Archiv der Kategorie: Erlesenes

Marouane Bakhti: „Wie man aus der Welt verschwindet“

Wir müssen uns wohl verlieren, um uns selbst zu finden. Zumindest in jüngeren Jahren ist dies ein Phänomen, das bereits Hermann Hesse seinen Demian erkennen ließ: „Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“ Der junge Erzähler aus  „Wie man aus der Welt verschwindet“ von Marouane Bakhti möchte sich gleich am Anfang auflösen, fortgehen und das Hässliche verlassen. Bei seinen Gedankenströmen folgen wir ihm mit wachsender Empathie und Interesse. Bakhti schreibt anders, frischer und ist in der aktuellen französischen Literatur verwurzelt, die Wurzeln sucht. Es ist ein Mäandern und ein poetisches Tanzen und Ringen um Worte, die Empfindungen einkleiden sollen. Die Kürze ist dabei stets genug. Gerade die Miniaturen der Absätze erinnern an die Werke von Annie Ernaux, die den Debütroman von Marouane Bakhti gelesen hat und feiert.

Eine Identitätssuche, die wir in dem Umfang alle erinnern, kennen oder nachempfinden können. Doch geht der Roman weiter, darüber hinaus und stellt in den Mittelpunkt einen selbstdeklarierten Außenseiter als Erzähler. Er empfindet sich als wahrgenommenes Feindbild innerhalb der Gesellschaft und seines Umfeldes. Er ist der Sohn eines Marokkaners und einer Französin. Seine Betrachtungen wandeln zwischen Stadt- und Landleben, Offenherzigkeit und Enge, Spießertum und Toleranz. Die unterschiedlichen Kulturen und Weltsichten prägen wie die erlebte Provinz. Wir erleben die Übergänge und Grenzen von Fortschritt und Moderne. Die Suche nach Identität, nach Sexualität und Zugehörigkeit treibt den Erzähler an, das Schweigen zu brechen. Der Stille zu entkommen. Er fragt sich, ob er Muslim oder Franzose ist, wo seine irdische Heimat ist, Paris oder Tanger. Um seine Seiten zu finden oder sich darin zu finden, schreibt er das Buch. Ein Buch über das Aufwachsen eines Homosexuellen in der Diaspora im ländlichen Frankreich. Der Vater ist traditionell und will den Sohn durch Strenge erziehen. Er wird aus der Sicht des jungen Mannes zu einem Monster der Männlichkeit. Die Mutter, die Verstehende und Vermittelnde, bindet durch Zuwendung. Dadurch ist bereits innerhalb der Familie eine Polarisierung angedeutet, die sich in der Gesellschaft fortsetzt. Mit ganz ehrlichen Worten und einer großen Offenheit wird hier Erlebtes und Zerrissenes beschrieben. Das Begehren und das Ablehnen sind die Schallmauern der gegenseitigen Empfindungen. Kultur, Gesellschaft und das persönliche Erwachen innerhalb der vorgelebten Parameter und der Selbstfindung werden sprachlich eingefangen. Der Umzug nach Paris dehnt die Betrachtungen aus und die Selbstreflektion und der Raum zwischen den unterschiedlichen Welten weiten sich, um eigene Möglichkeiten zu definieren.

Annäherung und Suche, Nähe und Distanz sind  die Klangräume dieses literarischen Tanzes. Ein Tanz, der Kunst ist, körperliche Nähe zulässt und doch auch durch Normen die eigenen Schritte vorgeben möchte. Das Improvisieren innerhalb des Rhythmus ist es, was Marouane Bakhti hier fixiert. Denn durch Einsamkeit oder Isolation erwachen ein Schmerz und eine Sehnsucht nach Anerkennung, die uns alle berühren und wachsen lassen. Ein Roman über die Suche nach Identifikation und Freiheit. Aus dem Französischen von Arabel Summent.

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Yasmina Liassine: „Utopia Algeria“

Ein Debütroman, der das Spiel zwischen Landschaft, Land, Mensch, Kultur und Politik auslotet. An dem Beispiel der eigenen und befreundeten Familien beschreibt Yasmina Liassine die individuellen, persönlichen und gesellschaftlichen Spannungen. 1962 erkämpft sich Algerien die Unabhängigkeit. Die Menschen werden von einer Aufbruchstimmung erfasst und hoffen auf eine bessere Zukunft. Doch dieser Wunsch nach Gerechtigkeit und Freiheit schwindet fast so schnell, wie er aufkam. Somit erklären sich der Begriff und der Titel „Utopia Algeria“.

Das Betrachten des verschlungenen Lebens und die Suche nach Sprache, Zugehörigkeit und Identität beginnt mit dem Finden eines Labyrinths. Dies ist wie ein Mosaik aufgebaut und genau diese Vielschichtigkeit fängt die Autorin ein. Der Roman wirkt am Anfang nüchtern, leicht distanziert, aber dies nimmt uns dadurch ganz bestimmt mit und stellt uns neben die Beobachterin und der Raum weitet sich. Als würden wir selbst vor einem Bild stehen und erst oberflächig dieses aufnehmen, um dann die Details zu einer ganzen Empfindung zusammenfassen.

Als Anfang der 1960er Jahre Algerien sich nach der französischen Kolonialherrschaft freikämpfte, waren auch die Eltern der Erzählerin betroffen. Die Tochter, die Autorin, hat nie die arabische Sprache erlernt. Ihre Mutter ist Französin und der Vater Algerier. Die Sprache und die Zugehörigkeit verursachen erneut Bedenken und Ängste. Die neuen Strömungen dekretierten, wer sich algerisch nennen darf. Menschen, die einen anderen Glauben hatten, wer die arabische Sprache nicht sprach und wer nicht mindestens zwei muslimische Vorfahren nachweisen konnte, wurde gedemütigt und bekam Probleme. Die als „Pieds-noirs“ bezeichneten französischen Besatzer werden Vertriebene und Mischehen werden verunglimpft. Die Autorin verlebte ihre Jugend dort und ging als junge Frau nach Frankreich. Sie blieb nach ihrem Mathematikstudium in Paris. Als Erwachsene kehrt sie als Reisende zurück. Als sie auf einer Durchreise nach Algier kommt, möchte sie ein Kirchenlabyrinth besichtigen. Das Labyrinth befindet sich innerhalb einer Kathedrale, die sie aber eher an ein toxisches Gebäude erinnert. Diese Zerrissenheit lässt sie rekapitulieren. Sie stößt dabei auf Schönheit und Schrecken. Ihr Weg gleicht dem Straucheln durch ein Labyrinth. Sie erinnert das Land ihrer Kindheit mit dem Duft nach Früchten, saftigem Gras und wie die Menschen verändert wurden. Sie tastet sich nach „Utopia Algeria“ und betrachtet die Veränderungen des Landes und jene anfängliche Freiheit, die vielerorts immer noch eine Utopie ist. Die am Anfang des Buches wirkende Distanz ist nötig, um das Feinfühlige des Textes zu erspüren. Denn immer tiefer taucht der Roman in Ereignisse ein, die auch unsere aller gegenwärtigen und globalen Fragen streifen.

Mit viel Empathie für die Menschen, die Kulturen und die jeweiligen Geschichten baut Yasmina Liassine ein Mosaik zusammen, das Landschaften, Natur, Schicksale und somit die Vielfältigkeit miteinbezieht. Aus dem Französischen wurde der Roman von Katharina Triebner-Cabald übersetzt.

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Sophie Morton-Thomas: „Das Nest“

In diesem Roman wird das Unbehagliche und Unheimliche immer spürbarer und doch ist beides nicht fassbar. Ein Noir-Krimi, der mit der brüchigen Welt spielt, die wir uns selbst erschaffen. Es geht um das Erschaffen von Heimat und um die Ängste vor dem Fremden und Unbekannten. Der Nestbau suggeriert eine Heimat, die aber ungefestigt eine Freiheit und gleichzeitig eine Ungewissheit in sich birgt.

Durch den Sprachsound und die erzeugten Bilder tauchen wir ein in die Welt der mobilen Wohngemeinschaften an der englischen Küste. Mit der ersten Begehung des Campingplatzes dreht man bereits eine Runde durch das Setting, die Charaktere, die Stimmung und die kommenden Dramen. Etwas Bedrohliches weht durch die Szenerie, das aber nicht gleich zu erkennen ist und doch ist die Spannung sofort da. Die Missgunst und die Ängste vor den Anderen werden durch wachsame Wohnwagenfenster aufgesogen. Alles ist brüchig dort, wo der Mensch auftritt, der seine Bodenhaftung gerne mit der Freiheit tauschen würde, die er stets neidvoll im beobachteten Vogelflug nachzuspüren versucht.

Es sind zwei Perspektiven, die uns die Geschichte erzählen. Fran und Tad. Fran lebt ein zurückgezogenes Leben an der englischen Küste. Sie betreibt eine Wohnwagensiedlung für Urlauber oder Gestrandete. Sie kümmert sich um ihren Sohn und sorgt sich um die Familie ihrer Schwester, die in einem der Mobilheime lebt. Ihr Mann ist oft beruflich weg und Fran kümmert sich um alle Belange. Als Ausgleich liebt sie es, Vögel zu beobachten. Tad gehört zu einer Gruppe Roma, die ihr bisheriges Lager verlassen. Etwas scheint vorgefallen zu sein, dass sie weiterziehen lässt. Sie errichten das Lager neben der Wohnwagensiedlung von Fran. Es ist noch Winter und die besonderen Vögel, auf die Fran wartet, bleiben noch aus. Doch dann wird eines der Nester gefunden. An einer ganz anderen Stelle, als vermutet. Auch die eigene Häuslichkeit gerät in Schieflage, denn die Ferien enden und Bruno, Frans Sohn, muß wieder zur Schule. Er hängt sehr an Sadie, der Tochter von Ros, Frans Schwester. Diese hat wohl einen bleibenden und nicht immer guten Einfluss auf den Jungen. In der Schule gab es einen Wechsel, die eigentliche Lehrerin ist im Schwangerschaftsurlaub und wird von einer neuen Lehrkraft vertreten. Diese wird von allen misstrauisch im Alltag aufgenommen. Besonders Sadie gerät in Schwierigkeiten und es kommt zu ernsteren Gesprächen. Doch dann ist plötzlich diese Lehrerin verschwunden. Alles gerät in Aufruhr. Hat Ellis, Frans Schwager, etwas damit zu tun? Welche Rolle spielen die Roma dabei? Dann werden tote Vögel gefunden, die nicht eines natürlichen Todes gestorben sind und die Leiche der Lehrerin. Welche Geschichten verbergen sich hinter den Schicksalen und den Ereignissen. Was wissen die gestrandeten Menschen und letztendlich die Kinder, Sadie und Bruno?

Dieser Roman wird für uns beim Lesen zu einem Nest. Mit den ersten Sätzen ist man dem Buch verfallen und möchte es ungern wieder verlassen, wobei wir die Auflösung wiederum nicht schnell genug erfahren möchten. Aus dem Englischen von Lea Dunkel.

Vielen Dank, dass ein Auszug dieser Besprechung auf dem Umschlag des Buches abgedruckt wurde.

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Sara Paretsky: „Wunder Punkt“

„Wunder Punkt“ ist ein klassischer Hardboiled-Krimi von der großen Meisterin des Genres. Diese Krimis erschließen sich nicht sofort, man muss sich aber einfach fallen lassen und sich der Stimmung, dem Klang und der Handlung hingeben. Wenn man in diese Werke eintaucht, verwachsen wir zügig mit der Protagonistin V. I. Warshawski. Eine Heldin, die den männlichen Helden, wie zum Beispiel Dave Robicheaux, Jean-Baptiste Adamsberg oder Harry Bosch als Privatermittlerin, wenn nicht sogar als Powerfrau, literarisch entgegentritt. Die Krimi-Reihe gibt es schon länger, ist sogar Stoff für Verfilmungen gewesen und doch leider immer noch unbekannter. Es sind Romane, die der klassischen Noir-Literatur zugehörig sind und mit viel Humor und einer gehörigen Raffinesse geschrieben sind. Die Vernetzung innerhalb der Gesellschaft, der Handlungen und der jeweiligen Fälle spannt ein faszinierendes Netz über alle Werke. Das Alltägliche wird durch Schandtaten aufgewühlt und das meist Kleinstadtleben gerät aus den Fugen. Dabei streifen die Fälle stets aktuelle Themen wie Rassismus, Klimawandel, Wirtschaft und die soziale Verantwortung. Nicht nur durch den Hauptcharakter, sondern auch durch die Handlung, sind es feministische Texte. Ein feiner, schwarzer und zugespitzter Humor gibt den großen Themen aber stets eine Leichtigkeit und nichts wird überlastet. Es sind moralisierende Krimis, die aber genau jene Anklagen subtil der Handlung, wie ein feines Gewürz, untermischen.

Es ist ein Krimi, der voller Blut und Trauer ist und eine enorme Innenschau der Charaktere aufbaut. Das Persönliche wird dabei politisch und verwurzelt sich mit der Gesellschaft und mit den persönlichen und den wirtschaftlichen Interessen, die wiederum die Öffentlichkeit aufbauen. V. I. Warshawski, oder Victoria Warshawski, kurz Vic ist in Chicago als Privatermittlerin tätig. Ihre Weltsicht, Schlagfertigkeit und Schlagkraft sind die Triebfeder dieser Romane. Eine Frau, weniger eine Dame, sondern eine Detektivfigur, die sich im Alltäglichen behaupten muss und sich niemals scheut, die wirklich heißen Eisen aus dem Feuer zu bergen. Jeder Roman steht für sich und kann immer apart oder in zufälliger Reihenfolge gelesen werden. Alles ergibt sich in der jeweiligen Handlung und doch verweben sich mit jedem Buch die Stränge zu einem Spinnennetz. „Wunder Punkt“ fällt dabei besonders auf, denn die Aufmachung und die vorangestellte Karte geben dem Werk eine kunstvolle Haptik. Die Übersetzung stammt erneut von der Verlegerin, Else Laudan, die auch wie üblich ein lesenswertes Vorwort verfasst hat. Diese Krimis sind voller gegenwärtiger Düsterheit und doch erhellen sie unser Gemüt durch den Wortwitz und die fetzigen Dialogen. Es geht um Gier, Gewalt und Traumata. Die Autorin löst aber stets die festen Knoten mit einer gekonnten Finesse und betrachtet dabei die ganze Gesellschaft.

Die Erzählerin ist die Heldin V. I. Warshawski, die von inneren Dämonen geplagt und in ihren Träumen fast verschlungen wird. Ihre Realität wird durch diese Nachtvisionen geprägt. Doch versucht sie jene Grenzen aufrecht zu halten, um zu funktionieren. Junge Frauen, Studentinnen, fahren zu einem Auswärtsspiel nach Kansas. Das umjubelte Team siegt und es wird gefeiert. Fünf Studentinnen waren es, nun sind es nur noch vier. Die Privatdetektivin wird gebeten diese vermisste Frau lebend oder tot zu suchen. Jeder Weg verzweigt sich aber immer weiter und es kommen viele weitere Rätsel zu Tage.

Dieser Roman ist kurzweilig, aber auch ein sehr anspruchsvoller Roman, der kein gewöhnlicher Krimi ist. Geschichte, gesellschaftliche Entwicklungen und Entgleisungen werden durch aktuelle Themen bereichert und überlasten dennoch niemals die Handlung. Die Leichtigkeit und die doch bestehende Tiefe dieser Romane begeistern stets aufs Neue und sind wahrliche Kultromane.

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Philip Krömer: „Kumari“

Literatur ist es, die unsere Welt verbindet. Literatur geht weiter über die Idee für eine Geschichte hinaus. Durch Wissen und Empathie ist die Kunstform ein Portal in die Welt. Eine Welt, die mit immer mehr Erkenntnis und Geschichten beständig wächst. Philip Krömer hat einen Roman geschrieben, der etwas belebt, das uns fern ist und menschlich nah geht. „Kumari“ ist der Titel und die namensgebende Erzählerin, die allwissend und doch ungebildet ist. Sie sieht, weiß und beobachtet alles. Es ist die Kindsgöttin, die weiterhin unter uns weilt. Ihre Bestimmung wird, gleich dem Dalai Lama, durch körperliche Merkmale, Wesenheiten und das Geburtshoroskop erwählt. Die Kumari, wörtlich Mädchen, ist somit die Inkarnation einer mächtigen und furchterregenden hinduistischen Göttin, deren Tradition weit zurückreicht. Die lebende Göttin wird im Kindesalter berufen und bleibt es bis zur Menstruation. Danach muss sie sich mit einem bescheidenen Leben begnügen. Eine Schulbildung erhält die allwissende Göttin nicht. In ihre Gedanken tauchen wir ein. Sie ist es, die zu uns spricht. Laute gibt sich nicht von sich, denn es gilt für sie das Redeverbot und sie sitzt still und empfängt die Pilger, die ihr huldigen. Sie vergibt das dritte Auge und einmal im Jahr, zum großen „Dasain“ Fest, empfängt sie den König Nepals, der ihre Füße küsst. Dies ist die Zeit der Handlung im Jahr 2001. In diesem Jahr kommt es zu Unruhen und die Geschichte ist der Beleg, dass unsere Religionen, Mythen und politische Veränderungen leider immer mit Blut in Verbindung gebracht werden.  

Aus ihrem Tempel heraus beobachtet die Kumari das kommende Opferfest und Nepal steht vor einer Umwälzung. Überall kocht das Blut und das Fest soll drei Tage lange gefeiert werden. Das Land und die Menschen sind mit der Kumari untrennbar verbunden. Das Kindliche trifft auf die Göttin und welche Macht obsiegt in ihr? Ihr Kontakt zur Außenwelt sind die Pilger, dennoch nimmt sie alles auf. Die Menschen planen einen Aufstand gegen den König. Zu dieser Zeit kehrt der Kronprinz zurück, er war ein Jahr auf Reisen und hat sich verändert und stellt die bestehenden Machtverhältnisse in Frage.  Dann kommt, über die Berge herab, eine Rebellin mit ihrem Gefährten, der gleich am Anfang sein Leben verliert, in die Hauptstadt Kathmandu. Sie hat eine Mission und die Handlungsstränge verbinden sich.

Ein Roman von den letzten Tagen der nepalesischen Monarchie. Gewaltige menschliche und übermenschliche Kräfte wirken aufeinander und formen das Zusammenspiel. Durch den Blick einer kindlichen Göttin mit dem dritten Auge und einer umgreifenden Macht wird hier das politische und gesellschaftliche Miteinander in ein Chaos verwandelt. Ein spannender, kurzweiliger und sprachlich komprimierter Roman, der Legenden und Historie mit persönlichen Schicksalen verbindet. Es sind klare, genauestens ausformulierte Sätze, die das Beobachten zelebrieren. Ein menschliches und unmenschliches Spektakel breitet sich dabei aus und zeigt, wie wir Menschen denken, empfinden, hoffen und handeln. Ein faszinierender Roman, voller Fremdheit, Dunkelheit und mit einem Schaufenster in die Welt. Ein Fenster, das die Zeiten im Jetzt fokussiert.

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Isabella Straub: „Nullzone”

Unsere komplexe Welt schrumpft und wandert gegen Null. Doch die Null, die mathematisch für den Ausgleich zwischen Plus und Minus steht, also für Nichts, ist philosophisch der Punkt, der alles beinhaltet. Unsere aktuelle Welt pendelt durch unsere hochgelobte Gegenwart zwischen Nullen und Einsen. Der Differenzraum ist die Unendlichkeit. Doch was ist diese? Das Unendliche dehnt sich aus, hat kein Ende. Wie ein Donut, der uns laut diesem Werk das Universum gut erklärt. Wir können unendlich lang in eine Richtung laufen und kommen nie ans Ende. Dies klingt nach einem Hamsterrad oder erinnert an die Werke und Visionen von Larry Niven. Isabella Straub macht daraus einen überwitzigen Roman, der das Jetzt beleuchtet und eine kluge, pointierte Satire ist.

Wo bleibt unsere Menschlichkeit, wenn der Lebensraum immer beengter und reglementierter wird? Haben wir als Individuum ohne Image oder Nutzen für die Allgemeinheit ein Recht auf Lebensraum? In diesem witzigen und doch zugespitzten Gegenwartroman prallen unterschiedliche Lebensweisen aufeinander. Dabei liebt einer der Protagonisten besonders  die vollendete Zukunft. Doch ist diese eine Vision, die kommen könnte, und hoffentlich, weil sie im Kommenden liegt, noch abwandelbar ist, trotz der grammatischen Vollendung.

Dieser Roman hat einen enormen Drive und fesselt durch die Kurzweil, die in ihrem Witz vieles aus unserer Gegenwart verdreht, betrachtet und zugespitzt in Frage stellt. Die Nullzone ist ein moderner Lebensraum und hier treffen wir auf eine Hausmeisterin, einen Zukunftsforscher und einen Paketboten. In der Mitte steht der Kratzer, der Wolkenkratzer, dessen Umgebung umgebaut werden soll, aber nun durch die aktuellen Baumaßnahmen im Umfeld in Schieflage geraten ist. Soziales Wohnen trifft auf Modernisierungen und auf die Anforderungen der Gesellschaft und wird finanziert mit Wunsch auf Gewinnoptimierung. Somit werden die Menschen im Kratzer mit der Zwangsräumung bedroht.

Elfi betreibt schon in Folgegeneration den Posten der Hausmeisterin des Hochhauses. Sie verteilt und bestimmt die Zuteilung der Waschmünzen und sorgt für die ordentliche Müllbeseitigung, Rattenbekämpfung und nun auch um die Sammelliste gegen den Abbau und die Räumung. Ihr Sohn ist von einer Weltreise niemals zurückgekehrt und doch meint sie ihn auf einem Foto erkannt zu haben. Ist dies möglich? Denn es ist das Bild, das mit einem Satelliten auf dem Weg ist, um fremdes Leben zu finden. Gabor, ein Zukunftsforscher gerät in eine Lebenskrise. Seine gesundheitlichen Werte sind nicht zum Besten bestellt und seine Lebenspartnerin möchte in jene Nullzone ziehen. Wohnwaben, die mit der künstlichen Intelligenz erzeugt und bestückt sind. Gegossene Betonwohnungen, die fast schon an einen Insektoiden-Lebensraum erinnern. Dann ist da noch Rachid, der als Paketzusteller große Träume hat und den Auszubildenden in seinen Businessplan einbezieht. Drohnen sollen die Flut an Bestellungen ohne menschlichen Kontakt zustellen, als würde die Sendung sich vor dem Empfänger aus Zauberhand materialisieren. Doch auch ihre Wünsche haben Grenzen und hadern mit der menschlichen Endlichkeit, die zuweilen erst beim Wasserlassen gegen Baumaschinen empfunden werden kann.

Trotz der ganzen Ironie hat das Buch etwas sehr Kritisches und Menschliches. Was erzeugen wir, wenn wir nur noch digital denken oder bestellen? Was passiert mit unseren Lebensräumen, wenn das Leben selbst immer teurer und Wohnen ein Luxus wird?

Dieser Roman ist ein frecher Donut, der sich schnell inhalieren lässt und wohlige Zeiten verspricht. Doch die Verdauung kann humorvoll sein, aber auch ihre Zeit beanspruchen. „Nulllzone“ ist ein aberwitziger Roman.

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Colette: „Chéri“

Colette, eigentlich Sidonie-Gabrielle Claudine Colette ist eine bedeutende Wegbereiterin der Literatur, besonders der französischen und der feministischen. Ihre Werke strahlen bis in die Gegenwart und haben an Aktualität wenig eingebüßt. Ihr Leben und Werk verbinden sich und sind eigentlich selbst Geschichte genug, um noch mehr Anerkennung zu erhalten als bisher. Zumindest im deutschsprachigen Raum steht sie noch nicht im gebührenden Licht. Dies konnte auch die Filmbiografie „Colette“ (2018) von Wash Westmoreland mit Keira Knightley und Dominic West leider nicht groß ändern. Sehenswert ist der Film unbedingt, denn er verschafft einen Einblick in das Leben und Werk der besonderen Autorin, deren Werke zu den Klassikern gehören. Ihr bekanntestes Werk ist „Chéri“, das in einer schönen, bibliophilen und neuen Übersetzung von Renate Haen und Patricia Klobusiczky erschienen ist. Ein informatives Nachwort verfasste Dana Grigorcea.

In dem Roman von 1920 werden aktuelle Fragen behandelt. Ist Liebe alles und kann sie uns Glückseligkeit schenken, uns sogar verjüngen? Meist sind es männliche Protagonisten, die ihrem Begehren nachgeben und dies formulieren. Colette verlässt bereits damals diese Geschlechterklischees. „Chéri“ sorgte damals für Empörung und kann somit heute umso mehr begeistern. Es geht um die Endvierzigerin Léa, eine ehemalige Kurtisane, die eine Liebesbeziehung zu einem viel jüngeren Mann, jenem titelgebenden Chéri, führt. Ihre Gefühlswelt, ihr Begehren stehen dabei in der genauen Beobachtung. Das Sezieren der gesellschaftlichen Verpflichtungen, Bilder und Umbrüche wird unterstützt durch die Dialoge, die giftig-zynisch formuliert sind. Die Sprache verwebt die Anspielungen und den gesprochenen Tiefgang mit einer faszinierenden Leichtigkeit. Es ist eine körperliche Bindung, die beiden viel bedeutet, aber auch jeweils das Unmögliche vor Augen führen. Es bedeutet auch nicht das Ende der Beziehung, als er eine jüngere Frau heiratet. Das Frivole erhält in diesem Spiel neben dem psychologischen Tiefgang seine Bühne und dreht die üblichen Verhältnisse der Gesellschaft frech und lustvoll um. Inspiriert wurde der Roman durch das eigene Leben der Autorin. Als Sechsundvierzigjährige geht sie eine Beziehung mit ihrem minderjährigen Stiefsohn ein, und führt diese, wie ihre Romanfigur, fünf Jahre fort.

Alles um Colette erzeugt eine Neugier. Alles strotzt und trotzt dem Althergebrachten und beschreibt mit spitzer Feder den Konventionen gebührende Gegenstücke. Sie inszeniert sich und ihre Werke. Alles ist bühnenreif und provokant. Durch ihre Heirat mit dem erfolgreichen Pariser Schriftsteller und Theaterkritiker Henry Gauthier-Villars, den alle lediglich als Willy kennen, kommt sie vom Land in die Weltmetropole. Sie wandeln in der Gesellschaft und bleiben sich nicht treu. Er erkennt ihr Talent und nutzt sie aus. Er, der Schriftsteller, lässt nämlich schreiben. Sie schreibt eine erfolgreiche Romanreihe, die er unter seinem Namen veröffentlicht. Es geht um die Ich-Erzählerin „Claudine“, die den Werken auch die Titel gibt und beinhaltet viele biographische Geschichten. Willy versteht es, diese Romanwelt zu vermarkten und durch das Merchandise und die Fortsetzungen bekommen die Werke damaligen Kultstatus. Die Ehe hält nicht und nach der Scheidung schreibt sie weiter, erlernt Pantomime und ist auf den Bühnen zu erleben. Einiges sorgt für Skandale. Sie schreibt Literatur, Bühnenwerke und ist journalistisch tätig. Durch ihr Leben und ihren Beziehungen lernt sie empathisch und lebensnah zu schreiben. Die beschriebenen Frauenschicksale sind psychologisch durchdacht und fallen durch den unkonventionellen Lebensstil auf. Sie kritisiert, merkt auf und spielt mit den gesellschaftlichen Erwartungen. Lange blieb sie unterschätzt, ungesehen, aber ihr Ansehen wuchs und darf nun durch die großartige Neuübersetzung von „Chéri“ gerne weitere Beachtung finden. 

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Molly MacCarthy: „Kleine Fliegen der Gewissheit“

Dieses Werk hat bewusst oder unbewusst die Literatur, zum Beispiel die Werke von Annie Ernaux oder Tove Jansson, inspiriert und beeinflusst. „Kleine Fliegen der Gewissheit“ ist der Titel einer autofiktionalen Erzählung von Molly MacCarthy, die 1924  als „A Nineteenth-Century Childhood“ erstmals erschien. Das Werk beschreibt somit eine Kindheit im 19. Jahrhundert und wurde 2024 neuverlegt. Es ist eine Erinnerungserzählung, die ein behütetes Leben beschreibt, voller Zuwendung zur Literatur. Das ländliche Leben und das ganz genaue Hinhören und Hinschauen werden hier zelebriert. Es ist ein impressionistisches Werk, von einer Autorin, die in der Welt der Literatur stets im Schatten steht, aber diese genauso prägte. Molly MacCarthy war es, die den Begriff der „Bloomsberries“ prägte und den legendären „Bloomsbury Memoir Club“ ins Leben rief. Sie ist die Cousine von Virginia Woolf und erschuf progressive Literatur, die innerhalb dieses literarischen und künstlerischen Zirkels Gehör fand. Diese Ausgabe beinhaltet ein Vorwort von Tobias Schwartz, der auch den Text aus dem Englischen übersetzt hat. Dieses lesenswerte Vorwort stellt das Werk ausgiebig vor und reiht es in den historischen Kontext ein. Ebenfalls befindet sich in der Ausgabe ein Essay von Virginia Woolf.

Somit ist diese Ausgabe ein historisches und literarisches Ereignis. Der Titel suggeriert eine flatterhafte Flüchtigkeit. Es ist eine Innenkehr, eine Zimmerflucht, die ein Aufwachsen im neunzehnten Jahrhundert beschreibt. Die Erzählweise ist persönlich und doch olympisch. Somit entsteht eine Nähe und eine Distanz, die uns verführt und die Zeit lebendig werden lässt. Der Blick ruht auf dem Biederen, dem Wohlstand, ohne es bewusst zu deklarieren. Die Betrachtungen schweifen als Beispiel durch den gepflegten Garten, das Anwesen und erzählen vom Unterricht bis hin zu dem Versuch der eigenen Definition. Dabei schwingt das Ereignislose und das im Leben Besondere hervor. Die Autorin bemüht sich um Wahrhaftigkeit. Dies gelingt ihr stets, auch mit einem zuweilen ironischen Ton. Aufmerksamkeit trifft auf Zerstreuung und Kunst auf Unterhaltung. Ihre Welt wurzelt im gebildeten Bürgertum. Theater, Musik und Literatur prägen die Weltsicht und das Exzentrische ist ein Schutzschirm des Introvertierten. Hier wird verknappt, aber punktiert dem Einsamen und dem Wünschen und Empfinden der Zugehörigkeit nachgespürt und literarisch fixiert. Eine junge Frau, die sich plötzlich dem Behüteten enthoben fühlt und auf die Probleme des Weltlichen stößt. Somit ist dieses Buch ein literarisches Dokument aus einer vergangenen Zeit und berührt uns dennoch impulsiv im Jetzt.

Ein berührendes, althergebrachtes und unterhaltsames Werk, das in den Kanon der großen Weltliteratur gehört.

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Benjamin Myers: „Strandgut“

Benjamin Myers schreibt Bücher, die unsere Welt aus der Gefälligkeit heraushebeln.  Mit fast schon einfachen Bildern entfernt er den Ballast aus unserem Leben. Denn mit dem Titel „Strandgut“, direkt übersetzt „Seltene Singles“, spielt er mit Dingen, an denen wir festhalten und jene, die wir von uns lösen sollten. So ist auch die Metapher vom Strandgut zu verstehen, etwas das das Meer preisgibt, abstößt oder bearbeitet am Strand ablegt. Benjamin Myers legt uns die Entscheidungen in die Hand, etwas mitzutragen oder stets Suchende zu bleiben. Es ist ein Entwicklungs-, aber auch Musikerroman, der den Soul, also das Herz und die Seele in den Mittelpunkt stellt. Musik, Kunst und Literatur, wenn sie aus der Seele kommt, ist bleibend. Dies im Gegenstück zu den herzlos produzierten Werken, die uns einen schnellen Kick und den Produzenten viele Klicks beschaffen.

Es ist die Geschichte von Bucky und Dinah. Beide sind im Leben irgendwie als Schiffsbrüchige gestrandet. Sie in England, in dem Küstenort Scarborough. Sie ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Ihr Mann ist lebensuntüchtig und klaut auch zuweilen gerade in dem Laden, in dem Dinah arbeitet. Alle haben ihre Süchte, die sie am Leben halten. Der Sohn ist abhängig vom Internet und der dort kalkuliert eingesetzten Persönlichkeit aus Fernost, mit der er meint, verlobt zu sein. Dinah liebt es, im Meer zu schwimmen und sich in die kalten Fluten zu stürzen, um dem deprimierenden Alltag zu entkommen. Auch vergöttert sie die Musik und freut sich auf das anstehende Festival.

Bucky lebt in den USA und hat seine Frau verloren. Sein Körper schmerzt überall. Somit nimmt er immer Schmerztabletten. Er hat als Kind im Kirchenchor gesungen und wurde entdeckt. Er bekommt die Möglichkeit, zwei Singles mit seinen Soulsongs aufzunehmen. Doch dieser Anfang ist auch schon das Ende seiner Musikerkarriere. Durch ein Lebensdrama und ungerechte Verstrickungen landet er kurz in Haft und muss einen Verlust erleiden. Auch den Tod seiner späteren Frau erträgt er kaum. Er ist jemand, der sich stets anstellen muss, auch in der Apotheke um seine Schmerzmittel zu bekommen. Dieses Mal benötigt er eine größere Menge, denn er hat eine Einladung erhalten. Er soll seine Songs live spielen, auf einem Festival in England. Er kann es kaum glauben, aber da er das Land noch nie verlassen, noch nie live gesungen hat und noch nie am Meer war, macht er sich auf die Reise.

Dinah holt ihn am Flughafen ab und er erfährt, dass sie ein großer Fan ist und er in dieser Region, wenn nicht sogar in Europa, eine Legende ist. Seine Songs, die er damals zu einem Spottpreis verkauft hatte, sind für viele der Soundtrack ihres Lebens geworben. Er kann es kaum glauben und zweifelt an der Ehrlichkeit des Gesagten und an sich. Alles vernebelt sich in seinem Kopf. Auch, weil er im Flugzeug seine Tabletten liegengelassen hat. Somit macht er in der Fremde einen kalten Entzug. An seiner Seite steht Dinah, die sich um ihn kümmert und fit machen möchte, damit er endlich seinen ersten Auftritt erleben kann. Beide stürzen sich in die Lebensfluten und finden den Willen, es mit den neuen Gegebenheiten aufzunehmen.

Es geht um das Weitermachen, an den Glauben an sich und um die Kunst zu unterscheiden zwischen den Dingen, die wichtig und unwichtig sind. An welchen sollten wir festhalten und welche können wir getrost den Fluten überlassen? Das Althergebrachte und das tatsächlich Geschaffte sind im Leben beständiger als alles, was Schnelllebigkeit und nur kurzweilige Ablenkung verspricht. Dieser Roman ist irgendwie beides. Kurzweilige und sehr schöne Unterhaltung, die dann aber doch wie nebenbei jene Themen in uns anstößt und zum Erklingen bringt. Der Roman wurde aus dem Englischen von Werner Löscher-Lawrence übersetzt.

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Tobias Premper: „Sommer Ende“

Ein feiner, makabrer Sommerspaß. Als würde Pulp Fiction Literatur, denn dieser Roman, der aus szenenhaften Miniaturen besteht, stellt alles auf den Kopf, versucht es zumindest. Das vermeintlich Triviale ist nur gespielt, denn viel gibt es hier zu finden und in einem ganz lakonischen Ton entzündet sich am Anfang eine Zündschnur an einer Explosion und wir ahnen noch nicht, was diese Feuerlunte noch anzurichten vermag. Tobias Premper bezeichnet sich als Grenzgänger und so ist auch sein Schaffen zu verstehen. Im Leseschatz ist er bereits durch „Gelati! Gelati!“ aufgefallen. Er ist ein Meister des Kleinen, das sich aufbaut und dann das Versteckte sichtbar werden lässt. Mit Tempo und Witz hat er erneut einen zündigen Sommerhit gelandet.

Ein Berliner Ehepaar fährt über das Wochenende aufs Land. Ein Testament verspricht Millionen. Beide hintergehen und betrügen den Lebenspartner. Wollen das Geld und dann denn anderen verlassen, am besten gänzlich beseitigen. Menschen, die sich nahe sind, aber ihre Distanz gehörig erweitert haben. Ihr Wochenendausflug gerät aus den Fugen. Mit dem Fortgang der Handlung spielen der Erzähler und sein Autor mit den Gattungen und Möglichkeiten der Literatur. Es wird auch nach Auswegen gesucht. Dabei wird gehupt, gestritten, geprügelt und es wachsen weitere Gedanken. Nichts wird fokussiert und doch wird alles belichtet.

Wissenswert ist, dass der Roman durch den Film von Jean-Luc Godard „Week End“ inspiriert wurde. Doch ist die Kenntnis des Films für das Verständnis nicht erforderlich. Der Roman kann somit als eine literarische Cover-Version angesehen werden. In beiden macht sich ein Ehepaar mit ihrem Auto auf den Weg, um ein Testament zu empfangen. Auf der Fahrt geraten sie in einen Stau und Unfall und begegnen diversen Menschen. Darunter Wegelagerern, Möchtegern-Philosophen, Verrückten und Kannibalen. Auf einer Autofahrt endet der Sommer und das Leben strudelt in einen Alptraum. Das Buch transportiert die Handlung von Frankreich nach Deutschland. Es bedient sich auch nicht nur der filmischen Handlung, sondern schweift ab, macht Schnitte und der Erzähler greift ein.

Der Roman hat 103 Kapitel und diese sind kleine Miniszenen. Gleich am Anfang fährt ein Ferrari Cabrio mit einer lachenden Frau und einem Mann durch eine luxuriöse Gegend. Das Leben in diesem Viertel ist herrlich, glücklich und ein bisschen dämlich. Gerade als eine Hummel erneut und bräsig gegen eine Fensterscheibe fliegt, explodiert eine Bombe im Auto ohne ersichtlichen Grund. Dies ist der Einstieg, der das Kommende schon einschließt. Denn es bleibt ruppig, absurd und komisch-poetisch. Denn dieses Buch geht nicht Seite für Seite voran, sondern cineastisch Minute um Minute. Die Kapitel enden im offenen Satz, um dann im folgenden Kapitel diesen aufzugreifen. Dadurch ergeben sich Anschlussfehler und Zeitsprünge, die mit uns spielen. Der Witz und das Lesetempo erhöhen sich durch die fettgedruckten Textfragmente, die einseitig zum Beispiel das Wochenende feiern. In diesem Roman bleibt nichts beständig. Dies ist auch der Hauptkern der Handlung. Auch die Hauptfiguren, verändern sich namentlich. Darauf weist uns aber der Erzähler persönlich hin.

Eine Autoreise, die an Tempo zunimmt und uns warmen, heißen und nicht gerade geruchsneutralen Wind ins Gehirn bläst. Ein aberwitziges Spiel, das uns spiegelt und Hoffnung schenkt. Eine Hoffnung, die aber auch eine Abzweigung ins Nirgendwo machen könnte.

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