Archiv der Kategorie: Erlesenes

Benjamin Myers: „Strandgut“

Benjamin Myers schreibt Bücher, die unsere Welt aus der Gefälligkeit heraushebeln.  Mit fast schon einfachen Bildern entfernt er den Ballast aus unserem Leben. Denn mit dem Titel „Strandgut“, direkt übersetzt „Seltene Singles“, spielt er mit Dingen, an denen wir festhalten und jene, die wir von uns lösen sollten. So ist auch die Metapher vom Strandgut zu verstehen, etwas das das Meer preisgibt, abstößt oder bearbeitet am Strand ablegt. Benjamin Myers legt uns die Entscheidungen in die Hand, etwas mitzutragen oder stets Suchende zu bleiben. Es ist ein Entwicklungs-, aber auch Musikerroman, der den Soul, also das Herz und die Seele in den Mittelpunkt stellt. Musik, Kunst und Literatur, wenn sie aus der Seele kommt, ist bleibend. Dies im Gegenstück zu den herzlos produzierten Werken, die uns einen schnellen Kick und den Produzenten viele Klicks beschaffen.

Es ist die Geschichte von Bucky und Dinah. Beide sind im Leben irgendwie als Schiffsbrüchige gestrandet. Sie in England, in dem Küstenort Scarborough. Sie ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Ihr Mann ist lebensuntüchtig und klaut auch zuweilen gerade in dem Laden, in dem Dinah arbeitet. Alle haben ihre Süchte, die sie am Leben halten. Der Sohn ist abhängig vom Internet und der dort kalkuliert eingesetzten Persönlichkeit aus Fernost, mit der er meint, verlobt zu sein. Dinah liebt es, im Meer zu schwimmen und sich in die kalten Fluten zu stürzen, um dem deprimierenden Alltag zu entkommen. Auch vergöttert sie die Musik und freut sich auf das anstehende Festival.

Bucky lebt in den USA und hat seine Frau verloren. Sein Körper schmerzt überall. Somit nimmt er immer Schmerztabletten. Er hat als Kind im Kirchenchor gesungen und wurde entdeckt. Er bekommt die Möglichkeit, zwei Singles mit seinen Soulsongs aufzunehmen. Doch dieser Anfang ist auch schon das Ende seiner Musikerkarriere. Durch ein Lebensdrama und ungerechte Verstrickungen landet er kurz in Haft und muss einen Verlust erleiden. Auch den Tod seiner späteren Frau erträgt er kaum. Er ist jemand, der sich stets anstellen muss, auch in der Apotheke um seine Schmerzmittel zu bekommen. Dieses Mal benötigt er eine größere Menge, denn er hat eine Einladung erhalten. Er soll seine Songs live spielen, auf einem Festival in England. Er kann es kaum glauben, aber da er das Land noch nie verlassen, noch nie live gesungen hat und noch nie am Meer war, macht er sich auf die Reise.

Dinah holt ihn am Flughafen ab und er erfährt, dass sie ein großer Fan ist und er in dieser Region, wenn nicht sogar in Europa, eine Legende ist. Seine Songs, die er damals zu einem Spottpreis verkauft hatte, sind für viele der Soundtrack ihres Lebens geworben. Er kann es kaum glauben und zweifelt an der Ehrlichkeit des Gesagten und an sich. Alles vernebelt sich in seinem Kopf. Auch, weil er im Flugzeug seine Tabletten liegengelassen hat. Somit macht er in der Fremde einen kalten Entzug. An seiner Seite steht Dinah, die sich um ihn kümmert und fit machen möchte, damit er endlich seinen ersten Auftritt erleben kann. Beide stürzen sich in die Lebensfluten und finden den Willen, es mit den neuen Gegebenheiten aufzunehmen.

Es geht um das Weitermachen, an den Glauben an sich und um die Kunst zu unterscheiden zwischen den Dingen, die wichtig und unwichtig sind. An welchen sollten wir festhalten und welche können wir getrost den Fluten überlassen? Das Althergebrachte und das tatsächlich Geschaffte sind im Leben beständiger als alles, was Schnelllebigkeit und nur kurzweilige Ablenkung verspricht. Dieser Roman ist irgendwie beides. Kurzweilige und sehr schöne Unterhaltung, die dann aber doch wie nebenbei jene Themen in uns anstößt und zum Erklingen bringt. Der Roman wurde aus dem Englischen von Werner Löscher-Lawrence übersetzt.

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Tobias Premper: „Sommer Ende“

Ein feiner, makabrer Sommerspaß. Als würde Pulp Fiction Literatur, denn dieser Roman, der aus szenenhaften Miniaturen besteht, stellt alles auf den Kopf, versucht es zumindest. Das vermeintlich Triviale ist nur gespielt, denn viel gibt es hier zu finden und in einem ganz lakonischen Ton entzündet sich am Anfang eine Zündschnur an einer Explosion und wir ahnen noch nicht, was diese Feuerlunte noch anzurichten vermag. Tobias Premper bezeichnet sich als Grenzgänger und so ist auch sein Schaffen zu verstehen. Im Leseschatz ist er bereits durch „Gelati! Gelati!“ aufgefallen. Er ist ein Meister des Kleinen, das sich aufbaut und dann das Versteckte sichtbar werden lässt. Mit Tempo und Witz hat er erneut einen zündigen Sommerhit gelandet.

Ein Berliner Ehepaar fährt über das Wochenende aufs Land. Ein Testament verspricht Millionen. Beide hintergehen und betrügen den Lebenspartner. Wollen das Geld und dann denn anderen verlassen, am besten gänzlich beseitigen. Menschen, die sich nahe sind, aber ihre Distanz gehörig erweitert haben. Ihr Wochenendausflug gerät aus den Fugen. Mit dem Fortgang der Handlung spielen der Erzähler und sein Autor mit den Gattungen und Möglichkeiten der Literatur. Es wird auch nach Auswegen gesucht. Dabei wird gehupt, gestritten, geprügelt und es wachsen weitere Gedanken. Nichts wird fokussiert und doch wird alles belichtet.

Wissenswert ist, dass der Roman durch den Film von Jean-Luc Godard „Week End“ inspiriert wurde. Doch ist die Kenntnis des Films für das Verständnis nicht erforderlich. Der Roman kann somit als eine literarische Cover-Version angesehen werden. In beiden macht sich ein Ehepaar mit ihrem Auto auf den Weg, um ein Testament zu empfangen. Auf der Fahrt geraten sie in einen Stau und Unfall und begegnen diversen Menschen. Darunter Wegelagerern, Möchtegern-Philosophen, Verrückten und Kannibalen. Auf einer Autofahrt endet der Sommer und das Leben strudelt in einen Alptraum. Das Buch transportiert die Handlung von Frankreich nach Deutschland. Es bedient sich auch nicht nur der filmischen Handlung, sondern schweift ab, macht Schnitte und der Erzähler greift ein.

Der Roman hat 103 Kapitel und diese sind kleine Miniszenen. Gleich am Anfang fährt ein Ferrari Cabrio mit einer lachenden Frau und einem Mann durch eine luxuriöse Gegend. Das Leben in diesem Viertel ist herrlich, glücklich und ein bisschen dämlich. Gerade als eine Hummel erneut und bräsig gegen eine Fensterscheibe fliegt, explodiert eine Bombe im Auto ohne ersichtlichen Grund. Dies ist der Einstieg, der das Kommende schon einschließt. Denn es bleibt ruppig, absurd und komisch-poetisch. Denn dieses Buch geht nicht Seite für Seite voran, sondern cineastisch Minute um Minute. Die Kapitel enden im offenen Satz, um dann im folgenden Kapitel diesen aufzugreifen. Dadurch ergeben sich Anschlussfehler und Zeitsprünge, die mit uns spielen. Der Witz und das Lesetempo erhöhen sich durch die fettgedruckten Textfragmente, die einseitig zum Beispiel das Wochenende feiern. In diesem Roman bleibt nichts beständig. Dies ist auch der Hauptkern der Handlung. Auch die Hauptfiguren, verändern sich namentlich. Darauf weist uns aber der Erzähler persönlich hin.

Eine Autoreise, die an Tempo zunimmt und uns warmen, heißen und nicht gerade geruchsneutralen Wind ins Gehirn bläst. Ein aberwitziges Spiel, das uns spiegelt und Hoffnung schenkt. Eine Hoffnung, die aber auch eine Abzweigung ins Nirgendwo machen könnte.

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Pippa Goldschmidt: „Deutschstunden“

In der Literatur von Pippa Goldschmidt ist immer alles miteinander verbunden. Was wir sehen und lesen ist irgendwie mit dem verbunden, was da ist oder Geschichte war. Diese Verbindungen sind komplex und weben ein Netz, das sich immer weiter ausdehnt. Wie der Kosmos, der sich auch nicht durch Raum und Zeit begrenzen lässt. Pippa Goldschmidt ist promovierte Astrophysikerin und arbeitete mehrere Jahre als Astronomin am Imperial College, anschließend im öffentlichen Dienst, u.a. in der Weltraumbehörde. Jetzt hat sie zur Literatur gefunden. Denn jede Gleichung ist lediglich ein Versuch, das Universum, die Welt oder das Leben annähernd verständlicher zu machen. Das hat die Literatur mit der Naturwissenschaft gemeinsam. Mit „Weiter als der Himmel“ und  „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ nahm uns die Autorin bis zu den Sternen mit. Doch ist der Blick in den Himmel stets der Blick zu uns. „Deutschstunden“ ist ein persönliches Werk, eine eigene Reise in die Vergangenheit ihrer Familie und ist ein erzählendes Sachbuch. Diese Rückkehr hat sie in ihrer Muttersprache geschrieben und ihre Verlegerin Zoë Beck hat es übersetzt.

Pippa Goldschmidt wuchs in London auf und lebt heute als Autorin in Berlin. Sie lebt jetzt in dem Land, aus dem ihr Großvater fliehen musste. Diese gegensätzliche Reise enthebt sich der Zeit und verbindet diese durch die jeweiligen Ereignisse. Ihr jüdischer Großvater ist 1936 vor den Nazis nach England geflohen. Hier wurde Pippa Goldschmidt geboren. Sie hat viel Zeit in Deutschland verbracht und denkt über einen Umzug nach. Sie beantragt nach dem Brexit die deutsche Staatsbürgerschaft. Ernst, ihrem Großvater, wurde die Staatsbürgerschaft entzogen. Das deutsche Grundgesetz garantiert den Nachfahren, als eine der Wiedergutmachung, ihre Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen. Da Pippa sich nun auf ihren Großvater beruft, fragt sie sich, wer er war. Denn sie weiß kaum etwas über ihn, lediglich dass er im Ersten Weltkrieg für und im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland gekämpft hatte.

Die Reise und die Ankunft in Deutschland nutzt Pippa, um in die Geschichte einzutauchen. Sie nimmt Deutschstunden und macht reale und gedankliche Reisen in Raum und Zeit. Die Sprache vermengt sich mit der Geschichte. Die Astrophysikerin belichtet ihre Erlebnisse mit der Biographie ihrer Familie und der Geschichte der Juden. Es wird somit deutsche und europäische Geschichte, die durch die Weltkriege, den Brexit, die Pandemie geprägt wird. Dabei bewahrt sich die Autorin ihren Humor. Neugierig und reflektiert schaut sie sich Dokumente und Geschehnisse an und verwebt alles mit Empathie. Es wird durch ihre Sprache und ihrer Weltsicht sehr persönlich. Ihre Weltsicht ist die einer Sternenforscherin, die den Blick auf das große Ganze wirft. Der Blick zurück, von den Himmelskörpern zu uns, kann nur als eine Einheit begriffen werden. Somit wird auch zum Beispiel die Relativitätstheorie ganz neu oder doch wie üblich eingebunden.

Diese Reise ist eine Rückkehr und eine Rekonstruktion, die uns bestürzt, unterhält, staunen und zuweilen auch schmunzeln lässt. Die Liebe zur Naturwissenschaft und Literatur ist in jedem Kapitel spürbar. Pippa Goldschmidt versucht, die Menschlichkeit zu bewahren und mit diesem Buch aufzuzeigen. Eine Menschlichkeit, die zuweilen verloren ging oder geht, aber niemals verschwinden wird. Es ist ein Text, der sich ausdehnt und gleich dem Kosmos sich durch andere Materie, andere Ereignisse verformt, einverleiben lässt oder die Flugbahn, d.h. die Perspektiven verändert. Pippa Goldschmidt hat ihre Sprache gefunden und kann tolle Geschichten um ihre politische, wissenschaftliche und menschliche Weltsicht herum schreiben. Sie beweist mit jedem ihrer Texte, wie wichtig es sein kann, die Welt, wenn nicht sogar den ganzen Weltraum, zu ordnen.

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Ayelet Gundar-Goshen: „Ungebetene Gäste“

Ayelet Gundar-Goshen verwandelt erneut innere Konflikte in äußere. Ihre vorherigen Werke, zum Beispiel „Löwen wecken“ oder „Wo der Wolf lauert“ waren Romane voller Psychologie und Schuldfragen. Es sind Situationen, die in Unachtsamkeit oder in der Abgrenzung wurzeln und in Verstrickungen aus Lügen, Scham, Rache oder Selbstschutz ausufern.

„Ungebetene Gäste“ spielt mit gesellschaftlichen Bildern aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Ansichten. Dabei entsteht ein Psychodrama um Verantwortung, Mitgefühl und Gerechtigkeit. Ayelet Gundar-Goshen schaut in unsere menschlichen Abgründe und inszeniert diese literarisch-cineastisch. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama übersetzt.

Es beginnt in Tel Aviv. Naomis Mann, Juval, hat einen Handwerker beauftragt, die Balkonbalustrade auszubessern. Naomi ist nicht begeistert, als dieser, ein Araber, bei ihr in der Wohnung auftaucht. Sie versucht ihren einjährigen Sohn Uri von dem Arbeiter fernzuhalten. Doch ist dieser freundlich und weckt das Interesse des Kleinkindes. Die Anwesenheit des Fremden lässt Naomis Vorurteile wachsen und sie fühlt sich nicht sicher. Als der Handwerker die Toilette benutzt und sie kurz abgelenkt ist, weil sie Kaffee kocht, passiert das Unglück. Uri ist auf den Balkon gekrabbelt und hat aus Versehen einen Hammer zu Fall gebracht. Dieser tötet auf der Straße einen jungen Mann und die Aufregung ist groß. Naomi handelt schnell, nimmt Uri an sich und geht zurück in die Küche. Somit fällt später nicht der Verdacht auf die israelische Familie, sondern gleich auf den arabischen Arbeiter, der sofort als Terrorist verhaftet wird.

Avram arbeitet bei dem Händler Stas, der ihn nicht nur im Laden als Aushilfe beschäftigt, sondern vorrangig für die anstehende Wahl, Plakate hängen lässt. Dies meist zu dunkler Stunde. Es sind die Unruhen und die aufgewühlte Stimmung, die jeden Tag spürbarer werden. Stas hat einen Sohn, einen Teenager, der das Opfer des herabstürzenden Hammers wird. Somit keimen in Stas Rachegedanken und Avram wird in seine Welt immer mehr hineingerissen.

Naomi ist weiterhin in Schockstarre und agiert wie gelähmt. Aus Angst und zum Schutz ihrer Familie. Die Schuldgefühle sind da, aber sie versucht diese stets zu verdrängen. Der inhaftierte Handwerker hat ebenfalls eine Familie und sein Sohn war mit ihm zum Mittagslunch verabredet. Und als dieser in einer peinlichen Situation in die Wohnung von Juval und Naomi kommt, um seinen Vater abzuholen, verstricken sich die Familienwege. Es ist aber nur Naomi, die die ganze Wahrheit kennt und diese auch lange verschweigt. Als sie mit ihrer Familie von Tel Aviv nach Lagos zieht, wird das Netz aus den Verstrickungen nicht gelöst, sondern nur weiter gedehnt und enormer Spannung ausgesetzt.

In diesem spannenden Roman prallt viel aufeinander und alles keimt in den Vorurteilen, den inneren Blockaden und Ängsten. Das Spiel zwischen Menschlichkeit, Unmenschlichkeit, Stadt, Land und Wahrheit und Lügen wird durch die Autorin gut ausbalanciert.

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Neues aus der lyrischen Schatzkiste

„entschämungen“ von Siljarosa Schletterer

Sobald wir uns entblößt empfinden, regt sich die Scham, jene Emotion, die uns Peinlichkeit empfinden oder uns verlegen werden lässt. Sogar eine Demütigung erzeugen kann. Dies passiert, wenn der Schutzraum zerbricht. Eine Bekleidung oder eine Ummantelung, die unseren Kern vor dem äußeren Umfeld bewahrt. Die Scham nimmt Bezug auf einen inneren Prozess, wird aber viel zu oft auf das Körperliche reduziert. Auch in der Sprache ist das Körperliche schamhaft bekleidet. Somit ist der Lyrikband von Siljarosa Schletterer der Versuch, unser körperliches Gedankenkonstrukt durch sinnliche Sprache zu entschämen.

Die anatomische Begrifflichkeit geht mit dem allgemeinen Verständnis einher und begrenzt die eigentliche Wahrnehmung, Sexualität und Gefühlswelt. Die Annäherung an das Körperverständnis verlangt eine Eigenliebe. Bei der Sehnsucht nach Berührung wird Respekt, Liebe und Hingabe vorausgesetzt. Dabei ist eine Achtsamkeit nötig, damit durch die Körperlichkeit keine Verletzung verursacht wird.  Diese Entschämungen benennen den Sprachgebrauch, um diesen gänzlich neu zu kreieren. Können wir der Körperliebe, mit unseren gewöhnlichen Worten verkleidet, noch trauen? Die Wortspiele der Lyrikerin und Umbrüche im Vokabular und Zeilensatz lassen uns aufhorchen und dem Sinngehalt nachspüren. Der poetische Rhythmus verwandelt den Klang und erzeugt neue Räumlichkeiten und Bezüge. Die körperlichen Zuschreibungen, die meist anatomisch ernüchternd sind und die Scham durch die Wortdistanz sachlich entkräften, werden durch diese Lyrik neu geordnet. Die Scham, die Erniedrigung wird aus ihrem Trauma durch das literarische Hinsehen befreit.

Dies ist eine Aufforderung, auf den eigenen Körper zu hören und Mut zu haben, die Stimme zu erheben. Siljarosa Schletterer hat als Lyrikerin diese Kraft und lädt uns ein, in ihre ganz eigene Poesie durch die gegliederten Kantanten zu wandeln. Es sind Liebesgedichte, die durch Klang und Inhalt die gesetzten Formen und Normen erweitern. Das Lyrikbuch wird durch drei Grafiken von Franz Wassermann ergänzt.

„Falterfragmente / Poussière de papillon“ von Franziska Beyer-Lallauret

Der Gedichtband „Falterfragmente“ von  Franziska Beyer-Lallauret spielt ebenfalls mit einer Körperlichkeit. Doch keimen hier auch der Humor und das Märchenhafte. Der Falter als Sinnbild des leichten Fluges. Durch den Titel wird bereits die Assoziation mit der Buntheit, Natürlichkeit und der Zartheit gesetzt. Eine Zartheit, die in sich eine Fragilität verbirgt. Diese Lyrik ist zweisprachig, denn die Texte liegen hier in der deutschen und französischen Version vor. „Falterfragmente / Poussière de papillon“ ist auch der ganze Titel. Das Universum in diesem Werk ist überfüllt und doch schwebend und die Bestimmung der Zeilen wird auf dem ersten Blick fragmentarisch versteckt. Somit entfacht sich eine spätere Wirkung, wie es bei Poesie zuweilen erwünscht ist. Es ist ein feminines Universum mit märchenhaften Bildern. Diese Bilder wirken zuweilen verklärt und zeigen doch die Zerbrechlichkeit der Realität. Wir werden durch die Zeilen angesprochen und eingeladen, in einer vermeintlich behüteten Welt zu verweilen.

Es ist ein Gedichtband mit Bildern von Johanna Hansen und einem Nachwort von Patrick Wilden. Durch diese Lyrik schält sich ein Erkennen heraus, das uns berührt. Einiges ist überfüllt mit Bildern. Die Sprache ist raffiniert verspielt und alles ergießt sich zu einem Zusammenspiel. Der Mikrokosmos und das Natürliche versuchen hier den ganzen Kosmos einzufangen und durch den Flügelschlag der Poesie verändert sich die fragmentarische Sicht.

Rätselhaftes und Verwurzeltes sprechen von Kindheit, Heimat, Natur und unseren Träumen. Es sind eigensinnige Verse, die sich durch den Klang und die Bildgewalt in uns in Bewegung setzen. Das ganze Buch ist ein bibliophiler Wunderraum.  

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Joakim Zander: „Ein ehrliches Leben“

Was ist ein ehrliches Leben? Wenn wir etwas Authentisches erschaffen möchten, müssen wir bereit sein, dafür Risiken einzugehen. Doch wie weit darf dieses Risiko überspannt werden und birgt diese Unsicherheit nicht auch stets eine Gefahr? Joakim Zander spielt mit Authentizität, der Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit und der gesellschaftlichen Zerbrechlichkeit. Dabei ist sein Roman erneut ein spannendes Werk, das mit der Offenlegung der Mechanismen der Abhängigkeit und Zugehörigkeit unsere Bereitschaft durchleuchtet, die gesellschaftlichen, sowie sicheren Wege zu verlassen.

Joakim Zander spürt dem jugendlichen Wunsch nach einem freien Leben nach. Eine Freiheit, die sich eigene Wege aus den angepassten Strukturen sucht. Doch mündet diese Freiheit oft missverstanden in Anarchie und verletzt das Eigentum oder das Leben anderer. Joakim Zander benennt diese Begrifflichkeiten, ohne diese gänzlich zu definieren oder zu moralisieren, dies geschieht im Leseprozess ganz individuell. Joakim Zander fiel bereits sehr positiv mit seinen Politik-Thrillern um  Klara Walldéen auf, die mit „Der Schwimmer“ ihren Anfang nahm. Nun hat er einen Roman geschrieben, der wie ein Liebesroman beginnt, um dann ganz gehörig den Spannungsbogen auszudehnen und die Weltsichten aufeinanderprallen zu lassen und zu verdrehen.

Am Anfang muss sich der schwedische Erzähler, ein Autor, vor einem Spiegel-Journalisten in Hamburg rechtfertigen, warum sein gerade erschienener Roman unmoralisch gelesen werden könnte. Als Jugendlicher ist Simon, der spätere Autor, ein guter Schüler. Das Lernen fällt ihm leicht. Er liest gerne und träumt davon, Romane zu schreiben, die etwas bewirken. Doch zerplatzt dieser Traum, weil er keine gute Geschichte zu erzählen vermag. Er ist ständig gelangweilt und möchte das Kleinstadtleben verlassen. Er schreibt sich in Lund in die juristische Fakultät ein. Jura als Spielregel, um die Welt zu verstehen und um sich eine spätere Freiheit leisten zu können.  Sein Vater hat ihm ein WG-Zimmer organisiert. Hier wird ihm täglich seine Herkunft vorgespielt, seine Mittelmäßigkeit, denn er gehört nirgends wirklich dazu. Seine Mitbewohner und Vermieter sind reiche Studenten, die ihn lediglich als Dienstpersonal akzeptieren. Er hört von einer Demonstration in Malmö und hofft auf ein Spektakel und geht seiner Neugier nach. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der Polizei. Simon gerät unschuldig hinein, hilft und ihm wird geholfen. Dabei lernt er die junge Frau Max kennen. Es entsteht eine Freundschaft und Simon verliebt sich in Max, die ihn ihren Freunden vorstellt. Diese exzentrische Clique wohnt zusammen und wirkt belesen, gebildet und rebellisch. Die Gruppe lebt nach ihrem Freiheitsempfinden und radikalen Idealen und akzeptiert Simon, wie er ist. Doch sind sie ihm gegenüber auch immer ehrlich? Gerade Max, die er liebt? Das Leben verändert sich, bekommt eine neue Dimension und die Langeweile schwindet, verlangt aber enorme Risiken. Als Simon merkt, in was er hineingerissen wird, ist es zu spät, um aufzuhören. Er wird nach einer Mutprobe in Kopenhagen einer von den „Banditen“, wie sie sich selbst nennen.

Die gesellschaftlichen Spitzen werden nicht überzogen. Obwohl Klischees auftauchen, wie zum Beispiel Uhren und Surfen, die jeweils als Statussymbol oder Sinnbild der Freiheit und Hingabe  angesehen werden, gelingen die erzeugten Bilder und eine vielschichtige Handlung baut sich auf, die das soziale Gefüge wanken lässt. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann und Thomas Altefrohne übersetzt.

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Feridun Zaimoglu: „Sohn ohne Vater“

„Sohn ohne Vater“ ist ein ganz persönliches Werk, das versucht die Leere nach dem Tot des Vaters zu verstehen und zuzulassen. Der Verlust und der Schmerz erzeugen eine Wirrnis im Herzen und im Kopf, die der Handlung seine Haltung verleiht. Denn es wird ein Roadtrip, der den Wirklichkeitsbezug zu entkräften vermag und doch ist es Feridun, der als Erzähler auftritt und dann sein Ich in seiner Kunst verschwinden lässt.

Feridun Zaimoglu schlüpfte bereits in einige Persönlichkeiten in seiner Roman- und Bücherwelt. Seine Kunst ist es dann stets, die Realität durch Fiktion auszuhebeln. Der in Kiel lebende Autor behauptet diesmal, es selbst zu sein. Diese Romanrealität erhält durch den persönlichen Verlust einen Tiefgang, der viel Raum für Emotionen erzeugt und mit diesen Gefühlsmomenten spielt. Die innere Einsicht bekommt durch die lange Reise eine Erdung, die neben dem Durcheinander in der Seele auch das Chaos auf die Straßen Europas trägt und eine enorme Spannung erzeugt.

Feridun ist nicht unser direkter Nachbar, aber doch wohnen wir im selben Viertel und kennen uns bereits flüchtig gut. Ich hatte ein Anliegen an ihn und rief ihn an, er nahm ab, sagte er sei in der Türkei bei seiner Mutter und sei ganz entrückt und fokussiert und würde sich erst aus Kiel wieder melden. Durch dieses kurze Gespräch, bekommt das vorliegende Buch eine noch deutlichere Klarheit.

Es beginnt ebenfalls mit einem Anruf. Seine Mutter ruft an und sagt, sein Vater sei in der Türkei gestorben. Um dies zu begreifen und den Schmerz zu erfassen, irrt er durch Kiel. Er ruft seine Schwester an und beide weinen. Das eigene Gesicht scheint in der Trauer zu zerbrechen. In der Odyssee durch Kiel trifft er auf Bekannte und solche, die es gerne wären. Er sagt, er habe keinen guten Tag. Er müsse zu seinem Vater, der bereits beigesetzt wird. Er leidet unter enormer Flugangst und hat einen Führerschein, den er aber nicht nutzt. Um sich vom Vater verabschieden zu können und um bei der Mutter zu sein, ist eine Reise nötig. Freunde, die er besucht, kommen auf die Idee der gemeinsamen Reise. Geld muß organisiert werden, denn eine Reise kostet und als Künstler ist das Geld oft knapp. Seine Freunde leihen einen Wohnwagen und einer fährt Zaimoglu durch Europa. Eine lange Fahrt durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien in die Türkei.

Seit dem Anruf der Mutter ist der Kopf voller Erinnerungen an den Vater. Aus Ehrfurcht siezt der Sohn die Eltern. Erinnerungen an seine Kindheit, Jugend und das angefangene Medizinstudium. Sein Vater kam als Arbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Es sind Erinnerungen an viele Leben, Möglichkeiten und Geschichten. Geschichten, die für einen jetzigen Geschichtenerzähler nicht immer verbindlich sind. Somit werden die vergangenen Momente mehr Gefühlsfragmente und folgen nicht zwingend einer realen Logik. Menschen, die uns am nächsten stehen, können zu Seltsamen und auch zu Fremden werden. Der Vater als gebildeter Mann, der bei der Arbeit, in Feriensiedlungen und innerhalb des Lebensumfeldes für Aufsehen sorgte. Dies lag nicht allein an seinen gefärbten Koteletten. Er konnte stets vermittelnd eingreifen und sah Deutschland als seine Heimat an. Dies alles macht sich der Erzähler und Feridun zu eigen. Doch durch den Verlust fremdelt der Erzähler und die ganze Welt wird ein fremder Ort. Er ist unter Menschen und doch allein und ringt mit den Gedanken und Gefühlen. Auf der Fahrt trifft er auf seltsame Menschen, gerät in brenzlige Situationen und hat bei der Einreise Probleme, weil die Fahrzeugpapiere lediglich Kopien sind.

Durch die Trauer und den Aufbruch verrutschen die Wahrnehmungen. Hat sich alles tatsächlich so ereignet? Soll der Erzähler den Fahrer unterhalten oder stört er durch seine Geschichten und Gefühlsmomente?

Ein sehr persönlicher Roman über Verlust, Liebe, Aufbruch und letztendlich Ankommen. Das Wirren im Erzähler gibt den Klang des Textes vor. Feridun swingt sich beim Lesen und Schreiben stets ein, um seinen Ton zu finden. In diesem Werk spielt er mit den Tönen und Lebensperspektiven und reißt uns mit. Ein typischer und doch untypischer Zaimoglu, der zu begeistern versteht und uns direkt in die eigenen Empfindungen und Fragen reisen lässt.

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Walburga Hülk: „Victor Hugo  – Jahrhundertmensch“

Victor Hugo lebte von 1802 bis 1885 und hat somit fast ein Jahrhundert erlebt. Ein Jahrhundert, das voller Geschichte, Umbrüchen und Revolutionen war. Eine wandelbare Zeit, die ihn und sein Werke prägte. Sein Leben war öffentlich und es vermischen sich Privates und Politisches mit seiner Kunst und wird Fiktion. Mit dreißig Jahren hatte er bereits Bücher veröffentlicht, die Bühne bespielt und an seinem Weltruhm gearbeitet. Sein Werdegang ist beeinflusst durch die Geschichte Frankreichs, sein Exil und der Idee von Europa. Walburga Hülk hat mit ihrer Biographie alles sehr lebendig werden lassen. Sie zeigt ihn als bürgerlichen und öffentlichen Menschen, dessen Ideen und Werke eine aktuelle Bedeutung haben.

Ich bin in diesem Jahr als Leseschatz eingeladen worden, den Deutschen Sachbuchpreis als Blogger zu begleiten und einen der nominierten Titel in meinen Medien sichtbarer zu machen. Der Titel, der mir zugewiesen wurde, ist „Victor Hugo  – Jahrhundertmensch“ von Walburga Hülk. Wie Hugo selbst und seine Werke ist diese Biographie ein wunderbarer Koloss. Ein Buch, das die Zeit, die Ereignisse, den Menschen und sein in die Gegenwart strahlendes Schaffen tiefgründig beleuchtet. Die faszinierende Aktualität wird mit kleinen Fingerzeigen stets aufs Unterhaltsamste angedeutet. Victor Hugo war Verfechter der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und setzte sich gegen die Sklaverei, die Todesstrafe und für das Urheberrecht und die Pressefreiheit ein. Er war Romantiker und Realist. Ein Visionär und ein Künstler, der stets Frankreich, aber auch ganz Europa einbezog. Er wollte eine freiheitliche und menschliche Einheit. Nicht ohne Grund zählt er zu den bedeutendsten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts.

Anschaulich und mit enorm viel Sachverstand vertieft sich Walburga Hülk in das Jahrhundert, um in dessen Betrachtungszentrum Victor Hugo zu setzen. Sie erzählt vom Mythos, vom Schicksal und von seiner Begabung für die Inszenierung. Seine Werke umfassen Lyrik, Bühnenwerke, Romane und unzählige Schriften. Hugo hat alles schriftlich fixiert. Alles war für ihn von Bedeutung und alles hätte spätere Verwendung finden können. Durch diesen Wust hat sich die Professorin für Romanische Literaturwissenschaften gewühlt. Sie schmückt das Leben mit seinen Ideen und Werken und alles bekommt Raum und Inhalt. Sofern noch nicht bekannt, werden die bedeutendsten Werke umfangreich vorgestellt und in den biographischen und historischen Kontext gestellt. Als Höhepunkt ist es sein Hauptwerk „Les Misérables –  Die Elenden“. Hier zeigt sich sein umfangreiches Können. Ein Roman, der jene Menschen darstellt, die Weltbewegendes erleben und erschaffen. Dies hat sich aber bereits im Werk „Notre-Dame de Paris. 1482“ gezeigt. Der deutsche Titel setzt mit dem Glöckner lediglich einen Schwerpunkt der ganzen spätmittelalterlichen Betrachtung. Die Kathedrale als Mittelpunkt. Aber immer wieder sind es die Menschenmassen, die als Motor der Ereignisse funktionieren. Einfache Leute im Kampf des Lebens. Dante erschuf die untere Hölle, Hugo versuchte die Hölle oben zu zeigen. Die Revolution als Inhalt und als Beweggrund. Paris ist sein liebster Schauplatz des Geschehens und die Spaltung der Gesellschaft treibt ihn an. Eine Spaltung durch Krieg, Revolutionen, Seuchen, Armut und Ungerechtigkeit. Hugo wollte lange leben, doch musste er sich mit 83 Jahren begnügen. Er nannte sich Ozeanmensch und hatte eine literarische und humanistische Vision. Sein Leben stand mit dem künstlerischen Werk stark in Verbindung. Wohin im 19. Jahrhundert geschaut wird, blickt uns Victor Hugo an. Dieser Blick erfasst uns noch heute. Denken wir an die furchtbaren Brände von Notre-Dame, dachten wir nicht alle sofort an das Werk von Hugo? Er erlebte, um nur einiges zu nennen, Napoleon, die Julirevolution, die Revolution 1848, die zweite Republik, den Staatsstreich, das erneute Kaiserreich und den Deutsch-Französischen Krieg. Er ging für fast zwei Jahrzehnte ins Exil und schrieb in dieser Zeit sein Mammutwerk, das ihn bis heute unsterblich macht. Hugo ist reizvoll und übt trotz seiner Inszenierungen und Vermischungen der Realität mit seiner Fiktion eine Faszination aus, die erkennen lässt, wie wichtig es sein könnte, sich mit Leben und Werk von Victor Hugo zu beschäftigen. Es ist jetzt die Zeit gekommen, sich zu „hugolisieren“. Seine Ideen, Debatten und Texte waren damals aktuell und sind es bis heute. Sein Pathos, seine Liebe zum Pompösen sind nur ein Beiwerk des ganzen Kolosses. Wenn wir uns ganz genau, wie es Walburga Hülk anregt, das Ganze bis ins Kleinste ansehen, blicken wir in einen unfassbaren Kosmos aus Literatur, Abenteuer, Geschichte, Politik und immer wieder Menschlichkeit. Solange es Ungerechtigkeit gibt, wird Hugos Werk an Bedeutung behalten.

Diese Biographie ist mehr als ein Lebenslauf. Es stellt das Jahrhundert vor und greift in dessen Errungenschaften ein. Es zeigt uns die Wege, die genommen wurden. Es zeigt uns einen Menschen, der etwas zu sagen hatte, das uns immer noch berührt und bewegt. Diese Biographie begeistert und macht literarisch, gesellschaftlich und politisch unseren Werdegang verständlicher. Die Nominierung zum Deutschen Sachbuchpreis ist somit eine sehr erfreuliche Auszeichnung und lässt hoffen, dass dieses Werk noch weitere Schritte nimmt. Es ist Zeit, Hugo neu, wieder oder mit diesem Buch gänzlich zu erfassen.

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Samuel W. Gailey: „Tiefer Winter“

Solche Werke geben dem Kriminalroman das Literarische zurück. Denn hier geht es nicht um die übliche Tätersuche, sondern um das ganze Umfeld. Niemand ist gänzlich Gut oder Böse – wobei es hier doch schon jemanden gibt. Die Handlung ist angesiedelt in einer kleineren Ortschaft, man möchte fast schon von Kaff sprechen und erinnert durch die Erzählstruktur, die umfangreichen Charakterisierungen an die Werke von Richard Russo, wobei dieser den melancholischen Witz und die Entwicklungen fokussiert, während Gailey düsterer schreibt. In Bezug auf das Nachwort von Marcus Müntefering erahnt man auch die persönliche Bindung des Autors an seinen Roman. Sprachlich ist der Roman toll geschrieben, denn er baut sofort eine Bindung zu den agierenden Figuren und der Ortschaft auf. Das Vokabular passt sich dem Sprachklang des jeweiligen Charakters und der Situation an.

Tiefer Winter ist hierbei nicht nur eine Witterungsangabe, denn das Frostige breitet sich in den Menschen aus. Wyalusing in Pennsylvania war einst das Gebiet der amerikanischen Ureinwohner und hat sich nun in einen trostlosen Ort verwandelt. Die Perspektivlosigkeit ist spürbar und somit sind Alkohol, Drogen und Schusswaffen für viele ein ständiger Begleiter. Danny ist ein vierzigjähriger Mann, der durch seine geistige Beeinträchtigung oft auf den Dorfdepp reduziert wird. Ein damaliger Unfall hat eine tragische Hirnverletzung verursacht, die ihn auf dem Stand eines Kindes belässt. Er benötigt oft Hilfe, die er von Mindy bekommt. Seit Kindesalter kennen sich die beiden und Mindy, die am selben Tag wie er Geburtstag hat, steht ihm stets zur Seite, zum Beispiel beim Geldabzählen oder falls jemand wieder gemein zu ihm ist. Bereits als Kind wurde Danny oft verprügelt. Seine Hauptpeiniger sind Mike und Carl. Danny ist im Herzen gut und möchte helfen, auch als zwei Jungs in einen See einbrechen und er sich überwindet, denn für ihn ist der See böse, besonders das gefrorene Gewässer, das einst für seine jetzige Situation verantwortlich war. Danny wuchs bei seinem lieblosen Onkel Brett auf, der inzwischen verstorben ist. Mindy ist wie eine Schwester für Danny, der in einem Waschsalon arbeitet.

Gleich der Prolog erzählt das Drama. Mindy wurde ermordet. Sie liegt wie eine weggeworfene Puppe in ihrem Trailer. Neben der Leiche ist Danny. Für Mike, der jetzt Deputy geworden ist, ist es ein Gewinn, dass Danny bei der Verstorbenen ist. Mike, der menschen- und besonders frauenverachtend ist, hat in der alten Scheune eine eigene kleine Hanfplantage aufgebaut und hatte einst ein Verhältnis mit Mindy. Für die Menschen und besonders für den örtlichen Sheriff und den State Trooper scheint der Fall ganz offensichtlich und innerhalb weniger Stunden versuchen sie die alte Ordnung wieder herzustellen und aufrechtzuerhalten. Dabei wird ein komplexes Lügennetzwerk immer offensichtlicher. Danny kann nur noch seiner inneren Stimme vertrauen, die sich glücklicherweise in einigen Situationen meldet.

Dieser Roman wirft den amerikanischen Traum in den blutigen Sumpf einer Kleinstadt. Durch unterschiedliche Perspektiven wird das menschliche Geflecht offengelegt. Viele Beweggründe oder Motive sind triebhaft und impulsiv. Eine kindliche Sicht fällt auf ein brutales, manipulatives Umfeld. Ein sehr spannender Roman, der Anspielungen auf Literatur verwendet und doch am Ende der Ausweglosigkeit die Hoffnung entgegenzustellen vermag. Ein schöner, kluger und entzaubernder Landscape-Noir-Roman, der seine Leser nicht loslässt.  Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf übersetzt.

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Anna Herzig: „Das Seil“

Ein Seil kann Lebensretter sein, kann Verbindungen schaffen. Es kann lösen aber auch fesseln. Hier taucht ein Seil auf, das mit einem tatsächlichen Seil nichts zu tun haben muss. Anna Herzig schreibt zielführend, aber erschafft eine Handlung, die Kunstvolles, Verwirrendes und Surreales erzeugt. Ihre Sprache wird zu einem wuchtigen Sprachraum, der voller Leidenschaft, Schmerz, Verzweiflung und Hoffnung ist. Es geht um eine erfolgreiche Schriftstellerin, die mit ihrem Erfolg Menschen anlockt, die nun ihre Ansprüche anmelden. Sie verbarrikadiert sich, nicht nur innerlich, daraufhin.

Der Hauptcharakter, Franziska, hat früh gelernt sich zu verstecken, zu verkleiden. Sie wartet auf die Preisverleihung in ihrer Wohnung, doch die Vergangenheit rüttelt an den realen und seelischen Türen. Sie steht als Autorin endlich im Rampenlicht und möchte eigentlich gesehen werden, also muss sie langsam hervortreten und sich zeigen. Sie hat unerwartet einen renommierten Literaturpreis für ihren Text „Das Seil“ erhalten. Doch stammt der Gewinnertext nicht von ihr.

Mit dem ausgeloteten Preisgeld melden sich ihre Tante, ihr Cousin, ihr Ex-Freund und ihre Literaturagentin. Also bleibt ihr nichts anders übrig, als die Türen geschlossen zu halten. Doch innerlich bricht alles hervor. Denn ihre Kindheit war keine wohlbehütete. Nachdem ihr geliebter Großvater, ein Schriftsteller, verstorben ist, kommt Franziska als junges Kind zu ihrer Tante und ihrem Cousin. Zuwendung oder Heimeliges wurden durch Tobsuchtsanfälle oder durch das unterschwellig Bedrohliche ersetzt. Hier lernt sie das Fürchten kennen und erkennt das Monströse im Menschen.

In der Gegenwart hat sich Franziska in ihre eigene Wohnung zurückgezogen. Sie plant die Preisverleihung und überdenkt ihre Verkleidung. Sie ignoriert die Anrufe, aber später tauchen die Menschen auf, die einen Teil des Preisgeldes fordern und hämmern gegen die Tür. Die Belagerung der Wohnung und ihrer Seele lässt sich nicht aufhalten, die Erinnerungen kommen und sie muss sich zeigen. Der Text „Das Seil“, der nun ausgezeichnet wird, verarbeitet vieles, doch stellt sich die Frage, wer hat ihn geschrieben?

Anna Herzig baut mit ihrem Roman ein verschachteltes Puppenhaus, in dem es viele Verstecke gibt. Somit werden wir sprachlich und inhaltlich mit jeder Begehung aufs Neue überrascht. Das Puppenhaus, das entsteht, ist wie ein Trichter, der Windungen, Verzerrungen und Wiederholungen auf unterschiedliche Ebenen holt. Das Unterbewusste und das Verdrängte werden lebendig und spielen mit dem Hauptcharakter und dann mit der Wahrnehmungsebene des ganzen Romans.

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