Lilli Polansky: „Gratulieren müsst ihr mir nicht“

Ein Debüt, das unseren Herzschlag verändert. Eine Überlebensgeschichte einer jungen Frau, die selbst sagt, dass ihr in den geschilderten Jahren die Worte fehlten, nun sind sie alle in diesem Werk. Denn es ist ihre Geschichte, die durch den besonderen Sprachstil und den Mut, die Geschichte mit uns so ehrlich zu teilen, in der Gegenwartsliteratur etwas Besonderes darstellt. Sie verändert nichts, nicht ihren Namen und somit stellt sich die Frage gar nicht, was tatsächlich erlebt ist. Doch wandelt die Autorin ihre Erlebnisse in eine Kunst um, die durch die Sprache, den Klang und besonders den Rhythmus den Pulsschlag des Lesers verändert. Wir passen uns an. Lilli erhält in jungen Jahren einen Herzschrittmacher und weitere Erkrankungen bringen sie stets ins Krankenhaus. Ihr Körpervertrauen schwindet und die Kraftlosigkeit wandelt sie letztendlich in eine eigene, enorme Stärke. Dabei spüren und leiden wir mit. Doch hat sie niemals ihren Humor verloren, denn trotz des Lebensdramas macht sie weiterhin ihre Witze. Ihr erzeugter Sprachraum passt sich dem Herzschlag und der Auffassungsgabe an, somit blinzeln wir ebenfalls in bestimmen Szenen schlaftrunken durch die Zeilen, die Lilli Polansky im Nachhinein fixiert und uns nachempfinden lässt.

Lilli geht zur Schule und lebt bei Ihrer Mutter, die einen neuen Mann kennengelernt hat. Sie ist eine  introvertierte Schülerin, der es schwer fällt, Anschluss zu finden und für sich einzustehen. Ihre Phantasie ist eines ihrer Fluchtportale. Sie steht kurz vor den Abschlussprüfungen und hat stets mittelmäßige Noten, besonders Mathematik fällt ihr sehr schwer. Der Jahreswechsel ist bisher ihr Zeitpunkt voller Liebe, denn seit einer Silvesterparty hat sie einen festen Freund. Es fällt ihr immer schwerer, sich auf den geforderten Schulstoff zu konzentrieren und hinzu kommt eine beständige Mattigkeit. Kurz vor der Matura kann sie ihre Müdigkeit nur ignorieren, bis es zu einem Zusammenbruch kommt. Ihr Herz schlägt nicht schnell genug. Die weiteren klinischen Tests ergeben, dass sie einen Herzschrittmacher benötigt. Dabei wurde ihr auch gerade das Herz gebrochen, denn ihr Freund hat kurz vor der Operation per WhatsApp die Beziehung beendet.

Nach dem Eingriff versucht Lilli, im Leben schrittzuhalten. Doch ein Herzschrittmacher kann gebrochene Herzen nicht heilen. Lilli schaut in die Zukunft beginnt zu studieren und neue Freunde zu finden, bis ihr Körper erneut zusammenbricht. Das Herz heilt, doch kommt es zu einer enormen Blutung und sie muss wieder in die Klinik und wird erneut mit der Frage konfrontiert, was im Leben tatsächlich wichtig ist.

Ein harter Stoff, der uns ergreift und in einen Bann versetzt, der uns mit jeder Zeile näher in das Leben von Lilli Polansky befördert. Die Geschichte einer jungen Frau, die mit Kraft und Humor den Tod auslacht und diesem entkommt. Die Ereignisse um ihr zwanzigstes Lebensjahr sind der Kern des Romans, der aber durch Zeitsprünge, Erinnerungen und Gedankenspiele ergänzt wird. Lilli muss mit jungen Jahren Lebensfragen behandeln und versteht es, dadurch einen bewegenden Debütroman zu schreiben. Es ist eine junge Literatur, die lebensklug, schön, humorvoll, beängstigend, und ergreifend ist. Der Roman erinnert an die Werke von Caroline Wahl, nicht nur durch das Spiel mit Zahlen, sondern durch die Lebenssuche und die enorme Kraft. Doch Lilli ist anders als übliche fiktive Charaktere und macht das Buch zu einem Herzensprojekt.

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