Neues aus der lyrischen Schatzkiste

„entschämungen“ von Siljarosa Schletterer

Sobald wir uns entblößt empfinden, regt sich die Scham, jene Emotion, die uns Peinlichkeit empfinden oder uns verlegen werden lässt. Sogar eine Demütigung erzeugen kann. Dies passiert, wenn der Schutzraum zerbricht. Eine Bekleidung oder eine Ummantelung, die unseren Kern vor dem äußeren Umfeld bewahrt. Die Scham nimmt Bezug auf einen inneren Prozess, wird aber viel zu oft auf das Körperliche reduziert. Auch in der Sprache ist das Körperliche schamhaft bekleidet. Somit ist der Lyrikband von Siljarosa Schletterer der Versuch, unser körperliches Gedankenkonstrukt durch sinnliche Sprache zu entschämen.

Die anatomische Begrifflichkeit geht mit dem allgemeinen Verständnis einher und begrenzt die eigentliche Wahrnehmung, Sexualität und Gefühlswelt. Die Annäherung an das Körperverständnis verlangt eine Eigenliebe. Bei der Sehnsucht nach Berührung wird Respekt, Liebe und Hingabe vorausgesetzt. Dabei ist eine Achtsamkeit nötig, damit durch die Körperlichkeit keine Verletzung verursacht wird.  Diese Entschämungen benennen den Sprachgebrauch, um diesen gänzlich neu zu kreieren. Können wir der Körperliebe, mit unseren gewöhnlichen Worten verkleidet, noch trauen? Die Wortspiele der Lyrikerin und Umbrüche im Vokabular und Zeilensatz lassen uns aufhorchen und dem Sinngehalt nachspüren. Der poetische Rhythmus verwandelt den Klang und erzeugt neue Räumlichkeiten und Bezüge. Die körperlichen Zuschreibungen, die meist anatomisch ernüchternd sind und die Scham durch die Wortdistanz sachlich entkräften, werden durch diese Lyrik neu geordnet. Die Scham, die Erniedrigung wird aus ihrem Trauma durch das literarische Hinsehen befreit.

Dies ist eine Aufforderung, auf den eigenen Körper zu hören und Mut zu haben, die Stimme zu erheben. Siljarosa Schletterer hat als Lyrikerin diese Kraft und lädt uns ein, in ihre ganz eigene Poesie durch die gegliederten Kantanten zu wandeln. Es sind Liebesgedichte, die durch Klang und Inhalt die gesetzten Formen und Normen erweitern. Das Lyrikbuch wird durch drei Grafiken von Franz Wassermann ergänzt.

„Falterfragmente / Poussière de papillon“ von Franziska Beyer-Lallauret

Der Gedichtband „Falterfragmente“ von  Franziska Beyer-Lallauret spielt ebenfalls mit einer Körperlichkeit. Doch keimen hier auch der Humor und das Märchenhafte. Der Falter als Sinnbild des leichten Fluges. Durch den Titel wird bereits die Assoziation mit der Buntheit, Natürlichkeit und der Zartheit gesetzt. Eine Zartheit, die in sich eine Fragilität verbirgt. Diese Lyrik ist zweisprachig, denn die Texte liegen hier in der deutschen und französischen Version vor. „Falterfragmente / Poussière de papillon“ ist auch der ganze Titel. Das Universum in diesem Werk ist überfüllt und doch schwebend und die Bestimmung der Zeilen wird auf dem ersten Blick fragmentarisch versteckt. Somit entfacht sich eine spätere Wirkung, wie es bei Poesie zuweilen erwünscht ist. Es ist ein feminines Universum mit märchenhaften Bildern. Diese Bilder wirken zuweilen verklärt und zeigen doch die Zerbrechlichkeit der Realität. Wir werden durch die Zeilen angesprochen und eingeladen, in einer vermeintlich behüteten Welt zu verweilen.

Es ist ein Gedichtband mit Bildern von Johanna Hansen und einem Nachwort von Patrick Wilden. Durch diese Lyrik schält sich ein Erkennen heraus, das uns berührt. Einiges ist überfüllt mit Bildern. Die Sprache ist raffiniert verspielt und alles ergießt sich zu einem Zusammenspiel. Der Mikrokosmos und das Natürliche versuchen hier den ganzen Kosmos einzufangen und durch den Flügelschlag der Poesie verändert sich die fragmentarische Sicht.

Rätselhaftes und Verwurzeltes sprechen von Kindheit, Heimat, Natur und unseren Träumen. Es sind eigensinnige Verse, die sich durch den Klang und die Bildgewalt in uns in Bewegung setzen. Das ganze Buch ist ein bibliophiler Wunderraum.  

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Joakim Zander: „Ein ehrliches Leben“

Was ist ein ehrliches Leben? Wenn wir etwas Authentisches erschaffen möchten, müssen wir bereit sein, dafür Risiken einzugehen. Doch wie weit darf dieses Risiko überspannt werden und birgt diese Unsicherheit nicht auch stets eine Gefahr? Joakim Zander spielt mit Authentizität, der Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit und der gesellschaftlichen Zerbrechlichkeit. Dabei ist sein Roman erneut ein spannendes Werk, das mit der Offenlegung der Mechanismen der Abhängigkeit und Zugehörigkeit unsere Bereitschaft durchleuchtet, die gesellschaftlichen, sowie sicheren Wege zu verlassen.

Joakim Zander spürt dem jugendlichen Wunsch nach einem freien Leben nach. Eine Freiheit, die sich eigene Wege aus den angepassten Strukturen sucht. Doch mündet diese Freiheit oft missverstanden in Anarchie und verletzt das Eigentum oder das Leben anderer. Joakim Zander benennt diese Begrifflichkeiten, ohne diese gänzlich zu definieren oder zu moralisieren, dies geschieht im Leseprozess ganz individuell. Joakim Zander fiel bereits sehr positiv mit seinen Politik-Thrillern um  Klara Walldéen auf, die mit „Der Schwimmer“ ihren Anfang nahm. Nun hat er einen Roman geschrieben, der wie ein Liebesroman beginnt, um dann ganz gehörig den Spannungsbogen auszudehnen und die Weltsichten aufeinanderprallen zu lassen und zu verdrehen.

Am Anfang muss sich der schwedische Erzähler, ein Autor, vor einem Spiegel-Journalisten in Hamburg rechtfertigen, warum sein gerade erschienener Roman unmoralisch gelesen werden könnte. Als Jugendlicher ist Simon, der spätere Autor, ein guter Schüler. Das Lernen fällt ihm leicht. Er liest gerne und träumt davon, Romane zu schreiben, die etwas bewirken. Doch zerplatzt dieser Traum, weil er keine gute Geschichte zu erzählen vermag. Er ist ständig gelangweilt und möchte das Kleinstadtleben verlassen. Er schreibt sich in Lund in die juristische Fakultät ein. Jura als Spielregel, um die Welt zu verstehen und um sich eine spätere Freiheit leisten zu können.  Sein Vater hat ihm ein WG-Zimmer organisiert. Hier wird ihm täglich seine Herkunft vorgespielt, seine Mittelmäßigkeit, denn er gehört nirgends wirklich dazu. Seine Mitbewohner und Vermieter sind reiche Studenten, die ihn lediglich als Dienstpersonal akzeptieren. Er hört von einer Demonstration in Malmö und hofft auf ein Spektakel und geht seiner Neugier nach. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der Polizei. Simon gerät unschuldig hinein, hilft und ihm wird geholfen. Dabei lernt er die junge Frau Max kennen. Es entsteht eine Freundschaft und Simon verliebt sich in Max, die ihn ihren Freunden vorstellt. Diese exzentrische Clique wohnt zusammen und wirkt belesen, gebildet und rebellisch. Die Gruppe lebt nach ihrem Freiheitsempfinden und radikalen Idealen und akzeptiert Simon, wie er ist. Doch sind sie ihm gegenüber auch immer ehrlich? Gerade Max, die er liebt? Das Leben verändert sich, bekommt eine neue Dimension und die Langeweile schwindet, verlangt aber enorme Risiken. Als Simon merkt, in was er hineingerissen wird, ist es zu spät, um aufzuhören. Er wird nach einer Mutprobe in Kopenhagen einer von den „Banditen“, wie sie sich selbst nennen.

Die gesellschaftlichen Spitzen werden nicht überzogen. Obwohl Klischees auftauchen, wie zum Beispiel Uhren und Surfen, die jeweils als Statussymbol oder Sinnbild der Freiheit und Hingabe  angesehen werden, gelingen die erzeugten Bilder und eine vielschichtige Handlung baut sich auf, die das soziale Gefüge wanken lässt. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann und Thomas Altefrohne übersetzt.

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Feridun Zaimoglu: „Sohn ohne Vater“

„Sohn ohne Vater“ ist ein ganz persönliches Werk, das versucht die Leere nach dem Tot des Vaters zu verstehen und zuzulassen. Der Verlust und der Schmerz erzeugen eine Wirrnis im Herzen und im Kopf, die der Handlung seine Haltung verleiht. Denn es wird ein Roadtrip, der den Wirklichkeitsbezug zu entkräften vermag und doch ist es Feridun, der als Erzähler auftritt und dann sein Ich in seiner Kunst verschwinden lässt.

Feridun Zaimoglu schlüpfte bereits in einige Persönlichkeiten in seiner Roman- und Bücherwelt. Seine Kunst ist es dann stets, die Realität durch Fiktion auszuhebeln. Der in Kiel lebende Autor behauptet diesmal, es selbst zu sein. Diese Romanrealität erhält durch den persönlichen Verlust einen Tiefgang, der viel Raum für Emotionen erzeugt und mit diesen Gefühlsmomenten spielt. Die innere Einsicht bekommt durch die lange Reise eine Erdung, die neben dem Durcheinander in der Seele auch das Chaos auf die Straßen Europas trägt und eine enorme Spannung erzeugt.

Feridun ist nicht unser direkter Nachbar, aber doch wohnen wir im selben Viertel und kennen uns bereits flüchtig gut. Ich hatte ein Anliegen an ihn und rief ihn an, er nahm ab, sagte er sei in der Türkei bei seiner Mutter und sei ganz entrückt und fokussiert und würde sich erst aus Kiel wieder melden. Durch dieses kurze Gespräch, bekommt das vorliegende Buch eine noch deutlichere Klarheit.

Es beginnt ebenfalls mit einem Anruf. Seine Mutter ruft an und sagt, sein Vater sei in der Türkei gestorben. Um dies zu begreifen und den Schmerz zu erfassen, irrt er durch Kiel. Er ruft seine Schwester an und beide weinen. Das eigene Gesicht scheint in der Trauer zu zerbrechen. In der Odyssee durch Kiel trifft er auf Bekannte und solche, die es gerne wären. Er sagt, er habe keinen guten Tag. Er müsse zu seinem Vater, der bereits beigesetzt wird. Er leidet unter enormer Flugangst und hat einen Führerschein, den er aber nicht nutzt. Um sich vom Vater verabschieden zu können und um bei der Mutter zu sein, ist eine Reise nötig. Freunde, die er besucht, kommen auf die Idee der gemeinsamen Reise. Geld muß organisiert werden, denn eine Reise kostet und als Künstler ist das Geld oft knapp. Seine Freunde leihen einen Wohnwagen und einer fährt Zaimoglu durch Europa. Eine lange Fahrt durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien in die Türkei.

Seit dem Anruf der Mutter ist der Kopf voller Erinnerungen an den Vater. Aus Ehrfurcht siezt der Sohn die Eltern. Erinnerungen an seine Kindheit, Jugend und das angefangene Medizinstudium. Sein Vater kam als Arbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Es sind Erinnerungen an viele Leben, Möglichkeiten und Geschichten. Geschichten, die für einen jetzigen Geschichtenerzähler nicht immer verbindlich sind. Somit werden die vergangenen Momente mehr Gefühlsfragmente und folgen nicht zwingend einer realen Logik. Menschen, die uns am nächsten stehen, können zu Seltsamen und auch zu Fremden werden. Der Vater als gebildeter Mann, der bei der Arbeit, in Feriensiedlungen und innerhalb des Lebensumfeldes für Aufsehen sorgte. Dies lag nicht allein an seinen gefärbten Koteletten. Er konnte stets vermittelnd eingreifen und sah Deutschland als seine Heimat an. Dies alles macht sich der Erzähler und Feridun zu eigen. Doch durch den Verlust fremdelt der Erzähler und die ganze Welt wird ein fremder Ort. Er ist unter Menschen und doch allein und ringt mit den Gedanken und Gefühlen. Auf der Fahrt trifft er auf seltsame Menschen, gerät in brenzlige Situationen und hat bei der Einreise Probleme, weil die Fahrzeugpapiere lediglich Kopien sind.

Durch die Trauer und den Aufbruch verrutschen die Wahrnehmungen. Hat sich alles tatsächlich so ereignet? Soll der Erzähler den Fahrer unterhalten oder stört er durch seine Geschichten und Gefühlsmomente?

Ein sehr persönlicher Roman über Verlust, Liebe, Aufbruch und letztendlich Ankommen. Das Wirren im Erzähler gibt den Klang des Textes vor. Feridun swingt sich beim Lesen und Schreiben stets ein, um seinen Ton zu finden. In diesem Werk spielt er mit den Tönen und Lebensperspektiven und reißt uns mit. Ein typischer und doch untypischer Zaimoglu, der zu begeistern versteht und uns direkt in die eigenen Empfindungen und Fragen reisen lässt.

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Walburga Hülk: „Victor Hugo  – Jahrhundertmensch“

Victor Hugo lebte von 1802 bis 1885 und hat somit fast ein Jahrhundert erlebt. Ein Jahrhundert, das voller Geschichte, Umbrüchen und Revolutionen war. Eine wandelbare Zeit, die ihn und sein Werke prägte. Sein Leben war öffentlich und es vermischen sich Privates und Politisches mit seiner Kunst und wird Fiktion. Mit dreißig Jahren hatte er bereits Bücher veröffentlicht, die Bühne bespielt und an seinem Weltruhm gearbeitet. Sein Werdegang ist beeinflusst durch die Geschichte Frankreichs, sein Exil und der Idee von Europa. Walburga Hülk hat mit ihrer Biographie alles sehr lebendig werden lassen. Sie zeigt ihn als bürgerlichen und öffentlichen Menschen, dessen Ideen und Werke eine aktuelle Bedeutung haben.

Ich bin in diesem Jahr als Leseschatz eingeladen worden, den Deutschen Sachbuchpreis als Blogger zu begleiten und einen der nominierten Titel in meinen Medien sichtbarer zu machen. Der Titel, der mir zugewiesen wurde, ist „Victor Hugo  – Jahrhundertmensch“ von Walburga Hülk. Wie Hugo selbst und seine Werke ist diese Biographie ein wunderbarer Koloss. Ein Buch, das die Zeit, die Ereignisse, den Menschen und sein in die Gegenwart strahlendes Schaffen tiefgründig beleuchtet. Die faszinierende Aktualität wird mit kleinen Fingerzeigen stets aufs Unterhaltsamste angedeutet. Victor Hugo war Verfechter der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und setzte sich gegen die Sklaverei, die Todesstrafe und für das Urheberrecht und die Pressefreiheit ein. Er war Romantiker und Realist. Ein Visionär und ein Künstler, der stets Frankreich, aber auch ganz Europa einbezog. Er wollte eine freiheitliche und menschliche Einheit. Nicht ohne Grund zählt er zu den bedeutendsten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts.

Anschaulich und mit enorm viel Sachverstand vertieft sich Walburga Hülk in das Jahrhundert, um in dessen Betrachtungszentrum Victor Hugo zu setzen. Sie erzählt vom Mythos, vom Schicksal und von seiner Begabung für die Inszenierung. Seine Werke umfassen Lyrik, Bühnenwerke, Romane und unzählige Schriften. Hugo hat alles schriftlich fixiert. Alles war für ihn von Bedeutung und alles hätte spätere Verwendung finden können. Durch diesen Wust hat sich die Professorin für Romanische Literaturwissenschaften gewühlt. Sie schmückt das Leben mit seinen Ideen und Werken und alles bekommt Raum und Inhalt. Sofern noch nicht bekannt, werden die bedeutendsten Werke umfangreich vorgestellt und in den biographischen und historischen Kontext gestellt. Als Höhepunkt ist es sein Hauptwerk „Les Misérables –  Die Elenden“. Hier zeigt sich sein umfangreiches Können. Ein Roman, der jene Menschen darstellt, die Weltbewegendes erleben und erschaffen. Dies hat sich aber bereits im Werk „Notre-Dame de Paris. 1482“ gezeigt. Der deutsche Titel setzt mit dem Glöckner lediglich einen Schwerpunkt der ganzen spätmittelalterlichen Betrachtung. Die Kathedrale als Mittelpunkt. Aber immer wieder sind es die Menschenmassen, die als Motor der Ereignisse funktionieren. Einfache Leute im Kampf des Lebens. Dante erschuf die untere Hölle, Hugo versuchte die Hölle oben zu zeigen. Die Revolution als Inhalt und als Beweggrund. Paris ist sein liebster Schauplatz des Geschehens und die Spaltung der Gesellschaft treibt ihn an. Eine Spaltung durch Krieg, Revolutionen, Seuchen, Armut und Ungerechtigkeit. Hugo wollte lange leben, doch musste er sich mit 83 Jahren begnügen. Er nannte sich Ozeanmensch und hatte eine literarische und humanistische Vision. Sein Leben stand mit dem künstlerischen Werk stark in Verbindung. Wohin im 19. Jahrhundert geschaut wird, blickt uns Victor Hugo an. Dieser Blick erfasst uns noch heute. Denken wir an die furchtbaren Brände von Notre-Dame, dachten wir nicht alle sofort an das Werk von Hugo? Er erlebte, um nur einiges zu nennen, Napoleon, die Julirevolution, die Revolution 1848, die zweite Republik, den Staatsstreich, das erneute Kaiserreich und den Deutsch-Französischen Krieg. Er ging für fast zwei Jahrzehnte ins Exil und schrieb in dieser Zeit sein Mammutwerk, das ihn bis heute unsterblich macht. Hugo ist reizvoll und übt trotz seiner Inszenierungen und Vermischungen der Realität mit seiner Fiktion eine Faszination aus, die erkennen lässt, wie wichtig es sein könnte, sich mit Leben und Werk von Victor Hugo zu beschäftigen. Es ist jetzt die Zeit gekommen, sich zu „hugolisieren“. Seine Ideen, Debatten und Texte waren damals aktuell und sind es bis heute. Sein Pathos, seine Liebe zum Pompösen sind nur ein Beiwerk des ganzen Kolosses. Wenn wir uns ganz genau, wie es Walburga Hülk anregt, das Ganze bis ins Kleinste ansehen, blicken wir in einen unfassbaren Kosmos aus Literatur, Abenteuer, Geschichte, Politik und immer wieder Menschlichkeit. Solange es Ungerechtigkeit gibt, wird Hugos Werk an Bedeutung behalten.

Diese Biographie ist mehr als ein Lebenslauf. Es stellt das Jahrhundert vor und greift in dessen Errungenschaften ein. Es zeigt uns die Wege, die genommen wurden. Es zeigt uns einen Menschen, der etwas zu sagen hatte, das uns immer noch berührt und bewegt. Diese Biographie begeistert und macht literarisch, gesellschaftlich und politisch unseren Werdegang verständlicher. Die Nominierung zum Deutschen Sachbuchpreis ist somit eine sehr erfreuliche Auszeichnung und lässt hoffen, dass dieses Werk noch weitere Schritte nimmt. Es ist Zeit, Hugo neu, wieder oder mit diesem Buch gänzlich zu erfassen.

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Samuel W. Gailey: „Tiefer Winter“

Solche Werke geben dem Kriminalroman das Literarische zurück. Denn hier geht es nicht um die übliche Tätersuche, sondern um das ganze Umfeld. Niemand ist gänzlich Gut oder Böse – wobei es hier doch schon jemanden gibt. Die Handlung ist angesiedelt in einer kleineren Ortschaft, man möchte fast schon von Kaff sprechen und erinnert durch die Erzählstruktur, die umfangreichen Charakterisierungen an die Werke von Richard Russo, wobei dieser den melancholischen Witz und die Entwicklungen fokussiert, während Gailey düsterer schreibt. In Bezug auf das Nachwort von Marcus Müntefering erahnt man auch die persönliche Bindung des Autors an seinen Roman. Sprachlich ist der Roman toll geschrieben, denn er baut sofort eine Bindung zu den agierenden Figuren und der Ortschaft auf. Das Vokabular passt sich dem Sprachklang des jeweiligen Charakters und der Situation an.

Tiefer Winter ist hierbei nicht nur eine Witterungsangabe, denn das Frostige breitet sich in den Menschen aus. Wyalusing in Pennsylvania war einst das Gebiet der amerikanischen Ureinwohner und hat sich nun in einen trostlosen Ort verwandelt. Die Perspektivlosigkeit ist spürbar und somit sind Alkohol, Drogen und Schusswaffen für viele ein ständiger Begleiter. Danny ist ein vierzigjähriger Mann, der durch seine geistige Beeinträchtigung oft auf den Dorfdepp reduziert wird. Ein damaliger Unfall hat eine tragische Hirnverletzung verursacht, die ihn auf dem Stand eines Kindes belässt. Er benötigt oft Hilfe, die er von Mindy bekommt. Seit Kindesalter kennen sich die beiden und Mindy, die am selben Tag wie er Geburtstag hat, steht ihm stets zur Seite, zum Beispiel beim Geldabzählen oder falls jemand wieder gemein zu ihm ist. Bereits als Kind wurde Danny oft verprügelt. Seine Hauptpeiniger sind Mike und Carl. Danny ist im Herzen gut und möchte helfen, auch als zwei Jungs in einen See einbrechen und er sich überwindet, denn für ihn ist der See böse, besonders das gefrorene Gewässer, das einst für seine jetzige Situation verantwortlich war. Danny wuchs bei seinem lieblosen Onkel Brett auf, der inzwischen verstorben ist. Mindy ist wie eine Schwester für Danny, der in einem Waschsalon arbeitet.

Gleich der Prolog erzählt das Drama. Mindy wurde ermordet. Sie liegt wie eine weggeworfene Puppe in ihrem Trailer. Neben der Leiche ist Danny. Für Mike, der jetzt Deputy geworden ist, ist es ein Gewinn, dass Danny bei der Verstorbenen ist. Mike, der menschen- und besonders frauenverachtend ist, hat in der alten Scheune eine eigene kleine Hanfplantage aufgebaut und hatte einst ein Verhältnis mit Mindy. Für die Menschen und besonders für den örtlichen Sheriff und den State Trooper scheint der Fall ganz offensichtlich und innerhalb weniger Stunden versuchen sie die alte Ordnung wieder herzustellen und aufrechtzuerhalten. Dabei wird ein komplexes Lügennetzwerk immer offensichtlicher. Danny kann nur noch seiner inneren Stimme vertrauen, die sich glücklicherweise in einigen Situationen meldet.

Dieser Roman wirft den amerikanischen Traum in den blutigen Sumpf einer Kleinstadt. Durch unterschiedliche Perspektiven wird das menschliche Geflecht offengelegt. Viele Beweggründe oder Motive sind triebhaft und impulsiv. Eine kindliche Sicht fällt auf ein brutales, manipulatives Umfeld. Ein sehr spannender Roman, der Anspielungen auf Literatur verwendet und doch am Ende der Ausweglosigkeit die Hoffnung entgegenzustellen vermag. Ein schöner, kluger und entzaubernder Landscape-Noir-Roman, der seine Leser nicht loslässt.  Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf übersetzt.

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Anna Herzig: „Das Seil“

Ein Seil kann Lebensretter sein, kann Verbindungen schaffen. Es kann lösen aber auch fesseln. Hier taucht ein Seil auf, das mit einem tatsächlichen Seil nichts zu tun haben muss. Anna Herzig schreibt zielführend, aber erschafft eine Handlung, die Kunstvolles, Verwirrendes und Surreales erzeugt. Ihre Sprache wird zu einem wuchtigen Sprachraum, der voller Leidenschaft, Schmerz, Verzweiflung und Hoffnung ist. Es geht um eine erfolgreiche Schriftstellerin, die mit ihrem Erfolg Menschen anlockt, die nun ihre Ansprüche anmelden. Sie verbarrikadiert sich, nicht nur innerlich, daraufhin.

Der Hauptcharakter, Franziska, hat früh gelernt sich zu verstecken, zu verkleiden. Sie wartet auf die Preisverleihung in ihrer Wohnung, doch die Vergangenheit rüttelt an den realen und seelischen Türen. Sie steht als Autorin endlich im Rampenlicht und möchte eigentlich gesehen werden, also muss sie langsam hervortreten und sich zeigen. Sie hat unerwartet einen renommierten Literaturpreis für ihren Text „Das Seil“ erhalten. Doch stammt der Gewinnertext nicht von ihr.

Mit dem ausgeloteten Preisgeld melden sich ihre Tante, ihr Cousin, ihr Ex-Freund und ihre Literaturagentin. Also bleibt ihr nichts anders übrig, als die Türen geschlossen zu halten. Doch innerlich bricht alles hervor. Denn ihre Kindheit war keine wohlbehütete. Nachdem ihr geliebter Großvater, ein Schriftsteller, verstorben ist, kommt Franziska als junges Kind zu ihrer Tante und ihrem Cousin. Zuwendung oder Heimeliges wurden durch Tobsuchtsanfälle oder durch das unterschwellig Bedrohliche ersetzt. Hier lernt sie das Fürchten kennen und erkennt das Monströse im Menschen.

In der Gegenwart hat sich Franziska in ihre eigene Wohnung zurückgezogen. Sie plant die Preisverleihung und überdenkt ihre Verkleidung. Sie ignoriert die Anrufe, aber später tauchen die Menschen auf, die einen Teil des Preisgeldes fordern und hämmern gegen die Tür. Die Belagerung der Wohnung und ihrer Seele lässt sich nicht aufhalten, die Erinnerungen kommen und sie muss sich zeigen. Der Text „Das Seil“, der nun ausgezeichnet wird, verarbeitet vieles, doch stellt sich die Frage, wer hat ihn geschrieben?

Anna Herzig baut mit ihrem Roman ein verschachteltes Puppenhaus, in dem es viele Verstecke gibt. Somit werden wir sprachlich und inhaltlich mit jeder Begehung aufs Neue überrascht. Das Puppenhaus, das entsteht, ist wie ein Trichter, der Windungen, Verzerrungen und Wiederholungen auf unterschiedliche Ebenen holt. Das Unterbewusste und das Verdrängte werden lebendig und spielen mit dem Hauptcharakter und dann mit der Wahrnehmungsebene des ganzen Romans.

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Tarjei Vesaas: „Frühlingsnacht“

Die Romane von Tarjei Vesaas verwandeln die beschriebene Welt und somit auch stets die unsere. Es sind Werke, die uns berühren und jeweils verändert aus den gelesenen Zeilen herausschauen lassen. Die Eltern sind fort und die Kinder haben einen Abend und die Nacht das Haus für sich. Dann klopft es an der Tür und alles verändert sich und am Morgen ist nichts mehr, wie es einmal war. Tarjei Vesaas schreibt feinfühlig, subtil und lässt Dinge unausgesprochen, um dadurch einen Raum zu erzeugen, den wir gerne betreten und ungern verlassen würden. Durch diese Lektüre erkennen wir, wie das Umfeld wandelbar ist. Dies ist der Zauber der Literatur von Vesaas. Seine Sprache lebt von der erzeugten Emotion. Diese Stimmung bewirkt eine Hingabe zu den Protagonisten und zum Handlungsverlauf, dessen Ende wir vermeiden, aber auch sehnsuchtsvoll und voller Spannung erreichen möchten.

Tarjei Vesaas wurde 1897 in Norwegen geboren und wuchs auf einem Bauernhof auf. Er starb 1970 und ist ein bedeutender und bewunderter Autor Norwegens. Mehrfach war Vesaas sogar für den Literaturnobelpreis im Gespräch. Seine Werke erzeugen aus einer Stille eine sich steigernde Schwingung, die das Drama offenbart. Die lesenswerten Übersetzungen sind:  „Das Eis-Schloss“, „Die Vögel“ und „Der Keim“. Nun reiht sich in diese Werke „Frühlingsnacht“ ein, das 1954 im Original verlegt wurde und nun in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel erschienen ist. Alle seine Romane sind Wunderwerke.

Die Frühlingsnacht verspricht etwas Erwachendes, etwas erneuert sich. Die Natur belebt sich und eine innere Unruhe breitet sich aus. Dies spüren wir anhand einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich begegnen und die naive Sicht verändert sich innerhalb weniger Stunden. Denn der Hauptcharakter ist der vierzehnjährige Hallstein, der mit seiner älteren Schwester Sissel allein zuhause bleibt. Durch das Wegsein der Eltern über Nacht fühlt sich das Haus anders an. Der emotionale Druck wird genommen. Eine gefühlte Freiheit entspringt in den Gedanken von Hallstein. Sissel wird mit ihren achtzehn Jahren von einem Nachbarsjungen umgarnt, der auch gerade in ihrem Zimmer ist. Doch eine Unstimmigkeit lässt diesen gehen. Hallstein ist ein genauer Beobachter, der alles sieht, aber nicht immer versteht, was er erlebt. Beim draußen herumstreunen trifft er auch wieder diesen Nachbarn und gerät in dessen Gedankenkarussell und soll als Botschafter fungieren. In Folge ist es stets Hallstein, der durch seine Jungenhaftigkeit in Verpflichtungen genommen werden soll, die er nie ganz versteht und ihn auch überfordert. Denn am selben Abend klopft es an der Tür und eine fremde Familie steht vor der Tür. Sie hätten eine Autopanne gehabt und eine der Frauen ist hochschwanger. Sie benötigen Unterkunft und Hilfe. Sissel und Hallstein helfen und gewähren für die Nacht Unterkunft. Hallstein, der mit seiner Imagination und Phantasie spielt, muss oft staunen, was jetzt um ihn passiert. Seine imaginäre Freundin bekommt durch das Auftauchen eine reale Mitspielerin. Es ist ein Kammerspiel, das aus unausgesprochenen Konflikten ein Chaos erzeugt. Die Menschen, die in das Haus eingedrungen sind verursachen Unheimliches und das Vertrauen schwindet, als eine Frau, die angeblich nicht zu gehen oder sprechen vermag, im Auto geblieben war und nun dazukommt. Sie spricht aber, wie  Hallstein erfährt, und sie ist die erste, die ihm ein Versprechen abringt. Alle benehmen sich im Haus der Kinder raumeinnehmend und alle wirken aufgeregt und handeln nicht, wie man es von Erwachsenen erwarten würde.

Durch den Weggang der Eltern, die zu einer Beerdigung gefahren sind, haben die Erwachsenen die Szenerie verlassen. In der Frühlingsnacht erleben wir Freiheit, Trauer, Verlust, Freundschaft und Trost. Vieles wird aber lediglich angedeutet und lässt sich nur erahnen. Es entsteht eine poetische Welt, die langsam mit dem Dämmerungswechsel des Abends, der Nacht und des Morgens nuanciert und beleuchtet wird.

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Anne Freytag: „Blaues Wunder“

Ein Text, der uns sehr kurzweilig die Schatten der vermeintlichen Sonnenseite des Lebens zeigt. Ein Geschäftsausflug auf einer Superyacht in den Philippinen verspricht Sonne, Strand, gutes Essen und Getränke. Doch hier passiert hinter den Kabinentüren mehr und das gezeigte Antlitz in der Gesellschaft ist lediglich eine Maske, die viele Geheimnisse, Bosheiten, Begehrlichkeiten und Verletzungen verbirgt.

Der Chef hat eingeladen. Zwei seiner wohl besten Angestellten mit ihren Frauen. Sie werden eingeflogen, um dann im Paradies eine gemeinsame Zeit auf der Yacht, natürlich benannt nach einer cineastischen Monstrosität, zu verbringen. Es ist eine Superyacht, also ein besonders groß dimensioniertes, hochseetaugliches Schiff mit Personal und ganz viel Platz. Jeder Meter kostet mindestens eine Million und hat sogar zwei Hubschrauberlandeplätze. Alles ist Show, alles soll den Luxus zeigen, der zum Lebensalltag  gehört und fast schon ordinär gewöhnlich ist. Es sind somit sieben Hauptcharaktere neben den Bediensteten an Bord. Drei Männer, einer davon der Chef und die anderen, die eigentlich direkte Konkurrenten sind. Doch sind es die Frauen, die uns ihre Sicht erzählen. Der siebte ist der Sohn vom Chef, der mit und durch den Reichtum erwachsen geworden ist und unangepasst und trotzig ist. Doch hat er auch seine Reize und versucht seinen Platz zu behaupten und wirkt einnehmend.

Die Kulisse ist die unendliche Weite des paradiesischen Meeres in den Philippinen. Hier kreuzt die Yacht durch diese unwirkliche Welt und ankert vor privaten Inseln, wo man immer unter sich ist. Klingt nach Freiheit, die aber auch bedrohlich sein kann und die Weite erhält beständig eine zunehmende Enge. Alles ist Inszenierung, denn warum sind sie hier? Warum hat der Chef gerade diese beiden Männer eingeladen? Es sind die Frauen, die jedem Kapitel ihre Perspektive schenken. Frauen, die auf Begleitung reduziert werden. Sie sollen ihre Männer glänzen lassen. Die Vertrautheit, die Zuwendung sind als Schauspiel eingesetzt, Kaum in der Kabine wandelt sich das Bild. Frauen, die sich in ihre Rolle eingefunden haben. Aber haben sie dieses Lebensspiel aus Liebe oder wegen des Status akzeptiert? Die Begrifflichkeit des Spiels wird auch immer fraglicher, denn sie sind einsam, unglücklich und unterschwellig gärt etwas. Die Männer verlangen ihre perfekte Rolle, die sie charmant einnehmen. Doch wer führt tatsächlich Regie in diesem makabren Spiel? Beim ersten Abendmahl an Deck verletzt sich eine der Frauen selbst, um zum Beispiel eine Erklärung für das Fernbleiben zu haben, da sie sich zuvor mit ihrem Mann über die Garderobe gestritten hatte. Denn auch wenn es eine angenehme und lockere Atmosphäre sein soll, ist alles reglementiert und Pünktlichkeit am Tisch und beim Ausflug wird unausgesprochen verlangt. Die Männer achten auf ihre Erscheinung und beobachten ganz genau, was der Konkurrent macht. Die Frauen beobachten, agieren und spielen mehr oder weniger mit. Die gespielte, beste Seite birgt aber ihre jeweiligen Geheimnisse und die Fassaden brechen ein. Warum wurde zu dieser Kreuzfahrt geladen? Alle erwarten etwas, alle meinen, Macht zu besitzen, die aber immer nur in Abhängigkeit zu anderen ausgespielt oder ausgenutzt werden kann. 

Die Kapitel sind sehr kurz gehalten und die Perspektiven wechseln. Somit ist es ein sehr zügiger Lesespaß. Die Handlung und die unterschiedlichen Sichtweisen sind sehr packend und handwerklich toll inszeniert. Es werden Andeutungen gestreut, die Abgründe sind wandelbar und die Klischees bestätigen sich und heben sich wieder auf. Ein böser und sehr dynamischer Trip, der an die großartigen Werke von Yasmina Reza erinnert. Das Buch verspricht nicht nur mit dem Titel ein blaues Wunder, es ist eins.

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Eva Strasser: „Wildhof“

Ein Familienroman, der nach Frieden sucht und einen subtilen und magischen Grusel einbaut. Die Kulisse ist der Schwarzwald, der das Verzauberte, Unheimliche und gleichzeitig das Heimelige darzustellen vermag. Es ist eine Rückkehr in den Ort, wo die Zwillingsschwester verschwand. Der Heimatort birgt alte Geschichten, die überall noch lauern, vibrieren und somit ein immer lauteres Summen erzeugen. Der Wald selbst ist das Wuchernde, Wilde, in dem aber auch ein Leuchten zu erleben ist.

Lina hatte mit dem Ort und den Eltern gebrochen. Sie hat einen Schnitt gemacht und lebt in der Stadt. Doch hat sie die Vergangenheit nie ganz ablegen können, wie eine vergrabene Laune, platzt aus ihr ab und zu eine Wut. In der Großstadt baut sie ihre eigenen Welten. Meist sind es digitale, denn sie ist Webdesignerin und eine bedeutende App-Entwicklerin. Das Team ist ohne sie hilflos und dadurch ist sie sehr eingebunden, darf sich aber auch einige Freiheiten nehmen. Doch eines Tages ging sie zu weit und hat einen Praktikanten, der für seine Videos Frauen Angst machte, ihn seine eigene Angst spüren lassen. Ihre Strafe ist auf Bewährung ausgesetzt. Doch das Wilde ist in ihr weiterhin aktiv und manchmal ungebremst. Ihre Wut sucht sich im Stillen einen Kanal, wenn sie knurrt oder in der Eskalation, wenn sie Türen eintritt oder wie jenen Praktikanten aus dem Fenster hält.

Lina meidet das Elternhaus, den Wildhof, und war schon lange nicht mehr im Schwarzwald. Ihre Eltern hatten einen Verkehrsunfall und sind verstorben. Nun kehrt sie zurück und jeder Ort und jedes Zimmer birgt seine eigene Erinnerung. Es stinkt, es verwest oder es ist luftig und schön. Die Eltern waren angesehene Künstler. Die Bilder der Eltern sind weg und in Lina wachsen andere Bilder in der Erinnerung und Imagination. Besonders jenes, das sie mit ihrer Schwester zusammen gemalt hatte. Die Bilder, die Gerüche und die Stimmungen werden intensiver mit den jetzigen Begegnungen, die alle Verbindungen zu der damaligen Zeit haben. Die Freunde waren damals immer zugegen, immer um Lina und Luise und ihren Hund Sherry. An den Hund erinnert jetzt nur noch das verwitterte Kreuz im Garten. Luise ist damals, als sie dreizehn Jahre alt war, verschwunden und die Gemeinschaft hat sie lange gesucht. Die Eltern erkrankten und Lina verhärtete. Jetzt ist sie wieder da und alle Erinnerungen werden wach. Sie möchte nur aufräumen, verkaufen und wieder weg. Die Eltern werden klanglos im Friedwald beigesetzt und schnell ist das Haus annonciert und Interessierte schauen es sich an. Doch etwas wehrt sich. Lina handelt zuweilen kopflos und unbedacht, geht bei Unwetter in den Wald, um sich zu fühlen, um die alten Geschichten abzulegen, aber auch, um diesen nachzuspüren, denn plötzlich erklingt Luises Lachen, das Holzkreuz wird wieder lesbar, die Kuckucksuhr geht wieder und der alte Spielball ist aufgepumpt. Ist alles Einbildung, wie das Reh, das nur sie und ihre Schwester sehen konnten? Aber taucht die Rehkönigin nicht plötzlich wieder auf und verschwindet aus dem Blickfeld, wenn sie genauer hinsehen möchte?

Der Roman lebt von der Stimmung, die er erzeugt. Sofort möchte man mehr erfahren. Was ist damals passiert und was ist das Unheimliche, das sich heimlich und subtil in die Handlung einbaut. Doch kippt das Werk nie in verklärende Phantasiemetaphorik, sondern zaubert magischen Realismus in seine ganz eigene Struktur. Moderner Erzählstil trifft hier auf Althergebrachtes und vertieft damit das zu vermittelnde Wissen, die ganze Entwicklung und Handlung, die mit ihren Wendungen überrascht. Ein Roman zum Eintauchen und zum wohligen Gruseln, in dem die dunkle Waldkulisse sich immer mehr lichtet. 

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Asja Bakić: „Leckermäulchen“

Das Buch offenbart sich auf den zweiten Blick. Der Titel suggeriert ein wohliges Schlemmen und die Buchgestaltung erinnert an das Gemälde von Johannes Vermeer. Doch beim genauen Hinsehen und Lesen zeigt sich, dass sich hier alles verschiebt. Die Geschichten sind verrückt, denn sie spielen mit der verzerrten und verschobenen Realität. Es sind elf Erzählungen, die in unserer Welt und außerhalb der Welt spielen. Sie sind absurd, groß, einfallsreich, körperlich und oft dystopisch. Die kroatische Autorin Asja Bakić spielt mit ihren Themen, mit uns als Lesende und dem Genre. Nichts bleibt, wie es ist und sie zeigt uns absurde und verstörende Welten, die immer mehr zu unserer werden. Der Blick in das Bizarre wird ein Blick zurück auf unsere Realitäten. Die Autorin zeigt sich dabei sehr verführerisch und einfallsreich. Die Geschichten sind gruselig, bedenklich, grotesk, erotisch und befremdlich. Doch wird der Spaß dabei nie genommen. Das Verspielte der einzelnen Geschichten spannt einen verzaubernden Bogen um das ganze Werk.

Es sind die Frauen, die alle Szenerien beherrschen. Es gibt zum Beispiel eine Erzählung, in der die männliche Erdbevölkerung an Syphilis verstorben ist und die Befriedigung lediglich durch die künstliche Intelligenz erzeugt wird. Die Männer sind weg und doch fehlen sie irgendwie, aber zum Glück gibt es die digitalen Möglichkeiten. Eine Autorin bekommt ein Stipendium auf einer Raumstation und ist angehalten viele Werbeslogans zu erzeugen. Das Göttliche taucht ebenfalls auf, zumindest die alten Griechen und später auch die Mystischen, die einer Blinden verhelfen, das Sehen zurückzuerlangen. Die Sprache und die Inhalte sind sehr körperlich, denn es öffnet sich zum Beispiel ein Männergraben, der eine surreale Heimkehr und Entfremdung von der Familie erzeugt. Ein Ferienlager bekommt durch ein Gewässer getrennt eine gespiegelte Wahrheit und die Menstruation sowie die Machtgier der Männlichkeit verwandeln die Ferienzeit in ein Horrorszenario. Eine Zeitmaschine wurde gefertigt und eine Frau konnte die letzte und wichtige Berechnung fertigstellen. Doch nutzt sie ihr Wissen nicht, um wie geplant zu landen. Denn eigentlich sollte eine Zeit gewählt werden, um die Umweltzerstörung zu verhindern, doch gab es bestimmt sonnigere Reiseziele. Die Perspektiven sind wie die jeweiligen Geschichten sehr unterschiedlich und wandelbar. Die Literaturgeschichte könnte auch durch die letzte Stimme im Buch neu durchdacht werden. Denn hier schreibt Lotte über den dummen Werther und was dachte, erlebte und machte sie in Wirklichkeit?

Diese Geschichten sind feministische Anarchie als Literatur. Der Sog und die Ideenvielfalt des ganzen Werkes begeistern. Es zeigt, dass wir uns gegenwärtig auf nichts verlasen sollten, auch auf die Identitäten nicht. Alles kann mit einem kleinen Windhauch ins Absurde, Witzige und Verstörende rutschen. Fast alle Erzählungen tun es und machen dabei viel Spaß. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer übersetzt.

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