
Der Roman von Jake Lamar ist selbst ein Chamäleon. Er ist ein Campusroman mit einer Krimi-Handlung und ein Werk voller politischer und gesellschaftlicher Brisanz. Ein enorm spannendes Buch, das die Merkmale eines klassischen Whodunnit beinhaltet, aber weit darüber hinaus geht und sogar Züge einer satirischen Komödie besitzt. Die Originalausgabe („If 6 Were 9“) ist bereits 2001 in New York erschienen. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen wurde es von dem Autor Robert Brack.
Der Erzähler ist Clay Robinette. Er ist Dozent für Journalistik, beziehungsweise für „Creative-Non-Fiction“. Er war länger selbst als Reporter tätig, ist dann aber in Ungnade gefallen, weil er seine Artikel mit gefälschten Zitaten versehen hatte. Die Universität wird von einem neuen Präsidenten geleitet, der das Lehren wirtschaftlich betrachtet. Nachfrage und Angebot formen den Lehrplan. Und Clay, der viel Aufsehen erregte, ist somit an den Beruf des Dozenten gekommen. Er ist verheiratet, liebt seine Frau, ist aber dennoch keine treue Seele.
Eines Nachts, als seine Frau tief schläft, erhält er die Nachricht eines Professorenkollegen, Reggie Brogus, etwas sei in dessen Büro passiert und er benötige Unterstützung. Reggie ist ein sehr wandelbarer Mensch und hat sich nicht überall beliebt gemacht. Clay vermutet, dass jemand im Büro des ehemaligen Black Panthers Drogen deponiert hat, um Reggie Brogus aus dem Weg zu räumen. Reggie ist Dozent an der neugegründeten Fakultät „Afrikaamerika“. Sein Werdegang ist aber fragwürdig. Seine damalige Buchveröffentlichung forderte die Schwarzen auf, auch als solche zu leben oder zu sterben. Sie hätten auch das Recht, Weiße zu töten oder sogar zu vergewaltigen. Er wurde damals sogar wegen Waffenbesitzes vor Gericht gestellt, wurde aber, weil der Richter sich ihm gegenüber rassistisch verhalten hat, freigesprochen. Jahre später ist dieser Reggie an der Uni tätig und die menschliche Farbe rückt aus der Betrachtung seines Lebenskampfes. Er bleibt aber politisch aktiv, folgt jedoch mehr der Macht des Geldes.
Im Büro liegen keine Drogen, sondern eine Leiche, stranguliert mit einem Hosenträger von Reggie. Es ist eine weiße, junge Frau. Die Studentin Jennifer Wolfshiem. Reggie vermutet, das FBI steckt dahinter, weil er Belege hat, die anzeigen, was wirklich am Tag der Ermordung von Martin Luther King passierte. Er behauptet, nichts mit dem Mord zu tun zu haben und will sich im Untergrund verstecken, weil keiner ihm Glauben schenken würde. Clay hilft ihm bei seiner panischen Flucht. Seitdem ist auch Clay in den Tatvorgang involviert. Als Mittäter bei der Flucht und beim Tatortbesuch. Schwerwiegender ist wohl seine Affäre mit der Ermordeten, die er als Seeräuber-Jenny kannte. Sollte dies bekannt werden, würde er neben Reggie Brogus ebenfalls zum Hauptverdächtigen werden. Dennoch wittert er in der Story seine Chance, wieder als Journalist tätig werden zu können und beginnt zu schreiben. Er taucht ein in die ganze Geschichte und fragt sich immer mehr, was wirklich passiert ist. Wer kann wem trauen? Kann Clay, der sein Vertrauen gegenüber seiner Frau und den Kindern verspielt hat, der Polizei, den Behörden und besonders seinem untergetauchten Professorkollegen trauen?
Ein Mord als Auftakt, der dann in die dunklen Winkel der amerikanischen Geschichte eindringt. Ein Roman, der mit der Vergangenheit spielt, wiedergefunden wurde und unsere Gegenwart miteinbezieht. Toll geschrieben und elektrisierend wie ein Hendrix-Song, auf den der Originaltitel hinweist.
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