Archiv der Kategorie: Erlesenes

Matias Riikonen: „Matara“

Der Anfang wiederholt sich mit jedem Kapitel. Zwei Jungs auf der Pirsch. Sie schleichen sich an einer Grenze entlang, beobachten, suchen und bemühen sich keinen Laut zu machen. Der Schritt immer ganz bedacht gesetzt und die Aufgabe wirkt wie Kinderspiel. Sie sind mit Holzschwertern bewaffnet. Ein Reich gilt es zu schützen. Mit jedem Schritt führen uns die Kinder, der große und der kleine Bruder, in „Matara“ ein.

Ein naives Kinderspiel in den sommerlichen Wäldern von Finnland. Doch kippt die Naivität. Denn was in uns Menschen ist, schlummert bereits in Kinderseelen. Matias Riikonen beschreibt in einer enormen Fülle und lässt die Natur aus den Zeilen wachsen. Natur und Kinderspiel könnten eine sorgenfreie, schöne Zeit suggerieren. Erwachsene gibt es nicht in Matara und es ist auch streng verboten über alles, was außerhalb liegt, zu reden. Matara ist ein Staat, geboren aus der Phantasie und doch ungemein real. Die scheinbare Welt spiegelt innerhalb der erdachten Grenzen doch die unsere. Denn ist nicht alles, was Kinder oder Erwachsen tun, stets aus der Imagination und dem Glauben daran entstanden? Frieden nur ein Wunsch, Grenzen nur eine Linie und Menschlichkeit hört beim Abgrenzen auf. Gibt es eine innere und eine äußere Welt, die sich unterscheiden? Solange wir Menschen sind wohl kaum und die Grenzen werden zu semipermeablen Membranen.

Jeder hat auch in diesem Staat seine Aufgabe. Wenige sind die Herrscher. Doch gibt es auch einen Senat und eine Ahnung von jeglicher Mitbestimmung. Andere sind Krieger oder Grenzgänger, wie die beiden Brüder, die stets namenlos bleiben. Sie spielen und machen doch Ernst und kopieren, wie so oft, die alten Römer und rufen dabei „Ave Matara“. Auch der Name, Matara, ist im Lateinischen ein Wurfspieß. Umhänge, Staatenaufbau unterliegt alles dem antiken Vorbild. Doch spielt es sich hier mitten in den finnischen Wäldern ab. Die Natur übernimmt eine große Rolle in dieser Partie. Die Brüder laufen lautlos, mit geübtem Fußabrollen durch das Gewächs. Dabei spüren sie auf. Kundschaften, denn was außerhalb liegt ist feindlich. So kommt es auch zu Kämpfen und Sklaven werden gemacht. Spielgeld wird ebenfalls eingeführt und somit auch die Verschuldung ermöglicht.

Ein Kinderspiel wird erwachsen. Erhebt sich aus der Harmonie und Naivität. Ein Spiel, das wir Menschen schon immer zu spielen bereit sind. Matara ist dabei nur ein wunderbares Bild. Ein Bild innerhalb von natürlicher Schönheit und Fülle. Doch mit den Gesetzen, besonders jenen der Abgrenzung und der Verpflichtung, niemals von dem zu sprechen, was außerhalb von Matara passiert, verändert sich das harmonische Bild des Kindlichen. Die Wildnis der Natur steht der inneren Wildnis gleichberechtigt gegenüber. Kinderphantasie lässt Staaten bauen, ergründen und verteidigen. Auch wenn das Schwerterklingen hölzern ist, hat es etwas Bedrohliches. 

Eine Reise gesehen durch Kindesaugen in die Wälder Finnlands, die unsere Welt darstellen. Ein Roman, der eine neue Darstellung und Weiterführung von „Der Krieg der Knöpfe“ ist. Matias Riikonen hat eine Traumwelt erschaffen, die keine ist und der Natur und den darin agierenden Kindern, auch denen ohne Namen, viel Lebendigkeit durch Sprache schenkt. Übersetzt wurde der Roman aus dem Finnischen von Maximilian Murmann.

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Stephanie Mehnert: „Das Flimmern kleiner Lichter“

Ein kleiner Roman, der uns zeigt, dass auch die kleinsten Lichter Helligkeit bringen. St. Pauli als Bild des Dorflebens innerhalb der Stadt. Alles ist hier lebendig, anders und doch eng verwachsen. Wie die Menschen. Es tauchen Menschen auf, die in jedem Viertel leben könnten, die  miteinander leben und ein Nebeneinander erzeugen, das sich wie ein Wurzelwerk verwebt.

Ronja ist es gewohnt, alles selbst zu machen. Sie ist offenherzig, aber misstrauisch und verletzt. Sie erlebt gerade eine Phase, in der sie wild lebt und die Nähe und Liebe kaum zulassen kann. Ihr Lächeln ist lediglich eine Maske. Wenigen Menschen öffnet sie sich ganz. Sie arbeitet in der Pflege und hat gerade eine Datsche geerbt. Sie hat deshalb vor kurzem das WG-Leben verlassen und lebt nun in ihrer kleinen Behausung am Elbstrand. Ihre Kindheit war keine beschützte oder heimische und die Eltern taten ihr nicht gut. Daher hat sie Schwierigkeiten sich zu binden. Niemandem vertraut sie sich tatsächlich an und erzählt von den sexuellen Übergriffen ihres Vorgesetzten. Sie möchte eigentlich das Negative endlich ausklammern und einfach weitermachen.

Sie erhält plötzlich die Nachricht, dass Helen, eine ihrer Lieblingspatientinnen, zwangseingewiesen wurde. Der Enkel, von dem sie bisher nichts wusste, meldet sich und überredet sie, Helen aus der Klinik zu entführen. Ronja hat Angst, den Job zu verlieren und fragt sich, ob sie dem Enkel trauen kann. Ihre Gedanken und Emotionen geraten durcheinander. Helen droht mit dem Suizid, sollte sie in der Klinik bleiben und somit willigt Ronja ein, nicht ahnend, dass dadurch ihr Leben völlig aus den Fugen gerät.

Die Vergangenheit, die Lügen kommen ans Licht und doch keimt viel Hoffnung auf, denn Ronja kann sich auf den Rückhalt der Freunde und der Familie verlassen.

Ein kurzweiliges und doch tiefgründiges Leseerlebnis. Ein lichtvoller Roman, der durch Sprachklang und Charakterisierungen aus dem kleinen Flimmern ein helles Licht erzeugt.

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Lilli Polansky: „Gratulieren müsst ihr mir nicht“

Ein Debüt, das unseren Herzschlag verändert. Eine Überlebensgeschichte einer jungen Frau, die selbst sagt, dass ihr in den geschilderten Jahren die Worte fehlten, nun sind sie alle in diesem Werk. Denn es ist ihre Geschichte, die durch den besonderen Sprachstil und den Mut, die Geschichte mit uns so ehrlich zu teilen, in der Gegenwartsliteratur etwas Besonderes darstellt. Sie verändert nichts, nicht ihren Namen und somit stellt sich die Frage gar nicht, was tatsächlich erlebt ist. Doch wandelt die Autorin ihre Erlebnisse in eine Kunst um, die durch die Sprache, den Klang und besonders den Rhythmus den Pulsschlag des Lesers verändert. Wir passen uns an. Lilli erhält in jungen Jahren einen Herzschrittmacher und weitere Erkrankungen bringen sie stets ins Krankenhaus. Ihr Körpervertrauen schwindet und die Kraftlosigkeit wandelt sie letztendlich in eine eigene, enorme Stärke. Dabei spüren und leiden wir mit. Doch hat sie niemals ihren Humor verloren, denn trotz des Lebensdramas macht sie weiterhin ihre Witze. Ihr erzeugter Sprachraum passt sich dem Herzschlag und der Auffassungsgabe an, somit blinzeln wir ebenfalls in bestimmen Szenen schlaftrunken durch die Zeilen, die Lilli Polansky im Nachhinein fixiert und uns nachempfinden lässt.

Lilli geht zur Schule und lebt bei Ihrer Mutter, die einen neuen Mann kennengelernt hat. Sie ist eine  introvertierte Schülerin, der es schwer fällt, Anschluss zu finden und für sich einzustehen. Ihre Phantasie ist eines ihrer Fluchtportale. Sie steht kurz vor den Abschlussprüfungen und hat stets mittelmäßige Noten, besonders Mathematik fällt ihr sehr schwer. Der Jahreswechsel ist bisher ihr Zeitpunkt voller Liebe, denn seit einer Silvesterparty hat sie einen festen Freund. Es fällt ihr immer schwerer, sich auf den geforderten Schulstoff zu konzentrieren und hinzu kommt eine beständige Mattigkeit. Kurz vor der Matura kann sie ihre Müdigkeit nur ignorieren, bis es zu einem Zusammenbruch kommt. Ihr Herz schlägt nicht schnell genug. Die weiteren klinischen Tests ergeben, dass sie einen Herzschrittmacher benötigt. Dabei wurde ihr auch gerade das Herz gebrochen, denn ihr Freund hat kurz vor der Operation per WhatsApp die Beziehung beendet.

Nach dem Eingriff versucht Lilli, im Leben schrittzuhalten. Doch ein Herzschrittmacher kann gebrochene Herzen nicht heilen. Lilli schaut in die Zukunft beginnt zu studieren und neue Freunde zu finden, bis ihr Körper erneut zusammenbricht. Das Herz heilt, doch kommt es zu einer enormen Blutung und sie muss wieder in die Klinik und wird erneut mit der Frage konfrontiert, was im Leben tatsächlich wichtig ist.

Ein harter Stoff, der uns ergreift und in einen Bann versetzt, der uns mit jeder Zeile näher in das Leben von Lilli Polansky befördert. Die Geschichte einer jungen Frau, die mit Kraft und Humor den Tod auslacht und diesem entkommt. Die Ereignisse um ihr zwanzigstes Lebensjahr sind der Kern des Romans, der aber durch Zeitsprünge, Erinnerungen und Gedankenspiele ergänzt wird. Lilli muss mit jungen Jahren Lebensfragen behandeln und versteht es, dadurch einen bewegenden Debütroman zu schreiben. Es ist eine junge Literatur, die lebensklug, schön, humorvoll, beängstigend, und ergreifend ist. Der Roman erinnert an die Werke von Caroline Wahl, nicht nur durch das Spiel mit Zahlen, sondern durch die Lebenssuche und die enorme Kraft. Doch Lilli ist anders als übliche fiktive Charaktere und macht das Buch zu einem Herzensprojekt.

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Berna González Harbour: „Roter Sommer“

Ein spannender und schnittiger Kriminalroman, der durch seine Thematik und seinen Stil von einem üblichen Krimi abweicht. Durch den Prolog wird bereits eine Andeutung gemacht, die zu einer dunklen Reise hinter Kirchenmauern führt. Spannend, erschütternd und nachdenklich geht es somit in diesem sehr lesenswerten Krimi zu. Steven Uhly hatte ebenfalls mit „Die Summe des Ganzen“ über diese krankhafte Begierde vor der Kulisse des Hauses Gottes geschrieben. Beide Werke sind ein Blick in die Dunkelheit des Herzens und die zerstörerischen Kräfte.

„Roter Sommer“ ist Comisaria María Ruiz erster Fall in Madrid und ist der Debütroman von Berna González Harbour, der nun in der Deutschen Übersetzung von Kirsten Brandt erhältlich ist. Die Autorin ist Journalistin und in Spanien eine bekannte Literaturkritikerin. Seit 2012 schreibt sie ihre eigenen Werke. 2020 gewann sie für „El sueño de la razón“ („Goyas Ungeheuer“ Siehe Leseschatz-TV) den spanischen Krimipreis Premio Hammett. Der Roman „Roter Sommer“ wurde bereits als „Blutroter Sommer – Im Bann des Killers“ verfilmt und ist als DVD erhältlich.

Im Prolog wird eine Fahrzeugkontrolle beschrieben, in der ein Fahrzeug angehalten wird, in dem ein Geistlicher mitfährt. Die Polizei winkt den Wagen, trotz der dubiosen Situation, weiter, weil Geistliche ja niemals Verbrecher sein können. Dieses kleine Bild verdeutlicht bereits viel vom Kommenden. Das Ansehen der Kirchenvertreter, deren Machtposition und das tolerierte und gewollte Weiterziehen lassen.

Die Fußballweltmeisterschaft becirct die Menschen und die spanische Nationalmannschaft kämpft um den Titel. María Ruiz möchte ihren freien Samstag genießen und mit ihrer Familie die Spiele verfolgen. Gerade an diesem Tag, am Tag eines bedeutenden Spiels, bekommt sie die Nachricht, dass eine Leiche gefunden wurde und sie wird zum Tatort gerufen. In einem nicht sehr tiefen Gewässer ist ein junger Mensch brutal ermordet worden. Er wurde versenkt und fixiert. Ein Teenager wird ebenfalls vermisst, ist er das Opfer? Was hat es mit dem Tattoo auf sich, das sie auf der Leiche finden? Gemeinsam mit ihren Kollegen beginnt Comisaria María Ruiz in Madrid zu ermitteln und es taucht eine weitere Leiche auf. Die beiden Opfer scheinen sich gekannt zu haben. Die Spur führt in eine katholische Schule.

Die Episoden sind sehr kurzweilig und spannend und die ganze Handlung ist klug komponiert. Erzählt wird auch aus diversen Perspektiven und somit erschafft Berna González Harbour einen umfangreichen Einblick in alle dunklen und erhellenden Ecken. Die körperlichen und geistigen Beklemmungen werden aus der Lektüre spürbar. Ein Spannungsroman, der somit viel mehr aufdecken möchte als einen gewöhnlichen Kriminalfall.

Ein packender Roman, der sich nicht scheut, aktuelle und wichtige Themen anzusprechen und dadurch kein Wohlfühlkrimi ist, aber dennoch für großartige Unterhaltung sorgt. Von Comisaria María Ruiz mag es gerne mehr zu lesen geben.

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Husch Josten: „Die Gleichzeitigkeit der Dinge“

Husch Josten begeistert stets durch ihre tiefgründige Unterhaltung. Der neue Roman ist fast schon ein Paradox, denn er ist leicht zu lesen und dennoch ein inhaltlich herausforderndes Werk. In Ihren Romanen beschäftigt sie sich stets mit gesellschaftlichen und philosophischen Fragen. Husch Josten versteht es mit viel Wissen, Humor und Sprachgefühl ihre Geschichten zu erzählen, die viel in sich verbergen. In ihren Texten geht es immer um das Wesentliche. Um Religion, Psychologie und um den Lebenssinn, der sich auch im Tode zeigt. In ihrem neuen Roman beschäftigt sie sich mit Themen, die gerne verschwiegen oder ausgeklammert werden. Es geht um das Sterben und den Tod. Jedoch ist es ein Roman voller Liebe, der uns Hoffnung schenkt und unsere Lebenseinstellung verändern mag.

Der Roman spielt mit den Gegensätzen, des Lebens und des Todes. Wir sollen das Leben genießen, auch wenn uns allen das Endziel bewusst ist. Dabei ist die Furcht meist auf das Sterben  bezogen, denn der Tod ist jene eventuelle Stille, die Shakespeare seinen Hamlet benennen lässt. Die Autorin schreibt stets in Bezug zu den Werken der großen Weltliteratur und zu den Gedanken der Philosophie. Das Religiöse und das Nihilistische vereint sich vorzüglich auf einer literarischen Ebene. Fast schon dem Weltlichen enthoben schaut die Autorin durch die Augen des Beobachters auf unsere irdischen Befangenheiten.

Ein Gastronom, Tobelmann, der sich ganz nach Stimmung Johannes oder Jean nennt, ist Beobachter der Ereignisse. Zwei Gäste, die er bewirtet und beide als Stammgäste kennt und deren Kenntnis voneinander ihn vorerst verwundert, sind Quelle des Gedankenstromes. Der Gastwirt denkt an das leibliche Wohl und gerade bei diesen beiden Gästen und Freunden geht er über das übliche Wohlbefinden hinaus.

Sourie erforscht mit Leidenschaft das Ende des Lebens. Er ist genau wie Tessa, ein Stammgast bei Tobelmann. Tessa hat gerade kurz hintereinander ihre Eltern verloren. Sourie, der das Lächeln im Namen trägt, ist in einem Heim beschäftigt und hat dadurch den Kontakt zu Tessa gefunden. Warum ist Sourie so versessen auf das Ableben und den Tod? Warum beschäftigt ihn das Thema Tod, Sterben und Vergänglichkeit? Bei seinen Ausführungen vermeidet er jene Phrasen, die meist aus der Unsagbarkeit formuliert werden. Denn Trost findet jeder ganz individuell und gerade der Wortbezug zur Erlösung ist zwiespältig. Kann es Erlösung bei jedem Sterbevorgang geben, wenn der Tod altersbedingt, durch Krankheit, Krieg oder durch einen Terroranschlag den Lebenden heimsucht?

Da der Exzentriker Sourie letztendlich auch verstorben ist, macht sich der Gastwirt auf die Suche nach der eigentlichen Geschichte. Die verheiratete Tessa suchte auch die Linderung des Schmerzes in einer Amour fou zu gerade jenem Todesforscher. Somit eint sich die Liebe und das Ende des Lebens in einer vermeintlichen Gemeinsamkeit. Das Ausmaß der dreifaltigen Verbundenheit erschließt sich langsam und lässt uns besinnlich innehalten. Haben die Dinge einen Sinn im Leben, oder geben wir diesen letztendlich nur einen? Ein wunderbarer und tiefgründiger neuer Leseschatz von Husch Josten.

Es ist schön, dass die Autorin langsam kein Geheimtipp mehr ist und jedes ihrer Werke ist nachfühlbar, erkenntnisreich und ein Nährboden für Gedankenspiele. Alle ihre Romane sind bisher Leseschätze und große Leseempfehlungen.

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Thomas Sautner: „Pavillon 44“

Es ist eine große Freude, den neuen Sautner zu lesen. Ein Spiel mit der Buntheit an Facetten, denn die Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen. Schon gar nicht bei uns Menschen. Unsere Welt wird immer verrückter und der Brennpunkt dieses launischen Romans ist eine Anstalt. Das Menschsein wird hier auf humorvolle und tiefgründige Weise entkernt. Doch der Narr, der sein Narrenkostüm ablegt, bleibt meist auch dann noch im Kern ein Narr. Wir werden mit der Lektüre zu Gästen, wenn nicht sogar zu Insassen, im Pavillon 44 und erkennen, dass das Wort Freiheit ein Bestandteil von Narrenfreiheit ist.

Es beginnt mit Dimsch, der eine Kiste Bier mit einem Freund teilt. Doch ist der Freund bereits wohnhaft in einem Mausoleum und die trinkfreudige Feier ist eine einseitige, die dennoch Aufmerksamkeit erregt, da Dimsch letztendlich nackt aufgefunden wird. Dimsch wird als verrückt deklariert und kommt in eine Anstalt.

In der psychiatrischen Anstalt am Rande Wiens arbeitet Primor Siegfried Lobell an spannenden Fällen. Er hat sich bereits einen Namen machen dürfen und ist ein gefragter Experte, Ratgeber und Fernsehgast. Er hat selbst seine besonderen Eigenarten und ist süchtig nach Pistazienmilch. Er ist eitel und schmückt gerne seine klugen Ideen als Zitate von Persönlichkeiten, damit sie im Gegenüber auch tatsächlich fruchten. Stolz ist er besonders auf sein Lobellsches Wasserglas. Dies ist ein Gedankenspiel, das er gerne mit seinen Gesprächspartnern und Studenten spielt, um zu belegen, dass ein Glas nicht nur ein Glas ist. Es kann ein Zirkel, eine Vase und letztendlich auch ein Trinkgefäß sein. Es liegt immer im Betrachter und dessen Anwendung. Er versucht das Rätsel „Mensch“ zu entschlüsseln und spürt dem Mysterium des Seins nach. Besonders dem eigenen.

Der Wirbel entsteht durch den Auftritt einer Schriftstellerin, die ihn ködert, weil sie einen Roman über ihn schreiben möchte. Im ersten Gespräch entsteht ein Wechselspiel zwischen den Beiden, denn sie kennen sich von der Universität. Sie möchte ihn und die Anstalt auch lediglich als Inspiration für ihr kommendes Werk nutzen und quartiert sich mit ein im Pavillon 44. Als dann noch Insassen verschwinden und Lobell diese sucht, findet er viele weitere Verrückte außerhalb …

Dieser Roman ist herrlich und beinhaltet nicht weniger als das Leben und seine verrückten Geheimnisse. Erneut geht Sautner aufs Ganze und unterhält dabei ungemein. Sautners Roman ist eine Aufforderung, das Leben anzuschmunzeln.

Vielen Dank an Autor und Verlag, dass ich das Werk bereits vorab lesen durfte und ich auf dem Buch zitiert werde.

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Minu Ghedina: „Am Rande das Licht“

„Am Rand das Licht“ beschreibt den biographischen Zustand wie bei einer Dämmerung, aus der sich aus der Dunkelheit langsam die Farben, das Licht und die Konturen herauslösen. Ein kunstvoller Coming-of-Age-Roman, der einen Protagonisten präsentiert, der nach dem bekanntesten Werk von Michelangelo benannt wurde. Ein David, der aber noch nicht sein Selbst gefunden hat. Schaut man sich die Monumentalstatue genau an, ist neben der Stärke auch eine Zartheit und Unsicherheit zu erkennen. Das Standbein benötigt statischen Halt und Michelangelo hat den David so perfekt aus dem Marmor befreit, dass sogar die Haut die darunterliegenden Adern erkennen lässt. So wächst auch der David von Minu Ghedina aus den Zeilen lebendig hervor und erinnert an Hesses Demian, der fragt: „Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so schwer?“. Somit ist auch erneut der Bezug zu Michelangelo zu erkennen, denn der bedeutendste Künstler sah im rohen Marmor bereits das Werk, das lediglich nur befreit werden müsste.

Der Roman ist in drei Abschnitte eingeteilt, die vom Suchen, Finden, Bleiben, Gehen und mittig vom halben Weg erzählen. Es ist der Weg, um etwas zu werden, etwas zu sein. Voller Schönheit, Wehmut und Antworten wird der Werdegang beschrieben, der von Bindungen, Lösungen und Haltfinden handelt. Davids Vater arbeitet in einem Museum und begeistert seinen Sohn früh für die Kunst. Doch empfindet David schon als Kind seinen Namen als Belastung, denn er ist nicht stark. Später reflektiert er sein Leben und erkennt, dass wir letztendlich bleiben, was wir sind. Dies wie ein Refrain bei jedem Kapitelanfang. Er sucht Stärke und schlägt sich dann auch mit einem Mitschüler, der eine Katze getreten hat. Doch ist dies nicht wirklich er. Doch wer ist er? Wo fing alles an? Sein Großvater bringt ihn in die Natur und auch dort sucht David seine Zuflucht und Kraft. Eine weitere David-Skulptur taucht auf, ein erschöpfter Held als Statue, die David den Weg aufzeigt, selbst Künstler zu werden. Doch sein Studium endet fast am Anfang, da er krampfhaft die Geschichte des Steines gedanklich erfassen möchte und sich nicht treiben lassen kann. Er kann sich selbst nicht lösen und traut seiner Intuition nicht. Er wird seinen eigenen Anforderungen nicht gerecht. Um sich zu finden, geht er in den Norden. Dort trifft er neue Freunde, die die Welt verändern möchten. Es sind Klimaaktivisten, die aber dann in Kunstmuseen Aufmerksamkeit schaffen wollen. Diesen Weg geht David nicht mehr mit. Doch sucht er im Leben etwas, was bleibt und dennoch verändernd ist. Dann findet er Briefe, die ein anderes Bild auf die eigene Familie werfen und erneut alles in Frage stellen. Die Geschichte wird neudurchdacht und David erhält Antworten auf seine Fragen.

Sich finden, einordnen und dennoch abgrenzen ist ein Weg, der schmerzhaft sein kann. Es ist der zweite Roman von Minu Ghedina. Nach „Die Korrektur des Horizonts“ hat sie erneut einen sehr feinfühligen Roman geschrieben. Nach Ada kommt nun David, der die Brüchigkeit und Festigkeit des Lebens erspüren soll. Minu Ghedina schreibt tiefgründig und facettenreich. Die Charakterisierungen sind glaubhaft und empathisch. Davids suchender Weg geht über Liebe, Kunst und Selbstfindung. Minu Ghedina hat einen ganz lieben Gruß zu uns nach Kiel eingebaut. Kiel taucht namentlich kurz auf und ein Buchhändler, bei dem David arbeitet, ist durch mich inspiriert worden und wer mich kennt und die Zeilen liest, wird mich erkennen können. Vielen Dank, liebe Minu Ghedina!

Ein fein herausgearbeiteter Roman, der sich vor dem Lebensweg, der Kunst, der Familie und der Liebe verneigt.

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Steve Rasnic Tem: „Das langsame Fallen von Staub an einem ruhigen Ort“

Hauptsache das Leben kommt irgendwann und lässt den Ärger draußen. Solche Gedanken durchstoßen wohl nicht nur die Menschen aus den vorliegenden Geschichten. Steve Rasnic Tem  hat Anglistik und Kreatives Schreiben studiert und schreibt seit den Siebzigern Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien. Auch Romane hat er verfasst, ist vielfach ausgezeichnet worden und hat einen Kultstatus. Verwunderlich also, dass dieser poetisch klingende Titel die erste deutschsprachige Veröffentlichung ist. Aber zumindest können wir den Autor jetzt endlich entdecken. Seine literarischen Arbeiten bleiben keinem Genre treu, entwickeln aber einen ganz eigenen Sprachraum, der uns eigentümlich berührt. „Das langsame Fallen von Staub an einem ruhigen Ort“ beinhaltet Erzähltes und wurde aus dem Amerikanischen von Gerrit Wustmann übersetzt. Der Übersetzer und Autor scheinen aufeinander gelauert zu haben, denn sie passen, sofern es aus der lesenden Distanz beurteilt werden kann, gut zueinander. Wustmann ist Lyriker, Autor und taucht in meinen zelebrierten Musikmagazinen stets auf.

Die Geschichten verbiegen sich immer zum Sonderbaren hin. Sie sind herrlich absurd, driften ab und überraschen uns. Doch liegt im Sonderbaren stets der Wink zurück zu uns. Auf unsere Gesellschaft und unser Tun. Der Mensch, der sich zurückzieht aus der Gesellschaft, der sich dem entziehen möchte und lieber in Büchern versinkt oder auf Züge wartet, die irgendwo, nirgendwo stranden, zeigt unser Lebensgefühl. Die Grenzen werden dabei ausgedehnt, die des Genres und die der Handlungsebenen. Ein Ladendieb taucht auf, der beulenartig das Entwendete unter dem Mantel verbergen möchte, doch dabei stets auffliegt, weil er erst den Kühlschrank, dann die Rolltreppe und dann die gesamte Kundschaft mitgehen lässt. Es sind alles irgendwie Einsame, die suchen, was sie im Leben wollen. Eine Reise, die mit einem nebulösen Zug zu einem Hafen geht, der eine Schiffspassage verspricht, die auf sich warten lässt. Das vermeintliche Entkommen aus der eigenen Tristesse führt meistens doch irgendwie zurück. Die Agierenden stehen somit sich selbst im Weg oder einfach im Abseits, doch begegnen sie dabei eventuell dem monströsen Leben. Das Kurzweilige zeigt sich in den nicht immer erbaulichen Geschichten. Die Kürze wird mit einem Immobilienmakler enorm verdeutlicht. Er trifft ein und ihm wird das unheimliche nicht vorhandene Haustierleben des Vormieters bewusst. Letztendlich ist es den meisten doch egal, was mit den anderen Menschen passiert, solange diese keine Berührungspunkte mit dem eigenen Leben haben. Dies ist der Knackpunkt der eigentümlichen Erzählungen. Sie wirken surreal und sind dann doch ein staubiger Hinweis auf unser Leben innerhalb der Gesellschaften. Eine Reise zu den Abgründen und Ängsten, die uns philosophische Gedanken anbietet, wenn man diese zulässt. Das Buch hat eine magische Suggestionskraft und verlangt ein beständiges Betrachten wie mit dem Titelbild bereits malerisch gewarnt wird. Eine Warnung, die aber getrost vernachlässigt werden kann. Es macht Spaß, Steve Rasnic Tem endlich auch hier entdecken zu dürfen, denn es sind Texte die magisch wirken, dann aber unheimlich gegenwärtig sind.

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Salih Jamal: „Vor der Nacht“

Ein Roman über Freundschaft, Halt, Verlust und Hoffnung. Erneut stürzt sich Salih Jamal in seine Figuren und Sprache. Dabei entsteht eine Bindung an die Charaktere, die uns nicht mehr loslassen werden. Ein Schriftsteller, der als Hauptcharakter aus der zeitlichen Distanz heraus auf die Jugend schaut, in der er im Heim mit anderen Jugendlichen einen Zusammenhalt fand, der letztendlich  zerbrach und er sich nun auf die Suche macht.

Eigentlich schreibt Salih Jamal seine Romanthemen immer weiter. Nur die Umfelder und die Namen verändern sich. Doch ist jedes Werk bisher eine lohnenswerte Reise. Auch „Das perfekte Grau“, das vorherige Werk des Autors, taucht auf. Cézanne sagte einst, dass man erst ein Maler ist, wenn man Grau gemalt hat. Dies verinnerlicht Salih Jamal stets in seinen Werken und die Charaktere sind somit niemals Weiß oder Schwarz sondern nähern sich dem perfekten Grau. Salih Jamal hat seine Wurzeln in Palästina und ist ein sehr belesener Autor. Seine Liebe zur Literatur wird in jedem seiner Bücher spürbar zelebriert. „Vor der Nacht“ ist wohl sein zartestes Werk und erinnert durch Sprachklang und Handlung an die Werke von Rolf Lappert: „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“, Benedict Wells: „Vom Ende der Einsamkeit“ und an Zsuzsa Bank „Die hellen Tage“.

Jimmy, eigentlich Jonas, reflektiert über seine Geschichte. Viele Geschichten dieser Art beginnen und enden am Meer. Die meisten handeln aber davon, ein Land, eine Heimat zu finden. Er ist Schriftsteller und fixiert seine Erinnerungen und die damaligen Ereignisse. Die Geschichte seiner Eltern ist eine traurige, denn die Mutter stirbt und der Vater steht dann vor finanziellen Herausforderungen, die ihn zu einer Verzweiflungstat führen. Er kommt ins Gefängnis und Jonas ins Heim. Ein Kinderheim, in dessen Umgebung lediglich ein Wald, ein Fluß und die Autobahn sind. Die Heimmutter ist wie eine Wölfin, die ihre Zöglinge, die sich trotz des geräumigen Gebäudes die Zimmer teilen sollen, überwacht. Zum engen Kreis um Jonas, der bei seiner Ankunft von den anderen Heimkindern Jimmy genannt wird, gehören Frei, Lilly, Ilan Nussbaum, den sie Pappel nennen und Beria mit ihrem Bruder Sinan. Ferner die Heimleitung mit ihrer Tochter, die mit allen ihre Spielchen treibt und der Hausmeister, Gärtner und Fahrer Esteban.

Frei ist es, der Jimmy in die Heimwelt einführt und auch den Halt innerhalb der Gruppe anfänglich ausmacht. Frei, der später eine Steinmetzlehre beginnt, ist auch bereit, seine Kraft zu demonstrieren, besonders in der Schule, als zum Beispiel Jimmy angegangen wird. Sie zelebrieren ein abendliches Ritual, in dem sie sich alle einen Apfel teilen und sich dabei ihre Geschichten erzählen. Dadurch entsteht ein enormer Zusammenhalt. Doch gibt es eine äußere Welt, die immer mehr in das vermeintliche und innere Refugium eingreift. Plötzlich zerbricht alles. Zwei der Jugendlichen verschwinden und mit ihnen auch Esteban und ein Stallgehilfe vom anliegenden Pferdehof.

Jahre später, als Jimmy erwachsen ist und seine eigenen Weg finden muss, lassen ihn diese Geschichte und Ereignisse nicht mehr los und er begibt sich auf die Suche. Eine Reflektion über Zusammenhalt, Familie, Freundschaft, Schuld und Vergebung beginnt.

Eigentlich müsste „Vor der Nacht“ einen warnenden Sticker erhalten: Achtung, wenn Sie das Buch anfangen zu lesen, werden Sie bis zum Beenden nichts anderes mehr machen können,  geschweige denn wollen. Sosehr nehmen Sie Jimmy, Pappel, Lilly, Beria, Sinan und Frei in Beschlag. Denn während Sie lesen und jemand zum Beispiel Hunger hat und möchte, dass Sie kochen, werden Sie wohl nur in der Lage sein, einen Apfel zu reichen. Aber ein Apfel verbindet wiederum alles. Ein unglaublich gutes Werk.

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Hua Hsu: „Stay True“

Ein reiches Buch über Freundschaft, Integration und Erwachsenwerden. Der Autor hat ein Memoir geschrieben, als sein Verlust groß war und er sich an die enge Freundschaft erinnert. Er spürt den Fragen nach, was die Unterschiede waren, die trennenden Elemente und jene, die sie gemeinsam hatten. Innerhalb einer guten Freundschaft entsteht eine Membran, die das Ich durchlässig werden lässt und die Abgrenzung wird nebulös. Ferner ist es ein Blick auf ein ganz anderes Kalifornien. Der Blick der Einwanderer aus Taiwan.

Hua Hsu wurde 1977 geboren und ist Professor für Anglistik in New York. Er schreibt als fester Autor für den „New Yorker“. Seine Schwerpunkte sind Immigration, Diversität und öffentliche Wahrnehmungen. „Stay True“ gewann den Pulitzer-Preis und ist bereits sein zweites Buch. Nun liegt die deutsche Übersetzung von Anette Grube vor. Das Werk ist bereits als Druckmedium eine Bereicherung und wird authentisch ergänzt durch die Fotos, Notizen und anderen Ablichtungen.

Hua Hsu schreibt all das, weil es seine Weise ist, mit dem Verlust zurechtzukommen. Geschichten, hofft er, bauen Brücken über Abgründe. Der Text ist einnehmend und baut sich kontinuierlich zu etwas viel Größerem auf.  Der Titel ist einem schriftlichen Zuruf des Freundes entnommen, sich selbst treu zu bleiben. Doch was ist dieses Selbst? Dies ist der anfängliche gedankliche Prozess. Die Eltern stammen aus Taiwan und Hua Hsu versucht beide Kulturen, die in und an ihm wirken, zu ergründen. Er wägt ab und grenzt ab. Besonders am College, wo er unauffällig auffällig sein möchte. Literatur und besonders Musik prägen ihn. Musik, die handgemacht und emotional ist, spricht ihn sehr an. Er liebt die Songs von Nirvana, hadert aber dann mit seiner Individualität, als alle diese Band vergöttern. Er schreibt in einer eigenen Publikation über Musik, Film und Kunst und faxt seinem Vater, der zurück nach Taiwan ging, Gedanken die ihn umtreiben. Er findet meist etwas gut, wenn andere es nicht mögen. Das ist ein anstrengendes Unterfangen der Jugend. Dies ändert sich, als er auf dem Campus Ken kennenlernt. Sie mögen sich erst nicht. Ken achtet auf ein gutes Erscheinungsbild, hört ausgerechnet Pearl Jam und ist bereits gut integriert und hat einen Bekanntenkreis. Die anfängliche Distanz löst sich durch Ausflüge mit den Wagen der Eltern, Mixtapes hören und den Gesprächen auf. Es sind existentielle Themen, die sie neben Belangloses stellen und ergründen. Sie führen Balkongespräche, die sie vor den Kameraden inszenieren und aus gespielten Rauchern werden echte und wahre Freunde. Jede Zigarette war der Weg für weitere Gespräche. Diese und die Ausflüge an die Küste lassen die Freundschaft stetig wachsen. Doch dann ist Ken plötzlich weg. Er wird das Opfer eines sinnlosen Verbrechens.

Hua Hsu hält an der Freundschaft fest, er fixiert die Momente, die er erinnern möchte und hinterlässt einen literarischen Schatz. Die Geschichte einer Jugend, die ihre Verbindung mit der Gesellschaft sucht, sich von dieser aber auch abgrenzen will und den ganzen Sinn dahinter erspüren möchte. Ein großes Werk über Zugehörigkeit, Freundschaft und Trauerbewältigung. Das Werk inhaliert uns und erzeugt eine Bindung an den Erzähler, so dass wir integriert werden und den Verlust und das Schöne auf jeder Seite erleben dürfen.

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