
Sven Recker erzählt mit seinem dritten Roman eine bewegende Geschichte über die Abschiebung armer Menschen. Nach seinem Roman „Fake Metal Jacket“ ist Recker erneut kritisch. „Der Afrik“ hat durch die knappe, aber pointierte Sprache und Bildsetzung einen enormen Sprung, in Hinsicht auf die vorherigen Werke, zur kunstvollen Literatur gemacht.
Die Geschichte ist bewegend, stimmt nachdenklich und beruht auf wahren Begebenheiten. Trotz des Blicks in die Vergangenheit, ist das Werk von enormer Aktualität. Der Roman erzählt von Franz Xaver Luhr. Er lebt außerhalb der Gemeinschaft, fast wie ein Einsiedler und er meidet und wird gemieden. Er ist ein wortkarger Mann, den die Dämonen der Vergangenheit stets begleiten. Er hat etwas Weltenthobenes an sich, das naiv wirkt. Zwiesprache hält er beständig mit seinem imaginären Begleiter, dem Kinderschreck Nachtkrapp. Doch ahnt keiner, was er wirklich macht. Er gräbt tief in die Erde, unter den Weinberg Afrika und sinnt auf Rache. Eines Wintertages sitzt ein Junge vor seiner Hütte. Er hat einen Zettel dabei auf dem steht: „Je m´appelle Jacob. Tu es famille.“
Viele Missernten und ein enormer Bevölkerungszuwachs führten in Deutschland im 19. Jahrhundert zu Unruhen, Not und Armut. Viele Menschen flohen und suchten ihr Glück in der Ferne. Besonders in Amerika. Auch der Vater von Franz hatte es versucht. Ein grünblauer Stein und ein Traum erinnern Franz an seinen Vater, der ums Leben kam. Sie lebten in Pfaffenweiler, ein Weindorf in der Nähe von Freiburg. Die Gemeinde, besonders die Obrigkeit, wollte sich der Armen entledigen und versprach diesen Menschen ein besseres Leben in Algerien. Die Reise beziehungsweise die Schiffspassage würde ihnen bezahlt werden. Zur Finanzierung wurde ein Waldstück abgeholzt und das Land zum Weinberg umfunktioniert. Diese Rebfläche wurde „Afrika“ genannt. Noch heute steht dort ein Denkmal, denn 1853 brechen 23 Familien in die französische Kolonie Algerien auf. Doch auch dort erwartet die Auswanderer nur Elend, Armut und Leid. Unter ihnen der fünfzehnjährige Franz und seine Mutter. Die Bitte um Rückkehr verweigert die Gemeinde Pfaffenweiler den insgesamt 132 Menschen. Doch einer schafft es und kehrt heim. Es ist Franz, den alle nach seiner Rückkehr Afrik nennen.
Es ist die Geschichte des alten Franz, der sich erinnert. Durch seine Wortkargheit bekommt auch der Roman etwas Archaisches. Durch die Verknappung erhält der Text etwas Lyrisches und gibt den Gedanken und Emotionen mehr Raum. Die Erinnerungen an die Auswanderung, das Leben in Algerien und seinen Freund Djilali verbinden sich mit der Gegenwart des eigentlichen Erzählstrangs, als jener Junge plötzlich im Leben von Franz auftaucht. Die Erzählbögen verbinden somit auch die Historie mit unserer Gegenwart. Ein beindruckender Roman.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV
Gekauft! Danke, Hauke, für die Empfehlung. Herzlich, Ulrike
>
Vielen Dank. Ich wünsche erlesene Stunden!
Pingback: Sven Recker - Der Afrik - Buch-Haltung