Lyrik ist ein feinfühliger und komprimierter Kunstblick. Kunst und Literatur entzäunen unsere Phantasie. Dieses kleine Buch ist ein Kunstwerk und ein Begleiter, der in jede Tasche passt und durch die japanische Bindung immer und gut gelesen werden kann. Das Verweilen in den Zeilen erzeugt, wie im Titel versprochen, eine Stille, eine Reduktion und Reflektion. Es sind Gedichte, die durstig nach mehr machen. Es sind lyrische Betrachtungen die natürlich individuell sind und doch durch die Fixierung in Poesie uns gemeinsam erreichen, berühren und zum Nachsinnen anregen. Die Gedichte werden durch kryptische Notizen, Gedankenschübe, die im Querformat gesetzt sind, eingeschoben und verirren sich zu den eigentlichen Gedichten.
Das Bild, das sich in uns ergießt, ist eine Umkehrung von Weltenbetrachtungen. Unsere Gegenwart macht irre, lässt uns schwindeln und hinterlässt Gedankengewitter. Diese sind Ausgangspunkt der Betrachtungen und doch wird die Ruhe gesucht, das was uns aus den schwindelnden Zeiten erwachen lässt. Unser Miteinander kühlt ab, unsere Empathie schrumpft und unser Empfinden kennt wenig Fein- und Mitgefühl. Also ist es Zeit für Gedichte! Lyrik ist die Steigerung der Kunstform der Kurzprosa. Hier wird durch Worte, Begriffe und Klänge ein Sprach- und Gedankenraum erzeugt. Diana Jahr schreibt Lyrik und Kurzprosa und ist als Lektorin und Herausgeberin tätig. Sie lebt für die Literatur und veröffentlichte Gedichtbände. Einige Werke von ihr wurden bereits ausgezeichnet.
„in der stille | werden wir durstig sein“ sind Worte, die an uns, an jemanden gerichtet sind, die Trost und Hoffnung schenken. In den dunklen Nachtstunden spüren wir die Hand, die uns gereicht wird, erahnen den Vogel, der den Morgen begrüßt. Es sind Zeilen, die uns berühren, innehalten lassen und den Kopf fragen lassen, ob es verklärt ist oder einfach nur treffend und schön. Der Verstand und das Gefühl finden sich im Letzteren wieder.
Ich möchte meinen Aufruf hiermit erneut bekräftigen, mehr Lyrik zu wagen! Werden wir durstig nach Gedichten und trotzen durch Literatur jedem Sturm.
Ein Buch voller Wechselwirkungen und Verbindungen. Ein Tanz zwischen Lyrik, Prosa, autofiktionalem Erzählen und Nature Writing. Hier bedingt alles einander. Durch die Sprache wächst die Landschaft. Das Sehen, Erfassen und Beschreiben fließen ineinander. Literatur übermittelt Gedanken und Gefühlsmomente des Schreibenden, die durch unsere Betrachtung zu unseren Empfindungen werden. Das geschieht mit diesem Buch ganz leicht, ganz unbefangen und doch keimen in den Episoden viele Themen, die dem Werk auch noch das Sachliche eines Essays verleihen. Das vorliegende Werk weckt Erinnerungen an Nataša Kramberger: „Verfluchte Misteln“. Beide Werke leben von den Landschaftsbeschreibungen und Selbstreflexionen.
Die Landwirtschaft, die Landflucht bedeutet eine Naturliebe, die nicht immer harmonisch ist. Die meisten Vorstellungen sind verklärt. Doch durch die aktuellen Themen und Ereignisse verändern sich unsere Blicke. Wir nehmen die Natur mit Blicken auf, essen ihr Gemüse und spüren und riechen die Lüfte. Dies gelingt auch durch diese Literatur, die sich in die Landschaft eingräbt und unsere gegenwärtigen Fragestellungen beleuchtet. Es geht um das Leben, die Sorgen und um das Miteinander. Die Örtlichkeit wird literarisch vergoldet, aber nicht alles muß glänzend sein. Es ist eine Landschaft, die aus einer baumarmen Steppe besteht. Das Klima, der starke Wind erreicht somit die Erde ungebremst und das Behagliche verschwindet.
Clara Heinrich beschreibt, was sie sieht, umtreibt und liest. Ihr Text wird begleitet durch Einschübe und Marginalien, die aus Zitaten bestehen wie zum Beispiel von Ursula K. Le Guin und Péter Nádas. Die Autorin kennt sich mit Landwirtschaft aus, kommt zurück aus der Stadt und arbeitet in der Natur und pflegt nicht nur diese, sondern muss dann auch für ihren am Fatigue-Syndrom erkrankten Lebenspartner da sein. Es gibt somit neben dem titelgebenden Gold auch einige Schattenwürfe. Überbegrifflich geht es somit im ganzen Werk um Fürsorge.
Hier trifft Natur auf Kultur und Menschlichkeit. Aus der Weite und Leere einer Landschaft wird ein Füllhorn an Gedanken. Mit einer poetischen Intensität verwebt Clara Heinrich die Genres, die Stilelemente und macht sich schreibend Luft. Denn auch klingt hier stets Wut neben dem Humor, wie das Schöne neben dem Dunklen.
Ein Buch, das tatsächlich Gewicht hat. Es ist eine Literatur, die uns fragen lässt, mit welchen Gedanken wir in den Zeilen verweilen und mit welchen Emotionen wir diese verlassen. Bücher sollen gefallen, aber müssen sie, um in uns zu bleiben, Wohlfühlmomente auslösen? Literatur ist dazu da, um uns unbekannte Welten, Gedanken und Ereignisse zu zeigen. Literatur kann mehr sein als ein Sachbuch, das durch Fakten besticht. Die Kunst der Erzählung weckt neben den wahren Ereignissen unser Mitgefühl, unser Empfinden und verankert sich dadurch viel stärker. Literatur ist vorrangig die Gabe, etwas kunstvoll zu erzählen und dadurch unser Weltbild zu bereichern. Unsere Phantasie ist grenzenlos. Leider auch in jede Richtung. Die menschliche Kreativität zeigt sich auch im Schrecken. Wenn das Grauen unbeschreiblich wird, muss es erneut durch Literatur erfunden werden, um uns zu erreichen, um uns zu mahnen, zu erinnern und abzuschrecken.
Bahram Moradi wurde 1960 in Broujerd, im Iran geboren. Dort hat er als Schauspieler, Dramatiker und Regisseur am Theater gearbeitet. Er wurde damals von der Bühne als politischer Aktivist verhaftet, gefoltert und inhaftiert. Mitte der achtziger Jahre musste er fliehen und lebt seit 1994 als Schriftsteller und Kritiker in Berlin. Sein literarisches Werk umfasst Erzählungen, Romane und Theaterstücke. Sein Schaffen erreicht eine weltweite Leserschaft und eines seiner Werke ist nun auch endlich in der Deutschen Übersetzung erschienen. Es wurde aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß übersetzt und ergänzt durch ein lesenswertes Nachwort von Gabriele von Arnim. Nach dieser Lektüre sollten wir uns die Frage gefallen lassen, wie standhaft wir selbst sind? Haben wir den Mut oder sind wir mutlos, wenn es um unsere Werte und Freiheit geht? Wie sicher kann ich meiner selbst sein?
Es ist Juni 1981 und im Iran geht ein Junge spazieren. Er möchte seinen Kopf frei bekommen und gerät in eine Situation, die eskaliert. Ein Jeep steht defekt, blutig und mitten auf der Straße. Die Mechanik des Scheibenwischers kann zwischen klimatischem Niederschlag und Körperflüssigkeit nicht unterscheiden. Das Bild setzt sich fest und lässt das Grauen in eine andere Perspektive rücken. Besonders für den dreizehnjährigen Jungen. Er wendet sich ab und schaut sich die Auslage in einer Buchhandlung an. Vor zwei Jahren siegte die islamische Revolution und das neue Regime beginnt die politische Opposition auszuschalten. Eine Welle von Skrupellosigkeit und Gewalt beherrscht das Land. Die Gewaltbereitschaft endet auch nicht bei Minderjährigen. Peyman Bamshad ist seit diesem Tag verschwunden, er ist das dreizehnjährige Kind, das lediglich an jener Kreuzung stand und sich Bücher anschaute. Er wird angesprochen und inhaftiert. Es ist eine Verwechslung mit dem Bruder und jahrelang, muss er versuchen, sein Selbst zu bewahren, zu stärken und stets zu behaupten. Er taucht ein in eine unwirkliche und unmenschliche Welt, die man selten senkrecht und meist horizontal verlässt. Um das Grauen zu ertragen verflüchtigen sich die jugendlichen Empfindungen und Gedanken in Parallelwelten. Der Schrecken wird unverständlich und nur durch die Lächerlichkeit begreifbar. Es entsteht über Jahre eine eigene Wahrnehmung und Sprache, ein ganz eigener und körperloser Humor, der sich dem Schmerz entwindet. Die Einsamkeit, das Misstrauen und die unterschiedlichen Verlegungen lassen das Empfinden schrumpfen. Die Regeln in Haft sind ganz andere und lassen, nach der Freilassung, keine Realität mehr zu. Nach der Freilassung sucht Peyman die Freiheit und kann diese kaum finden. Die Isolation bleibt bestehen, nun in einer eigenen Reduktion im Keller des Elternhauses. Er verkriecht sich im Keller und verlässt diesen nicht.
Der Erzähler versucht, alles zu begreifen, er versucht, das Erlebte zu erfassen und seine Wahrnehmung wandert aus den Erinnerungen in den Keller und zurück in den Zeiten. Der erwachsene Protagonist und der dreizehnjährige Junge werden eins und versuchen sich jeweils selbst zu definieren.
Ein Roman, der erschrickt, verstört und mit Geschichte, Erinnerungen, Erlebtem und Emotionen spielt. Der brutale Witz taucht auch in Begrifflichkeiten und Namen auf. Diese sind zum Beispiel Niemalsjemals, Zärtling und Yasser-die-Schonfrist-ist-um. Die Intensivität des Erzählens steht bei diesem Werk stets im Vordergrund. Ein Roman, der Wunden zeigt, aufreißt und erzählerisch als Kunst offenlegt. Es ist der Fingerzeig, was passiert, wenn Gesellschaften erkalten und totalitäre Systeme das Sagen erlangen. Was passiert mit der Individualität, wenn Grauen ein Normalzustand wird?
Es ist der Augenblick, der unser Leben bestimmt. Das wahre Jetzt ist nur ein Wimpernschlag und doch kann die Wahrnehmung und unsere Reaktion darauf alles verändern. Harald Darer schaut stets genau hin und nach seinen Romanen veröffentlicht er nun Erzählungen, die er unter dem Titel „Makula“ vereint. Die Erklärung folgt als Einführung: „In der Mitte der Netzhaut gibt es einen Bereich, in dem die Sehzellen besonders dicht angeordnet sind: die Makula. Hier befindet sich, so heißt es, der Bereich des schärfsten Sehens.“ Darer unterhält und macht aufmerksam. Es ist immer der Moment, der uns innehalten und uns das Wesentliche erfassen lässt. Darer lässt uns teilhaben an seinem Blick auf Familie, Gemeinsamkeiten, Betriebliches und Gesellschaftliches. Figuren, Charaktere, Personen und das empfundene oder erlebte Ich werden dabei eins.
Das was uns verbindet, kann auch jenes sein, das uns zu trennen vermag. Gleich am Anfang wird der Verlust der gedankenlosen Unbeschwertheit mit dem Heranwachsen vertieft. Dabei sind die tiefgründigen und bewegenden Betrachtungen stets auch humorvoll. Der Generationsunterschied zeigt sich zum Beispiel bei der Wettervorhersage. Hört man diese immer, auch wenn man nichts vorhat, oder ignoriert man diese, auch wenn man viel plant? Das jugendliche Ausschlafen als Freiheitsempfinden wird von den Eltern mahnend in Frage gestellt, weil doch nichts mehr vom Tage übrig bleibe. In dieser Erzählung haben Brüder unterschiedliche Autounfälle, die ganz andere Verläufe nehmen. Beim einen ist es ein Blechschaden, der dem einen Bruder dramatisch erscheint und doch wohl nur eine Bagatelle ist. Der andere ist schwer verletzt. Das berufliche, öffentliche Leben trifft bei diesen Geschichten auf das Persönliche und Individuelle. Die Sonnenfinsternis als gesellschaftliches Ereignis kann auch das Persönliche blenden. Jeder Moment ist voller Lebensmomente und das Unaufgeregte kann für Aufregung sorgen. Es geht um Begegnungen und Erlebnisse, die sich auf Parkplätzen oder beim Putzen ereignen. Ein Firmenausflug nach Belgrad oder eine Fahrt nach Indien, die Zauberhaftes verspricht und doch nichts davon erfüllt. Das konturreiche Sehen, jenes, das sich im Brennpunkt ereignet und doch den Moment erfüllt und das mögliche Drama lediglich für den Betrachter offenbart. Das Alltägliche trifft auf das Ungewöhnliche und der Moment lässt uns verweilen. Das Vertraute verändert sich mit dem genauen Hinschauen und der Blick fokussiert oder verzerrt sich.
Diese Erzählungen sind schön, schrecklich und bringen den alltäglichen Blick in Schieflage. Durch die Verschiebung der Perspektiven, die Momentaufnahmen und die momentanen Überraschungen wird das Wichtige im Leben verdeutlicht.
„Nichts Wichtiges stirbt“ sagt der Vater beim Abschied zu seinem Sohn in dem Roman „Europäische Erziehung“ von Romain Gary. Diese Aussage trifft auch auf das vorliegende Buch zu. Denn es ist eine Wiederentdeckung und Neuübersetzung. Aus dem Französischen von Birgit Kirberg, die diese Veröffentlichung ermöglicht und vorangetrieben hat. In dem 1944 erschienenen Romandebüt erzählt Romain Gary von Partisanen, die für die Freiheit kämpfen und vom Überleben in den Wäldern. Es ist ein „Coming of Age Roman“, in dem der Protagonist während des Zweiten Weltkrieges sehr schnell erwachsen werden muss. Zehn Jahre nach dem Krieg hat Gary, der bereits ein bekannter und ausgezeichneter französischer Schriftsteller war, beschlossen eine neue und überarbeitete Version von „Éducation Européenne“ zu veröffentlichen. Das Buch erschien auch 1962 in der deutschen Übersetzung „General Nachtigall“ ist aber seitdem gänzlich verschwunden. Nun ist dieses wichtige Buch wieder in einer guten und eindringlichen Neuübersetzung verfügbar. Es ist eine existentielle Geschichte über unsere europäischen Werte und unser Friedensverständnis. Romain Gary wurde 1914 in Vilnius geboren und starb 1980 in Paris. Er war Regisseur, Übersetzer, Diplomat und Schriftsteller. Während des Krieges war er in der französischen Luftwaffe als Pilot eingesetzt und später Generalkonsul in den USA. Als bisher einziger Autor gewann er zweimal den Literaturpreis Prix Goncourt, da er auch unter Pseudonym veröffentlichte.
Janek ist fast noch ein Kind. Sein Vater hat im Wald ein Versteck gefertigt und das Erdloch ist gut getarnt und mit einer aufgelegten Tür und Zweigen fast unsichtbar. Der Vater ist Arzt und ein Aktivist und will den Menschen weiterhin zur Seite stehen. Doch sein Sohn soll überleben, daher haben sie eine Höhle gegraben, präpariert und mit Lebensmitteln, einem Schlafplatz und einer Feuerstelle ausgestattet. Für Janek wirkt alles anfänglich noch spielerisch, doch die ersten Nächte und das spätere Fernbleiben des Vaters, lässt ihn das Kindliche immer mehr ablegen. Um ihn herrscht Krieg und das Leben ist menschenverachtend. Überall wird gemordet, vernichtet und verbrannt. Janek ist allein in seiner Höhle und verbringt einige Tage versteckt, bis die Not immer größer wird. Er macht sich über das Leben seine Gedanken. Eventuell sterben wir, wenn wir handeln, oder gerade wenn es nichts zu tun gibt. So sind seine Gedanken. Sterben ist gleich schwer wie leben in diesem Winter. In der Ferne wütet der Kampf um Stalingrad. Nach einigen Tagen, als der Vater ihn nächtlich nicht mehr aufsucht, kriecht Janek aus der Höhle und trifft auf weitere Versteckte, Waldler und Untergrundkämpfer. Diese haben alle eine unterschiedliche Herkunft, aber hier in ihren Höhlen und Verstecken hebt sich das auf. Janek wird selbst aktiv und überbringt zum Beispiel Nachrichten. Er trifft dabei auf Zosia und es entsteht in der Gemeinsamkeit eine Liebe. Die unmenschlichen und extremen Bedingungen machen ihnen das Leben schwer und doch erleben sie jeden Tag, wofür es sich zu kämpfen und zu überleben lohnt.
Eine kindliche Irritation wird durch erwachende Ratlosigkeit und Gefühllosigkeit abgelöst. Dann keimt die Hoffnung, die an das Gute glauben lässt und wird durch die Liebe bestärkt. Das Menschliche belebt diesen Roman, der unser Freiheitsempfinden grenzenlos bestärkt. Dieser Text hat eine klare Botschaft und ist fast aktueller denn je. Literatur kann Empathie stärken, Menschlichkeit und Solidarität bestärken. Auch wenn Bücher alleine gelesen werden, haben sie stets etwas sehr verbindendes. Also bleibt zu hoffen, es werde mehr gelesen, es werden solche Bücher gelesen und wir verlieren nicht den Glauben an das Gute.
Ein Roman, der uns hineinzieht in eine dunkle, aber auch lichtvolle Welt. Hoffnung wächst aus dem Drama und ganz langsam verliert sich der Schmerz, die Einsamkeit schwindet und die Menschlichkeit wird spürbar. Eine Geschichte, die uns fühlen und an unser Miteinander glauben lässt. Die Liebe überstrahlt hierbei alles und vermeidet den Kitsch. Denn der Ursprung keimt in der Shoah, dem Holocaust und doch ist es ein Roman, der das Überleben zelebriert. Es ist ein Werk, das das Leben feiert, das Leben danach, das Leben als Heimkehrer, der das Grauen überlebte.
Ein historischer Roman über das Überleben der menschlichen Gräueltaten und ein Liebesroman. Der Autor möchte in seinem Text viel integrieren und schafft diesen Tanz gekonnt und öffnet durch die Geschichte nach dem Holocaust eine ungewöhnliche und mutmachende Perspektive. Ein beeindruckendes und überwältigendes Debüt über einen Neuanfang.
Es ist Mai 1945 und Petr kehrt in seine Heimatstadt Prag zurück. Als Auschwitz-Überlebender kann der Siebzehnjährige die um ihn herrschende Siegesfreude und Aufbruchstimmung nicht gänzlich verstehen. Der Zukunftsoptimismus hat keinen Platz für einzelne Schicksale und die Bürokratie ist ein Beschleuniger der Vergangenheitsverdrängung. Das jüdische Schicksal hat sich dem System erneut einzugliedern. Mit einem Kohlenzug erreicht der junge Mann, der geschändet und naiv die Realität erfassen lernt, seine alte Heimat. Er weiß, auch seine Familie muss überlebt haben und hofft, diese auch bald Zuhause anzutreffen. Doch sein Elternhaus wurde von den Behörden an andere Mieter vergeben, denn seine Familie habe ja „freiwillig“ den Wohnort verlassen. Völlig entkräftet und entwürdigt, kann sich Petr nicht behaupten und benötigt Hilfe, die er auch bekommt. Durch eine liebevolle Frau, die behördlichen Einfluss hat, erlangt er eine neue Zuflucht, die er mit weiteren Heimkehrern teilt. Da durch den Krieg und die damaligen grauenhaften Bestimmungen alles jüdische Leben unmögliche wurde, fehlen sämtliche Papiere, die eine eigentliche Legitimation ermöglichen würden. Erneut ist es die Bürokratie und die eigene Machterhaltung der Entscheidenden, die den Rückkehrern das Leben schwer macht. Gegen diese äußeren Widerstände und das eigene Trauma beginnt Petr den Weg zurück ins Leben. Sein Mitbewohner unterstützt ihn durch sportliches Training und durch die allgemeine Zuwendung kommt er immer mehr zu Kräften. Jeden Tag liest er die Nachrichten und hört die Meldelisten im Radio ab, um zu erfahren, ob seine Familie ebenfalls bald heimkehrt. Er sitzt stundenlang am Bahnhof und hofft auf das Eintreffen seiner Eltern. Namenslisten werden zu seiner Obsession und dabei verliert er den Blick auf das eigentliche Leben. Jenes Leben, das unmerklich den empfundenen Schmerz zu minimieren versucht und die Einsamkeit jeden Tag weiter verringert. Petr begegnet bei einem Planungsessen Ilse. Eine zarte und kluge Erscheinung, die ihn bei weiteren Begegnungen immer mehr Fasziniert. Er verliebt sich in sie. Ilse ist eine junge Jüdin aus Prag, die die tschechoslowakischen Behörden rückwirkend als Deutsche eingestuft haben. Ihr droht eine Ausweisung und sie muss in einem Heim wohnen und ein entbehrungsreiches Leben führen. Petr ist zu oft auf sein eigenes Schicksal fokussiert, um ihre Sorgen gänzlich zu begreifen. Die Wahrnehmungen kehren sich um und eine menschliche Entwicklung und Reise stehen beiden bevor.
Ein wichtiger Text, der das Menschliche neben dem Unmenschlichen wachsen lässt. Die Erinnerungen an das Leben in Auschwitz blitzen nur kurz auf, denn es geht im Roman um das mögliche Leben danach. Liebe ist ein Heilmittel und kommt hier nicht als Verklärung vor, sondern als Triebkraft zum Überleben. Die Liebe zur Familie und zu jener neugefundenen. Das Körperliche beginnt in der Auszehrung, dem Schmerz und der Kraftlosigkeit, um den Bogen zur gestärkten Individualität und sogar zur Erotik zurückzufinden.
Eine lesenswerte und emotionale Reise durch das Nachkriegseuropa bis nach Palästina. Ein spannender und begeisternder Debütroman, der vieles zu verknüpfen versteht und in allen Szenen spannend erzählt ist. Aus dem Tschechischen wurde der Roman von Raija Hauck übersetzt. Ein überwältigendes Werk.
Julia Armfield begeistert mit ihrer Literatur. Durch die Lektüre verwässert sich alles und unsere Welt bekommt durch die beschriebene Auflösung eine neue Festigkeit. Die Verwandlung geschieht durch das empathische Empfinden und durch das Inhalieren der Texte, die unsere Emotionen beeinflussen. Wir leben stets in unserer eigenen Welt, so wie wir sie sehen, wahrnehmen und empfinden. Literatur ist das Salz unseres Daseins, das ermöglicht unsere erbaute Membran zu durchwandern und einen inneren Konzentrationsausgleich herzustellen. Unsere physische und psychische Haut wird durch Literatur durchlässig. Es sind neun Erzählungen, die das Sein neu kartographieren.
Julia Armfield kann keinem Genre gänzlich zugeordnet werden, sie steht darüber und ihre Werke sind voller literarischer Intensivität. Es sind großartige Textbilder, die unsere Elemente auflösen und neu vermischen. Die Erzählungen sind spannend, unheimlich und vielschichtig. Die Kurzgeschichten haben etwas poetisch Kafkaeskes und vermögen uns wie fremdartige Gruselgeschichten zu erschrecken. Poe hätte seine Freude daran und das Schöne zeigt sich auf wunderbare Weise in seiner Umkehrung und Wandelbarkeit. Unsere Körper, unsere Organe durchwandern eine literarische Metamorphose. Erneut wurde Julia Armfield aus dem Englischen von Hannah Pöhlmann übersetzt.
Wer die Autorin bisher nicht für sich entdecken konnte, sollte es mit diesen Stories wagen. Ihr Roman „Gestalten der Tiefe“ ist ein Fazit ihres Könnens. Diese Geschichten sind ein Weg, eine Bereicherung oder gelungene Vertiefung ihrer literarischen Welt. Es wird mit Farbprismen gespielt, die an der Oberfläche unseres Bewusstseins sind und unseren eigenen Schattenwurf verändern. Das Unheimliche tanzt mit der empfundenen Realität. Unser Unterbewusstsein wird eine unerforschte Untiefe, die wir durch solche Werke immer wieder versuchen zu ergründen und zu erforschen.
Die Geschichten handeln von emotionalen Zuständen. Es sind Erfahrungen, die wir alle durchwandern: Einsamkeit, Liebe, Trauer und ungerechtes Empfinden, das wiederum die Rachsucht entfacht. Die Metaphorik wird, wie in ihrem Roman, niemals verklärend eingesetzt, sondern außergewöhnlich, spielerisch und kunstvoll verwendet. Alles ist skurril und wandelbar. Das Alltäglich bricht auf und unsere seelische und körperliche Daseinsform wird transformiert.
Die Sprache begeistert und ist voller Poesie. Die Geschichte und die Worte erzeugen Bilder, die unter unsere Haut gehen und dadurch diese Membran, unseren Schutzfilm, auflösen. In allen Texten bricht etwas aus dem Ursprünglichen hervor, das Verpuppte zeigt seine Wirklichkeit. Der Titel sagt es bereits, es geht um fabelhafte Wesen oder Ereignisse, die etwas Irdisches bekommen und dadurch unser Leben würzen.
Die Werke von Armfield sind wunderbare Gedankenkonstrukte, die unsere Wirklichkeit poetischer erscheinen lassen. Im Mittelpunkt steht immer das Weibliche, das Körperliche, das sich durch das Geistige umwandelt. Die Haut, die Membran, die durchlässig werden kann, ist immer eine Metapher für Selbstschutz. Dabei steht die Verwundbarkeit stets in Relation zu unseren Beziehungen. Die Geschichten lassen uns Wut, Trauer, Frieden und Freude empfinden. Die eingefangenen Momente sind durch Liebe und Leben geprägt. Diese Geschichten sind wunderbare Erfahrungen, die unsere Welt verzaubern.
Yulia Marfutova stellt anhand ihres Romans die Frage nach Herkunft. Die Erzählenden leben in einem anderen Land als ihre Mutter geboren wurde. Die Mutter, Marina, schweigt über ihre Jugend in der Sowjetunion der 1980er Jahre.
Wenn das menschliche Drama uns überragt, kann lediglich das Märchenhafte einspringen. Das Fabelhafte, das Phantastische entspringt einer Realität und tritt ein, wenn es schwer fällt über das Grauenhafte zu sprechen. Wir verdrängen, flüchten oder schweigen. Doch können die Zeitzeugen bald nicht mehr berichten und somit wächst in den folgenden Generationen eine verständliche Neugier und ein Wissensdrang. Doch was ist, wenn es ein Schweigen bleibt und wir uns nur noch das vorherige Leben vorstellen können?
Die Töchter von Marina stellen sich Fragen und denken sich mögliche Szenarien aus. Da das wirkliche Schicksal und Drama noch im Verborgenen liegt, kommen weitere Stimmen hinzu. Die Stimmen kommen von leicht überheblichen Mäusen, die über ein enormes Wissen zu verfügen scheinen. Doch der magische Realismus und dieser Kunstgriff, der sprechenden Tiere, die über den zeitgenössischen Roman eine zarte Fabel legen, werden gegenüber der immer stärker heraustretenden Geschichte stiller. Es ist ein ganz zarter, poetischer Text, der in sich menschliche Dramen verbirgt und offen legt. Es ist eine Familien- und eine jüdisch geprägte Herkunftsgeschichte. Marina träumt davon, die Sowjetunion zu verlassen. Ihre Töchter erkunden später, warum sie ging. Wie war ihr Leben als junge Frau? Die Töchter kennen ihrer Großmutter Nina nicht und diese wird dennoch phantastisch realistisch. Eine Ingenieurin, die sachlich mit Zahlen spielen konnte, aber auch das Wahrsagen beherrschte. Ingenieurskunst stellt sich bei den Betrachtungen gegenüber den Traumphantasien. Die umstürzenden Entwicklungen bringen gesellschaftliche Veränderungen und die Vergangenheit wird von Mäusen berichtet, die ebenfalls in dem Comicroman „Maus“ von Art Spiegelman das Drama erzählen.
Erzählt wird nicht nur durch die ungewöhnlichen Erzählstimmen mit feiner Ironie. Die Lebensrätsel werden durchschaubar, aber nicht alles wird gänzlich ausgesprochen. Die Luftschlösser wachsen und verändern sich durch Überschreibungen, wie ein immer neu geschriebener Brief. Neben dem Heiteren, den zarten Betrachtungen und fabelhaften Spielereien, keimt das Verheimlichte, das erst gegen Ende immer deutlicher wird.
Ein geistreicher Roman, der kurz ist und doch viel erzählt. Das Spiel zwischen den Relationen und Realitäten gelingt großartig und am Ende erfasst es uns gänzlich. Wir Menschen möchten eigentlich den verrückten und bedrückenden Weltenrealismus nur durch das Märchenhafte begreifen.
Am 29.10.2025 war die wunderbare Yulia Marfutova bei uns zu Besuch. Sie lebt in Boston und kam aus Bremen nach Kiel für eine Lesung im Literaturhaus. Wir haben für Leseschatz-TV über ihren fantastischen Roman „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“ kurz gesprochen.
Wir haben uns unglaublich über den Besuch gefreut!
Alles beginnt wie ein Küstenkrimi. Doch weiß der Drehbuchautor, Cineast und Literat Andreas Pflüger, was wirkliche Spannung bedeutet und der Anfang ist nur ein humorvoller Hinweis auf ein betuliches Genre, das der Großmeister dann gehörig umpflügt. Denn er pflügt erneut durch die Geschichte und selten wurden Romane spannender geschrieben. Sofort sind wir der Handlung und den Protagonisten verfallen und können uns nur noch wundern, warum die friesische Witterung plötzlich in einen Kugelhagel umschlägt und Amrum Ausganspunkt für globale Ereignisse ist. Pflüger verwebt Historisches mit Fiktion. Auch gibt es Hinweise zu seinen vorherigen Werken, doch ist keinerlei Vorkenntnis nötig, um diesen Roman gänzlich zu genießen.
Es ist der Geburtstag von Luzy Morgenroth. Sie lebt seit Jahren auf Amrum. Sie ist Provinzpolizistin, die sich mit ihrem Kollegen um meist kleinere Delikte kümmert. Während der Inselsaison bekommen sie Verstärkung, aber nicht in den ruhigeren Monaten, denn dann sind es lediglich die Einheimischen, die mal zu schnell fahren, etwas zu viel getrunken haben oder Jugendliche, die ihre Grenzen auslotsen. Sie sind als Polizisten stets mit dem Festland im Kontakt und teilen sich sogar mit Föhr das technische Equipment, um zum Beispiel überhöhte Geschwindigkeiten messen zu können. Das Leben auf der Insel ist geprägt von einem Miteinander, auch im Revier. Luzy weiß, dass ihre Freunde eine Überraschungsparty geplant haben, doch spielt sie überrascht, als sie zu einem Einsatz in einer der Dorfkneipen gerufen wird. Es ist Herbst im Jahr 1989 und an diesem Tag hatte sich ein Gast mit falschen Papieren im Hotel „Deichgraf“ einquartiert und die Insel bereits wieder verlassen. Luzy ist plötzlich alarmiert und als dann auch noch ein Anruf während der Feierlichkeiten eintrifft, dass der Bruder der Gastronomin von der Fähre verschwunden ist, erwacht in Luzy ein alter Raubvogel. Der Verschwundene arbeitet auf der Fähre und war im Hafen von Dagebüll, sowie beim Zwischenstopp auf Föhr noch an Bord. Danach ist er verschwunden. Hat er einen Suizid begangen, weil er einen unverwundbaren Verlust seit Jahren betrauert oder war er bestimmten Menschen im Weg? Denn die Recherche zeigt, dass ein gemietetes Fahrzeug aus Kiel mit dubiosen Menschen die Insel erreicht hat. Luzy, die auf Amrum lediglich untergetaucht war, ist wieder hellwach. Der Gast mit den falschen Papieren, jenes Fahrzeug und der spätere Leichenfund, lassen sie auf ein Killerkommando schließen. Doch wer ist das eigentliche Ziel? Ein Sturm macht die Abreise aller Betroffenen vorerst unmöglich und der verliebte Kollege von Luzy geht etwas zu naiv einer Spur nach und plötzlich kommt es zu einer gefährlichen Eskalation. Luzy ist wieder die Alte und denkt in ihren alten Mustern. Sie verlässt nach einigen Jahren Verschnaufzeit das Eiland und begibt sich in ihr wahres Leben. Luzy, die einfache Inselbeamtin entpuppt sich als Agentin, als Frau, die immer an der Front tätig war und kein einfaches, bürgerliches Leben führen konnte. Die Zeit auf Amrum war ein kurzes Geschenk, denn sie findet bei den Tätern auf der Insel einen Hinweis, dass ein alter Feind und Gegner anscheinend wieder da ist.
Pflüger pflügt und springt durch Ereignisse, Zeitgeschichte und Handlungsorte. Anfänglich von Amrum zur BKA-Zentrale und einem israelischen Ausbildungscamp. Doch dann öffnen sich viele weitere Wege, Möglichkeiten und Zielorte. „Kälter“ ist ein unglaublich fesselnder Thriller, der nicht mit Spannung und Humor geizt. Ein Kollege fragt in der Handlung, wo Luzy es gelernt habe, so zu denken. Diese Frage stellt sich nun dem Leser und wir möchten den Autor fragen, woher er seine ganzen Kenntnisse hat. Denn neben musikalischen und cineastischen Anspielungen, ist das Buch voller damaliger Ereignisse, die sich lediglich nur der Handlung angepasst haben, und akribisch erarbeitetem Wissen früherer Spionagetätigkeiten. Ein wunderbarer und toll recherchierter Spannungsroman, der uns förmlich ein- und aufsaugt.
Ein Roman, der uns eine Welt erschließt, die nicht wirklich fern ist und doch meist unbeachtet neben dem gewöhnlichen Alltag verläuft. Es ist ein Ruf nach einem freien und unabhängigen Leben. Ein Roman, der vieles verbindet. Es ist ein Roman, der von einem Zusammenleben erzählt. Es ist ein außergewöhnlicher DDR-Roman und wurde inspiriert durch wahre Begebenheiten. Eine Kommune, die wie aus einer Utopie zu stammen scheint und aus einer Gemeinschaft von Menschen besteht, die Freiheit suchten und den damaligen Normen und üblichen Vorgaben entkommen wollten. Gegründet wurde die Wohngruppe von Behinderten. Die Nichtbehinderten, die „Latscher“, sind Systemaussteiger die innerhalb der Kommune leben und somit die Behinderten, sofern nötig, im Alltag unterstützen. Alles wird geteilt, die Bücher, das Essen, die Musik und die Rente oder die finanzielle Unterstützung.
Es beginnt mit einer Feier, einer Hochzeit und einem Konzert. Eine Band spielt lauten Bluesrock und die ganze Kirche feiert taktvoll und lauthals mit. Es ist keine wirkliche kirchliche Trauung, aber eine die Wirkung zeigt. Mittendrin Rollstuhlfahrer und ein Mann, der den Raum erfüllt und den alle zu kennen scheinen. Alles fühlt sich gut und leicht an. Es ist, wie der gerade gespielte Song der Band, ein kleines Paradies im Hier und Jetzt. Doch gleich nach der Feier erklingt das Telefon, alles unterliegt den Kontrollen, den Spitzeln. Die Stasi war ein Gespenst, ein gesellschaftlicher Geist, der immer da war, aber meist unsichtbar und unheimlich. Doch keimt auch innerhalb der wirklichen Kommune etwas Stolz mit, dass gerade sie es sind, die auffallen und das Staatliche provozieren. Sie, die nur frei sein wollen und ihr Recht auf unabhängiges Leben fordern und innerhalb der Gemeinschaft das auch zu leben versuchen.
Ende der 70er Jahre in Thüringen leben behinderte Jugendliche in einem Heim. Nachdem sie volljährig geworden sind, haben sie die Wahl, in ein Altersheim zu gehen oder zurück zu den Eltern. Die Freunde beschließen auszubrechen. Sie wollen frei sein und ein selbstbestimmtes Leben führen. Der Staat bewilligt ihnen eine Rente und Pflegegeld. Das wollen sie in einen Topf werfen und Pfleger finanzieren. Dies sind Leute, die auch nicht in das gängige System passen. Ein Haus erhalten sie von der Kirche. Es entsteht eine gelebte Utopie aus Hippies, Punks und freiheitsliebenden Menschen. Da das Geld knapp bemessen ist, entsteht auch auf dem Grundstück die Form der Selbstversorgung.
Karsten Krampitz vermischt Fiktion mit Wirklichkeit. Die Grenzen lösen sich auf großartige Weise auf und wir werden Zeitzeugen, die jene Ereignisse geistig, emotional und sogar sinnlich mitverfolgen können. Der Autor schrieb für Straßenzeitungen, ist Schriftsteller, Historiker und Journalist. Er ist Mitbegründer von „Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen“ und ist dort mit den tatsächlichen Mitbewohnern der Kommune in enge Berührung gekommen. Doch ist „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ ein Roman und die Geschichte dient der erzählten Handlung, die erfunden und frei von den wirklichen Begebenheiten in Hartroda ist.
Die Kommune in Hartroda ist Mittelpunkt der Ereignisse und das Leben der damals „Aussortierten“ strahlt bis in unsere Gegenwart. Im Roman sind es Gruns und Mozek die im Mittelpunkt stehen. Gruns, der unter Muskelschwund leidet und körperlich abhängig ist von Hilfe. Er hat kein Abitur, aber dennoch einen Abschluss in Theologie und darf somit als ausgebildeter Prediger agieren. Dies kommt der feierfreudigen Gemeinschaft gerade recht, denn Gottesdienste müssen nicht polizeilich angemeldet werden. Mozek pflegt Gruns und ist innerhalb der Gemeinschaft eine Konstante. Er ist ein stiller Mensch, der nebenbei Fernschachturniere betreibt. Diese werden postalisch ausgeführt und somit zeigt sich am Ende des Romans, das die DDR nach ihrem Zerfall sogar noch etwas gewinnen konnte. Mozek ist ein Introvertierter, da er ein ehemaliger Grenzer war und mit seinen Schuldgefühlen hadert.
Der Roman zeigt unglaublich viele Facetten, die belebt werden durch Schicksale der damaligen Zeit. Alles wir mit viel Empathie, Humor und Verständnis erzählt. Manches ist episodenhaft und ergänzt lediglich die Handlung im Großen und Ganzen. Es ist ein Roman, der zeigt, wie ein menschliches Zusammenleben möglich ist. Wie Integration und ein Miteinander sich aus der Utopie verabschieden können und diese Wirklichkeit wird. Ein Roman, der Spaß macht und sehr viele Gedankenportale öffnet. Ein wichtiges und unbedingt lesenswertes Werk.