Archiv der Kategorie: Erlesenes

Philippe Soupault: „Was blieb von unseren Leidenschaften?“

2024 ist nicht nur das Kafka-Jahr. Der Surrealismus feiert seinen 100. Geburtstag. Die Welt und besonders Paris feiert diese Kunstbewegung. Surrealismus hat das Ziel, sich gegen Traditionen und Normen zu äußern, dies durch Literatur, Malerei, Bildhauerei und Film. Ist der Surrealismus tatsächlich 100 Jahre alt? Die Berechnung legt das im Oktober 1924 veröffentlichte Manifest des französischen Schriftstellers André Breton „Manifest du Surréalisme“ zugrunde. Wie hier im Leseschatz üblich, dürfen die unbekannten, die besonderen Perlen nicht übersehen werden. Denn durch den Blick der Feierlichkeiten geraten Künstler aus dem Augenmerk, die weniger Beachtung fanden, aber bedeutende Wegbereiter waren. Philippe Soupault gehört zu diesen Übersehenen. Denn fünf Jahre vor Bretons Manifest wurde der Surrealismus angedacht. Guillaume Apollinaire, André Breton und Philippe Soupault suchten 1919 nach einer neuen Kunstsprache.

Philippe Soupault wurde am 2. August 1897 in Chaville bei Paris geboren. Über Guillaume Apollinaire lernte er 1917 André Breton kennen und sie wurden die Initiatoren der surrealistischen Bewegung. Philippe Soupault entzog sich später dem Gruppenzwang, um seine Kunst freier gestalten zu können. Vorher schrieb er mit André Breton das bedeutende Werk „Die magnetischen Felder“ (Les Champs magnétiques). Es war ein Experiment. Es sollten die Eindrücke des Krieges und der Gegenwart und die Psychologie eingebunden werden. Das Unbewusste sollte durch die automatische Schreibweise offengelegt werden. Der Text sollte durch das Ausblenden rationaler Überlegungen entstehen und die Geschwindigkeit des Schreibens sollte ganz der Hand überlassen werden. Es wurde ein Schlüsseltext der Moderne, der nun erneut veröffentlicht wurde (zweisprachige Ausgabe). Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ré Soupault.

Fünfzig Jahre nach dem ersten surrealistischen Experiment, fragte Philippe Soupault: „Was blieb von unseren Leidenschaften?“ Er erhielt Besuch von jungen Dichtern, die Fragen stellten. Dadurch geriet Soupault ins Nachdenken und begann zu reflektieren. Seine Sicht ist nun nachzulesen und ist ein historisches Kunstdokument. Es sind die Auswirkungen der Weltereignisse, die jene Kunstbewegungen erzeugte. Am Anfang war DADA. War Dada nur da, weil Dada da war? Eine Bewegung? Kunst, Skandal oder Rebellion? Die Freundschaft zu Tristan Tzara vertiefte seine Kunstauffassung. Soupault beschreibt die Umstände der Zeit. Er erinnert sich an die Weggefährten und an die kreativen Prozesse. Auch an jene, die die Kunst lähmten oder sogar ausnutzten. Daher sein späterer Rückzug aus dem Gruppenzwangsgefühl. Denn die Wegbereiter wurden überrannt, liegengelassen und zuweilen durch Clownerie übermalt. Ein Text über Kunst, Revolte und über die Sehnsucht nach Freiheit und Befreiung. Herausgegeben wurde „Was blieb von unseren Leidenschaften?“ von Manfred Metzner, der mit Christiane Schröter das Vorwort schrieb. Übersetzt wurde Philippe Soupault von Ré Soupault.

Für Literatur- und Kunstbegeisterte sind dies bedeutende Bücher, die nun inhaliert werden können. Das Wunderhorn hat mit beiden Werken erneut eine lesenswerte und bereichernde Fundgrube geöffnet.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Daniel Gräfe: „Wir waren Kometen“

Die Hauptfiguren sind wie Kometen, die durch den Kosmos streifen. Kometen sind Überreste von etwas Verfallenem, etwas Altem, das in Sonnennähe leuchtende Schweife erhält. Die Vergangenheit und die Herkunft bedingen hierbei die Flugbahn. Es ist die Geschichte zweier Liebender, die sich zwar gegenseitig einnehmen, aber nicht ganz öffnen können. Sie trennen sich und ein Anruf erweckt den Wunsch eines Neuanfangs. Dadurch entsteht eine Reise von Berlin, Stuttgart bis ins äußere Ende von Rumänien.

Ein verbindender, grenzübergreifender Roman, der sich wie ein Fluss durch die Handlung windet und dabei viele unterschiedliche Geschichten und Möglichkeiten streift. Daniel Gräfe ist Kultur- und Wirtschaftsredakteur und ist als Journalist bei der Stuttgarter Zeitung tätig. Er arbeitete für soziale Projekte und seine Erzählungen, Reportagen und seine Lyrik wurden mehrfach ausgezeichnet. „Wir waren Kometen“ ist sein Debütroman, in dem er Antworten sucht auf die Fragen, wie sich Diktaturen und Gewalt auf das Private auswirken und wie lange sie nachwirken. Wie verändern Verrat, Politik und Macht das Innerste von menschlichen Beziehungen?

Lukas Brandt arbeitet und lebt in Stuttgart. Er ist Journalist, ist aber für eine Werbeagentur tätig. Der Beruf ist zweckdienlich und Lukas hat die Chance auf Beförderung. Doch erfüllt ihn diese Tätigkeit nicht ganz und es war auch diese Arbeit, die ein Streitthema in seiner Beziehung mit der rumänischen Migrantin Luba Matei war. Luba war in Berlin gestrandet und die beiden haben sich bei einem Einkauf getroffen. Ihr wurde Diebstahl unterstellt und er setzte sich für sie ein und verlangte eine Entschuldigung vom Kaufhausdetektiv. Sie waren beide jung, wurden ein Paar und verbrachten eine schöne Zeit. Sie träumten von einem erfüllten Leben. Beide wollten mit Vergangenem brechen, vertrauten sich aber gegenseitig nichts an. Es blieb vieles unausgesprochen, wie zum Beispiel seine körperliche Narbe und ihre seelischen Verletzungen. Lukas machte gerade ein Praktikum und sie wollte nach Italien. Sobald er beruflich ungebunden wäre, wollte Luba los. Ein anderes Leben voller Sonne. Doch der Wunsch nach Erfüllung und Veränderung steht dem Wunsch nach Sicherheit zuweilen im Weg. So kommt es in der Beziehung zum Bruch.

Zwei Jahre später erhält er einen Anruf von Ihr. Er lässt seine Arbeit liegen und fährt los. Zu einer Freundin, die die Tagebücher von Luba hat. Diese beschreiben ihren Weg, wie sie in Rom ein neues Leben suchte. Sie ist nun wieder unterwegs und zurück nach Rumänien gefahren. Lukas reist ihr nach und eine Irrfahrt durch Europa beginnt. Sein Weg durchstreift diverse Geschichten. Luba und Lukas fordern ihr Glück und hoffen beide, dies weiterhin gemeinsam zu finden. Luba möchte aber mit ihrer Vergangenheit abschließen. Ihr Geheimnis liegt in der Kindheit während des Ceaușescu-Regimes.

Ein ergreifender, spannender und poetischer Roman, der durch den Sog, den er erzeugt, die Tiefgründigkeit der Charaktere freilegt. Die Sprache, die Orte und die Handlung erinnern an die wunderbaren Werke von Iris Wolff und „Wir waren Kometen“ steht fortan gleichberechtigt neben diesen. Es geht um die Sehnsucht nach Freiheit, nach Liebe und die Suche nach einem erfüllten und besseren Leben. Ein großartiger Debütroman.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Una Mannion: „Sag mir, was ich bin“

Ein großartig erzählter Roman, der eine enorme Spannung aufbaut, sehr psychologisch durchdacht ist und sich um Manipulation und Wahrnehmung dreht. Der Titel deutet den Inhalt an, denn es geht um die Suche nach der Herkunft und der Widerstandskraft und tiefe familiäre Verbundenheit. Denn nicht alles, was den Schein erweckt, es würde aus Liebe gemacht, ist wirklich der Hingabe entsprungen. Hierbei geht es um die Bereitschaft das eigene Wohl über alles andere zu stellen und sich der Gewalt und toxischer Kontrolle zu bedienen. Es ist eine junge Frau, die nach ihrer Identität sucht und Unterstützung von ihrer Tante erfährt, die nicht aufgibt, sie zu finden, zu retten und den Entsprechenden zur Verantwortung zu ziehen.

Die Handlung springt in den Perspektiven und im Zeitstrahl. Zwei Schwestern, Deena und Nessa Garvey, gehen auf ein Kostümfest in Philadelphia und lernen Lucas kennen. Lucas fällt Nessa negativ auf und doch scheint ihre Schwester in ihm etwas zu sehen und sie werden ein Paar, ziehen zusammen und bekommen eine Tochter, Ruby.

Jahre später hat Deena sich von Lucas getrennt und ist mit ihrer Schwester zusammengezogen. An einem Tag, an dem Ruby bei ihrem Vater ist, verschwindet Deena spurlos. Für Nessa bricht eine Welt zusammen und sie möchte anstelle ihrer Schwester Ruby abholen. Beim üblichen Treffpunkt übergibt Lucas Ruby aber nicht, weil er seine Tochter nur Deena anvertrauen würde. Er untersagt Nessa sogar den weiteren Kontakt und nimmt Ruby mit nach Vermont. Nessa hält Lucas für den Mörder von Deena und setzt alles daran, Gerechtigkeit zu erlangen und Ruby zu befreien.

In Vermont, in der ländlichen Abgeschiedenheit der Inseln im Lake Champlain wächst Ruby auf. Ihr Vater bringt ihr das Fischen und Jagen bei. Sie ist verantwortlich für die Hühner und lernt als Kleinkind ihren Vater zu lesen, seine Stimmungen einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten. Dann wird die Schule auf sie aufmerksam und sie muss diese fortan besuchen. Es zeigt sich, dass sie eine gute Schülerin ist und sich gut in der Natur auskennt. Besonders auffällig wird sie bei einem Schulprojekt, wo sie ihr Pilzwissen einbringen kann. Beängstigend wird es nur für die Lehrkörper, weil der Vater es zulässt, dass sie einen hochgiftigen Pilz mit zum Unterricht bringt. Lucas verhindert den Kontakt zu Nessa, die versucht Ruby anzuschreiben. Ruby hat keine Erinnerungen mehr an ihre Zeit in Philadelphia. Doch dann fällt ihr ein Foto ihrer Mutter in die Hände. Es ist eine Botschaft ihrer Tante. Die Nachricht und das Foto versucht Ruby zu bewahren und sie beginnt, die Geschichten ihres Vaters zu hinterfragen und möchte wissen, wer sie ist.

Lucas ist manipulierend und er möchte alles kontrollieren. Er nutzte stets Deenas psychische Krankheit aus und hält Ruby davon ab, ihre Herkunft zu ergründen. Er versucht, Ruby vom Internet und den tatsächlichen Ereignissen fernzuhalten.

Ein fesselnder Roman, der sehr vielschichtig ist und ein psychologisches Panorama entwirft. Der Wechsel der Perspektiven und die zeitlichen Sprünge erzeugen eine steigernde Spannung. Der Roman fängt leise und zart an. Immer deutlicher werden dann die kleinen Risse, die sich immer weiter öffnen und somit das ganze Bild der Geschichte aufbauen. Ein eindringlicher Roman, der aus dem Englischen von Tanja Handels übersetzt wurde.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Christel Buschmann: „Ein glühend heißer Nachmittag“

Ein Debütroman, der uns vom Text besessen macht. Das Buch ist sehr kurzweilig und lässt unseren Verstand Purzelbäume schlagen. Beschrieben werden wenige Tage, die dann unsere ganze aktuelle Zeit einfangen. Die Protagonistin flüchtet sich in Musik und kapselt sich von der Realität ab. Was sie hört, beeinflusst ihre Wahrnehmung und ihre Sicht beeinflusst wiederum den Wunsch nach dem nächsten Song oder der entsprechenden Playlist. Der Text spielt mit Eventualitäten. Mit Dingen, die uns beständig passieren könnten. Dinge, die lebensbedrohlich sein könnten, wie einst Nick Cave  bereits in seinen „Murder Ballads“ besang. Hier tanzt Matilda einen Walzer mit Jim Morrison und wir steigen ein in das gläserne Schiff.

Ihr Mann macht eine Geschäftsreise nach Mexico City und sie fährt mit. Drei Tage wird er Geschäftliches zu tun haben. Zeit, die sie nutzen möchte, um die Kultur auf sich wirken zu lassen. Doch bereits bei der Ankunft wird ihr Blick durch einen roten Schriftzug abgelenkt und ihre Vorstellungkraft sprudelt über. Ihr Verstand vagabundiert durch ihre Ängste, Sehnsüchte und verfängt sich beständig im Sprachsinn der Wörter. Liebe, Hingabe und Tod werden zu ihren gedanklichen Begleitern. Sie träumt und denkt, was alles sein könnte. Ihr Begehren und ihre Befürchtungen lenken sie und lassen sie sich fühlen, wie es wäre, verrückt zu werden. Es ist der Bericht einer daueralarmierten jungen Frau, die mit uns zwischen Tragödie und Komödie wandelt.

Christel Buschmann studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie. Sie ist Literaturkritikerin und Kulturjournalistin. Seit 1975 hat sie als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin viele Filme gemacht. Jetzt hat sie ihren ersten Roman realisiert, der sehr cineastisch und musikalisch ist.

Es sind ganz kurze Kapitel, kurze Momentaufnahmen. Matilda taumelt durch die Flughafenhalle, Mexico City und durch ihre Gedanken. Ahnungen breiten sich aus, was wenn das Flugzeug abstürzt, was, wenn ein Amokläufer auftaucht? Sie greift nach der Hand ihres Mannes und fasst ins Leere und fällt. Schreckensbilder lassen sie nicht mehr los. Ein Bericht unserer fiebrigen, nervösen Gegenwart. Eine belesene Frau, die keine Grenzen zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit zieht. Sie liest „Tod in den Tropen“ und dies erklärt den Titel: „Es ist zwanzig nach vier und ein glühend heißer Nachmittag …“. In Gedanken ereilt sie eine Katastrophe nach der anderen. Sie trifft dann auf einen Fremden, den sie begehrt. Es sind drei Tage und Nächte, die sie zwischen Wahn, Verlangen und Wirklichkeit wandeln lassen.

Ein Liebesroman, ein Thriller und ein aufregendes Werk das uns staunen und innehalten lässt. Es besteht tatsächlich die Gefahr, alles anderes zu sehen, zu erleben und ständig neue Ohrwürmer zu erhalten. Denn das Buch ist voller musikalischer Anspielungen und sehr musikalisch und textsicher formuliert.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Jackie Thomae: „Glück“

Jackie Thomae erweitert mit ihrem dritten Roman den Kosmos um ihr Debüt „Momente der Klarheit“. Denn erneut sind es Menschen, die sich vom Leben nicht angenommen empfinden und Momente erleben, die sie reflektieren lassen. Die agierenden Figuren sind Frauen, die durch ihren Kinderwunsch getrieben werden. Es sind Frauen in gut gestellten Lebensbedingungen, die ihre persönliche Bestimmung mit Mutterglück gleichsetzen. Dabei stehen sie dann auch vor der Entscheidung, ob sie ihrer Familienplanung überhaupt nachkommen können und ob das Glück wirklich nur als Mutter greifbar wird.

Jackie Thomae erzählt chronologisch und episodenhaft. Sie verwebt sehr unterhaltsam alle wichtigen Aspekte zu diesen Themen. Die gesellschaftliche Einsamkeit und die beruflichen Herausforderungen, die dem Mutterglück im Wege stehen könnten. Es sind verschiedene Perspektiven. Die Hauptfiguren leben in Berlin und sind in der Politik und in der Medienwelt aktiv. Sie treffen einander bei einem Interview und dabei wird auch die Kinderfrage gestellt. Eine Frage, die ausschließlich Frauen gestellt wird. Das familiäre Umfeld ist in der gesellschaftlichen Akzeptanz immer noch bedeutend für das individuelle Profil. Durch die Frage wird eine Wunde ersichtlich, die schon lange in den hier beschriebenen Frauen aufgerissen ist.

Marie-Claire, die sich meist nur MC nennt und als Moderatorin tätig ist, bekommt von ihrer Frauenärztin gesagt, sie hätte ja ein Vierteljahrhundert Zeit gehabt, den richtigen Partner zu finden und Kinder zu bekommen. Körperlich steht dem Kinderwunsch noch nichts im Wege. Aber hat sie für ihren Lebenswunsch die Deadline bald überschritten? Anahita ist Senatorin und hat weitere größere politische Ziele. In ihre politische Kompetenz fällt auch die Familie. Sie sehnt sich selbst nach Kindern, fragt sich aber, ob die Mutterschaft tatsächlich die Kernkompetenz der Frau sein muss.

Die Kinderfrage wird aus vielen Blickwinkeln behandelt. Auch die der Abtreibung. Jackie Thomae baut den Roman klug und unterhaltsam auf. Dabei ist der Text besonnen und bewegend. Die medizinische Sicht, die gesellschaftliche und sogar eine spirituelle Sichtweise tauchen auf. Denn eine fragwürdige Meisterin leitet einen Kinderwunsch-Retreat am Mittelmeer. Dorthin verschlägt es die Radio-Moderatorin, weil sie mit der Leiterin befreundet ist. Aber diese hat ebenfalls eine Lebenslüge und verwandelt ihre Selbstreflektion in eine Therapie für Kinderlose. Dabei sind dann nicht nur Frauen, sondern auch Männer, die diese Leere empfinden.

Ist das weibliche Glück mit der Fortpflanzung verbunden? Was ist das menschliche Glück überhaupt? Der Werdegang von Frauen in vielen Bereichen ist ganz anders als der männliche Weg. Dabei werden viele Aspekte übersehen, falsch verstanden oder einfach vorausgesetzt. Der Roman verwandelt sich leicht im zweiten Teil. Denn eine neuartige Pille ist erschienen, die die Menopause verhindert. Wird das Mutterglück nun durch Kapitalismus gesteuert? Was bedeuten die Begriffe Mutter, Glück und Identität?  

Jackie Thomae schreibt voller Empathie und Wissen und verwandelt dies in eine gute Geschichte. Die Erzählstränge verlaufen als Tangente oder als Sekante und die Haupt- und Nebenfiguren erhalten mit ihren Perspektiven entsprechenden Raum. Hier werden schwierige Themen unterhaltsam verpackt und durch die unterschiedlichen Figuren leicht verständlich eingeführt. Der Roman funktioniert wie eine gute Serie, die durch die Charaktere die Zuschauer an sich bindet.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Gaetano Altopiano: „Von der Freiheit des Huhns zu picken“

Eine Sammlung an Texten, die unseren Blick auf die Welt verschieben, formen und vertiefen. Denn Literatur und Kultur sind die Stützpfeiler unserer Identität. Literatur und Kunst können provozieren, bestärken und zum Nachdenken anregen. Literatur vermittelt Wissen durch Emotion und Empathie. Die Sprache ist dabei die Grundlage der Stützpfeiler, die wiederum ein Bauteil sind, die dann Brücken werden. Brücken verbinden und sollten dort gebaut werden, wo es sonst Abgründe gäbe. Somit darf Literatur uns auch herausfordern, anpicken und uns über uns selbst lachen lehren.

Gaetano Altopiano wurde auf Sizilien geboren, lebt und arbeitet dort. Er ist ein Poet und Autor. Er schreibt für diverse italienische Zeitungen und hat bereits einige Bücher veröffentlicht. Die neue Publikation wurde aus dem Italienischen von Monika Lustig und Elvira M. Gross übersetzt.

Das dünne Werk „Von der Freiheit des Huhns zu picken“ ist voller Miniaturen. Diese Kurztexte und Sätze sind so sehr komprimiert, dass sie sich in uns verzahnen und die Gedanken neu ordnen. Die Inhaltsangabe und der Umfang stehen auf den ersten Blick im Widerspruch. Auch die Themenvielfalt beeindruckt durch den Umfang und alles wird erfasst. Gaetano Altopiano schreibt schelmisch und tiefgründig. Er will durch Positionswechsel die Blicke verändern und uns zum Neudurchdringen drängen. Dabei flunkert er, philosophiert oder untersucht von weisen Menschen Vorgedachtes mit eigenen Gedanken.

Ist das Huhn frei? Frei in unserer Präsenz und der Ausnutzung? Ist es dem Huhn egal, wo es picken kann oder eigentlich nur darf? Der Zeitgeist ist geprägt durch die Glorifizierung des Internets und des allgemeinen Fortschritts. Wo ist der Mensch, wenn der technologische Fortschritt den moralisch-intellektuellen bereits überholt hat? Hat unser Fortschritt uns zurückschreiten lassen? Damit beginnt das Buch und es beginnt gleich damit bei uns und bildet Konstrukte in uns, die uns innehalten lassen. Gaetano Altopiano sucht nach wahren und falschen Sätzen. Er verweilt mit uns in der Stunde, die keine Schatten wirft und erzeugt einen Klang, der sich im Resonanzraum unseres Kopfes ausbreitet. Er betrachtet Wissenschaften und zum Beispiel nicht existierende Zahlen. Dabei werden die Episoden zuweilen mit Pointen versehen, wie in Witzen üblich. Eine Sammlung an Alltäglichem, dem die Kultur zugeführt wird, die uns ausmacht. Die Texte spielen mit Gesetzen der Natur und der Gesellschaft und jonglieren sprachlich mit ökologischer-, philosophischer- und Kunsttheorie. Kultur- und Wissenschaftswelten werden zu Literatur. Gaetano Altopiano will nicht gefallen, er richtet sich nicht nach den gesellschaftlichen Normen.

Ein Büchlein voller Anspielungen, die uns anspielen. Wir hören dem Autor zu, nehmen es an oder nicht und stellen dann unsere eigenen Fragen. Der Witz steht neben der Ernsthaftigkeit und beide tanzen oder streiten dann miteinander, wie man es halt als Mensch so mag.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Domenico Müllensiefen: „Schnall dich an, es geht los“

Der Titel kann wörtlich genommen werden, denn das Buch nimmt einen gänzlich gefangen. Die Charaktere und der authentische Sprachklang saugen uns mitten hinein ins Nichts, in die Tristesse, in den Schmerz, die Hoffnungslosigkeit, die Hoffnung und die Liebe. Es geht um nichts weniger als das ganze Leben. Ein epischer Roman, der literarisch alles bis zum Ende durchhält. Den Spannungsbogen durch die klug komponierten Erzählebenen und die Sprache, die sich dem Umfeld anpasst. Nichts wirkt dabei gekünstelt und gerade dadurch werden die Charaktere, die keinen großen Aufbau erhalten, sehr  groß und lebendig. Sie erleben ihren Alltag und schauen auf das Vergangene mit einem Hoffnungsschimmer auf das Kommende. Die Dialoge wirken den echten Leben entsprungen und gerade durch das Vokabular und die Weltsicht charakterisieren sich die Figuren.

Die Romanlandschaft besteht aus einer Kleinstadtkulisse mit maroden Häusern, einfachen und leerstehenden Läden und dem Imbiss. Der fiktive Ort Jeetzenbeck ist in Sachsen-Anhalt in der Nähe von Magdeburg. Nach der Wende hat sich vieles verändert und die Menschen wirken vergessen. Viele meinen, dass die guten Zeiten vorbei sind, sofern diese überhaupt stattgefunden haben. Früher begann hier die Freiheit. Es war eine wichtige Station in die weite Welt, nach Amerika. Diese Verbindung gibt es nicht mehr und auch die noch bestehende Zugverbindung in die Stadt soll eingestellt werden. Marcel lebt hier seit seiner Geburt und arbeitet in einer Dönerbude, die so nicht genannt werden soll. Der Imbiss mit Drehspieß steht am Bahnhof und es sind meist dieselben Gäste anzutreffen. Freunde aus alten Tagen und deren Kinder, die nach der Schule Pommes schnorren. Marcels Emotionen und Gedanken sind mit seiner Vergangenheit verwurzelt. Er träumt von bessren Tagen. Seine Familie war nicht heil, sie funktionierte eigentlich nur. Durch die alltäglichen Probleme waren die Eltern nicht fokussiert. Marcel war zum Beispiel das Kind ohne Schultüte auf der Einschulungsfeier, weil seine Eltern diese im liegengebliebenen Auto vergessen hatten. An diesem Tag wird die Mutter seiner großen Liebe, Steffi, seine Klassenlehrerin. Eine Liebe, die zart beginnt, mit Händchenhalten und dann in späteren Jahren abrupt beendet wurde. Steffi ist weggegangen. Viele Jahre später steht Marcel verträumt in seinem Imbiss. Viel Bier und der Fußball sind sein Lebensanker. Er vermisst seine Schwester, die mit ihrem Wagen gegen eine Mauer gefahren ist. Warum ist sie gestorben und warum ist Steffi weg?

Bei einem Stadionspiel seines Vereins, der 1. FC Magdeburg, das von Marcel und seinen Freunde bierverschwommen genossen wird, meint er plötzlich Steffi wieder gesehen zu haben. Dann, auf dem Friedhof, am Grab seiner Schwester, steht sie tatsächlich vor ihm. Mit ihren roten Haaren, der traurigen Wut und dem verzaubernden Lächeln.

Erzählt wird in zwei Zeitebenen, die sich abwechseln. Die Handlung baut den Zerfall des Ortes auf und platziert in diese ihre Figuren. Es ist eine Männerperspektive mit dem Wunsch, die komplexe Welt einfach verstehen zu können. Das Buch ist enorm lebendig und detailverliebt. Der vergessene Osten als Schauplatz mit vielen Lebensfragen. Das Verschwinden von Steffi, die Ausweglosigkeit, die für die Schwester mit dem Tod endete und doch die Hoffnung, die am Biertresen heruntergespült wird. Die flotten und schnoddrigen Dialoge stehen einer emotionalen Feinfühligkeit gegenüber und die Handlung verwebt sich immer dichter und wir verfangen uns gerne darin und kommen bis zum Ende nicht mehr los.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Anšlavs Eglītis: „Schwäbisches Capriccio“

Den Begriff Capriccio kennen wir aus der Kunst, hauptsächlich aus der Musik. Es ist eine launische oder scherzhafte Übertreibung. Diese Kunstform stülpt nun Anšlavs Eglītis über Schwaben, wo er seinen Protagonisten, Pēteris Drusts, stranden lässt. Es ist ein tragisch-komischer Episodenroman, der Verbindungen zum Erlebten von Anšlavs Eglītis herstellt.

Anšlavs Eglītis nutzte seine eigene Geschichte als Vorlage für den Roman. 1906 wurde er in einem künstlerischen Umfeld in Riga geboren. Er und seine Frau Veronika Janelsiņa, eine Künstlerin, flohen 1944 vor der der Roten Armee nach Deutschland. 1952 emigrierten sie weiter in die Vereinigten Staaten. Seine Zeit in Deutschland dient als Vorlage für diesen bitteren, aber auch sehr humorvollen Roman, der sich durch seine Episoden zu einem gesellschaftlichen Panorama aufbaut.

Pēteris Drusts, flieht, im Gegensatz zu dem Autor, allein. Aus dem ausgebombten Berlin reist der lettische Flüchtling weiter mit der Bahn. Nach einer längeren Zugfahrt, die aus endlosem Warten, überfüllten Waggons und langen Nächten bestand, hat der Zug die größeren Städte hinter sich gelassen. Aus einem unbestimmten Impuls stolpert er an einer Station aus der Bahn und nimmt einen kleineren Zug am Gleis gegenüber und steigt mitten in der Nacht spontan in der Ortschaft Pfifferlingen auf der Schwäbischen Alb aus. Ein Gespräch hat ihn veranlasst zu überdenken, wo er mitten in der kalten Nacht bleiben soll. Ihm werden drei Herbergen genannt, aus denen er eine aus Sympathie zum Namen erwählt. Das Dorf scheint in einer anderen Zeit verweilt zu haben. Doch die Betrachtungen bleiben nicht konstant, denn das Dörfliche hat in dem Roman ab und zu etwas Industrielles zu bieten. Der Name ist ganz fiktiv und stellt nur die Kulisse für die literarische Studie dar. Eigentlich wollte er hier nur Tage bleiben und es werden Jahre. Die Menschen erscheinen anfänglich aus seiner Sicht konturlos zu sein. Er stellt am Anfang beschämt fest, dass er nicht mit einem Mann, sondern mit einer Frau gesprochen hatte. Alle sehen ähnlich aus und die Nachnamen sind auf wenige begrenzt. Es kennen sich alle, mal mehr oder weniger gut, sobald man die Tätigkeit des Mannes erfährt. Pēteris Drusts lebt sich ein, kann am Anfang auch die Menschen für sich gewinnen. Zum Beispiel auch den Bürgermeister für den Erhalt der Essensmarken oder der Aufenthaltsgenehmigung. Das Dorf spiegelt in den aufeinanderfolgenden Episoden das ganze menschliche Miteinander auf skurrile Weise. Es gibt die Gier, den Eigennutz und die schwäbische Abscheu gegen Verschwendung. Geheizt wird zum Beispiel nicht und somit zeigt sich beim Atmen und Sprechen in den Stuben der weiße Dampf. Der Umgang mit der Nazizeit und das Leben während der Nachkriegszeit werden im Roman menschlich und dörflich betrachtet und zu einem unterhaltsamen Capriccio verwandelt.

Eine wunderbarer Schatz, den Sebastian Guggolz hiermit verlegt hat. Auch die Entstehungsgeschichte der Übersetzung ist spannend. Diese ist im sehr lesenswerten Nachwort von Berthold Forssman zu lesen, der das Werk aus dem Lettischen übersetzt hat.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Jake Lamar: „Das schwarze Chamäleon“

Der Roman von Jake Lamar ist selbst ein Chamäleon. Er ist ein Campusroman mit einer Krimi-Handlung und ein Werk voller politischer und gesellschaftlicher Brisanz. Ein enorm spannendes Buch, das die Merkmale eines klassischen Whodunnit beinhaltet, aber weit darüber hinaus geht und sogar Züge einer satirischen Komödie besitzt. Die Originalausgabe („If 6 Were 9“) ist bereits 2001 in New York erschienen. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen wurde es von dem Autor Robert Brack.

Der Erzähler ist Clay Robinette. Er ist Dozent für Journalistik, beziehungsweise für „Creative-Non-Fiction“. Er war länger selbst als Reporter tätig, ist dann aber in Ungnade gefallen, weil er seine Artikel mit gefälschten Zitaten versehen hatte. Die Universität wird von einem neuen Präsidenten geleitet, der das Lehren wirtschaftlich betrachtet. Nachfrage und Angebot formen den Lehrplan. Und Clay, der viel Aufsehen erregte, ist somit an den Beruf des Dozenten gekommen. Er ist verheiratet, liebt seine Frau, ist aber dennoch keine treue Seele.

Eines Nachts, als seine Frau tief schläft, erhält er die Nachricht eines Professorenkollegen, Reggie Brogus, etwas sei in dessen Büro passiert und er benötige Unterstützung. Reggie ist ein sehr wandelbarer Mensch und hat sich nicht überall beliebt gemacht. Clay vermutet, dass jemand im Büro des ehemaligen Black Panthers Drogen deponiert hat, um Reggie Brogus aus dem Weg zu räumen. Reggie ist Dozent an der neugegründeten Fakultät „Afrikaamerika“. Sein Werdegang ist aber fragwürdig. Seine damalige Buchveröffentlichung forderte die Schwarzen auf, auch als solche zu leben oder zu sterben. Sie hätten auch das Recht, Weiße zu töten oder sogar zu vergewaltigen. Er wurde damals sogar wegen Waffenbesitzes vor Gericht gestellt, wurde aber, weil der Richter sich ihm gegenüber rassistisch verhalten hat, freigesprochen. Jahre später ist dieser Reggie an der Uni tätig und die menschliche Farbe rückt aus der Betrachtung seines Lebenskampfes. Er bleibt aber politisch aktiv, folgt jedoch mehr der Macht des Geldes. 

Im Büro liegen keine Drogen, sondern eine Leiche, stranguliert mit einem Hosenträger von Reggie. Es ist eine weiße, junge Frau. Die Studentin Jennifer Wolfshiem. Reggie vermutet, das FBI steckt dahinter, weil er Belege hat, die anzeigen, was wirklich am Tag der Ermordung von Martin Luther King passierte. Er behauptet, nichts mit dem Mord zu tun zu haben und will sich im Untergrund verstecken, weil keiner ihm Glauben schenken würde. Clay hilft ihm bei seiner panischen Flucht. Seitdem ist auch Clay in den Tatvorgang involviert. Als Mittäter bei der Flucht und beim Tatortbesuch. Schwerwiegender ist wohl seine Affäre mit der Ermordeten, die er als Seeräuber-Jenny kannte. Sollte dies bekannt werden, würde er neben Reggie Brogus ebenfalls zum Hauptverdächtigen werden. Dennoch wittert er in der Story seine Chance, wieder als Journalist tätig werden zu können und beginnt zu schreiben. Er taucht ein in die ganze Geschichte und fragt sich immer mehr, was wirklich passiert ist. Wer kann wem trauen? Kann Clay, der sein Vertrauen gegenüber seiner Frau und den Kindern verspielt hat, der Polizei, den Behörden und besonders seinem untergetauchten Professorkollegen trauen?

Ein Mord als Auftakt, der dann in die dunklen Winkel der amerikanischen Geschichte eindringt. Ein Roman, der mit der Vergangenheit spielt, wiedergefunden wurde und unsere Gegenwart miteinbezieht. Toll geschrieben und elektrisierend wie ein Hendrix-Song, auf den der Originaltitel hinweist.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Christine Lehmann: „Alles nicht echt“

In diesem sehr kurzweiligen Roman werden wir in die Handlung geworfen und stehen sofort in den Schlaglichtern der Medienwelt und den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Verkettungen. „Alles nicht echt“ fragt durch die Zeilen, was denn nun wirklich echt ist und lässt uns nach der Lektüre bestimmt stets etwas anders hinhören. Im Mittelpunkt steht das Radio mit der Fragestellung, was wollen oder sollen wir hören? 

Dabei sollen die Öffentlich-Rechtlichen nicht pauschalisiert werden. Doch die Medienlandschaft muss sich die Fragen stellen lassen, ob sie befangen, einseitig oder zu kalkuliert ihre Berichte verfasst. Kultur verschwindet immer mehr und die Gewichtung der Themen kann niemals gänzlich unbefangen oder neutral besprochen werden. Berichte und Artikel werden von Menschen mit einer freien oder dem Sender zuträglichen Meinung gemacht. Ferner gibt es noch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit und den Zuwendungen der Anzeigenkunden. Gerade in diesen Zeiten, wo jeder seine Aussagen, unabhängig davon, ob eine Meinung oder das dazugehörige Wissen vorhanden ist oder nicht, lauthals in die Welt senden kann und eine Rumpelpumpelkultur sich ausbreitet, ist dieser Roman eine gute Gelegenheit, sich auf unterhaltsame Weise hinter die Kulissen zu begeben.

Christine Lehmann schreibt mit Charme und Witz. Es ist ein weiterer Band der Lisa Nerz Reihe, der aber ohne Vorkenntnisse der anderen Bücher gelesen werden kann. Die Bücher machen Spaß, sind pfiffig und haben etwas dezent Düsteres. Wir lernen durch diese Bücher unsere Welt etwas besser kennen. Lisa Nerz ist Journalistin und eine außergewöhnliche Frau in der Krimiwelt. Sie ist eine Feministin, die fahrradfahrend ermittelt.

Der neue Auftrag platziert sie in der Nachrichtenredaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders. Sie wird nicht mit offenen Armen empfangen und ihr wird gleich von der Geschäftsleitung mit sehr maskuliner Körperhaltung deutlich gemacht, dass sie es dort nicht lange aushalten wird. Dies stört sie nicht, denn sie hat eine ganz bestimme Aufgabe. Als Undercover soll sie einem Datenleck nachgehen. Einen Hacker-Angriff hatte es nicht gegeben und der Datenklau führt direkt in das Funkhaus. Lisa fällt dabei auch der enorme Sendeplatz auf, der einer Populistin für ihre halbgaren Wahrheiten gewährt wird. Der Fall spielt sich hauptsächlich im Sender ab und beinhaltet, wie für einen Krimi auch üblich, eine Leiche. Es entsteht ein Spiel um die Suche nach Wahrheiten.

Ein humorvoller, schnittiger und ungewöhnlich geschriebener Kriminalroman. Unterschiedliche Stilelemente vermischen sich mit der versteckten Ernsthaftigkeit und den feinen Pointen. Die Leichtigkeit verbirgt das mögliche Übel der Gesellschaft. Ein wendiger Roman, der gute Laune zu schlechten Zeiten macht.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes