
Wir müssen uns wohl verlieren, um uns selbst zu finden. Zumindest in jüngeren Jahren ist dies ein Phänomen, das bereits Hermann Hesse seinen Demian erkennen ließ: „Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“ Der junge Erzähler aus „Wie man aus der Welt verschwindet“ von Marouane Bakhti möchte sich gleich am Anfang auflösen, fortgehen und das Hässliche verlassen. Bei seinen Gedankenströmen folgen wir ihm mit wachsender Empathie und Interesse. Bakhti schreibt anders, frischer und ist in der aktuellen französischen Literatur verwurzelt, die Wurzeln sucht. Es ist ein Mäandern und ein poetisches Tanzen und Ringen um Worte, die Empfindungen einkleiden sollen. Die Kürze ist dabei stets genug. Gerade die Miniaturen der Absätze erinnern an die Werke von Annie Ernaux, die den Debütroman von Marouane Bakhti gelesen hat und feiert.
Eine Identitätssuche, die wir in dem Umfang alle erinnern, kennen oder nachempfinden können. Doch geht der Roman weiter, darüber hinaus und stellt in den Mittelpunkt einen selbstdeklarierten Außenseiter als Erzähler. Er empfindet sich als wahrgenommenes Feindbild innerhalb der Gesellschaft und seines Umfeldes. Er ist der Sohn eines Marokkaners und einer Französin. Seine Betrachtungen wandeln zwischen Stadt- und Landleben, Offenherzigkeit und Enge, Spießertum und Toleranz. Die unterschiedlichen Kulturen und Weltsichten prägen wie die erlebte Provinz. Wir erleben die Übergänge und Grenzen von Fortschritt und Moderne. Die Suche nach Identität, nach Sexualität und Zugehörigkeit treibt den Erzähler an, das Schweigen zu brechen. Der Stille zu entkommen. Er fragt sich, ob er Muslim oder Franzose ist, wo seine irdische Heimat ist, Paris oder Tanger. Um seine Seiten zu finden oder sich darin zu finden, schreibt er das Buch. Ein Buch über das Aufwachsen eines Homosexuellen in der Diaspora im ländlichen Frankreich. Der Vater ist traditionell und will den Sohn durch Strenge erziehen. Er wird aus der Sicht des jungen Mannes zu einem Monster der Männlichkeit. Die Mutter, die Verstehende und Vermittelnde, bindet durch Zuwendung. Dadurch ist bereits innerhalb der Familie eine Polarisierung angedeutet, die sich in der Gesellschaft fortsetzt. Mit ganz ehrlichen Worten und einer großen Offenheit wird hier Erlebtes und Zerrissenes beschrieben. Das Begehren und das Ablehnen sind die Schallmauern der gegenseitigen Empfindungen. Kultur, Gesellschaft und das persönliche Erwachen innerhalb der vorgelebten Parameter und der Selbstfindung werden sprachlich eingefangen. Der Umzug nach Paris dehnt die Betrachtungen aus und die Selbstreflektion und der Raum zwischen den unterschiedlichen Welten weiten sich, um eigene Möglichkeiten zu definieren.
Annäherung und Suche, Nähe und Distanz sind die Klangräume dieses literarischen Tanzes. Ein Tanz, der Kunst ist, körperliche Nähe zulässt und doch auch durch Normen die eigenen Schritte vorgeben möchte. Das Improvisieren innerhalb des Rhythmus ist es, was Marouane Bakhti hier fixiert. Denn durch Einsamkeit oder Isolation erwachen ein Schmerz und eine Sehnsucht nach Anerkennung, die uns alle berühren und wachsen lassen. Ein Roman über die Suche nach Identifikation und Freiheit. Aus dem Französischen von Arabel Summent.
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