Archiv der Kategorie: Erlesenes

Hugo, Ciponte & Palmerino: „Der Glöckner von Notre-Dame“

Diese Graphic Novel ist ausdrucksstark und visualisiert in der Kürze das ganze Drama. Die Illustrationen sind von Andrea Grosso Ciponte und der Text wurde von Dacia Palmerino überarbeitet. Das Werk basiert auf dem berühmten Original von Victor Hugo, das bereits mehrfach adaptiert wurde. Es ist ein Wunderwerk voller Drama und Romantik und stellt, so auch der eigentliche Titel „Notre-Dame de Paris. 1482“, die Kathedrale in den Mittelpunkt. Die Comic-Adaption ist eine schöne, gruselige und lohnenswerte Erweiterung um den Kosmos des unglückseligen Glöckners. Das Kunstwerk erinnert an das Hauptwerk und erzeugt eine Stimmung, die bleibend ist und den Wunsch erzeugt, sofort zu den Werken von Hugo zu greifen.

Das düster Romantische des Werkes steht dabei im Mittelpunkt und wird in jedem Bild großartig eingefangen. Die Interpretation des Klassikers kann nicht alles erfassen, ist aber dennoch eine grafische Inszenierung der Haupthandlungsstränge. Die Werke von Victor Hugo sind sehr vielschichtig und werden oft in den Nacherzählungen oder Verfilmungen auf einen Handlungsstrang reduziert. Dieser Band versucht mehr anzudeuten und zeigt die Tiefe, die der Roman beinhaltet. Es entsteht ein Bild des französischen Spätmittelalters mit all seinen Bevölkerungsschichten. Wer in den Text und die dazugehörigen Bilder eintaucht, wird willkommen geheißen im Hof der Wunder. Es geht um die unerfüllte Liebe, die Anders- und Einzigartigkeit mit schicksalhaften Begegnungen und um die dunkle Seite der Seele. Der Glöckner ist Quasimodo und im Herzen von Paris, in der Kathedrale, lebt er. Es ist das Jahr 1482 und der missgestaltete Glöckner wurde einst als Findelkind von Dom Claude Frollo, einem Diakon und eines im Ruf stehenden Hexers aufgezogen und als Glöckner ausgebildet. Der laute Glockenklang hat Quasimodo taub werden lassen. Er wird von der Gesellschaft zum Narrenkönig gekrönt und später verurteilt. Er ist Herr der Kathedrale mit seinen Türmen und Winkeln. Seine Liebe gilt der Tänzerin Esmeralda. Doch auch andere buhlen um ihre Liebe und Leidenschaft, Verrat, Vorurteil und Obsession schmieden das Schicksal aller und die Handlung läuft auf die Katastrophe zu. 

Die Bilder zeigen das Unheimliche und erzeugen einen Grusel und vertiefen kunstvoll jene Geheimnisse der Kathedrale und jener, die in uns Menschen liegen. Das Ende verdeutlicht zwar den Tod, aber auch die Hoffnung auf ewige Liebe. Eine Kathedrale als Zentrum der Macht und der Geschichte zeigt hoch in den Himmel empor und wirft ihre düsteren Schatten auf die kleinen Menschen.

Ein wunderbare Umsetzung und Interpretation des Weltklassikers. Die Graphic Novel wurde aus dem Italienischen von Nicole Thamm übersetzt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Willi Achten: „Die Einmaligkeit des Lebens“

Der Roman dreht sich um Raumforderungen. Im Landschaftsbau, in der zwischenmenschlichen Beziehung, als medizinische Diagnose und in der eigenen Psyche. Willi Achten stellt erneut sein feines Gespür für seine Figurenentwicklung unter Beweis. Die Nahbarkeit der Charaktere fesselt sofort und wir werden von Anfang an von den Protagonisten und der Handlung in Bann gezogen. Der deutschsprachige Lyriker und Autor verwebt in „Die Einmaligkeit des Lebens“ die Themen, die ihn mit allen seinen Werken umtreiben. Es geht um zwei Brüder, deren Geschichte auf zwei Zeitebenen beschrieben wird. Es sind Simon und Vinzenz. Ihr Heranwachsen und die Brüderlichkeit werden im Jahr 1988 um das Osterfest erlebbar gemacht. Immer ist es Vinzenz, der dem Erzähler, Simon, stets aus der Bredouille helfen kann. 2017 sind sie erneut vereint, um doch den Abschied einzuleiten. Die Faszination des Textes sind der Sog und der Wirbel, der um die Protagonisten erzeugt wird. Der Roman hat eine Leichtigkeit und ist doch schwere Kost. So verhält es sich auch mit der Handlung und den Szenen, die voller Licht, Schönheit sind und dann von Trauer und dunklen Schatten bedroht werden. Der Roman lebt von der Zuversicht und der beständigen Hoffnung auf mögliche Lösungen und Besserungen. Leben und Tod bedingen einander und beim Erkennen entsteht ein ganz neuer Raum.

Im Teenageralter sind sie stets vereint. Vinzenz ist immer gegenwärtig, wenn Simon ihn benötigt. Es beginnt mit der Judasfigur eines Altars in einer Kapelle. Es ist die Osterwoche 1988 und durch eine Ungeschicklichkeit bricht Simon jene Figur aus dem Schnitzaltar. Simon verheddert sich gerne in Missgeschicke. Gegenüber der Bank hat er die Unterschrift gefälscht, auf einer Party verstreuen sie im wilden Tanz Asche von Hinterbliebenen. Somit ist es eine Zeit voller Schuld, Ängste und Ärger. Stets ist es Vinzenz, der mit einer Lebensleichtigkeit und Raffinesse jedes Hindernis zu beseitigen versucht. Durch die Reparatur des Altars wird er auch in Folge Restaurator werden, während Simon den Hof der Eltern übernehmen wird. Die Dorfgemeinschaft steht zu oder hält gegen die Jungs. Alles ist sehr fromm und reglementiert. Doch gibt es Ausflüchte und Freiräume, die es zu erkennen und zu erobern gilt. Besonders die Liebe zu Martha darf für Simon nicht scheitern. Diese Erlebnisse lassen die Brüder noch mehr zusammenwachsen. Aus der Ferne haben diese damaligen Probleme eine Leichtigkeit, die im Gegensatz zu den gegenwärtigen Problemen eher zum Schmunzeln anregen. Der Roman springt in den Zeitebenen und 2017 kehrt Vinzenz auf den Obsthof nach Kirschrath zurück, den jetzt Simon bewirtschaftet. Doch Vinzenz ist anders. Er ist unkonzentriert, ungeschickt und sehr oft gereizt. Simon beginnt, sich Sorgen zu machen. Auch um den Hof, denn der Kohleabbau fordert immer mehr Raum und die meisten aus der Gegend haben die Angebote angenommen und sind bereits weggezogen. Simon verharrt und ignoriert die Schreiben und verdrängt das Unabwendbare. Vinzenz Zustand wird schlimmer und die Diagnose der Raumforderung im Kopf schmettert beide zu Boden. Nun ist es Vinzenz, der von seinem Bruder Hilfe benötigt.  

Das Wechselspiel zwischen der Teenagerzeit mit seiner Leichtigkeit und dem kleinen Schattenspiel und dem späteren, sorgenvolleren Alltag, erzeugt einen spannenden und empathischen Leserausch. Die Probleme und die Sorgen wachsen im Laufe des Lebens. Der kindliche Beistand kehrt sich hier im Roman um und erhält eine enorme Intensität. Neben der Trauer hat das Buch etwas ungemein Tröstliches und Positives. Es wirkt erlebt und ist wohl, in Bezug auf die Erlebnisse des Autors, sein persönlichstes Werk. Neben der Entwicklungsgeschichte baut Achten sein beständiges Umweltthema gekonnt ein. Ein leicht zugänglicher Roman, der eine große Tiefe aufbaut und unsere Lebensphilosophie beleuchtet.  

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Durian Sukegawa: „Kirschblüten und rote Bohnen“

In diesem Werk geht es um die schönen und kleinen Dinge im Leben. Dieser Roman ist fast schon ein Klassiker der japanischen Gegenwartsliteratur und zeigt, warum diese stets begeistert. In stillen Tönen und mit einfachen aber kräftigen Bildern wird hier eine Tiefe erzeugt. Japanische Literatur wirkt oft wie ein Schattenspiel, das verspielt, schön und nuanciert ist. Der Text erstellt eine Idylle ohne kitschig zu werden. Er lässt Trauer und Melancholie zu, ohne sentimental oder verklärt zu sein. Es ist ein Buch über eine besondere Freundschaft und die Hinwendung zum Leben.

„Kirschblüten und rote Bohnen“ schenkt uns durch die Liebe für das Detail sehr viel Gutes, Schönes und Tröstliches. Im Original heißt das Werk „An“ (jap. あん) und bezeichnet eine Bohnenpaste, eine japanische Süßspeise. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe übersetzt. Das Werk war auch die Vorlage für den wunderschönen, gleichnamigen Film von Naomi Kawase aus dem Jahr 2015. Er war der Eröffnungsfilm bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes.

Es ist die Geschichte von Sentaro. Er träumt davon, Schriftsteller zu werden und hadert mit dem Leben. Er ist gestrandet und trinkt, um einschlafen zu können. Durch seine Vorbestrafung und Haft ist er gescheitert. Nun arbeitet er im Doraharu, das keinen Ruhetag kennt. Es ist ein kleiner Imbiss, der Dorayaki anbietet. Dies ist ein pfannkuchenähnliches Gebäck, das mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllt wird. Er selbst ist angestellt, der vorherige Besitzer ist verstorben und die Witwe lässt ihn fast alles alleine entscheiden und machen. Sie selbst möchte Personelles mitentscheiden, schaut sonst aber selten vorbei. Somit ist Sentaro jeden Tag in seinem kleinen Laden, der vor einem schönen Kirschbaum steht. Er hat kein großes Geschick für die Fertigstellung des Gebäcks, dennoch funktioniert das Geschäft, wohl aber eher durch die Lage. Er verwendet eine gekaufte Bohnenpaste, da ihm die Bohnen immer anbrennen. Eines Tages steht Tokue, eine ältere Frau, vor seinem Geschäft und bewundert die Kirschblüte und spricht ihn an. Seine traurigen Augen haben sie auf seine Geschichte neugierig gemacht. Sie möchte im Laden aushelfen und hat schon seit über fünfzig Jahren die Bohnenpaste gekocht. Tokue ist vom Leben gezeichnet und hat deformierte Hände und doch kocht sie die beste Bohnenpaste, die Sentaro je gegessen hat. Somit werden sie ein Team und die neue und sehr gute Qualität der Dorayaki spricht sich herum. Auch zu den Schülerinnen aus der Region. Dabei ist Wakana, ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen. Tokue, die einst Lehrerin werden wollte, spricht diese oft an, wobei sie eigentlich nur in der Küche bleiben sollte. Dadurch entsteht eine Freundschaft zwischen den dreien. Doch das Leben ist unnachgiebig. Die Witwe und Inhaberin des Ladens sorgt sich um den Ruf des Doraharu, da Tokue kränklich wirkt, auch wenn sie ein wunderbares An kocht.

Durch die Nähe der Charaktere und die Enge des Doraharu wird die Größe der jeweiligen Schicksale deutlich. Was für eine Geschichte hat Tokue erlebt, was ließ sie leiden und welche Vergangenheit haben Sentaro und Wakana. Welche Geschichten warten auf sie?

Ein leichter, wunderschöner Roman über die Möglichkeiten und besonders über die kleinen Dinge im Leben. Die Lebensweisheit und Tiefe werden spielerisch und ganz zart eingefangen und hinterlassen eine wohlige, aber auch eine schöne, melancholische Stimmung.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Yukiko Tominaga: „Vermissen auf Japanisch“

In diesem Debütroman verbinden sich mehrere Aspekte. Es zeigt sich in „Vermissen auf Japanisch“ eine generationenübergreifende und länder- sowie kulturumspannende Verbundenheit. Durch einen Verlust zeigt sich die Menschlichkeit innerhalb der Familien, deren Mitglieder eine eingerissene Lücke zu füllen versuchen.

Yukiko Tominaga geht das Thema des Verlustes anders an und verlässt die herkömmlichen Pfade. Sie gibt dem Schmerz seinen Raum, füllt diesen aber mit den agierenden Figuren mit viel Humor und Liebe. In der Reduktion und Stille, die der Text erzeugt, liegt seine Stärke. Subtil und spielerisch werden die Bindungen von Mutter zu Kind, Frau und Ehemann, Witwe und Stiefmutter humorvoll und liebevoll beschrieben.

Kyoko lebt in San Francisco mit ihrem Sohn Alex. Sie ist voller Trauer und Wut und möchte doch für ihren Sohn eine gute Mutter sein. Sie wurde alleingelassen. Aber nicht mutwillig oder aus fremden Bestreben. Sie hat ihren Mann überraschend verloren. Ihre eigene Familie lebt weit entfernt in Tokio. Als sie diese besuchte passierte es. Levi, ihr Ehemann, reparierte das Auto. Als er unter dem Wagen war, der auf einer Hebebühne stand, fiel dieser tödlich auf ihn herab. Die Trauer und das Vermissen beherrschen die Szenerie. Auch die Lebensfreude, die sie ihrem Sohn vorspielen möchte, gelingt kaum. Aber Alex, ihr Sohn, gibt ihr Mut und Kraft. Dennoch bleibt in Kyoko eine innere Leere. Kann sie diese bei ihrer Familie in Japan füllen oder bei der Wahlfamilie in den USA? Emotionen und Mitgefühl sind eng mit der Sprache verbunden. Doch gibt es im Japanischen keine wörtliche Übertragung von „Ich vermisse dich“. Vermissen bedeutet nicht zwingend Einsamkeit. Daher ist hier die anwendbare Sprache spezifisch und bleibt doch vage. Dieser Sprachgebrauch steht am Anfang des Romans und deutet den Versuch an, mit der kommenden Handlung diese Lücke kulturell, psychologisch und philosophisch zu beleben. Die Einsamkeit und die Wut werden menschlich spürbar. Kyoko versucht, sich und die Firma ihres Mannes wieder aufzurichten. Doch fühlt sie sich einsam und verlassen. Die Entfremdung mit der alten Heimat und der fehlenden zwischenmenschlichen Intimität machen ihr zu schaffen. Halt gibt ihr die Schwiegermutter Bubbe, die um ihren Sohn trauert, aber Kyoko neuen Lebensmut und Liebe schenken möchte. Bubbe ist eine jüdische und herzensgute Frau mit viel Lebenserfahrung und Mitgefühl, die an der amerikanischen Ostküste lebt. Somit spielt der Text mit Nähe und Ferne. Es geht dabei auch mehr um die entstehende Kraft, die Menschen, die für einen da sind und aufbauen können, durch Schweigen, Zuhören oder Handeln. Die Lebensroutine, sofern es überhaupt eine gibt, wird durch den plötzlichen Verlust und dann durch die Mitmenschen durcheinander gebracht. Letztendlich muss jeder sein Leben dann selbst neu definieren und finden, ist dabei aber niemals allein. Diesen Mut und Zuversicht macht das Buch. Das Werk verbindet Kulturen und Gefühle. Dabei spielt die Autorin mit Ernsthaftigkeit und Humor. Es geht um Entfremdung und Versöhnung mit den Menschen und mit den Lebenssituationen.

Die Autorin wurde in Japan geboren, lebt seit vielen Jahren in den USA. Dies ist ihr Debütroman, der aus dem amerikanischen Englisch von Juliana Zaubitzer übersetzt wurde.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Susanne Behrends: „Sommer auf Fanö“

Am 10. April war Susanne Behrends bei uns zu Besuch. Wir sprachen über ihren Debütroman „Sommer auf Fanö“. Was wie ein gemütlicher Ferienroman klingt, verbirgt in sich dann doch etwas mehr. Denn neben der Unterhaltung zeigt es den feministischen Freiheitskampf. Fanö als eine der bekanntesten Nordseeinseln und Urlaubsorte ist eine dänische Insel in der Hand von Frauen. Starke und bedeutende Frauen haben hier das Sagen und führen diverse Ämter aus. Somit ist das Setting nicht nur eine sommerliche Liebeserklärung an die Insel, sondern zeigt dann Lebensmöglichkeiten und ist ein unterhaltsamer Ruf nach Unabhängigkeit. Denn es sind vier Frauen, die sich in ihrer Bindung und Abhängigkeit zu den Männern in Frage stellen.

Es beginnt sagenhaft, denn die nordische Insel ist geprägt von Sagengestalten und Mythen. Auch hier zeigen sich bereits die starken Frauen. Susanne Behrends erzählt dann über das Leben von Frauen und zeigt jeweils ganz andere und doch sich gleichende Perspektiven. Die Zeiten und das Umfeld sind jeweils andere, doch gibt es ein verbindendendes Element. Es sind die Jahre 1905, 1969 und 2023.

2023 reist Katrine zu ihrer Verwandten Ida nach Fanö. Sie ist unglücklich, denn ihre Beziehung scheint am Ende zu sein. Ihr verheirateter Liebhaber hat sich für seine Familie entschieden. Ida ist die Enkelin von Lene, die 1905 mit Mads verlobt ist, der zur See fährt. Sobald er zurück ist, soll Hochzeit gefeiert werden. Doch träumt sie von der Freiheit und möchte der Enge entkommen. Als der industrielle Erik Hansen aus Kopenhagen sie mit ihrer Tracht ablichten möchte, verändert sich ihr Leben. Dann ist da noch Sylvia, die 1969 erneut Urlaub mit der Familie auf der Insel macht. Sie stellt das Hausfrauendasein in Frage und verlangt mehr vom Leben. Somit stellen sich alle Frauen die Frage, was für ein Leben sie eigentlich führen möchten.

Auf Leseschatz-TV gibt es ein kurzes Gespräch mit Susanne Behrends und eine Mini-Lesung:

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Malte Borsdorf: „Frau Schebesta räumt die Welt auf“

Frau Schebesta räumt die Welt auf. Sie tritt zumindest  in die Welt von Lou, die mit ihrer kindlichen Sicht alles beobachtet und erzählt. Lou ist eigenwillig und hat eine lebendige Phantasie. Sie gibt den Menschen in ihrem Umfeld je nach Stimmung andere Namen. Ihr Vater, der eigentlich Torsten heißt, ist für sie meist Trotzki. Mit Frau Schebesta tritt eine Bombenentschärferin auf und bringt Aufregung in das kleine Dorfleben in der Nähe von Kiel.

Eine Bombenentschärferin als namensgebende Romanfigur ist etwas Besonderes. Durch diese Tätigkeit kann ein ungewöhnlicher und beeindruckender Blick auf die Altlasten und das Trauma eines jeden Krieges geworfen werden. Auch durch die verschiedenen Generationen und Herkunftsländer der Charaktere werden unterschiedliche Perspektiven angedeutet und vertieft. Trotz der grundlegenden und schwerwiegenden Idee, hat das Buch etwas enorm Leichtes und Verspieltes, da es Lou ist, die durch ihre junge Sichtweise uns zu begeistern versteht.

Lou lebt, seit ihre Mutter weggegangen ist, mit ihrem Vater bei Oma Gitte. Ihr Vater arbeitet für ein Bestattungsinstitut. Sie leben in Flint, einem Dorf nahe Kiel. Jeder Kieler wird sehr schnell die Ähnlichkeit und den Bezug zu Flintbek herstellen können. Für Jugendliche gibt es hier wenig zu erleben. Tjomka ist mit seiner Familie aus Tschetschenien gekommen und ein guter Freund für Lou. Auch Tjomka erhält je nach Umfeld und Stimmung unterschiedliche Namen. Oft ist er Artjom, der, wenn er mit anderen Jungs zusammen ist, gerne auch mit Böllern oder Ähnlichem spielt. Dann ist es Lou, die sich schnell aus der Szenerie herauszieht und nach Hause geht. Beide fühlen sich verantwortlich für einen streunenden Hund und gehen zusammen zur Schule. Dort stellen die Eltern oder andere Erwachsene gerade ihre unterschiedlichen Berufe vor. Dadurch lernen sie Frau Schebesta kennen. Oma Gitte meint, Frau Schebesta sei gut, sie räume auf und mache die Welt besser. Lou ist nun interessiert und möchte mehr über den Kampfmittelräumdienst erfahren. Frau Schebesta will Lou und Artjom ihren Beruf zeigen und bietet ihnen ein Praktikum an. Kiel und die umliegenden Dörfer waren im Krieg eine besondere Einflugschneise der Luftflotte. Die Kinder sind neugierig, nur Oma Gitte findet das Praktikum gefährlich und wird an die damalige Zeit erinnert. Somit wird die Handlung getragen durch die Altlasten des Zweiten Weltkriegs, die gegenwärtigen Krisen und Kriege. Dies wird durch die unterschiedlichen Perspektiven verdeutlicht und tatsächlich muss dann auch eine Bombe entschärft werden und es knallt und nichts ist mehr so, wie es war.

Ein besonderes und kleines Werk, das durch die Zeilen eine Schallwelle in uns verbreitet und dadurch sehr bewegt. Auffallend sind die Charaktere, die jeweils ihren eigenen Charme haben und länger in guter Erinnerung bleiben werden. Eine ungewöhnliche Sichtweise auf das wieder aktuelle Weltgeschehen.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Mona Harry: „Fliegen ist doch eigentlich ganz leicht“

Ein Buch, ein Kunstwerk. Mit Mona Harry lernen wir, wie leicht fliegen ist. Fliegen als Metapher einer Sehnsucht und Sorgenfreiheit. Wie Möwen, die spielerisch die nordische Küste umspielen. Der Möwenklang ist, wenn man genau hinhört, stets der Ruf der Freiheit. Diesen hat Mona gehört und immer wieder verfolgt, inhaliert, zu Papier und auf die Bühnen gebracht. Die Bühnen der Poetin, der Slammerin sind Veranstaltungssäle und jene leiseren Bühnen in unseren Herzen und Köpfen. Als Slam-Poetin ist sie seit 2011 auf Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs.

Die neue Anthologie „Fliegen ist doch eigentlich ganz leicht“ ist mal wieder, wie könnte es bei ihr anders sein, eine Liebeserklärung an die Himmelsrichtung, die nach oben zeigt. Denn haben wir nicht alle ihren Singsang vom „Norden“ im Ohr oder sind mit ihr ins Blaue geradelt? Hier sind sie wieder vereint, die Möwen, die Meere und der Ruf der Freiheit und der Wunsch nach Leichtigkeit im Leben.

Dies ist ein Best-of ihrer Texte und Unveröffentlichtes. Die Hymnen werden durch Bilder ergänzt.  Mona Harry ist nicht nur Wortakrobatin, sondern auch eine bildende Künstlerin. Ihre Bildwelten passen sich ihren Worten an und verzaubern ihre Sprachlandschaften. Besonders die fliegenden Fische haben es ihr angetan. Als Poetin blickt sie aber nicht nur in die Schönheit der Natur, auf die nordische Heimat, sondern auch auf die politischen Ereignisse und sie wird sehr persönlich. Das Fliegen leiht sie sich bei Douglas Adams, bei dem es heißt, dass fliegen doch ganz einfach sei. Dann bleiben lediglich das Wundern und die Hoffnung, eine kichernde Hoffnung, es wird keine vogonische Dichtkunst.

Mona Harry schenkt auch den Geschichten ihre Liebe. Geschichten, die Räume erzeugen: „Ich habe einen Raum wie ein Rucksack im Gepäck … Ich trage diesen Ort im Innersten nach außen“.

Das Buch ist ein Quell voller Leidenschaft, Humor und Schönheit. Es klingt, es sprudelt und es braust auf. Also lernen wir fliegen und machen die Möwen nicht gleich zu Mücken und freuen uns über fast alles …

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Elen Fern: „Wenn die Welse kommen“

Eine Stadt, es mag Genf sein, steht unter Wasser. Sintflutartiger Regen, Dammbrüche und über die Ufer tretende Gewässer haben das Land überflutet. In der Stadt leben noch Menschen. Sie bewohnen die oberen Teile der Gebäude, die über dem Wasserspiegel herausragen. Die Gebliebenen haben Hoffnung, dass sich das Wasser zurückzieht und das Leben in der Stadt bald wieder normal sein wird. Das Miteinander hat sich verändert. Nichts ist, wie es war.

Die Handlung spielt in einer dystopischen Welt und wurde von einem Literaturkollektiv Elen Fern verfasst. Sie fragten sich, ob Geschichten bei der Stadtplanung behilflich sein könnten. Diese Erzählung birgt einen Zauber und ihre Visionen werden zu magischem Realismus.

Zwei Taucher, Boris und Salǒmon, bergen Überbleibsel. Sie sind Schatzsucher, Bergungsarbeiter und kleine Ganoven. Dann ist da noch Colombe. Sie versucht, die Szenerie zu beherrschen und möchte den Menschen Hoffnung schenken. Sie plant den Wiederaufbau und die Belebung der Stadt. Dafür benötigt sie Karten, die sie in den versunkenen Ruinen vermutet und beauftragt die beiden Taucher. Die ständige Bedrohung und die permanente Rast- und Ratlosigkeit zeigen sich im Kleinen und Großen. Im Tinnitus für einen der Taucher und durch die Wachtürme mit ihren Warnsignalen, die die Menschen in eine Quarantäne zwingen. Doch ist es keine Krankheit, die hier bedroht, sondern riesige Welse, die in Schwärmen das Gewässer durchstreifen. Wenn Welse kommen, schlagen die Glocken Alarm, denn es sind bereits Kinder verschwunden.

Boris und Salǒmon fischen im Trüben, um die Pläne zu finden. Dabei verlieren sie einen Tauschschuh, der von anarchistischen Kindern gefunden wird, die sich auf ihre Insel zurückgezogen haben. Sie tauschen und handeln, wollen aber für sich bleiben und meiden die Erwachsenen. Auch wissen sie mehr über die Welse. Denn sind die Welse unheimlich, sind die Fische die Gefahr?  

Als Boris und Salǒmon tauchen, läuten die Glocken. Die Welse kommen und die Menschen verschanzen sich in den oberen Teilen der Gebäude. Jetzt wissen die Kinder, es ist ihre Zeit, es ist die Zeit der Welse.

Die ständige Vibration unserer Gegenwart steigert in uns eine Überreizung, die zum seelischen Tinnitus führt. Die äußere Bedrohung ist meist eine erzwungene, die uns vieles glauben lassen möchte. Doch die Bedrohung ist da. Aber sind es die Welse oder sind wir es, die es ermöglichen, dass uns das Wasser hier und dort bis zum Halse steht?

Die Notwendigkeit einer Stadtplanung von morgen war der Anstoß für den Roman. Doch ist dies nur einer der Gedanken im Buch. Der eigentliche Kern ist das Märchenhafte innerhalb der möglichen Realität. Wir müssen uns das Fantastische und den Zauber bewahren, denn nur so erhalten wir die Hoffnung.

Anne-Sophie Subilia, Matthieu Ruf, Daniel Vuataz und Aude Seigne sind Mitglieder des Schweizer Literaturkollektivs Elen Fern die das Buch “Wenn die Welse kommen“ verfasst haben. Begonnen hatte die Zusammenarbeit mit insgesamt vierzehn Kreativschaffenden. Aus dem Französischen wurde es von Claudia Steinitz und Andreas Jandl übersetzt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Arne Suttkus: „Die Romantik soll mir mal im Mondschein begegnen“

Ein wunderbarer, positiver Roman, der uns zum Verweilen einlädt. Wie bei einem wohligen Besuch in einem Café, in dem die meisten Szenen des Romans auch spielen. Ein Café ist ein Ort, in dem wir Gesellschaft suchen, aber uns auch zurückziehen können. Einsamkeit oder gesellige Runde sind hier kein Widerspruch. Anfänglich waren es Kurzgeschichten, aus denen nun ein Roman gewachsen ist. Der Titel „Die Romantik soll mir mal im Mondschein begegnen“ klingt wie ein Wunsch, könnte aber auch als Drohung verstanden werden.

Im Mittelpunkt ein Café. Ein Ort in dem Menschen verweilen, Luft holen und dem Chaos um sich herum trotzen oder entkommen möchten. Doch können wir unserem eigenen Chaos, das in uns ist, niemals gänzlich durch Unterstützung von Süßspeisen, Koffein oder Geselligkeit entkommen. Wir nehmen unseren Trubel mit. Arne Suttkus wählt ein Café für seine literarische Begehung und für seine Betrachtung der menschlichen Zerstreutheit. Ein Café am Rande des Campus. Ein Ort, der für einige zur kurzen Stärkung genügt, andere erleben diesen Raum als zweites, wenn nicht sogar als einziges Wohnzimmer. Hier wird studentisch gelebt. Zeit und Geld für gepflegten Kaffee oder Waffelgebäck ist immer vorhanden. Mit Arne Suttkus nehmen wir gerne Platz. Werden gleich am Anfang in das Café hineingezogen und fühlen uns sofort wohl. Das Setting, das Ambiente und die Gäste erzeugen eine Wohlfühlatmosphäre, so dass wir sofort alle und alles gern haben. Die Stärke von Arne Suttkus ist seine Sprache, der Wortwitz und die Empathie für die Figuren. Alle sind lebensnah, leicht verschroben, dies aber liebenswürdig und lassen uns mit ihrem Alltag dem unseren entkommen. Selten gibt es Bücher in denen man sich sofort heimisch fühlt.

Der Kieler Universitätscampus wird bevölkert von seltsamen Leuten. Ganz in der Nähe ist ein Café. Hier treffen wir auf Gelehrte und Möchtegernrevoluzzer. Auf Professoren und auf Angestellte. Einige kommen, um sich zu treffen, andere um nur einen Kaffee zu trinken, sofern die Kartenzahlung wieder geht, oder um zu schreiben. Der Erzähler schreibt und seine beste Freundin, Claudia, schreibt ebenfalls. Er versucht es mit der Poesie, die der Alltagspoesie entsprungen ist. Claudia mag man, sie hat ihre eigene Sicht auf die Dinge und sie versprüht eine ganz eigene Philosophie. Sie ist aber auch bereit mal eine ihrer Romanfiguren, die anfängt zu nerven, zu beseitigen. Dann ist da natürlich noch Katharina, die im Café arbeitet. Sie mag ihre Gäste. Einige mehr, andere weniger. Denen, die sie mag, bringt sie auch mal die frische Waffel an den Tisch, wobei Selbstbedienung vorgesehen ist. Auch der Erzähler hat dies Glück, denn auch er fühlt sich zu ihr hingezogen und es kommt zum ersten Treffen auf dem Kieler Weihnachtsmarkt. Somit ist der Ort gleich am Anfang gesetzt. Das Setting ist umrissen und die Charaktere platziert. Langsam bauen sich Kapitel für Kapitel die Geschichten auf. Wer mit diesem Buch das Café betritt, hat eine Tür zu vielen Geschichten geöffnet, die sich dahinter verbergen.

Ein Buch, das uns entschleunigt, uns zum Schmunzeln und zum Wohlfühlen bringt. Alles ist kunstvoll eingerichtet und zubereitet. Die Geschichten sind charmant und benötigen nicht viel Handlung, um uns sofort an die Figuren zu binden und ihnen weiterhin folgen zu wollen. Sie machen süchtig und es ist wie bei einer sehr gut gemachten Serie, der man durch das Personal gänzlich verfällt. Hier wird gelebt, geliebt, das Schreiben und Lesen gefeiert. Hier ist ein Ort entstanden, in dem die Worte wahrhaftig werden.

Arne Suttkus kann wunderbar schreiben und unterhalten. Die Handlung spielt in Kiel und es ist wohl einer der besonderen Kielromane, der aber doch überall diese Tür zum Leben öffnen könnte, wo es gemütliche Cafés gibt.

An meine mitlesenden Verlage, verlegt bitte Arne Suttkus! Es gibt keine Ausflüchte mehr.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Jérôme Leroy: „Die letzte Französin“

Jérôme Leroy ist ein Meister der düsteren Kurzkrimis. Ein schmaler Krimi, der es aber faustdick hinter den Zeilen hat. Stets geht es bei ihm direkt los, nichts wird verschönt, Handlung und Sprache nicht und es fliegen uns wahrlich die Kugeln um die Ohren. Die Erzählweise ist verknappt und originell. Der auktoriale Erzähler wendet sich auch zwischendurch an uns und berichtet in einem zynischen Ton wie es mit bestimmten Personen oder Handlungssträngen, die lediglich Wegbereiter waren, weitergeht, um dann zum Hauptkern der Geschichte zurückzukehren.

Es beginnt mit einer Schießerei in einer Hafenstadt im Nordwesten Frankreichs. Capitaine Mokrane Méguelati von der Terrorabwehr hat sich mit seinem Spitzel getroffen. Diesen hat er durch eine damalige delikate Situation an sich binden können. Als dieser von einem geplanten Attentat erzählt, stürmen Männer mit Maschinengewehren den Treffpunkt und ermorden den Spitzel. Der Capitaine kann entkommen und rennt zu den ankommenden Kollegen, die ihn für einen bewaffneten und islamistischen Tatverdächtigen halten und ebenfalls töten. Nun weiß niemand mehr, wo der eigentliche Anschlag durchgeführt werden soll.

Der Kämpfer hat ein Mädchen, Gauloise, rekrutiert. Fraglich ist, wer wem hörig ist. Was hat sie mit dem Vorgang zu tun? Sie ist zu allem bereit, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Die Polizei durchkämmt fieberhaft die Stadt, in der der rechtsradikale, patriotische Block die Macht übernommen hat. Es wird alles mobilisiert, militarisiert und die Situationen spitzen sich zu.

Ein feiner, schwarzer, derber und zynischer Kurzkrimi mit viel Action. Aus dem Französischen wurde der neue Leroy-Roman erneut von Cornelia Wend übersetzt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes