Archiv der Kategorie: Erlesenes

Mary Shelly: „Mathilda“

Ein kleines Meisterwerk, das posthum veröffentlicht wurde und sich mit den großen Themen der Autorin, Feinfühligkeit und Einsamkeit, befasst. Erneut ist es auch die Macht des Natürlichen, die beständig durch ihre Literatur glänzt. Ihr bekanntestes Werk ist „Frankenstein“ und beinhaltet auch wie „Mathilda“ die Suche und Sehnsucht nach Lebensenergie, Zuwendung und Liebe. Mary Shelly (1797 – 1851) schrieb Romane, Kurzgeschichten, Essays, Theaterstücke, Biographien und Lyrik. Sie gab ferner die Werke ihres verstorbenen Mannes, Percy Bysshe Shelley, heraus und war befreundet mit Lord Byron, aufgrund dessen Einladung am Genfer See sie die Idee zu Frankenstein entwarf. Wie im vorliegenden Werk geht sie der Frage der Monstrosität nach. Im Kleinen und Großen. Denn denken wir an Frankenstein, ist es meist nicht der Arzt und Wissenschaftler, sondern der moderne Prometheus, der uns in den Sinn kommt. Doch wer ist das gesellschaftliche Monster? „Mathilda“ wurde übersetzt von Stefan Weidle, der auch ein kurzes und wissenswertes Nachwort verfasste. Hier geht es um die Entstehung des Textes, warum dieser nicht zu Lebzeiten der Autorin erschien und wie weit dieser autobiografisch zu verstehen ist.

Mathilda schreibt 1819 in Florenz an ihren nahen Freund Woodville. Am Ende ihres Lebens sinniert sie über ihren Lebensweg, über ihr kurzes Glück und den Weg in den seelischen Schmerz. In ihrem Einstieg fällt der Name Ödipus und lässt bereits Vermutungen zu. Das Lebensglück war in jungen Jahren spürbar, doch zog es sich dann immer mehr von ihr zurück. Doch will sie nicht vorweggreifen, sie möchte dem treuen Freund alles genaustens erzählen und beginnt.

Ihr Vater verliebt sich und seine ausufernde Liebe wird erwidert. Das vermählte Paar bekommt kurz nach der Trauung ein Kind, Mathilda. Doch die Mutter stirbt kurz nach der Geburt und der Vater zieht sich in ein auferlegtes Exil, sozusagen auf weltweite Distanz, zurück. Mathilda wächst bei der herzlosen Tante in Schottland auf. Als sie sechzehn Jahre ist, meldet sich der Vater in London zurück. Mathilda ist voller Glück und wagt zu hoffen. Sie verbringen eine schöne Zeit. Voller Liebe und Zuwendung. Das Glück, dass aber greifbar wirkt, verrinnt. Die Liebe übersteigt das Normale und als sich ein junger Mann um Mathilda bemüht, kippt die Stimmung und Düsternis wirft sich über die Beziehungen. Erneut fliegt Mathilda in einen tiefen, seelischen Abgrund. Auf dem Weg dorthin und auf die darauffolgenden Verzweigungen schaut Mathilda, nun in Italien lebend, zurück.

Ein Werk voller Romantik und Schmerz. Sehr subtil wird hier das Innenleben seziert und das Bild von Familie, Beziehung und Bindung erhält Polaritäten aus kurzen Lichteinfällen, die aber erst durch die Dunkelheit auffällig werden. Diese Novelle hat einen Sprachklang und eine Intensität, die durch Handlung, Themen und Charakterisierungen eine eigenwillige Spannung aufbauen. In ihren Roman gibt es viele Anspielungen auf bedeutende Werke der Weltliteratur. „Mathilda“ zählt mit dieser Wiederbelebung auch dazu. Ein neu gehobener Klassiker.

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Toine Heijmans: „Irrfahrt“

Die Irrfahrten auf See hat es bereits bei Homer gegeben, Ein Held, der durch das Schicksal in eine Verkettung von Abläufen gerät. Bei einer solchen Odyssee sind unbekannte Zuwächse und Überraschungen beständige Wegbegleiter. Die Irrfahrt als Metapher und als Abenteuer. Ein raffinierter und unglaublich betörender Roman, der für unsere Empfindungen eine Übermacht einnimmt und die Grenzen der Wahrnehmung regelrecht übersegelt. Ein Törn, in dem Gezeiten, die See und das Umfeld die Kontrolle übernehmen. Denn wie es im Text steht, übernimmt das Meer irgendwann das Denken, wenn wir damit aufgehört haben sollten. Für den Erzähler ist gerade das Leben auf dem Meer besser als irgendwo anders. Doch je näher er der Küste kommt, desto stärker wird seine Bindung zum Land spürbar. Die Welt saugt ihn wieder ein und seine Gedanken, Sorgen und Ängste verfestigen sich. Auf seiner letzten Etappe begleitet ihn seine siebenjährige Tochter auf seinem Segeltörn und ein Sturm zieht auf. Er bleibt ruhig, denn er kennt das Meer und weiß, Überleben beruht auf Routine. Er ankert und will das Unwetter nahe der Küste aussitzen.

Diese Etappe, von Dänemark bis in die Niederlande ist der Abschluss seines Segeltörns. Er hat sich eine Auszeit genommen und ist für Wochen im Atlantik und in der Nordsee unterwegs. Auf dem Festland sind seine Frau Hagar und die Tochter Maria. Er suchte die Einsamkeit und hat sich auf das Meer zurückgezogen. Nun auf der letzten, unbedenklichen Überfahrt, die zwei Tage dauern soll, möchte er seine Tochter dabei haben. Hagar, die ihre Ängste nicht benennt, nicht begeistert ist, gibt nach und somit geht Maria mit an Bord. Vater und Tochter sind nun in der Abgeschiedenheit und der Rest der Welt nur noch ein Gedankenkonstrukt am Horizont. Sie haben eine losgelöste Zeit auf dem Boot. Doch nun, auf den letzten Seemeilen, schlägt das Wetter um. Maria schläft, während er das Boot nahe dem Festland verankert. Dann ist Maria plötzlich verschwunden. Auch ihr Kuscheltier ist weg, dabei schlief sie doch soeben noch.

Die Perspektiven und der geradlinige Horizont verschieben sich mit jeder weiteren Seite. Dieser Roman, eher eine Novelle, hat eine enorme Sogkraft. Mit einfacher und zugänglicher Sprache baut sich hier ein Spannungswerk auf, das mit der Nähe zum Festland, immer mehr Tiefe erhält. Der Titel und die Handlung erinnern an Homer und Melville.  Die Irrfahrt ist nicht auf das Nautische bezogen, sondern es geht auch um das Ankern im Leben als Ehepartner und als Vater. Der Text spielt mit uns sehr geschickt und die Windrichtung ändert sich und mit ihr auch die Handlungströmung. Der Clou erinnert ferner an den Roman „Einhandsegeln“ von Kortmann. Die Beziehung von Mensch und Meer ist dabei der Einstieg für Gedankenbilder, die sich dann um das Miteinander verfestigen.

Dieser Literaturtörn wurde bereits mehrfach übersetzt und sogar verfilmt und ausgezeichnet. Aus dem Niederländischen ist der Roman von Ilja Braun übertragen worden.

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Frank Göhre: „Sizilianische Nacht“

Wieder ein echter Göhre. Mit schnittigen Szenen verführt uns die Handlung nach Sizilien und das Abenteuer erhält seinen Höhepunkt in einer mediterranen, unheilvollen und fiebrigen Nacht. Die Grundlage für diesen Roman ist das Ende der Lebensgeschichte eines exzentrischen Dandys, Autors und Erfinders. Göhre nennt ihn Jean Paul Durand und er macht seine Geschichte zu seiner. Gemeint ist aber Raymond Roussel (1877 bis 1933) und mit diesem Kriminalroman findet das Geheimnis jener bis heute ominösen Nacht eine mögliche Erklärung.

Durand ist ein Schriftsteller, Weltreisender, Erfinder und Schachtheoretiker. Seine aufsehenerregendste Erfindung ist das Wohnmobil. Sein Dasein verdankt er einem riesigen Vermögen, das ihm seinen Lebensstil und seine Süchte finanziert. 1933 reist er von Paris nach Palermo. Begleitet wird er von seinem neuen Chauffeur und Aleksandra Wojcik, die lediglich Madame genannt wird. Er möchte nach Sizilien, weil er bei den Feierlichkeiten um die heilige Rosalia, der Schutzpatronin Palermos, dabei sein möchte. Es ist das Fest des Lebens und der Lebensfreude. Im Grand Hotel et Des Palmes quartiert er sich mit seinen Begleitern für eine längere Zeit ein. Seine Anwesenheit erzeugt eine ehrfurchtsvolle Stimmung bei dem Hotelbetreiber und dem Personal. Auch werden sogenannte ehrenvolle Freunde aus der Mafia auf ihn aufmerksam.

Das Hotel hat eine lange Geschichte und hat mit dem neuen Gast eine weitere zu erwarten. Durand ist launisch, krankhaft und tablettensüchtig. Diese führt er in rauen Mengen stets bei sich. Madame sorgt für sein Wohl und fährt zwischendurch zurück nach Paris, um beim Vermögensverwalter, Durands Neffen, Geld zu organisieren. Da die Summe sehr hoch ist, wird der Neffe misstrauisch und vertraut Madame nicht. Befolgt aber dennoch die Anweisungen, bittet aber den ehemaligen Chauffeur, Madam nachzureisen und diese im Auge zu behalten. Die Treffen mit den ehrenwerten Freunden lassen vermuten, dass höhere Kreise Interesse an der Erfindung des Hotelgastes haben. In Palermo wird das ausschweifende Fest der Heiligen gefeiert und die Faschisten demonstrieren ihre Macht. Es ist eine denkwürdige Nacht auf Sizilien. Es ist die letzte Nacht von Durand. Der Hotelpage findet ihn tot in seinem Zimmer. War es eine Überdosis? Was plante die Mafia, was die Madame und was ist mit dem verschwundenen Chauffeur? War es ein Versehen, ein Suizid oder steckt etwas ganz anderes hinter den Ereignissen? War es ein ausgeklügeltes Spiel, Willkür oder ein Unfall?

Ein Roman vor einer wahren Kulisse. Göhre schreibt erneut klug, kurzweilig und bildreich. Die Handlung befördert uns hinein in das gärende Palermo während vieler Machdemonstrationen, die die Welt erschütterten. Das Ableben eines Mannes, der vieles in der Kultur beeinflusste, wird hier spannend aufgegriffen und zu einem typischen Göhre umgewandelt. Er schreibt Bücher, die wahres Kopfkino beinhalten.   

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Melara Mvogdobo: „Großmütter“

Ein komprimierter und fragmentarischer Roman, der zwei Leben beschreibt, die in unterschiedlichen Ländern die schlechte Behandlung und das erniedrigende Dasein der Frau darstellen. Das Fragmentarische ist so kunstvoll eingesetzt, dass sich in der Kürze der Abschnitte und durch die poetische und ehrliche Sprache jeweils ein ganzes Leben offenbart. Eines in Afrika und eines in der Schweiz. Das Kunstvolle in der Sprache zeigt sich auch in der Aufwendigkeit des Buches, das die parallel verlaufenden Leben in zwei Schriftfarben darstellt. Die beiden Frauen sind nicht gleich jene Großmütter. Sie sind es aber gegenwärtig, haben eine Distanz zum Vorherigen geschaffen und reflektieren. Es gab einen Moment, eine späten, der zeigte, dass es reicht, dass sie genug erduldet haben und sie jeweils einen Schlussstrich ziehen, der der Wut Freiraum gibt und sogar Rache zulässt. Es sind zwei Frauen, die trotz der Enttäuschungen und Erniedrigungen beide einen Kern aus Liebe und Kraft in sich bewahren konnten. Dieser Kern bricht nun durch die kurzen Texte auf. Der Roman ist ein schwermütiges, aber auch ein enorm beglückendes Werk.

Sie stellen sich die Frage, warum sie dasselbe weitergeben, warum sie die Liebe nicht gezeigt haben.  Die Liebe zu ihren Kindern und zum eigenen Leben. Die Erkenntnis kommt und lässt die Großmütter erzählen. Ein hartes Leben auf einem Schweizer Bauernhof. Zuneigung, Liebe und allgemein Gefühle wurden nicht gezeigt. Diese waren weiblich. Wut ja. Die Wut durfte gelebt werden. In Kamerun ist es kein armes Leben, aber ebenfalls ein dominiertes. Der Traum von Bildung wird zerschlagen. Dann kommen die Männer, die bestimmten, die Verursacher und die Peiniger. In der Schweiz musste sie schon als Kind hart mitarbeiten, bei den Eltern und später auf einem anderen Hof, während der Hauswirtschaftsjahre. Dort kommt es zu einer Begegnung mit dem Knecht und ein uneheliches Kind ist da. Dieses Kind wird ihr genommen und ein Ehemann bestimmt. Auch in Kamerun ist der Weg kein leichter. Sie wird ermahnt, nicht der Vielehigkeit zuzustimmen. Auch wenn dann die ganze Familie aufschreien wird, auch die mahnende Stimme. Bei der Eheschließung beschließt sie ein Leben sans Polygamie und bringt ihren Mann gegen sich auf. Es bleibt nicht nur bei bösen Blicken und Verwünschungen, sondern sie erhält einen beständig aggressiven Mann. Da sie nur Mädchen zur Welt bringt, hält sich der wütende Ehemann nicht an die Vereinbarung. Aus Schutz und Liebe entzieht sie ihren Töchtern die Zuwendung und erkennt daran ihren wahren Kern und beginnt diesen zu befreien, um spätestens bei den Enkeln offen zu sein, die jene Freiheit wiederum ihr wünschen. Auch in der Schweiz ist der Lebensweg an den Mann gebunden. Bis ins Alter und mit dessen Krankheiten. Das Altenheim als gemeinsamer Ort, der ihren inneren Kern sie erkennen und auch ihre Freiheit finden lässt. 

Beide Leben unterschiedlich und doch so ähnlich. Die Unterdrückung und Demütigung sind gleich, trotz der unterschiedlichen Kulturen. In der Verknappung der Texte wird sehr viel Emotion und Herz spürbar. Eine Zuwendung zum Leben, die sich trotz der Pein ihren Weg freibricht. Auch wenn das Erkennen später kommt, gibt es Chancen und Wege. Dieser Roman ist ein wunderbarer, trauriger und literarischer Ausbruch, der uns ganz viel schenkt. 

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Nils Westerboer: „Lyneham“

Endlich mal wieder eine kluge Weltflucht. Ein Science-Fiction Roman, der eine vielschichtige und spannende Handlung aufbaut. Der Autor versteht es, neben dem Erzählstrom viele Gedankenmuster loszubrechen, die durch die verwobene Handlung mehrere Dimensionen öffnen. Auch die Metaphorik wird durch den Lesefluss zu einem literarischen Bilderrausch.

Die Handlung spielt auf einem extrasolaren Mond, der als Trabant zu dem Planeten, den er umkreist, Lebensbedingungen erzeugen kann, die ein überleben möglich machen. Dafür ist Terraforming noch vorgesehen und notwendig. Der faszinierende Mond wird Perm genannt, nach der Periode jenes Erdaltertums vor 252 Millionen Jahren. Doch bevor die Handlung sich auf den Mond stürzt, erleben wir im Prolog einen Marshmallow-Test. Die zukünftige Wissenschaftlerin wird als Kind getestet. Wenn sie in einer gewissen Zeitspanne den Marshmallow nicht essen würde, bekäme sie einen weiteren. Doch was ist, wenn sie diese Süßspeise gar nicht mag und warum wissen dies ihre Eltern nicht? Hierbei zeigt sich, wie wichtig es ist, stets alle Fakten zu kennen, um die Gründe des Handelns zu verstehen.

Ihre Familie ist es, die das Abenteuer erlebt. Die Erde stirbt und die Menschen wandern aus. Am Raumhafen, kurz vor dem Einchecken, spricht die Mutter mit ihrem Mann und fliegt nicht mit. In den Stasiskammern eingelagert erreichen sie Perm und stürzen in die neue Welt. Henry Meadows hat Geburtstag und ist zwölf Jahre alt geworden. Seine Feier hat er sich anders vorgestellt und bei der Ankunft in der neuen Heimat werden alle sehr durchgerüttelt. Die Lebensumstände sind sehr bedrohlich. Die Luft lässt sich nicht atmen, alles wirkt toxisch und die Tierwelt verbreitet Angst und Schrecken. Die Tiere beherrschen zudem besondere Tarnvorrichtungen. Es gibt auf Perm Berge, deren Gipfel in den Kosmos ragen und sphärische Flüsse. Die Heimat ist somit noch nicht fertig. Irgendetwas scheint die Umwandlung verhindert zu haben. Der Alltag wird für Henry auch aus Schule bestehen und die Lehrkraft ist eine künstliche Intelligenz, die einst für Bohrungen zuständig war. Alles ist anders, feindlich und fremd. Wo ist die Mutter und wie lange waren sie überhaupt unterwegs?

Mildred Meadows war zurückgeblieben, um einen neuen Antrieb abzuwarten und ihre Familie zu überholen. Sie will für alle das Beste aus der neuen Welt herausholen. Was ist schiefgelaufen und warum ist die Mutter für ihre Familie nicht da, die sie sehnsüchtig erwartet. Es mehren sich die Zeichen, dass die Mutter schon da war, vor langer, langer Zeit und sie hat eine Warnung hinterlassen.

Dieser Science-Fiction ist ein gelungener Ritt durch Raum und Zeit. Die Ideen sind nicht nur kurze Anregungen für eine Weltraumhandlung, sondern der ganze Roman ist gehaltvoll und sehr spannend und toll erzählt. Dieser Flug geht schnell vorbei, schüttelt uns durch und hinterlässt einen Hohlraum in unserer Realität.

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Stefan Györke: „Tizianas Rosen“

Ist dies ein Krimi, wie es auf dem Buch steht? Erneut hat Stefan Györke einen Roman geschrieben, der sich auf mehreren Ebenen lesen lässt. Es könnte ein Krimi-, aber auch ein Liebesroman sein, doch entpuppt sich das Werk als etwas mehr. Mit enormer Leichtfertigkeit wird hier eine Handlung aufgebaut, wo am Anfang suggeriert wird, der Fall sei bereits gelöst. Doch dann werden kunstvoll die Entwicklung der Handlung und die manipulative Zweisamkeit aufgebaut, die die Möglichkeiten durcheinanderwirft und stets die Spannung aufrechterhält.

Stefan Györke ist nach seinem Medizinstudium als Notfallmediziner tätig und weitet seine Lebensleidenschaft auf die Literatur aus. Seine Werke begeistern durch seine Sprache, durch die Vielschichtigkeit der Handlung und die lebendigen Figuren. „Tizianas Rosen“ ist gekonnt durchkomponiert wie eines seiner vorherigen Werke „Die Liebe der Skelette“, das hier im Leseschatz bereits sehr positiv aufgefallen war.

Die Lösung des Kriminalfalls am Anfang des Romans, wo Tiziana durch ihr Geständnis von der Verdächtigen zur Täterin wird, wirft Fragen auf. Nicht nur bei der ermittelnden Polizei. Eine Woche vor dem Verhör hatte sie noch vom Toten einen Strauß Rosen erhalten mit einer Karte, wo er sich als Narr bezeichnete. In Gedanken meinte aber sie, die Närrin gewesen zu sein.

Tiziana hat sich von ihren Eltern aus Sizilien gelöst und beginnt ihr eigenes Leben in der Schweiz zu leben. Sie findet einen Job in einem Ingenieur-Büro, wo sie alles für die unorganisierten Entwickler regelt. Doch nach einem Höhenflug der Firma geht diese pleite, aber die Tätigkeit von Tiziana blieb nicht ungesehen. Eine angesehene Anwaltskanzlei bittet sie zum Vorstellungsgespräch. Die Inhaber und Partner wirken freundlich und die Räumlichkeiten elegant. Die Einarbeitung findet durch die Chefsekretärin statt und schnell hat sich Tiziana eingelebt. Sie wird für den befähigten und baldigen Partner der Kanzlei Ulrich Vanderhoff tätig sein. Als sie ihn zum ersten Mal sieht, ist es Liebe auf dem ersten Blick. Er beginnt ebenfalls sie zu umwerben. Doch die Tätigkeit im Büro steht stets an erster Stelle und das Arbeitspensum ist enorm hoch. Ein emotionales Wechselspiel beginnt beruflich und privat. Die private Bindung bröselt, aber beruflich macht sie alles, was er ihr aufträgt. Auch schreibt sie die Grußkarten an seine Liebhaberinnen. In dieser Phase nähert sie sich auch ihren Eltern wieder an. Die sizilianische Vergangenheit streift immer ihr Leben. Durch die Eltern und durch Ulrich Vanderhoff, der einst als Schwertschlucker auf der italienischen Insel umherzog.

Ulrich Vanderhoff ist das Opfer, er wurde ermordet aufgefunden, mit einem Strauß Rosen, der ihm im Hals steckt. Ein Ritualmord aus dem Mafiamilieu oder eine Beziehungstat? Der Verdacht führt auch zu Tiziana, die die Tat gesteht. Doch glauben will es ihr keiner.

Ein verstrickter Kriminalroman, der sich literarisch und humorvoll durch seine Handlung windet. Als Krimi legt er stets neue Verdachtsmomente aus. Durch die Charakterisierungen gelingt ein sensibles Herantasten an die Ereignisse. Der Roman wurde mit Hingabe und Witz geschrieben und macht Spaß zu lesen.

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Katharina Bendixen: „Eine zeitgemäße Form der Liebe“

Auch die Liebe und die Fürsorge durchwandern zeitgemäße Veränderungen. Somit ist wohl nichts unveränderbar. Oder doch? Ist der Mensch immer noch dasselbe Tier und nur die Umstände zerren an uns? Nicht mehr wir werden vom Vorübergehen an den Käfigstäben müde, sondern der Käfig dürfte ermüden. Diesem Käfig entkommen oder benennen die Geschichten von Katharina Bendixen. Es sind Kurzgeschichten, die von Eltern, besonders Müttern, und ihren Kindern erzählen. Die Ängste einer Mama, die nicht immer die von einer Mutter sein müssen. Das Buch beinhaltet klassische Kurzgeschichten, aber auch Alltagstexte, die magisch und surreal werden, Chatgespräche und zukünftige Abituraufgaben. Alles in Bezug zu den Ansprüchen unseres zeitgemäßen Mutterverständnisses. Die Kurzprosa ist sehr unterhaltsam, führt uns unsere Absurditäten vor Augen und ist sehr witzig.

Die Überforderungen des Alltags und die der Mutterschaft werden mit jedem Text aufs Schärfste analysiert. Die etwas längeren Texte werden durch Träume unterbrochen. Träume, die aber auch genauestens die Seelenpein einer Überstrapazierung bebildern. Immer stehen die Liebe, die familiäre Hinwendung und unsere ganzen Widersprüche im Fokus. Sei es bei einer Frau, die bei der Sendungsaufgabe in der Post ihre Kinder verliert, vergisst und erst durch das Einschlafen aufwachen kann. Ein Mädchen, das sich einen Sonnenblumenkern ins Ohr steckt und somit einen verwurzelten Körper mit Blumen aus dem Ohr bekommt. Ein Löwenjunge ist verhaltensauffällig in einer Tagesstätte und durchläuft bürokratische Maßnahmen. Oft eskaliert die Stimmung, die Machbarkeit oder die Kommunikation, wie in einer Eltern-Chatgruppe. Die Träume zeigen Muscheln, die Steine aufnehmen, um daraus Perlen zu erschaffen, die dann ein mütterliches Wechselspiel zwischen den Steinen und dem Weichtier erzeugt. Die Ablenkung beim Zubereiten des Abendbrotes kann ebenfalls folgenreich sein. Der titelgebende Text ist die Rede einer Wissenschaftlerin, die diese bei einem Kongress im Jahr 2055 gehalten hat. Diese Rede handelt von der Depression, die Mütter oder Eltern bekommen könnten. Durch die Überforderung der Eltern hatte die Therapeutin eine zeitgemäße Idee. Eine Mutter sorgt sich stets aus Liebe. Wenn diese Liebe weniger wäre, könnten sich auch die Probleme minimieren. Wir suchen uns ja auch die Wohnung und die Arbeit aus. Sollte diese zu unserem Lebenswandel, Lebensmoment nicht passen, wechseln wir. Warum also nicht auch die Kinder? Ein Kindertausch macht somit aus False-Müttern True-Mütter. Problematisch sind dann die Vatergefühle, falls überhaupt messbar und die der Großeltern, aber dafür werden ebenfalls Lösungen gefunden. Die Menschlichkeit zeigt sich auch in der aktuellen Abschlussprüfung. Die Deutschkenntnisse werden märchenhaft genutzt, um auf die Mutterschaft aufmerksam zu machen. In Gesellschaftskunde dürfen dann auch gerne die Mitschüler denunziert werden. Alle diese bissigen und humorvollen Texte werden umspielt von den Momenten des Aufwachens und Einschlafens, denn die Kinder müssen ja auch wieder rechtzeitig geweckt werden.

Unsere gestresste Welt wird hier witzig und zynisch beobachtet und sehr unterhaltsam in Texte gegossen. Ein irrer Spaß, der nicht nur Eltern gefallen wird. Bendixen spielt mit unserem Chaos im Kopf und entwirrt dieses wieder, wie jene verknoteten Bänder in einer der Geschichten.

Siehe auch Leseschatz-TV mit einer kleinen Lesung:

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Elizabeth Heichelbech: „Chopin in Kentucky“

Was wäre, wenn das Leben ein Erzählballett wäre? Für die Erzählerin könnte es eins werden und wir folgen ihr unglaublich gerne bei ihren ersten Tanzschritten. Ein wunderbares und witziges Buch, das die wahre Freundschaft und die Wirkungskraft der Imagination zelebriert.

Roanville, Kentucky 1977 und das Leben von Marie Higginbottom verändert sich, als das Ballett aus Paris in die Kleinstadt, in dem es neben dem örtlichen Einzelhändler der Kette Kmart sehr wenig zu erleben gibt, kommt. Die zehnjährige Marie verschluckt sich förmlich, als ihr Vater am Abendbrottisch das kulturelle Ereignis verkündet. Doch ist es nicht das Ballettensemble aus der französischen Kulturmetropole, sondern es ist eine Tanzgruppe aus Paris, Kentucky. Doch minimiert dies die Freude der kleinen Marie nur geringfügig.

Marie träumt von der großen Karriere als Tänzerin und sie möchte raus aus der Kleinstadt und weg von der Familie. Ihre Liebe zur Musik wird von ihrem besten Freund unterstützt und begleitet. Er ist immer dabei, beim Einkauf, beim Flanieren im Ort und bei den mitmenschlichen Begegnungen. Ihr Freund ist sehr eingenommen von  sich und leider bereits tot, denn es ist Frédéric Chopin. Dieser imaginäre Freund ist sehr real und kommentiert stets die Ereignisse, steht Marie aber immer treu zur Seite. Da er in einem hinterwäldlerischen Ort in Kentucky gelandet ist, kann er den Wunsch von Marie, dort zu entkommen und ihr Leben der Kultur zu widmen, nur gutheißen. Die Familie leidet unter dem am Kopf verletzten Vater, der seine Wutausbrüche an den Kindern, die sich oft selbst überlassen sind, auslässt. Die Wohnung ist marode, verschimmelt und das kulturelle Leben findet meist im Fernsehzimmer statt. Marie hält an ihren Traum fest auch wenn die Mutter in ihr weniger eine Ballerina sieht als eine echte Ingalls aus der Fernsehserie „Unsere kleine Farm“. Das fehlende Tutu kann ihre Leidenschaft aber niemals bremsen und sie hält an ihrem Traum fest. Neben dem genialen Komponisten, der leider tot ist und auch ab und zu nerven kann, lernt Marie noch eine sehr lebendige Freundin kennen. Misty McPherson, die auf ihre große Entdeckung als erstes weibliches Kinder-Elvis-Double wartet.

Ein Wirbeltanz einer Jugend in den Siebzigern voller Musik, Humor und facettenreichen Charakteren. Alles aus Kindesaugen und die Weltsicht wechselt zwischen kleinstädtischer Kulisse und geistvoller Kunst. So sind auch die Weggefährten nicht zwingend echt, denn der beste Freund der Heldin ist Chopin. Neben diesem virtuosen Musiker bespielen auch Jesus und Elvis, als weibliches Imitat, die Tanzfläche. Diese schillernden Figuren bringen alles zum Glänzen und wir strahlen mit. Denn wir werden süchtig nach diesem melancholischen Witz, der sich in jeder Szene findet. Wir lachen laut und schmunzeln leise in dieser irren Reise durch das irdische Kentucky. Letztendlich ist es die Kunst, die uns alle zu retten vermag und in der Imagination kann im Provinziellen alles beginnen oder möglich werden. Zumindest der Lebensanfang dieser Traumtänzerin, von der wir nicht genug erlesen möchten. Ein tolles, ein verrücktes Buch.

Ich durfte das Buch bereits beim Übersetzungsvorgang als Manuskript lesen. Übersetzt wurde es aus dem amerikanischen Englisch von Lena Riebl und ich werde in der Verlagsvorschau zitiert. Vielen Dank!

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Carme Riera: „Und ich lass dir als Pfand das Meer“

Die feine kleine Meeresbibliothek mit Klassikern der Weltliteratur hat Neuzugänge bekommen. Wie bei dieser bibliophilen Buchreihe sind die Titel alle meerwassergetränkt. Denken wir an das Meer in der klassischen Literatur, fallen uns oft Werke von Defoe, Melville, London oder Verne ein. Doch es gibt sie auch, die lesenswerten Frauen, die das Meer in ihren Werken verewigt haben. Das feminine Meeresverständnis gehört nicht überlesen und Carme Riera gehört nun in diesen Reigen dazu. 1975, kurz vor dem Tod Francos, veröffentlichte die Mallorquinerin mit 27 Jahren ihren Erzählband. Sie schreibt seit ihrer Kindheit und hat für ihre Werke bereits einige Preise erhalten. Ihre Texte sind sensibel und leise und entfachen dann eine unbändige Kraft, die, wie das Meer, sich aufbäumt gegen das Starre und Feste. Ihre Heldinnen leben im Patriarchat und müssen sich damit arrangieren. Doch unterwerfen sie sich tatsächlich und folgen sie den Gepflogenheiten der Gesellschaft?

Das Meer bleibt ein Sinnbild der Ferne und der Weite. Es ist jene natürliche Kraft, die eine Freiheit suggeriert. Ein Anbranden gegen das Bestehende. Das Aufbrechen des Regelwerkes und das Aufbegehren gegen die Gesetze und die vorherrschende Moral sind in den überraschenden Kurzgeschichten stets spürbar. Mallorca ist für viele ein Sehnsuchtsort. Eine Insel, die beim Lesen dieser Geschichten zu einer weiteren Metapher wird. Der Mensch selbst wird eine Insel, die für sich meist alleine wirkt und durch die äußere Berührung oder Beeinflussung ins Strudeln gerät. Frauen, die das Meer liebend umarmen und dabei den letzten Gruß den Wellen überlassen. Die Sammlung wird ummantelt durch zwei Erzählungen, die sich ergänzen und somit den Inhalt fortführen. Es ist das Schreiben einer Frau, die als Schülerin verliebt war. Es war eine tief empfundene Liebe. Langsam bekommen wir das Ausmaß dieser Liebe mit. Es ist eine Liebe zwischen einem Lehrkörper und einer Jugendlichen. Die Liebe zu einer Lehrerin. Die Sehnsucht und das Verlangen brausen auf, werden erwidert und ziehen sich dann zurück. Stets ist das Empfinden mit dem Meer gleichzusetzen. Die unerfüllte Liebe bleibt Beweggrund der Schreiben und die späteren Liebesbekundungen werden unter den Briefmarken versteckt. Dies in der Hoffnung gefunden zu werden oder einfach ungesehen zu verstummen. Am Ende wird das Meer als Pfand belassen und das Drama bleibt offen, denn die letzte Geschichte berichtet aus der Sicht einer Lehrerin, die ein anderes Ende und Verlauf anzeigt. Letztendlich können es dann nur die Möwen bezeugen.

Dazwischen befinden sich kurze und stimmungsvolle Miniaturen, die ebenfalls das Meer, den Strand als Schauplatz des menschlichen Dramas aufzeigen. Vieles versteckt sich unter der Oberfläche. Eine Oberfläche, die gleich dem Meer diverse Schattierungen und Brandungen erfahren. Es sind versteckte und sehr raffinierte Gedankengänge, die hier ganz behutsam eingebunden werden. Große Themen sind es, die geschickt in die Literatur einfließen, ohne damaliges Aufsehen zu provozieren. Die Frage nach der freien Liebe wird gestellt und die ausweglosen Wege münden oft mit einer letzten Umarmung des Meeres.

Ein wunderbarer Leseschatz wurde hiermit gehoben, der aus dem Katalanischen von Petra Zickmann übersetzt und mit einem Nachwort von Kirsten Brandt versehen wurde.

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Mascha Unterlehberg: „Wenn wir lächeln“

Ein Debütroman über zwei Freundinnen, die sich gegen äußeren Druck abgrenzen. Ihre Freundschaft nennen sie Schwesternschaft und diese ist sehr eng, aber nicht perfekt. Ein faszinierender Roman, der eine Wut zeigt, die nicht zu Gewalt, sondern zu Sprache wird. Dabei kommt Gewalt vor. In der Phantasie, die aus der umlauernden Stimmung ihre Wirkkraft zieht und dann in der Realität, wo die Gewalt bereits in kleinsten Gesten ihren Ursprung hat. Das Werk hat einen enormen Sprachklang und liest sich wie ein poetischer Soundtrack über eine Freundschaft. Der Sprachklang erinnert an weiblichen Sprachgesang, der seinen Emotionen klugen Ausdruck gibt.

Die Erzählerin ist Jara und sie ist mit ihrer Freundin, Anto, zu einer maroden Brücke gegangen. Dabei haben sie ihre Baseballschläger, von denen einer im Fluss landet. Die Eisenbahnbrücke ist stillgelegt und das Betreten eigentlich verboten. Doch treffen sie sich hier öfters über der Ruhr. Anto springt hinter dem Baseballschläger hinterher und ist im Fluss verschwunden. Was soll Jara tun? Die Polizei rufen und Hilfe holen? Doch was ist, wenn Anto einen ihrer Scherze macht und wie soll Jara dann die Anwesenheit der Hilfskräfte erklären. Während sie auf der Brücke steht, hadert und mit sich ringt, kommen die Erinnerungen und Szenen der Freundschaft schwirren in ihrem Kopf herum.

Jara traf auf Anto zum ersten Mal beim Fußballspiel. Doch ist Anto eine sehr miese Spielerin und doch durch ihren Eingriff bei einem verletzen Vogel, der bewusst von einem Ball getroffen wurde, übt sie auf die Umstehenden eine Faszination aus. Jara und Anto werden Freundinnen, die oft zusammen abhängen oder um die Häuser ziehen. Sie teilen alles miteinander, ihre Kleidung, Musik, Kosmetik und Zeit. Sie treten wie Schwestern auf und handeln auch meist als solche. Durch das Umfeld müssen sie sich oft wehren und behaupten. Ein Umfeld, das durch Männlichkeit geprägt ist. Von Jungs und Männern. Männer, denen die eigenen Bedürfnisse am wichtigsten sind. Männer, die auf Körper starren. Männer, die jene Angst genießen, die sie verursachen. Jungs, die über ihre Erfolge bei Frauen Wetten abschließen. Diese Männlichkeit ist im Großen und Kleinen überall anwesend. Sei es in der Schule, in Einkaufszentren oder in der Eisdiele, in der Anto arbeitet. Ein Gast gibt ihr stets überzogenes Trinkgeld und Anto fragt sich, was in dessen Kopf vorgeht. Allgemein wächst in den beiden Freundinnen eine enorme Wut. Wut auf den vermeintlichen Besitzanspruch.

Dieser Weg zur Freundschaft und darüber hinaus schwirrt Jara durch den Kopf, als sie nicht weiß, was sie auf der Eisenbahnbrücke tun soll. Es ist der Weg zu einer Schwesternschaft und zu den geplatzten Emotionen, die sie dahin geführt haben, wo sie sind. Doch geht der Weg weiter. Auch nach der Ausgangszene auf der Brücke. Ist es ein gemeinsamer, denn was ist mit Anto wirklich auf der Brücke geschehen? Ein anfänglich gemeinsamer Weg, der durch unterschiedliche Familien, Freunde, Schulen und Bedürfnisse auch über den eigenen Zusammenhalt ins Stolpern gerät.  

Dieser Text erzeugt eine sehr enge Bindung an die Protagonisten und durch die kraftvolle und klangvolle Sprache inhaliert sich das Werk sehr spürbar und schnell. Die Kapitel sind minimalistisch inszeniert und das ganze Buch baut sich gut komponiert zusammen, so dass wir alles mitempfinden dürfen und es bleibende Bilder und Gefühle erzeugt.

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