
Die Buchgestaltung verfrachtet uns sofort in die Musikwelt und die Schriftart erinnert an Edgar Wallace. Dieser erste Eindruck ist kein verkehrter. Denn hier wird langsam ein musikalischer und historischer Noir-Krimi erzählt, der durch die großartige Szenengestaltung mit dem Erzähltempo spielt. Wie bei einem Jazzstück wird improvisiert, die Themen angedeutet, wiederholt und verändert. Das Erzähltempo wird angehoben, um dann wieder gedrosselt zu werden. Gleich am Anfang wird das Krimibild durch zwei Tote und einer Gefesselten erzeugt. Die Opfer werden namentlich nicht genannt, denn die Erzählung geht dann an den Anfang der Geschichte, die dieses Ende einläutet.
Robert Brack schreibt Romane, die Geschichtliches beleben. Erneut reisen wir mit seinem Roman in die Vergangenheit Hamburgs. Die Handlung spielt 1951 in St. Pauli. Hier prallen diverse Kulturen aufeinander. Es ist ein pulsierender Stadtteil, in dem Meinungen und Gesetze oft mit Fäusten durchgesetzt werden. Die meisten Besucher wollen hier etwas erleben. Die Bewohner müssen hier überleben und jene, die die Unterhaltung suchen, wollen nackten Spaß oder ausufernde Feste erleben. Doch gibt es auch jene, die Kultur vermitteln wollen. Musikkneipen werden gegründet, die oft den Vorbildern aus Amerika nacheifern. Doch ist die Entwicklung in New York eine andere und jene Musikikonen beleben dort den Jazz immer wieder aufs Neue. Davon träumt auch Martha Kiesler. Sie wurde in Leipzig geboren, zog nach Hamburg und floh nach Amerika. In New York versucht sie ihre musikalische Karriere voranzutreiben. Eine Platte bringt sie bei ihrer jetzigen Rückkehr nach Hamburg mit, da sie in ihrem bisherigen Leben erkannt hat, dass ihre Träume in der Realität anders verlaufen. Robert Brack hat sich von der tatsächlichen Jazzpianistin Jutta Hipp inspirieren lassen.
Martha ist Jazzpianistin und versucht, auf der Reeperbahn Auftritte in Clubs oder Hotels für sich zu organisieren. Dabei ist sie einigen durch ihr musikalisches Können zu anspruchsvoll. Nach einem Gespräch mit dem künstlerischen Leiter des „Jungbrunnen“ sieht sie zum ersten Mal Paul. Paul umweht etwas Geheimnisvolles, er ist Amerikaner und war Soldat. Jetzt ist er ebenfalls Musiker, der bei der ersten Begegnung in eine Hofschlägerei gerät. Er schuldet anscheinend jemandem etwas oder wird erpresst. Paul bekommt Unterstützung von zwei Damen, die sich gerade noch als Showkämpferinnen gegenüberstanden. Martha hört Paul auf seinem Bass spielen und weiß, nur mit ihm kann sie Großes erreichen. Als sie einen alten Freund, der einen Jazzklub eröffnen möchte, wiedertrifft, scheinen die Möglichkeiten greifbar nah zu sein. Immer wieder gerät der Jazzklub in den Mittelpunkt von Gewaltausschreitungen. Mittendrin ist oft auch die Polizei. Doch bis Martha ganz im Klub engagiert wird, spielt sie als Pianistin in einer Hotellounge meist belanglose Wohlfühlmelodien. Paul, Marthas Traum-Bassist, ist sehr unzuverlässig und stets in Begleitung zwielichtiger Gestalten. Auch sein Bass ist immer mal wieder weg, verpfändet oder als Sicherheit bei unterschiedlichen Schuldnern hinterlegt. Die Szene ist belebt von Reichtum, der sehr ungerecht verteilt wirkt, von Drogenhändlern und Rotlicht-Gangstern. Immer wieder dreht sich Martha im Kreis, um den nächsten Auftritt hinzubekommen. Ihr Kreis von Menschen, die sie umgeben, verstrickt sich dabei stets miteinander. Die Anfangsszene ist somit das Bild des nahenden Endes.
Dieser Hardboiled-Krimi ist mehr ein Roman, der die Geschichte von Hamburg und dem Kiez erlebbar macht. Dies in allen Facetten. Die tatsächlichen und realen Figuren, die Robert Brack inspirierten, wurden gänzlich verändert und aus dem tatsächlichen und zeitlichen Kontext genommen. Somit ist es ein Roman, der die Musikszene, das Künstlerleben und die Schattenwelt spürbar erzählt. Ein nicht gerade blutloser Jazzkrimi. Die Handlung ist komplex und die Charaktere werden glaubwürdig ins Leben gerufen. Die anfänglich aufgebauten Harmonien werden, wie im Jazz üblich, dann gehörig auseinandergenommen, disharmonisch zurechtgestutzt, um dann die Harmonielehre ganz neu zu arrangieren.
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