Archiv der Kategorie: Erlesenes

Yukiko Tominaga: „Vermissen auf Japanisch“

In diesem Debütroman verbinden sich mehrere Aspekte. Es zeigt sich in „Vermissen auf Japanisch“ eine generationenübergreifende und länder- sowie kulturumspannende Verbundenheit. Durch einen Verlust zeigt sich die Menschlichkeit innerhalb der Familien, deren Mitglieder eine eingerissene Lücke zu füllen versuchen.

Yukiko Tominaga geht das Thema des Verlustes anders an und verlässt die herkömmlichen Pfade. Sie gibt dem Schmerz seinen Raum, füllt diesen aber mit den agierenden Figuren mit viel Humor und Liebe. In der Reduktion und Stille, die der Text erzeugt, liegt seine Stärke. Subtil und spielerisch werden die Bindungen von Mutter zu Kind, Frau und Ehemann, Witwe und Stiefmutter humorvoll und liebevoll beschrieben.

Kyoko lebt in San Francisco mit ihrem Sohn Alex. Sie ist voller Trauer und Wut und möchte doch für ihren Sohn eine gute Mutter sein. Sie wurde alleingelassen. Aber nicht mutwillig oder aus fremden Bestreben. Sie hat ihren Mann überraschend verloren. Ihre eigene Familie lebt weit entfernt in Tokio. Als sie diese besuchte passierte es. Levi, ihr Ehemann, reparierte das Auto. Als er unter dem Wagen war, der auf einer Hebebühne stand, fiel dieser tödlich auf ihn herab. Die Trauer und das Vermissen beherrschen die Szenerie. Auch die Lebensfreude, die sie ihrem Sohn vorspielen möchte, gelingt kaum. Aber Alex, ihr Sohn, gibt ihr Mut und Kraft. Dennoch bleibt in Kyoko eine innere Leere. Kann sie diese bei ihrer Familie in Japan füllen oder bei der Wahlfamilie in den USA? Emotionen und Mitgefühl sind eng mit der Sprache verbunden. Doch gibt es im Japanischen keine wörtliche Übertragung von „Ich vermisse dich“. Vermissen bedeutet nicht zwingend Einsamkeit. Daher ist hier die anwendbare Sprache spezifisch und bleibt doch vage. Dieser Sprachgebrauch steht am Anfang des Romans und deutet den Versuch an, mit der kommenden Handlung diese Lücke kulturell, psychologisch und philosophisch zu beleben. Die Einsamkeit und die Wut werden menschlich spürbar. Kyoko versucht, sich und die Firma ihres Mannes wieder aufzurichten. Doch fühlt sie sich einsam und verlassen. Die Entfremdung mit der alten Heimat und der fehlenden zwischenmenschlichen Intimität machen ihr zu schaffen. Halt gibt ihr die Schwiegermutter Bubbe, die um ihren Sohn trauert, aber Kyoko neuen Lebensmut und Liebe schenken möchte. Bubbe ist eine jüdische und herzensgute Frau mit viel Lebenserfahrung und Mitgefühl, die an der amerikanischen Ostküste lebt. Somit spielt der Text mit Nähe und Ferne. Es geht dabei auch mehr um die entstehende Kraft, die Menschen, die für einen da sind und aufbauen können, durch Schweigen, Zuhören oder Handeln. Die Lebensroutine, sofern es überhaupt eine gibt, wird durch den plötzlichen Verlust und dann durch die Mitmenschen durcheinander gebracht. Letztendlich muss jeder sein Leben dann selbst neu definieren und finden, ist dabei aber niemals allein. Diesen Mut und Zuversicht macht das Buch. Das Werk verbindet Kulturen und Gefühle. Dabei spielt die Autorin mit Ernsthaftigkeit und Humor. Es geht um Entfremdung und Versöhnung mit den Menschen und mit den Lebenssituationen.

Die Autorin wurde in Japan geboren, lebt seit vielen Jahren in den USA. Dies ist ihr Debütroman, der aus dem amerikanischen Englisch von Juliana Zaubitzer übersetzt wurde.

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Susanne Behrends: „Sommer auf Fanö“

Am 10. April war Susanne Behrends bei uns zu Besuch. Wir sprachen über ihren Debütroman „Sommer auf Fanö“. Was wie ein gemütlicher Ferienroman klingt, verbirgt in sich dann doch etwas mehr. Denn neben der Unterhaltung zeigt es den feministischen Freiheitskampf. Fanö als eine der bekanntesten Nordseeinseln und Urlaubsorte ist eine dänische Insel in der Hand von Frauen. Starke und bedeutende Frauen haben hier das Sagen und führen diverse Ämter aus. Somit ist das Setting nicht nur eine sommerliche Liebeserklärung an die Insel, sondern zeigt dann Lebensmöglichkeiten und ist ein unterhaltsamer Ruf nach Unabhängigkeit. Denn es sind vier Frauen, die sich in ihrer Bindung und Abhängigkeit zu den Männern in Frage stellen.

Es beginnt sagenhaft, denn die nordische Insel ist geprägt von Sagengestalten und Mythen. Auch hier zeigen sich bereits die starken Frauen. Susanne Behrends erzählt dann über das Leben von Frauen und zeigt jeweils ganz andere und doch sich gleichende Perspektiven. Die Zeiten und das Umfeld sind jeweils andere, doch gibt es ein verbindendendes Element. Es sind die Jahre 1905, 1969 und 2023.

2023 reist Katrine zu ihrer Verwandten Ida nach Fanö. Sie ist unglücklich, denn ihre Beziehung scheint am Ende zu sein. Ihr verheirateter Liebhaber hat sich für seine Familie entschieden. Ida ist die Enkelin von Lene, die 1905 mit Mads verlobt ist, der zur See fährt. Sobald er zurück ist, soll Hochzeit gefeiert werden. Doch träumt sie von der Freiheit und möchte der Enge entkommen. Als der industrielle Erik Hansen aus Kopenhagen sie mit ihrer Tracht ablichten möchte, verändert sich ihr Leben. Dann ist da noch Sylvia, die 1969 erneut Urlaub mit der Familie auf der Insel macht. Sie stellt das Hausfrauendasein in Frage und verlangt mehr vom Leben. Somit stellen sich alle Frauen die Frage, was für ein Leben sie eigentlich führen möchten.

Auf Leseschatz-TV gibt es ein kurzes Gespräch mit Susanne Behrends und eine Mini-Lesung:

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Malte Borsdorf: „Frau Schebesta räumt die Welt auf“

Frau Schebesta räumt die Welt auf. Sie tritt zumindest  in die Welt von Lou, die mit ihrer kindlichen Sicht alles beobachtet und erzählt. Lou ist eigenwillig und hat eine lebendige Phantasie. Sie gibt den Menschen in ihrem Umfeld je nach Stimmung andere Namen. Ihr Vater, der eigentlich Torsten heißt, ist für sie meist Trotzki. Mit Frau Schebesta tritt eine Bombenentschärferin auf und bringt Aufregung in das kleine Dorfleben in der Nähe von Kiel.

Eine Bombenentschärferin als namensgebende Romanfigur ist etwas Besonderes. Durch diese Tätigkeit kann ein ungewöhnlicher und beeindruckender Blick auf die Altlasten und das Trauma eines jeden Krieges geworfen werden. Auch durch die verschiedenen Generationen und Herkunftsländer der Charaktere werden unterschiedliche Perspektiven angedeutet und vertieft. Trotz der grundlegenden und schwerwiegenden Idee, hat das Buch etwas enorm Leichtes und Verspieltes, da es Lou ist, die durch ihre junge Sichtweise uns zu begeistern versteht.

Lou lebt, seit ihre Mutter weggegangen ist, mit ihrem Vater bei Oma Gitte. Ihr Vater arbeitet für ein Bestattungsinstitut. Sie leben in Flint, einem Dorf nahe Kiel. Jeder Kieler wird sehr schnell die Ähnlichkeit und den Bezug zu Flintbek herstellen können. Für Jugendliche gibt es hier wenig zu erleben. Tjomka ist mit seiner Familie aus Tschetschenien gekommen und ein guter Freund für Lou. Auch Tjomka erhält je nach Umfeld und Stimmung unterschiedliche Namen. Oft ist er Artjom, der, wenn er mit anderen Jungs zusammen ist, gerne auch mit Böllern oder Ähnlichem spielt. Dann ist es Lou, die sich schnell aus der Szenerie herauszieht und nach Hause geht. Beide fühlen sich verantwortlich für einen streunenden Hund und gehen zusammen zur Schule. Dort stellen die Eltern oder andere Erwachsene gerade ihre unterschiedlichen Berufe vor. Dadurch lernen sie Frau Schebesta kennen. Oma Gitte meint, Frau Schebesta sei gut, sie räume auf und mache die Welt besser. Lou ist nun interessiert und möchte mehr über den Kampfmittelräumdienst erfahren. Frau Schebesta will Lou und Artjom ihren Beruf zeigen und bietet ihnen ein Praktikum an. Kiel und die umliegenden Dörfer waren im Krieg eine besondere Einflugschneise der Luftflotte. Die Kinder sind neugierig, nur Oma Gitte findet das Praktikum gefährlich und wird an die damalige Zeit erinnert. Somit wird die Handlung getragen durch die Altlasten des Zweiten Weltkriegs, die gegenwärtigen Krisen und Kriege. Dies wird durch die unterschiedlichen Perspektiven verdeutlicht und tatsächlich muss dann auch eine Bombe entschärft werden und es knallt und nichts ist mehr so, wie es war.

Ein besonderes und kleines Werk, das durch die Zeilen eine Schallwelle in uns verbreitet und dadurch sehr bewegt. Auffallend sind die Charaktere, die jeweils ihren eigenen Charme haben und länger in guter Erinnerung bleiben werden. Eine ungewöhnliche Sichtweise auf das wieder aktuelle Weltgeschehen.

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Mona Harry: „Fliegen ist doch eigentlich ganz leicht“

Ein Buch, ein Kunstwerk. Mit Mona Harry lernen wir, wie leicht fliegen ist. Fliegen als Metapher einer Sehnsucht und Sorgenfreiheit. Wie Möwen, die spielerisch die nordische Küste umspielen. Der Möwenklang ist, wenn man genau hinhört, stets der Ruf der Freiheit. Diesen hat Mona gehört und immer wieder verfolgt, inhaliert, zu Papier und auf die Bühnen gebracht. Die Bühnen der Poetin, der Slammerin sind Veranstaltungssäle und jene leiseren Bühnen in unseren Herzen und Köpfen. Als Slam-Poetin ist sie seit 2011 auf Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs.

Die neue Anthologie „Fliegen ist doch eigentlich ganz leicht“ ist mal wieder, wie könnte es bei ihr anders sein, eine Liebeserklärung an die Himmelsrichtung, die nach oben zeigt. Denn haben wir nicht alle ihren Singsang vom „Norden“ im Ohr oder sind mit ihr ins Blaue geradelt? Hier sind sie wieder vereint, die Möwen, die Meere und der Ruf der Freiheit und der Wunsch nach Leichtigkeit im Leben.

Dies ist ein Best-of ihrer Texte und Unveröffentlichtes. Die Hymnen werden durch Bilder ergänzt.  Mona Harry ist nicht nur Wortakrobatin, sondern auch eine bildende Künstlerin. Ihre Bildwelten passen sich ihren Worten an und verzaubern ihre Sprachlandschaften. Besonders die fliegenden Fische haben es ihr angetan. Als Poetin blickt sie aber nicht nur in die Schönheit der Natur, auf die nordische Heimat, sondern auch auf die politischen Ereignisse und sie wird sehr persönlich. Das Fliegen leiht sie sich bei Douglas Adams, bei dem es heißt, dass fliegen doch ganz einfach sei. Dann bleiben lediglich das Wundern und die Hoffnung, eine kichernde Hoffnung, es wird keine vogonische Dichtkunst.

Mona Harry schenkt auch den Geschichten ihre Liebe. Geschichten, die Räume erzeugen: „Ich habe einen Raum wie ein Rucksack im Gepäck … Ich trage diesen Ort im Innersten nach außen“.

Das Buch ist ein Quell voller Leidenschaft, Humor und Schönheit. Es klingt, es sprudelt und es braust auf. Also lernen wir fliegen und machen die Möwen nicht gleich zu Mücken und freuen uns über fast alles …

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Elen Fern: „Wenn die Welse kommen“

Eine Stadt, es mag Genf sein, steht unter Wasser. Sintflutartiger Regen, Dammbrüche und über die Ufer tretende Gewässer haben das Land überflutet. In der Stadt leben noch Menschen. Sie bewohnen die oberen Teile der Gebäude, die über dem Wasserspiegel herausragen. Die Gebliebenen haben Hoffnung, dass sich das Wasser zurückzieht und das Leben in der Stadt bald wieder normal sein wird. Das Miteinander hat sich verändert. Nichts ist, wie es war.

Die Handlung spielt in einer dystopischen Welt und wurde von einem Literaturkollektiv Elen Fern verfasst. Sie fragten sich, ob Geschichten bei der Stadtplanung behilflich sein könnten. Diese Erzählung birgt einen Zauber und ihre Visionen werden zu magischem Realismus.

Zwei Taucher, Boris und Salǒmon, bergen Überbleibsel. Sie sind Schatzsucher, Bergungsarbeiter und kleine Ganoven. Dann ist da noch Colombe. Sie versucht, die Szenerie zu beherrschen und möchte den Menschen Hoffnung schenken. Sie plant den Wiederaufbau und die Belebung der Stadt. Dafür benötigt sie Karten, die sie in den versunkenen Ruinen vermutet und beauftragt die beiden Taucher. Die ständige Bedrohung und die permanente Rast- und Ratlosigkeit zeigen sich im Kleinen und Großen. Im Tinnitus für einen der Taucher und durch die Wachtürme mit ihren Warnsignalen, die die Menschen in eine Quarantäne zwingen. Doch ist es keine Krankheit, die hier bedroht, sondern riesige Welse, die in Schwärmen das Gewässer durchstreifen. Wenn Welse kommen, schlagen die Glocken Alarm, denn es sind bereits Kinder verschwunden.

Boris und Salǒmon fischen im Trüben, um die Pläne zu finden. Dabei verlieren sie einen Tauschschuh, der von anarchistischen Kindern gefunden wird, die sich auf ihre Insel zurückgezogen haben. Sie tauschen und handeln, wollen aber für sich bleiben und meiden die Erwachsenen. Auch wissen sie mehr über die Welse. Denn sind die Welse unheimlich, sind die Fische die Gefahr?  

Als Boris und Salǒmon tauchen, läuten die Glocken. Die Welse kommen und die Menschen verschanzen sich in den oberen Teilen der Gebäude. Jetzt wissen die Kinder, es ist ihre Zeit, es ist die Zeit der Welse.

Die ständige Vibration unserer Gegenwart steigert in uns eine Überreizung, die zum seelischen Tinnitus führt. Die äußere Bedrohung ist meist eine erzwungene, die uns vieles glauben lassen möchte. Doch die Bedrohung ist da. Aber sind es die Welse oder sind wir es, die es ermöglichen, dass uns das Wasser hier und dort bis zum Halse steht?

Die Notwendigkeit einer Stadtplanung von morgen war der Anstoß für den Roman. Doch ist dies nur einer der Gedanken im Buch. Der eigentliche Kern ist das Märchenhafte innerhalb der möglichen Realität. Wir müssen uns das Fantastische und den Zauber bewahren, denn nur so erhalten wir die Hoffnung.

Anne-Sophie Subilia, Matthieu Ruf, Daniel Vuataz und Aude Seigne sind Mitglieder des Schweizer Literaturkollektivs Elen Fern die das Buch “Wenn die Welse kommen“ verfasst haben. Begonnen hatte die Zusammenarbeit mit insgesamt vierzehn Kreativschaffenden. Aus dem Französischen wurde es von Claudia Steinitz und Andreas Jandl übersetzt.

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Arne Suttkus: „Die Romantik soll mir mal im Mondschein begegnen“

Ein wunderbarer, positiver Roman, der uns zum Verweilen einlädt. Wie bei einem wohligen Besuch in einem Café, in dem die meisten Szenen des Romans auch spielen. Ein Café ist ein Ort, in dem wir Gesellschaft suchen, aber uns auch zurückziehen können. Einsamkeit oder gesellige Runde sind hier kein Widerspruch. Anfänglich waren es Kurzgeschichten, aus denen nun ein Roman gewachsen ist. Der Titel „Die Romantik soll mir mal im Mondschein begegnen“ klingt wie ein Wunsch, könnte aber auch als Drohung verstanden werden.

Im Mittelpunkt ein Café. Ein Ort in dem Menschen verweilen, Luft holen und dem Chaos um sich herum trotzen oder entkommen möchten. Doch können wir unserem eigenen Chaos, das in uns ist, niemals gänzlich durch Unterstützung von Süßspeisen, Koffein oder Geselligkeit entkommen. Wir nehmen unseren Trubel mit. Arne Suttkus wählt ein Café für seine literarische Begehung und für seine Betrachtung der menschlichen Zerstreutheit. Ein Café am Rande des Campus. Ein Ort, der für einige zur kurzen Stärkung genügt, andere erleben diesen Raum als zweites, wenn nicht sogar als einziges Wohnzimmer. Hier wird studentisch gelebt. Zeit und Geld für gepflegten Kaffee oder Waffelgebäck ist immer vorhanden. Mit Arne Suttkus nehmen wir gerne Platz. Werden gleich am Anfang in das Café hineingezogen und fühlen uns sofort wohl. Das Setting, das Ambiente und die Gäste erzeugen eine Wohlfühlatmosphäre, so dass wir sofort alle und alles gern haben. Die Stärke von Arne Suttkus ist seine Sprache, der Wortwitz und die Empathie für die Figuren. Alle sind lebensnah, leicht verschroben, dies aber liebenswürdig und lassen uns mit ihrem Alltag dem unseren entkommen. Selten gibt es Bücher in denen man sich sofort heimisch fühlt.

Der Kieler Universitätscampus wird bevölkert von seltsamen Leuten. Ganz in der Nähe ist ein Café. Hier treffen wir auf Gelehrte und Möchtegernrevoluzzer. Auf Professoren und auf Angestellte. Einige kommen, um sich zu treffen, andere um nur einen Kaffee zu trinken, sofern die Kartenzahlung wieder geht, oder um zu schreiben. Der Erzähler schreibt und seine beste Freundin, Claudia, schreibt ebenfalls. Er versucht es mit der Poesie, die der Alltagspoesie entsprungen ist. Claudia mag man, sie hat ihre eigene Sicht auf die Dinge und sie versprüht eine ganz eigene Philosophie. Sie ist aber auch bereit mal eine ihrer Romanfiguren, die anfängt zu nerven, zu beseitigen. Dann ist da natürlich noch Katharina, die im Café arbeitet. Sie mag ihre Gäste. Einige mehr, andere weniger. Denen, die sie mag, bringt sie auch mal die frische Waffel an den Tisch, wobei Selbstbedienung vorgesehen ist. Auch der Erzähler hat dies Glück, denn auch er fühlt sich zu ihr hingezogen und es kommt zum ersten Treffen auf dem Kieler Weihnachtsmarkt. Somit ist der Ort gleich am Anfang gesetzt. Das Setting ist umrissen und die Charaktere platziert. Langsam bauen sich Kapitel für Kapitel die Geschichten auf. Wer mit diesem Buch das Café betritt, hat eine Tür zu vielen Geschichten geöffnet, die sich dahinter verbergen.

Ein Buch, das uns entschleunigt, uns zum Schmunzeln und zum Wohlfühlen bringt. Alles ist kunstvoll eingerichtet und zubereitet. Die Geschichten sind charmant und benötigen nicht viel Handlung, um uns sofort an die Figuren zu binden und ihnen weiterhin folgen zu wollen. Sie machen süchtig und es ist wie bei einer sehr gut gemachten Serie, der man durch das Personal gänzlich verfällt. Hier wird gelebt, geliebt, das Schreiben und Lesen gefeiert. Hier ist ein Ort entstanden, in dem die Worte wahrhaftig werden.

Arne Suttkus kann wunderbar schreiben und unterhalten. Die Handlung spielt in Kiel und es ist wohl einer der besonderen Kielromane, der aber doch überall diese Tür zum Leben öffnen könnte, wo es gemütliche Cafés gibt.

An meine mitlesenden Verlage, verlegt bitte Arne Suttkus! Es gibt keine Ausflüchte mehr.

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Jérôme Leroy: „Die letzte Französin“

Jérôme Leroy ist ein Meister der düsteren Kurzkrimis. Ein schmaler Krimi, der es aber faustdick hinter den Zeilen hat. Stets geht es bei ihm direkt los, nichts wird verschönt, Handlung und Sprache nicht und es fliegen uns wahrlich die Kugeln um die Ohren. Die Erzählweise ist verknappt und originell. Der auktoriale Erzähler wendet sich auch zwischendurch an uns und berichtet in einem zynischen Ton wie es mit bestimmten Personen oder Handlungssträngen, die lediglich Wegbereiter waren, weitergeht, um dann zum Hauptkern der Geschichte zurückzukehren.

Es beginnt mit einer Schießerei in einer Hafenstadt im Nordwesten Frankreichs. Capitaine Mokrane Méguelati von der Terrorabwehr hat sich mit seinem Spitzel getroffen. Diesen hat er durch eine damalige delikate Situation an sich binden können. Als dieser von einem geplanten Attentat erzählt, stürmen Männer mit Maschinengewehren den Treffpunkt und ermorden den Spitzel. Der Capitaine kann entkommen und rennt zu den ankommenden Kollegen, die ihn für einen bewaffneten und islamistischen Tatverdächtigen halten und ebenfalls töten. Nun weiß niemand mehr, wo der eigentliche Anschlag durchgeführt werden soll.

Der Kämpfer hat ein Mädchen, Gauloise, rekrutiert. Fraglich ist, wer wem hörig ist. Was hat sie mit dem Vorgang zu tun? Sie ist zu allem bereit, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Die Polizei durchkämmt fieberhaft die Stadt, in der der rechtsradikale, patriotische Block die Macht übernommen hat. Es wird alles mobilisiert, militarisiert und die Situationen spitzen sich zu.

Ein feiner, schwarzer, derber und zynischer Kurzkrimi mit viel Action. Aus dem Französischen wurde der neue Leroy-Roman erneut von Cornelia Wend übersetzt.

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Juan Pablo Villalobos: „Das Alibi“  

Am Ende bleibt nichts, wie es war oder ist doch alles so, wie es war. Haben wir es nur phantasiert? Das ist die Frage, die sich hier literarisch stellt. Nichts in diesem Buch ist wahr, heißt es vorweg, nur das, was wahr ist. Somit gaukeln uns der Erzähler und der Autor einiges vor und wir haben unseren Spaß daran. Wenn in uns etwas wächst, sich etwas festgesetzt hat und sich unsere eigene Welt darüber stülpt, kann daraus eine Perle oder ein Polyp wachsen. So ergeht es auch Juan Pablo – Autor und alter Ego in „Das Alibi“. Die Begriffe „Friseur und Briefe“ zieren den Originaltitel, der nun aus dem mexikanischen Spanisch von Carsten Regling übersetzt erschienen ist. Das Alibi verweist auf die Bescheinigung für eine bestimmte Zeit gegenüber dem Partner, dem Arbeitgeber oder gegenüber der Justiz, wenn es sich um eine Tatzeit handelt. Also was ist passiert? Sofern überhaupt etwas geschehen ist, ist es unglaublich viel, was Juan Pablo zu berichten hat. Denn er hat als Autor ein Problem. Er ist glücklich. Somit befürchtet er, diese Aussage am Anfang könnte das Ende des Romans sein und was soll er schreiben? Denn gute Literatur entsteht aus Ereignissen, Dramen und wurzelt meist im Unglück. Das Autofiktionale berührt, wenn es authentisch ist. Aber was, wenn das Glücklichsein vorherrscht?

Seinen Namen kennen wir. Alle anderen wollen nicht in Erscheinung treten. Auch seine Kinder möchten nicht, dass er sie für seine Literatur verwendet. Also bleiben sie das Mädchen und der Halbwüchsige. Auch seine Frau ist lediglich die Brasilianerin.  Er stammt aus Mexiko und sie sind beide nach Barcelona gezogen und leben dort mit ihren Kindern. Sie sind glücklich und er zelebriert das dort erhältliche mexikanische Essen und die spanische Lebensgewohnheit, die seiner ähnelt. Das erste Alibi benötigt seine Frau, als er sich in einer gastroenterologischen Klinik untersuchen lässt und sie ihn begleitet. Gegenüber ihrem Arbeitgeber benötigt sie einen Nachweis, den er ihr am kommenden Tag beschaffen möchte. Doch die Empfangsdamen wittern den Versuch eines möglichen Betruges und wollen nur ihr persönlich das Dokument ausstellen. Als seine Frau, als er noch da ist, ihn anruft und fragt, ob alles geklärt sei, ist er gänzlich überfordert. Er sagt ja und verzettelt sich. Er wird auch auf einem Schreibkurs, den er in einer Buchhandlung gibt, in etwas verwickelt. Ein Mann sucht seine Nähe, weil er behauptet, auch schreiben zu wollen. Er habe viel erlebt und wolle es verewigen. Doch wie sich in Folge herausstellt, möchte dieser nur Fotos mit dem bekannten Autor machen, um seine Abwesenheit andernorts zu erklären. Auch ein Friseurbesuch, den Juan Pablo macht, verwickelt ihn. Er geht in einen Salon, wo die Friseurin Zeit hat. Warum diese nichts zu tun hat, macht ihn nur kurz stutzig und sieht dann, dass ihre eine Hand geschient ist. Beim Haarescheiden passiert es, sie schneidet sich, weil sie ihr Handwerk nicht richtig ausüben kann, eine Fingerkuppe ab. Mit halbfertigem Haarschnitt und einer fremden Fingerkuppe bleibt er nun allein mit seinen Gedanken und sollte wohl handeln. Gegenüber der Versicherung wird er wohl aussagen müssen, aber warum wird die Fingerkuppe nicht benötigt? Was passiert mit den Fotos, die der Besucher des Schreibkurses von ihm gemacht hat und wer benötigt eigentlich wen für welche Alibis? Jetzt hat Juan Pablo genug erlebt, um darüber schreiben zu können, oder ist er es selber, der sich ein Alibi beschaffen wollte? Oder schreibt er nur, um schreiben zu können?

Ein kurzer, sehr unterhaltsamer Lesespaß, der uns in eine Handlung hineinwirft, die nichts belässt, wie es ist und dabei die Wirkungskraft der Literatur beweist und uns dadurch selbst glücklich macht.

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Archie Oclos: „Die Straßenkatzen von Manila“

Ein Bild und nur drei Worte die jeweils alles erfassen. Die Geschichten der sechs Straßenkatzen und ihr Leben auf den Philippinen sind ein berührendes, zu Herzen gehendes Kunstwerk. Es sind gezeichnete Geschichten, die sich im letzten Kapitel vereinen. Übersetzt hat es Jan Karsten.

Die Schönheit verbirgt sich in der Trostlosigkeit der menschlichen Metropole. Streuner, die es gelernt haben alles genauestens zu beobachten, um schnell Schutz zu finden, Essen zu ergattern und um zu überleben. Dabei wird der Blick der Katzen ein Blick auf uns und die Tiere verkörpern Gesellschaftsbilder, in denen sie leben. Ein Bild und drei Wörter erzählen ganze Geschichten. Dabei ist genaues Hinsehen und Empfinden nötig, um das ganze Werk zu erfassen. Wir begleiten die Samtpfoten, die auch nicht alle unversehrt auftreten, durch verwinkelte Gassen, zu Jeepney-Terminals, Werkstätten, Hinterhöfen und in Garküchen. Ihr Blick wird unser Blick auf das dortige Leben und auf das Miteinander. Was bedeutet es als Lebewesen sich in den Städten und auf der Straße behaupten zu müssen?

Archie Oclos ist ein philippinischer Künstler. Seine Werke beschäftigen sich mit politischen und sozialkritischen Themen. Im Mittelpunkt stehen Ungerechtigkeit und Korruption. In „Die Straßenkatzen von Manila“ erzählt er in sechs Kapiteln eine Geschichte. Sechs Katzenperspektiven, die am Ende zusammengeführt werden. Nach den jeweiligen großen Abenteuern werden sie eine Gruppe und im chaotischen Gewirr der Straßenkabel, dem Durcheinander der Straßen finden sie ein Zuhause, einen Karton, in dem Katzen sich stets geborgen fühlen. Dies Bild bleibt am Ende ein Motiv des Zusammenhalts.

Wir lernen die weiße Katze vom Jeepney-Terminal kennen. Das Terminal ist ein Ort der Ankunft und der Abfahrt. Jeepneys sind landestypische Verkehrsmittel, die ersetzt werden sollen und die Armut der Fahrer wird hier sichtbar. Die Katze sucht Schatten und wird mit dem Blick nach oben Zeuge der Notlagen und der Sorgen. Dann ist da das Duo aus der Garküche. Es sind zwei Katzen, die sich in den Gerüchen weiden und letztendlich doch nur die Abfälle abbekommen. Der Hunger ist spürbar und der Kampf ums Überleben wird sichtbar. Der Pirat von der Reifenwerkstatt hat einen scharfen Verstand und ein enormes Wahrnehmungsvermögen. Ein Politiker fällt negativ auf, der mit seinen Bodyguards die Räumlichkeiten der Werkstatt in Anspruch nimmt. Dabei ist es letztendlich der Katzenpirat, der sich an dem menschlichen Gebahren zu rächen versteht. Eine Prinzessin aus der Wohnanlage hat ein gutes Heim, aber empfindet Einsamkeit und Abenteuerlust und verbündet sich am Ende mit der ganzen Meute. Batman heißt eine Katze, die in einer Mall einen Sicherheitsbeamten trifft, der seine Arbeit verloren hat.

Alle Katzen blicken auf ihre Welt, die die unsere ist. Sie streunen durch das Leben und zeigen uns, wie es auf den Straßen zugeht.

Ein Bild pro Doppelseite und drei Wörter. Mehr benötigt dieses Katzenkunstwerk nicht, um unser Herz zu erobern.

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Ulrike Damm: „Die Poesie des Buchhalters“

Ulrike Damm öffnet Sprachräume. Erneut stellt sie mit ihrem Roman essentielle Lebensfragen. Die Suche nach dem Lebensinhalt und Glück. Sie verbindet stets visuellen Ausdruck mit Wort und Inhalt. So auch in dem vorliegenden Buch, in dem sich visuell eine zweite Stimme und Perspektive im unteren, abgetrennten Abschnitt ein – und ausblendet. Ihre Werke sind sinnlich, klug und kunstvoll.

Ulrike Damm schreibt und macht als Künstlerin ihre Texte begehbar. Sie verbindet Literatur mit interaktiven und visuellen Elementen und stellt als Künstlerin ihre Bücher auch in Kunsträumen aus. Sie schreibt ihre Texte zweifach, am Computer und mit der Hand. Somit entsteht Literatur als Buch und als ausstellbares Kunstwerk. Eine Literatur voller Weisheit und einfühlsamer Beobachtungen. Ulrike Damm ist Künstlerin, Autorin und Verlegerin.

Der Roman spielt mit Lebensperspektiven. Ein Buchhalter, der beruflich und privat analysiert, abwägt und die Balance halten möchte. Es ist Justus Kratz der verheiratet war, jetzt zu seiner ehemaligen Frau ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Er wohnt zur Miete. Seine Vermieterin Rose schreibt oft und bittet ihn, ihre Post mitzunehmen. Einen Brief hat er nicht aufgeben. Aus einer Laune heraus. Er hat sich hinreißen lassen und diese kleine Tat, diese minimale Verfehlung, bringt sein Leben durcheinander. Er hat sich über sich selbst erschrocken und den Brief versteckt. Doch es wird Rose auffallen und sein Gewissen meldet sich. Auch etwas, was er nicht kannte, die Neugier, die sich krankhaft bei ihm bemerkbar macht. Dann kommt es auch zu Treffen mit Rose, deren Perspektive sich im unteren Seitenabschnitt des Buches einblendet. Wem schreibt Rose, wer hat das Glück, ihre fixierten Gedanken zu erhalten? Er hat den Brief behalten und geöffnet, seitdem ist er ratlos. Rat, den er sich bei Kollegen, Freunden und sogar bei Rose erhofft. Er stellt sich seit seinem kleinen Fehlverhalten wesentliche Fragen. Ein kleines Handeln wirkt sich in seinem Leben groß aus. Kann er seinen Zwängen entkommen, wie lebt man richtig und was ist es wert?

Wir erleben den Alltag des Buchhalters, der sein Leben plant und ein Bewusstsein für Verantwortung und Gewissenhaftigkeit hat. Wie sich seine Lebenssicht durch einen emotionalen Anreiz verwandelt. In zugänglicher Poesie werden einfache Bilder komplexer und das Spiel der Lebensperspektiven wird bizarr, wie es das Leben ist. Ein Roman, der Gedankenräume erzeugt und ein Erlebnis ist.

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