, hört ausgerechnet Pearl Jam und ist bereits gut integriert und hat einen Bekanntenkreis. Die anfängliche Distanz löst sich durch Ausflüge mit den Wagen der Eltern, Mixtapes hören und den Gesprächen auf. Es sind existentielle Themen, die sie neben Belangloses stellen und ergründen. Sie führen Balkongespräche, die sie vor den Kameraden inszenieren und aus gespielten Rauchern werden echte und wahre Freunde. Jede Zigarette war der Weg für weitere Gespräche. Diese und die Ausflüge an die Küste lassen die Freundschaft stetig wachsen. Doch dann ist Ken plötzlich weg. Er wird das Opfer eines sinnlosen Verbrechens.

Hua Hsu hält an der Freundschaft fest, er fixiert die Momente, die er erinnern möchte und hinterlässt einen literarischen Schatz. Die Geschichte einer Jugend, die ihre Verbindung mit der Gesellschaft sucht, sich von dieser aber auch abgrenzen will und den ganzen Sinn dahinter erspüren möchte. Ein großes Werk über Zugehörigkeit, Freundschaft und Trauerbewältigung. Das Werk inhaliert uns und erzeugt eine Bindung an den Erzähler, so dass wir integriert werden und den Verlust und das Schöne auf jeder Seite erleben dürfen.

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Margot Douaihy: „Verbrannte Gnade“

Ein ungewöhnlicher Krimi, ein Cosy Crime mit Ecken, Kanten und Düsternis. Ein Roman, der Spaß macht und danach ruft, nur mit passendem Soundtrack und Getränk inhaliert zu werden. Die Protagonistin mag wimmernde, schmachtende und aufschreiende Gitarrenmusik, raucht, flucht und ist eine Nonne in New Orleans. Somit geht der Soundtrack bei B.B. King los und endet beim Punkrock. Das Buch ist der Auftakt einer Reihe um die abgeklärte und coole Schwester Holiday.

New Orleans vergeht vor schwüler Hitze und die Nonnen verleben ihren Alltag mit Gottesdienst, putzen und Unterricht, denn die Anlage beherbergt eine Klosterschule. Holiday wurde von der Schwester Oberin aufgenommen und akzeptiert wie sie ist. Lediglich ihre Tattoos soll sie verbergen. Warum sie in das Kloster gegangen ist, wird stückweise erzählt und ist einer der Hauptbestandteile des ganzen Werkes. Dass sie anders ist, merken nicht nur ihre Schüler, denen sie Gitarrenunterricht gibt. Nicht alle sind bereit, sie als Schwester anzuerkennen. Dies liegt nicht nur an ihrer Musikliebe und ihrem Aussehen, sondern wohl auch an ihrer queeren Lebensweise.

Rauchen ist auf dem Gelände verboten, daher kann Holiday die für sich benötigten Tabakwaren den Schülern abnehmen, die sich erwischen lassen. Als sie in ihrer Gasse eine ihrer wichtigen Rauchpausen macht, beginnt das Chaos. Die Klosterschule ist Ziel eines Brandanschlages. Holiday kann noch einen Schüler aus den Flammen retten, für einen weiteren lediglich Hilfe organisieren. Doch für den Hausmeister, der brennend aus dem Fenster fiel, ob gestürzt oder gestoßen, kommt jede Hilfe zu spät. Da Holiday am Tatort war und es Getuschel gibt, weiß sie, sie muss selbst ermitteln. Dabei trifft sie auf die Brandermittlerin Riveaux und auf viele Geheimnisse.

Dieser Krimi verbreitet „Holy Smoke“ und ist ein gelungener Auftakt, der süchtig nach Holidays heiligem Geist macht. Der Roman wurde aus dem Amerikanischen von Eva Kemper übersetzt.  

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Helena Adler: „Miserere“

Das Buch erweckt zwei Gefühlsmomente vorweg. Ein Glücksgefühl, noch etwas von Helena Adler lesen zu dürfen und die Traurigkeit, dass diese Stimme verstummt ist. Es sind die letzten Texte, die Helena Adler noch fertig schrieb und vollendete. Sie hat mit „Die Infantin trägt den Scheitel links“ und „Fretten“ Aufmerksamkeit bekommen und wurde gefeiert. Die vorliegenden drei Texte sind zwischen 2022 und 2023 entstanden. Sie waren fertig und dennoch musste Helena Adler die Teilnahme am Bachmannpreis absagen, als ihr ein Gehirntumor diagnostiziert wurde. Somit erscheint „Miserere“ nun posthum.

Ist es die Steigerung einer Misere? Das würde zu der Infantin gut passen. Doch ist es, wie immer bei der Autorin, ein Wortspiel. Das Miserere stammt aus dem lateinischen „Agnus Dei“ und bedeutet erbarme Dich! Somit wird deutlich, dass diese letzten Werke eine persönliche Schau sind. Doch sind es typische Adler-Texte. Wortmalereien, die wie die Buchgestaltung düster, grotesk, traurig, schön sind und sogar mit dem Schalk spielen. Die Sprachlust der Autorin verzaubert. Mit  Hohn und Witz schaut sie auf uns, auf sich und auf das Gesellschaftliche. Drei Kurztexte, die sich bis zur „Miserere Melancholia“ steigern. Das Dorf Unterjoch zum Beispiel beherbergt Unterjocher. Die Berge darum nehmen Anlauf und ein Handwerker zementiert seine Geschichte. Denn der Bürgermeister Joch klatscht einer Frau einfach auf den Hintern. Misogynie und das Patriarchat haben die idyllische Berglandschaft im Griff und alle schauen schweigend zu. Wir reisen mit Helena Adler weiter, auch unter die Erde. Trotz des dort beschrieben Verfalls bleibt dann etwas in aller Munde. Die letzte Erzählung ist eine Lebensverneigung. Denn die Verneigung vor dem Leben ist somit auch eine Todesverneigung. Ein Zwiegespräch mit dem inneren Dämon, dem Wolpertinger oder Alp, der den Atem raubt. Der Dialog, der dabei entsteht, ist wortgewaltig und sinnreich. Das Spiel mit Begriffen und Wörtern eint alle Texte und diese sind somit der traurig-schöne letzte Beitrag einer viel zu früh verstorbenen Autorin.

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Der Leseschatz-Preis

Zum ersten Mal verleihe ich den Leseschatz-Preis und bedanke mich bei meinen Unterstützern, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Literaturhaus Schleswig-Holstein. Dieser Preis geht somit zum ersten Mal an Arezu Weitholz. Die Preisverleihung findet am 11.3.2025 um 20:00 Uhr im Literaturhaus in Kiel statt.

Arezu Weitholz ist Autorin, Journalistin und schreibt Songtexte unter anderem für Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg. Sie erhält den Preis, weil ihr Roman in der Kürze einen Großraum zur Reflexion öffnet. Erneut ist es ein Text der Autorin, der feine Bilder durch ihre Sprache erzeugt und kluge Sätze, leichthändig einstreut, die niemals konstruiert wirken, sondern sich in der Handlung und im Sprachklang eingliedern. Ferner ist der Roman mit Meerwasser getränkt und durch den Lebensraum der Autorin ist ein nordischer Bezug vorhanden. Arezu Weitholz lebt in Berlin und in Schleswig-Holstein.

Die Figur deutet es im Roman selbst an, dass autofiktionale Literatur großartig ist, wenn sie verschachtelt ist. Ein Roman, der mit wenig Handlung viel zu sagen hat. Ein stilles Werk, das den Fragen nach Heimat, Zuhause und Fernweh nachspürt. Die Protagonistin hat viel mit der Autorin gemein und dadurch wird der Text sehr lebendig und authentisch. Wir erleben in einer traumhaften Umgebung die Orientierung einer Frau, die Fernweh als Heimweh nach Irgendwo empfindet. Das Meer ist dabei niemals nur eine Kulisse. Heimat und das empfundene Zuhause sind in uns und setzen sich aus allem, das uns ausmacht, zusammen. Den Beweis erbringt Arezu Weitholz am Ende. Nicht nur die Landschaft sondern auch Gerüche, Farben, Töne und ganz besonders Essen können uns ein Gefühl von Zuhause vermitteln. In der Kunst – ob Literatur oder Musik  – gibt es einiges, das sich zwischen den Tönen und Zeilen verbirgt. Dies ist es, das uns erinnern und reflektieren lässt. Wenn wir durch die Musik, die Worte oder die erzeugten Bilder mitgerissen werden, zeigt sich genau dieser Moment in der Kunst, der an uns reißt. Dieses Empfinden ist stets ganz individuell, lässt dann aber bei allen das Herz schneller schlagen und erweitert den Gedankenhorizont. Dafür sind nicht viele Handlungen nötig. Dafür benötigt es wenige Worte. Es sollte berühren: im Herzen oder im Kopf.

Der Handlungseinstieg lässt Erinnerungen an Stephen King „Shining“, Helen Wolff „Hintergrund für Liebe“ oder Mirko Bonné „Nie mehr Nacht“ zu. Somit ist sogar der Einstieg ein bisschen wie ein Heimkommen. Doch benötigt Arezu Weitholz viel weniger Spielraum, um uns das zu Erzählende zu vermitteln. Auch hat es nicht den Spannungsbogen, wie ihn Stephen King erzeugt. Die Spannung liegt im Entdecken und im mitgerissen werden anhand der Erlebnisse, Gedanken und Emotionen der Protagonistin.

Frieda bleibt im Tonstudio beim Synchronsprechen die Sprache weg. Die Worte haben keine Bindung mehr. Jonas, ihr Lebensgefährte, liest eine Anzeige über ein Hotel an der portugiesischen Algarve, das während der geschlossenen Monate gehütet werden soll. Frieda verlässt ihr Zuhause bis über den Jahreswechsel, um für sich allein zu sein und um sich selbst und die Sprache erneut zu finden. Sprache, die auch in Kurztexten im SMS-Stil mit Jonas ein Zuviel sein kann. Nicht alles muss geschrieben oder ausgesprochen werden, um gesagt zu sein. Das Hotel ist nicht ganz leer. Der Hausmeister, Handwerker und die Nachtwache tauchen auf. Auch die hoteleigenen Papageien und der Hotelhund Otto umspielen Frieda. Bei den Strandspaziergängen und Einkäufen taucht sie auch tangential in das Dorfleben ein. Dabei wird sie nach der Herkunft gefragt. Somit erweckt das Hotel Paraíso und die Umgebung Erinnerungen an Orte wach, die sie Heimat oder Zuhause nannte oder nennt. Dort, wo sie aufwuchs, war in ihr eine Spaltung durch das Elternhaus und die Tankstelle, die die Familie betreibt. Dabei war die Tankstelle mehr der Ort, an dem sich Frieda wohlfühlte. Das Fremdeln erlernt sie schnell, denn sie wurde adoptiert. Dennoch ist sie ein geliebtes Wunschkind. Durch die Beziehung zu Jonas, die neuen Kontakte im Paradies, die traumhafte Kulisse fragt sie sich, kann sie immer dazwischen leben?

Der Roman lebt vom Gedankenraum, der durch den Sprachklang und die Authentizität geöffnet wird. Es gibt Sätze, Momente und eingefangene Gefühle, die uns innehalten lassen. Die feine Sinnkrise ist zarter beschrieben als in „Beinahe Alaska„, dafür aber umfangreicher und stellt eine Suche in die Mitte, die uns alle betrifft.

Arezu Weitholz erhält hiermit den Leseschatz-Preis für „Hotel Paraíso“. Den Preis überreiche ich feierlich im Literaturhaus in Kiel. Dabei werden wir über das Werk sprechen und Arezu Weitholz wird daraus lesen. Es wird auch musikalische Begleitung geben. Danke an den Börsenverein und an das Literaturhaus.

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Ute Cohen: „Der Geschmack der Freiheit“

Eine Geschichte der Kulinarik

„Wer die Freiheit kosten will, sollte sie sich nicht nur um die Nase wehen, sondern auch auf der Zunge zergehen lassen“ (Ute Cohen)

Die Behauptung, etwas schlägt uns auf den Magen oder sofern wir nicht verkopft reagieren wollen, dass wir aus dem Bauch entscheiden, sind Wegweiser unserer geschmackvollen Weltsicht. Sofern wir die Sinne aktivieren und anregen, können auch Ideen wachsen. Wir behaupten ferner, sofern wir jemanden mögen, wir können ihn gut riechen. Somit sind viele unserer Welteindrücke mit den Sinnen verbunden. Jeder hat kulinarische Erinnerungen, die oft in der Kindheit wurzeln, die ein Gespür für Freiheit in sich tragen. Um es persönlich einzufangen: ich habe einen besten Freund, der damals ins Internat ging und somit sahen wir uns lediglich in den Ferien. Eines unserer Highlights war an einer Busendstation am Kiosk ein Heavy Metal Magazin und jeweils eine Dose Bier zu kaufen. Da wir Schüler waren, hatte dies etwas leicht Verbotenes, Anrüchiges und wir erlebten es als absolute Freiheit. Seitdem ist Dosenbier und Heavy Metal mein Freiheitsbegriff. Das Dosenbier ist wahrlich nicht die höchste Kulinarik, aber dies beschreibt das Jugenderlebnis, das Ute Cohen wohl mit ihrem Titel andeuten möchte. Denn Ute Cohen geht viel weiter. Sie umspannt die Geschichte der Kulinarik. Dabei wird sie philosophisch, sinnlich und persönlich. Jedes Kapitel ist ein Gaumenschmaus und kann einzeln inhaliert werden oder als Gesamtkunstwerk, als mehrgängiges Menü. Durch die Historie und Ute Cohens persönlichen Werdegang steht vieles in dem Buch mit Frankreich in Bezug, doch geht sie auch hier viel weiter und beweist immer wieder, dass die Freiheit durch den Magen geht.

Die Gastronomie, wie wir sie heute begreifen,  entsprang der Französischen Revolution und gerade „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist in der Schankwirtschaft vereint. In der Auswahl und Freiheit frei ein Gericht zu wählen. Gleichgesinnt am Tisch zu sitzen und brüderlich vereint den Moment zu feiern.

Die Kapitel erzeugen Lust und sind eine Tafel voller Wissen. Ute Cohen erzeugt eine Neugier und holt uns alle ab und lädt uns ein, Platz zu nehmen und einfach zu genießen.

Das Buch schaut in historische Kochtöpfe und folgt den Weg der Speisekarten bis in die Gegenwart. Ein verführerisches und süffiges Buch. Dr. Ute Cohen lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. 

Nicht verpassen: Montag, 30. September 2024. 19:00 Uhr Lesung mit Ute Cohen in der Buchhandlung Almut Schmidt. Hauke Harder spricht mit Ute Cohen, die aus ihrem Buch »Der Geschmack der Freiheit« liest.

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Pol Guasch: „Napalm im Herzen“

Wenn die Realität unerträglich wird, hilft nur die Flucht in die Phantasie. Literatur ist hierfür ein wunderbares Portal. Doch öffnet sie sich in beide Richtungen. Bücher lassen uns der Welt entkommen, erklären uns diese aber wiederum auch viel besser. Dieser Roman ist ein Brandkampfstoff, der ins Herz trifft. In einer wunderschönen Sprache, die aber keine heile Welt erschafft, wird das Leben in totalitärem Umfeld in Frage gestellt. Es sind Bilder der vielfältigen Unterdrückungen, die den Menschen fliehen lassen. Raumflucht oder die Flucht in den erdachten Schutzraum. Dabei wird immer deutlicher, wenn das Menschliche versagt und die Menschheit dabei Oberhand gewinnt, stirbt das natürliche Umfeld. In der Umkehr gilt es ebenso. Denn als sich das Regime zurückzieht, kehrt in diesem Roman auch die Natur zurück. Ein Roman, in dem gleich am Anfang die Frage nach der Kunst des Lebens oder des Überlebens steht.

Die Unterdrückung wird sprachlich spürbar eingefangen. Dennoch ist es eine schöne Sprache, die nichts verschönt und zuweilen auch drastisch und brutal sein kann. Die Sehnsucht nach Freiheit gelingt dem Erzähler vorerst nur durch seine Träume, Texte und Phantasie. Die Heimat des Erzählers ist militarisiert und den Menschen wurde geraten, die Region zu verlassen. Einige sind aber geblieben. Eines Nachts gab es in der Fabrik einen lauten Knall und die Nacht wurde zum Tag durch gleißendes Licht. Dieser Moment hat alles verändert. Das Wilde erobert sich ihre Heimat zurück und Grenzen lösen sich auf. Der Erzähler lebt mit seiner Mutter in einer gewalttätigen Welt. Hoffnung, meint er, führe nur zur Niederlage und er findet sich ein in der trostlosen Welt. Alles wird reglementiert und streng bewacht. Kahlköpfige Männer bewachen, ordnen an und übermitteln die Botschaften und Post. So auch die Briefe des Erzählers. Schulden werden anhand von Kerbhölzern aufgeführt und ebensolche leise Liste macht sich der Erzähler auch für die Tage. Es sind bereits über neunhundert Tage nach dem Vorfall. Trost findet er nur in der Natur und in seiner Liebe zu Boris. Doch auch diese Liebe ist wie die ursprüngliche Sprache verboten. Die Menschen werden ihrer Herkunft beraubt und die Liebe darf nicht frei sein. Dagegen wehrt sich der Erzähler und hält an seiner Sprache und Liebe fest. Durch ihre Briefe und heimlichen Treffen versuchen sie, sich gegenseitig zu retten. Boris macht unerlaubte Fotos, die Lebensmomente und Gefühle fixieren. Die Mutter des Erzählers lässt eine für den Erzähler unerträgliche Nähe zu einem der Kahlköpfigen zu. Der Erzähler lebt in einem Umfeld, das Gewalt kennt und er langsam auch davon nicht mehr abweicht. Durch die Taten und das Erkennen der Situationen bleibt für ihn und Boris nur die Flucht übrig.

Ein poetischer Roman, der einen nicht mehr loslässt. Die kurzen Kapitel und die erzeugten Bilder bewirken eine Faszination, die einen gänzlich gefangen nimmt. Eine zarte Sprache, die dann in ihrer Sanftheit etwas Grobes verbirgt und uns entgegenschleudert. Was bleibt uns als Menschheit übrig, wenn wir nicht lieben dürfen, wen wir wollen, was wenn wir nicht leben können wie gewünscht oder sprechen dürfen, wie wir empfinden? Welche Schlupflöcher in unserer erkrankten Welt bleiben uns? Zumindest das der Literatur bleibt. Dies beweist „Napalm im Herzen“ von Pol Guasch. Der Roman wurde aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt übersetzt.

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Marion Messina: „Die Entblößten“  

Ein raffinierter Roman, der aufzeigt, wohin in wenigen Jahren in der Zukunft die Menschen treiben, die alles verlieren und uns somit fragt, in was für einer Zukunft wir leben möchten. Die Entblößten sind Menschen, die in einem Frankreich agieren, in dem das System kränkelt. Das Soziale macht dem Machterhalt und der Profitgier Platz. Politische Entscheidungen sowie das Reglement erschweren das Leben. Das Leben, das generell in allen Bereichen für den Menschen fast nicht mehr finanzierbar geworden ist.  

Sabrina, Paul und Aurélien versuchen, sich neu zu arrangieren. Sie möchten in der rasanten Zeit Halt finden. Auch die Präsidentin taucht auf. Sabrina ist Lehrerin und fragt sich, wo ihre Leidenschaft für das Lehren geblieben ist. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, die sich um das Sorgerecht sorgt und die Schulkinder beobachtet, deren Aufmerksamkeitsspanne in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken ist. Sie ist mit ihrer Lebens- und Berufssituation überfordert und reagiert über. Paul hat als Literaturwissenschaftler auch beruflich aufgegeben und entflieht der Großstadt Paris. In einem entlegenen Winkel des Landes arbeitet er an der Fleischtheke eines Supermarktes. Er freundet sich mit Aurélien und dessen Familie an. Aurélien betreibt einen Hof in siebter Generation und hat sich auf Kastanienanbau spezialisiert. Doch durch die steigenden Kosten, Auflagen und Krisen wird es immer schwerer, sich in der Landwirtschaft zu behaupten. Der kleine Unternehmer hat es gegenüber den Großkonzernen schwer mitzuhalten.

In dieses Panoptikum tauchen wir ein und die Situation spitzt sich immer weiter zu, besonders durch die öffentliche Selbstverbrennung eines Studenten vor dem Parlament. Hier beginnt der Roman und zieht dann weitere Kreise um die Protagonisten und zeigt eine unruhige Welt voller Umbrüche. Massenproteste sind die Folge, die dann wiederum mit Gewalt gestoppt werden sollen.

Der Roman ist beklemmend aktuell und entblößt dabei nicht nur seine literarischen Figuren, sondern uns selbst. Ein explosiver und wichtiger Roman. Wie bereits zum Beispiel Katrin Seddig in „Sicherheitszone“ zeigt auch Marion Messina das Politische im Privaten und beobachtet, wenn gesellschaftliche Unruhen zu eskalieren drohen. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer.

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William Boyle: „Shoot The Moonlight Out”

William Boyle hat erneut einen Brooklyn-Roman geschrieben. Einen sehr düsteren, aber einen, in dem jede Figurenzeichnung großartig angelegt ist. Um ein Drama aus dem Jahr 1996 entwickelt sich fünf Jahre später eine verstrickte Handlung voller Leidenschaft, Trauer, Gewalt, rücksichtslosen Menschen und den Versuch des Verarbeitens und Vergebens. Ein Spannungsroman, der Grenzen überwindet und mit einem enormen Sprachklang Leinwandszenerien in unsere Köpfe malt. Der Roman wurde aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf übersetzt.

Zwei Jungs, Bobby Santovasco und sein Freund Zeke, Teenager und nicht gerade die Klügsten, hängen gerne ab und träumen von unerfüllten Erlebnissen mit Mädchen. Aus Zeitvertreib werfen sie Sachen von einer Brücke, nahe einem Shopping-Center in Südbrooklyn. Erst Ketchup oder Ähnliches. Dann Steine. Daraus machen sie eine dumme Wette und eine junge Frau stirbt. Die Jungs können entkommen.

Jack Cornacchia hat ein trauriges Leben. Er ist Witwer und hat auch kurz nacheinander seine Eltern verloren. Nun ist er alleinerziehender Vater und möchte seiner Tochter, Amelia, den Weg als Schriftstellerin ermöglichen. Er ist per Zufall an den Job eines Rächers und Eintreibers gekommen und übt bezahlte Selbstjustiz aus. Als er gerade von einem Auftrag heimkommt, der ihn zu dem zwielichtigen und dauernd Milch trinkenden Anlagenberater Max Berry führte, fährt er an einem Unfall vorbei. Es ist jener, den Bobby und Zeke verursacht haben und die Tote ist Jacks Tochter, Amelia.

Fünf Jahre später verbindet sich alles zufällig. Jack macht einen Schreibkurs in kirchlichen Kellergewölben bei Lily Murphy, die ihn an seine Tochter erinnert. Er versucht, die Vergangenheit und den Schmerz durch Literatur zu ordnen. Lily ist die Stiefschwester von Bobby, der nun für Max arbeitet, der seine Machenschaften weiterhin ausführt und wohl Kontakte zu der Mafia pflegt. In dem heruntergekommen Büro lagert er eine entwendete Tasche voller Geld und Drogen als Freundschaftsdienst in seinem Tresor. Alle träumen von dem großen Coup und der Möglichkeit abzuhauen. Auch Bobby, der den Tresor ausraubt und sich dadurch mit den Falschen anlegt. Ausgerechnet Jack erhält den Auftrag, sich der Sache anzunehmen, nicht wissend, dass er dadurch den Verantwortlichen am Tod seiner Tochter begegnen wird.

Ein epischer Spannungsroman, der eher durch die Charakterentwicklung an Spannung zunimmt. Er benötigt keine großen Handlungsverläufe sondern schildert die innere Enge und die äußere Befangenheit innerhalb des Milieus. Die Handlung ist düster und die Figuren agieren schonungslos. Dennoch gibt es stets Hoffnung und Humor. Ein wuchtiges und ergreifendes Werk.

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Katrin Schumacher: „Liste der gebliebenen Dinge“

„Liste der gebliebenen Dinge“ ist ein sinnliches Spracherlebnis und spielt mit den Elementen und Genres. Ein Roman als Kunstwerk. Ein Stillleben zeigt reglose Gegenstände in der Fixierung, die einst lebten und weiterhin durch den Lebensprozess gehen werden. Kunst ist Leben und möchte durch die Darstellung der Endlichkeit einen für immer bleibenden Moment erzeugen. Im Wandel der Zeit finden die Figuren im Leben und in der Kunst keinen Halt. Was hat im Leben Beständigkeit? Was bleibt und was geht verloren?

Ein Roman der voller Stimmungen, Märchen und Naturbeobachtungen ist. Im Mittelpunkt steht ein Liebespaar, Kato und Mirren. Beide betreiben Kunst und erschaffen Welten. Die eine nebenbei, die andere im größeren Stil. Aus einer großen Stadt ziehen sie in eine kleine Ortschaft und dann für einige Wochen in ein natürliches Refugium. Immer in Wassernähe. Ein Fluss, ein Kanal oder ein Bach. Doch verschwindet auch einfach ein See. Somit durchstreift Katrin Schumacher die Welt der Literatur. Goethe und Ende könnten erwähnt werden. die Anspielungen sind nicht aufgesetzt sondern werden durch die Handlung und die vermischten Stilmittel erzeugt. Es ist der Debütroman von Katrin Schumacher, doch ist sie in der Literaturszene keine Unbekannte. Somit ist dieser poetische Raum, den sie mit „Liste der gebliebenen Dinge“ erzeugt, keine große Überraschung. Sie hat auch bereits in der Buchreihe „Naturkunden“ ein Portrait über Füchse geschrieben. Diese magischen Tiere tauchen somit natürlich auch im Debüt auf. Denn dort, wo ein Fuchs erscheint, verändern sich die Spielregeln.

Wenn wir uns erinnern möchten, uns einen Plan über das Vergangene machen oder versuchen, das Gegenwärtige oder Kommende zu organisieren, legen wir Listen an. Doch welche Listen werden später Bedeutung haben? Diese Frage stellt sich Mirren, die, während sie erzählt, sich erinnert, und das Damalige geistig aufleben lässt. Ständig fragt sie nach Kato. Beide haben sich kennen und lieben gelernt. Mirren malt aus Leidenschaft, aber nicht aus beruflicher Intention. Kato erzeugt genussvolle Kunst. Sie kocht und drapiert üppige Stillleben bedeutender Künstler nach, damit ihr Publikum, ihre Gäste, das Kunstwerk erfassen, schmecken und räumlich erleben können. Gemüse und Früchte werden dadurch zu sinnlicher Kunst. Doch ist diese vergänglich. Sie verändern ihren Lebensraum durch Umzug. In ihrer Bude, ein hüttenartiges Provisorium in der idyllischen Natur, finden sie Unterschlupf. Doch hat diese Bude ungeahnte Lücken im Boden und Befremdliches übernimmt den Lebensraum. Tierfabeln und Märchen werden durch die Erzählungen von Kato in dieser Kulisse und jeweiligen Kapitelszenerie lebendig. Auch andere Figuren und Widersacher treten auf. Alles ist in diesem Roman im Wandel. Das Wachsen, Beobachten und Wirken lassen sind hierbei der Antrieb.

Kunst als Leben und als Lebensunterhalt sind die Spielfelder für das Bild unserer unhaltbaren Welt. Mit einer wunderschönen Sprache, die sinnlich und poetisch ist, erzeugt Katrin Schumacher eine Faszination, die sie, wie die Spannung, bis zum Ende aufrechterhält. Ein Gemälde ganz aus Worten, das nicht den Moment erstarren lässt, sondern mit Leben füllt.

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