Nail Guillaume: „Man badet nicht in der Loire“

Es sind diese Momente, die wir verinnerlichen, die in sich die absolute Freiheit versprechen. Der erste Tag vor den Ferien oder jener Moment, vor dem wir stehen, wenn ein Wechsel bevorsteht oder eine Lebenssituation sich verändert, die mit voller Emotion und Lebensenergie beladen ist.

Guillaume Nail erzählt von diesen Momenten, die voller Kraft, Hoffnung und Unsicherheiten sind. Jene, die gefühlt alles beinhalten, aber uns auch alles nehmen können. In der Jugend steht uns gefühlt die Welt offen und alles ist möglich. Doch je weiter die Lebensenergie strömt, desto mehr wird uns diese Lebenskraft genommen. Es ist ein großartiger und feinfühliger Roman, der mit der puren Lebensfreude beginnt und dann einen Spannungsbogen aufbaut, der durch den Perspektivenwechsel ein Abenteuer über unsere persönlichen Grenzen aufzeigt. Grenzen, die durch uns, durch das Lebensumfeld und die äußeren Einflüsse gesetzt werden.

Es ist ein heißer Sommer in Frankreich. Es ist der letzte Augustnachmittag im Feriencamp. Es sind die letzten Momente in der Unbestimmtheit, in der wilden Selbstbestimmung der Jugend. Die Grenze zum Alltag rückt näher und ein letztes Aufbäumen vor dem Reglement ist das süße Versprechen der Freiheit. Ein Ausflug, ein Picknick an der Loire ist geplant. Mit der Gruppe und dem Bus geht es los. Doch vor dem eigentlichen Ziel kommt es zum Stopp. Die jugendliche Meute voller unbändiger Kraft, toleriert von den Erziehungsberechtigten, aber doch auch mit maßvollen Augen beobachtet, möchte etwas erleben. Jeder weiß, in der Loire geht man nicht baden. Wie ein mahnendes Sprichwort wird dies mahnend im Sprachgebrauch benutzt. Doch der Übermut und die äußere und innerliche Hitze verlangen das abkühlende Nass. In der Jugend verbirgt sich die Unsterblichkeit. Doch je mehr wir uns von der Jugendhaftigkeit entfernen, desto mehr gewinnen die äußeren Einflüsse. Freundschaft, unbändige Lebenskraft und die Einwirkung des Unbestimmten und des Umfeldes verändern unser Leben. Leben und Tod ist ein kindliches Spiel, ein Klang, der mit dem rotierenden Alltag immer an Bedeutung zunimmt.

Durch das Wechselspiel der Perspektiven ist diese Lektüre ein Lebensrausch, der fesselt. Ein Roman, der klug und wirklich gut geschrieben ist. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Paul Sourzac. Der Autor hat vor und hinter der Kamera gestanden. Er ist Drehbuchautor und hat Kinder- und Jugendbücher geschrieben. „Man badet nicht in der Loire“ ist sein Debüt in der belletristischen Literatur. Der Roman ist sehr sinnlich und cineastisch komponiert. In zügigen Szenenwechseln erfassen wir die unbändigen Kräfte des Lebens. 

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Mirko Bonné: „Wege durch die Spiegel“

Die Bücher von Mirko Bonné sind immer ein Refugium und er zählt zu den bedeutendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur, zumindest hier im Leseschatz. Mirko Bonné schreibt Lyrik und Romane und versteht es, seine Gedanken und Emotionen in Wortbildern einzufangen. Diese Gedanken und besonders die durch den Sprachklang eingefangenen Emotionen ergreifen uns beim Inhalieren der Zeilen. Es ist eine Lyrik, die uns fesselt, nachsinnen lässt und zu einer konstanten Wiederkehr einlädt. Die Gedichte sind zugänglich und verschließen sich nicht, sondern erzeugen eine Begeisterung, die dann vereinzelt wie unbemerkte Insektenstiche nachwirken. Aber dies im positiven Sinne, denn Lyrik erzeugt einen Nachklang, wie eine Erinnerung, um die es bei diesen Gedichten zuweilen auch geht.

Lyrik ist eine hohe Kunst der Literatur, denn sie verinnerlicht Gefühle und Gedanken. Dabei benutzt sie die Form, den Klang und die Reduktion, um das Wesentliche freizusetzen. Wie ein Bildhauer, der das eigentliche Werk aus dem Material befreien muss. Mirko Bonné überrascht stets und seine Sprache ist sinnlich. In seinen Romanen und seine Texten schwebt oft eine schöne Melancholie, die durch eine Heiterkeit getragen wird. Wir streifen mit ihm durch seine Gedanken, Geschichten und begleiten ihn auf seinen Spaziergängen, die durch Landschaften verlaufen oder in imaginäre Welten abzweigen. Er gibt der Stille einen Raum und seine Lieder, Balladen und Kurzgedichte berühren durch den erzeugten Resonanzraum. Dadurch wird das Persönliche, das er als Autor fixiert, bearbeitet und als Buch abgegeben hat, nun zu unseren persönlichen Texten. Der Weg durch den Spiegel muss auch stets am Ego vorbei, durch die Spiegelfläche und sich auslösend in der Umkehr wiederfinden.

Die Streifzüge durch die Landschaften und durch das Leben in dieser Lyrik haben etwas Bleibendes und entkräften die Vergänglichkeit. Mirko Bonné spürt nach, schaut genau hin und erzählt durch Verse und hält Momente fest, die Spuren hinterlassen. Aber welche Spuren bleiben von uns und welche Spuren hinterlässt die Geschichte in uns? Wir wandeln mit der Gedichtsammlung durch stets wiederkehrende Kurznachrichten aus der Unterwelt, zu Skorpionen, durch den Spiegel und drehen uns gegen den Uhrzeigersinn. Mirko Bonné ist Autor, Lyriker und Leser und somit verneigt er sich in seinen Zeilen vor vorgelebten Größen. Er betreibt Erinnerungsarbeit. Er benennt Kindheit und Geschichtsaufarbeitung oder die Verdrängung des vermeintlich abgelegten Schreckens. Das Positive im Leben ist dennoch stets ganz nahe. Manchmal ist es nur ein kurzer Moment, ein Blick, der wie ein Riss im Alltäglichen aufblitzt. So lebt auch diese Lyrik, die nicht schweigt, auch in der Stille und den Lücken. Alles ist bei Mirko Bonné bedeutungsvoll und doch nicht hochtrabend, sondern durch Schönheit zugänglich. Eine Dichtung, wie es im „Lied aus Allem“ heißt, die sich zurückzieht, tarnt, versteckt und sich aus dem Hinterhalt, aus Widerstand und Hoffnung zusammensetzt. Guter Lyrik entgeht nichts. Es liegt an uns, diese in uns zum Singen zu bringen. Dabei sind kleinste Betrachtungen, wie die von einem Insekt, hilfreich, das jene Poren erklimmt, die wir übersehen.

Es sind Wanderungen durch Landschaften und Gedankenspaziergänge. Lichtvolle Momente, die oft frankophil sind. Alle Texte verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk und wollen einzeln oder im Ganzen öfters aufgesucht werden. Ein wunderbares Spiegelportal aus Sprache und Kunst.

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S. Rayker: „Yay!There“

Ein Buch, das sich, wie der Hauptcharakter, nicht wirklich benennen lässt. Es ist ein Unterhaltungsroman, der aber diverse Gedankenanstöße bietet. Es liest sich zuweilen wie ein Jugendbuch, geht aber darüber weit hinaus und spricht eine weiträumige Zielgruppe an. S. Rayker ist das offene Pseudonym von Sonja Rüther und erneut verbindet sie in diesem Roman viele ihrer persönlichen Themen. Auf den ersten Blick ist es ein Musikroman. Musik spielt in ihren Werken immer eine besondere Rolle. Musik und Literatur sind Transporteure von emotionalem Wissen. Ein Wissen, das sich nicht sachlich, aber durch die Geschichte und die Empathie zu den Figuren in uns verankert. Gerade die Empathie ist der Motivator des Romans, denn es geht um das Anderssein dürfen, sich und andere so zu akzeptieren, wie sie sind. Egal, woher wir stammen, wie wir aussehen, wie wir uns kleiden oder wen oder was wir lieben. Toleranz und Empathie gehen gesellschaftlich verloren, dies kann durch beständiges Lesen verhindert werden. Dieses Buch ist dabei eine unterhaltsame Unterstützung. Sonja Rüther hat daher auch das Vorwort ihrer Tochter überlassen. Denn es geht viel um Ausgrenzung und Mobbing. Dies hat leider Norina Rüther, wie zu viele, in der Schulzeit erleben müssen. Mobbing trifft meist nicht Menschen, weil sie anders sind, sondern weil sie sich am wenigsten dagegen behaupten wollen oder mögen. Die Täter suchen sich stets jene, die am wenigsten Widerstand leisten.

Der 16-jährige Jay ist so jemand, der beständiger Schikane ausgesetzt ist. Sein Erscheinungsbild ist sehr androgyn und er weiß selbst nicht, wer er wirklich ist. Durch den Verlust seiner Mutter ist er noch introvertierter und trauert mit einer stillen Wut. Einen seiner Peiniger hat er gestoßen und dieser liegt nun im Krankenhaus. Es gab keine wirkliche Auseinandersetzung, warum Jay so reagierte, keine Diskussion wurde seitens des Internats in den USA, auf das er ging, geführt, denn er flog von der Schule. Sein Vater ist für die Sicherheit anderer, meist Promis, zuständig und stets global unterwegs. Jetzt muss er sich um Jay kümmern. Gerade jetzt, wo er für die Sicherheit der K-Pop-Gruppe Yay!There zuständig ist, die weltweit eine großes mediales Interesse erzeugt. Jay distanziert sich von den Massenereignissen und flüchtet sich in seine eigene Welt, die er anhand von Bildern, Skizzen und Mangazeichnungen fixiert. Sein Vater hat sich nie wirklich um ihn gekümmert und somit fällt es beiden schwer, den anderen jeweils zu verstehen. Besonders nicht, weil da noch Jane ist, mit der sein Vater bereits länger ein Verhältnis zu haben scheint. Führt sein Vater somit auch zwei Leben? Gleich wie Jay, der stets zwischen den Welten schwebt, ohne sich zu einer gänzlich hingezogen zu fühlen? Gibt es einen Zwischenraum, der ihm bisher verborgen blieb?

Jay wird auf der Tournee von Yay!There ein Teil des ganzen Teams. Er versucht sich bedeckt zu halten, verursacht aber gerade dadurch oft Probleme und versteht es auch in Folge, die Presse und die Fans auf sich aufmerksam zu machen. Schnell wird er als jener brutale Schläger erkannt, der von der Schule geflogen ist. Dies kann für das Image der Boyband schwierig werden und das Management setzt nun enormen Druck auf ihn und seinen Vater aus. Gerade Jane ist es, die sich oft für Jay verantwortlich fühlt und somit kommen beide sich zwangsweise näher. Auch mit der Band, die ihn in ihrer Mitte während der wenigen freien Stunden integrieren. Besonders Yi-jun, der von den Fans die meisten Bewunderer hat, sucht Jays Nähe. Dabei hat Jay bisher zu dieser Art von Musik keinen Zugang gefunden. Doch immer mehr findet er ein Gehör für die Musik und für die Stimmungen seines Umfeldes. Sein Plan ist es dennoch, sobald die Tournee in Paris angekommen ist, dort ein neues Leben anzufangen. Yi-jun, der charismatische und ebenfalls androgyne Sänger bleibt aber ein beständiger Begleiter von Jay und möchte mehr erfahren und ziemlich zügig erfährt Jay auch, warum.

S. Rayker, d.h. Sonja Rüther, versteht es, spielerisch die großen Themen zu verpacken. Sie benutzt eine Alltagssprache, um Authentizität zu erzeugen. Dies gelingt ihr sofort, denn die Charakterzeichnungen sind sehr plastisch und durch die Szenen erhält die Handlung immer mehr Komplexität. Dies ist mit den Romanen von Stephen King zu vergleichen, der mit seinem literarischen Handwerk sofort Bindungen zu  den Figuren und der Handlung erzeugt. Sonja Rüther schreibt begeistert über Musik, wie in ihren Werken oft. Es ist keine besondere Zuwendung zu einer Musikrichtung nötig, um die Hingabe nachzuvollziehen. Es sind dann ihre Themen, die sie beflügeln. Es geht um Mobbing, um das Ausbrechen aus gesellschaftlichen Klischees und um das Finden seiner Rolle im Leben, ohne eine vorbestimmte erfüllen zu müssen. Es geht besonders in diesem Roman um Anerkennung, Akzeptanz und Empathie. Die Illustrationen im Buch stammen ebenfalls von Sonja Rüther.

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Theres Essmann: „Schwarzer Schwan“

Ein musikalisches, kleines Werk, das schön erzählt ist. Es sind zwei gescheiterte Lebensläufe, die zueinander finden und sich ergänzen. Es ist eine Neuausgabe der 2020 erschienenen Novelle „Federico Temperini“ – siehe meine damalige Besprechung auf leseschatz.com.

Der Ich-Erzähler ist Jürgen Krause. Er hadert mit seinem beruflichen und privaten Lebenslauf und ist Taxifahrer in Köln. Seine Ehe ist gescheitert und eine seiner größten Sorgen ist, dass sein Sohn, Leo, sich mehr zu dem neuen Lebenspartner seiner Exfrau hingezogen fühlen könnte, als zu ihm, dem eigentlichen Vater. Eines Tages erhält er einen knappen und bestimmten Anruf von Federico Temperini, der ihn als Fahrer, fast schon als Chauffeur, buchen möchte. Federico Temperini zahlt für den ganzen Abend und möchte lediglich zur Philharmonie gefahren werden. Jürgen Krause soll draußen warten, denn es ist ungewiss, ob der Fahrgast bereits vor Ende des Konzertes heimgefahren werden möchte. Federico Temperini bucht immer wieder diese Fahrten. Die Annäherung der unterschiedlichen Männer geschieht tänzelnd. Oft sind es die wortkargen Kritiken, die Temperini zu dem soeben gehörten Konzert zum Besten gibt. Doch sind diese stets von einer sachlichen Präzision. Wer ist dieser sonderliche und mystisch wirkende Fahrgast?

Der Vater von Jürgen Krause war Chauffeur und hatte viele Berühmtheiten gefahren. Auch Eric Clapton, dessen Biografie Jürgen Krause gerade liest. Nun wird er durch Temperini erstmalig mit der klassischen Musik in Berührung gebracht. Die Neugierde wächst, auch weil immer wieder das Gespräch auf Niccolò Paganini gelenkt wird. So ist Krauses derzeitiges gehörtes Saitenwunder Clapton berühmt durch seine ruhige, langsame Spielkunst auf der Gitarre. Dagegen wurde Paganini, der berühmte Geigenvirtuose, bereits zu Lebzeiten durch seine ekstatische und brillante, ausufernde Spieltechnik zur Legende. Die Gitarre und die Geige sind zwei Bilder dieser beiden unterschiedlichen Männer, die sich durch die Taxifahrten und gemeinsame Spaziergänge anfreunden.

Hier trifft das Vergangene auf die Moderne. Immer mehr bekommt Krause von Temperini Informationen über das Leben von Paganini in Form von diversen Dokumenten zugespielt. Krause erhält somit gedruckte Medien anstelle von Internetinformationen. Er, der ständig in Köln mit dem Wagen unterwegs ist, kauft auch selbst noch lieber im Internet als im Handel. Er nutzt oft das Telefon, ohne mit den Menschen wirklich zu reden. Dies wird ihm langsam immer bewusster. Er erfährt immer mehr über Federico Temperini und dessen Handverletzung, die er beständig zu kaschieren versucht. Bis Temperini plötzlich bei einer gebuchten Fahrt nicht auftaucht…

Es geht um Verlust, Freundschaft und Anerkennung. Der Text ist eine kleine Bühne für einen Moment des Stillhaltens und der Betrachtung des Gegenwärtigen.

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Ben Shattuck: „Die Geschichte des Klangs“

Der Klang des Lebens erklingt meist in der Stille, wenn die Töne innehalten und uns Raum geben, diesen nachzuspüren. „Die Geschichte des Klangs“ besteht aus zwei Kurzgeschichten, Kapiteln, die sich wie ein jeweiliger Akt miteinander verbinden und einen Gleichklang erzeugen, der Raum und Zeit verbindet. Dieses kleine Buch ist ein Meisterwerk der Verknappung, das aber durch die Reduktion einen enormen Klangraum erzeugt, der uns emotional sehr berührt. Aus dem Englischen wurde es übersetzt von Dirk van Gunsteren.

Die beiden verwobenen Kapitel erzählen Handlungen, die durch Musik getragen werden. Musik als Erweiterung der Geschichte. Lieder sind Erzählungen, die in einer Komprimierung der Sprache, Rhythmus und Melodie uns durch dadurch erzeugte Emotionalität reisen lassen. Diesen Kunstgriff verwendet auch das Buch von Ben Shattuck und erzeugt einen Klang, der uns still, aber innerlich laut berührt.

Es ist April 1984 und der Arzt von Lionel sagt, er solle, um der Schlaflosigkeit zu entkommen, seine Geschichte aufschreiben, die 1916 begann. Er hat ein Paket von einer ihm unbekannten Frau erhalten. Diese Frau ist Annie, wie sich in Folge herausstellen wird. Er hat drei Bücher über amerikanische Folkmusik geschrieben und somit ihre Aufmerksamkeit erlangt. Sie bewundert seine Arbeit. Sie hat ein Haus gekauft und beim Aufräumen fünfundzwanzig Wachswalzen für Phonographen gefunden, die einen Bezug zu Lionel haben. Er war Siebzehn, als er 1916 David kennenlernte. Er war im ersten Semester am New England Conservatory, als er in einer Bar David am Klavier beobachtete. David sammelt Lieder und spielt Songs, die auch Lionel kennt. David ist musikalisch sehr begabt und kann alles, lediglich einmal gehört, sofort erfassen und spielen. Lionel wiederum hat das perfekte Gehör und ist mit einer schönen Singstimme gesegnet. Beide verlieben sich und erleben miteinander die erste große Liebe. Diese wird durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Nach dem Krieg, den David an der Front erlebt hat, bekommt Lionel von ihm eine Einladung, ihn einen Sommer zu begleiten. Sie wollen durch die Natur wandern und dabei Volkslieder sammeln und diese mit Hilfe eines Phonographen festhalten. Nach dieser Wanderung bricht der Kontakt ab und Jahre später, als die Wachszylinder auftauchten, erklingt die Erinnerung und die Liebe erneut. Annie ist es, die jenen Fund gemacht hat. Sie ist ebenfalls auf der Suche nach ihrem Klang des Lebens. Ihre Sehnsucht und Zweifel erhalten im zweiten Teil des Romans ihre Zuwendung und Tiefe.

Ein Text, der mit einer Zartheit die Bedeutung des Lebens und der Liebe in uns zum Erklingen bringt. Dieser kurze Text ist bis ins Kleinste komponiert. Die Wirkungskraft der Musik und Kunst ist eng mit unseren Gefühlen verbunden und das lässt uns das Buch auf jeder Seite spüren. Ein Text, der sich nicht aufdrängt, aber der in uns eindringt und über Verlust, Liebe und Lebensmomente erzählt, die stets diverse Möglichkeiten bereithalten. Ein kleines, wunderbares Meisterwerk.    

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Mareike Krügel: „Inseltage mit Rosa“

Mareike Krügel schreibt für Erwachsene und Kinder. Sie lebt mit ihrer Familie mit Hühnern und Hunden in Schleswig-Holstein. Die Werke von ihr und ihrem Mann, Jan Christophersen, begeistern und wandern stets zu unseren Leseschätzen.

„Inseltage mit Rosa“ ist ein Buch über Freundschaft, Trauer, Verlust und über den Raum, der sich öffnet, wenn wir es lernen loszulassen. Wohl das emotionalste Jugendbuch (ab 9 Jahre) von ihr bisher. Die Illustrationen stammen von Anna Schilling.

Lila lebt oft in ihrer Phantasie und zieht sich in ihre Welt zurück. Diese Innenschau ist eine geschützte Isolierung und somit wird ihre Welt zu einer Insel. Eine Insel, die sie aber tatsächlich besucht, denn ihr Vater, der sie allein erzieht, muß beruflich weiter und bringt Lila, eigentlich Linnea, zu ihrer Großmutter, die mit ihrer Lebensgefährtin eine Schäreninsel mit einer kleinen Hütte hat. Die Freundin der Oma lebt neuerdings in einem Pflegeheim und Mu, Linneas Großmutter, hat die Insel bisher gemieden. Doch nun wollen sie gemeinsam dort ein Wochenende verbringen.

Linnea wurde von ihrer besten Freundin Lila genannt. Mit dieser Freundin hat sie sich damals bei einer Sternschnuppe gewünscht, dass sie sich gegenseitig immer finden, sollten sie sich einmal verlieren. Dies ist passiert, Rosa, die Freundin ist weg, verschwunden, etwas Furchtbares ist passiert. Seitdem ist Lila traurig und schweigsam. Bei Mu, der dichtenden Großmutter, soll sie auftauen und in der abgeschiedenen Natur Trost finden. Als sie dort ankommt und Mu sich ausruht, erkundet Lila die Insel und ruft Rosa, die auch sofort auftaucht. Rosa und sie verbringen in wenigen Stunden in der Phantasie Wochen bis das tatsächliche Leben Lila ruft. Immer wieder ist Rosa da, wenn Lila einsam ist. Aber es ist stets das Leben, das sie auf die Realität der Insel zurückruft. Zum Beispiel eine Möwe, die sie mit Brot gefüttert hatte und die sich später den Flügel verletzt und bei Lila und Mu Unterschlupf erhält. Als ein Sturm aufkommt, der Mu und Lila an die Insel fesselt, wird aus der realen Einsamkeit mehr als nur Mau-Mau-Spielen. Sie malen und dichten und finden im Nebel zueinander, bis Rosa, die nur noch eine imaginäre Freundin ist, immer mehr aus der wirklichen Welt verschwindet. Lila muss lernen loszulassen. Loslassen von Rosa, deren Schicksal langsam erzählt wird und von der Möwe, die ebenfalls ihre eigenen Flugbahnen finden muss.

Die Insel wird zu einem Zufluchtsort voller Wunder. Sofort lernen wir die Figuren lieben und leiden, lachen und erleben alles fühlbar mit. Ein wunderbares Kinderbuch, das auch große Menschen begeistern wird.

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Jasmin Ramadan: „Reality“

Ist Literatur Realität? Kunst und Literatur sind Spiegel unserer Realitäten, die nicht zwingend Antworten geben, aber doch die richtigen Fragen formulieren können. Jasmin Ramadan beschreibt ein Parkour, das irre, schön, klug, empathisch und witzig ist. Die Realität ist eine individuelle Wahrnehmung und jeder meint, sich in deren Mitte zu befinden. Sobald wir uns aus dem Kreis der gängigen Überschneidungen bewegen, werden wir kritisch wahrgenommen.

Dieser Roman verbindet Verkopftes mit Emotionalität, Wahrheit und Wahrnehmung und die Erzählerin schlüpft zuweilen aus den Zeilen heraus und bindet uns, die Leser, mit ein. Dadurch geraten wir sehr zügig in einen lustvollen Strudel hinein. Die Erzählerin, die Autorin, möchte uns teilhaben lassen an ihren Gedanken und der Emotionalität, die die Protagonistin selbst nicht fähig ist zu fühlen. Dabei ist es ihre Wut, nicht unsere und wir empfinden mit und setzen Grenzen. Ihre Welt und ihre Sprache werden zu unserer und somit geraten wir in ihre große Erzählaura.

Es ist Lit, mit ganzen Namen Lilith Innocentia West, die uns ihre Geschichte erzählt. Die Namen wirken außergewöhnlich und sind von Eltern, die stets die Bedeutung von etwas betonen möchten und verweisen auf einen althergebrachten Dämon und Märtyrerin. Die Kurzform ihres Namens bezieht sich auf die Welt der sprachlichen Werke. Ein Roman, der den Realitätsgehalt auch in magischem Realismus subtil anzudeuten versteht.

Lit wird zu einem Gespräch mit der befreundeten Vermieterin gebeten. Es ist eine Wohngemeinschaft und Lit ist eine erfolglose Künstlerin. Ihr Freund und Manager versucht sie zu unterstützen doch bleibt der Erfolg aus. Ihre Eltern sind vermögend, beide schrieben und schreiben Bestseller. Der Vater als Romancier und die Mutter als Psychologin. In der familiären Harmonie gab es Brüche, besonders als die Mutter Lit als Therapiebeispiel benennt und ihr Krankheitsbild öffentlich macht. Es ist nur ein Wort: Alexithymie, doch hat es in dem Umfeld eine Sprengkraft-Wirkung. Lit fällt es schwer, Emotionen zu erkennen und zu beschreiben, sowohl bei sich selbst als auch bei den anderen. Durch den Bruch wohnt sie in der Wohngemeinschaft und mag die Familie nicht um Geld bitten. Somit droht Wohnungslosigkeit, da sie mehrere Monate im Rückstand mit der Miete ist. Der Verlust des sicheren Umfeldes bahnt sich an. Ihre Gefühllosigkeit hat ihr Liebesleben bisher auch sehr eingeschränkt, auch dem Mann gegenüber, der sagt es sei Liebe, kann sie sich nicht öffnen. Ein altes Trauma rumort in ihr. Es ist auch genau jener Mann, der ihr eine Ausstellung organisiert. Doch der Kurator verlangt eine sexuelle Dienstleistung und sie erbricht und bricht mit den Verbindungen und nimmt den nächsten Zug an die Küste. Auf einer kleinen Insel kommt sie unter. Sie nimmt sich wahr und versucht alles zu begreifen und schreibt für uns alles auf. Jetzt nimmt das Karussell Fahrt auf und das Leben, die Realitäten verändern sich. Sie wohnt kostenlos bei einer Frau, die um wenig Unterstützung bittet, ihr aber nach ihrem Ableben eine hohe Geldsumme vererbt. Das Testament ist an eine Forderung gebunden, Lit soll fühlen und lieben lernen.

Das Buch ufert aus, minimiert wiederum und spielt mit dem Handwerkzeug der Literatur. Alles ist erlaubt und alles ist wandelbar und wunderbar. Dabei entdecken wir Sätze, in denen wir verweilen wollen. Es ist zuweilen urkomisch und dann wiederum traurig. Alles ist dabei schön zu lesen, bereichert den eigenen Kopf und das Herz. Die innere und eigene Menschlichkeit, sowie die Zwischenmenschlichkeit werden in allen Facetten beleuchtet. Die Sprache und die Handlung sind aufs Feinste komponiert, alles wirkt leicht und doch stets von Bedeutung. Die Absicht ist, unsere Realität verständlicher zu machen, zu entkernen oder in der Wirklichkeit des Erzählens, des Märchenhaften zu verankern. Wut und Liebe, Hoffnung und Bodenlosigkeit fallen dabei ins selbe Gewicht. Ein irre guter Trip, der Spaß macht und bereichert.

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Julia R. Kelly: „Das Geschenk des Meeres“

Macht das Meer uns Geschenke oder kann uns das unbändige Gewässer etwas wegnehmen und wiederbringen? Zumindest ist das Meer stets ein Sehnsuchtsort jeweils mit dem Blick vom Wasser zum Land und vom Festland zur offenen Weite. Immer wieder reisen wir an diese Grenze und Übergänge, um uns wohl selbst ein bisschen mehr zu finden. Sofern wir nicht persönlich an der Küste stehen, versteht es die Literatur, uns immer wieder dahin zu platzieren. So auch dieser Leseschatz „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly. Der Roman ist auch ein feines Geschenk und trug im Original den Titel „The Fisherman’s Gift“ und liegt nun in der Übersetzung von Claudia Feldmann vor.

Eine Ortschaft in Schottland im Jahr 1900 wird der Schauplatz der Ereignisse. Etwas Mystisches scheint sich zugetragen zu haben. Doch wissen alle, dass es nicht sein kann. Dabei zeigt sich das menschliche Miteinander indem alle übereinander, aber nicht miteinander reden. Der Roman belebt eine Stimmung, die uns in Raum und Zeit versetzt und unsere Emotionen durchspült.

Verschiedene Perspektiven und Zeiten bereichern die Handlung auf der kleinen Fischerinsel. Es beginnt mit dem Fischer Joseph. Er kennt das Wasser und hat ein Gespür für das Wetter. Ein Sturm zieht auf und er scheint einer der alten zu sein, die dies in den Wolken lesen können. Aber er schweigt, denn warum sollte er reden. Er schweigt auch, weil er sich immer noch die Frage stellt, was die anderen damals getan hatten, als ihm der Sturm etwas nahm. Der jetzige Sturm bringt etwas. Ein lebloser Junge wird an die Küste geschwemmt, Joseph findet ihn und trägt ihn ins Dorf. Durch sein Auftreten richten sich alle Blicke auf ihn mit dem Jungen in den Armen. Der Blick ist stets auf den Jungen gerichtet, kann es sein? Fast märchenhaft wirkt es. Damals, vor langer Zeit ging der Sohn von Dorothy ans Meer und verschwand. Der angespülte Junge sieht ihm ähnlich und doch kann er es nicht sein, denn er wäre ja kein Kind mehr. Joseph trägt ihn an den neugierigen und ungläubigen Blicken vorbei zum Pfarrhaus. Doch hier kann der Junge nicht bleiben und ausgerechnet Dorothy nimmt dann das rätselhafte Kind bei sich auf, bis alles geklärt ist. Die Geschichte klärt sich langsam auf und stellt doch Rätsel, die aus der Vergangenheit kommen. Was war mit Dorothy und Joseph damals, wo ist ihre Liebe und warum war Joseph am Strand, als erneut das Meer in die Schicksale eingriff? 

Durch Rückblicke und den jetzigen Verlauf baut sich die ganze emotionale Geschichte auf. Ein schönes, ergreifendes Buch über Verlust, Liebe und Zusammenhalt. Es ist der Debütroman von Julia R. Kelly, der bereits für einige Preise angedacht war und ausgezeichnet wurde. Hervorzuheben ist auch die Buchgestaltung mit dem Holzschnitt von Franziska Neubert als Titelmotiv, das die Stimmung des Inhalts gut andeutet.

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Marouane Bakhti: „Wie man aus der Welt verschwindet“

Wir müssen uns wohl verlieren, um uns selbst zu finden. Zumindest in jüngeren Jahren ist dies ein Phänomen, das bereits Hermann Hesse seinen Demian erkennen ließ: „Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“ Der junge Erzähler aus  „Wie man aus der Welt verschwindet“ von Marouane Bakhti möchte sich gleich am Anfang auflösen, fortgehen und das Hässliche verlassen. Bei seinen Gedankenströmen folgen wir ihm mit wachsender Empathie und Interesse. Bakhti schreibt anders, frischer und ist in der aktuellen französischen Literatur verwurzelt, die Wurzeln sucht. Es ist ein Mäandern und ein poetisches Tanzen und Ringen um Worte, die Empfindungen einkleiden sollen. Die Kürze ist dabei stets genug. Gerade die Miniaturen der Absätze erinnern an die Werke von Annie Ernaux, die den Debütroman von Marouane Bakhti gelesen hat und feiert.

Eine Identitätssuche, die wir in dem Umfang alle erinnern, kennen oder nachempfinden können. Doch geht der Roman weiter, darüber hinaus und stellt in den Mittelpunkt einen selbstdeklarierten Außenseiter als Erzähler. Er empfindet sich als wahrgenommenes Feindbild innerhalb der Gesellschaft und seines Umfeldes. Er ist der Sohn eines Marokkaners und einer Französin. Seine Betrachtungen wandeln zwischen Stadt- und Landleben, Offenherzigkeit und Enge, Spießertum und Toleranz. Die unterschiedlichen Kulturen und Weltsichten prägen wie die erlebte Provinz. Wir erleben die Übergänge und Grenzen von Fortschritt und Moderne. Die Suche nach Identität, nach Sexualität und Zugehörigkeit treibt den Erzähler an, das Schweigen zu brechen. Der Stille zu entkommen. Er fragt sich, ob er Muslim oder Franzose ist, wo seine irdische Heimat ist, Paris oder Tanger. Um seine Seiten zu finden oder sich darin zu finden, schreibt er das Buch. Ein Buch über das Aufwachsen eines Homosexuellen in der Diaspora im ländlichen Frankreich. Der Vater ist traditionell und will den Sohn durch Strenge erziehen. Er wird aus der Sicht des jungen Mannes zu einem Monster der Männlichkeit. Die Mutter, die Verstehende und Vermittelnde, bindet durch Zuwendung. Dadurch ist bereits innerhalb der Familie eine Polarisierung angedeutet, die sich in der Gesellschaft fortsetzt. Mit ganz ehrlichen Worten und einer großen Offenheit wird hier Erlebtes und Zerrissenes beschrieben. Das Begehren und das Ablehnen sind die Schallmauern der gegenseitigen Empfindungen. Kultur, Gesellschaft und das persönliche Erwachen innerhalb der vorgelebten Parameter und der Selbstfindung werden sprachlich eingefangen. Der Umzug nach Paris dehnt die Betrachtungen aus und die Selbstreflektion und der Raum zwischen den unterschiedlichen Welten weiten sich, um eigene Möglichkeiten zu definieren.

Annäherung und Suche, Nähe und Distanz sind  die Klangräume dieses literarischen Tanzes. Ein Tanz, der Kunst ist, körperliche Nähe zulässt und doch auch durch Normen die eigenen Schritte vorgeben möchte. Das Improvisieren innerhalb des Rhythmus ist es, was Marouane Bakhti hier fixiert. Denn durch Einsamkeit oder Isolation erwachen ein Schmerz und eine Sehnsucht nach Anerkennung, die uns alle berühren und wachsen lassen. Ein Roman über die Suche nach Identifikation und Freiheit. Aus dem Französischen von Arabel Summent.

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Yasmina Liassine: „Utopia Algeria“

Ein Debütroman, der das Spiel zwischen Landschaft, Land, Mensch, Kultur und Politik auslotet. An dem Beispiel der eigenen und befreundeten Familien beschreibt Yasmina Liassine die individuellen, persönlichen und gesellschaftlichen Spannungen. 1962 erkämpft sich Algerien die Unabhängigkeit. Die Menschen werden von einer Aufbruchstimmung erfasst und hoffen auf eine bessere Zukunft. Doch dieser Wunsch nach Gerechtigkeit und Freiheit schwindet fast so schnell, wie er aufkam. Somit erklären sich der Begriff und der Titel „Utopia Algeria“.

Das Betrachten des verschlungenen Lebens und die Suche nach Sprache, Zugehörigkeit und Identität beginnt mit dem Finden eines Labyrinths. Dies ist wie ein Mosaik aufgebaut und genau diese Vielschichtigkeit fängt die Autorin ein. Der Roman wirkt am Anfang nüchtern, leicht distanziert, aber dies nimmt uns dadurch ganz bestimmt mit und stellt uns neben die Beobachterin und der Raum weitet sich. Als würden wir selbst vor einem Bild stehen und erst oberflächig dieses aufnehmen, um dann die Details zu einer ganzen Empfindung zusammenfassen.

Als Anfang der 1960er Jahre Algerien sich nach der französischen Kolonialherrschaft freikämpfte, waren auch die Eltern der Erzählerin betroffen. Die Tochter, die Autorin, hat nie die arabische Sprache erlernt. Ihre Mutter ist Französin und der Vater Algerier. Die Sprache und die Zugehörigkeit verursachen erneut Bedenken und Ängste. Die neuen Strömungen dekretierten, wer sich algerisch nennen darf. Menschen, die einen anderen Glauben hatten, wer die arabische Sprache nicht sprach und wer nicht mindestens zwei muslimische Vorfahren nachweisen konnte, wurde gedemütigt und bekam Probleme. Die als „Pieds-noirs“ bezeichneten französischen Besatzer werden Vertriebene und Mischehen werden verunglimpft. Die Autorin verlebte ihre Jugend dort und ging als junge Frau nach Frankreich. Sie blieb nach ihrem Mathematikstudium in Paris. Als Erwachsene kehrt sie als Reisende zurück. Als sie auf einer Durchreise nach Algier kommt, möchte sie ein Kirchenlabyrinth besichtigen. Das Labyrinth befindet sich innerhalb einer Kathedrale, die sie aber eher an ein toxisches Gebäude erinnert. Diese Zerrissenheit lässt sie rekapitulieren. Sie stößt dabei auf Schönheit und Schrecken. Ihr Weg gleicht dem Straucheln durch ein Labyrinth. Sie erinnert das Land ihrer Kindheit mit dem Duft nach Früchten, saftigem Gras und wie die Menschen verändert wurden. Sie tastet sich nach „Utopia Algeria“ und betrachtet die Veränderungen des Landes und jene anfängliche Freiheit, die vielerorts immer noch eine Utopie ist. Die am Anfang des Buches wirkende Distanz ist nötig, um das Feinfühlige des Textes zu erspüren. Denn immer tiefer taucht der Roman in Ereignisse ein, die auch unsere aller gegenwärtigen und globalen Fragen streifen.

Mit viel Empathie für die Menschen, die Kulturen und die jeweiligen Geschichten baut Yasmina Liassine ein Mosaik zusammen, das Landschaften, Natur, Schicksale und somit die Vielfältigkeit miteinbezieht. Aus dem Französischen wurde der Roman von Katharina Triebner-Cabald übersetzt.

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