Liza Cody: “Die Schnellimbissdetektivin”

Die Romane von Liza Cody sind hintersinnige Krimis, die spannend, anders und voller scharfem Humor sind. Ihre Figuren sind authentisch, schnoddrig in ihrem Auftritt und sagen stets, was sie denken. Dabei sind sie immer ehrlich, geradeheraus und wirken dabei doch sehr herzlich. Liza Cody verfügt über eine gute Menschenkenntnis und ist eine gute Beobachterin. Ihre Literatur benötigt wenig Raum, um sofort große Szenerien zu entwerfen. Ihre Sprache und die feine Ironie machen die Bücher zu Erlebnissen.

Die Schnellimbissdetektivin, Hannah Abram, ist bisher im Leben gescheitert und daher leicht zynisch. Sie war Polizistin bei der Metropolitan Police, bis sie ihren Sergeant in den Kanal warf. Seit ihrer Kündigung arbeitet sie in einer Imbissbude. Sie wohnt in einer kleinen Kammer und kann sich gerade so das eigene Leben leisten. In ihr ist eine Wut, die sie gerne an ihren Kunden und besonders an Digby, dem Imbissbetreiber, rauslässt. Doch kennen die Menschen sie und akzeptieren ihre schroffe, aber ehrliche und auch irgendwie herzliche Art. Zwischen ihr und Digby ist es stets ein hin und her zwischen Kündigung und Beförderung. Beide brauchen einander, Hannah den Job und Digby sie als zuverlässige Kraft, da sonst keiner sich von ihm in dem leicht ranzigen Imbiss länger ausnutzen lässt. Ihr Arbeitsverhältnis ist an eine Bedingung gekoppelt, dass Hannah ihrer Selbständigkeit nachgehen kann und zuweilen auch das Büro mitbenutzen darf. Sie ist Detektivin und übernimmt Fälle, die bei der Polizei oft als belanglos abgelehnt werden. Sie hilft zum Beispiel ein geklautes Fahrrad zu finden, sie observiert Fremdgeher, um den Lebenspartnern Beweise zu übermitteln. Sie klärt auf, wer Gemüse klaut und auch entlaufene oder entführte Hunde bringt sie zurück. Dabei erhält sie jugendliche Hilfe, wobei sich hierbei die Grenzen zwischen Unterstützung und Täter dezent vermischen. 

Verschwundene Menschen soll sie suchen. Zwei Frauen sucht sie gerade. Eine davon scheint in die Machenschaften von vermeintlicher Call-Center-Kriminalität verwickelt zu sein. Als sie einen weiteren  Fall übernimmt, der sonderbar klingt, kommt einiges ins Rollen. Sie soll klären, wer bei ihrem Auftraggeber den Müll vor dem Eingang auskippt. Als sie nachts das Haus beobachtet wird sie wiederrum beobachtet und gerät in das Visier einer wohl eifersüchtigen Frau, die Hannahs nächtliche Aktivitäten missversteht. Plötzlich hat Hannah eine Stalkerin. Diese nervt, aber scheint harmlos zu sein. Oder doch nicht? Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse und Hannah wird in einen Mordfall verwickelt.

Cody unterhält auf großartige Weise. In der Beiläufigkeit innerhalb der klein dargestellten Welt, entpuppt sich ganz viel Gesellschaftliches. Diese Krimis sind viel mehr: sie sind sehr spannend, klug und weiten den Begriff der Kriminalliteratur unermesslich aus.

Also am besten mit einem Imbissgericht diesen mitfühlenden, herrlichen und düsteren Roman verzehren. Der Roman wurde von Iris Konopik ins Deutsche übersetzt.

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Nona Fernández: „Twilight Zone“

Ein erschütternder Roman über die politische und menschliche Brutalität während der Pinochet-Diktatur in Chile. Das Leben und die Realität erscheinen mit den Folterverbrechen und Hinrichtungen als Hintergrund surreal. Als würde man tatsächlich eine „Twilight Zone“ betreten. Das Buch öffnet diese Tür: „Sie betreten nun eine unbekannte Welt aus Träumen und Gedanken. Sie betreten die unbekannte Dimension.“ Der Hinweis auf die Fernsehserie erfolgt nicht nur im Titel, sondern der filmische Bezug zu den unbekannten Dimensionen wird hier stets zur politischen Entwicklung gesetzt. Nona Fernández begeisterte bereits mit „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ und „Die Straße zum 10. Juli“. In den Büchern geht es um viel: die chilenische Geschichte, die Verbrechen der Vergangenheit und wirtschaftliche Korruptheit. Die Werke von Nona Fernández mahnen gegen das Vergessen. Die Romane sind stets sehr lebendig und packend geschrieben, so dass man sich dem Grauen selten entziehen kann. Durch „Twilight Zone“ wird leider bewusst, wie schnell Menschen zu Monstern werden können und dass es leider selten Graubereiche gibt, denn hier ist die Distanz zwischen Gut und Böse enorm und der Bereich dazwischen kann nur als Wurmloch zu den jeweils unbekannten Dimensionen gesehen werden.

Die Erzählerin ist noch jung, als sie das Titelblatt der „Cauce“ sieht. Abgebildet ist Andrés Antonio Valenzuela Morales, der gegenüber der Zeitungsjournalistin seine Taten gestanden hat: „Ich habe gefoltert“. Das Geständnis des Geheimagenten und seine Mitschuld an den Verbrechen des Regimes, beschäftigen die Erzählerin, die Jahre später anfängt zu recherchieren. Sie grenzt ab zwischen ihrer Vorstellungskraft und den tatsächlichen Ereignissen. Einiges stellt sie sich bildhaft vor, anderes muss sie sich im Laufe nicht mehr vorstellen und die schlimmen Verbrechen werden immer deutlicher. Die Einzelschicksale berühren, verstören und erzeugen eine wütende Verzweiflung. Das Regime hat unzählige Menschen inhaftiert, gefoltert und ermordet. Die Leichen haben sie meist unkenntlich verschwinden lassen. Das Geständnis setzte eine Bewegung frei, die Chile für immer veränderte. Doch was waren es für Menschen, die verschwanden? Wie konnten Menschen so weit gehen und so brutal werden? Wie viele Gesichter kann ein Mensch nur haben?

Die historische Realität erschüttert und wirkt tatsächlich nun gelesen wie ein Gruselroman aus der Twilight Zone. Die Aufarbeitung erfolgte grotesk, denn hierbei waren, wie beim Wiederaufbau, die Täter mitbeteiligt. Nona Fernández verdichtet ihre Literatur mit Wahrheit und Fiktion und schreibt eine Mahnung im Hinblick jeglicher Diktatur und autoritärer Systeme. Die Polarität des Alltags, des Lebens und der menschenverachtenden Verbrechen paralysieren uns beim Lesen. Ein bestürzendes Werk, das wichtig ist und stets dann die Realität verlässt, wenn das individuelle Empfinden an der letzten Grenze angelangt ist. Nona Fernández vermischt Literatur mit essayistischer und autofiktionaler Aufarbeitung und hinterlässt ein wichtiges und lesenswertes Buch. Aus dem chilenischen Spanisch wurde der Roman von Friederike von Criegern übersetzt.

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Nassir Djafari: „Der Großcousin“

Ein fesselndes und weltbereicherndes Werk. Es ist, wie der Verlag tituliert, Luftwurzelliteratur. Luftwurzeln halten sich nicht an Begrenzungen, sondern wachsen über Grenzen hinaus und verwurzeln sich an mehreren Orten. Ein bewegliches Weltverständnis. Menschen haben ebenfalls solche Wurzeln. Sie reisen, wandern aus oder werden zur Flucht gezwungen. Alte Wurzeln keimen somit an neuen Orten. Menschen mit Luftwurzeln fühlen sich nicht nur einem Ort zugehörig. So ist auch diese Literatur komplex und verzweigt in diversen Kulturen.

Es ist der dritte Roman von Nassir Djafari und führt fort, was mit „Eine Woche, ein Leben“ begann. Jedes Werk steht für sich und ist einzigartig, doch kehren wir zurück in den selbigen Kosmos und Familie. Es geht um Herkunft und Identität. Der Autor wurde im Iran geboren und lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland. Seine Literatur dreht sich um die Geschichte beider Länder, beider Kulturen und der Flucht vor der alltäglichen Gewalt und des Ankommens in einer neuen Umgebung. Doch sind es nicht nur zwei Kulturen, die hier berührt werden, denn die Hauptfigur empfindet sich als Kosmopolit und ist beruflich mit der ganzen Welt verbunden. Seine iranischen Wurzeln sind in seiner Identifikation verschüttet. Doch pflegt er eine enge Vater-Sohn Beziehung.

Es ist Abbe, ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann in Frankfurt, der Kunden und Projekte in der ganzen Welt betreut. Iran, das Land seiner Eltern ist nicht mehr das seinige. Er betrachtet vieles rein geschäftlich, auch wenn es zuweilen politisch oder ethisch fraglich werden könnte. Seine Arbeit steht oft im Mittelpunkt seines Alltags. Dies zum Leidwesen seiner Frau, Maria. Maria leitet ein Reisebüro und ist somit auch gedanklich und emotional den Grenzen entbunden. Abbe bekommt plötzlich Post. Ein Brief, den er, da sein Persisch sehr lückenhaft ist, nicht lesen kann. Sein Vater, der in einem Heim lebt, übersetzt ihm diesen. Es ist ein Brief eines fernen Verwandten, der auch kurz darauf vor der Tür steht. Abbe ist misstrauisch und bleibt anfänglich auf Distanz, denn der Besucher ist höflich, aber undurchschaubar. Als er auch um Geld bittet, bestätigen sich für Abbe die Befürchtungen. Doch verändert sich das gesamte Bild. Denn der Großcousin ist dann länger verschwunden, sagt er lebe in einer Wohngemeinschaft, bis er plötzlich erneut auftaucht und wieder Hilfe benötigt. Er ist nicht allein nach Deutschland gekommen, seine Frau und ihr gemeinsames Kind sind dabei. Durch das Auftauchen der neuen Familie aus dem Iran und deren Probleme, Geschichte und Schicksal verändert sich Abbes Leben. Er wird sich seiner eigenen Geschichte und der Herkunft immer mehr bewusst.

Ein Blick auf unterschiedliche Lebensbedingungen, verschiedene Kulturkreise. Die Umstände im Iran mit den dortigen Perspektiven für junge Menschen werden verständlich. Ebenso die Flucht und die Schwierigkeiten beim Wurzeln schlagen. Es geht ferner um Liebe, Verständnis, Familie und die Kultur. Besonders die persische Literatur und Lyrik schimmern durch diese Zeilen. Ein unvergesslicher und weltumspannender Roman, der viele Grenzen auflöst.

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Justin Steinfeld: „Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin“

Fast schon eine Sensation. Ein aufgetauchtes Manuskript aus dem Jahr 1955 ist ein mahnendes Werk, das gerade heute eine traurige Gültigkeit hat. Ein Roman, der alle Grenzbereiche umspielt. Es ist Satire, Utopie und Science-Fiction. Justin Steinfeld (1886–1970) hat zwei Werke hinterlassen. Beide wurden von Steinfeld mit „Ursachen und Wirkung“ tituliert. Beide Teile beschäftigen sich auch mit dem Kausalprinzip. Teil eins ist der autobiografisch geprägte Roman „Ein Mann liest Zeitung“. Dieser erzählt die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Leonhard Glanz aus Hamburg. Der Protagonist verfolgt das Weltgeschehen aus der medialen Distanz und hat die Ereignisse selbst erfahren. Sein Schicksal und die Emigration sind für ihn nicht fassbar. Nun ist das Manuskript Teil zwei gefunden worden und unter den Titel „Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin“ erschienen. Das Grauen der erlebten Zeit aus „Ein Mann liest Zeitung“ wird in das Kommende verlagert. Die Bedrohung und die Kriegstreiberei bleiben erhalten. Die Politik und das Handeln sind bürokratisch, wirr und treiben die Menschen in den Wahnsinn. Ein Roman des Atomzeitalters, der 1955 entstanden ist und durch das aktuelle Geschehen und Waffenrasseln eine unheimliche Aktualität erhält.

Justin Steinfeld wurde 1886 in Kiel geboren, gestorben 1970 in Baldock, England. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung war er journalistisch und für das Theater tätig. 1933 war Steinfeld kurzzeitig im Konzentrationslager Fuhlsbüttel interniert. Ihm gelang die Flucht nach Prag. Er schrieb für die Exilpresse und nach dem Münchner Abkommen floh er nach Großbritannien, wo er bis zu seinem Tod lebte. Sein Roman „Ein Mann liest Zeitung“ schildert seine Erfahrungen der Zeit und ist ein bedeutendes Werk der deutschsprachigen Exilliteratur. Mit „Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin“ dreht er die ermahnende Stimme lauter und macht sich lustig über unser Weltgebaren.

Die Welt ist eine andere und doch die unsere. Grenzen und Fronten gibt es natürlich weiterhin. Am Anfang des Textes schlägt die Uhr natürlich auch zehn vor Zwölf. Die Politik, die Machtapparate und die Kriegstreiber sind misstrauisch, denn es gibt eine neue Bombenart: Clf. Doch was ist das genau? Califa als ganzer Name. Eine Machtposition verfügt über circa 700 Einheiten. Dies ist anscheinend genug, um den Mond gegen den Mars zu sprengen. Der Mensch erfindet Dinge, die ihn und seine Welt stets mehrfach zerstören kann und reicht sich selbst dies als Spielzeug. Genannt wird es dann als Abschreckung. Doch im Roman bleibt es keine Abschreckung. Der Krieg wird ernst. Doch bevor die Vernichtungswaffen losgelassen werden, wird auch die Wirtschaft gelähmt. Die Börse wird geschlossen und eine neue Währung eingeführt. Der Gegenwert des Goldes ist antiquiert, die aktuelle Deckung lautet Califa. Schutz soll ebenfalls organisiert sein. Städte werden unterirdisch erbaut und eine kann sogar schnell bezogen werden. Atombombenschutz gibt es dadurch aber noch nicht, also muss eine weitere Idee her. Eine brennende Gaswand, die bis in die obere Atmosphäre reicht, soll den Luftangriff unmöglich machen. Diese sind der Nährboden des Romans, die Angriffswellen, die Machtreiber und die aufgeheizte Stimmung. Weltmächte, irre Ideen und die Menschen, die sich diese ausdenken und umsetzen. Doch keimt nicht auch eine Hoffnung, eine zarte Liebe auf? Gibt es die Möglichkeit des Friedens, der Waffenstille und der Rettung der Welt?

Ein Roman voller irrem Witz. Makaber und unglaublich packend erzählt. Ein Buch aus der Vergangenheit ist genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Erinnert an den italienischen Kultroman „Terra!“ von Stefano Benni. Doch hat Steinfeld in der Übertreibung stets die Wahrheit der Menschlichkeit erkannt und ermahnt uns lautstark. Ein toll geschriebener und wichtiger Roman. Ergänzt wird der Roman durch ein Vorwort von Jo Hauberg und einem Nachwort von Willi Winkler.

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Elsa Morante: „La Storia“

„La Storia“ ist eine Wiederbelebung großer italienischer Literatur. Elsa Morante wollte als Poetin einen Aufruf gegen jegliche Form des Faschismus in der Welt schreiben. Eine Aufforderung, die Mechanismen zu verstehen und diesen und der daraus resultierenden Gewalt, wo immer diese auftreten möge, entgegenzutreten. Ein Roman, der das Private politisch werden lässt, denn es ist die Geschichte einer Frau, die mit ihren beiden Söhnen im Rom während der deutschen Besetzung versucht zu überleben.

Mit dieser neuen Übersetzung wirft der bereits 1957 erschienene Roman ein Licht auf die Geschichte, besonders auf die Jahre 1941 bis 1947 und zeigt damit eine Vergangenheit, die immer mehr einen Schrecken der Gegenwärtigkeit erzeugt. „La Storia“ war das meistgelesene Buch in der Nachkriegszeit in Italien. Das Buch feierte internationale Erfolge und wurde 1986 mit Claudia Cardinale verfilmt. 2023 folgte eine Serienadaption.

Der Roman ist ein Meisterwerk, das durch seine zugängliche Sprache einen ganzen Kosmos eröffnet. Das Wahrhafte zeigt sich in der persönlichen Welt der Lehrerin Ida. Die Kapitel werden eingeleitet mit den historischen Ereignissen, die die Welt umspannten und das Leben gefährdend beeinflussten. Ida ist verwitwet und alleinerziehend. Da sie jüdische Vorfahren hat, bangt sie mit den aufkommenden Gesetzen um ihr eigenes und das Leben ihres Sohnes. Sie ist erschöpft und lebt in einem Armenviertel in Rom. Die Handlung entfaltet sich mit der Begegnung eines Wehrmachtsoldaten, der Ida vergewaltigt. Ihre Schwangerschaft versucht sie geheim zu halten und auch die Geburt macht sie still bei einer ferneren Hebamme. Jetzt ist sie Mutter zweier Söhne, die unterschiedlicher nicht seien können und versucht, sich und ihre Kinder durchzubringen. Nino, der ältere, wird ein Schwarzhemdträger und möchte kämpfen. Später wird er bei den Partisanen sein. Somit wird in der Handlung immer wieder das Geschichtliche erfahrbar anhand der Charaktere und ihren individuellen Wegen. Der jüngere Sohn, Giuseppe, Useppe genannt, verbringt seine Tage meist daheim.

Die Verknüpfung des einfachen, armen Lebens im Rahmen der zeitgeschichtlichen Ereignisse macht das Buch zu einem Ereignis. Die Menschheitsverbrechen und die Formen der Diktatur stehen auf der Anklagebank und die Zeugen sind einfache und authentisch erfasste Menschen. Die Literatur von Elsa Morante ist Weltliteratur, die sich jedem erschließt. Sie verbindet das Weltgeschehen mit den Auswirkungen im alltäglichen Leben. Durch die Charaktere entsteht eine literarische Wahrnehmung der damaligen Zeit. Die Entmenschlichung und gegenseitige Entfremdung innerhalb der Familie und des Weltgeschehens sind in „La Storia“ die ganze Geschichte. 

Der Titel „La Storia“ ist somit nicht anmaßend, sondern ein sehr passender. Denn diese Geschichte ist eine Bereicherung der Literatur. Der Roman lässt sich langsam bezwingen und kann herausfordernd sein durch die Genauigkeit und den Umfang. Die neue Übersetzung stammt von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski. Ein nachwirkendes Leseereignis.  

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Veit Sprenger: „Wie sie im Vergnügungspark ihre Toten bestatten“

Veit Sprenger ist Theatermacher und jetzt macht er einfach Theater in unseren Köpfen. Er gibt dazu Anregungen und schon ist es passiert, die Stücke entfalten sich und nichts und niemand kann uns daraus retten. Dabei ist das Buch selbst ein Rettungsversuch. Ein Versuch, den Lektüregewohnheiten der Gegenwartswelt zu entsprechen. Die Lesegewohnheit und die Aufnahmefähigkeit der meisten Wenigen oder doch der wenigen Meisten sind ausgestoßene Kurztexte. Der Verweilmoment eines Textes darf im Zeitalter von X (Twitter heißt jetzt X, sonst ändert sich nix), Facebook und Instagram nicht überstrapaziert werden. TikiToki zeigt auch den Weg, wie Gesagtes und Geschriebenes Beiwerk des bewegten Bildes ist. Text muss mit einem Wimpernaufschlag gänzlich erfassbar sein. Somit wird mit diesem Buch Thread durch Quickie geschlagen.

Die sozialen Netze würden aber reißen, denn es gibt auch im Buch, das den Untertitel „Getipptes“ trägt, Geschriebenes mit enormer Überlänge. Wir reden von Texten von eineinhalb Seiten! Aber die meisten Texte sind kurz. Ameisenlektüre. Menschen schrumpfen in einem dieser Fragmente auch durch die Distanz zu Insektengröße. Die Geschichten sind Passagen, Botschaften oder Momente, die alle absurd, böse, außergewöhnlich und abgründig witzig sind. Also kurz und(/)oder gut.

Es taucht ein Hund auf, der anfänglich sein Hobby zum Beruf gemacht hatte, dann als Rentner seinen Beruf als Hobby weiterführt. Die Beerdigung (der Titel-Titel) beschreibt die Möglichkeit des Beerdigungsvorgangs im Vergnügungspark. Wir lernen, wie man eine Absage mit einer Notlüge machen darf, wenn ein Termin genannt wird, den man nicht hat, wobei ein anderer Termin im Kalender eingetragen ist. Zwei Menschen, wohl Doppelgänger, treffen sich beim Müll, der eine bringt, der andere nimmt etwas. Der Vorgang beschämt beiderseits. Ferner erfahren wir Historisches, wie es zum Beispiel zur Bezeichnung des Schlaraffenlandes kam. Eine Frau, die im Wald wohnt und dennoch darum bittet, die Schuhe auszuziehen. Es gibt auch einen Witz mit Schuhen und Verwandten, der bis zu dieser Publikation das Haus nicht verlassen hatte. Natürlich soll auch der Kopf angestrengt werden, denn auch philosophisch geht es in den Texten zu. Spätestens wenn Diogenes mit seinem Fass von Trunkenbolden ins Meer geworfen wird und er der erste Urlauber wird. Es gibt Menschen, die in Hauswänden wohnen, Banden, die das Wahre, Schöne und Gute unerfreulich verwandeln.

Wäre das Handy nicht erfunden, so gäbe es diese Texte wohl nicht. So lautet es zumindest im Prolog des Poeten. Somit ist die ganze Kurzprosa den Daumen gewidmet. Die Texte liegen im Buch so rum und können uns ein Lachen anbieten. Der alltägliche Alltag bekommt durch diese Quickies für die Hosentasche eine womöglich Erklärung. Zumindest entsteht Theater im Kopf mit allen Komödien und Dramen, wie es sich der Dramaturg nur wünschen kann. Also Popcorn nehmen, süß oder salzig, und Spaß haben.

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Kettly Mars: „Kasalé“

Ein Roman, der uns verführt. Voller Sinnbilder und beschriebener Naturelemente tauchen wir ein in eine für uns exotische Welt. Eine fließende Welt, die das Althergebrachte und die aufkommende Moderne auf Haiti beschreibt. Die Menschen sind verwurzelt mit der Landschaft und den Traditionen. Zum einen möchten sie diese bewahren, doch gibt es auch Strömungen, diese langsam abzulegen. Der Roman ist voller magischem Realismus und stellt die Frauen in die Mitte der Ereignisse. Die Sprache, der Klang und die Naturbeschreibungen erzeugen einen spannenden Strudel, der spürbar sinnlich das Leben in Literatur verwandelt. Der Roman zeigt viele Welten. Er wirkt zum einen sehr realistisch, ist dann aber auch voller Magie. Das Spirituelle ist dabei niemals verstörend oder gar aufgesetzt, sondern passt sich dem Bild dieser Literatur an.

In dem kleinen haitianischen Dorf gibt es keine Vorstellung von Stadtplanung. Die Ansiedlung ist aus dem Zentrum heraus gewachsen. Um die ersten Häuschen wurden im Laufe der Jahre weitere Häuser gebaut, je nach Bedarf durch Eheschließungen und Geburten. Die nächsten Verwandten und weitere, die sich ansiedelten, erzeugten somit um den Kern Ringe, die an Kreise erinnern, die ein ins Wasser geworfener Stein erzeugt. Der Zugang erfolgt durch den Hof von Antoinette, Gran´n genannt.

Gran´n bewahrt die Mysterien, die althergebrachten Praktiken und Riten. Sie ist das gefühlte Zentrum der anderen Frauen. Männer tauchen auch auf, doch sind es die Frauen, die im Roman von Kettly Mars das Zentrum sind. Am Anfang wird das Dorfleben heimgesucht von einem Unwetter und am Höhepunkt des Regenschauers fällt Sophonie in andere Umstände. Ein flüssiger Traum bemächtigt sie und ihren Körper. Der Fluss tritt aus seinen Ufern, entwurzelt Natur und zerstört Gebautes. Im Hof von Gran´n wird der Zimtapfelbaum umspült und seiner Erdverbundenheit beraubt. Die Pflanze hängt nun im Gleichgewicht am Faden der Zeit. So deutet es zumindest Gran´n. Sie erkennt dies als ein Zeichen des nahenden Todes. Unter den Frauen in ihrem Umfeld muß eine Nachfolgerin gefunden werden. Diese ist Sophonie, die zögerlich ist und erst langsam erspürt, was es mit dem Kind auf sich hat, das sie erwartet. Ferner muß das Haus der Mysterien, der Aufenthaltsort der Götter, wiederaufgebaut werden. Die Natur zeigt den Menschen ihre Grenzen und auch innerhalb der Gemeinschaft kommt es zu Zerwürfnissen. Die Konflikte vermischen sich mit der Verwurzelung aus der alten Welt und der Moderne.

Kettly Mars hat sich bereits als Autorin und Lyrikerin einen Namen gemacht und zählt inzwischen zu den bekanntesten literarischen Stimmen Haitis. „Kasalé“ ist im Original 2003 erschienen und ist ihr Debütroman, der nun in der deutschen Übersetzung von Ingeborg Schmutte vorliegt.

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Jess Hansen: „ICE 1024 – Die Möglichkeit der Liebe“

Eine Reise in die Menschlichkeit. Ein Zugabteil, zwei Reisende und ihre jeweiligen Geschichten des Aufbruchs. Diese erzählen europäische Geschichte und die individuellen Lebensverstrickungen. Ein berührender Text, voller verpasster Lebensmomente. Ferner ein Antikriegsroman mit einer Friedensbotschaft, der die Sehnsucht nach Ehrlichkeit und Liebe in den Mittelpunkt stellt.

Jess Hansen hat hiermit sein Debüt veröffentlicht. Er ist bekannt als Filmemacher aus Kiel. Der Roman „ICE 1024 – Die Möglichkeit der Liebe“ ist der spannende Anfang einer kommenden Paulsen-Trilogie. Es geht um die existentielle Frage, was uns als Mensch prägt.

In einer anfänglich eher sachlichen und leicht distanzierten Sprache erzählt Jess Hansen über zwei Reisende, deren Wege sich zufällig im Zug von Kiel nach München kreuzen. Nicht nur diese kurze Begegnung verändert ihr Leben, sondern auch die persönlichen Geschichten und die Beweggründe der Reise, die sie sich zögerlich anvertrauen. Die Charaktere wachsen mit dem Fortgang des Werkes. Die anfängliche Distanz hebt sich langsam auf. Dabei wird erst gegen Ende der ganze Name auf den Vornamen reduziert. Die Wiederholungen des ganzen Namens und die Zugbezeichnung minimieren sich mit dem Wachsen des Vertrauens in den Mitreisenden.

Hannes Paulsen fährt an einem Oktobertag nach München. Er nimmt den Direktzug von Kiel nach München. Oft hat er diese Reise bereits angetreten. Doch emotional hat er sein Ziel bisher nie erreichen können. Nun versucht er es erneut und sitzt mit schwerem Herzen in seinem Abteil. Er hat den Fensterplatz gewählt und lässt die Landschaft an sich vorbeirauschen, wie seine Erinnerungen. In Hannover betritt eine ältere Frau sein Abteil. Sie stört Hannes in seiner Wehmut und nimmt Raum ein, den er ihr widerwillig zugesteht. Aus der Abneigung wird während der längeren Zugfahrt ein Bündnis. Denn durch die Nähe, die anfänglich auf körperlicher Zwangsannäherung durch das Abteil basiert, entsteht eine kurzweilige Vertrautheit. Beide erzählen sich ihre Beweggründe der jeweiligen Fahrt und die Verstrickungen in der persönlichen Biographie und in der Geschichte.

Hannes Paulsen ist Sportreporter und möchte seine Tochter in München besuchen. Dreißig Jahre hat er sie verleugnet. Dann, als ihn sein Vatersein einholte und er den Kontakt suchte, hat er bisher stets einen Rückzug aus Bindungsangst gemacht. Nun reist er erneut nach München mit der festen Absicht, Ronja kennenzulernen. Lise, die ältere Mitreisende, wurde zum wiederholten Mal ihrer Heimat beraubt. Sie war eine Bäuerin und hat erneut den Hof und ihre Heimat verloren. Ebenfalls hat sie ein Fluchterlebnis aus den Wirren des Zweiten Weltkrieges erlebt. Wiedermals steht sie vor dem Nichts und möchte nun ihre damalige große Liebe wiedersehen. In ihrem wenigen Gepäck hat sie unbeantwortete Liebesbriefe und ein Fläschchen mit starken Schmerzmitteln. Was ist das genaue Ziel ihrer Reise?

Beide Geschichten kreuzen sich im Abteil. Dabei bekommen sie kurzweilige Unterbrechungen durch den Schaffner, einen Bekannten aus Kiel und einem verunglückten Hund, der gerettet wird. Jeder Zwischenhalt bringt die beiden ihrem Ziel näher und dem Versuch, die Liebe in ihrem Leben zuzulassen. Weitere Charaktere sind Ronja, die als Tochter nur kurz auftaucht, und Alois, der altersdement in Südtirol lebt und von seiner Tochter gepflegt wird. Alle Geschichten vereinen sich auf der Zugfahrt mit dem ICE 1024 von Kiel nach München.

Ein Roman, der uns Geschichte erlebbar werden lässt und ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit und Liebe ist. In der Leichtigkeit des Romans und der unterhaltsamen Ebene verbergen sich philosophische und spirituelle Anspielungen.

Hinweis: Am Donnerstag 10. Oktober 2024 findet um 19:00 Uhr eine Lesung mit Jess Hansen bei uns in der Buchhandlung statt.

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Olga Ravn: „Meine Arbeit“

Das Buch ist ein Zermalmer des Alltäglichen und doch zeigt es genau dies: Die alltägliche Arbeit einer Mutter und einer Schreibenden. Dabei lösen sich Grenzen auf. Innerhalb der Menschlichkeit und in den Gattungen der Literatur. Ein Buch, das uns hineinzieht in eine reale Welt, die uns ständig umgibt und doch wenig betitelt wird. Eine Welt, die uns alle, egal welche Geschlechterrolle wir spielen, angeht. Das Buch ist nicht nur für Eltern oder Familien, es ist ein Rundumschlag und benutzt dabei alle erdenklichen Mittel. Wie in einer Zauberhutschachtel verlassen wir die bewussten Ebenen und versinken in den mehrfachen Anfängen, den diversen Fortsetzungen, den Tagebucheinträgen, Krankenakten, dem Schwangerschaftstagebuch und den Gedichten.

Die Erkundung beginnt im Versuch, die Mutterschaft literarisch zu fassen. Es ist Anna, eine schwangere Frau, 28 Jahre alt und Schriftstellerin. Später ist sie Mutter und lebt in Kopenhagen, dann Stockholm. Ihr Mann, Aksel, ist Schwede, Vater des Kindes und Dramatiker. Das Kind wird 2016 geboren und dadurch verändert sich alles.

Diese Betrachtungen waren ein Manuskript. Wirr und unsortiert. Wer hat es geschrieben? Anna, natürlich, aber dann taucht die Erzählerin auf. Ein verschachteltes Spiel mit Spaltungen beginnt. Die Erzählerin hat zum Geschriebenen eine Distanz. Die Erzählerin ist natürlich nicht Olga Ravn. Nach der Geburt ist sie, Anna, eine andere Frau geworden, die nun Jahre später ihre Literatur findet, ihre Notizen und Berichte. Anhand des Tagebuches erhält die Prosa eine Fixierung. Somit ist der Roman ein irrwitziges Schauen auf das Leben. Im Mittelpunkt der Lebensanfang eines Kindes. Der Weg dorthin und die lange schmerzvolle Geburt als einer der Anfänge, der den Mythos der Mutterschaft entkräftet und gleichzeitig bestärkt. Das Wunder der Doppeldeutigkeit gelingt großartig und bewegt. Im Mittelpunkt die Arbeit als Mutter und als kreativ Schaffende. Sie erlebt sich, ihr Umfeld und fragt, ob sie es schaffen kann. Die Geschlechterrollen überrollen sie und ihren Mann ungewollt. Kann sie genug lieben? Hat sie die Kraft? Die Schwangerschaft krempelt das Leben um. Anna verliert ihren Platz in der Welt und gerät in einen mentalen Schwebezustand, den sie zu fixieren versucht. Daher auch die dreizehn Anfänge. Das Neue im Leben benötigt die ganze Aufmerksamkeit und es bleibt kaum Raum für das Selbst. Die Beziehung ist bedroht. Angst vor dem Ungenügend sein überlagert den Beziehungsfrust und den Lebensschmerz. Als Mutter funktionieren zu müssen und leistungsstark zu sein verursacht Furcht. Anna schreibt fast manisch und alles, was sie nebenbei zu Papier bringt, sprengt Formen. Der Wunsch, ein ganz normales Buch zu schreiben, gelingt der Erzählerin kaum bei der monströsen Arbeit. Die Gedanken als Notizen oder durch lyrische Wahrnehmungen verlassen die Scham, entfremden sich und versuchen den Lebenshalt neu zu formulieren. Die heile Familie als Bild, als Metapher, wird sprachlich zermalmt und aufgebaut, denn am Ende steht eine neue Schwangerschaft.

Das Buch ist ein Gesamtkunstwerk aus Erlebtem, medizinischen Dokumenten, Dialogen und Emotionen. Jede Betrachtung bekommt einen eigenen Sprachraum. Inhalt und die verwendeten Stile sind Literarische-Tektonik. Aus dem Dänischen von Alexander Sitzmann und Clara Sondermann übersetzt. Ein erstaunliches Werk, das trotz des Umfangs schnell inhaliert werden kann, uns zügig in seinen Bann zieht und durchwühlt. 

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John Wray: „Unter Wölfen“

John Wray schaut erneut in die Welt der Nebenfiguren. Seine Aktivisten suchen einen Zusammenhalt in einer Gemeinschaft, die am Rand der Gesellschaft ist. Wray schaut in das Provinzielle innerhalb der Großstädte und Regionen und setzt Charaktere frei, die in uns ein Eigenleben entwickeln. Ende der achtziger Jahre in Florida, später L.A. und Bergen suchen junge Menschen, die aus schwierigen Familienverhältnissen stammen, einen Ausstieg aus der Gesellschaft. Sie betreiben eine Flucht, die sie der Realität entkommen lässt. Ihre Welt ist die Musik. Eine Musik, die aufbegehrt, die schreit, wimmert und den Zuhörer zu Boden wälzen kann. Sie feiern den Metal, der gerade die Einflüsse des Hard Rocks verlässt und das Extreme ausweitet. Es dienen dabei der Horror, das Phantastische und das Mystische als Ebene, um den Frust, die Verzweiflung und die Wut zu filtern. Doch ist es auch eine Flucht, eine Weltflucht, um dem Gesellschaftlichen, dem Biederen, dem Routinierten und dem Konsum entkommen zu können. Der Mensch erscheint in dieser Kunstform tierischer als jedes Tier, um sich selbst zu erkennen und einzudämmen. Dabei entsteht eine Freiheit, die nicht philosophisch, sondern durch Klang erzeugt das Unbewusste anregt.

Es sind drei Freunde, Kip Norvald, Leslie Vogeler und Kira Carson. Kip wohnt bei seiner Großmutter und hat psychische Probleme. Er gerät ab und zu in einen weißen Raum, der ihn vergessen lässt, während er äußerlich ausrastet. Leslie wohnt als Schwarzer bei seinen Adoptiveltern und ist oft rassistischer Gewalt ausgesetzt. Beide freunden sich an und durch Leslie lernt Kip den Death Metal kennen. Das Nihilistische und die hörbare Resignation verstärken ihren Eindruck der gesellschaftlichen Missstände. In Venice spielen viele ihrer Bands in kleinen Clubs und sie saugen alles auf. Dabei lernen sie Kira kennen, die mit ihrem brutalen Vater in einem Trailer lebt. Ihre Freundschaft, Liebe und Hingabe zur Musik lassen sie zusammenwachsen. Sie sind Ausgegrenzte, die ihre Verletzungen durch Härte kaschieren wollen. Dabei suchen sie die Wahrheit und Ehrlichkeit. Sie wollen die Dinge sehen und erleben, wie sie sind. Sie betreiben Realitätsflucht, wollen dabei aber nicht so tun, als wäre die Welt eine bessere, als sie ist. Ihr Soundtrack ihres Weges zum Erwachsenwerden ist ein verzerrter Klangraum, der stets das Extreme auslotet. Innerhalb der textlichen Ausrichtung der Musik gibt es eine Veränderung. Die Bands werden auch erwachsen und als zum Beispiel Metallica nach allgemeingültiger Gerechtigkeit fragen, beginnen auch Kip, Kira und Leslie die Dinge mehr zu hinterfragen. Sie verlassen die Sümpfe ihrer Kindheit, um im Kunstlicht von L.A. ihre Freiheit zu finden. Auch hier zelebrieren sie ihre Musiker und Bands in legendären Clubs. Ihre Liebe zueinander bricht und sie erkennen, dass sie sich zwar brauchen, aber auch gegenseitig herunterziehen. Besonders Kip ahnt, dass seine Liebe zu Kira unerfüllt bleiben könnte. Ihr Risiko ist immer die Dunkelheit, die sie droht aufzusaugen. Im Prolog verschwindet Kira aus dem Blickfeld. Was ist passiert und was erfährt Kip erst Jahre später?

Das vermeintliche Paradies in Florida als Kulisse einer Jugend, die im Filmlicht um Hollywood und in der mystischen Winterlandschaft Norwegens ihre Wege finden muss. Realitätsverlust aus Sorgen und Wut. Ein enorm lauter Aufschrei aus den Randbezirken der Gesellschaft als Kunstform hat nun auch die Literatur erreicht. Ein großer amerikanischer Roman über Liebe, Freundschaft und Kunst. Die Kunst als Metapher der eigenen Zerstörung, um Freiheit zu erlangen, kann nur als Bild funktionieren. John Wray schreibt mit viel Empathie zu seinen Figuren und erzeugt eine Stimmung, die uns wie ein Metal-Konzert nicht loslässt. Wenn das Saallicht ausgegangen ist, die Akkorde genossen wurden und das Licht erneut angeht, verbleibt ein Beben und Wummern. Ein Thriller und Entwicklungsroman. Man muß kein Metalhead sein, um sich in diesen Zeilen zu verlieren und sich in die Figuren zu verlieben. Antihelden in einer Welt voller Zerwürfnisse. John Wray beweist erneut sein Können als großartiger Erzähler. Sein Wissen um die Musikgeschichte und deren Akteure kennzeichnet ihn selbst als Fan. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Bernhard Robben.

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