Katharina Bendixen: „Eine zeitgemäße Form der Liebe“

Auch die Liebe und die Fürsorge durchwandern zeitgemäße Veränderungen. Somit ist wohl nichts unveränderbar. Oder doch? Ist der Mensch immer noch dasselbe Tier und nur die Umstände zerren an uns? Nicht mehr wir werden vom Vorübergehen an den Käfigstäben müde, sondern der Käfig dürfte ermüden. Diesem Käfig entkommen oder benennen die Geschichten von Katharina Bendixen. Es sind Kurzgeschichten, die von Eltern, besonders Müttern, und ihren Kindern erzählen. Die Ängste einer Mama, die nicht immer die von einer Mutter sein müssen. Das Buch beinhaltet klassische Kurzgeschichten, aber auch Alltagstexte, die magisch und surreal werden, Chatgespräche und zukünftige Abituraufgaben. Alles in Bezug zu den Ansprüchen unseres zeitgemäßen Mutterverständnisses. Die Kurzprosa ist sehr unterhaltsam, führt uns unsere Absurditäten vor Augen und ist sehr witzig.

Die Überforderungen des Alltags und die der Mutterschaft werden mit jedem Text aufs Schärfste analysiert. Die etwas längeren Texte werden durch Träume unterbrochen. Träume, die aber auch genauestens die Seelenpein einer Überstrapazierung bebildern. Immer stehen die Liebe, die familiäre Hinwendung und unsere ganzen Widersprüche im Fokus. Sei es bei einer Frau, die bei der Sendungsaufgabe in der Post ihre Kinder verliert, vergisst und erst durch das Einschlafen aufwachen kann. Ein Mädchen, das sich einen Sonnenblumenkern ins Ohr steckt und somit einen verwurzelten Körper mit Blumen aus dem Ohr bekommt. Ein Löwenjunge ist verhaltensauffällig in einer Tagesstätte und durchläuft bürokratische Maßnahmen. Oft eskaliert die Stimmung, die Machbarkeit oder die Kommunikation, wie in einer Eltern-Chatgruppe. Die Träume zeigen Muscheln, die Steine aufnehmen, um daraus Perlen zu erschaffen, die dann ein mütterliches Wechselspiel zwischen den Steinen und dem Weichtier erzeugt. Die Ablenkung beim Zubereiten des Abendbrotes kann ebenfalls folgenreich sein. Der titelgebende Text ist die Rede einer Wissenschaftlerin, die diese bei einem Kongress im Jahr 2055 gehalten hat. Diese Rede handelt von der Depression, die Mütter oder Eltern bekommen könnten. Durch die Überforderung der Eltern hatte die Therapeutin eine zeitgemäße Idee. Eine Mutter sorgt sich stets aus Liebe. Wenn diese Liebe weniger wäre, könnten sich auch die Probleme minimieren. Wir suchen uns ja auch die Wohnung und die Arbeit aus. Sollte diese zu unserem Lebenswandel, Lebensmoment nicht passen, wechseln wir. Warum also nicht auch die Kinder? Ein Kindertausch macht somit aus False-Müttern True-Mütter. Problematisch sind dann die Vatergefühle, falls überhaupt messbar und die der Großeltern, aber dafür werden ebenfalls Lösungen gefunden. Die Menschlichkeit zeigt sich auch in der aktuellen Abschlussprüfung. Die Deutschkenntnisse werden märchenhaft genutzt, um auf die Mutterschaft aufmerksam zu machen. In Gesellschaftskunde dürfen dann auch gerne die Mitschüler denunziert werden. Alle diese bissigen und humorvollen Texte werden umspielt von den Momenten des Aufwachens und Einschlafens, denn die Kinder müssen ja auch wieder rechtzeitig geweckt werden.

Unsere gestresste Welt wird hier witzig und zynisch beobachtet und sehr unterhaltsam in Texte gegossen. Ein irrer Spaß, der nicht nur Eltern gefallen wird. Bendixen spielt mit unserem Chaos im Kopf und entwirrt dieses wieder, wie jene verknoteten Bänder in einer der Geschichten.

Siehe auch Leseschatz-TV mit einer kleinen Lesung:

Zum Buch in unserem Onlineshop

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